Content

Zukunftsvisionen für Ostdeutschland Anfang der 1990er Jahre in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 266 - 270

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-266

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

To the Pre-print version
Bibliographic information
Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt266 | Identitäten, Empathie immer komplizierter, vielleicht sogar im Kern unmöglich – und produziert so Grenzen, Nationalismus, Ab- und Ausgrenzungen, Ungerechtigkeiten und weltweit wirkende totalitäre Anmaßungen wie dauerhafte Verfügbarkeit, Erreichbarkeit, Geld als Werteideologie oder Besitz als Statussymbol mehr als jemals in der Weltgesellschaft zuvor. Werden wir in der Zukunft feststellen müssen, dass die Globalisierung die Welt nicht kleiner, sondern fragmentierter, in der angestrebten Totalität tatsächlich erstmals totalitär im Sinne von Orwell oder Huxley oder Samjatin werden ließ? Zukunftsvisionen für Ostdeutschland Anfang der 1990 er Jahre Vor knapp dreißig Jahren gab es viele Zukunftsvisionen. Kohl träumte von blühenden Landschaften. Er sollte Recht behalten, nur ganz anders als er und seine Gefährten es gedacht hatten. Ostdeutschland ist nicht wiederzuerkennen. Das Antlitz der Städte, Dörfer und der Landschaft hat sich in einem Maße verändert, ge radezu sensationell verbessert, das auch rückblickend kaum als vorstellbar erscheint. Der Kanzler dachte jedoch nicht nur an blühende Landschaften im Wortsinne, sondern im übertragenen Sinne meinte er damit Industrie und Wirtschaft. Das hat nicht hingehauen. Und wie steht es mit seiner Aussage, niemandem im Osten werde es schlechter gehen? Auch da gibt es keine pauschalen Antworten. Die meisten Menschen im Osten geben an, mehr gewonnen als verloren zu haben. Einige, wie der Autor dieser Zeilen, sagen, sie haben überhaupt nur hinzugewonnen und überhaupt gar nichts verloren. Und eine dritte Gruppe sagt, sie habe mehr verloren als hinzugewonnen. Dass jemand sagt, er habe nur verloren und gar nichts gewonnen, kommt statistisch gesehen schon lange nicht mehr vor. Die Antworten hängen wesentlich von dem Wertehorizont ab – und von den eigenen Lebensumständen. Je jünger die Erwachsenen in den Zeiten des Umbruchs 1989/90 waren, je weniger beklagten sie später Verluste. Und das ist auch ganz logisch, wenn man sich anschaut, wie die Übernahme Ostdeutschlands verlief. An der Frage des Alters hingen Zukunftsvisionen für Ostdeutschland Anfang der 1990 er Jahre | 267 die Möglichkeiten, im neuen Deutschland einen selbstanerkannten Platz zu finden. Schließlich war nicht immer, aber doch häufig die «Verlustrechnung» maßgeblich davon beeinflusst, wie die Person bis 1989 im DDR-System verankert war. Systemträger verloren mehr als Systemgegner. In den letzten dreißig Jahren war zu beobachten, dass diese pauschale Beobachtung generell stimmt, in vielen Einzelfällen jedoch erstaunlicherweise nicht. So mancher frühere SED-Funktionär, so mancher Stasi-Mitarbeiter, so mancher Politlehrer fand nach Startschwierigkeiten einen neuen Platz. Auch hier traf das natürlich eher auf Jüngere zu. Einigen ihrer früheren Feinde ging mit der DDR nicht nur ihr Gegenüber verloren, sondern auch ein wichtiges Stück ihrer bisherigen Lebensaufgabe. Nicht alle schafften den Sprung von der Diktatur in die Demokratie oder wandten sich von dieser wieder ab. Ralf Dahrendorf hat auf dieses Phänomen bereits Mitte der 1960 er Jahre hingewiesen: Die fehlende Gesamtidee des Westens macht so manchem zu schaffen, der aus einem festen Ideologiegebäude kommt, selbst wenn er dieses unerbittlich bekämpft hatte.2 Es gab Anfang der 1990 er Jahre viele Visionen, wie Deutschland einmal aussehen würde. Der italienische Soziologe Angelo Pichierri war Gastwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin. Viele ausländische Intellektuelle machten sich damals Gedanken über die Zukunft Deutschlands. Nicht