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Was wäre wenn …? in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 65 - 73

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-65

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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4 | Der Beitritt: alternativlos? Am 13. und 14. Februar 1990 fuhr die demokratisch nicht legitimierte Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow (SED/ PDS) nach Bonn, um offiziell über Fragen der deutschen Einheit zu reden. Von Verhandeln konnte keine Rede sein. Die Regierung von Kanzler Kohl dachte gar nicht daran, der letzten SED-Regierung wenige Wochen vor der ersten freien und demokratischen Wahl in der DDR Schützenhilfe zu leisten. Das war verständlich. Weniger nachvollziehbar war ihr Auftreten gegenüber dieser DDR-Abordnung. Kohl schrieb rückblickend selbst, der Empfang sei kühl ausgefallen.1 Zur Modrow-Regierung gehörten nicht nur SED- und Blockflötenvertreter. Seit 5. Februar 1990 waren auch acht Mitglieder aus der Bürgerbewegung als «Minister ohne Geschäftsbereich» Teil dieser Regierung. Sie sollten, quasi als des Volkes Vertreterinnen und Vertreter, die nichtlegitimierte Regierung von innen kontrollieren. Das funk tionierte nicht. Wie denn auch? Wie hätten acht Personen eine Regierung und deren Verwaltungsapparat kontrollieren können? Ihre Qualifikation bestand in ihren tadellosen Biographien, ihrem mu tigen Widerstand gegen die SED-Diktatur, jedenfalls galt das für Rainer Eppelmann, Gerd Poppe, Wolfgang Ullmann, Sebastian Pflugbeil oder Klaus Schlüter. Tatjana Böhm, Matthias Platzeck und Walter Romberg gehörten zum kritischen gesellschaftlichen Potential in der Spätphase des SED-Regimes. Der Eintritt der Acht in die Modrow-Regierung war heftig umstritten. Legitimierten sie moralisch damit nicht die letzte SED-Regierung? Letztlich war ihr Mittun in dieser «Koalition der Vernunft» Ausdruck einer Konsenssehnsucht, die in der DDR verbreitet war. Entscheidender freilich war die gesellschaftlich zugespitzte Situation Anfang 1990. Die Minister ohne Geschäftsbereich wollten dazu beitragen, dass die wenigen Wochen Der Beitritt: alternativlos?66 | bis zu den freien Volkskammerwahlen stabil und ohne größere gesellschaftliche Erschütterungen blieben und die SED-Regierung zugleich keine Entscheidungen traf, die später nur schwer zu revidieren sein würden. Dass diese Männer und Frauen keine SED-Vertreter waren, hätte der Kohl-Regierung bekannt sein müssen. Allein der Kanzler scherte sich nicht um solche Differenzierungen. Noch in seinen Erinnerungen watschte er die gesamte Regierung ab und beschrieb Alt-Oppositionelle wie Gerd Poppe, als seien diese SED-Vertreter gewesen.2 Die Begegnung symbolisierte, dass Kohl Modrow nicht jenen Respekt zugestand, den er nur Monate zuvor Erich Honecker bei dessen Besuch in Bonn gewährt hatte. Sämtliche Delegationsmitglieder der DDR-Seite waren erzürnt und erstaunt, wie herablassend und geringschätzend Kohl mit ihnen umgegangen war. Zwar verhielten sich nicht alle Regierungsmitglieder so – Minister Blüm, Bundespräsident von Weizsäcker oder Parlamentspräsidentin Süssmuth etwa wurden ausdrücklich gewürdigt für ihre respektvolle und zugeneigte Haltung – , aber die Richtung gab Kohl vor. Kaum jemand außerhalb der SED machte ihm einen Vorwurf, dass er keine Hilfen vor den Wahlen zusichern wollte. Aber die Regierungsvertreter zu demütigen und arrogant zu behandeln – das machen große Generale nach einer siegreichen Schlacht mit ihren Gegnern nicht. Am 19. Februar 1990 ist am Zentralen Runden Tisch über diesen Besuch vor laufenden Kameras berichtet worden. Modrow gab eine sehr sachliche Einschätzung ohne jede Polemik. Die anderen übten weniger Zurückhaltung. Platzeck für die Grüne Partei in der DDR erklärte, dass es «stellenweise» einer Zumutung gleichgekommen sei, «wie uns begegnet wurde». Zugleich habe der Besuch erhebliche Verunsicherung in weiten Teilen der ostdeutschen Gesellschaft ausgelöst, was die soziale Sicherheit, zum Beispiel die Frage der Alteigentümer von