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Hoffnungen und Erwartungen in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 61 - 65

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-61

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Hoffnungen und Erwartungen | 61 hinter der Bundesrepublik her – wurde quasi über Nacht beseitigt. Im Zuge der schmerzlichen Krisen der ostdeutschen Industrie und Landwirtschaft wurde eine Entwicklung, die in Westdeutschland 25 Jahre gedauert hatte, innerhalb von drei Jahren nachgeholt.»23 1989/90 zählte in Ostdeutschland etwa die Hälfte aller Beschäftigten als «Arbeiter». Schnell war es weniger als ein Viertel – der ostdeutsche Arbeiter war bereits bis 1994 aus seiner sozialstrukturellen Dominanzrolle zur sozialstrukturellen Minorität geschrumpft, deren Zukunftsaussichten nicht sonderlich rosig waren. Diese Entwicklung entspricht einem Trend in westlichen Industriegesellschaften – der «klassische» Arbeiter ist im Westen ein Auslaufmodell, der ostdeutsche eine historische Figur. Der Transformationsprozess hat diese Entwicklung radikal befördert, ist dafür aber nicht allein verantwortlich. Hier zeigte sich bereits ein Trend: In Ostdeutschland hatte sich der Wandel in einer radikalen Beschleunigung gezeigt, wie es bislang in der westlichen Welt untypisch war. Erst Jahre später sollte sich erweisen, dass das Tempo der Veränderungen in Ostdeutschland nicht etwas ganz Spezifisches gewesen war, sondern im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung allgemein typisch werden sollte. Die nachholende Modernisierung war so auch zu einem vorausgehenden Entwicklungstrend geworden, zumindest, was die Geschwindigkeit anbelangte. Hoffnungen und Erwartungen In das Jahr 1989 gingen die meisten Menschen in der DDR mit keinen Erwartungen oder Hoffnungen, dass sich das System ver- ändern, verbessern würde. Um so größer war die Freude im Herbst 1989. 1990 hingegen erschien nun voller Erwartungen und Hoffnungen. Alles müsste, alles würde besser werden. Die Forderungen und Plakate auf den anhaltenden Demonstrationen zeugten davon. Doch was erwartete die Gesellschaft tatsächlich, bildete sie sich doch auf den Straßen nicht repräsentativ ab? Der Ausgang der Wahlen vom 18. März 1990 ist praktisch das einzig harte Datenmaterial, das uns zur Verfügung steht und Aussagen 1990: das letzte, unglaubliche Jahr der DDR62 | darüber zulässt, was die Menschen in der DDR wollten. Allerdings gab es große und vor allem schnelle Verschiebungen. Bis zum Mauerfall stand der Sozialismus kaum zur Disposition – es schien einfach undenkbar. Nach dem Mauerdurchbruch nahm kaum jemand noch das Wort «Sozialismus» in den Mund  – Begriff und Inhalt schienen für immer tödlich kontaminiert. Da die Demoskopie in der DDR auf keinen Erfahrungswerten aufbauen konnte, lagen die Prognosen für den Wahlausgang am 18. März 1990 alle ziemlich daneben. Das hatte aber auch noch einen anderen Grund: Die Meinungen, Vorstellungen und Wünsche der Menschen änderten sich laufend, passten sich den äußeren Möglichkeiten an. Kohl als Kanzler musste in dem Wahlkampf gar keine konkreten Versprechungen abgeben. Seine übermächtige Präsenz als Garant der alten bundesrepublikanischen Ordnung, die dafür sorgen würde, dass diese Verhältnisse bald auch im Osten herrschen würden, reichte. Seine dann aus Anlass der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 in einer Fernsehansprache geäußerte Zuversicht, es würde niemandem schlechter gehen als zuvor und überall würden «blühende Landschaften» entstehen, entsprach exakt den Vorstellungen der allermeisten Menschen im Osten, die sie am 18. März 1990 ihre Wahlentscheidung treffen ließen. Genug