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Anfänge der Revolution in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 29 - 34

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-29

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Anfänge der Revolution | 29 den kamen nicht aus dem antifaschistischen Widerstand. Die Jugendkulturen orientierten sich an westlichen Vorbildern. Vielleicht haben Punks den Unterschied zum Westen am trefflichsten auf den Punkt gebracht. Aus dem westlichen «no future» machten sie «too much future». Die Bundesrepublik wirkte als Schaufenster stets wie ein Pfahl im Fleische. Auch die Kirchen, insbesondere die evangelischen, erfüllten diese Funktion bereits durch ihr bloßes Vorhandensein. Sie waren die einzigen Großinstitutionen, die im Weltanschauungsstaat programmatisch gegen die kommunistische Ideologie standen. Die Kirchen mit ihren Synoden und Ökumenischen Versammlungen wurden zu Orten, wo demokratische Regeln und Verhaltensweisen eingeübt wurden. Es war kein Zufall, dass im Herbst 1989 so viele Pfarrer und Theologen zu den Wortführern der Bürgerrechtsbewegungen avancierten. Schließlich die Opposition: Sie war stets relativ klein und auf die urbanen Zentren beschränkt. Vor allem in Ost-Berlin begann nach 1985 ein politischer Ausdifferenzierungsprozess, in deren Ergebnis neu gebildete politische Oppositionsgruppen voneinander unterscheidbare Konturen annahmen. Anfänge der Revolution Der Fall der Berliner Mauer begann am 2. Mai 1989 in Ungarn. An diesem Tag kündigte die ungarische Regierung an, die Grenzbefestigungen zwischen Österreich und Ungarn abzubauen. Der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock zerschnitten am 27. Juni symbolisch den ungarischen Stacheldrahtzaun an der Grenze in der Nähe von Sopron. Grenzkontrollen blieben bestehen, aber der symbolische Akt dokumentierte vor der Weltöffentlichkeit die Öffnung. In den Jahren und Monaten zuvor war die Zahl derjenigen, die aus der DDR flüchteten, einen Ausreiseantrag gestellt hatten oder «offiziell» ausreisen durften, ständig angewachsen. Noch bevor die Sommerferien Anfang Juli begannen, hatten bereits rund 100 000 Menschen dem Land für immer den Rücken gekehrt. Darunter waren vor allem 1989: die unvorstellbare Revolution30 | junge, gut ausgebildete und sehr gut verdienende Männer und Frauen. Diese Zahl erinnert an die Krisenjahre 1953, als es zum Volks aufstand gegen den Kommunismus kam, und 1961, als die Kom munisten einem drohenden Volksaufstand mit dem Bau der Mauer zuvorkamen. Im Mai 1989 feierte auch die Opposition ihren ersten großen Erfolg. Die SED veranstaltete am 7. Mai eine Wahlfarce wie in all den Jahrzehnten zuvor. Abends verkündete der oberste Wahlleiter, Politbüromitglied Egon Krenz, an den Wahlen hätten sich knapp 99 Prozent aller Berechtigten beteiligt, die mit rund 99 Prozent der Einheitsliste zugestimmt hätten. Erstmals konnten Oppositionsgruppen nachweisen, was ohnehin jeder wusste: Die Ergebnisse waren systematisch gefälscht worden. Realistisch scheint die Hochrechnung, dass von rund zwölf Millionen Wahlberechtigten etwa eine Million Menschen gar nicht wählte und eine weitere Million eine Gegenstimme abgab. Die Empörung über die plumpe Fälschung reichte bis weit in die SED-Reihen hinein und trug wesentlich dazu bei, dass auch innerhalb systemnaher Kreise die Zweifel an der SED-Politik wuchsen. Man kann das freilich auch umdrehen: Von den zwölf Millionen Wahlberechtigten haben etwa zehn Millionen immer noch die Wahlfarce unterstützt, also 83 bis 84 Prozent. Eine satte Mehrheit, die allein der SED-Führung nicht genug war. Die verbreitete Empörung wuchs sich noch aus, als die DDR- Regierung, die SED-Führung und die Volkskammer als eine der wenigen weltweit die brutale militärische Niederschlagung der chinesischen Oppositionsbewegung Anfang Juni 1989 lautstark begrüßten. Die Menschen in der DDR verstanden die Botschaft: Auch ihnen könnte bei Massenprotesten und einem Aufstand die Niederschlagung mit Panzern und scharfer Munition drohen. Fortan war die Angst vor der «chinesischen Lösung» präsent. Im Sommer verschärfte sich die lange angestaute Krise durch drei Faktoren. Die SED-Führung schien sich in den Urlaub verabschiedet zu haben. Bis Oktober waren keine neuen Töne vernehmbar. Zudem verabschiedeten sich Zehntausende Menschen für immer: Sie flüchteten über Ungarn und bundesdeutsche Botschaften in die Freiheit. Die kleine