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Von der Krise zum Aufbruch in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 24 - 29

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-24

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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2 | 1989: die unvorstellbare Revolution Die Mauer fiel nicht einfach. Erst recht öffnete sie kein SED-Politbürokrat oder ein DDR-Grenzer. Die Gesellschaft schmiss am Abend des 9. November 1989 die Mauer um. Angefangen hatte es mit der mächtigen freien Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Polen. Am Anfang des Jahrzehnts gegründet, um Polen zu demokratisieren, bedeutete der Mauerfall am Ende des Dezenniums das symbolische Ende des europäischen Kommunismus, auch wenn es bis zum endgültigen Aus, dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion, noch zwei weitere Jahre dauern sollte. Die ganze Welt schaute atemlos nach Ostdeutschland, nach Ost-Berlin. Die meisten waren sich bewusst, Zeugen einer Revolution mit globalen Auswirkungen zu sein.1 «Wahnsinn» war der allerorten meist gebrauchte Ausruf. Es begann eine Zeit, als die Realität fast täglich die Phantasie überholte – selbst in der Ikonographie. Die meisten berühmten Fotos von der Mauernacht zeigen – keine Ostler. Auf der Mauer in der Nacht der Nächte zum Beispiel, ein sehr berühmtes Foto von der Westseite des Brandenburger Tores, stehen, sitzen und tanzen ganz überwiegend Westler. Ein von der dpa weltweit verbreitetes Foto ist noch kurioser: Darauf geben sich taz-Redakteure als feiernde Ostler aus.2 Bis zum Herbst 1989 war kaum einem Zeitzeugen bewusst, dass er sich inmitten eines rasanten historischen Prozesses befand, der eine ungeheure Dynamik entwickelte und der die empfundene «Zeit» immer mehr beschleunigte.3 Noch eben gerade, so schien es vielen, auf der Standspur verharrend, befanden sich auf einmal gleich mehrere Gesellschaften im Ostblock auf der Überholspur, und das noch mit überhöhtem Tempo. Die DDR stellt dafür ein eindrückliches Beispiel dar. Von der Krise zum Aufbruch | 25 Von der Krise zum Aufbruch Die Inthronisierung Michail Gorbatschows im März 1985 als KPdSU-Chef und damit als Führer des Weltkommunismus stellte den Versuch dar, das Projekt des Kommunismus zu retten. Gorbatschow war nicht Reformator wider Willen, aber er wurde wider Willen zu einem Sargnagel des kommunistischen Systems. Dieses geschlossene System hatte durchaus seine Logik. Der geschlossene Deckel verhinderte die Explosion. Die leichte Öffnung des Deckels aber ließ den Dampf in alle Richtungen heraus, unkontrolliert, unbeabsichtigt und nicht mehr steuer- und kontrollierbar. Deshalb war die Abwehrhaltung gegenüber Glasnost und Perestroika von SED- Chef Erich Honecker, Nicolae Ceaușescu, dem Diktator in Rumänien, oder Miloš Jakeš, seit 1987 oberster Kommunist in der Tschechoslowakei, gerade nicht – wie von vielen damals beklagt – widersinnig, sondern systemlogisch. Offenbar war ihnen die Kesseltheorie eingeschrieben, nämlich dass eine leichte Öffnung unweigerlich zur Explosion führe. Sie hatten 1953, 1956 oder 1968 noch allzu gut in Erinnerung. Zugleich aber entfachte Gorbatschows Reformpolitik Hoffnungen in der DDR. Die berühmte offizielle Losung «Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen» wurde über Nacht zur subversiven Waffe von auf Veränderungen Hoffenden. Wenn in Moskau Reformen möglich waren, so die Meinung vieler Menschen, so müsse sich doch auch in der DDR etwas verändern lassen. Jahrelang versprach die SED, morgen, in der Zukunft, würde alles «noch» besser werden. «Morgen» blieb in den Vorhersagen der Ideologiewächter nicht nur eigentümlicherweise stets weit weg von der Gegenwart, Mitte der achtziger Jahre entrückte die verheißungsvolle Zukunft immer stärker ins Nimmerland. Der gefühlte Abstand zum Westen und seinen offenkundigen Verheißungen, wie sie via TV allabendlich in Millionen ostdeutsche Wohnzimmer flimmerten, wurde immer größer. Gleichzeitig schwanden die Hoffnungen auf die Zukunft, je mehr sich die Crew um Honecker, seinen politischen Ziehsohn Egon Krenz, der in der SED für den gesamten Militär- und Sicherheitsapparat zuständig war, den Ost-Berliner SED-Chef Günter Schabowski, 1989: die unvorstellbare Revolution26 | den Dresdner SED-Bezirksfürsten Hans Modrow, Stasi-Minister Erich Mielke und wie sie sonst noch hießen gegenüber der Reformpolitik von Gorbatschow hermetisch abschirmten. Sie