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Kein Abschied von der Bundesrepublik in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 90 - 95

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-90

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Keine Ehe unter Gleichen90 | rien. «Ostdeutsch» ist eine Herkunft, ein sozialer Ort, eine Erfahrung, für manche sogar «Heimat». Es stellt eine Abgrenzung dar, die ausgrenzt. Viele sagen, die Unterscheidung in ostdeutsch und westdeutsch sei überflüssig. Im Prinzip stimmt das  – nicht nur Kosmopoliten sehen das so. Verwurzeltere Menschen, die womöglich seit ihrer Geburt in dem Landkreis leben, in dem sie geboren worden sind, und das sind in Deutschland immerhin fünfzig Prozent aller Menschen (!), werden das überwiegend etwas anders sehen. Sie fühlen sich als Friesen, Sauerländer, Niederbayern, Franken, Hessen, Thüringer, Sachsen oder Anhaltiner, als Dortmunder, Bochumer, Münchener, Berliner oder Rostocker, meist noch weitaus mehr als Angehörige einer ganz bestimmten Region, in Abgrenzung aber – mindestens im Osten – eben auch als Ostdeutsche. Alle Meinungsumfragen bestätigen das. Warum das so ist? Das hängt mit den gemeinsamen Erfahrungsräumen zusammen, die Ostdeutsche teilen. Und in die kommt der Sparkassendirektor aus Wanne-Eickel, der seit 1991 in Halle, der Historiker aus Gladbeck, der seit 1994 in Rostock, der Bauunternehmer aus Bayreuth, der seit 1997 in Jena, die Verwaltungsdirektorin aus Vechta, die seit 1991 in Görlitz, oder die Journalistin aus Pforzheim, die seit 1998 in Frankfurt/Oder Karriere machte, einfach nicht hinein – ob sie wollen oder nicht. Insofern ist «ostdeutsch» keine Sache des Willens, auch nichts, was man ablegen könnte. Das hat bei den nach 1990 Geborenen nicht aufgehört. Und auch hier gilt wieder: Natürlich betrifft das nicht alle, aber laut Umfragen die meisten. Insofern ist das Beharren darauf, es sei doch längst nicht mehr wichtig, woher jemand käme, ein gutes Indiz dafür, woher die Person kommt, die es formuliert. Fast immer ist es kein Ostdeutscher.3 Kein Abschied von der Bundesrepublik Revolution und Wiedervereinigung konstituierten nicht nur «Ostdeutsche». Das Jahr 1990 erfand auch die Bundesrepublik neu, zumindest ihre Geschichte, denn der rheinische Kapitalist und der Kein Abschied von der Bundesrepublik | 91 Hamburger Antikapitalist fanden sich auf einmal auf derselben Seite der Barrikade, wenn es um ihre Erfahrungsräume und ihre Haltung zur «alten» Bundesrepublik ging, wieder. Ostdeutsche haben ganz nebenbei und absichtslos «die Westdeutschen» in den 1990 er Jahren einander nähergebracht. Während Erstere tendenziell zum Ausgleich, zu Kompromissen, zum Konsens, zur Harmonie neigen, pflegen Letztere stärker miteinander konkurrierende Individualitäten. Ostdeutschen erscheinen Westdeutsche daher oft als aggressiv, dominant und unsensibel, während sie sich selbst als freundlich, solidarisch und harmonisch beschreiben. Westdeutsche empfinden diese Harmonie als feige und scheinheilig, während sie sich als offen, mutig und authentisch ansehen. Der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe schlussfolgerte vor dem Hintergrund dieser Befunde: «Die Fremdheitserfahrungen mit den Ostdeutschen ließen nicht nur die Westdeutschen sich einander näher fühlen, sondern machten auch drastisch deutlich, inwieweit sich viele als kapitalismuskritisch verstehende Linke inzwischen mit der