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Das Unverständnis für Ostdeutschland in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 146 - 148

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-146

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Tabula rasa: die soziale Katastrophe146 | erst zurückliegenden Vergangenheit ist eine grenzen- und zeitlose Erscheinung.9 Das Unverständnis für Ostdeutschland Für Ostdeutschland kam nun aber hinzu, dass der Westen oder Ostdeutsche wie ich dieser Rückbesinnung verständnislos und ablehnend gegenüberstanden. Ignorant und arrogant wurde nämlich missachtet, dass die Ostdeutschen mit dem Untergang der DDR-Arbeitsgesellschaft auch einen Großteil ihrer Lebenszusammenhänge und -organisationsformen, sprich ihrer Lebenskultur und -qualität verloren hatten. Die Lebensqualität messen Wissenschaftler, Politikerinnen und Journalisten fast durchweg an Kennziffern: Wie sind die Haushalte technisch ausgestattet? In welchem Verhältnis stehen Einkommen und Ausgaben? Kommt es zur Kapitalbildung und, wenn ja, wie? Wohin reisen die Menschen? Solche Fragen sind wichtig, weil sie den meisten Menschen wichtig sind, und solche Kennziffern können gut zeigen, wie viele nicht teilhaben können. Der Osten holte im Konsum wahnsinnig schnell auf – 1992 sah es in ostdeutschen Wohnzimmern im Prinzip so aus wie in westdeutschen, vielleicht nur einen Tick moderner, weil gerade erst alles angeschafft worden war. Das Problem: Wenn man erst einmal alles hat, was man glaubt zu benötigen, ist man auch nicht glücklicher, weil man den vorherigen Zustand schneller vergisst, als die neuen Geräte kaputtgehen oder veraltet sind – und dies geht bekanntlich ziemlich schnell. 1966 hielt Erich Fromm einen Vortrag unter dem Titel: «Die seelischen und geistigen Probleme der Überflussgesellschaft.» Er spricht schon damals vom passiven, leeren, ängstlichen, isolierten und gelangweilten Menschen. Er nennt diesen Menschen den homo consumens, für den gelte: «Weil ihr keine Freude gehabt habt in der Mitte des Überflusses, deshalb seid ihr keine glücklichen Menschen» (5. Mose 28,47). Nur mit der Kapitalbildung kam der Osten nicht hinterher – bis heute gibt es hier kaum Kapital. In Ostdeutschland fällt das Nettovermögen der Privathaushalte (23 400 Euro) etwa dreimal geringer Das Unverständnis für Ostdeutschland | 147 aus als in Westdeutschland (60 300 Euro). Die Schere zu Nordwestdeutschland (74 300 Euro) und Süddeutschland (139 800 Euro) ist noch größer.10 Im Westen wird durchschnittlich viermal so viel vererbt wie im Osten; Erbschaften im Wert von mehr als 100 000 Euro nehmen im Westen einen Anteil von etwa 20 Prozent ein, im Osten rund sieben Prozent. Vermögen über 500 000 Euro werden im Osten fast gar nicht vererbt. Der ostdeutsche Anteil an den jährlichen 250 Milliarden Euro, die in Deutschland weitergegeben werden, liegt unter drei Prozent.11 Das hängt wiederum mit der ungleichen Verteilung der Unternehmen zusammen, die sich freilich auch in Westdeutschland nur in der Hand weniger befinden, die sehr viel vererben. Solche Zahlen versinnbildlichen bestehende materielle Unterschiede und Annäherungen. Nachdem in jedem Haushalt die modernste Technik hingestellt, die Möbel ausgetauscht, die Kleidung der neuesten Mode angepasst worden war, blieb die Sinnfrage. Sie wurde nicht mehr wie im Staatsbürgerkundeunterricht beantwortet, erschöpfte sich aber auch nicht in der Aufzählung, was man sich alles