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Fehlende Anerkennung in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 270 - 274

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-270

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt270 | Monaten, in denen Stimmungslage und Erfahrungen düster sind. Ich halte das deshalb für verhängnisvoll, weil derjenige, der schlechte Ersterfahrungen mit der Demokratie gemacht hat, kaum bereit sein dürfte, sich aktiv für den Schutz dieser Demokratie einzusetzen. Mit den Folgen dieser Situation werden wir es, so ist zu fürchten, noch zu tun bekommen.»8 Die «Ersterfahrungen» vieler Ostdeutscher – dieser Essay hat viele Beispiele dafür angeführt – waren unerfreulich. «Die Demokratie» erschien vielen von ihnen nicht in Form von Teilhabe und Mitbestimmung, sondern als Ausgrenzung. Alles ging verloren, weitaus mehr als die meisten erwartet hatten. Die wachsende Distanz zu dem neuen System, auch wenn die Kennziffern im Laufe der Jahrzehnte schwankten, blieb unübersehbar.9 Sie nahm sogar seit Mitte der 2000 er Jahre, als sich der Arbeitsmarkt statistisch zu entspannen begann, ohne das neue Arbeitsplätze geschaffen worden wären, noch zu. Fehlende Anerkennung Der größte politische Irrtum in Deutschland und Europa liegt hier offen: Die Annahme, wer sozial befriedet und zufrieden sei, werde Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat, sprich die westliche Ordnung, ganz natürlich, wie von selbst stützen, stimmt nicht. Erst in dem Maße, in dem die Ostdeutschen sozial im Westen angekommen waren, fingen sie an, sich von ihm zu distanzieren. Zunächst nutzten sie dafür die PDS/Linke, seit Mitte der 2010 er Jahre die AfD und deren Umfeld. Dieses Reaktionsmuster ist kein typisch ostdeutsches. Es lässt sich so oder ähnlich in vielen Regionen der Welt beobachten. Mindestens vier Erscheinungen haben das westliche Modell unter Druck gesetzt  – zuerst in Osteuropa und Ostdeutschland, dann zunehmend in Nord- und Westeuropa und Nordamerika: das immer stärker unter Druck geratene Wohlstandsversprechen, der Kampf um Anerkennung, die Globalisierung und die Migration. Die soziale Ungerechtigkeit hat im Westen mittlerweile dramatische Ausmaße angenommen: Selbst Bezieher mittlerer Einkommen be- Fehlende Anerkennung | 271 kommen immer stärkere Probleme, in urbanen Regionen Wohnraum für eine bezahlbare Miete zu finden. Die soziale Schere klafft in allen Gesellschaften immer weiter auseinander zwischen einer extrem kleinen Einkommens- und Rentenelite und einer stetig anwachsenden unteren Sozialschicht, wobei die Mittelschicht mittlerweile vor allem von Abstiegsängsten und nicht mehr von Aufstiegshoffnungen geprägt ist. Fehlende Anerkennung hingegen ist vielleicht die am meisten unterschätzte Erscheinung, jedenfalls in Deutschland. Anerkennung und Missachtung gehen Hand in Hand. Fehlt Anerkennung, wird das als Missachtung wahrgenommen. Anerkennung stellt eine Bedingung für Selbstanerkennung dar. Fehlende Selbstanerkennung und wahrgenommene Missachtung können in Gewalt münden.10 Und schließlich ist Anerkennung eine Vorbedingung für Freiheit, die «als eine Art von nach innen gerichtetem Vertrauen zu verstehen» ist, «das dem Individuum Sicherheit sowohl in der Bedürfnisartikulation als auch in der Anwendung seiner Fähigkeiten schenkt».11 Überall auf der Welt – ob in Brasilien oder den USA, in Polen oder England, in Frankreich oder Deutschland  – sehen wir große Gesellschaftsgruppen, die sich nicht anerkannt fühlen, die sich als zurückgesetzt wahrnehmen, die sich als ausgegrenzt bezeichnen. Es geht nicht einmal um die Frage, ob es so ist oder nicht – und meistens stimmt das durchaus – , denn tatsächlich ist die Macht von Emotionen wirkungsvoller als jede Sozialstatistik.12 