Bundesrepublik identifiziert hatten. (…) Nichts hat die Westdeutschen so geeint wie der Beitritt der Ostdeutschen.»4 Ende der 1980 er Jahre zählte mehr als jeder zweite Bundesbürger die DDR zur deutschen Nation. Das bedeutete zwar eine deutliche Verschiebung im Vergleich zu den 1950 er und 1906 er Jahren, als diese Zuordnung kaum jemand in Frage stellte. Aber es war noch eine deutliche Mehrheit. Und noch etwa drei Viertel aller Bundesdeutschen hielten am politischen Ziel der Wiedervereinigung fest. Konkret gefragt, ob sie eine Wiedervereinigung noch zu Lebzeiten erwarteten, gaben keine zehn Prozent an, dass sie damit rechnen würden.5 Die Zahlen lesen sich ermutigender, als sie waren. Denn es existierten erhebliche Generationsunterschiede. Je jünger, um so stärker war ein bundesdeutsches Nationalbewusstsein, kein gesamtdeutsches, ausgebildet. Die Wiedervereinigungsphrase war in den 1980 er Jahren zu einer Lebenslüge der Bundesrepublik geworden. Die historischen Ereignisse trafen den Westen völlig unvorbereitet – in fast jeder Hinsicht. Der Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann brachte es auf den Punkt: «Die Wiedervereinigung hat das Idyll, das die Bundesrepub- Keine Ehe unter Gleichen92 | lik war, beendet.»6 Sein intellektueller Gegenspieler Jürgen Habermas sah das ganz ähnlich: «Es ist ja nicht so, als sei auch nur eines unserer systemspezifisch erzeugten Probleme durch den Sturz der Mauer gelöst.»7 Über «Ostalgie» wurde viel in der Öffentlichkeit debattiert, meist abfällig. Von einer «Westalgie» spricht niemand. Das ist merkwürdig. Viele Menschen erinnern sich wehmütig ihrer Jugend, ihrer vergangenen Tage, einer Zeit, die einem vertraut und sicher vorkommt. Das war schon immer so. Im Alten Testament oder bei Hesiod, Sokrates, Platon oder Aristoteles finden wir Aussagen, dass früher alles besser war. «Westalgie» ist also nichts Besonderes. Nur warum wird darüber so wenig diskutiert? Im Fernsehen bedient vor allem Oliver Geissen mit seinen Musikshows die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Da wird regelmäßig gute Laune verströmt. Gut so. Und doch gibt es ein Problem, das uns auch in unserer Gegenwart heftig beschäftigt. Vergangenheit heißt auch deshalb so, weil die Zeit vergangen ist. Vielleicht nicht endgültig vorbei, schon gar nicht restlos, aber eben doch zurückliegend, überlagert und überwölbt von Neuem. Wir können weltweit beobachten, dass es überall politische Kräfte gibt, die eine Sehnsucht vieler Menschen nach der «guten alten Zeit» bedienen, indem sie versprechen, «wir» werden daran anknüpfen, werden die «gute alte Zeit» zurückholen. Niemand kann das, aber der Glaube daran lässt sich auch nicht so einfach tilgen.8 Als sich die Bundesrepublik und die DDR 1990 vereinten, war zwar viel vom neuen Deutschland die Rede. Tatsächlich hat kaum jemand zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen daran gedacht, dass es auch Zeit sei, die Bundesrepublik, wie sie bis dahin existierte, zu verabschieden. Dafür sah niemand einen Grund. Der Kommunismus verschwand, Deutschland wurde größer, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Kapitalismus hatten gesiegt. Was sollte noch passieren? Was sollte sich ändern? Man ändert doch nichts nach einem Sieg! So ungefähr dachte auch Joachim Löw nach dem WM-Triumph 2014 in Brasilien. Er ist ein schönes Beispiel für eine Wahrnehmung, die nur auf sich selbst bedacht ist und nicht darauf achtet, was