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Sonderfall: SED – SED/PDS – PDS – Die Linke in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 250 - 258

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-250

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Politisch ein anderes Land?250 | schen Gesellschaft nicht nur unbekannt, sondern auch absurd erschien. Die noch 1989/90 so hochhängende ökologische Frage war durch den radikalen Industrieabbau schnell gelöst worden, auf eine Art und Weise, die so fast niemand erwartet und gewollt hatte. Die ökologische Instandsetzung ging einher mit Deindustrialisierung. Die Rekultivierung der von der Roten Armee hinterlassenen Gebiete war zwar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe unglaublichen Ausmaßes und verschlang unvorstellbare Geldsummen, sie war aber merkwürdigerweise kaum Gegenstand grüner Bundespolitik. Die kümmerte sich mehr um die Biotope an der früheren innerdeutschen Grenze und stieß auch damit auf Unverständnis in den betroffenen Ostregionen. Die Grünen verabschiedeten sich aus dem Osten, bevor sie dort überhaupt hatten Fuß fassen können. Mit vielen ihrer Grundsatzannahmen in der Verkehrs- oder Energiepolitik, im Verbraucherschutz, in der Genderpolitik oder Agrarpolitik fanden die Grünen im Osten lange kaum Gehör. Erst in den letzten Jahren veränderte sich hier auch die Wahrnehmung im Osten, vor allem bewirkt durch jüngere Bevölkerungsgruppen. Das alles waren Entwicklungen, die mehr oder weniger – mit Ausnahme von Bündnis 90/Die Grünen – so auch im Westen vollzogen worden sind. Gerade die rückläufige Mitgliederentwicklung ist ein gesamtdeutsches, ein auch in anderen Staaten Europas bekanntes Problem. Im Osten gab es einen Sonderfall seit 1990: die SED/PDS. Sonderfall: SED – SED/PDS – PDS – Die Linke Die SED verwandelte sich am Jahresanfang 1990 in die PDS. Ihr neuer Chef, Gregor Gysi, hatte es abgelehnt, die Partei aufzulösen. Sein Argument war denkbar einfach: Lösen sie die Partei auf, verlieren sie sämtliche Besitztümer. Auch wenn die SED/PDS mehrere Milliarden DM dem deutschen Staatshaushalt zuführen musste, vieles blieb verschwunden. Niemand außer den SED- PDS-Verantwort lichen könnte heute beziffern, wie hoch der Verlust tatsächlich ist. Von einer Milliarde ist die Rede. Lagert er in Russland? Schlum- Sonderfall: SED – SED/PDS – PDS – Die Linke | 251 mert er auf Geheimkonten in der Schweiz? Ist er in internationalen Finanz- und Wirtschaftskonsortien versteckt worden? Oder ist da gar nichts mehr, wie Gysi, Bisky, Bartsch und Genossen immer betont haben? Etwas unverständlich erscheint es schon, dass die SED über ihre Selbstauflösung befinden durfte. Wer 1990 ein Verbot der SED forderte, galt als politisch radikal. Im Rückblick betrachtet muss man wohl sagen, es war nicht verkehrt, die Partei nicht zu verbieten. Ihr gehörten 1989 2,3 Millionen Ostdeutsche an, das war etwa jeder sechste Erwachsene. Dass dies im strengen Sinne keine Partei war, zeigt allein diese Dimension. Es war eine Gesinnungsgemeinschaft, die Organisation eine Karriereschleuse. Natürlich, es gab die Überzeugten, die «echten» Kommunisten, die Avantgarde in der selbsternannten Avantgarde, die Hundertprozentigen. Die Masse stellten sie nicht; die Masse war in der SED, weil die Diktatur immer den strukturellen Opportunisten erfordert, fördert und befördert. Es gab auch Widerspruch in der SED, sogar Widerstand, der kam nur in Ausnahmefällen von Opportunisten, sondern fast