Emotionen verbinden, Statistiken sind kalt wie die Tage und Nächte «Jenseits der Mauer» von «Westeros». Ostdeutschland hat beginnend in den frühen 1990 er Jahren bis heute einen vergeblichen Kampf um Selbstanerkennung geführt; die Gesellschaft war zu gespalten, als dass sie diesen im Konsens hätte angehen können. Die in der DDR existierende Spaltung der Gesellschaft schien 1989/90 kurzzeitig aufgehoben zu sein. Eine Illusion. Noch 1990 ist die alte Spaltung öffentlich geworden, die sich nun rasch durch neue Spaltungstendenzen aufgrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen erweiterte, verfestigte und zugleich von ihnen überlagert worden ist. Deswegen kann die heutige Situation in Ostdeutschland auch nicht allein mit den Jahren seit 1990 erklärt Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt272 | werden. Die ostdeutschen Erfahrungsräume im 20. Jahrhundert parzellierten die Gesellschaft  – je nachdem, wie man wo in den verschiedenen Staatssystemen stand. Der Transformationsprozess hat das noch verstärkt, weil die nun hinzugetretenen Führungskräfte fast durchweg mit anderen Erfahrungen, Einstellungen, Vorstellungen und Herangehensweisen Takt und Richtung vorgaben. Eine «Durchmischung» fand nicht statt. Der Osten nahm sich als unterlegen, deklassiert und Befehlsempfänger wahr. Die Rolle hatten die Ostdeutschen zwar jahrhundertelang gut gelernt. Ihnen ist aber seit 1990 unentwegt mitgeteilt worden, sie seien nun selbst die Macher. Das wurden sie aber nicht: weil die einen nicht konnten, die anderen nicht durften, die nächsten nicht wollten und diejenigen, die es ausfüllten, in den Augen der anderen Ostdeutschen alsbald nicht mehr als Ostdeutsche galten. Wie könnte das verändert werden? Durch eine Quote, eine Ossi- Quote, wie es seit Kurzem einige Politiker, Politikerinnen, Journalistinnen und Journalisten vorschlagen? Ich bin kein Quotengegner. Die Frauenquote war richtig, notwendig und sinnvoll. Auch andere Quoten könnten es sein  – eine Ostquote zählt ganz gewiss nicht dazu, obwohl etwa die Hälfte aller Ostdeutschen und ein Viertel aller Westdeutschen eine solche im März 2019 befürwortete.13 Wie in diesem Essay angedeutet worden ist, erscheint schon die Frage, wer eigentlich Ostdeutscher ist, alles andere als einfach zu beantworten, zumal die 1989/90 jungen Leute, so wie ich, mittlerweile, nun ja, auch nicht mehr so ganz jung sind. Ich stelle mir vor, wie in künftigen Auswahlkommissionen mit allen möglichen Beauftragten auch noch ein Ost-Beauftragter mit darüber wacht, ob alle Randbedingungen im Besetzungsverhalten eingehalten worden sind. Nein, das ist nicht praktikabel und würde keine Gerechtigkeitslücke schließen, weil selbst Menschen, die 1990 noch jung waren, allmählich ins Renten- und Pensionsalter kommen. Wenn die Rentenpolitik den Ostdeutschen entgegenkäme, wäre weitaus mehr für Ostdeutschland getan. Hinzu kommt, dass, wie Raj Kollmorgen betont, eine «Verdachtstherapie» kein Argument für eine Quotierung darstelle. Denn zunächst müsste sozialwissenschaftlich nachgewiesen werden, so Kollmorgen, dass «Ostdeutsche» – wer auch immer das genau sei – Fehlende Anerkennung | 273 überhaupt auftsteigen wollen und daran systematisch gehindert würden.14 Natürlich bleibt das Problem des Wirtschaftsstandortes, der Kapitalbildung, der sozialen Ungleichheit oder der Elitenrekrutierung in Ostdeutschland – das sind zunächst alles ostdeutsche, deutsche Spezifika. Wir sollten uns nichts vormachen: Daran wird sich nichts ändern, jedenfalls nicht so schnell. Ein Blick über den Gartenzaun zeigt auch, warum: Kaum eines dieser Probleme ist nur spezifisch ostdeutsch. Das Ergebnis des Strukturwandels der Moderne, den der Soziologe Andreas Reckwitz in einem anregenden Buch als «Die