Content

Gesellschaftspolitische Dimensionen der Aufarbeitung in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 199 - 202

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-199

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

To the Pre-print version
Bibliographic information
Gesellschaftspolitische Dimensionen der Aufarbeitung | 199 Gesellschaftspolitische Dimensionen der Aufarbeitung Die Aufarbeitung ist seit 1990 von ostdeutschen Bürgerrechtlern dominiert worden. Gauck und Birthler sind dafür neben Rainer Eppelmann, der beiden Enquete-Kommissionen und seit 1998 der Stiftung Aufarbeitung vorstand, die bekanntesten Beispiele. Auch nach 1945 ist die Gedenk- und Erinnerungslandschaft von Verfolgten und Widerstandskämpfern entscheidend geprägt worden.8 Das hat Vor- und Nachteile. Mindestens in der ersten Phase überwiegen die Vorteile, weil nun eine Geschichte öffentlich wird, die zuvor unterdrückt worden war. Ohne die Stimme der Opfer und Oppositionellen würde sich in einer Postdiktatur niemand um deren Rehabilitierung kümmern und niemand deren Geschichten rekonstruieren. Das müssen sie deshalb allein machen, weil die Scham ihrer Zeitgenossen es nicht zulässt, ihnen historisch und politisch gerecht zu werden. Das ist in jeder Postdiktatur des 20. Jahrhunderts bislang so gewesen – leider. Die Dominanz der Zeitzeugen in der Aufarbeitung führt zu vielen Kämpfen, die sich im Nachhinein als nicht leicht durchschaubar erweisen. Geschichte in der postdiktatorischen Gesellschaft ist ein Kampfmittel, ob man will oder nicht. Deutschland seit 1990 ist dafür nicht das einzige, aber ein sehr anschauliches Beispiel. Dabei geht es nicht um die strafrechtlich relevante Aufarbeitung. Die juristische Nachbereitung des SED-Unrechts war außer bei den Betroffenen, die nun angeklagt wurden, unbestritten. Hier zeigte sich auch, dass der demokratische Rechtsstaat nur begrenzte Möglichkeiten besitzt, das Unrecht einer Diktatur zu sühnen.9 Auch die Rehabilitierungsmaßnahmen waren prinzipiell unumstritten. Sie kamen aber zu langsam in Gang, fielen lächerlich gering aus, grenzten bestimmte Opfergruppen zu lange aus, konnten einige gar nicht erfassen und hatten lange Zeit zur Voraussetzung, dass der Antragsteller in Beweisnot war. Aber ihre prinzipielle Notwendigkeit stellte niemand ernsthaft in Frage. Bei der Anerkennung der Opfer des staatlichen Dopingmissbrauchs in der DDR sieht das schon etwas anders aus. Bewunderns- Das zweite Leben der Stasi200 | wert, wie Ines Geipel, die frühere Weltklassesprinterin, hier seit zwei Jahrzehnten aktiv ist. Sie ließ sich sogar aus den Weltrekordlisten der internationalen Statistik streichen. Das System fügte ihr schwere körperliche Schäden zu, verfolgte sie scharf. In ihrem Kampf für die Aufdeckung des staatlich betriebenen Dopingeinsatzes in der DDR machte sie sich viele Feinde: Frühere Sportkameradinnen rückten ebenso von ihr ab wie viele ostdeutsche Sportfans. Die vielen Erfolge von Sportlerinnen und Sportlern, die für die DDR antraten, bildeten eine nicht zu unterschätzende Integrationsklammer in der DDR. Die SED nutzte das weidlich aus. Sie hatte erkannt, dass Sport starke Identifizierungsmöglichkeiten bot. Im Prozess der Wiedervereinigung sind auch die ostdeutschen Sporterfolge erheblich abgewertet worden: Doping oder Stasi, meist beides zusammen, führten zu einem kontaminierten Feld. Im Osten werden die Sportstars von einst immer noch gefeiert wie Helden – im Westen gelten sie überwiegend nichts. Das Staatsdoping in der DDR, das wollen viele im Osten nicht wahrhaben, hatte keine systematische Entsprechung im Westen. Gedopt wurde dort aber natürlich auch, nur nicht systematisch vom Staat kontrolliert und angeordnet. War nun aber jeder gedopte DDR-Sportler auch ein Opfer? Da gehen die Meinungen weit auseinander. Unstrittig ist, dass Kinder und Jugendliche, die gedopt wurden, Opfer sind und entschädigt werden müssen. In der DDR war Doping unter der Hand Gesprächsstoff. Manche Eltern haben ihre Kinder aus den Leistungszentren genommen, um Doping zu verhindern. Was aber ist mit Erwachsenen, die dopten? Sind das auch Opfer des Systems? Auch hier ist die Meinung gespalten. Ich finde, Erwachsene sollten auch wie Erwachsene behandelt werden. Man wird nicht zum Opfer, wenn man etwas sehenden Auges mitmachte, um einen Vorteil zu erlangen. Überhaupt wird man feststellen, dass in all diesen Fragen nicht nur zwischen Ost und West, sondern oft noch heftiger zwischen Ostdeutschen gestritten wird. Die ostdeutsche Gesellschaft ist tief gespalten. In Bezug auf die Vergangenheit ist das praktisch in jeder einzelnen