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Ost-Eliten im vereinigten Deutschland in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 180 - 183

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-180

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Kulturelle Hegemonie180 | Ost-Eliten im vereinigten Deutschland Der Austausch der Funktionselite zum Teil bis auf die mittlere Ebene blieb kein einmaliger Vorgang. Abgesehen von dem Umstand, dass es in Westdeutschland «natürlich» zu keiner Durchmischung kam, fiel der Anteil der Ostdeutschen an den Führungskräften sogar ab. Blieb er in den Spitzen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft seit den 1990 er Jahren durchweg deutlich unterrepräsentiert,10 so nahm er im Laufe der fast drei Jahrzehnte auch kontinuierlich darunter, bei oberen und mittleren Führungskräften, ab.11 In den obersten Etagen sind Ostdeutsche bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 17 Prozent mit ein bis vier Prozent deutlich unterrepräsentiert. Das ist hinlänglich bekannt. Aber auch in den oberen und mittleren Führungsgruppen in der Öffentlichen Verwaltung, in wissenschaftlichen Institutionen, an Universitäten und Hochschulen, im Justizwesen in den östlichen Bundesländern beträgt der Anteil Ostdeutscher durchschnittlich kaum ein Drittel, wohlgemerkt geht es hier nur um Institutionen im Osten.12 Die Idee vom Neuaufbau schloss ein, dass die Ostdeutschen nicht ausgeschlossen würden. Nirgends aber ist das so deutlich erfolgt wie in der Rekrutierung der Eliten und Führungskräfte. Angela Merkel, Joachim Gauck, Matthias Platzeck (SPD-Chef 2005/06) oder Johan na Wanka, die als erste Ostdeutsche in einem westdeutschen Bundesland Ministerin war (2010 bis 2013 in Niedersachsen), Erika Franke (Generalin in der Bundeswehr), Karola Wille (mdr-Intendantin), Kathrin Menges oder Hauke Stars (Vorstände von DAX-Unternehmen) stellen seltene Ausnahmen in solchen Spitzenämtern dar. Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident trugen sogar unbeabsichtigt zur Verschleierung des Problems bei, weil gerade unter Verweis auf sie häufig betont wurde, es gehe doch, wenn man sich «anstrenge». Die unregelmäßig von dem Magazin «Cicero» veröffentlichte Liste der «500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen» ist umstritten. Aber lassen wir einmal die methodischen Einwände beiseite und schauen diese Liste an. Frauen sind besser vertreten, als anzunehmen ist. Das hängt damit zusammen, dass viele Künstle- Ost-Eliten im vereinigten Deutschland | 181 rinnen, vor allem Schriftstellerinnen Aufnahme fanden. Schwarze Deutsche oder Deutsche mit einem so genannten Migrationshintergrund sind so gut wie gar nicht vertreten. Und Ostdeutsche? Unter den 500 finden sich knapp fünf Prozent aus Ostdeutschland (ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nimmt etwa 17 bis 18 Prozent ein). Davon sind bis auf vier Personen alles Künstlerinnen oder Künstler, also freien Berufen zugehörig, die sie auch in der DDR ausgeübt haben oder hätten ausüben können. Drei von den vier Wissenschaftlern haben eine institutionelle Karriere nach 1990 absolviert: der Philosoph Wolfgang Engler als Rektor der Schauspielhochschule «Ernst Busch» (Platz 382), der Theologe Richard Schröder als Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied unzähliger Kommissionen, seit 1990 vielleicht der ostdeutsche Intellektuelle mit der größten Ausstrahlungskraft auf ganz Deutschland (385), der Religionssoziologe Detlef Pollack als Professor an der Universität Münster (481), ein ganz seltener Fall einer Berufung eines ostdeutschen Geisteswissenschaftlers an eine West-Universität, sowie der vierte im Bunde, der Psychologe Hans-Joachim Maaz, der über das Jahr 1989 hinaus in einer Klinik der Diakonie arbeitete und sich als Publizist und Bestsellerautor einen Namen machte.13 Was für die vom «Cicero» veröffentlichte Liste der wichtigsten Intellektuellen gilt, das lässt sich auch für eine der wichtigsten Arbeitsstätten von Deutungseliten konstatieren: den überregionalen Medien. Hier konnte man seit 1990 ein Phänomen beobachten, das sich erst allmählich im Laufe der letzten fast dreißig Jahre zu einem Problem mit erheblicher Sprengkraft auswuchs: Es gibt auch hier kaum Ostdeutsche. Die wenigen, die es gab und gibt, standen entweder wie die der Bürgerrechtsbewegung nahestehenden Journalisten Stefan Berg (Spiegel) oder Christoph Dieckmann (Zeit) als Ostdeutsche in ihren Redaktionen mehr oder weniger auf einsamen Posten (die «Zeit im Osten» setzt seit einigen Jahren hier mit jungen, engagierten Journalistinnen erfolgreich neue Akzente) oder es waren Journalisten, die ihre aus der DDR herrührenden ideologischen