Content

Geschichten in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 9 - 17

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-9

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

To the Pre-print version
Bibliographic information
1 | Zwischen Aufbruch und Abbruch Geschichten Dieter starb nur wenige Tage vor seinem 65. Geburtstag. Wir schreiben das Jahr 1998. Neun Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen, acht Jahre seit der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands: Aufbrüche. Hoffnungen. Erwartungen. Enttäuschungen. Bitternis. Alles nacheinander und alles zugleich. Es war eine aufregende Zeit, auch für Dieter. Schließlich das ultimative Aus. Nicht einmal die Rente konnte er genießen. In der DDR kannte jeder den Witz: Ein guter Kommunist stirbt an seinem 65. Geburtstag, um die leeren Kassen des Staatshaushaltes nicht zu belasten  – oder geht in den Westen, um dem Klassenfeind zu schaden. Dieter war nicht in den Westen gegangen. Dieser kam zu ihm. Gefreut hatte er sich, endlich im Osten den Westen zu haben. Dieter hatte keine untypische Karriere hingelegt. Am Ende des letzten großen Krieges mit Brüdern und Mutter vertrieben, ging er nur kurz im Brandenburgischen zur Schule. Er musste Geld verdienen, die Familie mit ernähren. Dieter wurde Maurer  – im Nachkriegsdeutschland ein nützlicher, gefragter, krisenfester Beruf. Er baute viel, auch nach Feierabend und am Wochenende. Rackern und Schuften von morgens bis abends. Bescheidener Wohlstand stellte sich ein. Er brauchte diesen nicht, aber seinen beiden Kindern sollte es an nichts fehlen, sollte es besser ergehen als ihren Eltern. Alsbald ging er abends nicht mehr auf den Bau, sondern in die Schule. Fortbildung. Weiterbildung. Vorbild wollte er seinen Kindern sein. Dieter war es. Seine Kinder studierten. Ihr Vater machte Karriere. Stück für Stück. Ohne Kompromisse ging es nicht. Er trat in die Partei, die SED, ein. Kommunist war er nicht, wurde er nie. Dankbar war Die- Zwischen Aufbruch und Abbruch10 | ter für die Chancen, die ihm die Kommunisten boten. Er griff zu, machte mit, der Parteieintritt als notwendiges Übel. Er wurde schließ lich Direktor eines kleinen Baubetriebes im ländlichen Raum, in der fruchtbaren Magdeburger Börde. Er ackerte und schuftete. Es war zum Verzweifeln. Immer fehlte etwas. Bauen im Sozialismus war fast so unmöglich wie der Aufbau des Sozialismus selbst. Dieter fluchte, ackerte, trank zuweilen aus Ärger und Frust einen zu viel. Alles ganz normal. DDR eben. Aber er schaffte es irgendwie immer wieder, alles hinzubekommen, irgendwie. Es ging seinen sozialistischen Gang. Dann 1989: Erstmals darf er im Sommer mit seiner Frau in die Bundesrepublik fahren, seinen Bruder besuchen, der noch vor dem Mauerbau 1961 abgehauen war. Sein erster Weg führt ihn in einen Baumarkt. Dieter hat sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr unter Kontrolle: Er weint, ist fassungslos, obwohl er es doch wusste. Hier steht und liegt alles in Hülle und Fülle herum, Baustoffe wie Werkzeuge, denen er in seinem Arbeitsalltag ständig hinterherrennt. Was könnte er bauen, wenn er diese Beschaffungsprobleme nicht hätte! Was hätte er dann für wunderbare Probleme, lösbare! Er fährt zurück ins Anhaltinische. Beeindruckt, ergriffen vom Westen, entsetzt, entmutigt vom Osten. Nur Wochen später fällt die Mauer. Getan hat er dafür nichts. Der Mauerfall kam über ihn. Dieter freut