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Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 137 - 146

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-137

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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7 | Tabula rasa: die soziale Katastrophe Die deutsche Einheit wird häufig als technokratischer Prozess geschildert, der vor allem Geld verschlungen habe. Expertinnen und Experten rechnen genau vor, was die Sozialleistungen, die Ausgaben für den zweiten Arbeitsmarkt, die Abwicklung der DDR-Volkswirtschaft, der Aufbau der ostdeutschen Infrastruktur, die ostdeutschen Renten usw. usf. gekostet hätten – und zwar den westdeutschen Steuerzahler. Lieblingsthema dabei war der «Solidaritätsbeitrag», von dem wohl selbst noch heute viele glauben, diese Sondersteuer würden nur im Westen arbeitende Menschen zahlen. Die gesamten «Transferleistungen» seit 1991 werden mal mit einer, mal mit 1,5, mal mit zwei Billionen Euro angegeben. Das ist so eine unfassbar hohe Summe, dass es fast schon egal anmutet, wie hoch sie nun wirklich ausfiel. Hohe Summen stumpfen ab. So wie in der Bankenkrise ab 2007 oder in der Euro-Krise seit 2010. Da standen auf einmal auch unfassbare Summe bereit, während Schulen verrotteten, die Infrastruktur im Westen weiter veraltete, der digitale Ausbau auf der Stelle trat, allerorten Gelder für Bildung und Kultur fehlten, die soziale Ungleichheit weiter zunahm und der Mittelstand ins Rutschen geriet. Da wir alle wissen, dass die deutsche Einheit ziemlich viel Geld kostete, die öffentlichen Haushalte belastete, aber letztlich dieses reiche Land das irgendwie stemmte, ohne dass deswegen jemand verhungerte oder auch nur schmerzliche Einbußen in seiner persönlichen Lebensführung erdulden musste, konzentriere ich mich nicht auf die materiellen Kosten, sondern auf die sozialen Folgen. Wer an den materiellen Kosten interessiert ist, den verweise ich auf Berichte der Regierung zum Stand der deutschen Einheit, da findet man alles, was man wissen muss – und noch viel mehr. Tabula rasa: die soziale Katastrophe138 | Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft Die DDR war eine Arbeitsgesellschaft. Das wird seit 1990 gebetsmühlenartig wiederholt. Was aber hieß das eigentlich? Jedes Kind ist in der Schule in der DDR immer und immer wieder mit der Frage konfrontiert worden, ob der Mensch lebe, um zu arbeiten, oder ob er arbeite, um zu leben. Die Antwort fiel «dialektisch» aus, wie man einem Schullehrbuch von 1982 entnehmen kann: «Jeder, der seinem Leben einen echten und tiefen Sinn geben will, kann nicht nur von sich selbst ausgehen. (…) Im Sozialismus ist jeder aufgerufen, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, in der Gemeinschaft freier Menschen auch seine Persönlichkeit voll auszuprägen. Eine aktive, dem Ganzen zugewandte Haltung, die in den Interessen des Kollektivs und der Gesellschaft nichts Anderes, sondern etwas Eigenes, und in den persönlichen Interessen nichts rein Privates, vom Ganzen Losgelöstes sieht, stellt an jeden Menschen sehr hohe Anforderungen. Es ist vor allem die Anforderung, daß jeder klassenmäßig für den Sozialismus Partei ergreifen muß, wenn er seinem Leben einen Inhalt geben will. Ein Leben, das auf die aktive und bewußte Teilnahme an der Verwirklichung über die eigene Person hinausgehender fortschrittlicher gesellschaftlicher Ziele gerichtet war, ist ein sinnvolles, ein sinnerfülltes Leben. Ein Leben jedoch, das auf keinerlei über die eigene Person hinausgehende gesellschaftliche Ziele gerichtet war, ist sinnlos vertan, ist inhaltsleer, hat keinen Sinn.»1 Solche Parolen wurden den Menschen in der DDR jahrzehntelang pausenlos eingehämmert. Und zwar stets und überall. Arbeit stand im Mittelpunkt der «sozialistischen Persönlichkeitsbildung». In einem anderen Lehrbuch hieß es: «Sozialistische