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Die Ostdeutschen und ihre Vergangenheit in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 210 - 215

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-210

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Bibliographic information
Das zweite Leben der Stasi210 | tion und Widerstand, Haftanstalten und politische Justiz, bemängelt die professionelle Forschung, hier würde ein einseitiges Bild gemalt, das nur Schwarz und Weiß, aber keine Grautöne kenne. Die Vorwürfe liegen regelmäßig daneben. Denn die Aufgabe der beiden unterscheidet sich nun einmal so stark wie die von Bäckereien und Konditoreien. Nur weil sie zuweilen die gleichen Grundstoffe für ihre Arbeit benutzen und ihr Publikum Schnittmengen aufweist, streben sie ja noch keine ähnlichen Produkte an. Das ist nur leider nicht allen bewusst, weder den Beteiligten noch den Beobachtenden. Die Ostdeutschen und ihre Vergangenheit Interessanterweise kam die ostdeutsche Revolution 1989 anders als die der Polen, Tschechen, Slowaken, Balten oder Ungarn praktisch ohne historische Bezüge aus. Das veränderte sich nach dem Sturm auf die Stasi und der Eroberung der Akten 1990. In Deutschland wurde nun diese Geschichte zu einem extrem politischen Kampfmittel – und von allen Seiten intensiv benutzt. Akten entschie den maßgeblich darüber, ob jemand zukunftstauglich sei oder nicht. Was hat die Regelüberprüfung, wofür das irreführende und demagogische Wort «gaucken» (nach dem ersten Leiter der Stasi- Akten-Behörde Gauck) erfunden wurde, eigentlich mit den Seelen der Überprüften, ob nun belastet oder nicht, gemacht? Viel Platz für Differenzierung blieb da nicht. Nur diese eine Institution, das Ministerium für Staatsicherheit, ist zum Beelzebub erklärt worden. Ihr Auftraggeber, die SED, blieb im Schatten und konnte sich häuten. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit. Nicht einmal die Aufarbeitung war konsequent und nahm alle Verantwortlichen der SED- Diktatur ernst. Im Nachhinein erscheint die Stasi-Überprüfung wie eine Beruhigungs pille für die Mitläufergesellschaft. Und dass die Überprüfungen die Jahrtausendwende unbeschadet überstanden, führte nicht nur zu Kopfschütteln, sondern vor allem zu Frust, Wut, Enttäuschung. Wie lange, fragten viele auch unbelastete Bürger, wollt «Ihr» uns eigentlich noch unsere Vergangenheit vorhalten? Die Ostdeutschen und ihre Vergangenheit | 211 Obwohl der Kampf um die Stasi-Akten ein Sieg ostdeutscher Bürgerrechtler gegen gesamtdeutsche Schlussstrichbefürworter darstellte und auch die Existenz der «Gauck-Behörde» ganz allein ostdeutschen Aufarbeitern zu verdanken war, wird die gesamte Aufarbeitung einschließlich der Stasi-Überprüfung im Osten weithin als eine westdeutsche Idee angesehen. Eliten gelten im Osten – egal welche – prinzipiell als Westdeutsche. Und wenn es dann doch mal ein Ostler in irgendeine maßgebliche Position geschafft hat, gilt er vielen Ostlern als irrelevante Ausnahme  – oder als «Volksverräter» wie Bundespräsident a. D. Gauck oder Bundeskanzlerin Merkel. Beiden schlägt der besondere Hass der ostdeutschen Seele entgegen, weil sie doch eigentlich von «uns» sind, aber das Geschäft der Wessis betreiben würden. Was bedeutet es, wenn die (westdeutschen) Deutungs- und Erkläreliten ganz und gar überwiegend einen anderen Sozialisationshintergrund haben als jene (ostdeutschen) Menschen, denen sie mittels Medien, Wissenschaft und Politik die Vergangenheit deuten und erklären sollen? Und was folgt eigentlich aus dem Umstand, dass die (ostdeutsche) Aufarbeitungstruppe im Ganzen gesehen ganz andere Lebenswege, Lebenserfahrungen vorzuweisen hat als die große Mehrheit der Gesellschaft, die sie mit ihrer Aufarbeitung aufklären will? Und wer klärt die Aufarbeiter über die «anderen» auf? Sind sie die allwissenden Erzähler? Fragen, die bisher kaum gestellt wurden; Fragen, auf die wir bislang keine überzeugende Antwort kennen. Die Irritationen in Ostdeutschland begannen aber nicht erst, als Westdeutsche notwendigerweise kamen und beim Aufbau im Osten tatkräftig mithalfen (richtig muss es heißen: die Richtung des Aufbaus vorgaben). Schon die Bürgerrechtsgruppen 1989 waren durchweg von mutigen Menschen gegründet worden, die aufgrund ihrer beruflichen Stellung in der DDR (Kirche) oder ihres Eintretens für Menschenrechte (Opposition) vor 1989 zu gesellschaftlichen Randgruppen zählten. 1989 wussten alle, wogegen sie waren. Ein Programm wofür man sei, gab es nicht. Nie hat jemand jene gezählt, die 1989 nicht mitmachten. Es war die Mehrheit. Lohnte es heute nicht zu analysieren, warum schon die freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 so viele verstörende Ergebnisse zeitigte? Es verloren ja nicht nur Das zweite Leben der Stasi212 | die Sozialdemokraten und die Idealisten aus der DDR-Opposition, besonders bitter in Sachsen, es gewannen ja nicht nur das Geld, die Blockflöten aus der ehedem kommunistischen Einheitsfront sowie die schnellstmögliche Wiedervereinigungsrhetorik, es gewannen vor allem jene, die, so sagen wir es heute, populistisch versprachen, die Landschaften würden schnell blühen und die Ostdeutschen würden in drei bis fünf Jahr leben wie die Westdeutschen. Es kam etwas anders. Als ab 1990 die DDR-Vergangenheit in den Medien, den Kommissionen und auf den Marktplätzen erzählt wurde, wie sie sich in den Akten darstellte, staunten die meisten Menschen, die dort gelebt hatten. Das meiste hätten sie nicht gewusst, hörte man immer wieder. Das war oft schwer zu glauben. Dahinter verbarg sich aber etwas anderes: Diese Geschichte von Leid, Opfern, Unterdrückung und Widerstand erreichte die Gesellschaft nicht, es war nicht ihre Geschichte, noch schlimmer sogar: Es wurde nicht ihre Geschichte. In Reaktion auf diese unverstandene Vergangenheit gab es die Ostalgie-Welle Anfang der 2000 er Jahre. Katarina Witt erzählte, ein aktuelles Foto zeigte sie lachend im FDJ-Hemd,18 dumme Geschichten, für die sie sich heute schämt.19 Sie hat dazu gelernt. Die Aufarbeiter aber hatten nicht verstanden, dass sie an der Gesellschaft vorbei erzählten. Immer wenn ihnen die Gegenerzählung nicht passte, vermuteten sie alte Seilschaften (die es auch gab) und ewig Gestrige (die es zuhauf gab) dahinter. Warum kamen sie nicht auf die Idee, dass größere Teile der Gesellschaft sich anfingen zu wehren, wie ihnen ihre eigene Vergangenheit erzählt und damit eine immer fremder werdende Gegenwart legitimiert wurde? Im Osten waren simple Geschichtsbilder à la Knabe nicht nur im SED/PDS/Linkspartei-Milieu verpönt. Die Ostalgiewellen in den 2000 er Jahren waren nichts anderes als die Landserschmonzetten in der alten Bundesrepublik, die sich jahrzehntelang größter Beliebtheit erfreuten. Wurden die Millionen Leserinnen und Leser deshalb