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Ostdeutsche als «Andere» in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 89 - 90

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-89

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Ostdeutsche als «Andere» | 89 Ostdeutsche als «Andere» Wer also ist ein Ostdeutscher? Jede und jeder, die sich so bezeichnen. Wer war ein Ostdeutscher? Alle, die bis 1990 in der DDR lebten? Gibt es die Ostdeutschen? Ja. Es gibt ja auch Begriffe wie den «Wald». Sammelbegriffe, die über Inhalt, Form, Aussehen, Denken, Wollen, Fühlen zunächst einmal herzlich wenig aussagen. Aber sie sind ganz nützlich. Man fährt in den Wald, um Pilze zu sammeln, Gräser zu bestimmen, Bäume zu fällen oder gar Tiere zu jagen. «Ostdeutsche» gibt es, der Begriff allein ist ziemlich leer. Erst bei näherer Bestimmung und Differenzierung wird er mit Leben erfüllt. Kennzeichen von Ostdeutschen war es, sich dafür rechtfertigen zu müssen, ostdeutsch zu sein. Dafür gab es zwei Strategien: die Herkunft zu leugnen oder unentwegt darüber zu reden. Beides machte die Sache nicht einfacher. Als meine Ehefrau 2010 in Bayreuth einen Ruf auf eine Professur erhielt, musste sie in einem Fragebogen ankreuzen, ob sie in der FDJ war. Wie fast alle ihrer Generation war sie einfaches Mitglied gewesen. Und nun passierte Folgendes: Der Kanzler der Universität bestellte sie ein und war ratlos. Offenbar war er mit diesem Fall noch nicht konfrontiert worden, obwohl er hier bereits seit Jahrzehnten amtierte. Hatten andere Ostler, die in Bayreuth Beamte wurden, den Fragebogen nicht richtig ausgefüllt? Meine Frau musste jedenfalls nach Rücksprache mit dem Kultusministerium in München eine Erklärung aufsetzen, mit der sie «eindeutig» zum Ausdruck brachte, dass sie nicht mehr der kommunistischen FDJ-Ideologie anhänge. Das geschah genau zwanzig Jahre nach der Einheit. Die künftige Professorin mit diversen Auslandsaufenthalten hatte mittlerweile als Erwachsene weitaus länger in der demokratischen Grundordnung verbracht als in der SED-Diktatur. In Bayern schienen dennoch die Uhren diesbezüglich noch immer angehalten. «Ostdeutsch» ist eine Zuschreibung. Sie kann als Selbst- ebenso wie als Fremdbeschreibung erscheinen. Beides hat seine Berechtigung, weil wir ohne Gruppierungen und Zuschreibungen die Welt nicht geordnet bekommen. Alle würden sagen, Schubkastendenken sei nicht anzustreben. Niemand jedoch entkommt dieser Denkfalle, denn Denken erfolgt in Kategorien, Abstraktionen, Begriffen, Theo- Keine Ehe unter Gleichen90 | rien. «Ostdeutsch» ist eine Herkunft, ein sozialer Ort, eine Erfahrung, für manche sogar «Heimat». Es stellt eine Abgrenzung dar, die ausgrenzt. Viele sagen, die Unterscheidung in ostdeutsch und westdeutsch sei überflüssig. Im Prinzip stimmt das  – nicht nur Kosmopoliten sehen das so. Verwurzeltere Menschen, die womöglich seit ihrer Geburt in dem Landkreis leben, in dem sie geboren worden sind, und das sind in Deutschland immerhin fünfzig Prozent aller Menschen (!), werden das überwiegend etwas anders sehen. Sie fühlen sich als Friesen, Sauerländer, Niederbayern, Franken, Hessen, Thüringer, Sachsen oder Anhaltiner, als Dortmunder, Bochumer, Münchener, Berliner oder Rostocker, meist noch weitaus mehr als Angehörige einer ganz bestimmten Region, in Abgrenzung aber – mindestens im Osten – eben auch als Ostdeutsche. Alle Meinungsumfragen bestätigen das. Warum das so ist? Das hängt mit den gemeinsamen Erfahrungsräumen zusammen, die Ostdeutsche teilen. Und in die kommt der Sparkassendirektor aus Wanne-Eickel, der seit 1991 in Halle, der Historiker aus Gladbeck, der seit 1994 in Rostock, der Bauunternehmer aus Bayreuth, der seit 1997 in Jena, die Verwaltungsdirektorin aus Vechta, die seit 1991 in Görlitz, oder die Journalistin aus Pforzheim, die seit 1998 in Frankfurt/Oder Karriere machte, einfach nicht hinein – ob sie wollen oder nicht. Insofern ist «ostdeutsch» keine Sache des Willens, auch nichts, was man ablegen könnte. Das hat bei den nach 1990 Geborenen nicht aufgehört. Und auch hier gilt wieder: Natürlich betrifft das nicht alle, aber laut Umfragen die meisten. Insofern ist das Beharren darauf, es sei doch längst nicht mehr wichtig, woher jemand käme, ein gutes Indiz dafür, woher die Person kommt, die es formuliert. Fast immer ist es kein Ostdeutscher.3 Kein Abschied von der Bundesrepublik Revolution und Wiedervereinigung konstituierten nicht nur «Ostdeutsche». Das Jahr 1990 erfand auch die Bundesrepublik neu, zumindest ihre Geschichte, denn der rheinische Kapitalist und der

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.