sich. Er ist 56 Jahre alt und schwört, nun noch einmal durchstarten zu wollen, da er nun endlich so bauen könne, wie er es schon immer wollte. Aus der Partei tritt er nebenbei aus, zahlt einfach keine Beiträge mehr. Im Frühjahr 1990 wird er Geschäftsführer einer gerade gegründeten GmbH, der sein Betrieb nun gehört. Wie genau das abgelaufen ist? Die Privatisierung im Osten wird auch Jahre später noch große Rätsel aufgeben. Dieter ist jetzt jedenfalls Geschäftsführer. Elan und Engagement zeichnen ihn aus. Was soll jetzt noch schiefgehen? Die Auftragsbücher sind voll. Die Baumärkte prächtig gefüllt. Es kann losgehen. Die paar Kredite zur Ankurbelung können doch kein Problem sein. Der Nachbarbetrieb mit Grund und Boden und für schuldenfrei erklärt ist für eine symbolische Mark Mitte 1991 an einen schwäbischen Unternehmer verkauft worden. Grund und Boden für eine Geschichten | 11 symbolische Mark! Dazu keine Schulden. Dieter kommt nicht aus Stuttgart oder Hamburg, aus Düsseldorf oder München, sondern aus Magdeburg. Ihm werden die «Altschulden» nicht erlassen. Er erfährt, sein Betrieb ist überschuldet wegen der «Schulden», die sich im Laufe der 1970 er und 1980 er Jahre angehäuft hätten. Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein! Habt Ihr gar keinen Durchblick? Altschulden aus der DDR-Zeit? Altschulden als Mitgift der DDR-Volkswirtschaft? Wisst Ihr gar nicht, wie das lief mit den Schulden in der DDR? Dass das nur Buchungstechnik in der Planwirtschaft war? Das ist doch nicht zu fassen! Und warum werden die Altschulden den neuen Besitzern aus dem Westen eigentlich erlassen? Viele Fragen, keine Antworten. Dieter ist gezwungen, faule Kompromisse einzugehen. Die Arbeiter und Angestellten sind damit einverstanden, unter Tarif bezahlt zu werden, damit niemand entlassen werden muss. Der Chef selbst halbiert sein Gehalt. Dann wird gar keines mehr bezahlt. Alle sind damit einverstanden. Nun wird es brenzlig. Monatelang kann der Betrieb keine Sozialabgaben abführen. Die Firma nebenan ist sofort zugemacht worden, die neuen Besitzer dachten gar nicht daran, die Arbeitsplätze zu erhalten, für eine Mark Grund und Boden! Die lachen noch heute. Dieter kämpfte, für die Kollegen, für sich. Es nützte nichts. Niemand half. Keiner hatte Interesse daran, dass der einstige kleine DDR-Baubetrieb mit der neuen GmbH überlebt. Die Banken geben Dieter, dem Geschäftsführer, keine Termine mehr. Die Schulden häufen sich, obwohl die Auftragsbücher voll sind. Viele haben ähnliche Probleme, können Rechnungen nicht bezahlen oder nur nach monatelanger Verzögerung. Ein Teufelskreislauf, dem nur entrinnen kann, wer auf Rücklagen zurückgreifen kann. Die hat kein Ostler im Osten. Der Betrieb von Dieter hat viele Außenstände, aber niemand zahlt sie. Dieter haftet auch privat, ganz persönlich. Der Staatsanwalt schaltet sich ein. Dieter wird krank. Krebs. Unheilbar. Ganz schnell geht es. Das ultimative Aus. So optimistisch gestartet. So hart gelandet. Gerecht war das nicht. Er stirbt an dem Tag, an dem er ins Gericht zur ersten Verhandlung vorgeladen worden ist. Diese Geschichte ist nicht ausgedacht, verdichtet, aus vielen Mosaiken zusammengefügt. Nein, ich habe nicht irgendeine Geschichte Zwischen Aufbruch und Abbruch12 | erzählt. Es ist das Leben des Vaters meiner Frau, meines Schwiegervaters. Ich lernte ihn 1990 kennen und habe das alles Stück für Stück mitbekommen. Die Hoffnungen, die Tragik, das