Kollektivität bedeutet gemeinsames Handeln der Werktätigen auf der Basis der Übereinstimmung von persönlichem, kollektivem und gesellschaftlichem Interesse, auf der Basis gemeinschaftlich angestrebter, progressiver sozialer Ziele, auf der Basis gemeinsamer weltanschaulicher Überzeugungen und moralischer Normen, auf der Basis der Verantwortung jedes einzelnen für die Gemeinschaft und der Verantwortung der Gemeinschaft für jeden einzelnen. Über das Arbeitskollektiv geschieht wesentlich die Vermittlung von Individuum Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft | 139 und Gesellschaft, und es ist das Arbeitskollektiv, durch dessen Vermittlung das Individuum die Eigenschaft, Produzent zu sein, mit der Eigenschaft vereinigt, Eigentümer zu sein. Indem der einzelne als Glied des Arbeitskollektivs an der Leitung und Planung der Produktion mitwirkt, wirkt er zugleich an der Ausübung der politischen Macht mit. Der Zusammenhang von ökonomischer und politischer Macht stellt sich – unter der Führung der marxistisch-leninistischen Partei – zuallererst im Produktionsprozeß selbst her.»2 Wer nun glaubt, diese Phrasen – die ja nur die Spitze des ideologischen Eisbergs darstellten – wären in der Ausbildung an den meisten abgeprallt, irrt nicht. Die meisten schafften es im Staatsbürgerkundeunterricht oder in den politischen Fächern in der Berufsausbildung, an den Fach- und Hochschulen und in der ständigen Weiterbildung – niemand konnte sich dem entziehen – kaum, die Lehrsätze und Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus und der SED- Ideologie zu reproduzieren. Wer aber annimmt, diese Dauerbeschallung wäre an den meisten Menschen spurlos vorbeigegangen, liegt auch daneben. Dazu bedurfte es schon größerer Anstrengungen, einer bewussten Haltung «gegenzusteuern», oder einer besonders stringenten «gegenideologischen» Sozialisation. Das gelang nur einer sehr kleinen Minderheit. Nicht nur, dass niemand der «Rotlichtbestrahlung» entkam: Neben dem politischen Unterricht waren die Medien randvoll damit, öffentliche Plätze mit entsprechenden Plakaten zugepflastert, in den Betrieben hingen überall entsprechende Losungen und Wandzeitungen. Hinzu kam, dass die Gemeinschaftsethik, die diesem extremen Kollektivierungswahn zugrunde lag, nicht im Widerspruch stand zur deutschen Klassik und zur protestantischen Ethik, sondern sich durchaus – zumindest wie die SED- Volkspädagogik es verbreitete – in die deutschen Traditionen einpassen ließ: «Der edle Mensch/ Sei hilfreich und gut!/ Unermüdet schaff er/ Das Nützliche, Rechte,/ Sei uns ein Vorbild/ Jener geahneten Wesen!» (Goethe) Die Wirkung der SED-Propaganda wäre vielleicht weniger nachhaltig gewesen, wenn sie im Alltag der Menschen nicht auch eine materielle Entsprechung gefunden hätte. Noch heute verblüffen demoskopische Untersuchungen, die bei den noch in der DDR soziali- Tabula rasa: die soziale Katastrophe140 | sierten Menschen eine erstaunliche Wertehomogenität feststellen. Das ist eben nicht allein mit der Propaganda zu erklären, sondern wesentlich mit dem Stellenwert von Kollektivität und Arbeit in der DDR. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen seit langem davon, dass die DDR eine Arbeitsgesellschaft gewesen sei. Ursprünglich war der Begriff von Hannah Arendt verwendet worden, um den Stellenwert von Arbeit in der Gesellschaft zu bestimmen. Als ab Beginn der 1970 er Jahre Massenarbeitslosigkeit in den westlichen Gesellschaften zu einem immer stärker prägenden Phänomen aufstieg, das zu einem dauerhaften gesellschaftlichen Begleiter wurde, prognostizierten Soziologen wie Ralf Dahrendorf oder Claus Offe das «Ende der Arbeitsgesellschaft», einer Gesellschaft, in der Arbeit im Mittelpunkt stehe und Einkommen, Teilhabe und Zukunft maßgeblich bestimme. Konkurrierende Begriffe kamen auf, zum Beispiel «Dienstleistungsgesellschaft» oder «Erlebnisgesellschaft». Als die Menschen die DDR verabschiedeten, wählten sie auch die ostdeutsche Variante einer «Arbeitsgesellschaft» ab. Bewusst war das kaum jemandem. Die ostdeutsche Arbeitsgesellschaft war allerdings, was viele westliche Beobachter verblüffte und vielen Ostdeutschen nicht bewusst war, weitaus mehr, als nur die Arbeit in den Lebensmittelpunkt zu stellen. Die unverwüstliche, noch heute als soziales Gewissen Ostdeutschlands geltende, mit ihren Statements polarisierende brandenburgische Sozial- und Arbeitsministerin Regine Hildebrandt (SPD) hat in einem Interview diese spezifische Form der ostdeutschen Gesellschaft einmal sehr gut zusammengefasst: «Schwedt und das petrolchemische Kombinat, an dem die Erdölpipeline aus der Sowjetunion endete. Es wurde in den 60 er Jahren direkt an der Oder gebaut, dazu weitläufige Wohngebiete zusammen mit einer kompletten sozialen Infrastruktur. Dieser Großbetrieb erstreckte sich über eine Fläche von 13 Quadratkilometern, wovon 12 nicht betriebsnotwendig waren; auf ihnen befand sich eine eigene Poliklinik, die eigene Apotheke, der Kindergarten, die Verkaufsstelle, das Kulturhaus, das eigene Schwimmbad mit ganzjähriger Außenanlage. In der Innenstadt hatte das Kombi nat Ausländerunterkünfte errichtet, eine Schule mit drei Wohnheimen, ein Naherholungszentrum und eine Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft | 141 große Ruder- und Kanustrecke. Dazu besaß es ein Ferienlager an der Ostsee und eines im Erzgebirge … Mit der Wirtschafts- und Sozialunion fiel der Hammer über Schwedt.  (…) Es wurde auf Teufel komm raus privatisiert. Verkauft wurden das Klubhaus, in dem die Jugend- und die Altenarbeit stattfanden, die Sportstätten als Zentrum aller Sportaktivitäten der ganzen Region, die Poliklinik, der Kindergarten und alles andere. Und die Investoren konnten sich freuen, gleich noch die Ferienheime an der Ostsee und in den Bergen ‹mitgenommen› zu haben. Im brandenburgischen Premnitz haben sie sogar die Betriebswohnungen mitverkauft.»3 Auch wenn die beliebte Ministerin bis zu ihrem frühen Tod immer so sprach, als trüge sie dafür keine politische Verantwortung – sie hatte Recht. Die ostdeutsche Arbeitsgesellschaft war als eine Rundumversorgung organisiert, buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre. Natürlich, dem konnte man sich entziehen, was auch viele taten. Diese Rundumversorgung war in den Kombinaten weitaus besser entwickelt als in kleineren staatlichen Betrieben. Aber immerhin haben in den etwa 260 zentral- und bezirksgeleiteten Kombinaten zuletzt etwa vier Millionen Menschen gearbeitet, fast die Hälfte aller 8,5 Millionen Beschäftigten. Auch die LPGs mit ihren fast eine Million Beschäftigten wiesen eine solche Rundumversorgung auf. Und schließlich nicht zu vergessen der «Öffentliche Dienst», der in der DDR nicht so hieß, die staatliche Verwaltung, das Bildungs- und Gesundheitssystem, das Kulturwesen, Armee, Polizei, Staatssicherheit u. a. m. umfasste. Hier arbeiteten etwa 2,3 Millionen Menschen, prozentual etwa doppelt so viele wie in der Bundesrepublik. Insgesamt waren von dieser «Rundumversorgung» rund 85 Prozent der Beschäftigten erfasst.4 Zählt man Lehrlinge, Studierende und Schülerinnen und Schüler hinzu, sind noch einmal rund 2,5 Millionen zu berücksichtigen. 1989 war ein Viertel der DDR-Bevölkerung im Rentenalter. Selbst wenn sie tatsächlich aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sein sollten, so waren sie jahrzehntelang Teil der «DDR-Arbeitsgesellschaft» gewesen. Nur die Allerjüngsten hatten daran noch nicht direkt teilnehmen können, indirekt ist ihnen das über Eltern und Großeltern aber auch noch lange nach 1989 vermittelt worden. Ralf Dahrendorf stellte bereits 1965 mit Blick auf die DDR-Gesell- Tabula rasa: die soziale Katastrophe142 | schaft fest, dass der Umbau der ostdeutschen Gesellschaft unter dem bestehenden «Regime totaler Machtentfaltung» natürlich «Inseln der Tradition» nicht verhindern könnte, die dann auch «Inseln der Resistenz» seien. Generell aber müsse man wohl festhalten, so Dahrendorf, dass die staatlich erzwungene Umgestaltung zur Herrschaftssicherung der kommunistischen Partei dazu führte, dass «die Gesellschaft der DDR die erste moderne Gesellschaft auf deutschem Boden» sei. Diese Modernität lehnte Dahrendorf natürlich ab, wies aber darauf hin, dass in der DDR die Ideale von 1789 ins «äußerste Extrem» geführt worden seien.5 Die moderne Illiberalität, das Staatsvertrauen, die Planrationalität und das damit verbundene Misstrauen in die Kraft von dezentralisierten, autonomen Instanzen führte er ebenso an wie die integrative Kraft der Ideologie. Das mag sich absurd anhören. Doch es ist es nicht. Dahrendorf führt ein Beispiel an, dass wie aus den Jahren nach 1990 klingt: «Denn eine dieser Bedeutungen liegt darin, daß es überhaupt eine Ideologie gibt, die für alle Menschen verbindlich sein soll und dies insoweit auch ist, als die den zentralen Gegenstand der Diskussion liefert. Die Wirkung dieser Tatsache ist beträchtlich. Noch die politischen Flüchtlinge aus der DDR empfinden nach einiger Zeit im Westen eine Leerstelle dort, wo ihnen die Gesellschaft des Ostens zumindest als Objekt der Kritik und des Hasses eine kohärente Ideologie anbot.» Einer der bedeutendsten europäischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts geht sogar noch einen Schritt weiter, einen Schritt, der an die Gegenwart heranführt. Denn er meint, dass das Leben ohne zusammenhängende und verbindliche Ideologie im Westen für viele unbequem sei. Viele vermissten die «Idee des Westens». «Das Angebot einer Ideologie» hingegen «liefert einen Fixpunkt der Orientierung, der es dem Einzelnen erlaubt, sich im Einklang oder im Widerspruch mit dem Gegebenen zu verstehen, und es ihm erspart, die Welt als offenes Feld zu nehmen, in das er seine eigenen Entwürfe legen muß.»6 Generell gilt allerdings, dass die Wandlungen die Gesellschaft um so nachhaltiger prägen, um so mehr sie die soziale Moderne betreffe, schwächer falle die Prägekraft für die leninistische Theorie aus. Das gilt für die ostdeutsche Gesellschaft auch seit 1990 – nun allerdings erwiesen sich die unterschwelligen Langzeitwirkungen der Feindbil- Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft | 143 der und der kommunistischen Ideologie als vitalisiert in Reaktion auf den krassen sozialen Wandel. Die ostdeutsche Arbeitsgesellschaft hatte Vor- und Nachteile. Wer sich dem Kollektivzwang zu entziehen suchte, brauchte Energie und Standvermögen, denn der Gruppenzwang ging nicht nur von den Funktionären und Ideologen aus. Er war bei vielen verinnerlicht – hier konnte der Kommunismus realhistorisch an die «nationalsozialistische Volksgemeinschaft» anschließen. Liberal war die Betreuung von der Wiege bis zur Bahre nicht, weil sie kaum Wahlmöglichkeiten beließ. Doch Einsamkeit kam seltener vor, jedenfalls unbeobachtete Einsamkeit. Die hat sich in den westlichen Gesellschaften mittlerweile zu einem handfesten Problem und zu einer bedeutsamen Todesursache ausgewachsen. Das sagt viel über die Gesellschaft aus. In Großbritannien versucht seit 2018 die Regierung mit einer interministeriellen Arbeitsgruppe, Strategien zur Bewältigung von Einsamkeit in der Gesellschaft zu erarbeiten und damit dem gesundheitszerstörenden Zustand zu begegnen.7 So weit ist es zwar in Deutschland noch nicht, debattiert wird es aber – nötig haben es die meisten europäischen Gesellschaften, gegen Einsamkeit anzugehen. Dabei kann niemand etwas gegen innere Einsamkeit aus welchen Gründen auch immer tun. Aber es ist erwiesen, dass selbst einmaliger kurzer Kontakt pro Tag  – etwa wenn eine warme Mahlzeit in Haus gebracht wird – , nicht gerade Wunder, so doch aber Erhellendes zum Alltagsleben beitragen kann. Die 1945 gegründete und bis heute bestehende «Volkssolidarität» ist eine solche ostdeutsche zivilgesellschaftliche Einrichtung, die u. a. durch Betreuungsangebote der Einsamkeit im Alter entgegenzutreten versucht. 