beschimpft? Das hätte schon aus wahlarithmetischen Gründen vor dem Auftauchen der Grünen niemand wagen dürfen. Für den Osten gab es eine solche Zurückhaltung nie – weder von Westlern noch von den Ostlern, die «aufarbeiteten». In jeder Gesellschaft gibt es nostalgische Erinnerungen an die Vergangenheit, das hängt weniger mit Staat und Ge- Die Ostdeutschen und ihre Vergangenheit | 213 sellschaft, sondern mehr mit der zurückliegenden Jugend und dem fortschreitenden Alter zusammen. Zurückzublicken vermittelt oft Sicherheit und Wärme. Aufarbeitung will Identifikationsangebote unterbreiten, die eine Form von Integrationschancen darstellen: Aufarbeitung als Mittel, um die Ostdeutschen in die bundesdeutsche Gesellschaft zu integrieren: «Ihr habt eine Diktatur überwunden, Ihr könnt stolz sein, Ihr seid Demokraten. Wenn Ihr die Diktatur verstanden habt, seid Ihr für die Demokratie gerüstet, könnt sie gestalten und seid für immer und ewig immun gegen Extremismus.» So ungefähr lauten Lehrsätze der Aufarbeiter. Das hat nicht ganz geklappt  – bis jetzt. Fast die Hälfte der Ostdeutschen kann sich aktuell vorstellen, die rassistische AfD zu wählen; und fast die Hälfte fühlt sich als Deutsche zweiter Klasse. So viel Kollektivismus im Osten gab es bisher noch nie. Die Gesellschaft kam seit dreißig Jahren nicht zur Ruhe – und dabei musste auch noch fast jeder und jede sich fragen lassen: «Und was hast Du bis 1989 getan?» Die falsche Antwort, die passenden Akten und ein neuer biographischer Bruch war besiegelt. So hatte sich das 1989/90 wohl niemand vorgestellt. Die Zukunft der DDR-Geschichte ist offen. Aufarbeitung kann Integrations- und Identifikationsangebote unterbreiten. Sie ist kein Allheilmittel. Aufarbeitung muss die Menschen dort abholen, wo sie stehen; nicht, wo die Aufarbeiter stehen. «Täter» und «Opfer» sind keine geeigneten Kategorien, um eine Gesellschaft zu erklären; noch weniger aber, um eine historische Gesellschaft Nachgeborenen zu erklären, nahezubringen. Die DDR-Aufarbeitung könnte nun, drei- ßig Jahre nach dem Mauerfall, beginnen, die ganze Palette der DDR-Gesellschaft und die Transformationsgeschichte miteinander verknüpft zu erzählen. Die Aufarbeitung der 1990 er Jahre muss überhaupt beginnen. Natürlich brauchen wir dafür keine Wahrheitskommissionen, auch keine Versöhnungskommissionen, wer das fordert wie die sächsische Integrationsministerin,20 hat von der Apartheid-Diktatur in Südafrika, wo es nach dem Sturz der Apartheid solche Kommissionen gab, offenbar keine Grundkenntnisse. Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ursachen und Folgen der Transforma- Das zweite Leben der Stasi214 | tion. In dieser Aufarbeitung müssen alle Erfahrungsräume Platz finden. Das Leben der Menschen vor und nach 1989 ist bei den meisten viel stärker miteinander verknüpft, als historische Epochenzäsuren vorgeben. Ostdeutschlands Gegenwart ist nicht zu erklären als Ergebnis eines linearen Prozesses. Historische Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, Prägungen durch den Nationalsozialismus und den SED-Kommunismus, die fehlende Aufarbeitung von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus und der Transformationsprozess seit 1990 gehören in der Analyse zusammen und werden nicht ohne die Berücksichtigung der globalen Herausforderungen, der bundesdeutschen Versäumnisse in der Aufarbeitung (Rassismus, Kolonialismus) und der