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Die Forderung: «Anpassung» in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 101 - 103

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-101

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Forderung: «Anpassung» | 101 derschrift eines durchgeknallten, papsttreuen, leicht verwirrten, frauen feindlichen Antisozialisten. Vielleicht war er das alles auch. Vielleicht auch nicht. Seine Einlassungen waren von keiner Kenntnis, nicht dem Ansatz wissenschaftlicher Ausgewogenheit oder gar dem Drang nach Differenzierung geprägt.27 Man muss freilich festhalten, was Niermann auch immer gewesen sein mag, ein Außenseiter war er keinesfalls mit seinen Thesen. Kaum jemand traute sich das so offen und radikal auszudrücken. Höchstens Jörg Schönbohm noch. Der christdemokratische Hardliner, der die NVA aufgelöst, deren Reste in die Bundeswehr überführt hatte und zehn Jahre in Brandenburg Innenminister war (1999 – 2009), sagte im August 2005 mit Blick auf die Ermordung von neun Neugeborenen (Neonatizid) durch eine ostdeutsche Mutter, daran sei die «Proletarisierung Ostdeutschlands» bis 1989 schuld. Oder der Sozialdemokrat Jürgen Schneider. Der kam aus Stade nach Magdeburg und wurde dort Innenstaatssekretär. Er schrieb 1998 im «Spiegel»: «Den Ostler erkennt man, Ausnahmen ausgenommen, bereits beim Betreten des Raumes: Wie in der Kneipe oder im Restaurant duckt er sich zunächst, als warte er darauf, ‹platziert› zu werden.»28 Oder der Kriminologe Christian Pfeiffer. Auch er verkündete im «Spiegel»: «Viele Kinder sind … emotional nicht satt geworden an Zuwendung durch feste Bezugspersonen.»29 Oder … noch ganz viele andere. Die Forderung: «Anpassung» Die Reihe solcher Pauschalisierungen und Skandalisierungen ließe sich endlos fortsetzen. Sie bestätigen, wie viele einflussreiche Westdeutsche an einer Konstruktion namens «Ostdeutsche» werkelten. Der Subtext des «Einigungsprozesses» liegt in solchen Offenbarungen. Er lautete: Wir, die Westler, haben ein siegreiches, ein überlegenes System und zwar in jeglicher Hinsicht. Nicht nur wirtschaftlich, politisch, kulturell, nein, auch die Menschen sind Euch überlegen. Ihr könnt zwar nichts dafür, Ihr seid gezwungen worden, so «verzwergt» (Baring) zu werden, nun müssen Wir Euch halt umerziehen. Das wurde natürlich nicht Umerziehung oder Re- Keine Ehe unter Gleichen102 | education genannt, Gott bewahre, natürlich nicht, das Schlagwort der Stunde, des Tages, des Jahres, der Jahre seit 1990 lautete: «Anpassung». Es war ein nicht gerade vornehmes Synonym für das, was in den folgenden Jahren folgte, den Ostdeutschen abverlangt worden ist. Anpassung als erzwungener und erwünschter Vorgang war nichts anderes als das unausgesprochene Umerziehungsprogramm. Anpassung hieß: Ihr müsst so werden, wie wir glauben, dass wir sind. Tatsächlich erwiesen Untersuchungen schon in der Umbruchzeit, dass die Wertehaltung der Ostdeutschen sich bezogen auf Liebe, Familie, Disziplin, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit nicht wesentlich von bundesdeutschen Erhebungen unterschied.30 Sie fiel sogar noch traditioneller aus und erinnerte an die 1950 er Jahre.31 Natürlich, der Osten hätte sich allein ohne den Westen und viele Westdeutsche im Osten nicht aus der Jauche ziehen können. Das ist keine Frage. Gerade der gesamte öffentliche Dienst auf allen Ebenen konnte nur mit der westdeutschen Erfahrung so schnell und reibungslos installiert werden. Es geht hier nicht um das Ob, sondern nur um das Wie. Und da haben Baring oder Niermann als exemplarische Vertreter eines breiten bürgerlichen Ansatzes aufgezeigt, wie der Osten und seine Menschen einzuschätzen seien. Bürgerliche, Rechte und Linke trafen sich da übrigens. Die Linken haben ihren autonomen Genossen im Osten aber ganz schnell gezeigt, wie es wirklich geht im harten Klassenstraßenkampf – die Besetzung und Räumung der Ost-Berliner Mainzer Straße im November 1990 mit tagelangen Straßenkämpfen war das früheste und markanteste Beispiel für diese Art der politischen Okkupation ausgerechnet durch jene, die am lautesten vor der angeblichen «Kolonisierung des Ostens» warnten. Und die rechten Kameraden aus Wunsiedel und anderswoher kamen schneller, als die Grenzen es erlaubten, in den Osten, um dort das faschistische Potential in kampfbereite Marschformationen zu organisieren. Das klappte noch besser. Ich schrieb bereits, dass die Wiedervereinigung natürlich keinen Akt des Kolonialismus darstellte. Interessant aber ist dennoch, sich die Überlegenheitsgefühle des Westens anzuschauen. Durch den Untergang des Kommunismus fühlte sich der Westen derart in seinem Sein und Wesen bestärkt, dass er glaubte, seine Mission bestehe Die Angepassten | 103 nun folgerichtig darin, den Rest – oder wenigstens Ostdeutschland und Osteuropa – nach seinem Ebenbild zu formen. Das durchzog sämtliche Gesellschaftsbereiche. Viele Westdeutsche, die nun in den Osten zur Arbeit kamen, reden noch heute darüber wie über ein Abenteuer, berichten, wie koloniale Abenteuerschriftsteller in vergangenen Zeiten über für sie neue Gesellschaften schrieben: neugierig, herablassend, patriarchalisch und vor allem immer wieder aufs Neue verwundert darüber, dass «dort» alles anders sei als «hier». Passend dazu nannten die Beamten und Angestellten, die ab 1990 im Osten arbeiteten, ihren finanziellen Gehaltszugewinn «Buschzulage». Hat sie jemals interessiert, wie das die Menschen im «Busch» eigentlich fanden? Überhaupt, fast alles, was im Osten geschah, wurde als «anders» markiert. Und nie wurde so getan, als ob das «andere» gleichberechtigt sei. Niemals in der deutschen Parlamentsgeschichte zuvor war eine gewählte Körperschaft so von öffentlichem Interesse und gleichzeitiger Zuneigung begleitet worden wie die am 18. März 1990 gewählte DDR-Volkskammer. Natürlich wäre es nicht völlig absurd gewesen, zu schauen, ob dort Mechanismen und Verfahrensabläufe zu beobachten seien, die für den deutschen Parlamentarismus ins gesamt eine Bereicherung darstellen könnten. Nichts da. Das Urteil stand schneller fest als die Ergebnisse der Volkskammer: «Laienspieler», «Laienparlament» titulierten amüsiert und arrogant die Profis aus dem Bonner Wasserwerk. Herabwürdigung wurde zur Staatsräson. Die Angepassten Dies alles konnte nur aus der Position derjenigen erfolgen, die an die Unumstößlichkeit ihrer selbst und ihres Systems glaubten. Faschisten im Westen waren die besseren Faschisten, linke Autonome die besseren Autonomen, westliche Feministinnen die besseren Feministinnen, Grüne die bunteren und alle anderen die besseren Demokraten, allesamt einte sie ihre Auffassung, durchzublicken und den «Anderen» zum Durchblick verhelfen zu müssen. Sie nahmen keinen Abschied von der Bundesrepublik, weil die

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.