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Aufarbeitung und Wissenschaft in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 202 - 205

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-202

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Das zweite Leben der Stasi202 | Aufarbeitung und Wissenschaft Eine beträchtliche Distanz zu Erinnerungen und Erfahrungen weist naturgemäß auch die wissenschaftliche Erforschung der ostdeutschen Geschichte auf. Die ist in diesem Fall systemisch angelegt. Zeitgeschichte produziert keine Werke, in denen sich der Einzelne abgebildet wiederfinden soll. Die individuelle Erfahrung geht in der kollektiven Erfahrung und der gesamtgesellschaftlichen Rekonstruk tion auf, präziser wohl: unter. Das provoziert Konflikte. Die ersten Konflikte begannen 1989/90, als jüngere Wissenschaftler das DDR-Wissenschaftssystem und seine Repräsentanten in Frage stellten. Die heftigsten Debatten gingen um die DDR-Geschichtswissenschaft.11 Sie sind noch verschärft worden, als die gesamte Historiographie im Osten neu aufgebaut worden ist. Das Ergebnis war überraschend: An allen Schalthebeln der Macht in der Zeitgeschichte saßen nach kürzester Zeit Westdeutsche. Andere Biographieverläufe waren nicht vorgesehen. Keine einzige Professur für Zeitgeschichte, kein einziges Institut für Zeitgeschichte, keine maßgebliche Forschungsstelle für Zeitgeschichte wurden von einem Ostdeutschen geleitet. Ich kann mich noch gut erinnern, als es in der vom Berliner Senat eingesetzten Struktur- und Berufungskommission Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, dessen Mitglied ich war, 1991/92 darum ging, das Institut neu aufzubauen und auch eine Professur für Zeitgeschichte einzurichten. Ich forderte eine Professur für DDR-Geschichte. Mein Argument war so einfach wie schlicht: Berlin als Schnittstelle zwischen Ost- und Westeuropa müsse zum Zentrum der Historischen Kommunismusforschung werden. Da dies erst allmählich aufgebaut werden könne, müssten wir hier mit einer DDR- Professur beginnen. Mir wurde entgegengehalten, es sei nicht zeitgemäß, die DDR aus der deutschen Geschichte weiter zu separieren. Das sah ich irgendwie ein und forderte, dann müssten wir eine Professur für Kommunismusgeschichte einrichten. Mir wurde entgegengehalten, dass würden die beiden Professuren für Osteuropa und Ostmitteleuropa mitübernehmen (was sie dann beide übrigens nicht taten). Ausgeschrieben wurde eine «Professur für Zeitge- Aufarbeitung und Wissenschaft | 203 schichte (unter besonderer Berücksichtigung der DDR-Geschichte)». Außer Hermann Weber, der die Kommission beriet und kurz vor der Emeritierung in Mannheim stand, bewarb sich alles aus Ost und West, was Rang und Namen hatte. Doch die Professur bekam der amtierende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte aus München. Er musste versorgt werden, weil er nicht Direktor in München werden sollte nach dem Tod von Martin Broszat. Dafür war er offenbar noch nicht gewichtig genug – für eine Professur an der berühmtesten deutschen Universität reichte es. Das Problem war aber ein ganz anderes: Er hatte sich noch nie mit der DDR-Geschichte befasst. Ich sagte das in der Kommission auch. Mir wurde entgegengehalten, das würde er schon hinbekommen, er würde einen starken Forschungsschwerpunkt aufbauen. Es war die einzige Berufungsentscheidung, die in der Kommission nicht einstimmig ausfiel. Bis zu seiner Pensionierung 2009 blieb er seinen bisherigen Forschungs- und Lehrinteressen treu  – die DDR kam bei ihm nicht vor.12 Gerhard A. Ritter, dem Leiter der Kommission, der mir zum väterlichen Freund wurde und mit dem ich bis zu seinem Tode eng verbunden blieb, hat mir in vielen Gesprächen in den nachfolgenden Jahren immer wieder gesagt, dass er das sehr bedauere und enttäuscht sei, dass diese Professur nicht zu dem wurde, was wir geplant hatten. Erst seit 2009 ist eine Professur an der Humboldt-Universität zu Berlin verankert, in der die DDR-Geschichte einen Schwerpunkt bildet. An einer anderen Professur steht die Geschichte des Kommunismus in der Sow jetunion seit 2002 im Mittelpunkt. Ostdeutsche sind die Lehrstuhlinhaber natürlich keine. 