Engpässe oft viele Jahre lang nicht ablegen konnten. Dafür bot lange Zeit Alexander Osang (Berliner Zeitung, Spiegel) mit seinen Beobachtungen und Kolumnen das prominenteste Beispiel. Solche Journalisten fin- Kulturelle Hegemonie182 | gen irgendwann an, ihre Biographie umzuschreiben. Osang kokettierte auf einmal mit seiner katholischen Erziehung, die ihn kurioserweise vor einer SED-Mitgliedschaft nicht hatte bewahren können. Eine Journalistin schützten ihre SED-apologetischen Beiträge im FDJ-Jugendmagazin «neues leben» nicht davor, seit den 2000 er Jahren wiederum tumbe Ideologie, nun in der FAZ, zu verbreiten. Die Liste ist lang. Den Vogel schoss ganz und gar Frank Pergande ab, auch er seit vielen Jahren in der FAZ tätig. Er schloss sein Journalistikstudium im «Roten Kloster» Leipzig mit einer Diplomarbeit «Zur Geschichte der ‹Frankfurter Allgemeinen Zeitung› – ein Beitrag zur Erforschung der Funk tion des imperialistischen Journalismus in der BRD» ab. Später schrieb er einmal, ganz ernsthaft, bei dieser Arbeit habe er die FAZ lieben gelernt, und fügte hinzu: «Meine Diplomarbeit spiegelt nichts von meiner Leidenschaft.»14 Solcherart Geschichtsvergessenheit war ständiger Begleiter des Vereinigungsprozesses. Das Beispiel zeigt die Ambivalenz der Elitenproblematik: Nur West-Eliten einzusetzen, war ebenso problematisch, wie auf alte Ost-Eliten zurückzugreifen. Auch im Rückblick erscheint es ausgeschlossen gewesen zu sein, auf diesem Feld keine Fehler zu begehen. Unabhängig davon, wo man politisch steht, auch unabhängig davon, wie man dazu steht: Der rigide Austausch der gesamten ostdeutschen Elite, der Funktionärs- und Dienstklasse, der Führungskräfte, nicht nur der obersten Spitzen trug erheblich zur Demütigung eines Teils der Ostdeutschen bei und zwar nicht nur der direkt Betroffenen und ihrer Familien. Dass frühere DDR-Führungskräfte in der Immobilien-, Versicherungs- und Finanzbranche unterkamen, wie es positiv immer wieder erwähnt wird,15 berührt das Problem des ostdeutschen Eliten- und Führungskräfteaustauschs hingegen nicht einmal am Rande. Das klingt sogar zynisch, zumal gerade in diesen Bereichen Anfang der 1990 er Jahre in großflächigen Werbekampagnen besonders einstige SED-Kader gesucht worden sind, weil man auf deren erwiesene Loyalität (!) setzte. Das Beispiel aus der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt jedenfalls, in den 1990 er Jahren hätten auch in der DDR nicht angepasste Ostler mit abweichenden Berufsbiographien viel häufiger die Chance für eine Karriere erhalten müssen, um das offen liegende Führungskräfteproblem Die Folgen von fehlenden Ost-Eliten | 183 zu beherrschen. Daran jedoch hatten die westdeutschen Entscheider kein Interesse. Die Folgen von fehlenden Ost-Eliten Überrascht wurde der Osten von der westdeutschen Führungsmentalität. Der Witz über das 13. Abiturjahr und wozu der Wessi es benötigt, ist bereits eingeführt worden. Solche Witze spiegeln den Missmut und die Gegenwehr der «kleinen Leute». Besonders beliebt war der Spruch: «Der Ossi, der ist schlau, er stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum.» Da schimmert ein Selbstbewusstsein durch, das verletzt war. Selbst kulturelles Kapital und erworbenes Wissen, das nun nicht mehr benötigt würde, führte so mancher ins Feld: «Вер дас лезен канн, ист кейн думмер весси!» (Wer das lesen kann, ist kein dummer Wessi!) Es waren mehr Verzweiflungsgesten, die niemand ernst nahm, obwohl sie es verdient hätten. Wenn ich in Diskussionsveranstaltungen in Ost oder West auf die Frage der Herkunft zu sprechen komme, gibt es, egal wo, fast immer drei Lager: Das eine sagt, das ist doch egal. Das zweite ruft, nein, das ist überhaupt nicht egal. Das dritte meint, es sei aber jetzt egal geworden. Das erste sind fast immer ausnahmslos Westdeutsche (und meinen neuerdings, die Realität auf den Kopf stellend, «dadurch» würde eine neue «Mauer in den Köpfen» errichtet werden).16 Die zweite Gruppe setzt sich fast ausnahmslos aus Ostdeutschen zusammen. Das dritte sind Jüngere oder Ostdeutsche, die nach 1990 erfolgreich waren und Karriere machten. Womit wohl niemand gerechnet hätte, ist allerdings, dass sich auch fast dreißig Jahre nach der Einheit die Elitenzirkel und höheren Führungspositionen kaum für Ostdeutsche geöffnet haben. Zwar war der Ruf nach westdeutschen Eliten und hohen Führungskräften 1990 laut und eindeutig,17 aber niemand hatte sie als Fischer gerufen, die ihre Netze hinter sich herschleppen und damit Ostdeutschland feingliedrig überziehen. Ihre Netzwerke blieben westdeutsch dominiert. Eliten rekrutieren sich aus sich selbst heraus. Ihre Homogenität zu durchbrechen, in sie

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.