Grund und Boden anbelangte.3 Wolfgang Ullmann erklärte, dass der Umgang der Bundesregierung mit ihnen keinen diplomatischen Gepflogenheiten entsprochen habe. Gerd Poppe brachte auf den Punkt, was zu erwarten sei: Ihm sei in den Gesprächen «aufgefallen, daß eigentlich immer nur von Geld die Rede war von seiten des Bundeskanzlers. Es kam mehrfach die stereotype For- Der Beitritt: alternativlos? | 67 mulierung ‹die D-Mark unser größter Aktivposten›. Ich hatte eigentlich bis dahin angenommen, daß dort eine andere Haltung besteht, daß also Wertvorstellungen wie Demokratie und Selbstbestimmung eine Rolle spielen, die ja seit Jahrzehnten dort im Munde geführt werden. Es ging aber weder um die 40jährige Geschichte der beiden Staaten, es ging auch nicht um die Akzeptanz einer spezifischen DDR-Identität, es ging auch nicht um die sozialen Probleme, die in diesem Land zu erwarten sind, wenn es zu einer schnellen Währungsunion kommt.»4 Poppe wies darauf hin, dass es bei einer Währungsunion zu einem deutlichen und dauerhaften Wohlstandsgefälle in Deutschland kommen werde, was viele Experten in der Bundesrepublik auch billigend in Kauf nähmen. Er erzählte dann noch, die Fraktion der Grünen hätte ihren Positionen zustimmend gegen- übergestanden. Was er nicht berichtete: Mehr als die Hälfte der Fraktion verließ den Sitzungssaal, als er zu reden begann. Zur Arroganz des Kanzlers kam die Ignoranz großer Teile der bundesdeutschen Politik elite. Konrad Weiß fasste schließlich nach den Berichten am Runden Tisch eine verbreitete Einschätzung zusammen: «Meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich denke, die Behandlung, die die Regierungsdelegation in Bonn erfahren hat, zeigt uns, was wir zu erwarten haben, wenn die Einigung nach dem Bonner Modell vor sich geht.»5 Werner Schulz ergänzte noch, die Bürger müssten nun allmählich erkennen, dass ihnen nichts geschenkt werden würde.6 Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble schrieb später, die Modrow-Regierung sei ganz bewusst kühl und distanziert in Bonn empfangen worden, um der Ablehnung ihrer Forderungen nach Soforthilfen auch so Ausdruck zu geben.7 Das ist eine reichlich merkwürdige Begründung, denn die politische Ablehnung einer Bitte, was verständlich war, erfordert nicht automatisch die Herabwürdigung. Bonn sah das anders. Schäuble hat nach der Einheit offen und ehrlich gesagt, wie er die Verhandlungen über den ersten Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion (in Kraft gesetzt zum 1. Juli 1990) sowie zum Einigungsvertrag geführt hat. «Im Gegensatz zu dem Ministerpräsidenten ließ Krause nie den Drang verspüren, irgend etwas aus der alten DDR in das neue Deutschland ret- Der Beitritt: alternativlos?68 | ten zu wollen. Das erleichterte mir die Kooperation mit ihm.»8 Jürgen Habermas veranlasste das später zu der sarkastischen Äußerung, Schäuble habe einen Vertrag mit sich selbst abgeschlossen.9 Verhandlungsführer Günther Krause wurde zum Synonym des Ostdeutschen, der der Bonner Politik einen Weg durch den Dschungel freischlug. Eine rasante Karriere, die noch rasanter im tiefen Fall mündete. Wie gemacht für Schäuble, der eine Tabula rasa anstrebte: Nichts im Osten sollte bleiben wie bisher; alles sollte zur bloßen Kopie des Westens werden. Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka sprach etwas vornehmer von der «möglichst taktvollen Übertragung des … bundesrepublikanischen Modells» und meinte damit genau dasselbe.10 Das war damals weniger umstritten, als es sich heute anhört. Zumindest gab es viele, die es so sahen wie Krause und Schäuble, sie vertraten keine Randposition. Was wäre wenn …? Bereits eine Woche nach dem Mauerfall hatte die «Bunte» ihre Leserinnen und Leser gefragt: «Kaufen die Bundesbürger die DDR jetzt leer?» Sie gab eine Antwort: «Leicht möglich.» Als Beispiele führte sie auf, dass für West-Berliner im Osten Schrippen supergünstig zu haben seien. Oder Gemälde, die im Westen 30 000 DM Wert seien, könnten im Osten für 300 Mark erworben werden. Altes Meißener Porzellan gebe es zum Schnäppchenpreis.11 Mit der