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Rassismus in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 229 - 234

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-229

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Rassismus | 229 DDR, die doch alle Internationalisten waren, so isoliert leben mussten. In den letzten fast dreißig Jahren revitalisierte sich der Nationalismus als eine Antwort auf die Herausforderungen durch die Globalisierung. Zuerst staunte die Welt über den Nationalismus in der zerfallenden Sowjetunion und auf dem Balkan. Sie staunte, weil sie zuvor nicht richtig hingeschaut hatte, denn dort war er nie weg gewesen. Der 1989/90 in der DDR aufgebrochene Nationalismus wurde lange Zeit unterschätzt, weil er sich mit Meinungsumfragen allein nicht erfassen lässt. Rassismus Das gilt noch stärker für den Rassismus. Er ist die Erscheinung in Deutschland, die am meisten unterschätzt, am stärksten in Zweifel gezogen wird, die von der historischen Forschung am wenigsten untersucht worden ist. In jedem Raum, in dem über ihn gestritten wird, kommt es zu emotionalen Ausfällen. Kaum jemand würde von sich behaupten, ja, ich bin Rassist. Fast niemand könnte von sich sagen, er habe keinerlei rassistische Tendenzen an sich selbst, geheim, im Verborgenen bemerkt. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich etwa als Acht-, Neunjähriger, also vielleicht 1975, mit meinem Vater in einem Zug von Berlin nach Rostock fuhr. In unserem offenen Abteil saßen wir und sechs Kubaner. Mein Vater kam mit ihnen ins Gespräch, sie waren fröhlich und ich sollte, sagte mein Vater, sie berühren, anfassen, damit ich erlebe, dass ich auch anschließend noch so weiß wie zuvor sei. Ich habe das nie vergessen, alle anderen Zug passagiere in meinem Kinderleben habe ich vergessen. Die Kubaner werden mich sogleich vergessen haben, weil solche rassistischen Übergriffe zu ihrem Alltag zählten. Ich trug jedoch zu ihren Wunden bei, in die ich hineinschlug wie viele andere. Mit rassistischen Begriffen bin ich aufgewachsen, obwohl ich unentwegt wie alle anderen in der Schule oder im Radio hörte, dass Rassismus woanders stattfinde. Das glauben auch heute noch die meisten Wei- ßen. Wenn ich die Augen schließe und ehrlich zu mir bin, fallen mir Ungebrochene Traditionen230 | haufenweise rassistische Begriffe ein, es hört gar nicht auf, wenn ich mich nicht dazu zwinge. Was ich damit sagen will? Das sind jahrhundertealtes Wissen und Diskurse, für die ich nichts kann, in die ich hineingeboren wurde, mit denen ich aufwuchs. Wenn es nur mich treffen würde, wäre es nicht der Rede Wert. Tatsächlich betreffen solche Diskurse und Traditionen alle Gesellschaftsmitglieder. Ein solches Wissen muss «verlernt» werden, ein anstrengender, komplizierter, sehr bewusster und langwieriger Prozess. Viele Begriffe, die uns umgeben, die wir benutzen, haben eine lange koloniale und rassistische Geschichte, die den meisten Menschen nicht geläufig oder auch nur bewusst sind.23 In der deutschen Öffentlichkeit wird zu selten in Frage gestellt, dass «Weißsein» nicht der globale Normalfall ist.24 Wenn man das nicht erlernt, nicht sieht, nicht zu sehen bekommt, bleibt die imaginierte Normalität ein Faktum. Rassismus ist eine Herrschaftsideologie. Sie ist so alt wie die Menschheit. Aristoteles entwickelte eine Theorie der Sklaverei. Sie sei «naturgegeben» und somit gerecht. Die einen seien zum Herrschen, die anderen zum Dienen vorhergesehen. Die Natur habe deswegen Körper und Geist verschieden ausgestattet. Das setzte sich über die Jahrtausende fort. Der europäische Kolonialismus ab dem 16. Jahrhundert benötigte eine Überlegenheitstheorie, um seine Grausamkeiten und Eroberungsfeldzüge zu legitimieren. Mensch liche «Rassen» wurden erfunden. Die Aufklärung machte sich stark – aber nur für Weiße. Der Königsberger Kant führte den «Rasse»- Begriff in Deutschland ein. Er ging noch weiter. Kein Schwarzer habe eine «rühmliche Eigenschaft», sie hätten den Weißen zu dienen. Das gipfelte bei ihm in der Aussage: «Alle racen werden ausgerottet werden (Amerikaner und Neger können sich nicht selbst regiren. Dienen also nur als Sclaven.), nur nicht die Weißen.»25 Hegel