immer von den überzeugten Kommunisten, den Renegaten und Revisionisten wie Harich, Have mann oder Bahro. Die SED zu verbieten, hätte bedeutet, weit über zwei Millionen Menschen zu erklären, sie seien Teil einer verbrecherischen Organisation gewesen, sie seien selbst mehr oder weniger Verbrecher. Das kann man zwar so sehen, käme aber der historischen Wahrheit keinen Schritt zu nahe. Von den 2,3 Millionen waren im Laufe des Jahres 1990 schnell nur noch 285 000 Mitglieder übriggeblieben. Etwa zehn Prozent, das war auch stets die Annahme der SED-Führung: Nur auf etwa zehn Prozent der Mitgliedschaft könnte man im Ernstfall wirklich zählen. Bis 1996/97 schrumpfte die Zahl auf 100 000, 2006 waren es nur noch rund 60 000. Die Partei litt seit 1990 dran, praktisch eine Ostpartei ohne nennenswerte Mitgliederzahlen im Westen zu sein. Die, die von dort zur SED/PDS dazustießen, kamen überwiegend aus früheren K-Gruppen, aus der DKP/SEW oder aus dem Fundi-Flügel der Grünen. Heftige Debatten innerhalb der SPD in den 1990 er Jahren, ob sie frühere SED-Mitglieder aufnehmen und diese Ämter bekleiden könnten, erregten die Öffentlichkeit. 1997 Politisch ein anderes Land?252 | sorgte die «Erfurter Erklärung» für hitzige Debatten. Intellektuelle und Politiker, fast durchweg weithin anerkannte, streitbare Linke wie Elmar Altvater, Frank Castorf, Heino Falcke, Hans-Jürgen Fischbeck, Günter Grass, Stefan Heym, Rudolf Hickel, Walter Jens, Toni Krahl, Peter von Oertzen, Bodo Ramelow, Edelbert Richter, Horst Eberhard Richter, Dorothee Sölle, Uwe Wesel oder Gerhard Zwerenz hatten SPD, Bündnis 90/Die Grünen und PDS dazu aufgerufen, gemeinsam für einen Politikwechsel im Lande zu sorgen und sich aufeinander zuzubewegen. Der Aufschrei folgte prompt. Mit der Stasi-Partei dürfe es keinen gemeinsamen Weg geben. Die SPD war ebenso zerrissen wie die Grünen. Die Risse verliefen längst nicht mehr nach Ost und West in dieser Frage. Die PDS war zwar die alte SED, tatsächlich war sie im Laufe der 1990 er Jahre vor allem zu einer alten Partei geworden. Mehr als die Hälfte der schrumpfenden Mitgliederbasis war älter als 65 Jahre. Durch die Aufnahme der WASG-Mitglieder 2007 konnte sie ihre Basis verbreitern, nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ, denn nun erst wurde die PDS/Linkspartei zu einer gesamtdeutschen Partei. Noch als PDS hatte sie es geschickt vermocht, ihre überalterte Parteibasis durch junge, unbelastete Politikerinnen und Politiker («Gysis bunte Truppe») zu kaschieren. Mittlerweile ist die Parteibasis der CDU/CSU und der SPD durchschnittlich älter (rund 60 Jahre) als die der Linken (etwa 56 Jahre). Bei den Grünen (50 Jahre) und der FDP (54 Jahre) ist die Basis wiederum jünger. Von der AfD ist die Altersstruktur bislang nicht bekannt. Die Männerpartei macht nicht gerade den Eindruck einer jüngeren Partei. Die PDS verstand sich in den 1990 er Jahren als ostdeutsche Partei, als Partei des ostdeutschen Gewissens, als Partei des ostdeutschen Protestes. Jahr für Jahr ist ihr Untergang von westlichen Analytikern prognostiziert worden. Sie kritisierte wiederum munter und unentwegt den Einigungsprozess. Ihre Argumente erwiesen sich mal mehr, mal weniger als zutreffend. Allein ihre Kritik verhinderte, dass sich die anderen Parteien kritisch, selbstkritisch und sachlich mit Ostdeutschland befassten. Wer wollte schon mit ihr in einem Boot sitzen? Die östlichen Bundesländer galten als Subventionsobjekte, in die unendlich viele Milliarden flossen. Die