Ende. Ganz ähnlich und doch ganz anders mein eigener Vater: Er arbeitete in den achtziger Jahren im «Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung» (ASMW), dem ostdeutschen Pendant zum «Deutschen Institut für Normung» (DIN). Auch mein Vater gehörte wie Dieter zu den Nachkriegsgewinnern: Sein Vater ist noch vor seiner Geburt ums Leben gekommen. Mit seiner Mutter 1946 aus Böhmen vertrieben, landet mein Vater in Gützkow in der Nähe von Wolgast. Er will Pastor werden. Das redet ihm sein Religionslehrer aus. In der DDR würden die Pastoren bald ans Kreuz genagelt. Harte Zeiten sind das, Anfang der fünfziger Jahre. Der Sportbegeisterte darf nicht Sport studieren, wird Finanzökonom. Auch er tritt in die SED ein, aber aus Überzeugung, am 12. April 1961, einem Datum, das fast allen älteren Ostdeutschen geläufig ist. Erst der Sputnik-Coup am 4. Oktober 1957, nun der Gagarin-Triumph, der Kommunismus hat gesiegt  – vorerst nur im Weltraum. Der Katholik ist nun Kommunist mit einem Kruzifix auf dem Nachttisch. Mein Vater versucht sogar, Anfang der sechziger Jahre Mitarbeiter der Staatssicherheit zu werden. Er wird nicht genommen, weil er sich nicht traut, seiner tiefgläubigen Mutter zu sagen, dass er aus der Kirche ausgetreten ist. Seine versuchte Mitarbeit bei der Stasi bleibt eine unwesentliche Episode, über die auch wir Kinder in den siebziger Jahren aus seinen Erzählungen erfahren. So wie wir wissen, wer in unserer Familie die Kommunisten hasst, wer im Knast war, wer gegen die Kommunisten kämpfte, wer Kommunist ist. Verrückte Geschichten, wie in vielen, vielen anderen Familien alles auch in unserer gebündelt. Anpassung und Selbstbehauptung, Mitmachen und Widerspruch, Überzeugung und Verrat – immer wieder auch in einer Person, in einer Biographie. Mein Großvater väterlicherseits zum Tode verurteilt wegen seines Kampfes für eine freie, unabhängige Ukraine – und kurz vor der geplanten Hinrichtung befreit und außer Landes gebracht; der Bruder meines Großvaters mütterlicherseits erschießt sich als Leutnant der Wehrmacht auf Weihnachtsurlaub von der Ostfront 1943 aus Gram über die Verbrechen der Deutschen: «Der Herrgott wird Geschichten | 13 Deutschland das nie vergeben können!» sollen seine letzten Worte gewesen sein. Meine Mutter absolviert am selben Tag 1956 Konfirmation und Jugendweihe, Letztere vor ihrem eigenen Vater, einem verbitterten Antikommunisten, verheimlicht. Und dann schleppt meine Mutter meinen Vater an, ein Kommunist am Küchentisch beim Antikommunisten. Schlimmer geht es nimmer. Am Ende seines einsamen Lebens redet der Kommunistenhasser nur noch mit meinem Vater. Viele sagen: «Wenn die Kommunisten alle so wären wie der Ilko» – mein Vater hieß so wie sein Vater, ich heiße fast so wie mein Vater – ja, dann würde es was werden mit dem Kommunismus in der DDR. Sie irren alle. Aber sie sagen eben auch, es gibt sie, denen wir es abnehmen, die keine Verbrecher sind. Mein Vater macht keine Karriere. Er geht an dem System, dem er sich verschrieben hat, fast kaputt. Aus seiner kurzen Mitarbeit für die Stasi in den frühen 1960 er Jahren wird eine kleine Überprüfungsakte. Mein Vater ist kein Feind, er ist nicht einmal zu kritisch, er ist nur nicht bereit, alles und jedes mitzumachen. Er kommt nicht mehr klar. Sport ist seine wichtigste Ablenkung. Das hilft nicht, Alkohol auch nicht. Depressionen, Selbstmordgedanken, Psychiatrie. Nun endlich darf er das Industrieministerium, in dem er seit 1967 arbeitet, verlassen und kommt 1981 ins ASMW. Seine Spezialgebiete seit den sechziger Jahren: der industrielle Einsatz von Roboter- und Datenverarbeitungstechnik in der Metallurgie. Er ist ein Fachmann, der sich in Partei und Massenorganisationen freiwillig engagiert, er ist kein Funktionär, kein Apparatschik, aber überzeugt von der Sache. 