erklärte fünf Jahrzehnte später, Afrika habe keine Geschichte, dort lebten nur Geschichtslose. Die «Menschenrassen» wiesen «natürliche Unterschiede» auf, die geographisch und klimatisch bedingt seien.26 Das ließe sich endlos fortsetzen. Die Theorien von Houston S. Chamberlain, dem wichtigsten theoretischen Stichwortgeber Hitlers, standen in einer langen Tradition. Um mit ihr zu brechen, bedarf es einer breiten gesellschaftlichen Aufarbeitung. Dabei müs- Rassismus | 231 sen wir uns überhaupt bewusst werden, worauf sich der Kolonialismus gründete und dass er keine positiven Seiten hatte. Wer davon spricht, legitimiert noch im Nachhinein Völkermord, Verschleppung, Versklavung, Zerstörung. Man sollte nur helfen, ein allgemeingültiger liberaler Grundsatz, wenn man gerufen und nicht mehr weggeschickt wird. Der europäische Kolonialismus zerstörte gewachsene Strukturen, weil sie nicht seinen Vorstellungen entsprachen und damit seine Herrschaft nicht durchsetzbar war. Er vernichtete die Eliten und Führungskräfte und zog neue nach seinem Ebenbild heran. Der formelle europäische Kolonialismus ging erst vor etwa 50, 60 Jahren durch Selbstbefreiungen endgültig zu Ende. Wer heute davon spricht, Europa habe keine Verantwortung für die Gegenwart der einst kolonisierten Gesellschaften, dem sei empfohlen, die ungleich leichteren Probleme der deutschen Wiedervereinigung als Vergleichsfolie eines Transformationsprozesses heranzuziehen. Auch Rassismus galt in der kommunistischen Ideologie als eine Erscheinung früherer Gesellschaften: «Die sozialen Wurzeln des R. sind in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Klassengesellschaft, in der Diskriminierung der Ausgebeuteten und dem Interesse der Herrschenden, die Unterdrückten gegeneinander auszuspielen, zu suchen. Mit der zunehmenden Aggressivität des Imperialismus nach innen und außen bildete sich der R. bis zur vollendeten Perversion aus: bis zur Lobpreisung, der Züchtung einer kampftüchtigen, kriegerischen Rasse, zur Rechtfertigung imperialistischer Kriege, kolonialer Massaker und des innenpolitischen Terrors gegen die Arbeiterklasse und fortschrittliche Kräfte anderer sozialer Schichten.»27 Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus galten als Vehikel einer überwundenen Zeit, die zugleich in der Bundesrepublik fortbestand. Die Betrachtung von Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus erfolgte nicht nur unter diesen theoretischen Maßgaben, zugleich blieb sie auf Strukturen konzentriert. Die geistesgeschichtlichen Wurzeln blieben unberücksichtigt. Die Heroen und Klassiker der Arbeiterbewegung wurden ebenfalls nicht hinterfragt. Kratzer am Lack waren unerwünscht. In der «Erinnerungsabwehr», wie Adorno das nannte, trafen sich Ost- und Westdeutschland. Der Ungebrochene Traditionen232 | Kolonialismus wurde als Bedingung für aktuelle Probleme ausgeklammert.28 Die Bekämpfung von «Ausländerfeindlichkeit», das Engagement von vielen gegen die Taten weniger, verdeckt die tiefe Verstrickung der Gesellschaft in einen jahrhundertealten rassistischen Diskurs. Das beste Beispiel dafür ist die Sprache. Sie ist der Träger von Wissen und Mentalität, bewusst und noch viel mehr unbewusst. Seit Jahr und Tag ist zu beobachten, wie sich weite Teile der Gesellschaft gegen eine nichtrassistische, nichtdiskriminierende Sprache heftig zu wehren suchen. Das nimmt oft absurde Züge an. So werden einzelne rassistische Worte in «Pippi Langstrumpf» verteidigt, obwohl der Kinderbuchklassiker in Deutschland «nur» eine Übersetzung ist und Übersetzungen unentwegt Kunstwerke neu erfinden. Hinzu kommt in diesem Fall, dass Pippi die Erste wäre, die heute eine solche Sprache nicht mehr spräche. Bücher, Kinderbücher zumal, prägen, verbreiten Wissen. Die Bibel gibt es in Jugendsprache, kaum jemand hat Märchen im (deutschen) Original vorgelesen bekommen, Dostojewski oder Shakespeare werden immer wieder neu übersetzt. Aber an Pippi entbrennt ein Kulturkampf? Viktor Klemperer sprach in seiner «LTI» davon, dass Sprache wie winzige Arsendöschen töten könne: «sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da».29 Der Hass auf diskriminierungsfreie Sprache ist eine Arsenbombe. Jürgen Osterhammel