Folgen der Einigungspo- Sonderfall: SED – SED/PDS – PDS – Die Linke | 253 litik blieben als Thema der PDS überlassen. Politisch war das fatal. Große Teile der ostdeutschen Gesellschaft fühlten sich ausgeschlossen, ihrem Schicksal überlassen. Vor allem in den ersten Jahren betrieb die PDS eine selbstkritische Vergangenheitsbeschäftigung. Keine andere DDR-Blockpartei hat dies in diesem Maße getan. In der ihr gegenüber kritisch eingestellten Öffentlichkeit ist das nicht adäquat gewürdigt worden.9 Allerdings fiel der Partei auf die Füße, dass sie immer wieder politisch schwer belastete frühere Kader in Wahlkämpfe und Wahlämter entsandte. Sie befand sich ständig in einem Balanceakt: Hier ihre politische Gegenwarts- und Zukunftsbefähigung unter Beweis zu stellen, dort ihre Basis und ihr Milieu – ob zur Partei gehörend oder nicht – mitzunehmen, nicht zu verraten. Ihr großes Plus waren eloquente, medien taugliche Vertreterinnen und Vertreter, an deren einsamer Spitze Gregor Gysi thronte und thront. Gysi verkörperte wie kein anderer PDS-Spitzenfunktionär Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Partei. Es ist überhaupt nur ihm – und mit Abstrichen Lothar Bisky und Hans Modrow – zu verdanken, dass es die Partei schaffte, die turbulenten ersten zwanzig Jahre der deutschen Einheit zu überstehen. Gysi hat sämtliche Anfeindungen seiner Person, ob nun aus den diversen Flügeln seiner Partei, ob wegen seiner DDR- Vergangenheit als Justizfunktionär, seiner Kontakte zur SED-Spitze oder zum MfS oder ob seiner politischen Positionen unbeschadet überstanden. Er reist heute nicht nur als ein Elder Statesman bundesdeutscher Geschichte und Politik durch Deutschland und die Welt, er ist auch längst ein anerkannter Vereinigungspolitiker – ob einem das nun passt oder nicht. Man kann das auch alles etwas weniger verständniserheischend sehen: Eine treffliche Karikatur aus den frühen 1990 er Jahren war überschrieben mit: «Neulich auf dem PDS-Parteitag». Auf dieser Karikatur stehen sich zwei hippieähnlich aussehende Männer gegen- über. Der eine fragt: «Bist Du noch Kommunist?» Der andere antwortet: «Mmh, kein Kommunist bin ich auch nicht.» Das war brüllend komisch, weil die biederen SED-Kommunisten sich gerade abmühten, zu PDS-Demokraten zu werden, ohne ihren «alten Idealen», wie sie es nannten, abzuschwören. Die bis soeben noch extrem Politisch ein anderes Land?254 | autoritäre, antifreiheitliche und antidemokratische Diktaturpartei legte also einfach mal den Schalter um und präsentierte sich der verblüfften Öffentlichkeit als Partei der Emanzipation in jeglicher Hinsicht  – theoretisch. Das Personal, 1989/90 innerhalb weniger Wochen um zwei Millionen Mitglieder geschrumpft, blieb das alte: in den Kaderschulen Ost-Berlins und Moskaus ausgebildet und trainiert. Das Hauptproblem der SED/PDS war stets ihre Vergangenheit als Staatspartei in der DDR. Wie sie diese heute leugnen und unsichtbar zu machen sucht, war 2017 im Bundestagswahlkampf im Herzen Berlins anzuschauen. Die Zentrale der Partei «Die Linke» sitzt im «Karl-Liebknecht-Haus», dem früheren Sitz der KPD, neben der NSDAP der zweiten großen Partei, die die erste deutsche Demokratie unerbittlich bekämpfte und verunglimpfte, so lange, bis die Weimarer Republik gefallen war. Wenn man zum «Karl-Liebknecht- Haus» fahren wollte und man öffentliche Verkehrsmittel benützte, müsste man am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz aussteigen. Die beiden ermordeten KPD-Gründer sind nirgends stärker symbolisch öffentlich vereint als hier in Berlin-Mitte. Gerahmt wird die Parteizentrale von der antikapitalistischen Volksbühne einerseits und der antidemokratischen «Jungen Welt», der einzigen linksradikalen Tageszeitung in Deutschland, andererseits. Und hier hing von Mai bis September 2017 am «Karl-Liebknecht-Haus» ein zwei Etagen umfassendes Plakat mit folgender Botschaft: «Nach 10 Jahren kann man schon mal fragen: ‹Willst Du bei mir Mitglied werden?