wenige waren besorgt und fürchteten ein neues Großdeutschland, das Europa beherrschen werde. Sie dachten dabei in den nationalstaatlichen Kriterien des 19. und 20. Jahr hunderts. Heute beklagen die meisten eher, dass Deutschland weltpolitisch nicht entsprechend seiner wirtschaftlichen Macht agiere, sondern eher wie eine ökonomische und politische Mittelmacht. Der Italiener sah, mit Blick auf sein eigenes Land, eine andere Gefahr, die er 1991 so – rückblickend aus dem Jahr 2019 – beschrieb: «Heute erscheint es geradezu paradox, daß die Ereignisse des Jahres 1989 und der frühen neunziger Jahre von den Zeitgenossen mit den Begriffen ‹Wiedervereinigung› und deutscher ‹Einheit› interpretiert wurden. Aus der Distanz der verflossenen dreißig Jahre erkennt man in jenen Ereignissen recht deutlich die Wurzeln einer erneuten Teilung Deutschlands, ein kaum zu bremsender sozialer, ökonomischer und kulturell-politischer Teilungs-Prozeß innerhalb des rechtlichen Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt268 | und institutionellen Rahmens jenes Gebildes, das sich immer noch ‹Bundesrepublik Deutschland› nennt.»3 Mit solchen Prognosen stand er nicht allein. Der in Freiburg lehrende Historiker Heinrich August Winkler, der im Herbst 1991 als einer der allerersten Neuberufenen an die Humboldt-Universität zu Berlin wechselte, schrieb fünf Tage vor der Wiedervereinigung: «Doch die Gefahr besteht, daß man demnächst in einem ganz anderen Sinn von ‹zwei Nationen› sprechen könnte – in dem Sinn, in dem Benjamin Disraeli 1845 in seinem Roman ‹Sybil, or the Two Nations› diese Formel eingeführt hat: als Umschreibung des Gegensatzes zwischen Arm und Reich. Zwischen den Deutschen im Westen und denen im Osten gibt es ein Wohlstandsgefälle, das durch die Währungsunion stärker als zuvor ins allgemeine Bewußtsein gerückt worden ist. Das Bild von den ‹two nations› könnte, so paradox es klingt, im Zeichen der Einigung einen größeren Wirklichkeitsgehalt bekommen als in den vier Jahrzehnten der Trennung. Und es geht ja nicht nur um ein materielles Gefälle. Es sind radikal unterschiedliche Erfahrungswelten, die jetzt in einem Staat aufeinanderstoßen und Spannungen hervorrufen werden.»4 Der Italiener aus Turin und der Freiburger aus Königsberg sollten beide Recht behalten. Deutschland ist institutionell, rechtlich eine starke Einheit geworden. Politisch, sozial und ökonomisch hingegen hat sich der Ost-West-Gegensatz so stark verfestigt, dass es gegenwärtig müßig erscheint, weiter von Aufhol- und Angleichungsprozessen des Ostens zu reden. Die Frage ist, ob das überhaupt nötig ist. Oder geht es zunächst darum, dass die Schere wenigstens nicht weiter auseinanderklafft? Im Prinzip ist das eine rein politische Frage. Denn auch wenn der materiell-finanzielle Graben zwischen Ost und West weiterhin besteht, es muss niemand verhungern und vor allem Jüngere können auch weiterhin abwandern. Andererseits: Der Osten ist Niedriglohngebiet, hier gibt es seltener Weihnachtsgeld, weitaus weniger Flächen- oder Branchentarifverträge, seltener Mindestlöhne und nach wie vor eine deutlich höhere Abhängigkeit von staatlichen Sozialleistungen. In den Jahren seit 2007 haben in Sachsen von insgesamt knapp vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern rund 1,2 Millionen Menschen Hartz-IV-Leistungen be- Zukunftsvisionen für Ostdeutschland Anfang der 1990 er Jahre | 269 zogen.5 Auch von ihnen ist niemand verhungert. Aber was macht das mit Menschen, nicht gebraucht zu werden, zu den «Taugenichtsen» der Gesellschaft abgestempelt zu werden?6 Auch wenn die Arbeitsgesellschaften – so unterschiedlich sie inhaltlich ausgefüllt waren – im Westen seit den 1970 er und im Osten seit den 1990 er Jahren Geschichte sind – ohne Arbeit geht es nicht, mindestens noch nicht. Der rasante Wandel der ostdeutschen Erwerbsgesellschaft in den frühen 1990 er Jahren holte nicht nur binnen kürzester Zeit, buchstäblich