1988 wies sie 2,15 Millionen Mitglieder und 200 000 ehrenamtliche «Volkshelfer» auf, die täglich 215 000 Mittagessen verteilten. Fast 90 000 Personen sind von ihr zu Hause betreut worden. Das war übrigens ein Job, den gern Leute ausübten, die sich dem staatlichen und parteilichen Zwang zu entziehen suchten und im System sonst nicht weiter mitmachen wollen. Dazu gehörten auch Tätigkeiten als Friedhofsgärtner, Pförtner oder Hausmeister. Nach 1990 brach zwar auch die Arbeit der Volkssolidarität ein, aber sie blieb ein wichtiges Standbein der Sozial- und Wohlfahrtspflege im Tabula rasa: die soziale Katastrophe144 | Osten. Bis 1994 reduzierte sich ihr Mitgliederbestand auf ein Viertel, 2016 wies die Statistik noch 165 000 Mitglieder aus. Die Anzahl der ehrenamtlichen Helfer ging schnell auf 30 000 zurück, 2016 betrug sie noch 21 000. Zur Volkssolidarität gehören Altenwohn- und Pflegeheime, Kitas, betreutes Wohnen sowie monatlich knapp eine Million Mittagessen.8 Aktivitäten wie denen der Volkssolidarität, die im Osten als Vorfeldorganisation der PDS wahrgenommen wurde, verdankte die Partei insbesondere in den 1990 er und 2000 er Jahren ihre Wahlerfolge. Die Volkssolidarität ist nicht der einzige im Osten aktive Verband, auch die Kirchen sind traditionell mit ihren karitativen Aktivitäten stark vertreten. Eine nachhaltige gesellschaftspolitische Wahrnehmung – verstärkt noch durch das politische linke Engagement des «Deutschen Paritätischen Wohlfahrtverbandes», in dem die Volkssolidarität Mitglied ist – hat bislang aber vor allem der aus der DDR stammende, in der Fläche agierende Sozialverein behaupten können. Der komplette Zusammenbruch der ostdeutschen Arbeitsgesellschaft buchstäblich von einem Tag auf den anderen konnte gar keine anderen als verheerende Folgen zeitigen. In dieser Perspektive ist nicht mehr die Friedlichkeit der Revolution 1989/90 das Wunder, sondern die Friedlichkeit des ostdeutschen Transformationsprozesses 1990 bis 2005. Die Menschen verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern auch soziale Beziehungen und sozialen Zusammenhalt, der größtenteils über die Arbeit gestiftet und gefestigt worden war. Es gab fast nichts, was nicht mit der Arbeit im engsten Zusammenhang stand: Einkommen, Freizeit, Urlaub, Gesundheitsvorsorge, Krankenbetreuung, Kultur, Rentnerbetreuung, Freundschaftsbeziehungen, Liebe und Sexualität, Feierkultur, Kinderbetreuung. Der Wertehorizont ist hier wesentlich geprägt worden. Diese Welt war den Westdeutschen, als sie ab 1990 den Ostdeutschen halfen im Westen anzukommen, nicht nur vollkommen fremd, sie haben sie überwiegend gar nicht wahrgenommen, konnten sie auch nicht wahrnehmen, weil sie institutionell zerstört war, bevor sie sie hätten erleben können. Es geht dabei gar nicht darum, diese Verhältnisse zu idealisieren – der Autor dieser Zeilen hat sie gehasst und sich ihnen schon als Jugendlicher, soweit es im System Der Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft | 145 ging, frühzeitig entzogen – , aber sie müssen zur Kenntnis genommen werden, um zu verstehen, was der Osten verlor. Denn der Gewinn an Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie stellt sich für die einen, wie für mich, als uneingeschränkt positiv dar, verbunden mit keinerlei Verlusten, nur mit Gewinnen. Doch meiner Erfahrung und Erinnerung nach zählte ich in der DDR zu einer Minderheit – zu einer deutlichen Minderheit sogar in der jüngeren Bevölkerung. Warum hätte aus dieser Minderheit nach 1990 eine Majorität werden sollen? Für die anderen bedeuteten Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einen Zugewinn, dem Verluste gegenüberstanden. Damit meine ich nicht die Gruppe der 200 000, 300 000 oder wegen mir 500 000 – so viele waren es wohl nie – überzeugten SED-Kommunisten. Sie sind sozialstatistisch vernachlässigbar. Gemeint sind jene in der DDR lebenden Menschen, die ganz und gar überwiegende Mehrheit, die sich missmutig eingerichtet hatte, loyal, durchaus widerspruchsbereit, nörgelnd, opportunistisch, ihr Menschenrecht auf Anpassung wahrnehmend, die über Jahre und Jahrzehnte im System sozialisiert wurden, die angenehmen Seiten mitnehmend, die nervigen hinnehmend. 