› Die Linke». Wie vielen war bewusst, die das lasen, dass es sich bei dieser harmlos scheinenden Frage um eine Geschichtslüge handelte? Anders als «Die Linke» immer und immer wieder weismachen will, gibt es diese Partei nicht erst seit 2007, sondern de jure seit 1946, als sich KPD und SPD im April in der Sowjetischen Besatzungszone unter Druck Moskaus zur SED vereinigten. Die SED existiert dem Namen nach nicht mehr, aber juristisch besteht sie als Partei fort und hat lediglich 1990 und 2007 ihren Namen geändert. Es kam 2007 auch nicht zur Fusion mit der westdeutschen WASG, sondern tatsächlich trat diese der PDS bei und zum identischen Zeitpunkt änderte die Sonderfall: SED – SED/PDS – PDS – Die Linke | 255 PDS ihren Namen in «Die Linke». Und alles nur wegen des angeblich nicht vorhandenen Vermögens? Ja, alles «nur» wegen des Parteivermögens, wie Parteifunktionäre unter Eid vor Gericht bestätigten. Ist es der Partei gelungen, aus einer totalitären Apparatepartei in eine Freiheitspartei zu mutieren? Hat sich die SED aus einer antidemokratischen Staatspartei durch Selbsterneuerung in ein emanzipatorisches staatskritisches Projekt verwandelt? Dort, wo sie an der Macht ist (Thüringen) oder die Regierung tolerierte («Magdeburger Modell») oder als Koalitionspartner auftrat wie in einigen ostdeutschen Bundesländern und Berlin, agierte sie überwiegend unaufgeregt, staatstragend, sich kaum von anderen, insbesondere der Sozialdemokratie unterscheidend. Sie erwies sich als sehr anpassungsfähig. Tatsächlich verfügte die SED/PDS über lange Zeit neben der CDU als einzige Partei im Osten über eine flächendeckende Infrastruktur. Da hatte die SED/PDS fast einen uneinholbaren Vorsprung, weil ihr 1990/91 trotz vieler Austritte viel mehr Parteimitglieder blieben als der CDU im Osten. Von den anderen ganz zu schweigen. Hinzu kam, dass ein Großteil der alten DDR-Vereinsstrukturen weiter im SED/PDS-Vorfeld agierten und die Partei dadurch in den 1990 er und 2000 er Jahren in vielen ostdeutschen Regionen die einzige war, die für die Menschen flächendeckend ansprechbar schien. Das ist im Westen kaum wahrgenommen worden. Hier wurde die SED/PDS immer nur mit Namen wie Gysi, Modrow, Bisky, Wagenknecht, Brie oder Bartsch verbunden. Tatsächlich spielten die vor Ort gar nicht diese Rolle, sondern agierten als Talkshow-Stars und konnten sich auch noch als Sprecher der Ostdeutschen aufspielen, obwohl bei jeder Wahl drei Viertel der Ostdeutschen sie nicht wählten. Im Osten existierte die SED/PDS als Kümmerpartei vor Ort. Hier kam ihr nun eine historische Rolle zu, die sie nicht angestrebt hatte, aber auch nicht verhindern wollte. Denn im Osten wurde ausgerechnet die SED/PDS zum Pfeiler eines friedlichen Einigungsprozesses. Millionen Arbeitslose, Kurzzeitarbeiter, millionenfache sinnlose Umschulungen, weithin entindustrialisierte Regionen blieben nicht nur aufgrund des starken bundesdeutschen Sozialstaates friedlich, sondern auch, weil das gesamte postkommunistische Milieu nicht mit einem SED-Verbot an