1990 kommt mit der staatlichen Einheit das Aus. Das ASMW wird zum 3. Oktober 1990 aufgelöst, einige Dutzend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wurden ins DIN übernommen. Mein Vater ist 56 Jahre alt und wird arbeitslos. Er jammert nicht. Nur einmal sagt er zu mir mit kritischem Unterton, am Tag der ersten freien Wahlen in der DDR, am 18. März 1990: «Hast du das alles so gewollt?» Ja, sage ich zu ihm, alles ist besser als das, was deine DDR je war. Mein Vater versucht anzukommen. Er arbeitet journalistisch für Stadtteilzeitungen, geht nach Charlottenburg, fährt nach Bonn, anderswohin, um zu sehen, wie man so etwas macht. Ich bewundere ihn, habe es ihm aber nie gesagt. 1992 kommt er meine Frau und mich in London, wo Zwischen Aufbruch und Abbruch14 | wir gerade leben, besuchen. Wir genießen die Freiheit, wie und wo es nur irgend geht. Freiheit ist, wenn ich sie mir nehme. Denke ich jedenfalls. Mein Vater trauert der DDR, wie sie war, nicht nach, wohl aber den verpatzten Chancen und seinen Erinnerungen. Wir können zum ersten Mal seit vielen Jahren – in London – wieder entspannt miteinander reden, offen und ohne politischen Groll aufeinander. Wir hatten uns fast verloren wegen des Systems, waren enttäuscht voneinander, der Vater vom Sohn, der Sohn vom System, für das der Vater steht. Ich lausche in einem Londoner Pub tief bewegt meinem Vater und beginne zu verstehen, warum ein kluger Mann wie er in der DDR mehr sah, als mir je einleuchten könnte. Wir nehmen ein Gespräch auf, das wir nie fortsetzen werden. Nur wenige Wochen später ist er tot, überfahren von einer fetten Limousine, wie sie jetzt überall auf ostdeutschen Straßen herumkurven. Wenn es nicht so billig wäre, würde ich sagen: überfahren von einem großen, teuren westdeutschen Auto auf einer kaputten ostdeutschen Straße mit vielen Schlaglöchern. Jeder Ostler kann Geschichten von Hoffnung und Enttäuschung, Freude und Trauer, Aufbruch und Wut, Erfolg und Niederlage, Verrat und Beistand aus der DDR und aus den 1990 er Jahren erzählen. Der Mensch ist systemunabhängig Mensch. Die Generation meines Vaters (geb. 1934) und meines Schwiegervaters (geb. 1935) gehört zu jenen, die von vielen Niederlagen und Misserfolgen berichten können, die in einem krassen Gegensatz zu ihren nachkriegsbedingten Aufsteigergeschichten stehen. Sie schied nach 1989 einfach aus dem Erwerbsleben aus. Erst die Frauen, dann die Männer. Sie tauchte nicht einmal in Statistiken über Arbeitslose, Kurzzeitarbeiter oder Sozialhilfeempfänger auf. Ganze Jahrgänge der über 50-Jährigen waren auf einmal Rentner und Rentnerinnen und nicht einmal mehr der Statistik der Arbeitssuchenden würdig genug. Bitter war das, noch bitterer, wenn man weiß, dass viele in der DDR mit 60 (Frauen) oder 65 (Männer) nur offiziell in Rente gingen, tatsächlich aber weiterarbeiteten. Die «Arbeitsgesellschaft DDR» brach 1990 über Nacht zusammen, ein Zusammenbruch, der sich in Statistiken abbilden, aber nicht erfassen lässt. Ich lebte seit 1990 in meiner «Blase», ein Begriff, den es damals so Geschichten | 