regierten nicht nur gegen die Mehrheit der Bevölkerung, sie verloren auch immer mehr Terrain unter jenen, auf die sie sich bislang verlassen konnten: die 2,3 Millionen Mitglieder der SED und die nochmals knapp 500 000 Mitglieder der eng mit der SED verknüpften vier Block parteien (CDU, LDPD, DBD, NDPD). Von etwa zwölf Millionen Erwachsenen in der DDR gehörten fast drei Millionen einer staatstragenden Partei an. Zur Diktaturwirklichkeit gehörte, dass Millionen Menschen das System aktiv unterstützten und mittrugen. Die Revolution von 1989 lässt sich nicht monokausal erzählen oder erklären. Die DDR trug in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre viele Züge einer Zusammenbruchsgesellschaft. In den fünfziger Jahren kam in der DDR eine offizielle Parole auf, die jedes Kind kannte: «So, wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.» Das war frustrierend. Die Menschen schufteten und rackerten, aber erreichten nie das verheißene «morgen». Zwar hatte sich der Lebensstandard seit Ende der fünfziger Jahre erheblich verbessert. Der Alltag war einfacher geworden. Aber die Menschen wurden nicht zufriedener, weil der Abstand zum Westen zusehends wuchs. Honecker erfand 1971 eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die die alte Parole aus den fünfziger Jahren auf den Kopf stellte. Denn im Kern war seine Politik nun von dem Gedanken getragen: «So, wie wir heute leben, werden wir morgen arbeiten.» Die Menschen sollten sozial befriedet, im besten Fall sogar befriedigt werden. Offiziell verband sich damit ein sozialpolitisches Programm, das einerseits die Lebensbedingungen der Menschen verbessern und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit beenden, das aber andererseits auf einer gesamtgesellschaftlichen modernen und effizienten Wirtschaft basieren sollte, die die großzügige Sozialpolitik wie im Selbstlauf finanzieren würde. Inoffiziell wurde «heute» Geld ausgegeben, das «morgen» erwirtschaftet werden würde. Das konnte nicht gut gehen. Honecker räumte ein knappes Jahr vor seiner Abdankung gegenüber FDJ-Funktionären ein: «Wir leben zum Teil über unsere Verhältnisse.»4 Die SED-Funktionäre verkündeten in den 1980 er Jahren, lautstark Von der Krise zum Aufbruch | 27 von einigen westlichen Politikern und Ökonomen unterstützt, die DDR zähle zu den zehn stärksten Industrienationen der Welt. Wer auch immer das geglaubt haben mag, Menschen, die in der DDR in der Industrie, dem Handwerk oder der Landwirtschaft arbeiteten, wohl nicht. Sie sahen täglich, was los war bzw. was nicht los war. Heute neigen Wirtschaftshistoriker dazu, die DDR als Schwellenland einzustufen. Die Arbeitsproduktivität erreichte gegen Ende der achtziger Jahre nur noch rund ein Drittel von derjenigen der Bundesrepublik. Die internationale Verschuldung wuchs und führte die DDR an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Die Verschuldung betrug 1988/89 mehr als die Hälfte der Staatshaushaltsausgaben. Die Investitionsquote schrumpfte in den achtziger Jahren. Wichtige Säulen wie Kommunikationsnetze, Verkehrswesen oder Agrarwirtschaft wurden sträflich vernachlässigt. 18 Prozent des Straßennetzes galten als unbefahrbar, die Autobahnen waren in einem maroden Zustand. Das Eisenbahnnetz war veraltet, die Elektrifizierung kam kaum voran, und 17 Prozent des Streckennetzes konnten nur mit geringen Geschwindigkeiten befahren werden. Ein Fünftel des Gesamtnetzes galt als nicht befahrbar. Nur 16 Prozent aller privaten DDR-Haushalte verfügten 1988 über einen Telefonanschluss. Weit über eine Million Anträge auf einen Telefonanschluss galten Mitte 1989 als nicht realisierbar. Die Mikroelektronik erwies sich in der Rückschau geradezu als die größte Pleite. Die DDR hinkte dem internationalen Entwicklungsstandard acht bis zehn Jahre hinterher, ihre Produktionseffizienz betrug zehn Prozent von der westlicher Firmen. Auch die Landwirtschaft war ein Sorgenkind der SED. Die Menschen wurden zwar satt, aber die Kosten dafür waren extrem. Die Subventionen für die Agrarproduktion stiegen, die Nahrungsmittelpreise aber blieben konstant. Die SED musste Lebensmittel importieren und dennoch gab es immer wieder «Engpässe» in der Bereitstellung von Grundnahrungsmitteln. Mangel war ein Kennzeichen der Gesellschaft, eine alltägliche Erfahrung der Menschen. Die SED-Sozialpolitik ist teuer erkauft worden. Für den Staat war sie teuer, weil viele Ressourcen, die dringend in Investitionen hätten umgeleitet werden