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Die Landwirtschaft in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 129 - 131

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-129

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Landwirtschaft | 129 lassen. Und gerade die vielen Häuser und Gebäude, die sich nun in Besitz von kommunalen Wohnungsverwaltungen und staatlichen Betrieben, aber auch Genossenschaften befanden, sahen schon vom Äußeren her nicht so aus, als hätte sich irgendwer wie ein Besitzer gefühlt. Die enormen Investitionen, die die ostdeutschen Städte und Gemeinden im Verlauf der 1990 er und 2000 er Jahre ein völlig neues Antlitz annehmen ließen, wären wahrscheinlich bei dem umgekehrten Prinzip «Entschädigung vor Rückgabe» nicht so reichlich und schnell geflossen.38 Aber ich gebe gern zu, das ist eher eine Glaubensfrage – das eine wie das andere lässt sich nicht mehr beweisen. Und Unrecht, Ungerechtigkeiten sind durch die angewandte Regel fraglos gestiftet worden – und wären im umgekehrten Falle ganz genauso eingetreten.39 Es gab keine Lösung, die alle befriedigt hätte.40 Vielleicht können sich alle auf folgende Formel einigen: Das in der Bundesrepublik bestehende soziale Ungerechtigkeitsparadigma ist durch das Prinzip «Rückgabe vor Entschädigung» nicht unterhöhlt worden. Die Landwirtschaft Die ostdeutsche Agrarwirtschaft ist von dem entgegengesetzten Prinzip aufgeschreckt worden: Viele Alteigentümer forderten, die in der sowjetischen Besatzungszone 1945 – 1949 erfolgte Bodenreform rückgängig zu machen, auf dass die Alteigentümer ihre Ländereien zurückerhalten könnten. Das hätte auch die Enteignungen im Zuge der beiden landwirtschaftlichen Kollektivierungen 1952/53 und 1960/61 betroffen. Auch hier kam es zu heftigen Debatten. Letztlich obsiegte die Einsicht, die im Zuge der Niederlage des Zweiten Weltkrieges durchgeführte Bodenreform nicht anzutasten. Volkskammer und Bundestag, DDR-Regierung und Kohl-Kabinett beschlossen das in Einvernehmen mit der früheren sowjetischen Besatzungsmacht, vertreten durch Gorbatschow. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte später die Rechtmäßigkeit.41 Die Landwirtschaft in der DDR war gänzlich anders organisiert als in der Bundesrepublik: Große Genossenschaften prägten die Blühende Landschaften? 130 | Struktur im Vergleich zu überschaubaren Betriebsgrößen im Westen. Das ist bis heute so geblieben. «Die 1989 in der DDR vorhandenen 3844 Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften  …, die 87 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschafteten, wurden auf Grund der Festlegungen des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes nach dem freien Willen der Genossenschaftsbauern so umstrukturiert, daß … ein Großteil von Betrieben als Genossenschaften e. G. und andere Formen juristischer Personen (GmbH, AG, GmbH & Co KG) erhalten blieb.  … Im Ergebnis bestanden am 31. Dezember 1994 24.884 natürliche Personen, darunter 22.505 Einzelwirtschaften, allerdings ca. die Hälfte im Nebenerwerb, 2379 GbR und 1840 Kommanditgesellschaften (KG) einschließlich GmbH & Co KG, die zwei Fünftel der ostdeutschen land wirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschaften. Auf 2899 juristische Personen (Genossenschaften, GmbH und AG) entfallen knapp 60 Prozent der ostdeutschen land wirtschaftlichen Nutzfläche. Rechnet man die GmbH & Co KG zu den juristischen Personen, so liegt deren Anteil an der bewirtschafteten Fläche sogar bei 67 Prozent.»42 Im Osten weisen etwa zwei Drittel der Agrarbetriebe Betriebsgrößen von über 500 Hektar auf, im Westen sind es weit unter zehn Prozent. Die Agrarwirtschaft in Westdeutschland war in besonderem Maße den internationalen Märkten ausgesetzt, schrumpfte in den Jahren vor 1989 bereits erheblich und war zugleich über bundesdeutsche und EG-Subventionen erheblich geschützt. Überwogen im Westen Familienstrukturen, so blieben im Osten große Betriebe strukturbestimmend. Auch hier war der Einbruch bei den Beschäftigten enorm. Von den etwa 800 000 Beschäftigten in der Landwirtschaft waren 1991 noch 360 000 und 1995 nur noch 171 000 übrig.43 Die Entwicklung der ostdeutschen Agrarwirtschaft seit 1990 wird dennoch als ein Erfolgsmodell angesehen. Betont wird dabei, hier habe die Treuhandanstalt keine Zugriffsrechte gehabt. Zudem habe die Genossenschaftsform eine große gesellschaftliche Akzeptanz gehabt. Sofern man allerdings anfängt zu graben, wie die einstigen «Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften» (LPG) in neue Wirtschaftsformen überführt worden sind, stößt man schnell auf viele ungeklärte Fragen und Eigentümlichkeiten.44 Der Druck Der Abzug der sowjetischen Truppen als Wirtschaftsfaktor | 131 auf jene, die mit kleinen Familienbetrieben aus dem «Großagrarierverband» ausscheren wollten, war immens, ein Druck, der im ländlichen Raum ganz anders ausgeübt werden kann als in urbanisierten Regionen. Dem landwirtschaftlichen Überleben halfen zunächst drei Faktoren entscheidend: Die Produktionsbedingungen zwischen Ost und West fielen sehr verschieden aus, so dass die ostdeutschen Erfahrungen anders als in anderen Bereichen nicht abgewertet oder entwertet wurden. Die Produktionsbetriebe blieben trotz veränderter Rechtsformen überwiegend in ostdeutscher Hand. Zweitens erfuhr der regionale Markt zunächst nicht solche Einbrüche wie bei anderen Produkten. Drittens schließlich, der wohl wichtigste Grund, konnte die ostdeutsche Agrarwirtschaft sofort von den EG-Subventionsprogrammen profitieren. Das führte schnell zu einem erheblichen Strukturwandel in der Produktion: Die Tierhaltung nahm in einem in der ostdeutschen Geschichte bislang nicht gekannten Ausmaß ab, auf den Pflanzenanbauflächen dominierten alsbald Monokulturen (Mais, Raps), Brachflächen sicherten Einkünfte. Die riesigen ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe haben überdies bis heute eine nachhaltige und ökologische Anbaukultur verhindert. Die von vielen behauptete Erfolgsgeschichte lässt sich nur erkennen, wollte man diese Bürde ignorieren. Viele Produkte, die auf ostdeutschen Anbauflächen zu wenig oder nicht mehr angebaut werden, kommen zudem auf umweltschädlichen Wegen aus aller Welt auf die heimischen Märkte. Der Abzug der sowjetischen Truppen als Wirtschaftsfaktor Es schien kaum denkbar, dass die Sowjetarmee widerstandslos den Zerfall des sowjetischen Großreiches akzeptieren sollte. Die DDR bildete den westlichsten strategischen Vorposten Moskaus. Dadurch geriet die deutsche Frage auch zu einer geostrategischen Angelegenheit. Die «Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland» (GSSD) stand im Zentrum sowjetischer Politik. Sichtbar wurde das auch 1988, als die GSSD entsprechend anderen sowjetischen Ar-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.