2014 übernahm aber an der Viadrina in Frankfurt an der Oder Claudia Weber, sie ist eine Ostdeutsche (Jahrgang 1969), eine Professur für Europäische Zeitgeschichte. Ihre Lehr- und Forschungstätigkeit umfasst aber bislang nicht die Kommunismus-Geschichte nach 1945. Vielleicht ist da etwas in Bewegung geraten. Es wäre zu begrüßen, würden künftig in der historischen Forschung und Lehre mehr Ostdeutsche als bislang führend vertreten sein. Auch wenn etwa in Leipzig die DDR-Geschichte stärker als anderswo in der Lehre vertreten war, warum gibt es keine Lehrstühle für DDR- oder Kommunismusgeschichte? Dabei ist noch nicht ein- Das zweite Leben der Stasi204 | mal die Frage aufgeworfen, warum die DDR-Geschichte eigentlich fast nur in Ostdeutschland vorkommt. Was hat das für Auswirkungen auf die künftigen Lehrerinnen und Lehrer und ihren Geschichtsunterricht? Kein einziges Argument gegen solche Lehrstühle zieht. An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es eine Professur für die Geschichte Aserbaidschans. In Bayern gehören zum unverzichtbaren Curriculum eines künftigen Geschichtslehrers Kurse in bayerischer Landesgeschichte. Und auf den bayerischen Lehrstühlen sitzen fast durchweg – und zwar schon immer – Personen, die in Bayern geboren wurden und dort studierten. DDR-Geschichte ist keine Landesgeschichte, aber sie ist es auch. An fast jeder Universität existiert zudem ein Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Geschichte des Nationalsozialismus. Am Zuschnitt kann es also auch nicht liegen. Die Forderungen nach Lehrstühlen für DDR-Geschichte und Kommunismusgeschichte stehen seit dreißig Jahren im Raum, sie werden ständig erneuert, sie werden wahrscheinlich auch künftig unerfüllt bleiben, weil die Lobby dafür stetig an Kraft verliert. («Wie man hört», plant allerdings eine Mäzenin einen Lehrstuhl für DDR- und Kommunismusgeschichte zu stiften und sucht dafür eine Universität, die ihn tragen würde.) Aber nicht nur in Universitäten, auch in fast allen anderen zeithistorischen Einrichtungen mit überregionaler Bedeutung gibt es keine Ostdeutschen in wissenschaftlichen Führungspositionen: Die Geschäftsführerin der Stiftung Aufarbeitung, Anna Kaminsky, und der langjährige Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig des Hauses der Geschichte, Rainer Eckert (1997 – 2015), bilden Ausnahmen. Die Unterrepräsentanz Ostdeutscher in der professionellen Erforschung ihrer eigenen Geschichte folgt der erwähnten Elite- und Führungskräfteauslese. Hier erscheint die Leerstelle besonders eklatant und absurd und vor allem unnötig. Wieder ist zu fragen, was es gesellschaftlich bedeutet, wenn die noch Lebenden und ihre Nachfahren die Vergangenheit ausschließlich von Eliten erzählt bekommen, die keinerlei Schnittmengen mit ihren Erfahrungs- und Er lebniswelten aufweisen? Längst haben sich junge Ostdeutsche zusammengefunden, die erstaunt in den 2000 er und 2010 er Jahren in Sydney und Lima, in London, Barcelona, Stuttgart und Mexiko, in Die Zukunft der Aufarbeitung | 205 Bologna, New York, Johannesburg und Stockholm ihre Herkunft entdeckten, neu entdeckten, wiederentdeckten. Diese «Dritte Generation Ost», wie sie sich selbst nennen, fragt nicht nur, wohin, sondern auch, woher.13 Es sind die Kinder jener Erwachsenen, die als Eltern und Großeltern nach 1990 oftmals nicht so zur Verfügung standen, wie sie es sich selbst gewünscht hätten. Beschäftigt mit dem turbulenten Umbruch und den mannigfaltigen Neuorientierungen, Enttäuschungen und Hoffnungen, Neuanfängen und Rückschlägen konnten so manche Erwachsene ihren Kindern keine Orientierungen, keinen Halt bieten – weil sie das selbst nicht hatten. Vergangenheitsbetrachtungen sind nicht, wie ausgerechnet Stefan Heym mutmaßte, da, um sich von der Gegenwart abzulenken.14 Seine Kritik aber nahm ein Unbehagen auf, dass sich schon frühzeitig artikuliert hatte.15 Die Zukunft der Aufarbeitung Die Bilanz nach fast dreißig Jahren Aufarbeitung fällt zwiespältig aus. Auch für die DDR-Geschichte ist zu beobachten, was Voltaire 1737 festhielt: «Sprecht Ihr mit einem holländischen Bürgermeister über die Aufhebung des Edikts von Nantes, so ist es eine unkluge Willkürherrschaft; befragt Ihr einen Minister des französischen Hofes, so ist es weise Politik.»16 Der Diskurs über die DDR fiel in zwei Großgruppen auseinander, die miteinander kaum redeten, dafür heftig übereinander herzogen. Die eine verteidigte öffentlich die DDR mehr, als sie es untereinander am Biertisch wohl tatsächlich tat – sie malte alles weiß. Und die andere geißelte noch den Kindergartennachttopf als ideologische Umerziehungsmaßnahme. Diese Schwarzseher hefteten sich zudem mit immer größerem Abstand zu 1989/90 eine historisch wachsende Widerstandsfähigkeit in der Diktatur an. Für die berühmten Grautöne, woraus Geschichte nun einmal vorrangig besteht, war wenig Platz in dieser Gemengelage. Der Aufarbeitungsprozess selbst erfuhr, was wir auch allgemein immer beobachten können: Temporäre Prozesse verselbständigen sich, auf Zeit angelegte Institutionen beanspruchen Bestandswahrung, ver-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.