über Nacht, nach, wofür dem Westen etwa zwei Jahrzehnte zur Verfügung gestanden hatten. Er ging dem Westen auch zugleich voran. Die ostdeutsche «Zeitenwende» auf dem Arbeitsmarkt war ein Abbild dessen, was westlichen Gesellschaften und ihren Arbeitsmärkten überall bevorstand: ein radikaler Wandel. Ein zentrales Problem konnte dabei bislang nicht gelöst werden: «Arbeit» zählt zu den wichtigsten Säulen von Lebenszufriedenheit und emotionalem Wohlbefinden. Arbeit kann glücklich machen – keine Arbeit zu haben, macht unglücklich.7 Ebenfalls mit der Zukunft Ostdeutschlands setzte sich Marianne Birthler Anfang der 1990 er Jahre auseinander. Sie war als erste brandenburgische Bildungs-, Jugend- und Sportministerin bis zu ihrem spektakulären Rücktritt Ende Oktober 1992 – sie protestierte gegen den Umgang von Ministerpräsident Manfred Stolpe mit seinen Stasi-Verstrickungen – dazu auch geradezu berufen. Birthler wurde anschließend erste ostdeutsche Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, später Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde und beinahe auf dringenden Wunsch von Angela Merkel auch Bundespräsidentin, eine Offerte, die die Berlinerin leider nach kurzer Bedenkzeit ausschlug. Ihre Beweggründe dafür sind öffentlich nicht bekannt geworden. Sie schien prädestiniert für das Amt, denn unermüdlich hatte sie sich seit 1989/90 – und auch schon davor in der DDR-Opposition – für die Demokratisierung der ostdeutschen Gesellschaft engagiert. Dabei übersah sie auch nicht die neuen Gefahren. In einem sehr klugen und weitsichtigen Vortrag bemerkte Birthler im Dezember 1992: «Die Demokratie ist für viele in Ostdeutschland so etwas wie ein leerer Krug mit dem Etikett Demokratie. Womit dieser Begriff gefüllt wird, das entscheidet sich in diesen Tagen, Wochen und Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt270 | Monaten, in denen Stimmungslage und Erfahrungen düster sind. Ich halte das deshalb für verhängnisvoll, weil derjenige, der schlechte Ersterfahrungen mit der Demokratie gemacht hat, kaum bereit sein dürfte, sich aktiv für den Schutz dieser Demokratie einzusetzen. Mit den Folgen dieser Situation werden wir es, so ist zu fürchten, noch zu tun bekommen.»8 Die «Ersterfahrungen» vieler Ostdeutscher – dieser Essay hat viele Beispiele dafür angeführt – waren unerfreulich. «Die Demokratie» erschien vielen von ihnen nicht in Form von Teilhabe und Mitbestimmung, sondern als Ausgrenzung. Alles ging verloren, weitaus mehr als die meisten erwartet hatten. Die wachsende Distanz zu dem neuen System, auch wenn die Kennziffern im Laufe der Jahrzehnte schwankten, blieb unübersehbar.9 Sie nahm sogar seit Mitte der 2000 er Jahre, als sich der Arbeitsmarkt statistisch zu entspannen begann, ohne das neue Arbeitsplätze geschaffen worden wären, noch zu. Fehlende Anerkennung Der größte politische Irrtum in Deutschland und Europa liegt hier offen: Die Annahme, wer sozial befriedet und zufrieden sei, werde Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat, sprich die westliche Ordnung, ganz natürlich, wie von selbst stützen, stimmt nicht. Erst in dem Maße, in dem die Ostdeutschen sozial im Westen angekommen waren, fingen sie an, sich von ihm zu distanzieren. Zunächst nutzten sie dafür die PDS/Linke, seit Mitte der 2010 er Jahre die AfD und deren Umfeld. Dieses Reaktionsmuster ist kein typisch ostdeutsches. Es lässt sich so oder ähnlich in vielen Regionen der Welt beobachten. Mindestens vier Erscheinungen haben das westliche Modell unter Druck gesetzt  – zuerst in Osteuropa und Ostdeutschland, dann zunehmend in Nord- und Westeuropa und Nordamerika: das immer stärker unter Druck geratene Wohlstandsversprechen, der Kampf um Anerkennung, die Globalisierung und die Migration. Die soziale Ungerechtigkeit hat im Westen mittlerweile dramatische Ausmaße angenommen: Selbst Bezieher mittlerer Einkommen be-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.