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Der ökonomische Kollaps als Kulturkampf in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 134 - 137

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-134

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Blühende Landschaften? 134 | schweren Umweltbelastungen geführt. Die Boden- und Grundwasserverschmutzung war extrem hoch, die Übungsplätze waren durch Munition, Ölreste, liegengebliebene Fahrzeuge u. a. m. belastet. Die Konversion der Militärflächen sollte nach dem Abzug der Truppen eines der zentralen Probleme werden und die Bundesrepublik Milliardensummen kosten. Der letzte Oberkommandierende, Burlakow, bestritt in seinen Erinnerungen vehement, dass es erhebliche Kontaminationen gegeben habe. Im Gegenteil, seine Truppen hätten umfangreiche Rekultivierungsarbeiten vorgenommen.45 Tatsächlich war Deutschland zwei Jahrzehnte mit der Konversion der übergebenen Militärflächen befasst. Allein die militärisch genutzten Flächen in Brandenburg umfassten 1989 ein Gebiet etwa so groß wie das Saarland. Nur zwanzig Prozent der landeseigenen ehemaligen Flächen der Roten Armee konnten bis zum 31. Dezember 2000 verkauft werden. 17 500 Hektar gingen unentgeltlich in das Ressortvermögen des Ministeriums für Landwirtschaft und Umweltschutz. Auf ehemaligen Militärflächen entstanden Gewerbegebiete sowie Technologie- und Gründerzentren. Vorübergehend fanden bei der Konversion viele Ostdeutsche mit Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit einen Job. Der ökonomische Kollaps als Kulturkampf Die Hinterlassenschaften der DDR-Volkswirtschaft zu bewältigen, war eine Herausforderung größten Ausmaßes. Dass auch drei- ßig Jahre nach der Einheit der Graben zwischen Ost und West wirtschaftlich nicht annähernd geschlossen sein würde, hätte 1990 nicht einmal der düsterste Pessimist vorhergesagt. Es mangelte nicht an alternativen Konzepten und Vorstellungen. Ob eine davon eine realistisch-praktikable Alternative gewesen wäre, werden künftige kontrafaktische Geschichtsanalysen zu erweisen haben. Dann wird auch zu ergründen sein, warum einzelne ostdeutsche Marken überlebten. Dabei handelte es nicht nur um Schnaps-, Bier-, Sekt- und Zigarettensorten, sondern auch um eine Reihe von Lebensmitteln, Drogerieartikeln oder Konsumgütern. Ein System lässt sich dabei nicht er- Der ökonomische Kollaps als Kulturkampf | 135 kennen. Nur an der eingeführten, beliebten Marke lag es nicht. Oft sind diese Marken auch gar nicht in ostdeutscher Hand.46 Ökonomische Veränderungen haben nicht nur soziale Folgen. Die kulturellen sind mindestens genauso einschneidend. Messbar sind sie kaum, wenn sie sichtbar sind, ist es meistens zu spät, um noch gegenzusteuern. Durch die rigide Privatisierungspraxis nach 1990 ist praktisch der gesamte ostdeutsche Verlags- und Buchmarkt zusammengebrochen.47 Der Anteil ostdeutscher Verlage (ohne Berlin) am gesamten deutschen Buchmarkt liegt bei drei bis fünf Prozent, am Gesamtumsatz der Buchbranche ist der Osten (ohne Berlin) mit weniger als einem Prozent beteiligt.48 Nun waren viele DDR-Verlage Teil des SED-Ideologieimperiums, um sie war es nicht schade. Aber ein anderer Teil produzierte ein anspruchsvolles Programm; die Umstellung der ostdeutschen Verlage auf Marktbedingungen hätte vor allem einen drastischen Mitarbeiterabbau zur Voraussetzung gehabt. Überlebt haben nur wenige Verlage. Ostdeutschlands Buchmarkt war auch hier in gewisser Sicht Westdeutschland vorangegangen: Abbau, Schrumpfung, Konzentration, Verramschen und Billigausgaben. Im Zuge der Revolution 1989/90 gab es ungefähr 200 Verlagsneugründungen. Überlebt hat davon kaum eine. Die berühmteste, der Verlag von Christoph Links in Berlin, ist zum 1. Januar 2019 an den Aufbau Verlag verkauft worden. Links kehrt in einen Verlag zurück, in dem er bereits von 1986 bis 1989 gearbeitet hatte. Sein Vater, Roland Links, war ebenfalls ein bedeutender Verleger. Der Aufbau Verlag ist von der Treuhand privatisiert worden. Dabei gehörte der Verlag dem Kulturbund, wofür die Treuhand nicht zuständig war. An dem Aufbau Verlag zeigte sich frühzeitig ein neuer Trend: Investoren und Unternehmer, die aus anderen Branchen kommen, steigen in den Buchmarkt ein. Nachdem 2008 der Bundesgerichtshof nach dreizehnjähriger Prozessdauer entschieden hatte, dass der Verkauf durch die Treuhand unrechtmäßig erfolgt war, übernahm ein anderer Investor den traditionsreichen Verlag. Links ging mit seinem Verlag zu Aufbau, weil er trotz intensiver Suche niemanden fand, der die risikoreiche Geschäftsführung fortsetzen wollte.49 Der Buchmarkt schrumpft, die Verlagsbranche ist weiter einem Konzentrationsprozess ausgesetzt, Blühende Landschaften? 