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Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 185 - 190

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-185

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler | 185 auch Flaschen den Aufstieg schafften. Ostler dürfen keine Flaschen sein, um aufsteigen zu können. Sie sollen nicht nur gleich gut, sie müssen besser sein. Die Eliteproblematik ist fatal, weil, runtergebrochen, dadurch Westler Ostdeutschen unentwegt nicht nur erklären, wie es zu laufen hat, sie erklären ihnen auch ihre eigene Geschichte. Gerade beim Rechtspopulismus kommt so im Osten zweierlei zusammen und macht ihn besonders aggressiv: Die dem Rechtspopulismus eigene unversöhnliche Kritik an den «abgehobenen Eliten»18 trifft sich im Osten mit der ebenso unerbittlichen Kritik am Westen. AfD oder Pegida müssen nicht in zwei Richtungen zeigen, wenn sie auf den Feind deuten wollen. Die Elite in Ostdeutschland verkörpert beide Feindbilder gleichermaßen. Auch das galt im Osten nicht nur für den Rechtspopulismus, sondern ganz genauso für den linken Populismus. Es ist daher nicht überraschend, dass linke wie rechte Populisten Putins Russland verherrlichen – vor allem, weil sie den Westen und seine Ideen ablehnen. Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler Zu den Deutern, Interpreten und Sinnstiftern zählen auch Künstler, wenn man so will, eine Kulturelite. In der DDR nahmen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Dramatiker, Maler einen wichtigen, einen zentralen gesellschaftlichen Platz ein. Vor allem die Künstler des Wortes waren anerkannt und beliebt, kam ihnen doch die gesellschaftliche Aufgabe zu, die fehlende Öffentlichkeit im SED- Staat zu ersetzen, die Leerstelle wenigstens etwas zu füllen. Schriftsteller und Schriftstellerinnen genossen ein hohes Ansehen, ganz unabhängig davon, ob sie der Einzelne nun las oder nicht. Und noch wurde viel gelesen, nicht nur die DDR war ein Leseland, die Welt war eine große Lesegesellschaft. Im Osten durchschnittlich etwas mehr als im Westen. Die fehlende Öffentlichkeit trug dazu bei, wohl aber auch das etwas geruhsamere, weniger hektische Leben. Im Herbst 1989 spielten Künstler eine wichtige Rolle: Theater öffneten ihre Kulturelle Hegemonie186 | Türen und Bühnen, Sänger und Sängerinnen verlasen Protestresolutionen und solidarisierten sich mit dem «Neuen Forum», und vor allem Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Stefan Heym, Christoph Hein, Volker Braun oder Christa Wolf reihten sich ein und forderten Erneuerung, Reform, Öffnung, Freiheit. Hein hatte auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987 eindringlich darauf hingewiesen, dass die Zensur in der DDR, so seine Worte, überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich, strafbar und verfassungswidrig sei.19 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der DDR erfreuten sich nicht nur im Osten, sondern auch im Westen wachsender Beliebtheit. Texte von Christa Wolf oder Heiner Müller oder Ulrich Plenzdorf, auch von Hermann Kant oder Stephan Hermlin, von im Westen Lebenden wie Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Günter Kunert oder Reiner Kunze ohnehin, begegneten bis 1989 Schülerinnen und Schülern zwischen Flensburg und Freiburg i. Br. im Deutschunterricht. Und dann fiel die Mauer, und mit aller Wucht kam die Frage auf: «Was bleibt?» So hieß eine Erzählung, die Christa Wolf 1979 geschrieben hatte, aber