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Das Beschäftigungsproblem in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 148 - 150

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-148

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Bibliographic information
Tabula rasa: die soziale Katastrophe148 | Das Beschäftigungsproblem Der unerwartete Abschied von der ostdeutschen Arbeitsgesellschaft bedeutete einen scharfen Strukturbruch. Am offenkundigsten war er ablesbar an den Beschäftigungszahlen. Die Arbeitslosigkeit überstieg im Osten die im Westen seit 1992 konstant um das Doppelte. Im Osten war Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten bis 1989/90 ein Thema, das die Menschen nur aus dem Fernsehen kannten. «Den Ostdeutschen ist eine Gewißheit genommen, auf die sie ihr Leben gegründet hatten.»12 Jahrelang hatten sie auch im Westfernsehen hören können, dass «wer arbeiten will, auch eine Arbeit kriegt» – viele Ostdeutsche hatten das geglaubt, bis es sie selbst traf. Relativ rasch, bis 1992/93, war ein Drittel der Erwerbstätigen, die noch 1989 im Osten gearbeitet hatten, vom Arbeitsmarkt verschwunden. 1993 waren im Osten knapp 16 Prozent als arbeitslos gemeldet (1,15 Millionen Menschen, im Westen betrug die Quote damals 8,2 Prozent). Im Jahr 2000 betrug der Anteil im Osten knapp 19 Prozent (1,36 Millionen, im Westen 8,7 Prozent), im Jahr 2005 hatte er seinen Höchststand mit 20,6 Prozent erreicht (im Westen 11 Prozent). Seither nimmt die Arbeits losenzahl kontinuierlich ab und fiel 2014 erstmals unter zehn Prozent. Gegenwärtig liegt sie nur noch bei etwa sechs Prozent (Westen 4,5 Prozent). Die Erwerbszahlen im Osten blieben jedoch in den 1990 er Jahren konstant bei etwa 6,6 Millionen, dann nahmen sie bis 2007 um fast fünf Prozent ab. Seit 2007 nahm im Bundesdurchschnitt die Zahl der Erwerbstätigen kontinuierlich zu, absolut um über fünf Millionen Menschen. An diesem kräftigen Aufschwung war Ostdeutschland jedoch nicht einmal ansatzweise adäquat beteiligt. Hier hielt sich seither die Anzahl der sozialversicherten Arbeitsplätze mit einer leichten Wachstumstendenz konstant, die immer noch nicht die Anzahl von 1995 wieder erreicht hat! Diese Realität gerät aus dem Blick, wenn man sich einseitig auf den Rückgang der Arbeitslosenquote bezieht. Diese Zahlen deuten eine Dramatik an, die damit längst nicht erschöpft ist. Fast auf einen Schlag ging ein Drittel aller Arbeitsplätze verloren. Und fast zwanzig Jahre lang war jeder Fünfte arbeitslos. Das Beschäftigungsproblem | 149 Wie tiefgreifend der soziale und ökonomische Umbruch war, verdeutlicht allerdings erst die Angabe, dass von den 1989 im Erwerbsleben stehenden Beschäftigten im November 1994 nur noch 25 Prozent in der gleichen Institution arbeiteten und nur 18 Prozent trotz Betriebswechsels ununterbrochen erwerbstätig waren.13 Doch damit immer noch nicht genug: Ganze Jahrgänge der über 55-Jährigen tauchen in den Statistiken gar nicht auf. Sie sind mit Vorruhestandsregelungen in die Rente geschickt worden – aus der Arbeitsgesellschaft ins: Nichts. Das betraf 98 (!) Prozent der Frauen und Männer, die 55 Jahre oder älter waren.14 Die Arbeitslosenzahlen waren aber nicht nur geschönt, weil sie die de facto Arbeitslosen nicht komplett erfasste. Hinzu kamen wie oben bereits erwähnt Kurzarbeit (meist «null» bis zur endgültigen Entlassung), Umschulungsmaßnahmen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, beides einen zweiten Arbeitsmarkt bildend, um den kapitalistischen Crash