wies darauf hin, wie notwendig eine «Dekolonisation der Kolonisierer» sei,30 um ein entkolonialisiertes Bewusstsein zu ermöglichen. Alexander Gauland steht dafür, den «Schuldkomplex» der Deutschen überwinden zu wollen. Er bezieht sich dabei auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Björn Höcke findet dafür meist noch drastischere Formulierungen. Er bezieht auch den Kolonialismus ein. Die postkommunistischen Gesellschaften hätten keinen «kolonialistischen Schuldkomplex», anders als die Westeuropäer.31 Ostdeutsche haben überwiegend kein Bewusstsein für den Kolonialismus, das stimmt. Viele Westdeutsche auch nicht. Und die meisten Europäerinnen und Europäer ebenfalls nicht. Völkische Bewegungen stießen in Ostdeutschland auf eine im Ganzen unverarbeitete Geschichte, die es ihnen erlaubte, viel stärker Rassismus | 233 als im Westen in der Mitte der Gesellschaft zu siedeln. Im Westen war diese Kolonialgeschichte auch unverarbeitet geblieben, aber hier war sie tabuisiert worden. Die bürgerliche Mitte, und nicht nur diese, wusste, «was sich gehört». Die Enttabuisierung öffentlicher Debatten in Ostdeutschland ab Herbst 1989 war einerseits eine große Errungenschaft. Andererseits fehlten nun soziale und politische Autoritäten, die als Korrektive Grenzen der Meinungsfreiheit hätten aufzeigen können  – nämlich dann, wenn Sprache in Gewalt(sprache) umschlägt. «Man wird ja wohl noch sagen dürfen» ist nichts weiter als das bewusste Aussprechen einer Diskriminierung. Da ging der Osten dem Westen einige Schritte voraus: Enttäuschungen, soziale Verwerfungen und Demütigungen, historische Prägungen und eine unaufgearbeitete Vergangenheit. Die DDR-Vergangenheit und die Vereinigungsgeschichte spielen dabei eine wichtige Rolle, viel ältere Traditionen des Rassismus, Illiberalismus und Nationalismus aber nicht minder. Die historischen Erblasten wirkten in Ostdeutschland weitaus schwerwiegender und nachhaltiger fort, als noch Anfang der 1990 er Jahre prognostiziert wurde. Überraschend dabei ist immer wieder die Beobachtung, dass in vielen gesellschaftlichen Erscheinungen der Osten gerade nicht dem Westen nacheiferte, sondern letztlich eine Entwicklung einschlug, der der Westen mit größerer zeitlicher Verzögerung folgte. Die Gründe dafür zu suchen, ist nicht einfach, aber gewiss sind ökonomische und soziale Ursachen dafür neben den historisch fehlenden Traditionen zu berücksichtigen. Letztlich wirkten sich Modernisierung, neoliberale Tendenzen und Folgen der Globalisierung in Ostdeutschland schneller und umfangreicher aus als in westlichen Regionen, die sich anders als Ostdeutschland nicht nur auf einem gewachsenen Boden, sondern auch in einem sozial abgesicherten, kulturell weniger verunsicherten Umfeld entwickeln konnten. 11 | Politisch ein anderes Land? Der unverstandene Osten Wenn Demoskopen seit 1990 in den ostdeutschen Bundesländern danach fragten, ob die Demokratie ein wichtiger Wert sei, dann lag die Zustimmung zwar immer signifikant unter der im früheren Bundesgebiet. Aber gleichwohl bejahten durchgängig mehr als zwei Drittel der Ostdeutschen die Frage. Besonders hoch jedoch fiel die Zustimmung 1990 aus: 88 Prozent der Ostdeutschen sahen die Demokratie als sehr wichtig an. Dieser Wert fiel sehr rasch nach den ersten Transformationsschocks und lag 1995 nur noch bei 66 Prozent. Um die Jahrtausendwende war er wieder auf über 80 Prozent Zustimmung angewachsen, fiel dann aber bald wieder ab auf 62 Prozent und hat sich dann bei etwa 70 Prozent stabilisiert.1 Zwei andere Werte sind interessanter: Mit dem Zustand der Demokratie war bis auf die Zeit um die Jahrtausendwende fast immer etwa die Hälfte der Gesellschaft unzufrieden. Und während noch 1990 60 Prozent hohe Erwartungen an die Demokratie richteten, fiel dieser Wert in den nachfolgenden Jahren dramatisch ab. Etwa die Hälfte erwartet keine Veränderungen und seit Mitte der 1990 er Jahre rund ein Drittel Verschlechterungen. Und dabei haben sich stets mindestens zwei Drittel der Gesellschaft als politisch interessiert bezeichnet. Was für eine Demokratie, was für eine Politik, so drängt sich die Frage auf, meinen sie eigentlich?

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.