den Rand der Legalität gedrängt worden Politisch ein anderes Land?256 | war, sondern in der SED/PDS eine Interessenvertreterin für die geschundene Seele vorzuweisen hatte. Hier konnte in Versammlungen, auf Kundgebungen und Demonstrationen, in Tageszeitungen, Internetforen und ungezählten Zeitschriften, in Vereinen und Interessengruppen für jedes Bedürfnis und jede Berufsgruppe, nicht zuletzt in Parteigruppen, Parlamenten und Wahlämtern legal protestiert, gejammert, gefordert und geflucht werden. Der Zorn ist demokratisch kanalisiert worden. In historischer Sicht ist vielleicht die Friedlichkeit der Revolution von 1989/90 weniger wundersam als der friedliche Verlauf der ostdeutschen Transformation in den 1990 er Jahren mit den hohen sozialen Verwerfungen. Und dass dieser Prozess friedlich blieb, dafür hat nicht zuletzt die SED/PDS vor Ort gesorgt. Dabei ist die Frage, ob sie dies absichtlich tat, unerheblich (wahrscheinlich war ihr das nicht bewusst). Hier schlug zu Buche, was sie rhetorisch sonst zu leugnen sucht: ihre absolute Staatsgläubigkeit. Denn tatsächlich setzt sie noch immer auf den starken Staat. Sie kann eine Gesellschaft bis heute gar nicht anders denken, als eine in den Grenzen eines mächtigen, in alle Lebensporen hineinregierenden Staates, also als eine gelenkte, gemaßregelte, gefangene Gesellschaft, die nach ihrem Gusto zu reglementieren sei. Daher ist ihre andauernde Treue zu Moskau, Havanna und Peking nicht nur traditioneller Anhänglichkeit und Verbundenheit geschuldet. Auch dass noch immer ein Teil der Parteicrew in Moskau ausgebildet wurde und enge Verbindungen zum dortigen Machtzentrum einschließlich des Geheimdienstes unterhält, ist nicht der alleinige Grund ihrer offenbar «unerschütterlichen Freundschaft» zum Putin- Regime. Dass die SED/PDS/Linke praktisch jedwedes Linksregime auf der Welt solidarisch unterstützt, hängt mit zwei grundsätzlichen Axiomen zusammen, die die Partei und ihre Führungscrew um Wagenknecht, Bartsch, Gysi & Co seit jeher mit Moskau und deren Freunden weltweit teilen: Sie stehen für einen starken Staat, der ihrer Meinung nach alles und jedes zu regeln habe und für alles und jedes verantwortlich sei. Zweitens kommt ihre ungebrochene antiwestliche und antiamerikanische Haltung zum Tragen, wofür sie jegliche Haltung und Handlung, die gegen den Westen und die USA speziell gerichtet ist, tolerieren und unterstützen. Die auffälligsten Beispiele Sonderfall: SED – SED/PDS – PDS – Die Linke | 257 dafür sind ihre Haltung zur russischen Annexion der Krim, zur Syrienpolitik Moskaus und ihre Ablehnung des westlichen Verteidigungsbündnisses. Viele demokratische Linke, die mit der Partei «Die Linke» nichts anfangen können, wird es schmerzen, dass die SED in ihrer stetigen Verschleierung ihrer eigentlichen Herkunft sich «Die Linke» nennt und es dadurch vielen demokratischen Linken unmöglich macht, sich selbst Linke zu nennen. Wer wissen will, woher «Die Linke» wirklich kommt, für welche Verbrechen sie in Deutschland historisch steht und wofür sie nie die Verantwortung übernahm, der könnte bei einem Berlin-Besuch das eingangs beschriebene städtebauliche Ensemble besuchen und bestaunen. Allerdings sollte bei diesem Besuch das mächtige, alte DDR-Bürogebäude im Rücken des Karl-Liebknecht-Hauses, der Parteizentrale, nicht übersehen werden. Angesichts dessen Größe verkommt die Parteizentrale gerade zu einem Winzling. In diesem Bürogebäude sitzt der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, also