15 noch nicht gab. Für mich zählte nur Freiheit, Freiheit, Freiheit. Endlich war sie da. Selbst errungen, nicht geschenkt bekommen. Es war das tiefste Glücksgefühl, das ich je hatte, die errungene Freiheit 1989/90. «Das wunderbare Jahr der Anarchie», wie ein Buchtitel das Lebensgefühl vieler, vor allem jüngerer Menschen auf den Punkt bringt.1 Ich konnte endlich durchstarten, war jung, die Welt lag mir zu Füßen. Nichts schien unmöglich zu sein. Es war einfach nur herrlich – für mich und meine Freunde und Freundinnen, die wir in Ost-Berlin lebten. Mir schien es ganz natürlich zu sein, dass vom Alten nichts bleiben sollte. Wozu auch? Es taugte ja nichts. Und die Menschen? Dort, wo ich mich herumtrieb, ging es um die alten Eliten, die früheren oberen und mittleren Führungskräfte in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Und klar, die mussten verschwinden, weg, alle. Ich ließ in meinen öffentlichen Statements an der Universität und in Medien 1990 bis 1992 nicht den geringsten Zweifel daran, dass eine Tabula rasa für alle das Beste sei. Für alle? Nun ja, für die alten Eliten vielleicht nicht. Aber die kümmerten mich nicht. Meinesgleichen hatte sie früher auch nicht gekümmert. Ich fand, unserer ach so friedlichen Revolution würde ein bisschen Jakobinertum gut zu Gesicht stehen. Spätere Generationen, glaubte ich, würden uns fragen, warum wir so weich und nachgiebig gewesen seien. Es dauerte eine Weile, bis sich meine über viele Jahre hinweg angestaute Wut und der dadurch aufgestaute moralische Rigorismus abkühlten. Warum ich nach 1989 fast nur Menschen um mich hatte, die nicht scheiterten, fragte ich mich damals nicht. Natürlich nahm ich wahr, was um mich herum in diesem Land geschah. Sehr genau sogar. Es schienen mir schmerzhafte Kollateralschäden zu sein, schlimm genug, die man kritisieren, abstellen musste, keine Frage. Aber eine Systematik dahinter zu vermuten, kam mir nicht in den Sinn. Ignoranz, Arroganz ja, aber «Siegermentalität», eiskalte Berechnung, Feldherrenmentalität? Nein, das schienen mir eher Projektionen postkommunistischer Ewiggestriger zu sein, die einer Zukunft hinterhertrauerten, die sie nie angestrebt hatten. Wer von «Kolonialismus» sprach, war besonders verdächtig. Denn welcher Kolonisierte hätte seine Kolonialherren schon mit freien demokratischen Wahlen selbst herbeigerufen? Doch abgesehen davon: Was auch immer in Zwischen Aufbruch und Abbruch16 | Ostdeutschland nach 1990 geschah, es mit den europäischen kolonialen Massenverbrechen begrifflich auf eine Stufe zu stellen, kommt mir auch heute nicht in den Sinn. Wer dies tut, verharmlost und relativiert den europäischen Kolonialismus mit Abermillionen Toten. Ich hatte mich eingerichtet in der Freiheit und Demokratie, sehr gut sogar, wenn auch an ganz anderen Orten und in anderen Räumen, als ich es noch zu Beginn der 1990 er Jahre erwartet und angestrebt hatte. Keinen meiner beruflichen Träume hatte ich verwirklichen können, jedenfalls nicht so wie erwartet. Aber ich war nicht unglücklich, keineswegs, ich jammerte auf hohem Niveau. Die Finanz- und Bankenkrise ab 20072 veränderte meine Sicht. Ich bemerkte, dass das Vokabular, das sich durch meine Sozialisation in der DDR für immer und ewig kontaminiert anfühlte, das mir buchstäblich mit Panzerketten ausgetrieben worden war, immer nützlicher und treffender erschien. Begrifflichkeiten wie Kapitalismus, Imperialismus, Finanzkapital, «Heuschrecken», systembedingte