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Die kulturelle Ausgrenzung in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 150 - 151

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-150

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Bibliographic information
Tabula rasa: die soziale Katastrophe150 | Die kulturelle Ausgrenzung Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft war vielleicht sogar nur ganz am Ende der Zusammenbruch eines Wirtschaftssystems. Für Millionen bedeutete es einen Zusammenbruch der Lebenskultur. Es war in den 1990 er Jahren für Ostdeutsche schon ein Kunststück, weder arbeitslos noch in eine ABM- oder Umschulungsmaßnahme gesteckt noch aus dem Arbeitsmarkt ganz ausgegliedert worden zu sein oder – die mildeste Variante – noch in der Institution zu arbeiten, in der er oder sie 1989 tätig gewesen war. Der ostdeutschen Gesellschaft ist ein Mobilitätsvermögen abgerungen worden, das auch deshalb bemerkenswert ist, weil sie bis 1989 von einer sehr großen Immobilität gekennzeichnet war. Die gesellschaftlichen Folgen solcherart Überforderung hatten die Ostdeutschen unter zynischen oder verächtlichen Blicken und Bemerkungen ausgerechnet jener zu ertragen, denen nun wahrlich alles in den Schoß gefallen war, denen alles – Freiheit, Wohlstand, Zynismus und Frechheit – ohne eigenes Zutun geschenkt worden war, einer westdeutschen «undogmatischen» Linken, die sich eben noch nach dem kommunistischen Paradies in Peking, Moskau, Phnom Penh oder Tirana gesehnt hatte.15 Wie schon immer trat die Linke dabei mit einer überbordenden «anmaßenden Gewissheit»16 auf – sie wusste es einfach ganz genau. Die Beispiele Baring und Niermann zeigten freilich, dass diese Arroganz keine parteipolitischen oder ideologischen Begrenzungen kannte.17 Natürlich boten viele Ostdeutsche genügend Anlässe, für Zorn, Hohn, Ärger. Warum auch nicht? Welche Gesellschaft wäre frei von einer auch charakterlichen Heterogenität. Der Westen zeigte sich verwundert über den Osten. Warum eigentlich? In den frühen 1990 er Jahren spielten Kleidung, Essen, Freizeit und Frisuren, man mag es kaum glauben, dabei eine ganz zentrale Rolle. «Der» Ostdeutsche wurde genau über diese Merkmale immer und immer wieder karikiert – und gedemütigt. Wieder kann ich das gut verstehen. Ich war damals auch Menschen in Stone-Washed-Hosen und diesen mir merkwürdig anmutenden Frisuren gegenüber herablassend. Ich mochte es nicht, wenn sie Fast Food und Büchsenbier in sich hinein- Mobilität als Problem | 151 schütteten, Yellow Press «lasen» und private Kanäle einschalteten. Ja, das lehnte ich auch alles ganz überzeugt ab, tolerant wie ich war. Es gab nur einen kleinen Unterschied im Vergleich zu meinen Westfreunden: Ich lehnte das bei Jürgen in Paderborn genauso ab wie bei Ulla in Riesa. Ich konstruierte daraus nicht «den» Wessi und «die» Ossi, wie denn auch, ich entsprach doch selbst nicht den Klischees (dachte ich wenigstens). Merkwürdigerweise befand ich mich damit schon wieder in einer Minderheitsposition. Wenn man heute die Presse und Publikationen der 1990 er Jahre nachliest, wird einem schummrig vor Augen angesichts dieses unentwegten Bashings. Dem Konsumverhalten der Ostdeutschen konnte ich vielleicht als Ostdeutscher kritisch und gelassener zugleich gegenübertreten, weil es keine anonyme Masse, sondern meine Familie, Bekannte, Freunde betraf, alle auf eine spezielle Weise, aber eben doch alle, auch mich. Auch ich habe meine erste DM nicht der Wohlfahrt und «Brot für die Welt» geschenkt. Ich habe sie vielleicht nicht ganz so typisch ausgegeben, aber ausgegeben habe ich sie auch. Und ich war nachsichtiger, weil ich wusste, wie der mangelnde Konsum den durchschnittlichen Ostdeutschen bis 1989 belastet hatte – und wie ihn die westlichen Konsummöglichkeiten seit 1. Juli 1990 entlasteten. Das konnten die Wohlstandskinder der Bundesrepublik, die seit den 1940 er Jahren Geborenen nicht einmal annähernd nachvollziehen  – vom Nachempfinden zu schweigen. Mobilität als Problem Die Mobilität, die seit 1990 den Ostdeutschen abverlangt worden ist, stellte einen soziokulturellen Bruch mit der bisherigen Entwicklung dar. Sie war allumfassend. Das unglaublich hohe Tempo der Monate 1989/90 ist nahtlos von einer ebenso hohen Veränderungs- und Transformationsgeschwindigkeit abgelöst worden. Dabei gab es eine Kontinuität, die Ostdeutschland ganz entscheidend prägte: der Weggang. In vielen Betrachtungen über Ostdeutschland kommen die Weggegangenen nicht vor.18 Dabei haben sie Ostdeutschland ganz ent-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.