1989/90 konnten Letztere abgestreift werden, ohne dass sie selbst aktiv werden mussten. Ab 1990 gingen auch die angenehmen Seiten verloren. Das Kollektiv löste sich auf, die Einzelnen versuchten, sich gesellschaftlich neu zu erfinden, was schwierig war, da es keine Orientierungs- und Haltepunkte gab. Nicht einmal der Weg zum Arzt war der gleiche. Zuvor musste erst einmal unter gefühlt 500 Versicherungen die richtige ausgewählt werden und niemand half einem. Alles flog einem um die Ohren. In einer solchen Situation schauen sich alle Menschen um und fragen sich: Und wie war es eigentlich früher? Siehe da, viele fanden nun, früher war es einfacher, übersichtlicher, kuschliger. Diese Form der Nostalgie ist ungefährlich. Sie begleitet die menschlichen Gesellschaften schon immer. Im Globalisierungszeitalter kommt ein neues Phänomen hinzu: Nicht erst Ältere und die ganz Alten erträumen ihre Zukunft als Erinnerung an eine Vergangenheit, wie sie erinnert wird, wie sie nicht unbedingt gewesen sein muss. Mit anderen Worten: Was in Ostdeutschland bald in den 1990 er Jahren und frühen 2000 er Jahren einsetzte, die Rückbesinnung und naive Verklärung einer gerade Tabula rasa: die soziale Katastrophe146 | erst zurückliegenden Vergangenheit ist eine grenzen- und zeitlose Erscheinung.9 Das Unverständnis für Ostdeutschland Für Ostdeutschland kam nun aber hinzu, dass der Westen oder Ostdeutsche wie ich dieser Rückbesinnung verständnislos und ablehnend gegenüberstanden. Ignorant und arrogant wurde nämlich missachtet, dass die Ostdeutschen mit dem Untergang der DDR-Arbeitsgesellschaft auch einen Großteil ihrer Lebenszusammenhänge und -organisationsformen, sprich ihrer Lebenskultur und -qualität verloren hatten. Die Lebensqualität messen Wissenschaftler, Politikerinnen und Journalisten fast durchweg an Kennziffern: Wie sind die Haushalte technisch ausgestattet? In welchem Verhältnis stehen Einkommen und Ausgaben? Kommt es zur Kapitalbildung und, wenn ja, wie? Wohin reisen die Menschen? Solche Fragen sind wichtig, weil sie den meisten Menschen wichtig sind, und solche Kennziffern können gut zeigen, wie viele nicht teilhaben können. Der Osten holte im Konsum wahnsinnig schnell auf – 1992 sah es in ostdeutschen Wohnzimmern im Prinzip so aus wie in westdeutschen, vielleicht nur einen Tick moderner, weil gerade erst alles angeschafft worden war. Das Problem: Wenn man erst einmal alles hat, was man glaubt zu benötigen, ist man auch nicht glücklicher, weil man den vorherigen Zustand schneller vergisst, als die neuen Geräte kaputtgehen oder veraltet sind – und dies geht bekanntlich ziemlich schnell. 1966 hielt Erich Fromm einen Vortrag unter dem Titel: «Die seelischen und geistigen Probleme der Überflussgesellschaft.» Er spricht schon damals vom passiven, leeren, ängstlichen, isolierten und gelangweilten Menschen. Er nennt diesen Menschen den homo consumens, für den gelte: «Weil ihr keine Freude gehabt habt in der Mitte des Überflusses, deshalb seid ihr keine glücklichen Menschen» (5. Mose 28,47). Nur mit der Kapitalbildung kam der Osten nicht hinterher – bis heute gibt es hier kaum Kapital. In Ostdeutschland fällt das Nettovermögen der Privathaushalte (23 400 Euro) etwa dreimal geringer

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References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.