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Die Demütigung von Stefan Heym in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 190 - 193

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-190

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Kulturelle Hegemonie190 | Die Demütigung von Stefan Heym Am 10. November 1994 eröffnete Stefan Heym den 13. Deutschen Bundestag mit einer Rede als Alterspräsident. Nur einen Tag zuvor ging die Nachricht um die Welt, auch der berühmte Schriftsteller habe für die Stasi gespitzelt. Es konnte nie geklärt werden, wie es zu dieser Falschmeldung gekommen war – Heym war jahrzehntelang Objekt der Ausspähung, er hat nie für die Stasi ein Haar gekrümmt. Heym hielt eine auf Ausgleich bedachte kluge Rede, ganz im Sinne der Tradition keine parteipolitische. Wie denn auch, Heym war alles Mögliche, nur kein Parteipolitiker. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die neue deutsche Republik nicht das Schicksal von Weimar teilen werde. In seiner weisen Rede hieß es u. a.: «Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten, entschulden wir sie. Nicht die Flüchtlinge, die zu uns dringen, sind unsere Feinde, sondern die, die sie in die Flucht treiben. Toleranz und Achtung gegenüber jedem einzelnen und Widerspruch und Vielfalt der Meinungen sind vonnöten (…) Es wird diesem Bundestag obliegen, dafür zu sorgen, daß die mit der Einheit zusammenhängenden Fragen nicht länger in erster Linie ins Ressort des Bundesfinanzministers fallen. (…) Die Menschen erwarten von uns hier, daß wir Mittel und Wege suchen, die Arbeitslosigkeit zu überwinden, bezahlbare Wohnungen zu schaffen, der Armut abzuhelfen und – im Zusammenhang damit  – Sicherheit auf den Straßen und Plätzen unserer Städte und in den Schulen unserer Kinder zu garantieren, und jedermann und jederfrau den Zugang zu Bildung und Kultur zu öffnen. Das heißt: Die Menschen erwarten, daß wir uns als Wichtigstes mit der Herstellung akzeptabler, sozial gerechter Verhältnisse und der Erhaltung unserer Umwelt beschäftigen. Die Vorstellungen in diesem Hause dazu mögen weit auseinanderklaffen. Lassen Sie uns ruhig darüber streiten. Doch in einem werden wir hoffentlich übereinstimmen: Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus und stalinsche Verfahrensweisen sollten für immer aus unserem Lande gebannt sein.»25 Ein Höhepunkt der Bundestagsgeschichte, zweifellos. Aber nicht wegen Heyms sachlicher Rede, sondern weil die CDU/CSU-Fraktion Die Demütigung von Stefan Heym | 191 angeführt von Kanzler Kohl Stefan Heym, dem vor den Nationalsozialisten geflüchteten Juden, der als US-Bürger und US-Offizier nach Deutschland zurückkam und auch Helmut Kohl befreit hatte, jeden Respekt verweigerte. Üblicherweise wird die Eröffnungsrede des Alterspräsidenten von allen Parlamentariern beklatscht, nicht so genau fünf Jahre nach dem Mauerfall im Berliner Reichstag. CDU/CSU weigerten sich und erwiesen sich als Spalter. Das Kopfschütteln über dieses Verhalten wollte kaum mehr aufhören. Das war ein Stich, den auch jene spürten, die nun wahrlich nichts mit der PDS und Heyms politischen Ansichten zu tun hatten. Heym stand da natürlich nicht für den Osten, aber irgendwie schon – und für seine Künstler, die kritischen zumal. Zwei Jahrzehnte galt Heym im Westen vollkommen zutreffend als unbestechlicher Kritiker der SED-Herrschaft; seine Bücher fanden ein Millionenpublikum. Und nun das! Nicht einmal vor ihm machte die Ignoranz und Arroganz Halt. Schriftsteller wie Heym, Wolf oder Müller