Opposition wiederum suchte nach neuen Handlungsfor- Anfänge der Revolution | 31 men. In rascher Folge kamen Gründungsaufrufe für die Sozialdemokratische Partei in der DDR, das Neue Forum, Demokratie Jetzt, den Demokratischen Aufbruch, die Vereinigte Linke und andere heraus. In der Öffentlichkeit sichtbar wurden diese ab Anfang September. Bislang hatten sich viele Menschen bloß gefragt, ob sie sich dem Flüchtlingsstrom anschließen sollten. Nun gab es eine neue Alternative, die nicht mehr nur Hierbleiben oder Weggehen, sondern nun auch Einmischen oder weiter Schweigen hieß. Und natürlich auch: weiterhin das Regime zu unterstützen. Die meisten verhielten sich, wie bei jeder Revolution, passiv, warteten ab, hofften im Stillen. Revolutionen sind immer Kämpfe von Minderheiten um die Mehrheit. Die Opposition erschien mit ihren verschiedenen Aufrufen eigentümlich zersplittert. Aber im September erwies sich dies als ein kaum zu überschätzender Vorteil. Gerade weil die meisten Oppositionellen bis auf wenige Ausnahmen wie Bärbel Bohley oder Rainer Eppelmann in der Gesellschaft unbekannt waren, trug dieses Gründungsfieber erheblich zur Mobilisierung der Gesellschaft bei. Denn die rasch aufeinander folgenden Nachrichten von immer neuen Aufrufen erweckten in der Öffentlichkeit den Anschein, dass an vielen Orten ganz unterschiedliche Personen völlig unabhängig voneinander nicht mehr schweigend der Krise zuschauen wollten und andere Handlungsoptionen als die Flucht wählten. Das mobilisierte ungemein. Die hohe Informationsdichte in den Westmedien trug entscheidend dazu bei, dass die Aufrufe bekannt wurden und sich bald jede befragen musste, wo sie eigentlich selbst stünde. Das hatte zur Folge, dass ab Mitte September die DDR von einer wochen-, ja monatelangen Flut von Aufrufen, Resolutionen, Offenen Briefen und bald auch immer wieder neuen Vereinsgründungen überzogen wurde. Mitte September begann «Zeit» in der DDR einen neuen Wert anzunehmen, was sich ab Mitte Oktober geradezu dramatisch verstärken sollte. «Zeit» war eine Sache, die es in der DDR zuhauf gab; die Zeit schien bis zum Sommer 1989 irgendwie stillgestanden zu haben. Nun auf einmal raste alles. Die Zeit überholte sich dauernd selbst, so schien es jedenfalls. Die Gesellschaft war in Bewegung geraten, aber noch Mitte Okto- 1989: die unvorstellbare Revolution32 | ber wagte sich nur eine kleine Minderheit auf die Straßen und in die Kirchen. Die Fernsehbilder aus Leipzig, Dresden und Ost-Berlin lügen nicht, aber sie suggerieren noch heute, alle seien «dabei» und «dafür» gewesen. So weit war es nicht, so weit kam es nie. Revolutionen sind niemals Angelegenheiten einer Mehrheit. Die Minderheit begehrt nicht nur gegen kleine Herrschaftscliquen, ihren Massenanhang und ihre Claqueure auf, sondern auch gegen die schweigende, passive Mehrheit. Wer sie für die eigene Angelegenheit mobilisieren kann, ist meistens siegreich. Ab Anfang Oktober überschlugen sich die Entwicklungen. Kaum ein Tag verging, der nicht Unerhörtes, Ungewohntes, ja, Sensationelles zu vermelden hatte. Das halbe Land blickte seit 4. September montags nach Leipzig, am 25. September drängten sich 2000 bis 2500 Teilnehmer in die Nikolaikirche, die wegen Überfüllung ge schlossen werden musste. Pfarrer Christoph Wonneberger hielt eine Predigt über Gewaltlosigkeit. Erstmals zogen 4000 bis 8000 Menschen über einen Teil des Leipziger Rings. Sie riefen «Freiheit», sangen die «Internationale» und skandierten «Neues Forum». Am 30. September eilten Bundesaußenminister Genscher und Kanz leramtsminister Seiters abends nach Prag, wo vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft der Bundesaußenminister seine berühmten Sätze zur bevorstehenden Ausreise sagte, die im Jubelgeschrei der Tausenden Flüchtlinge untergingen. Etwa 4700 Menschen verließen von Prag und rund 800 von Warschau aus die DDR. Es ist viel darüber gerätselt worden, warum die SED-Spitze die Züge über DDR-Territorium fahren ließ. Zwei Gründe waren ausschlaggebend. Zum einen glaubte die SED, damit Stärke zu demonstrieren: DDR-Bürger werden aus der DDR-Staatsbürgerschaft in der DDR und nicht in einem Drittland entlassen. Wichtiger scheint der zweite, meist übersehene Aspekt: Weder SED noch MfS wussten genau, wer die insgesamt 5500 Menschen eigentlich waren. Deshalb versprachen sie, in der DDR förmliche Ausbürgerungsdokumente auszuteilen. Sie unterließen dies, sammelten aber alle Personaldokumente ein und