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Herausforderungen in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 17 - 21

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-17

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Herausforderungen | 17 Wieder tritt die Regierung als Cheflobbyist der Wirtschaft auf. Exorbitante Abfindungen für Banker und Wirtschaftsmagnaten stehen im Gegensatz zu einer unfassbaren sozialen Ungerechtigkeit, zu einem Gerechtigkeitsgefälle, das kein Ethiker erklären könnte. Etwa 16 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger gelten als arm und abhängig von Sozialleistungen. Im Osten sind es knapp 22 Prozent.4 Die Zahlen sind umstritten. Die einen meinen, sie seien zu hoch, andere beharren darauf, sie seien zu niedrig. Niemand präsentiert Zahlen, die beruhigen könnten. Und das in einem der reichsten Länder der Welt. Doch nicht nur der krasse Gegensatz von einem ge beutelten Sozialstaat, der seine Renten-, Gesundheits-, Pflege- und Bildungs-, sprich: seine Zukunftsprobleme nicht gelöst bekommt, zu einer einmalig prosperierenden Volkswirtschaft und einer kleinen, davon enorm profitierenden Finanz- und Wirtschaftselite ließen mich immer kritischer auf meine bisherigen Einschätzungen und Beobachtungen zurückblicken. Ebenso stark verunsicherte mich, wie die Demokratie weltweit, in Europa, in Osteuropa, aber auch in Deutschland und insbesondere in Ostdeutschland in Bedrängnis geriet. Ich kann nicht erklären, warum es so kam. Wer könnte das schon? Wer könnte die USA, Brasilien, Mexiko, die Philippinen, Österreich, Frankreich, Kenia, Dänemark, Indien, China, Griechenland, Polen, Schweden, Ungarn, Spanien oder Deutschland gleichermaßen analysieren und daraus schussfolgernd erklären, warum die regionalen und lokalen Phänomene als globale Erscheinung auftreten?5 Ich traue mir das nur für Ostdeutschland zu. Herausforderungen Ostdeutschland ist ein besonderer Raum, mit besonderen Erfahrungen. Die Freiheit war eine große Chance für die ostdeutsche Gesellschaft. Die soziale Marktwirtschaft der Boden, auf dem sie zur Blüte finden sollte. Drei Jahrzehnte sind vergangen und fast jeder zweite Ostdeutsche fühlt sich immer noch als Bürger zweiter Klasse. Eliten und Führungskräfte in Ostdeutschland sind nur in Ausnahmefällen Ostdeutsche. Anfang 2019 waren Ostdeutsche in Zwischen Aufbruch und Abbruch18 | Spitzenpositionen von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur nur zu zwei bis vier Prozent vertreten, also weitaus weniger, als ihr Bevölkerungsanteil ausmachte.6 An Gerichten in Ostdeutschland stammt nur etwa jeder zehnte Richter aus Ostdeutschland, in Behörden in Ostdeutschland sind wohl nicht einmal ein Viertel der Abteilungsleiter Ostdeutsche. Lediglich in der Politik konnten sich wenige Ostdeutsche auch in höchsten Ämtern durchsetzen. Aber in allen anderen Spitzenpositionen in Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sind Ostdeutsche sehr stark unterrepräsentiert. Was ist schiefgelaufen? 25 Jahre lang blieb das Wutpotential gebändigt, eine Wut, die sich dann aber umso stärker Ausdruck verschaffte. Nicht mehr nur, wie zuvor, mal dort, mal hier, sondern fast flächendeckend breiteten sich in Ostdeutschland öffentlich Wut, Ablehnung, Hass und Gewalt aus. «Pegida» und «AfD» sind Synonyme für eine rassistische, antidemokratische, nationalistische, autoritäre und antifreiheitliche Haltung, die weiter verbreitet ist, als es Wahlprognosen oder Wahlanalysen allein erfassen könnten. Um das präzise zu erklären, bedarf es eingehender wissenschaftlicher Untersuchungen. Die Forschungen dazu stehen noch am Anfang. Die öffentliche Diskussion kann aber nicht warten, bis die Wissenschaft so weit ist. Wir brauchen die Debatte jetzt, weil wir jetzt Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit und soziale