erst im Sommer 1990 veröffentlichen konnte. Darin beschreibt sie sehr präzise die Überwachung durch die Stasi. In den Feuilletons der großen westdeutschen Zeitungen entbrannte ein Kesseltreiben: Wer erlegt die einzige lebende deutsche Schriftstellerin mit Weltruhm als erster? Ihre moralische Glaubwürdigkeit stellten ihre Kritiker in Frage. Schnell war aus dem «Fall Wolf» der tiefe Fall der soeben noch gefeierten DDR-Literatur geworden. Aus den DDR-kritischen Künstlerinnen und Künstlern wurden nun SED-Verteidiger – sie mussten gar nichts weiter tun, als nur zuzuhören, ihre westdeutschen Kritiker wussten es nur zu genau. So groß diese Schar auch war, so schnell wuchs die Gruppe der Unterstützer und Verteidigerinnen an. Westdeutsche Intellektuelle und Politiker nahmen vor allem Christa Wolf in Schutz. Zwischenzeitlich war es schwierig, den Überblick zu behalten, weil alles in einen Topf geriet: Wirkliche, wenn auch begnadete Staatsdenker wie Hermann Kant, vermeintliche, aber eigenwillige Staatslyriker wie Stefan Hermlin, kritische, wenn auch sanfte Staatsferne wie Braun, Hein oder Wolf, echte, wenn auch zynische Staatskomiker wie Heiner Müller und Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler | 187 dann noch die staatsferne, wenn auch heftig und geheim mit dem Staat verbandelte Bohème aus Berlin-Prenzlauer Berg. Und da dies alles noch nicht verwirrend genug war, kam auch die Stasi, besser die von ihr hinterlassenen Akten, zum Zug. Im Oktober 1991 erhielt Wolf Biermann den Georg-Büchner-Preis. Die Stasi-Aktenbehörde öffnete erst am 2. Januar 1992 ihre Pforten. Die gesellschaftlichen Erfahrungen mit den Hinterlassenschaften der ostdeutschen Geheimpolizei waren noch jung und nicht belastbar. Biermann und sein Freund Jürgen Fuchs hatten viele Hinweise bekommen und gefunden, dass Sascha Anderson, ein Dichter vom Prenzlauer Berg, der die Fäden zog, und 1986 nach West-Berlin gegangen war, einer der wirklich üblen geheimen Stasi-Mitarbeiter war, bis zum bitteren Ende. In der eingängigen Biermann-Sprache enttarnte der Liedermacher «Sascha Arschloch» – es folgte ein Aufschrei gegen Biermann. Wie könne er nur? Anderson leugnete, stritt ab, so wie fast alle anderen Spitzel vor und nach ihm auch. Irgendwann hatte auch der Letzte verstanden, dass Anderson log und Biermann die Wahrheit gesagt hatte. Immer mehr Fälle von Stasi-IM, fast Tag für Tag, wurden publik. Schnell war kaum noch Luft für Differenzierungen. Die Kellerszene am Prenzlauer Berg stand im grellen Licht, erst ausgeleuchtet durch die Stasi, nun im Spot der Medienöffentlichkeit. Kaum jemand kannte deren literarischen Texte, dafür wurden ihre Spitzelberichte um so berühmter. Das Urteil war schnell gesprochen: nichts wert, alle Stasi, außer Mutti. Und dann auch das noch – die Mutter oder Grande Dame der DDR-Literatur, Christa Wolf, war auch dabei. Im Januar 1993 gab sie bekannt, dass sie um das Jahr 1960 herum einige Monate als IM für die Stasi tätig gewesen war. «Was bleibt?» stellte sich nun in einem völlig neuen Licht dar. Hatte die Dichterin sich nur schon vorab, ob des drohenden Ungemachs, exkulpieren wollen? So schien es jedenfalls im Sturm, der nun über sie und nochmals die ganze Literaturszene hereinbrach.20 180 Stasi-Blätter von vor dreißig Jahren standen 42 Ordnern mit tausenden Überwachungsunterlagen aus 25 Jahren gegenüber. Die 180 interessierten alle, die 42 fast niemanden. Wieder sprangen der berühmten Schriftstellerin viele