um einen herum so geschieht. Vier Jahre später, 2018 Kein Abschied von der Bundesrepublik | 93 in Russland, bekam sein Team eine Rechnung präsentiert, die niemand für möglich gehalten hatte. Noch eine Minute vor dem Ausscheiden hofften viele auf ein Wunder. Wunder, für die man nichts tut, treten nicht ein. Die Freiheit, «1989», fiel nicht vom Himmel. Für das Wunder riskierten viele Menschen Kopf und Kragen. «1990» kam die Einheit, auch sie war kein Wunder. Dafür hatte zwar niemand etwas riskiert, aber viele hatten dafür hart gearbeitet. Und dann? Ein Blick über den Tellerrand hinaus zeigte in den 1990 er Jahren, dass sich die Welt kräftig veränderte. Der eigentümliche Begriff «Globalisierungsgegner» vereinte politische Kräfte aller möglichen Schattierungen und bald auch größere Teile der Gesellschaft, ohne dass sie es wusste. Längst hatten weltweite Entwicklungen eingesetzt, die die Bundesrepublik kräftig veränderten: Seit den 1960 er Jahren war eine Dienstleistungsgesellschaft entstanden, der klassische Arbeiter verschwand zunehmend, sichtbarstes Zeichen dafür war das Zechensterben. Im gleichen Dezennium hatte eine Zuwanderung eingesetzt, die die Vorstellungen einer homogenen Gesellschaft, die es real nie gab, endgültig verabschiedeten. Das Erkunden der Welt war zu einer Selbstverständlichkeit geworden, Grenzen waren für junge Westeuropäer selten hoch genug, um sie nicht überspringen zu können. Das und vieles andere geschah meist allmählich, langsam, abgefedert, oft unmerklich – jedenfalls in der Bundesrepublik. Ein Blick nach Großbritannien zeigte, dass es auch anders, radikaler und erbarmungsloser geht. Auch die politischen Verhältnisse waren seit den 1970 er Jahren aus ihrer Dualität herausgerissen worden. Die Grünen sollten nur ein Vorgeschmack darauf sein, wie sich Politik ausdifferenzieren würde. Die Ölpreiskrise 1973 wiederum zeigte, wie eng die Welt zusammengerückt war, wie abhängig die Weltregionen voneinander waren. Nur sechs Jahre später wiederum, 1979, erstarkten die Weltreligionen in einem Maße, das kaum jemand für möglich gehalten hatte: Ein polnischer Papst brachte mit seinem ersten Besuch in seinem Heimatland den Kommunismus ins Wanken; die sowjetische Invasion in Afghanistan beförderte «Heilige Kriege»; die «Islamische Republik» im Iran machte die Religion zur Staatssache.9 Doch statt 1989/90 als Signal für einen weiter raschen Wandel der Keine Ehe unter Gleichen94 | eigenen Gesellschaft zu begreifen und zu sehen, dass die Globalisierung vor keiner Grenze (außer vielleicht der nordkoreanischen) Halt machte, setzte sich in der Bundesrepublik der Glaube fest, nur das würde sie betreffen, was sie wolle und anstrebe. Leistung heiße, so der alte Grundsatz (ein Irrglaube), wer etwas wolle, bekomme es auch. Und was man nicht wolle, so der logische Umkehrschluss, komme eben nicht. Weit gefehlt, wie sich zeigen sollte. Mit der Vereinigung von 1990 holte sich die Bundesrepublik, zynisch gesprochen, die «Anderen», die man zur Selbstbestätigung (und zum Selbstbetrug) benötigt, ins eigene Haus. «Ossis» und «Wessis» wurden erfunden. Zugespitzt standen sich fortan der «Besser-Wessi» und der «Jammer-Ossi» gegenüber. Ersterer trat stets und immer individuell auf, der Begriff stand für die Herkunft. Zum «Wessi» wurde man nur woanders, im Osten. Der Ossi hingegen ist immer Ossi, egal wo und in welcher Konstellation. Es ist eine Gruppenbeschreibung, ein großer Topf, in den