soziale Ungerechtigkeit, Basis und Überbau, Klasse, Ausbeutung und Verelendung klangen plötzlich nicht mehr wie von gestern, wie Worthülsen, die nur den politischen Standort markieren sollten, sondern wieder wie nützliche Hilfsmittel, um die gesellschaftliche Gegenwart zu analysieren. Und nicht nur das. Sogar die Idee vom Sozialismus erfuhr eine unerwartete Renaissance, die Idee eines demokratischen Sozialismus.3 Doch die globale Finanzkrise und vor allem deren atemberaubende Bewältigung standen nur am Anfang. In dieser Krise sind auf einmal aus Gründen, die einem niemand, der nicht parteiisch wäre, erklären könnte, systemtragende Institutionen erfunden wurden, Einrichtungen, die bislang als gegen den modernen Sozialstaat gerichtet in Erscheinung getreten waren. Hunderte Milliarden Euro standen urplötzlich zur Verfügung. Und das ging nun Schlag auf Schlag so weiter. In der so genannten Diesel-Krise zeigte sich wie in einer üblen kommunistischen Dokumentation, dass die Regierung der größte Lobbyist der Wirtschaft ist. Unglaublich, aber wahr, die Lasten mussten die Verbraucher tragen. Die ökologische Krise wird verharmlost. Schon winzige Schritte wie etwa ein Tempolimit auf den Autobahnen werden mit aberwitzigen Argumenten abgelehnt. Herausforderungen | 17 Wieder tritt die Regierung als Cheflobbyist der Wirtschaft auf. Exorbitante Abfindungen für Banker und Wirtschaftsmagnaten stehen im Gegensatz zu einer unfassbaren sozialen Ungerechtigkeit, zu einem Gerechtigkeitsgefälle, das kein Ethiker erklären könnte. Etwa 16 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger gelten als arm und abhängig von Sozialleistungen. Im Osten sind es knapp 22 Prozent.4 Die Zahlen sind umstritten. Die einen meinen, sie seien zu hoch, andere beharren darauf, sie seien zu niedrig. Niemand präsentiert Zahlen, die beruhigen könnten. Und das in einem der reichsten Länder der Welt. Doch nicht nur der krasse Gegensatz von einem ge beutelten Sozialstaat, der seine Renten-, Gesundheits-, Pflege- und Bildungs-, sprich: seine Zukunftsprobleme nicht gelöst bekommt, zu einer einmalig prosperierenden Volkswirtschaft und einer kleinen, davon enorm profitierenden Finanz- und Wirtschaftselite ließen mich immer kritischer auf meine bisherigen Einschätzungen und Beobachtungen zurückblicken. Ebenso stark verunsicherte mich, wie die Demokratie weltweit, in Europa, in Osteuropa, aber auch in Deutschland und insbesondere in Ostdeutschland in Bedrängnis geriet. Ich kann nicht erklären, warum es so kam. Wer könnte das schon? Wer könnte die USA, Brasilien, Mexiko, die Philippinen, Österreich, Frankreich, Kenia, Dänemark, Indien, China, Griechenland, Polen, Schweden, Ungarn, Spanien oder Deutschland gleichermaßen analysieren und daraus schussfolgernd erklären, warum die regionalen und lokalen Phänomene als globale Erscheinung auftreten?5 Ich traue mir das nur für Ostdeutschland zu. Herausforderungen Ostdeutschland ist ein besonderer Raum, mit besonderen Erfahrungen. Die Freiheit war eine große Chance für die ostdeutsche Gesellschaft. Die soziale Marktwirtschaft der Boden, auf dem sie zur Blüte finden sollte. Drei Jahrzehnte sind vergangen und fast jeder zweite Ostdeutsche fühlt sich immer noch als Bürger zweiter Klasse. Eliten und Führungskräfte in Ostdeutschland sind nur in Ausnahmefällen Ostdeutsche. Anfang 2019 waren Ostdeutsche in

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.