zur Seite, auch der oberste Stasi-Aktenbeauftragte Kulturelle Hegemonie188 | Joachim Gauck setzte sich für eine differenzierte und die gesamte Biographie würdigende Sicht ein. Vergebens. Die gesamte DDR- Literaturszene schien von Spitzeln durchseucht zu sein. Denn auch die zweite Ikone der DDR-Literatur, die Weltgeltung besaß, Heiner Müller, hatte intensive Stasi-Kontakte  – so jedenfalls die liberale «Zeit». Ähnlich wie Christa Wolf reagierte der sonst so sprachgewaltige und sprachkomische, immer eloquente und witzig-spritzige Müller nun alles anders als souverän. Er bekannte, er hätte auch mit Stalin oder Hitler geredet; Diktaturen böten nun einmal mehr Material als Demokratien.21 Für ihn wären die Gespräche Materialbeschaffung gewesen. Und dann kommt heraus, dass nichts herauskommen wird. Müllers Gesprächspartner bei der Stasi war Johann Holm, der in der Berliner MfS- Bezirksverwaltung für die Überwachung von Literaten zuständig war. Ein kluger, viel belesener Mann, mit dem nicht nur Heiner Müller gern plauderte. Schriftliche Aufzeichnungen davon gab es nicht; zum IM wurde Müller ohne eigenes Zutun, ein bürokratischer Akt der Arbeitsabrechnung durch den Stasi-Offizier, die Stasi war auch Teil der Planwirtschaft. Die Öffentlichkeit indes interessierte sich nicht für solche Details. Die DDR- Literatur schien erledigt zu sein. Ihre Protagonisten, ob nun bis 1989 in den Katakomben oder auf den Bühnen, standen im grellen Licht eines unbarmherzigen Enthüllungsjournalismus. Im Osten breitete sich Ratlosigkeit aus: Wer denn noch? Im Westen herrschte Klarheit: Irgendwie alle! Das Ost-West-Theater erhielt in der Fusionierung der Ost- und West-Berliner Akademien der Künste einen unfreiwilligen Höhepunkt. Unversöhnlich standen sich verschiedene Lager gegenüber. Ein «Krieg der Künste» entbrannte, ein Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West, zwischen Ostlern, zwischen Westlern und zwischen Ostlern, die vor 1989 in den Westen gehen mussten, und allen anderen.22 Drei Jahre nach der staatlichen Einheit einigten sich auch die beiden Akademien, zusammenzugehen. Immerhin, die Hobbyangler in West und Ost haben dafür zwanzig Jahre länger gebraucht – bis zum Jahr 2013.23 Auch hier stand gegenseitiges Misstrauen im Zentrum und die Westangler befürchteten von den Stasi-Fischern unterwandert zu werden. Das Schlimmste an diesen ganzen Ost-West-Fu- Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler | 189 sionen ist ja, dass alle irgendwie auch Recht hatten. Aber wo hätten denn die Auswege gelegen? Als im Juli 1990 Heiner Müller zum letzten Präsidenten der Ost- Berliner Akademie der Künste (AdK) gewählt worden war, hielt er eine kleine Rede. Die erste Revolutionseuphorie war verflogen. Ob Müller allerdings je euphorisch war in diesen Wochen, bleibt dahingestellt. Nun improvisierte er eine kleine Ansprache. Er meinte, die AdK habe bereits zwei Punische Kriege geführt, nun komme der dritte und er hoffe, «daß Karthago doch noch auffindbar ist danach». Müller mahnte, sie müssten künftig über die Vergangenheit anders als mit «Worthülsen» reden. «Das nützt uns im Moment nicht mehr in dem Kampf, der jetzt auf uns zukommt. Was hier passiert, ist ein Vorgang der Eroberung, der Unterwerfung, nicht der Vereinigung, und Sie wissen alle, in Mexiko auf den aztekischen Tempeln stehen die katholischen Kirchen. Das ist das, was man jetzt versucht, und es wird schwer sein, die Reste unserer Tempel zu behaupten gegen die