konnten so die Ausgereisten genau identifizieren. Zugleich gestatteten sie nahen Familienangehörigen die unverzügliche Anfänge der Revolution | 33 Nachreise in die Bundesrepublik, um so Druck abzulassen und nicht eventuell Gruppenproteste dieser Personen zu provozieren. Am Montag, den 2. Oktober, richteten sich die Augen der Öffentlichkeit wieder nach Leipzig. Etwa eine halbe Stunde vor Beginn um 17.00 Uhr musste die Nikolaikirche wegen Überfüllung geschlossen werden. Erstmals öffnete eine zweite Kirche ihre Pforten. Tausende Menschen demonstrierten nach dem Gebet in der Innenstadt, die Angaben schwanken zwischen 8000 und 25 000. Am Abend des 3. Oktober hielten sich in der Prager Botschaft bereits wieder etwa 6000 und in der unmittelbaren Umgebung 2000 Menschen auf, außerdem waren 3000 – 4000 Menschen auf dem Weg nach Prag. Das SED-Politbüro entschied abermals, die Menschen in der Prager Botschaft über DDR-Gebiet in die Bundesrepublik ausreisen zu lassen. Die Grenze zur ČSSR wurde zugleich für Individualreisende geschlossen. Die Stimmung war enorm aufgeheizt. Als sich die Nachricht verbreitete, am 4. Oktober kämen neue Sonderzüge mit Flüchtlingen aus Prag, fanden sich 20 000 Menschen am Dresdner Hauptbahnhof ein. Es kam zu stundenlangen Schlachten, Zerstörungen, zum Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas. SED-Bezirkschef Modrow forderte polizeilich ausgebildete Sondereinheiten der NVA, alles Freiwillige übrigens, an. Der Öffentlichkeit war nicht bekannt, dass am Anfang des Jahres fünfzehn Hundertschaften aus der NVA mit Freiwilligen ausgegliedert und auf Polizeieinsätze im Inneren des Landes zur Niederschlagung eventueller Aufstände vorbereitet worden waren. Dresden kam nicht mehr zur Ruhe, auch in den nächsten Tagen fanden Demonstrationen mit jeweils Tausenden Teilnehmern und gewalttätigen Auseinandersetzungen statt. Die insgesamt 19 Sonderzüge aus Prag mit 8012 Menschen erreichten unterdessen am 5. Oktober nach nervenaufreibenden Verspätungen, bedingt durch Gleisbesetzungen und die Dresdner Unruhen, die Bundesrepublik. 643 kamen erneut aus Warschau hinzu. Die Bilder glücklicher Gesichter gingen um die Welt. 1989: die unvorstellbare Revolution34 | Der letzte Republikgeburtstag Wie sich die Lage am 7. Oktober, dem 40. Gründungstag der DDR, anfühlte, brachten chilenische Emigranten auf den Punkt: «Es werde die Auffassung vertreten, dass die Situation gefühlsmäßig so gespannt sei wie vor dem Putsch in Chile 1973.»6 In der Millionenstadt Ost-Berlin kamen zu den täglichen Veranstaltungen in mehreren Kirchen insgesamt nur zwischen 3.000 und 5.000 Menschen. Die Bilder aus Dresden und Leipzig mit zehntausenden Protestierenden spiegelten die tatsächliche Aktionsbereitschaft im Land nicht. In den allermeisten Städten fand bis zu diesem Zeitpunkt gar nichts statt. Am späten Nachmittag des 7. Oktober 1989 sammelten sich, beobachtet von zahlreichen westlichen Kamerateams und tausenden Sicherheitskräften, dutzende junge Männer und Frauen auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz, um wie an jedem 7. eines Monats – am 7. Mai hatten die Kommunalwahlen stattgefunden – gegen die Wahlfälschung zu protestieren. Gegen 17.20 Uhr zogen die Ersten in Richtung des nahe gelegenen «Palasts der Republik», wo sich die gesamte DDR-Führungsriege gerade zum Feiern aufhielt. Dem Demonstrationszug schlossen sich spontan Passanten an. Nach etwa einer Stunde drängten Einsatzkräfte die Menge in Richtung Prenzlauer Berg ab. Zur gleichen Zeit befanden sich dort in der Gethsemanekirche 2000 bis 3000 Menschen. Der Demonstrationszug mit insgesamt 6000 bis 7000 Menschen kam unterwegs mehrfach zum Stehen, immer wieder griffen Trupps in Uniform und Zivil Einzelne heraus. Währenddessen umstellten Polizisten, MfS-Kräfte und Kampf gruppen die Gethsemanekirche, bildeten mehrere Sperrketten und riegelten das Wohnquartier beinahe hermetisch ab. In den folgenden Stunden kam es zu zahlreichen Übergriffen auf Demonstranten wie Kirchenbesucher. Im Gegensatz zu den Ereignissen in anderen Städten gingen die Fernsehbilder aus Ost-Berlin sofort um die Welt. Was hunderte Zugeführte nach ihrer Freilassung, meist innerhalb von 24 Stunden, berichteten, verschlug auch eifrigen SED-Anhängern die Sprache. Die physische und psychische Folter, die sie erlebten, ähnelte sich an den verschiedenen Zuführungspunkten so stark, dass kaum jemand

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.