Gesellschaft der Singularitäten» kennzeichnete,15 besteht gerade darin, erlernte Normen und Selbstverständlichkeiten abzulegen und gegen individuelle Unverwechselbarkeiten, gegen das Besondere im Vergleich zum Allgemeinen auszutauschen. Es besteht nur der Einzelne. Vor dieser Herausforderung stehen alle westlichen Gesellschaften. Die im Osten aber ganz besonders. Denn Polen und Ungarinnen, Slowakinnen und Ostdeutsche mussten binnen kürzester Zeit erneut «umlernen»: erst nach 1989/90 und dann mitten in diesem «Angleichungsprozess» und ohne «Ansage» und «Zielvorgabe» erneut, um sich auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters einzustellen. Dass dies ungleich schwerer innerhalb kürzester Zeit zweimal zu schaffen ist als für Westeuropäerinnen und Westeuropäer, dürfte unstrittig sein. Um nur ein Beispiel herauszugreifen, warum sich wohl auch absehbar an der Situation in Ostdeutschland nichts ändern wird: die viel beklagte Elitenrekrutierung. Entgegen dem Bauchgefühl und vielen Annahmen hatte die Ausweitung des Bildungssystems und der Bildungschancen in der westlichen Welt zu keiner sozialen Mobilität in den letzten Jahrzehnten geführt. Ganz im Gegenteil: Seit einigen Jahrzehnten erweisen sich die Mobilitätsschleusen als überwiegend verschlossen, weder soziale Auf- noch Abstiege fallen ins Gewicht.16 Die Rekrutierung von Eliten und oberen Führungskräften erfolgt aus dem gleichen Milieu, aus «sich selbst heraus». Herkunft prägt Entscheidungen, Empathie und soziale Wahrnehmungen. Selbstrekrutierungsmechanismen verhindern, die Welt als das wahrzunehmen, was sie ist: vielgliedrig und vielfarbig.17 Sie befördern Illibe- Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt274 | ralität und zwar im erlesenen Kreis der Auserwählten ebenso wie in der Masse der Nichtzugelassenen. Der Kampf um Anerkennung lässt sich in Ostdeutschland beobachten und ist dort aufgrund der spezifischen historischen Erfahrungen besonders ausgeprägt, aber er ist letztlich ein weltweites Phänomen. Ralf Dahrendorf konstatierte bereits 1997, dass die «Gefährdung des sozialen Zusammenhalts» zu den wichtigsten Folgen der Globalisierung zähle. Konkurrenz werde groß-, Solidarität kleingeschrieben. Im Zuge der Globalisierung, wie sie sich insbesondere seit den frühen 1990 er Jahren erheblich intensiviert habe, gebe es viele Gewinner und Verlierer, Ausgegrenzte, Ausgestoßene, Vergessene, Nichtmitgenommene. «Sicher aber ist», so Dahrendorf, «daß keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen. In modernen Staatsbürgergesellschaften bedeutet solcher Ausschluß die praktizierte Leugnung von sozialen Grundwerten. Das heißt aber, daß eine solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, daß ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten. Die Beeinträchtigung von Recht und Ordnung ist also eine Folge der Tatsache, daß die Mehrheit eine Minderheit verdrängt und vergißt.»18 Klare Worte. Doch stimmen sie auch? Verdrängt und vergisst eine Mehrheit die Minderheit? Ostdeutschland als Labor der Globalisierung Die Globalisierung ist eine kapitalistische Revolution.19 Sie hat zu vielen Zugewinnen geführt, insbesondere in nicht-westlichen Gesellschaften wie etwa China und Indien.20 In der westlichen Welt sind die Folgen der Globalisierung von vielen als sehr bedrohlich angesehen worden. Zwar haben die aktiven Globalisierungsgegner ihre politischen Argumente mit Weltinnenpolitik begründet, im übertragenen Sinne waren sie aber vor allem Ausdruck jener Ängste, die ein Großteil der Gesellschaft teilte – nur unter anderen Vorzeichen. Die politisch aktiven Globalisierungsgegner verstehen sich als strikte Internationalisten, denen das Wohl und Wehe einer solidarischen

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.