versinnbildlichten: Wenn der Westen schon so mit denen umgeht, wie dann erst mit den Namenlosen? Heym ging übrigens mit der Schmähung seiner Person ritterlich um. Er hatte zu viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht, als dass ihn dieser kleinbürgerliche Hochmut der Kohls und Waigels hätte anfechten können. Christa Wolf hingegen blieb bis zuletzt von den Attacken gegen ihre Person tief verletzt. Ihr letzter Roman erschien 2010, ein Jahr vor ihrem Tod. Die große Schriftstellerin verhob sich ganz am Ende ihres Lebens. In «Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud» verarbeitete sie einen längeren Aufenthalt in Los Angeles als Flucht aus Deutschland. In Kalifornien brach die Stasi-Debatte über sie herein. Beides zusammen ließ Christa Wolf ihr eigenes Schicksal mit den von jüdischen Emigrantinnen und Emigranten nach 1933 in Kalifornien nicht nur vergleichen, sondern immer wieder parallelisieren. Ich hätte mir beim Lesen gewünscht, irgendjemand hätte ihr diese Idee ausgeredet. Oder war das nur konsequent? Verglichen nicht in den 1990 er Jahren Ost-Intellektuelle dauernd in unsäglicher Manier die Zeit seit 1990 mit den Jahren nach 1933? Die «Vergangenheitsbewältigung» avancierte zum zentralen und heftig umstrittenen Dauerdebattenfeld. Es ist so umfangreich, dass Kulturelle Hegemonie192 | in einem eigenen Buch die Vielfältigkeit dargestellt werden müsste. Bereits am 20. November 1989 notierte Chronist Christoph Hein ahnungsvoll: «Wir haben in einem Land gelebt, das wir erst jetzt kennenlernen.»26 Wolfgang Hilbig spitzte das einige Jahre später noch zu und meinte, vielleicht sei der DDR-Bürger erst durch den Beitritt zur Bundesrepublik entstanden.27 9 | Das zweite Leben der Stasi: Vergangenheitsaufarbeitung und ihre Folgen Als 2010 die Humboldt-Universität zu Berlin einen neuen Präsidenten gewählt hatte und die Öffentlichkeit noch vor seinem Amtsantritt heftig über seine Vergangenheit debattierte, wunderten sich fast alle, dass sich irgendwer für dessen verstaubte Graduierungsschriften aus den 1980 er Jahren interessierte. Die meisten westlichen Beobachter argumentierten, Jan-Hendrik Olbertz, so der Name des Frischgewählten, sei nicht bei der Stasi gewesen und seine Arbeiten würden schon nicht so schlimm sein. Die meisten östlichen Beobachter hingegen sagten, es gehe doch nicht nur um die Vergangenheit, sondern darum, wie Olbertz mit ihr umgehe – bis dahin öffentlich gar nicht. Die SED-Ideologie war so wirkmächtig, weil so viele mitwirkten, darüber müsse doch gesprochen werden. Um Stasi gehe es nicht, sondern um Schlimmeres. Alle redeten aneinander vorbei, zum Glück für Olbertz, wenig später konnte er seine Präsidentschaft antreten, ohne noch einmal das Thema anzufassen.1 Ein paar Jahre darauf, zum Jahreswechsel 2016/17, war die Öffentlichkeit weniger gnädig. Andrej Holm, der Sohn des schon erwähnten Johann Holm, sollte für die Linkspartei in Berlin Staatssekretär werden. Als junger Mann war er von September 1989 bis Januar 1990 hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen. Seine Vergangenheit war bekannt, jedenfalls die Eckdaten. Holms Erinnerungsarbeit war auch nicht eben vorbildlich. Wie Olbertz stellte er sich einer öffent lichen Diskussion, wie der Präsident war sein Auftreten nicht gerade überzeugend. Anders als beim Präsidenten blieb die Öffentlichkeit jedoch überwiegend unbarmherzig – einmal Stasi, immer Stasi, basta!2 In Bezug auf die Stasi herrscht in der bundesdeutschen Öffent-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.