Implantation der Kirchen, die da draufgesetzt werden sollen.»24 Müller mag müllertypisch überzogen haben. Aber gerade in solchen Zuspitzungen kommt durch, worum es ging. Als die PDS den in Ost wie West hochgeachteten Stefan Heym 1994 gewann, auf ihrer «bunten Liste» als Nichtmitglied der Partei zu kandidieren, war der SED-Nachfolgepartei ein echter Clou gelungen. Würde Heym das Direktmandat gewinnen – er war listenmäßig nicht abgesichert – , würde er der älteste Parlamentarier sein und traditionell den Bundestag mit einer Rede eröffnen. Heym gewann gegen Wolfgang Thierse. Viele verstanden den alten Mann nicht, ich auch nicht. Er hatte schon zwei Jahre zuvor die ostdeutschen «Komitees für Gerechtigkeit» mitbegründet. Die zählten zu den bald kaum noch überschaubaren postkommunistischen Umfeldorganisationen der PDS und schafften es kurze Zeit mit damals prominenten Unterstützern wie Rio Reiser, Tamara Danz, Heiner Müller, Bischof Gottfried Forck, Heinrich Fink, Michael Sontheimer, Gerhard Zwerenz, Heinrich Albertz, Stephan Krawczyk, initiiert von Peter-Michael Diestel und Gregor Gysi national und international für Schlagzeilen zu sorgen. Sie waren schnell wieder vergessen. Kulturelle Hegemonie190 | Die Demütigung von Stefan Heym Am 10. November 1994 eröffnete Stefan Heym den 13. Deutschen Bundestag mit einer Rede als Alterspräsident. Nur einen Tag zuvor ging die Nachricht um die Welt, auch der berühmte Schriftsteller habe für die Stasi gespitzelt. Es konnte nie geklärt werden, wie es zu dieser Falschmeldung gekommen war – Heym war jahrzehntelang Objekt der Ausspähung, er hat nie für die Stasi ein Haar gekrümmt. Heym hielt eine auf Ausgleich bedachte kluge Rede, ganz im Sinne der Tradition keine parteipolitische. Wie denn auch, Heym war alles Mögliche, nur kein Parteipolitiker. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die neue deutsche Republik nicht das Schicksal von Weimar teilen werde. In seiner weisen Rede hieß es u. a.: «Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten, entschulden wir sie. Nicht die Flüchtlinge, die zu uns dringen, sind unsere Feinde, sondern die, die sie in die Flucht treiben. Toleranz und Achtung gegenüber jedem einzelnen und Widerspruch und Vielfalt der Meinungen sind vonnöten (…) Es wird diesem Bundestag obliegen, dafür zu sorgen, daß die mit der Einheit zusammenhängenden Fragen nicht länger in erster Linie ins Ressort des Bundesfinanzministers fallen. (…) Die Menschen erwarten von uns hier, daß wir Mittel und Wege suchen, die Arbeitslosigkeit zu überwinden, bezahlbare Wohnungen zu schaffen, der Armut abzuhelfen und – im Zusammenhang damit  – Sicherheit auf den Straßen und Plätzen unserer Städte und in den Schulen unserer Kinder zu garantieren, und jedermann und jederfrau den Zugang zu Bildung und Kultur zu öffnen. Das heißt: Die Menschen erwarten, daß wir uns als Wichtigstes mit der Herstellung akzeptabler, sozial gerechter Verhältnisse und der Erhaltung unserer Umwelt beschäftigen. Die Vorstellungen in diesem Hause dazu mögen weit auseinanderklaffen. Lassen Sie uns ruhig darüber streiten. Doch in einem werden wir hoffentlich übereinstimmen: Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus und stalinsche Verfahrensweisen sollten für immer aus unserem Lande gebannt sein.»25 Ein Höhepunkt der Bundestagsgeschichte, zweifellos. Aber nicht wegen Heyms sachlicher Rede, sondern weil die CDU/CSU-Fraktion

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.