136 | große Häuser monopolisieren. Auch wenn der kleine Buchhandel in letzter Zeit einen vorsichtigen Aufschwung erlebte, weiß niemand gegenwärtig, welche wirtschaftliche Zukunft dem Buch und seinen Verlegern bevorsteht. Wenig hilfreich ist da gewiss, dass in den gro- ßen Buchhandelsketten viele Verlage längst dafür Geld bezahlen, wo ihre Bücher präsentiert werden. Das Buch wird nicht aussterben, seine kulturelle Markerfunktion jenseits von Harry Potter oder A Song of Ice and Fire geht aber zurück. Fast niemand kommt heute noch in eine Wohnung und weiß anhand der Regalbestände, wo er sich kulturell befindet. Der ostdeutsche Verlags- und Buchmarkt zeigte in den 1990 er Jahren bereits diesen Trend an. Christoph Links fasst zusammen: «Aber die extreme Schrumpfung der Verlagsbranche geht weniger auf die Anpassung an die Marktstrukturen zurück, als auf die Privatisierungspolitik der Treuhand. Diese hat bewusst an westdeutsche Konkurrenten verkauft, die den Ostverlag zunächst zum Vertriebsbüro für die Westprodukte gemacht haben, dann die interessanten Rechte ins Mutterhaus rübergeholt und schließlich die Ostdependance geschlossen haben. Ausländische Interessenten sind bis auf einen alle abgewiesen worden. Der Osten war als Absatzgebiet für Westwaren interessant, nicht als konkurrierender Produktions standort.»50 Im Prinzip lief es im Verlagswesen wie in weiten Teilen der Wirtschaftsübernahme. Haben sich die marktradikalen neoliberalen Kräfte tatsächlich durchgesetzt, wie es oft behauptet wird? In wirtschaftlicher Hinsicht gewiss, in gesellschaftlicher Perspektive nicht. Denn so einschneidend der Umbau, der Rückbau, der Aufbau auch gewesen war, der Staat federte materiell und sozial den Transformationsprozess für die betroffenen Ostdeutschen wiederum so stark ab wie ebenfalls nirgends im postkommunistischen Europa. Der Fall der Ostdeutschen geschah aus vergleichsweiser großer Höhe, der Aufprall erfolgte relativ weich – nicht für die Einzelnen, aber im großen Maßstab. Ökonomen haben dies eine «Konkursverwaltung mit Sozialplan» (Hans-Werner Sinn) genannt. 7 | Tabula rasa: die soziale Katastrophe Die deutsche Einheit wird häufig als technokratischer Prozess geschildert, der vor allem Geld verschlungen habe. Expertinnen und Experten rechnen genau vor, was die Sozialleistungen, die Ausgaben für den zweiten Arbeitsmarkt, die Abwicklung der DDR-Volkswirtschaft, der Aufbau der ostdeutschen Infrastruktur, die ostdeutschen Renten usw. usf. gekostet hätten – und zwar den westdeutschen Steuerzahler. Lieblingsthema dabei war der «Solidaritätsbeitrag», von dem wohl selbst noch heute viele glauben, diese Sondersteuer würden nur im Westen arbeitende Menschen zahlen. Die gesamten «Transferleistungen» seit 1991 werden mal mit einer, mal mit 1,5, mal mit zwei Billionen Euro angegeben. Das ist so eine unfassbar hohe Summe, dass es fast schon egal anmutet, wie hoch sie nun wirklich ausfiel. Hohe Summen stumpfen ab. So wie in der Bankenkrise ab 2007 oder in der Euro-Krise seit 2010. Da standen auf einmal auch unfassbare Summe bereit, während Schulen verrotteten, die Infrastruktur im Westen weiter veraltete, der digitale Ausbau auf der Stelle trat, allerorten Gelder für Bildung und Kultur fehlten, die soziale Ungleichheit weiter zunahm und der Mittelstand ins Rutschen geriet. Da wir alle wissen, dass die deutsche Einheit ziemlich viel Geld kostete, die öffentlichen Haushalte belastete, aber letztlich dieses reiche Land das irgendwie stemmte, ohne dass deswegen jemand verhungerte oder auch nur schmerzliche Einbußen in seiner persönlichen Lebensführung erdulden musste, konzentriere ich mich nicht auf die materiellen Kosten, sondern auf die sozialen Folgen. Wer an den materiellen Kosten interessiert ist, den verweise ich auf Berichte der Regierung zum Stand der deutschen Einheit, da findet man alles, was man wissen muss – und noch viel mehr.

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.