westdeutschen Vereinigungsmentalität, denen sich Ostdeutschland seit 1990 stellen musste, befriedigend ausfallen. In vielen Parametern kam es nur zu einer nachholenden Modernisierung, in anderen war Ostdeutschland auch Modellfall globaler Entwicklungen. Wenn wir Forscherinnen und Forscher es schaffen, ostdeutsche Geschichte, die Hoffnungen, Träume, Aufbrüche und Enttäuschungen als einen Fluss im Strom der Zeit des 20. Jahrhunderts zu erzählen, aufzuarbeiten, dann sind wir auch nicht mehr weit entfernt von der schon lange geforderten gesamtdeutschen Geschichte. Bundesdeutsche und DDR-Geschichte, deutsche und europäische, europäische und globale Geschichte gehören zusammen, mehr als es den da mals Verantwortlichen lieb und den Zeitzeugen bewusst war. Nicht als platte Kontrastgeschichte, sondern als eine miteinander verzahnte Geschichte sollte die deutsch-deutsche Geschichte erzählt werden. Und die DDR eben auch als eine Gesellschaftsgeschichte in der Parteidiktatur, in der vielmehr möglich war, als nur «Täter» oder «Opfer» zu sein.21 Die meisten waren weder das eine noch das andere, ganz viele aber beides. Das könnte gelingen. Voraussetzung wäre aber wahrscheinlich, dass nun alle jene an den Schaltstellen der Aufarbeitungsmacht und Wissenschaftsdeutung, die sich so verdient gemacht haben in den letzten Jahren, Platz machen für die 30- bis 40-Jährigen Visionäre, für jene, die Aufarbeitung und Wissenschaft endlich zusammenbringen können, ohne sich des Verdachts auszusetzen, irgendetwas verharmlosen zu wollen. 10 | Ungebrochene Traditionen: Bürden der Vergangenheit als Last der Gegenwart Ostdeutsche tragen einen schweren Rucksack der Geschichte mit sich herum, der prall gefüllt ist. Anders als die Westdeutschen kannten sie bis 1990 keine kollektiven demokratischen und freiheitlichen Erfahrungen: Das Kaiserreich, der Erste Weltkrieg, die Nachkriegserschütterungen und eine instabile, von zu wenigen verteidigte Weimarer Republik, die nationalsozialistische Diktatur und dann die kommunistische Diktatur hatten demokratischen und freiheitlichen Entwicklungen keine Chance gegeben. Das mag die Sehnsucht danach bei vielen Ostdeutschen gerade angesichts des bundesdeutschen Schaufensters enorm beflügelt haben. Nur bedeutet Sehnsucht noch lange nicht zu wissen, wie es eigentlich geht, wie beschwerlich Freiheit und Demokratie tatsächlich sind, weitaus beschwerlicher und anstrengender als irgendeine andere gesellschaftliche Form des Zusammenlebens. Demokratie ist zwar ein Staatssystem, aber zuerst eine Lebensform. Wenn man die nicht erlernt hat, wird es schwierig, den Staat, der die Lebensform garantiert, zu akzeptieren. Man muss sie auch erlernen wollen. Der in Oxford lehrende Germanist James Hawes meint sogar, seit dem 12. Jahrhundert habe sich östlich der Elbe eine Mentalität und Kultur herausgebildet, die extrem autoritär und antidemokratisch ausfalle.1 Heutige Probleme in Ostdeutschland seien historisch gewachsen und praktisch nicht auflösbar. Schon 1930 sei die NSDAP nirgends so stark gewählt worden wie östlich der Elbe (wobei Berlin als Sonderfall herausfällt). Ergänzend müsste hinzugefügt werden, das gilt – abgesehen von Hamburg und Bremen – auch für die KPD, die 1923 in Sachsen und Thüringen sogar kurzzeitig an der Regierung beteiligt war. Es scheint Kontinuitäten zu geben, die eine ge-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.