Content

Der letzte Republikgeburtstag in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 34 - 36

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-34

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

To the Pre-print version
Bibliographic information
1989: die unvorstellbare Revolution34 | Der letzte Republikgeburtstag Wie sich die Lage am 7. Oktober, dem 40. Gründungstag der DDR, anfühlte, brachten chilenische Emigranten auf den Punkt: «Es werde die Auffassung vertreten, dass die Situation gefühlsmäßig so gespannt sei wie vor dem Putsch in Chile 1973.»6 In der Millionenstadt Ost-Berlin kamen zu den täglichen Veranstaltungen in mehreren Kirchen insgesamt nur zwischen 3.000 und 5.000 Menschen. Die Bilder aus Dresden und Leipzig mit zehntausenden Protestierenden spiegelten die tatsächliche Aktionsbereitschaft im Land nicht. In den allermeisten Städten fand bis zu diesem Zeitpunkt gar nichts statt. Am späten Nachmittag des 7. Oktober 1989 sammelten sich, beobachtet von zahlreichen westlichen Kamerateams und tausenden Sicherheitskräften, dutzende junge Männer und Frauen auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz, um wie an jedem 7. eines Monats – am 7. Mai hatten die Kommunalwahlen stattgefunden – gegen die Wahlfälschung zu protestieren. Gegen 17.20 Uhr zogen die Ersten in Richtung des nahe gelegenen «Palasts der Republik», wo sich die gesamte DDR-Führungsriege gerade zum Feiern aufhielt. Dem Demonstrationszug schlossen sich spontan Passanten an. Nach etwa einer Stunde drängten Einsatzkräfte die Menge in Richtung Prenzlauer Berg ab. Zur gleichen Zeit befanden sich dort in der Gethsemanekirche 2000 bis 3000 Menschen. Der Demonstrationszug mit insgesamt 6000 bis 7000 Menschen kam unterwegs mehrfach zum Stehen, immer wieder griffen Trupps in Uniform und Zivil Einzelne heraus. Währenddessen umstellten Polizisten, MfS-Kräfte und Kampf gruppen die Gethsemanekirche, bildeten mehrere Sperrketten und riegelten das Wohnquartier beinahe hermetisch ab. In den folgenden Stunden kam es zu zahlreichen Übergriffen auf Demonstranten wie Kirchenbesucher. Im Gegensatz zu den Ereignissen in anderen Städten gingen die Fernsehbilder aus Ost-Berlin sofort um die Welt. Was hunderte Zugeführte nach ihrer Freilassung, meist innerhalb von 24 Stunden, berichteten, verschlug auch eifrigen SED-Anhängern die Sprache. Die physische und psychische Folter, die sie erlebten, ähnelte sich an den verschiedenen Zuführungspunkten so stark, dass kaum jemand Der letzte Republikgeburtstag | 35 an Zufälle glauben mochte. Auf die Frage, wohin sie gefahren werden, kam die Antwort der Polizisten: «Auf eine Müllkippe.»7 Ost-Berlin stand an diesem Tag im Mittelpunkt des Medieninteresses, oppositionelle Demonstrationen gab es aber auch in anderen Städten. Das eigentliche Erdbeben fand an diesem Tag in Plauen (76 000 Einwohner) statt. Hier beteiligten sich zwischen 10 000 und 20 000 Menschen an einer Gegendemonstration. Diese Stadt war im Oktober 1989 die erste, in der der Wille zur Revolution und zur deutschen Einheit schon am 7. Oktober massenhaft auf der Straße bekundet wurde. Hätte irgendein verantwortlicher Politiker in Ost oder West im Oktober auf Plauen geschaut und die Stadt als Abbild der DDR wahrgenommen, wäre er der Visionär gewesen, der gewusst hätte, wohin und wie schnell die Reise gehen würde. Plauen aber kam auf der politischen Landkarte nicht vor. Am Montag, den 9. Oktober, herrschte eine unglaubliche Anspannung im gesamten Land. Es gab nur ein Thema: Kommt heute Abend in Leipzig die «chinesische Lösung» oder kommt sie nicht? Am 6. Oktober 1989 hatte ein Kampfgruppenkommandeur in der «Leipziger Volkszeitung» verkündet: «Wir sind bereit und Willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um die konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!» Die SED-Spitze schwieg, Egon Krenz als zuständiger Funktionär am lautesten. In vier Leipziger Kirchen hatten sich am Nachmittag Tausende Bürger zum Montagsgebet eingefunden. Als sie etwa eine Stunde später die Kirchen verließen, warteten draußen bis zu 70 000 Demonstranten. Die Leipziger Einsatzzentrale wartete unterdessen immer noch auf einen Befehl von Krenz. Zehntausende skandierten: «Wir sind das Volk!» Nur wenige wussten, dass sie damit eines der berühmtesten Gedichte der 1848 er-Revolution – Ferdinand Freiligraths «Trotz alledem!» – zitierten. Kurz nach 18.35 Uhr entschieden Leipziger SED-Funktionäre, nicht einzugreifen. Um 19.15 Uhr rief Krenz in Leipzig an und segnete nachträglich diese Entscheidung ab. Von diesem Tag an war klar, dass die Revolution von nun ab friedlich verlaufen würde. Am 17./18. Oktober folgten Honeckers erzwungener Rücktritt und die Inthronisierung von Krenz als dessen Nach- 1989: die unvorstellbare Revolution36 | folger in allen Ämtern. Die Maueröffnung am 9. November war bereits in einem Planspiel im August 1989 ersonnen worden: den Kessel kurzzeitig öffnen, um ihn dann wieder hermetisch abzuschließen. Nach dem 9. November gelang dies nicht mehr, obgleich auch noch solche Ideen erwogen wurden. Die Inszenierung der Maueröffnung durch Egon Krenz und Günter Schabowski war ein großes Schauspiel zweier politischer Dilettanten, die nicht einmal ansatzweise mit diesen Folgen gerechnet hatten. Unmittelbare Folgen des Mauerfalls Nach dem Mauerfall war das Schicksal von SED und DDR besiegelt. Im August 1989 hatte Otto Reinhold, Chef der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und einer der wichtigsten Theoretiker und Ideologen des Mauerstaates, zutreffend in einem Radiointerview gesagt, nur eine «sozialistische DDR» habe eine historische Existenzberechtigung.8 Die DDR war nur als politische, ökonomische, gesellschaftliche Alternative zur Bundesrepublik denkbar. Nach dem 9. November 1989, so der Tenor auf den Straßen, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die DDR und mit ihr die SED verschwunden seien. Die Menschen auf der Straße wie die Politiker in den Machtstuben dachten dabei in einem Zeitraum von mehreren Jahren: In seiner ersten Regierungserklärung am 19. April 1990 träumte Ministerpräsident de Maizière davon, dass 1992 zu den Olympischen Sommerspielen DDR und Bundesrepublik eine gesamtdeutsche Mannschaft entsenden. Ostdeutsche konnten die Mauer einreißen, sie konnten aber nicht ohne Zustimmung der Alliierten und ohne das Engagement Bonns die staatliche Einheit Deutschlands erringen. Das Tempo aber bestimmten die ostdeutsche Straße und der anhaltende Ausreisestrom. Mitte November schien noch vieles sehr ungewiss. Die Blockparteien profilierten sich von Tag zu Tag stärker als eigenständige politische Kraft. Mit der Wahl des Rechtsanwalts Lothar de Maizière zum Parteichef am 10. November begann die Ost-CDU auf Reformkurs einzuschwenken, die LDPD hatte damit schon Mitte Oktober

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.