müssen, für zukunftslose Subventionen und Sozialprogramme verschleudert wurden und so genau das Gegenteil 1989: die unvorstellbare Revolution28 | des politisch-ideologischen Ziels – der Legitimierung des Systems – bewirkten. Die Menschen nahmen am Ende der achtziger Jahre die Sozialleistungen des SED-Staates als Selbstverständlichkeit hin, die Legitimationskraft war verbraucht. Die Kehrseite der Sozialpolitik stand vor aller Augen: Man wusste, dass billige Mieten zugleich eine heftig umstrittene Wohnungsbaupolitik als Schattenseite zur Folge hatten, weil für dringend gebotene Sanierungsarbeiten die Mittel fehlten. Die Menschen spöttelten: «Ruinen schaffen ohne Waffen». Günstige Fahrpreise konnten die zerrüttete Infrastruktur, billige Bücher oder Mediengleichschaltung die Zensur- und Verbotspraxis nicht kompensieren. Hunderttausende Menschen hatten zwar einen festen Arbeitsplatz, ohne aber einer sinnvollen Arbeit nachgehen zu können. Die Lebenserwartung nahm seit Beginn der achtziger Jahre entgegen einem internationalen Trend leicht ab. Die Umwelt war ein besonderes Krisensymptom geworden. Die DDR zählte in den achtziger Jahren zu den größten Umweltsündern Europas. Das Abwassersystem war völlig marode, die Agrarflächen durch Dünger und Pestizide weitestgehend verseucht, Energie und Wasser standen nur in einem viel geringeren Maße zur Verfügung, als es im Weltdurchschnitt Industrie- und Schwellenländer besaßen. Die SED-Führung stand diesen Entwicklungen hilflos gegenüber. Honecker brachte es 1988 auf den Punkt. Man habe bis 1990 die Lösung des Wohnungsproblems «als soziale Frage» versprochen, aber nicht, dass jede Familie ein Auto habe. Der Mann log nicht. Nur die Menschen orientierten ihre Bedürfnisse nicht an den SED-Versprechen, sondern an ihrem individuellen Verlangen und am bundesdeutschen Schaufenster. Auch dafür hatte die SED-Führung 1988 eine interne Parole ausgegeben: «Wer der gegnerischen Hetze und Demagogie erliegt, von dem trennen wir uns (als Parteimitglied – ISK). Er hat das Recht verwirkt, den Ehrennamen eines Kommunisten zu tragen. Das gleiche gilt auch für Meckerer und ewige Nörgler.»5 Ein Jahr später war es genau andersherum: Die Menschen trennten sich von der Partei. Aus der einstigen Hoffnung des Systems – der Jugend – war in den achtziger Jahren dessen größte Bedrohung geworden. Sie konnte mit dem Mythos vom schweren Beginn nichts mehr anfangen. Ihre Hel- Anfänge der Revolution | 29 den kamen nicht aus dem antifaschistischen Widerstand. Die Jugendkulturen orientierten sich an westlichen Vorbildern. Vielleicht haben Punks den Unterschied zum Westen am trefflichsten auf den Punkt gebracht. Aus dem westlichen «no future» machten sie «too much future». Die Bundesrepublik wirkte als Schaufenster stets wie ein Pfahl im Fleische. Auch die Kirchen, insbesondere die evangelischen, erfüllten diese Funktion bereits durch ihr bloßes Vorhandensein. Sie waren die einzigen Großinstitutionen, die im Weltanschauungsstaat programmatisch gegen die kommunistische Ideologie standen. Die Kirchen mit ihren Synoden und Ökumenischen Versammlungen wurden zu Orten, wo demokratische Regeln und Verhaltensweisen eingeübt wurden. Es war kein Zufall, dass im Herbst 1989 so viele Pfarrer und Theologen zu den Wortführern der Bürgerrechtsbewegungen avancierten. Schließlich die Opposition: Sie war stets relativ klein und auf die urbanen Zentren beschränkt. Vor allem in Ost-Berlin begann nach 1985 ein politischer Ausdifferenzierungsprozess, in deren Ergebnis neu gebildete politische Oppositionsgruppen voneinander unterscheidbare Konturen annahmen. Anfänge der Revolution Der Fall der Berliner Mauer begann am 2. Mai 1989 in Ungarn. An diesem Tag kündigte die ungarische Regierung an, die Grenzbefestigungen zwischen Österreich und Ungarn abzubauen. Der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock zerschnitten am 27. Juni symbolisch den ungarischen Stacheldrahtzaun an der Grenze in der Nähe von Sopron. Grenzkontrollen blieben bestehen, aber der symbolische Akt dokumentierte vor der Weltöffentlichkeit die Öffnung. In den Jahren und Monaten zuvor war die Zahl derjenigen, die aus der DDR flüchteten, einen Ausreiseantrag gestellt hatten oder «offiziell» ausreisen durften, ständig angewachsen. Noch bevor die Sommerferien Anfang Juli begannen, hatten bereits rund 100 000 Menschen dem Land für immer den Rücken gekehrt. Darunter waren vor allem

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.