Frage zu sehen: Ob es um die Sprengung von Kirchen in der DDR, die Umbenennung von Straßen und Plätzen, den Abriss des Palastes der Republik oder was auch immer geht – die öffentliche Gesellschaftspolitische Dimensionen der Aufarbeitung | 201 Meinung offenbart immer einen tiefen Riss, der durch die Gesellschaft geht. Die wichtigsten Interpretationsangebote für die Geschichte mit Langzeitwirkungen kommen aus der Wissenschaft und der Kunst. Die Kraft von Spielfilmen und Romanen lässt sich kaum überschätzen. Christoph Hein hat dazu jüngst ein eindrückliches Beispiel erzählt. Der oscarprämierte Film «Das Leben der Anderen» gilt mittlerweile manchen als Dokumentarstück. Viele Experten hingegen sind sich einig, dass der künstlerisch ausgezeichnete Film historisch eher fabuliert denn der Wirklichkeit entspricht. Hein schreibt nun «… zehn Jahre nach jener Filmpremiere erzählte mir ein Professor der Germanistik, er habe – aus welchen Gründen auch immer – meine Anti-Zensur-Rede von 1987 mit seinen Studenten besprochen. Die Studenten hätten ihn gefragt, wie viele Jahre Gefängnis der Autor dieses Textes wegen bekommen habe. Der Professor erwiderte, der Autor sei nicht ins Gefängnis gekommen. Darauf meinten die Studenten, dann sei dieses Pamphlet erst nach 1989, also nach der Wende, geschrieben worden. Nein, erwiderte der Professor, er selbst habe bereits 1987 diese Rede ge lesen. Das sei unmöglich, beharrten die Studenten, so könne es nicht gewesen sein, sie wüssten das ganz genau, weil sie ja den Film ‹Das Leben der Anderen› gesehen hätten. Man sei, sagte der Pro fessor zu mir, nach diesem Seminar in Unfrieden voneinander geschieden.»10 Dazu fällt mir gleich aus mehreren Gründen nichts mehr ein. An erfolgreichen Filmen und Romanen zur DDR-Geschichte ist übrigens interessant zu beobachten, dass es auch hier eine Spaltung gibt. Nur selten, wie im Fall von «Das Leben der Anderen» oder «Weissensee» oder «Sonnenallee» oder «Barbara» oder «Gundermann», wird man feststellen, dass er in Ost und West gleichermaßen erfolgreich war. Um zwei berühmte Beispiele herauszugreifen, «Der Turm» und «Goodbye, Lenin» waren große Erfolge, auch in kommerzieller Hinsicht. Im Osten stießen beide Kunstwerke auf er hebliche Verwunderung und Ablehnung. Erinnerungen und Erfahrungen kollidierten zu stark mit den künstlerischen Rekonstruktionen. Das zweite Leben der Stasi202 | Aufarbeitung und Wissenschaft Eine beträchtliche Distanz zu Erinnerungen und Erfahrungen weist naturgemäß auch die wissenschaftliche Erforschung der ostdeutschen Geschichte auf. Die ist in diesem Fall systemisch angelegt. Zeitgeschichte produziert keine Werke, in denen sich der Einzelne abgebildet wiederfinden soll. Die individuelle Erfahrung geht in der kollektiven Erfahrung und der gesamtgesellschaftlichen Rekonstruk tion auf, präziser wohl: unter. Das provoziert Konflikte. Die ersten Konflikte begannen 1989/90, als jüngere Wissenschaftler das DDR-Wissenschaftssystem und seine Repräsentanten in Frage stellten. Die heftigsten Debatten gingen um die DDR-Geschichtswissenschaft.11 Sie sind noch verschärft worden, als die gesamte Historiographie im Osten neu aufgebaut worden ist. Das Ergebnis war überraschend: An allen Schalthebeln der Macht in der Zeitgeschichte saßen nach kürzester Zeit Westdeutsche. Andere Biographieverläufe waren nicht vorgesehen. Keine einzige Professur für Zeitgeschichte, kein einziges Institut für Zeitgeschichte, keine maßgebliche Forschungsstelle für Zeitgeschichte wurden von einem Ostdeutschen geleitet. Ich kann mich noch gut erinnern, als es in der vom Berliner Senat eingesetzten Struktur- und Berufungskommission Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, dessen Mitglied ich war, 1991/92 darum ging, das Institut neu aufzubauen und auch eine Professur für Zeitgeschichte einzurichten. Ich forderte eine Professur für DDR-Geschichte. Mein Argument war so einfach wie schlicht: Berlin als Schnittstelle zwischen Ost- und Westeuropa müsse zum Zentrum der Historischen Kommunismusforschung werden. Da dies erst allmählich aufgebaut werden könne, müssten wir hier mit einer DDR- Professur beginnen. Mir wurde entgegengehalten, es sei nicht zeitgemäß, die DDR aus der deutschen Geschichte weiter zu separieren. Das sah ich irgendwie ein und forderte, dann müssten wir eine Professur für Kommunismusgeschichte einrichten. Mir wurde entgegengehalten, dass würden die beiden Professuren für Osteuropa und Ostmitteleuropa mitübernehmen (was sie dann beide übrigens nicht taten). Ausgeschrieben wurde eine «Professur für Zeitge-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.