Wiedervereinigung werde es noch dauern, eine Konföderation sei sehr wahrscheinlich, so die nicht eben für ihre komplexen Analysen bekannte Illustrierte. Wichtig sei aber, so die «Bunte», dass dies alles auf «Augenhöhe» geschehe. War eine Konföderation eine reale historische Alternative? Es gibt in der Geschichte immer Alternativen. Im Nachhinein sieht es nur oft nicht so aus. Historiker beschäftigen sich aber durchaus mit ihnen. Seit einiger Zeit erfreut sich kontrafaktische Geschichtsschreibung größerer Beliebtheit, vor allem beim Publikum, weniger in der Fachwelt: «Was wäre wenn  …» In Bezug auf die deutsche Einheit ließe sich fragen: War die deutsche Einheit unvermeidlich nach der Was wäre wenn …? | 69 ostdeutschen Revolution? War eine Einheit vor dem 3. Oktober denkbar? Wäre eine spätere Einheit möglich gewesen? Was wäre passiert, wenn 1989/90 nicht die CDU, sondern die SPD im Verbund mit den «Grünen» den Bundeskanzler gestellt hätte? Keine dieser Fragen  – und es ließen sich viele weitere hinzufügen – lässt sich mit einem klaren «Ja» oder «Nein» beantworten. Unvermeidlich ist fast nichts. Doch vermutlich hätte eine andere Bundesregierung eher das «Wie» und weniger das «Ob» ändern können.12 CDU/CSU hatten deutlicher als alle anderen Parteien am Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes festgehalten; mit Kohl saß ein Kanzler im Amt, der anders als Lafontaine, Schröder oder Fischer einer Generation angehörte, für die Wiedervereinigung, Europa und Frieden lebensgeschichtlich auch die Bewältigung eines Traumas bedeuteten. Wenn sich Paris oder London oder Moskau der Einheit verweigert hätten, wäre vieles anders gekommen. Am unsichersten freilich war, ob die Rote Armee in Ostdeutschland dauerhaft in den Kasernen bliebe und ob das Reformlager um Gorbatschow in Moskau die Oberhand behielte – wie brüchig die Macht war, zeigte sich im August 1991, als es zum Putschversuch gegen Gorbatschow kam. Das hätte auch bereits ein Jahr zuvor und womöglich erfolgreich geschehen können. Zusammenfassend muss man wohl sagen: Ja, es gab Alternativen. Ob die aber im Kern besser ausgefallen wären? Das würden wir mit unserem Wissen von heute wohl gerne behaupten. Mit dem Wissen von damals allerdings gibt es auch im Nachhinein wenig Anlass für die Annahme, andere Wege wären komplikationsloser verlaufen. Denn nicht nur die gleichen und sogar selben Menschen hätten den Prozess gestalten müssen. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, die Mehrheit der realen Akteure habe 1990 und danach etwas in schlechter Absicht getan. Vielleicht liegt darin sogar die besondere Tragik: Die meisten taten alles in bester Absicht. In den Geschichtsbüchern stehen Revolutionen als markante Fixpunkte historischer Entwicklungen, die zugleich einen langsamen Neuanfang markieren. In der Kultur- und Alltagsgeschichte spiegeln sich historische Zäsuren, wozu erfolgreiche Revolutionen gehören, dagegen meist erst mittel- oder langfristig. Das Leben der Menschen Der Beitritt: alternativlos?70 | geht irgendwie weiter, persönlich bewahren sie mehr, als sie aufgeben. Von Karl Marx stammt ein Bonmot, das im übertragenen Sinne dieses Problem auf den Punkt bringt. Am 24. Januar 1852 schrieb er an seinen Freund Friedrich Engels: «Die Hämorrhoiden haben mich diesmal mehr angegriffen als die Französische Revolution.»13 Das galt – im übertragenen Sinne – auch für viele Menschen in der DDR. Doch der Umbau von Staat, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft ließ niemanden unberührt. Schon in den ersten Monaten, als die DDR formal noch existierte, war das erlebbar, spürbar, sichtbar. Die Wahlen am 18. März 1990 hatten auf eine unerwartet deutliche Art gezeigt, dass die Revolutionäre vom Herbst in einer klaren Minderheit geblieben waren. Die Ideen, Wünsche, Ziele der Bürgerrechtsbewegung, die sich aus der Oppositionsszene der 1980 er Jahre heraus entwickelt hatte, waren mit den Ideen, Wünschen, Zielen der übergroßen Mehrheit der Gesellschaft nicht in Übereinstimmung zu bringen. Es lag nicht daran, dass die Gesellschaft nicht ebenso