hatte leisten können. Die westliche Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft mag darin ihre Erfüllung finden, das soziale Wesen Mensch ganz überwiegend nicht. Amokläufer haben fast nie einen festen und engen sozialen Zusammenhalt, «beste Freunde», in denen und mit denen sie leben. Gesellschaftliche Vereinsamung ist ein Massenphänomen ausgerechnet in der «Erlebnisgesellschaft», im Zeitalter der neuen sozialen Medien, zu deren Schlagworten «Freundschaftsanfrage» und «likes» zählen. Eine irre Welt, die sich kein Huxley, kein Orwell, kein Samjatin, keine Atwood hatte ausdenken können. Die Ostdeutschen wuchsen da nicht wie andere einfach hinein – oder nicht nur: Sie kamen nicht aus der westlichen Moderne, die sich seit den 1960 er Jahren in einem Umgestaltungsprozess befand, wie wir heute sagen und wissen. Die Ostdeutschen kamen aus ihrer sozialen Rundumversorgung – keiner sozialen Hängematte! – mit einer eigens dafür ausgeprägten Sozialmentalität, die nicht nur in scharfem Kontrast zum westlichen Magnetfeld (anziehend und abstoßend gleichermaßen), sondern ebenso im scharfen Kontrast zur digitalen und globalisierten Weltgesellschaft stand und steht. Tabula rasa: die soziale Katastrophe148 | Das Beschäftigungsproblem Der unerwartete Abschied von der ostdeutschen Arbeitsgesellschaft bedeutete einen scharfen Strukturbruch. Am offenkundigsten war er ablesbar an den Beschäftigungszahlen. Die Arbeitslosigkeit überstieg im Osten die im Westen seit 1992 konstant um das Doppelte. Im Osten war Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten bis 1989/90 ein Thema, das die Menschen nur aus dem Fernsehen kannten. «Den Ostdeutschen ist eine Gewißheit genommen, auf die sie ihr Leben gegründet hatten.»12 Jahrelang hatten sie auch im Westfernsehen hören können, dass «wer arbeiten will, auch eine Arbeit kriegt» – viele Ostdeutsche hatten das geglaubt, bis es sie selbst traf. Relativ rasch, bis 1992/93, war ein Drittel der Erwerbstätigen, die noch 1989 im Osten gearbeitet hatten, vom Arbeitsmarkt verschwunden. 1993 waren im Osten knapp 16 Prozent als arbeitslos gemeldet (1,15 Millionen Menschen, im Westen betrug die Quote damals 8,2 Prozent). Im Jahr 2000 betrug der Anteil im Osten knapp 19 Prozent (1,36 Millionen, im Westen 8,7 Prozent), im Jahr 2005 hatte er seinen Höchststand mit 20,6 Prozent erreicht (im Westen 11 Prozent). Seither nimmt die Arbeits losenzahl kontinuierlich ab und fiel 2014 erstmals unter zehn Prozent. Gegenwärtig liegt sie nur noch bei etwa sechs Prozent (Westen 4,5 Prozent). Die Erwerbszahlen im Osten blieben jedoch in den 1990 er Jahren konstant bei etwa 6,6 Millionen, dann nahmen sie bis 2007 um fast fünf Prozent ab. Seit 2007 nahm im Bundesdurchschnitt die Zahl der Erwerbstätigen kontinuierlich zu, absolut um über fünf Millionen Menschen. An diesem kräftigen Aufschwung war Ostdeutschland jedoch nicht einmal ansatzweise adäquat beteiligt. Hier hielt sich seither die Anzahl der sozialversicherten Arbeitsplätze mit einer leichten Wachstumstendenz konstant, die immer noch nicht die Anzahl von 1995 wieder erreicht hat! Diese Realität gerät aus dem Blick, wenn man sich einseitig auf den Rückgang der Arbeitslosenquote bezieht. Diese Zahlen deuten eine Dramatik an, die damit längst nicht erschöpft ist. Fast auf einen Schlag ging ein Drittel aller Arbeitsplätze verloren. Und fast zwanzig Jahre lang war jeder Fünfte arbeitslos.

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.