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Zwischen 1989: Hoffnungslosigkeit und 1990: Hoffnungen in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 264 - 266

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-264

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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12 | Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt: Zusammenfassung und Ausblick Zukunft beginnt in der Vergangenheit. Prognosen über die gesellschaftliche Zukunft hatten schon immer Hochkonjunktur, auch in Deutschland.1 Ihre überwiegend zuverlässigen Fehleinschätzungen hängen wohl mit dem Umstand zusammen, dass kein Individuum und kein Konsortium komplexe Gesellschaftsvoraussagen treffen kann. Im Einzelnen lassen sich realistische Zukunftsszenarien entwickeln, im Ganzen eher nicht. Gegenwärtig erscheinen dabei Dystopien wahrscheinlicher als Utopien. In 25 Jahren könnte es genau andersherum sein. Und in fünfzig Jahren wird man feststellen, dass weder die eine noch die andere – zum Glück – eingetreten ist. Zwischen 1989: Hoffnungslosigkeit und 1990: Hoffnungen In das Jahr 1989 gingen die meisten Ostdeutschen hoffnungslos, ohne Hoffnung, dass sich bald etwas ändern würde. Nur eine kleine Minderheit engagierte sich für Veränderungen. Eine größere Minderheit war so hoffnungslos, dass sie wegging, flüchtete und große Gefahren für das eigene Leben in Kauf nahm. Von diesem Staat war nichts zu erwarten, so der weitverbreitete Tenor. Und weil die meisten Menschen traditionell so stark auf den Staat orientiert waren, erwarteten sie auch nichts von sich selbst. Am Ende des Jahres war die Überraschung, Freude schier grenzenlos  – die Hoffnungslosigkeit hatte sich in pures Glück verwandelt, für die absolut meisten Menschen ohne eigenes Zutun. Die Gesellschaft ging dementsprechend in das Jahr 1990 und die folgende Wiedervereini- Zwischen 1989: Hoffnungslosigkeit und 1990: Hoffnungen | 265 gung – ganz anders als ins Jahr 1989 – mit sehr hohen Erwartungen. Wieder waren diese gespeist aus dem traditionellen Blick auf den Staat. Dieser neue Staat versprach auch das Blaue vom Himmel herunter: «DM», «blühende Landschaften», «niemandem wird es schlech ter ergehen»  – die Hochglanzkataloge der Versandhäuser und das Westwerbefernsehen schienen nicht mehr nur Schaufensterversprechen zu sein, sondern alsbald Lebensrealität. Der bundesdeutsche Staat und seine Regierungsmannschaft um Kohl würden dafür sorgen. Die gesamte ostdeutsche Gesellschaft war nun – anders als noch 1989 – gefordert und eingespannt. Für alle änderte sich alles. Die kaum Grenzen kennenden Hoffnungen bargen einen sehr hohen Enttäuschungsfaktor bereits in sich. Für viele Ostdeutsche wurde der Westen zum Glück, zum Erfolg, zum erträumten oder wenigstens erwarteten Leben in Freiheit und Wohlstand. Für viele andere trat das nicht ein. Sie wurden tief enttäuscht, nicht nur, weil sie überspannte Erwartungen gehegt hatten, sondern weil sie gar keine Chance bekamen, ein Leben jenseits staatlicher Alimentierungen zu entfalten. Und viele Gruppen wurden enttäuscht: Opfer der Kommunisten, weil sie der Rechtsstaat nicht gebührend zu würdigen und entschädigen wusste. Treue SED-Systemgänger, weil sie sich benachteiligt und gedemütigt vorkamen. Arbeiter, weil sie keine Arbeit mehr fanden. Kinder, weil ihre Eltern abwesend schienen. Wissenschaftler, weil ihr Wissen niemand mehr zu benötigen schien. Bauern, weil die Landwirtschaft ohne sie auskam. Bürgerrechtler, weil die Bürger ihren Rat und ihr Engagement nicht würdigten, nicht benötigten. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Ostdeutschland erscheint wie vor 1989 als eine stark fragmentierte, tief gespaltene, in sich zerrissene und zerstrittene Gesellschaft. Der Normalfall menschlicher Gesellschaften, keine Frage, aber auch ein Problemfall, wenn eine solche Gesellschaft in die Zukunft aufbricht. Wünschenswert wäre eine Gesellschaftsaussprache: Woher  – wohin? Niemand hat dafür Zeit, Ressourcen, Kraft. Die Milieus reden und denken aneinander vorbei. Typisch ostdeutsch? Mitnichten. Die zunehmende Globalität zerstückelt und zerreißt die Welt immer mehr. Das Nationale, Regionale, Lokale nimmt stetig an Bedeutung zu, als Reaktion auf die Globalisierung. Sie macht gesellschaftliche Zugehörigkeiten, Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt266 | Identitäten, Empathie immer komplizierter, vielleicht sogar im Kern unmöglich – und produziert so Grenzen, Nationalismus, Ab- und Ausgrenzungen, Ungerechtigkeiten und weltweit wirkende totalitäre Anmaßungen wie dauerhafte Verfügbarkeit, Erreichbarkeit, Geld als Werteideologie oder Besitz als Statussymbol mehr als jemals in der Weltgesellschaft zuvor. Werden wir in der Zukunft feststellen müssen, dass die Globalisierung die Welt nicht kleiner, sondern fragmentierter, in der angestrebten Totalität tatsächlich erstmals totalitär im Sinne von Orwell oder Huxley oder Samjatin werden ließ? Zukunftsvisionen für Ostdeutschland Anfang der 1990 er Jahre Vor knapp dreißig Jahren gab es viele Zukunftsvisionen. Kohl träumte von blühenden Landschaften. Er sollte Recht behalten, nur ganz anders als er und seine Gefährten es gedacht hatten. Ostdeutschland ist nicht wiederzuerkennen. Das Antlitz der Städte, Dörfer und der Landschaft hat sich in einem Maße verändert, ge radezu sensationell verbessert, das auch rückblickend kaum als vorstellbar erscheint. Der Kanzler dachte jedoch nicht nur an blühende Landschaften im Wortsinne, sondern im übertragenen Sinne meinte er damit Industrie und Wirtschaft. Das hat nicht hingehauen. Und wie steht es mit seiner Aussage, niemandem im Osten werde es schlechter gehen? Auch da gibt es keine pauschalen Antworten. Die meisten Menschen im Osten geben an, mehr gewonnen als verloren zu haben. Einige, wie der Autor dieser Zeilen, sagen, sie haben überhaupt nur hinzugewonnen und überhaupt gar nichts verloren. Und eine dritte Gruppe sagt, sie habe mehr verloren als hinzugewonnen. Dass jemand sagt, er habe nur verloren und gar nichts gewonnen, kommt statistisch gesehen schon lange nicht mehr vor. Die Antworten hängen wesentlich von dem Wertehorizont ab – und von den eigenen Lebensumständen. Je jünger die Erwachsenen in den Zeiten des Umbruchs 1989/90 waren, je weniger beklagten sie später Verluste. Und das ist auch ganz logisch, wenn man sich anschaut, wie die Übernahme Ostdeutschlands verlief. An der Frage des Alters hingen

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.