Freiheit, Demokratie, freie Wahlen, einen Rechtsstaat, eine gesunde Umwelt oder eine funktionierende soziale Wirtschaft angestrebt hätte. Da waren sich alle mehr oder weniger einig. Uneinigkeit herrschte über den Weg dorthin. Weite Teile der Oppositionsbewegung hatten in den 1980 er Jahren darauf gesetzt, die DDR im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu reformieren. Eine Überwindung der deutschen Teilung stand nicht auf der politischen Tagesordnung, nirgend wo, weil es unrealistisch erschien. Die Einheit war nur denkbar, wenn zuvor die DDR demokratisiert würde. Freiheit vor Einheit. Nach dem Mauerfall stand sofort die Einheit auf der Agenda großer Teile der Gesellschaft. Sie wollten den schnellsten, kürzesten, unkompliziertesten Weg zu Einheit und Wohlstand. Im Prinzip standen sich zwei Konzepte gegenüber: Die kleine Bürgerrechtsbewegung wollte, dass sich die Gesellschaft Einheit und Wohlstand selbst erarbeite. Eine kühne Idee, die auf das Prinzip von Selbstan eignung, Selbstverwirklichung, Selbstkontrolle, Unabhängigkeit und Emanzipation setzte. Wenn die Revolution den Beginn der Pubertät bedeutete, so sollte der Weg zur Einheit wie der unstete Selbstfindungspfad junger Erwachsener verlaufen, an deren Ende als Lohn Einheit und Wohlstand stünden. Die große Mehrheit der Gesellschaft hatte dazu, Was wäre wenn …? | 71 nach all den entbehrungsreichen Jahren, in denen sie von einer extrem autoritären Herrschaft wie Mündel gehalten wurde, keine Lust. Sie wollte alles sofort: Freiheit, Einheit, Wohlstand. Genug der Entbehrungen, es war Zeit für Geschenke von den Brüdern und Schwestern. Das Wahlergebnis war eindeutig. Nur: Warum war die Bürgerrechtsbewegung derart marginalisiert worden? Fast niemand sprach ihr doch ihren hohen moralischen Kredit ab? Warum aber traute ihr kaum jemand Gestaltungskraft und gesellschaftspolitische Kompetenz zu? Vielleicht hat Christa Wolf am 4. November 1989 auf der großen Kundgebung auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz vor schätzungsweise 200 000 Menschen14 den Satz gesagt, der das Dilemma vor und nach dem Mauerfall am besten verdeutlichte. Die berühmte Schriftstellerin sagte: «Stell Dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg.» Jubel war ihr sicher. Nur wenige Tage später, die Mauer war offen und es gab urplötzlich eine «neue Realität», wäre der nicht mehr sicher gewesen. Nun war möglich, was für die meisten Menschen noch am 4. November 1989 unmöglich schien: den Sozialismus für immer zu verlassen, ohne eine staatliche Grenze übertreten zu müssen. Christa Wolf und viele ihrer intellektuellen Freundinnen und Freunde in Ost wie West gaben dennoch ihre Hoffnungen auf einen «demokratischen Sozialismus», einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» nicht auf. Das mussten sie auch nicht. Doch die Massen erreichten sie so nicht mehr. Die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler blieben ihren Hoffnungen ebenfalls treu, einen selbstbestimmten Weg zu Freiheit, Einheit und sozialer Gerechtigkeit zu beschreiten. Sie waren damit allerdings erneut in der Minderheit, weil ihnen politisch kaum jemand folgen mochte. Bärbel Bohley, das Gesicht der ostdeutschen Revolution, sagte 1994, mit der ihr eigenen Offenheit und Ehrlichkeit rückblickend: «Auf jeden Fall war die DDR-Opposition ghettoisiert. Gerade 1989 hat sich herausgestellt, daß wir abgedriftet waren  … Warum waren wir nicht mehr in der Lage, über den Tellerrand zu sehen und zu erkennen, wie dicht die Wiedervereinigung vor der Tür stand? (…) Wir träumten davon, unser Land selber zu verändern. Wir haben an diesem Traum selbst dann noch festgehalten, als Der Beitritt: alternativlos?72 | die Realität längst eine andere war.»15 Der Theologe Ehrhart Neubert, Mitbegründer des «Demokratischen Aufbruchs», dem er im Januar 1990 wegen dessen «Rechtsschwenk» den Rücken kehrte – er wurde bei Bündnis 90 Mitglied und trat dann 1996 doch noch der CDU bei – , Neubert jedenfalls schrieb Ende 1989 und damit Bohleys spätere These bestätigend: In den oppositionellen «Gruppen waren ‹Müslis› mit ihrer alternativen Lebensweise dominierend».16 Anders als in Polen gab es in der DDR nach dem 17. Juni 1953 keine signifikanten Versuche mehr, Opposition und Widerstand theoretisch oder praktisch über Klassen-, Schichten- oder Milieugrenzen hinweg zu organisieren. Zwar bemühten sich einige dissidente Denker, solche Grenzen zu überschreiten, aber ob nun Wolfgang Harich oder Rudolf Bahro oder Anhänger der IV. Internationale – sie redeten genauso über die Köpfe der Arbeiter hinweg, sie instrumentalisierten genauso deren angebliche Interessen wie die Führer jener kommunistischen Parteien im Ostblock, die sie so scharf attackierten. Einer der Köpfe der linken Opposition in den 1980 er Jahren, der Mathematiker Thomas Klein, schrieb später, mit seiner «fundamentaloppositionellen» Haltung gegenüber dem SED-Staatssozialismus und dem Kapitalismus gleichermaßen seien seine Freunde und er die «am weitesten von den Massen entfernte Gruppe» gewesen.17 Zuletzt wurde dies 1989/90 allgemein sichtbar, als Intellektuelle, nicht selten mit dem Privileg eines für westliche Länder gültigen Reisepasses ausgestattet, wie Stefan Heym, sich über die Bedürfnisse der «einfachen Menschen» mokierten und beklagten, die Revolution versande nun in westlichen Kaufhäusern. Die Verachtung, mit der Heym über seine Landsleute schrieb, fand damals vielfach Zustimmung bei Intellektuellen: «Aus dem Volk, das nach Jahrzehnten Unterwürfigkeit und Flucht sich aufgerafft und sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte und das soeben noch, edlen Blicks, einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben schien, wurde eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef. Welche Gesichter, da sie, mit kannibalischer Lust, in den Grabbeltischen, von den westlichen Krämern ihnen absichtsvoll in den Weg platziert, wühlten …».18 In was für einer Verfassung? | 73 Heym war eine Autorität in der DDR-Gesellschaft, nicht zuletzt, weil er sich nicht den Mund hatte verbieten lassen und daher nur einige seiner Bücher und die nur mit großer Verzögerung in der DDR erscheinen konnten. Jeder und jede kannte ihn. Und nun das! Aber Heym war klug genug, um in seinem Essay zu betonen, Schuld daran seien nicht die «Horden», sondern die früheren SED-Mächtigen, die das mit ihrer verfehlten Politik aus den Menschen gemacht hätten. Er rief dazu auf, die Kräfte zu bündeln, um nun endlich eine sozialistische DDR aufzubauen. «Tatsache ist, zwei kapitalistische deutsche Staaten sind nicht vonnöten.» Die Zeit allerdings dränge. «Wenn alles so weiter schleift wie bisher», schrieb Heym Anfang Dezember 1989, «wenn auf dem Gebiet, das wirklich zählt, bei Wirtschaft und Währung, sich nicht wirklich entscheidendes ändert, wird der Tag kommen, da die Arbeiter der Versprechungen müde sein werden und die Betriebe verlassen und sagen: Mag der Nächstbeste den Krempel übernehmen. Wer dieser Nächstbeste wäre, ist hinreichend klar. Und dann würde die DDR tatsächlich nicht nur verkauft werden, sondern verschenkt.»19 Die Banane wurde zum Symbol einer tiefen Enttäuschung von Intellektuellen, die auf einen demokratischen Sozialismus gehofft hatten. In was für einer Verfassung? Seit dem Herbst 1989 hatte sich in der DDR eine Verfassungsdebatte entwickelt, die viele Ostdeutsche als überflüssig ansahen. Zwar wünschten sie die schnelle Streichung von Artikel 1 der DDR- Verfassung, die die führende Rolle der SED seit 1968 juristisch festschrieb, was auch am 1. Dezember 1989 geschah. Aber insgesamt war die ostdeutsche Gesellschaft wenig mit juristischen und schon gar nicht mit Verfassungsfragen vertraut. Ihr Erfahrungsschatz hatte in dieser Hinsicht nicht viel aufzubieten. Woher auch? Am Zentralen Runden Tisch konstituierte sich eine Arbeitsgruppe «Neue Verfassung», in der auch Expertinnen und Experten aus Ost und West mitarbeiteten. Selbst Kanzler Kohl erklärte noch am 11. Februar 1990 nach seiner Rückkehr aus Moskau in einem Fernsehinterview, es

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References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.