mit der sozialistischen Planwirtschaft abzumildern. Die ABM- und Umschulungsmaßnahmen betrafen Hun derttausende – Hoffnungen auf eine spätere Arbeitsplatzvermittlung wurden genährt, für kaum zehn Prozent erfüllten sie sich. Zur Arbeitslosigkeit kamen vielfache sinnlose Schulungsmaßnahmen hinzu. Der neue Staat trat seinen neuen Bürgern millionenfach als sinnlose Steuerungs- und Regelungsinstanz gegenüber, die das Nichts verwaltete. Er wurde als Feind wahrgenommen. Zwar trat der Staat ihnen direkt meist in Form ostdeutscher Staatsangestellter und nicht der aus dem Westen herbeigeholten «Aufbauhelfer» entgegen, in der Wahrnehmung vieler Ostdeutscher machte das kaum einen Unterschied – sie mussten eine Rolle annehmen, die sie bislang nicht kannten: arbeitslos um sozialen Beistand betteln. So zumindest sahen sie es, nicht als ein gesetzlich verbrieftes Recht im Sozialstaat, das sie in Anspruch nähmen. Woher hätten sie diese soziale Rechtstradition auch kennen können? Durch den zweiten Arbeitsmarkt blieb die soziale Grundsicherung durch den Staat (Sozialhilfe und andere Hilfen) auf dem West-Niveau. Auch in der Gegenwart bezieht in Ost- wie Westdeutschland durchschnittlich jeder Zehnte Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. Tabula rasa: die soziale Katastrophe150 | Die kulturelle Ausgrenzung Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft war vielleicht sogar nur ganz am Ende der Zusammenbruch eines Wirtschaftssystems. Für Millionen bedeutete es einen Zusammenbruch der Lebenskultur. Es war in den 1990 er Jahren für Ostdeutsche schon ein Kunststück, weder arbeitslos noch in eine ABM- oder Umschulungsmaßnahme gesteckt noch aus dem Arbeitsmarkt ganz ausgegliedert worden zu sein oder – die mildeste Variante – noch in der Institution zu arbeiten, in der er oder sie 1989 tätig gewesen war. Der ostdeutschen Gesellschaft ist ein Mobilitätsvermögen abgerungen worden, das auch deshalb bemerkenswert ist, weil sie bis 1989 von einer sehr großen Immobilität gekennzeichnet war. Die gesellschaftlichen Folgen solcherart Überforderung hatten die Ostdeutschen unter zynischen oder verächtlichen Blicken und Bemerkungen ausgerechnet jener zu ertragen, denen nun wahrlich alles in den Schoß gefallen war, denen alles – Freiheit, Wohlstand, Zynismus und Frechheit – ohne eigenes Zutun geschenkt worden war, einer westdeutschen «undogmatischen» Linken, die sich eben noch nach dem kommunistischen Paradies in Peking, Moskau, Phnom Penh oder Tirana gesehnt hatte.15 Wie schon immer trat die Linke dabei mit einer überbordenden «anmaßenden Gewissheit»16 auf – sie wusste es einfach ganz genau. Die Beispiele Baring und Niermann zeigten freilich, dass diese Arroganz keine parteipolitischen oder ideologischen Begrenzungen kannte.17 Natürlich boten viele Ostdeutsche genügend Anlässe, für Zorn, Hohn, Ärger. Warum auch nicht? Welche Gesellschaft wäre frei von einer auch charakterlichen Heterogenität. Der Westen zeigte sich verwundert über den Osten. Warum eigentlich? In den frühen 1990 er Jahren spielten Kleidung, Essen, Freizeit und Frisuren, man mag es kaum glauben, dabei eine ganz zentrale Rolle. «Der» Ostdeutsche wurde genau über diese Merkmale immer und immer wieder karikiert – und gedemütigt. Wieder kann ich das gut verstehen. Ich war damals auch Menschen in Stone-Washed-Hosen und diesen mir merkwürdig anmutenden Frisuren gegenüber herablassend. Ich mochte es nicht, wenn sie Fast Food und Büchsenbier in sich hinein-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.