die Institution, die die Archivalien jenes Ministeriums, das einst als «Schild und Schwert» der Partei unbarmherzig agierte, beherbergt. Manchmal gibt es Zufälle, die sich kein Romanschreiber ausdenken könnte. Hier kam zusammen, was zusammengehört: SED/PDS/Die Linke und die Akten der Stasi inmitten Berlins. Rücken an Rücken. Die Stärke der PDS beruhte im Osten auch darauf, dass sie in der gesamten Fläche ein Netz von Vorfeldorganisationen, Nachfolgeeinrichtungen und Neugründungen des postkommunistischen Milieus unterhielt, die im Einheitsprozess beratend, helfend und als Treffpunkte für Gleichgesinnte zur Verfügung standen. Das war ein kaum überschaubares Dickicht von Vereinen und Organisationen, die in allen Lebenslagen halfen. Darüber hinaus war die PDS eine wichtige Organisatorin von Interessen, Lobbyistin für die alte Funktionärsund Dienstklasse des SED-Staates. Sie wurde für Millionen wirksam und war für Millionen sichtbar – der wichtigste Unterschied zu allen anderen Parteien. Darüber ist viel und heftig gestritten worden, deswegen ist die PDS vielfach angefeindet worden. Doch wer kümmerte sich sonst um die im Osten politisch heimatlos gewordenen Lehrerinnen und Lehrer, Polizisten und Polizistinnen, Genossenschafts- Politisch ein anderes Land?258 | bauern und -bäuerinnen, Offiziere der NVA, Angehörige des MfS, Funk tionäre der Parteien, Massenorganisationen, des DDR-Staatsund Verwaltungsapparates, wer gab ihnen ein Forum, wer nahm sie ernst, wer hörte ihnen zu und wer verurteilte sie nicht automatisch? So bitter es klingt, so unglaublich aus heutiger Sicht, niemand sonst außer der PDS. Und hier kommen nicht 100 000 oder 200 000 Menschen, sondern Millionen in den Blick. Der PDS wuchs hier eine Rolle zu, die sie sich nicht ausgesucht hatte, die sie freilich sehr dankbar annahm. Klar, sie konnte das auch, weil sie dafür die Mittel, das Personal, das Wissen, die Kultur und die nötige Infrastruktur besaß. Der Skandal freilich war nicht das PDS-Engagement, der Skandal war das Versagen der anderen Parteien, der westlichen Zentralen, die das Problem als solches gar nicht erkannten. Die ostdeutsche Zivilgesellschaft So wie Staat und Parteien wie CDU/CSU oder SPD nicht darauf eingestellt waren, dass im Osten traditionellerweise eine etatistische Grundstimmung dominierte und sie mit ihrer Politik diese sogar noch beförderten, so haben sie nicht realisiert, dass die weitgehend fehlende Zivilgesellschaft im Osten ganz andere Anstrengungen erforderte, als sie es seit zwei, drei Jahrzehnten im Westen gewohnt waren. Etatismus und fehlende Zivilgesellschaft kamen zusammen und bereiteten im Verbund mit den sozialen Verwerfungen und der unaufgearbeiteten deutschen Geschichte den Boden für zunehmende Ressentiments gegenüber dem Westen. «Zivilgesellschaft» ist ein Begriff, der sich seit den frühen 1990 er Jahren (wieder) in den Politik- und Historischen Sozialwissenschaften unter dem Eindruck der osteuropäischen Umbrüche etablierte. Seine Bedeutung ist durchaus umstritten. Im Kern geht es bei «Zivil-» oder «Bürgergesellschaft» darum, den nicht vom Staat und seinen Verwaltungen organisierten Teil der Gesellschaft zu erfassen. Zivilgesellschaft meint Selbstorganisierung, Selbstkontrolle, Selbstermächtigung in der Demokratie oder mit demokratischen/demokratisierenden Absichten. Die Zivilgesellschaft erscheint so als de-

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References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.