der Experimente, genug der Schaufenster, nun endlich wollte diese übergroße Mehrheit selbst im Schaufenster leben. Im Prinzip hätte man bereits an diesem Wahlabend ahnen können, was das eigentlich für die Zukunft des Landes hieß: Wenn eine Gesellschaft sich der Diktatur entledigt, ein großer Teil befreit wird, nur der kleinere Teil sich selbst befreit hat und zugleich dem großen Teil die neue Freiheit schenkt, ohne dass dieser etwas dafür tun musste, ohne dass dieser anschließend irgendetwas tun muss, dann kann das nicht folgenlos bleiben. Sozialpsychologisch geht der Mensch mit dem Selbsterrungenen, dem Selbsterkämpften sorgsamer um, ist es eher bereit zu verteidigen, als wenn ihm etwas völlig überraschend geschenkt wird. Seit 1990 lastete diese schwere Hypothek auf Demokratie und Freiheit im Osten. Der Wahlausgang am 18. März 1990 war ein Hinweis, wie stark die ostdeutsche Gesellschaft bereit war, die Diktatur gegen neue Heilsversprechen einzutauschen, statt sich ihre Zukunft selbst zu gestalten. Hoffnungen und Erwartungen | 63 Ganz offenkundig hatte der Osten die Schnauze voll von Zukunft. Kaum jemand hatte Lust, erneut auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu warten. Die Zukunft sollte jetzt und heute beginnen. Kanzler Kohl war der gute Onkel aus dem Westen, der die Geschenke verteilen würde. Freiheit hieß für die meisten richtiges Geld zu besitzen. Diese Versprechen waren nicht irrational, reagierten auf das enorme Tempo, das die Menschen einforderten, und vor allem auf die anhaltende Abwanderung in den Westen. Im Prinzip war das eine Situation, in der Kohl als neuer Patriarch agieren musste – selbst wenn er es nicht gewollt hätte. So schien es jedenfalls. Die Wahlversprechen und das Wahlverhalten würden heute vermutlich als Populismus bezeichnet werden. Ja, beides war sehr populär. Zum Zeitpunkt der Wahlen gingen die Menschen im Osten durchschnittlich davon aus, dass es ihnen wirtschaftlich in etwas mehr als sieben Jahren genauso gut gehen würde wie im Westen.24 Kohl hatte fünf Jahre prognostiziert. Ökonomen waren skeptischer. Die meisten gingen von der Jahrtausendwende aus. Nur Pessimisten orakelten, dies würde noch weitaus länger dauern. Gehört hat auf sie kaum jemand. Interessanterweise trauten viele Wählerinnen und Wähler ihrer eigenen Wahlentscheidung nicht richtig. Denn Mitte April 1990 meinten nicht nur 95 Prozent, die Regierungen müssten über die Einheit gleichberechtigt miteinander verhandeln. Das überrascht nun wirklich nicht. Aber drei von vier Wählern sprachen sich für eine Volksabstimmung über die Einheit in beiden deutschen Staaten aus – und zwar drei von vier Wählern in der DDR wie der Bundesrepublik.25 Das deckte das Grundgesetz jedoch nicht ab. Für eine entsprechende Änderung sah kein verantwortlicher Politiker hinreichenden Anlass. Im Frühjahr 1990 blickten achtzig Prozent der DDR-Menschen optimistisch in ihre persönliche Zukunft. Das war angesichts der überwundenen Zustände nicht unerwartet, zeigt aber auch, dass etwa jeder Fünfte pessimistisch war. Etwa zwei Drittel erwarteten, dass ihre (künftige) Arbeit, ihre soziale Sicherheit und ihre materielle Situation gesichert seien.26 Hier existiert eine interessante Differenz zwischen generellem Zukunftsoptimismus und konkreten Er- 1990: das letzte, unglaubliche Jahr der DDR64 | wartungen. Zum einen bezogen viele Menschen ihre optimistische Zukunftssicht nicht auf die Bereiche Arbeit und soziale Sicherheit. Zum anderen wurde die Gruppe jener größer, die dann doch bange nach vorn schaute. Die Ängste der Ostdeutschen fielen eindeutig aus: 85 Prozent fühlten sich von der Umweltverschmutzung bedroht, 83 Prozent durch eine erwartete Zunahme der Kriminalität, 78 Prozent «durch die Zunahme von Egoismus in den Beziehungen der Menschen», 80 Prozent von zunehmender Aggression und Gewalt, fast 70 Prozent von der Verteuerung des Lebens und fast jeder Zweite von drohender Arbeitslosigkeit.27 Diese Werte sagen viel über Wahrnehmungen und Werte, aber auch über verbreitete Bilder der DDR und der Bundesrepublik aus. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist, dass im April 1990 92 Prozent einer «Arbeit», die erfüllt, den mit Abstand größten Wert beimaßen; fast ebenso viele verlangten, das «Recht auf Arbeit» müsse in einer Verfassung verankert werden. Und etwa drei Viertel waren der Ansicht, Frauen sollten nicht aus dem Arbeitsprozess verdrängt werden. Besonders erstaunt ein weiterer hoher Wert: Jeder Vierte gab an, «die Welt nicht mehr zu verstehen», «ratlos» zu sein.28 Nach den Wahlen wäre zu erwarten gewesen, dass die Bürgerinnen und Bürger wieder Vertrauen in die Gewählten und die im Aufbau befindlichen Institutionen entwickelt hätten. Tatsächlich hatte nicht einmal jeder Vierte Vertrauen zum neuen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière; auch bei allen anderen ostdeutschen Politikern überwog bei den Menschen Skepsis oder gar Ablehnung. Allerdings hatte durch die Wahl die Volkskammer einen rasanten Ansehensgewinn verbuchen können: Jeder Zweite vertraute ihr nun. Die wichtigste und stärkste erhobene Forderung an die neuen Regierenden lautete, die soziale Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten (40 %). Die Vergangenheit aufzuarbeiten, wünschten zwei von Hundert, die Probleme der «Dritten Welt» nicht zu vergessen nur einer von Hundert. Die wichtigste Hoffnung lautete: nicht (erneut) enttäuscht zu werden. Das hätten fast einhundert Prozent unterschrieben. 4 | Der Beitritt: alternativlos? Am 13. und 14. Februar 1990 fuhr die demokratisch nicht legitimierte Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow (SED/ PDS) nach Bonn, um offiziell über Fragen der deutschen Einheit zu reden. Von Verhandeln konnte keine Rede sein. Die Regierung von Kanzler Kohl dachte gar nicht daran, der letzten SED-Regierung wenige Wochen vor der ersten freien und demokratischen Wahl in der DDR Schützenhilfe zu leisten. Das war verständlich. Weniger nachvollziehbar war ihr Auftreten gegenüber dieser DDR-Abordnung. Kohl schrieb rückblickend selbst, der Empfang sei kühl ausgefallen.1 Zur Modrow-Regierung gehörten nicht nur SED- und Blockflötenvertreter. Seit 5. Februar 1990 waren auch acht Mitglieder aus der Bürgerbewegung als «Minister ohne Geschäftsbereich» Teil dieser Regierung. Sie sollten, quasi als des Volkes Vertreterinnen und Vertreter, die nichtlegitimierte Regierung von innen kontrollieren. Das funk tionierte nicht. Wie denn auch? Wie hätten acht Personen eine Regierung und deren Verwaltungsapparat kontrollieren können? Ihre Qualifikation bestand in ihren tadellosen Biographien, ihrem mu tigen Widerstand gegen die SED-Diktatur, jedenfalls galt das für Rainer Eppelmann, Gerd Poppe, Wolfgang Ullmann, Sebastian Pflugbeil oder Klaus Schlüter. Tatjana Böhm, Matthias Platzeck und Walter Romberg gehörten zum kritischen gesellschaftlichen Potential in der Spätphase des SED-Regimes. Der Eintritt der Acht in die Modrow-Regierung war heftig umstritten. Legitimierten sie moralisch damit nicht die letzte SED-Regierung? Letztlich war ihr Mittun in dieser «Koalition der Vernunft» Ausdruck einer Konsenssehnsucht, die in der DDR verbreitet war. Entscheidender freilich war die gesellschaftlich zugespitzte Situation Anfang 1990. Die Minister ohne Geschäftsbereich wollten dazu beitragen, dass die wenigen Wochen

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.