Marktwirtschaft verteidigen müssen. Nein, wir leben nicht wie am Ende der Weimarer Republik. Geschichte wiederholt sich nicht, weder als Farce noch als Tragödie, nicht einmal als Komödie. Wir leben aber am Ende eines Zeitalters, das uns in den letzten Jahrzehnten prägte, sozialisierte, formte. Es gibt kein Zurück in die behagliche Bundesrepublik der 1970 er oder 1980 er Jahre, auch nicht in die DDR; wenn wir demnächst neue Diktaturen erleben müssten, würden die anders, womöglich sogar brutaler als das SED-Regime ausfallen. Beide deutsche Nachkriegsstaaten sind passé, auch wenn nicht alle das akzeptiert haben und vor allem mit dem alten bundesrepublikanischen Modell so manche Rückwärtsgewandten Politik zu machen suchen. Wir stehen vor dem Aufbruch in eine ungewisse Zukunft – das war in der Geschichte nie und nimmer anders. Zukunft ist das größte Geheimnis – mit nur einer Einschränkung: Ihre Endlichkeit Herausforderungen | 19 ist gesetzt. Die Vergangenheit hingegen war nicht besser als unsere Gegenwart, überwiegend sogar schlechter, anstrengender, gewaltvoller.7 Auch wenn die «Übernahme» durch die Bundesrepublik eine spezifisch ostdeutsche Erfahrung ist, so sind die Entwicklungen, die sich in den letzten Jahrzehnten auf dem früheren Staatsgebiet der DDR vollzogen, doch auch sehr eng mit globalen Prozessen verknüpft. Man könnte sogar sagen, dass sich diese hier wie unter einem Brennglas beobachten ließen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama rief 1992 «Das Ende der Geschichte» aus. Die liberale Demokratie sei weltweit auf dem Vormarsch und würde über kurz oder lang zum prägenden System der Welt werden, alle konkurrierenden Ideologien gehörten der Vergangenheit an. Ein Irrtum, den Fukuyama 25 Jahre später einräumte. Demokratie allein, so nun der Wissenschaftler und Politikberater, stifte keine Identität. Die «alte» Arbeiterklasse und die Mittelschichten hätten weltweit an Boden verloren und hegten Angst vor einer weiteren Deklassierung, vor einem weiteren Abstieg, vor einem Fall in die Armut. Ihnen rutsche förmlich der Boden unter den Füßen weg. Sie flüchteten in die Arme jener, die ihnen versprechen, diesen Prozess aufzuhalten. Der Aufstieg von Populismus, linkem wie rechtem, sei die Folge.8 Die Demokratie ist in Bedrängnis geraten, nicht nur in Gesellschaften, die noch relativ neu in der Gemeinschaft unabhängiger Demokratien sind. Auch die Veteranen in dieser Gemeinschaft sind ins Straucheln gekommen. Der Inder Pankaj Mishra zeigte in einem maßgeblichen Buch, wie eng Rationalität und Irrationalität in diesen weltumspannenden Prozessen zusammenhängen und dass niemand der Geschichte entkommt.9 Der französische Soziologe Didier Eribon hat in seinem vieldiskutierten Buch «Rückkehr nach Reims» (2009) in einer Melange aus Erinnerungen und sozialwissenschaftlicher Analyse eindrücklich gezeigt, wie die moderne Gesellschaft «Abgehängte, Übersehene, Überflüssige» produziert. Die Arbeiter und Arbeiterinnen verloren nicht nur ihre Jobs, sondern auch ihre Selbstwahrnehmung: Wer nicht arbeitet, kann kein Arbeiter, keine Arbeiterin sein. Die Leere schien nicht ersetzbar. Niemand interessiert sich für ihr Schicksal – außer den Populisten, die versprechen, es Zwischen Aufbruch und Abbruch20 | könne einen Weg zurück geben.10 In allen westlichen Demokratien gewinnen sie mehr und mehr Einfluss, die Populistinnen von rechts und links. Sie versprechen viel, weil sie die Vergangenheit als behagliches, warmes Wohnzimmer aufrufen, einen Raum, der von «Anderen» aller Couleur – Kosmopolitinnen, Feministen, Grünen, «Sprach polizist*innen», LGBTQ, Nicht-Christen, Zuwanderinnen, Veganern, Waffenverweigerinnen, Klimaschützern, Atomkraftgegnerinnen, Lesern von Printmedien, Hörerinnen und Zuschauern öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten usw. usf. – bedroht wird. Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa entwickelte eine Theorie der sozialen Beschleunigung: Alles würde immer schneller und schneller geschehen, vor allem der Wandel. Es wäre unmöglich, dem Tempo immer und überall folgen zu können. Beschleunigung sei eine neue Form von Totalitarismus.11 Entfremdung sei eine verbreitete Erscheinung. Rosa sieht die Beschleunigung sozialen Lebens als ein Produkt kapitalistischen Wettbewerbsdenkens.12 Globale Entwicklungen verdienen ihren Namen, weil sie sich auch regional und lokal vollziehen, dort, vor Ort, sich zeigen und Auswirkungen zeitigen. So sehr der Aufstieg und die Etablierung demokratiefeindlicher Kräfte auch zu beobachten sind, für den Einzelnen bleibt die Globalität abstrakt, konkret ist das, was sich in der eigenen Lebenswahrnehmung, im eigenen sozialen Raum vollzieht, was man selbst erlebt, erfährt, dort hört und sieht. Hier fallen lokale, regionale und globale Trends zusammen – oder auseinander. Ostdeutschland ist ein solcher sozialer Raum. In ihm spielen sich viele Entwicklungen ab, die sich weltweit beobachten lassen. Zugleich ist der ostdeutsche Raum, das frühere DDR-Territorium, von Spezifika geprägt, die ihn so besonders erscheinen lassen – so besonders freilich, wie es jeder andere soziale Raum auch ist. Mit den Ereignissen von 1989/90 setzte kein Ende der Geschichte ein, sondern es begann, wie Ralf Dahrendorf beobachtete, ein «Wiederbeginn der Geschichte».13 Die Zukunft war wieder offen. Damit meinte Dahrendorf, die Zukunft der gesellschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung im früheren Ostblock. Vielen Beobachtern schien die Zeit im Osten stillgestanden zu haben. War das nicht schon eine Fehlwahrnehmung? Und wenn es für Staat und Gesell- Der Essay | 21 schaft stimmen sollte, dann doch wohl nicht für die einzelnen Menschen? Der Essay Als mich der Verlag fragte, ob ich meine Beobachtungen und Reflexionen über die deutsche Einheit in einem kleinen Buch zusammenfassen möchte, zögerte ich nicht. Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten befasse ich mich wissenschaftlich und publizistisch mit der Geschichte und den Folgen des Kommunismus in Deutschland und Europa. In den 1990 er Jahren war ich als junger Mann sachverständiges Mitglied in einer jahrelang tagenden Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, die sich genau mit solchen Fragen beschäftigte. Dabei hat sich der Bogen seither, ich möchte sagen dramatisch gespannt, das Verhältnis von Geschichte, Gegenwart und Zukunft. In den letzten Jahren sind die westlichen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit erheblich unter Druck geraten. Und zwar nicht und nicht allein wegen vielfältiger Angriffe und Konkurrenzen mit anderen Modellen. Das ist nicht neu. Der Westen musste sich schon immer seiner äußeren Gegner erwehren. Gegner, die er sich zum Teil selbst erst durch seinen weltumspannenden Kolonialismus und Imperialismus systematisch geschaffen hatte. Nicht nur am deutschen Wesen sollte die Welt genesen. Im Westen geht es allen, so die unausgesprochene Devise, am besten  – wenn andere dafür schuften und leiden. Nicht einmal der schärfste Kritiker des Westens, Karl Marx, fand das verwerflich. Ganz im Gegenteil: Erst wenn der Kapitalismus durchgesetzt und eine entsprechende Arbeiterklasse geschaffen sei, könne die von ihm prognostizierte befreiende proletarische Revolution erfolgen. Neu ist es also nicht, dass der Westen so viele Feinde hat. Wie sieht es aber mit den inneren Gegnern aus? Auch das ist nicht neu, wenn man an linke und rechte Extremisten in der Vergangenheit denkt. Militaristen, Faschisten, Nationalsozialisten, Kommunisten haben im 20. Jahrhundert fast in jedem Land Europas «den Westen» und seine Ideen zeitweilig erfolgreich be-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.