alle unterschiedslos hineingeschmissen wurden.10 Es ist auch gar kein Widerspruch, dass an dieser Dichotomie von Ossi – Wessi, Kollektiv versus Individuum Ostler wie Westler gleichermaßen mit bastelten. Das ist eine logische Folge von Machthierarchien – wie sie wirken, wie sie wahrgenommen werden, wie sie existieren. Das Hierarchiegefälle existierte schon vor 1989, es war nur nicht wirkmächtig. Es gibt nicht nur das zwischen Ostlern und Westlern, es ist nur eines unter vielen, aber nach dreißig Jahren vielleicht dasjenige, bei dem es am meisten überrascht, dass es immer noch existiert. Natürlich, wer das Geld hat, hat Macht und legt die Tagesordnung fest. Allerdings haben frühzeitig die politischen Akteure und die Menschen auf den Straßen Ostdeutschlands auch zu verstehen gegeben: Wir bringen nichts mit außer unseren Erfahrungen, alles andere lassen wir im Stall, den wir gemeinsam mit euch abbrennen. Solcherart Unterwürfigkeit und Selbstpreisgabe verlangt geradezu nach Ausgrenzung. Seit 1990 wird gebetsmühlenartig wiederholt, wir müssten, um uns besser zu verstehen, nur unsere Geschichten erzählen. Tatsächlich gemeint war aber, Ostler sollten Westlern ihre Geschichte erzählen und diese sollten gefälligst hinhören. Nie hat je- Westdeutsche Selbstbilder im Spiegel ostdeutscher Konstruktionen | 95 mand danach gefragt, was der Nutzen dieser Märchenstunde sein würde. Und vor allem: Das war eine Einbahnstraße. Denn es wurde nicht gefordert, dass sich die Ostler gefälligst auch die Geschichten der Westler, womöglich sogar der zugewanderten Bürgerinnen und Bürger anhören sollten, um zu verstehen. Schon hier zeigt sich eine Machthierarchie, die ernst zu nehmen ist: «Seine Geschichte» muss nur das unbekannte Wesen erzählen. Dass dies Ostler wie Westler gleichermaßen forderten, zeigt nur, dass beide das Figurenpaar vom «Herrn und Knecht» anerkannt hatten. Rainer Eppelmann, zum Beispiel, hat auf Hunderten von Veranstaltungen im Westen vor einem staunenden Publikum, ob alt, ob jung, über seine beeindruckende Biographie berichtet. Auf wie vielen Veranstaltungen gleich nochmal erzählte, zum Beispiel, Joschka Fischer im Osten über seine bewegte Biographie in den 1960 er und 1970 er Jahren? Westdeutsche Selbstbilder im Spiegel ostdeutscher Konstruktionen Der Westler gilt als durchsetzungs- und meinungsstark, freiheitsliebend, forsch, laut, arrogant, auf seinen Vorteil bedacht, weltläufig, mehr Schein als Sein. Daher auch der Witz, warum die Westler 13 Jahren fürs Abitur benötigten, ein Jahr mehr als im Osten: weil ein Jahr Schauspielunterricht notwendig sei. Der Ostler hingegen ist zurückhaltend, geht im Kollektiv auf, jammert, meckert, hat keine eigene Meinung, hat mehr Sein, als er Schein verbreitet. So weit die Klischees. Woher die stammen? Nicht nur von der Straße. Sie wurden gefördert, verbreitet, produziert von Medien, der Politik, Kultur und vielen einzelnen einflussreichen Stimmen. Arnulf Baring, Jahrzehnte einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen der alten Bundesrepublik, warnte 1991 in einem Bestseller vor der «Ver-Ostung» der Bundesrepublik, vor der «Verwahrlosung», der «Proletarisierung».11 Im Osten kenne man keine «zielstrebige, harte und initiativreiche Arbeit», Ostler glaubten, die Leuchtkraft des Westens sei geschenkt worden. Im Osten gearbeitet zu haben, muss, so Baring, ungeheuer bequem gewesen sein, weil

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.