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Die Folgen von fehlenden Ost-Eliten in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 183 - 185

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-183

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Folgen von fehlenden Ost-Eliten | 183 zu beherrschen. Daran jedoch hatten die westdeutschen Entscheider kein Interesse. Die Folgen von fehlenden Ost-Eliten Überrascht wurde der Osten von der westdeutschen Führungsmentalität. Der Witz über das 13. Abiturjahr und wozu der Wessi es benötigt, ist bereits eingeführt worden. Solche Witze spiegeln den Missmut und die Gegenwehr der «kleinen Leute». Besonders beliebt war der Spruch: «Der Ossi, der ist schlau, er stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum.» Da schimmert ein Selbstbewusstsein durch, das verletzt war. Selbst kulturelles Kapital und erworbenes Wissen, das nun nicht mehr benötigt würde, führte so mancher ins Feld: «Вер дас лезен канн, ист кейн думмер весси!» (Wer das lesen kann, ist kein dummer Wessi!) Es waren mehr Verzweiflungsgesten, die niemand ernst nahm, obwohl sie es verdient hätten. Wenn ich in Diskussionsveranstaltungen in Ost oder West auf die Frage der Herkunft zu sprechen komme, gibt es, egal wo, fast immer drei Lager: Das eine sagt, das ist doch egal. Das zweite ruft, nein, das ist überhaupt nicht egal. Das dritte meint, es sei aber jetzt egal geworden. Das erste sind fast immer ausnahmslos Westdeutsche (und meinen neuerdings, die Realität auf den Kopf stellend, «dadurch» würde eine neue «Mauer in den Köpfen» errichtet werden).16 Die zweite Gruppe setzt sich fast ausnahmslos aus Ostdeutschen zusammen. Das dritte sind Jüngere oder Ostdeutsche, die nach 1990 erfolgreich waren und Karriere machten. Womit wohl niemand gerechnet hätte, ist allerdings, dass sich auch fast dreißig Jahre nach der Einheit die Elitenzirkel und höheren Führungspositionen kaum für Ostdeutsche geöffnet haben. Zwar war der Ruf nach westdeutschen Eliten und hohen Führungskräften 1990 laut und eindeutig,17 aber niemand hatte sie als Fischer gerufen, die ihre Netze hinter sich herschleppen und damit Ostdeutschland feingliedrig überziehen. Ihre Netzwerke blieben westdeutsch dominiert. Eliten rekrutieren sich aus sich selbst heraus. Ihre Homogenität zu durchbrechen, in sie Kulturelle Hegemonie184 | einzubrechen, erwies sich bis heute als unmöglich. Es liegt hier kein individuelles Versagen vor. Die Karrierekultur, ganz einfach: die Herkunft verhinderte das. Natürlich nicht, weil jemand sagte, Ostdeutsche werden ausgegrenzt. Nein, Ostdeutsche sind in den Räumen, in denen sich Eliten in Privatschulen, in Wirtschafts- und Unternehmerverbänden, in Karnevalsvereinen, in Clubs der Einkommensstarken usw. rekrutieren, woher sie sich eben kennen, einfach nicht vertreten. In der Wissenschaft sind sie nicht Teil der Netzwerke westdeutscher Professoren. Fast alle Neuberufenen brachten ihre Assistenten aus dem Westen mit in den Osten. Das hat fatale Folgen. Eliten und Führungskräfte zählen zu den Deutern und Sinngebern, den Erklärern und Identitätsstiftern. Das sind sie ganz unabhängig von ihrer Herkunft. Nun stellen wir uns einmal vor, in Bayern oder Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen würden ab morgen an allen Universitäten, Hochschulen, in allen Zeitungsredaktionen, Fernsehstationen, in sämtlichen Behörden und Verwaltungen, Verbänden, Gewerkschaften, Kirchen, überall also, Personen das Sagen haben und die «Richtlinienkompetenz» ausüben, die durchweg anderswo als im benannten Süden oder Norden Deutschlands aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. Glaubt irgendjemand ganz unabhängig von der Frage, warum der Austausch stattfinden musste, dass dies für die Gesellschaft von Vorteil wäre? Führungskräfte sind Personen, die das Tempo, die Richtung, die Lautstärke angeben; von ihnen hängen Zusammenhalt und Zusammenarbeit entschieden ab. Sie sind der Motivationsmotor oder auch der Motivationskiller. Das weiß eigentlich jeder. Deshalb gehört es zu jeder Unternehmenskultur dazu, nicht nur die Führungskräfte ständig zu schulen, sondern auch nach Prinzipien zu rekrutieren, die dem Gemeinwesen am besten tun. Im Osten sind diese außer Kraft gesetzt worden. Das hing vor allem mit einem Umstand zusammen: Die Rekrutierung erfolgte ausschließlich nach Kriterien, die im Westen angewandt und als erfolgreich anerkannt worden sind. Es kamen daher nur Westeliten in Frage, weil Ostler die Kriterien unmöglich erfüllen konnten. Die Ausnahmen sind Aus nahmen, weil sie Ausnahmen sind … Es ist ein Irrglaube, es gehe um Anstrengung. Niemand würde behaupten, dass im Westen nicht Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler | 185 auch Flaschen den Aufstieg schafften. Ostler dürfen keine Flaschen sein, um aufsteigen zu können. Sie sollen nicht nur gleich gut, sie müssen besser sein. Die Eliteproblematik ist fatal, weil, runtergebrochen, dadurch Westler Ostdeutschen unentwegt nicht nur erklären, wie es zu laufen hat, sie erklären ihnen auch ihre eigene Geschichte. Gerade beim Rechtspopulismus kommt so im Osten zweierlei zusammen und macht ihn besonders aggressiv: Die dem Rechtspopulismus eigene unversöhnliche Kritik an den «abgehobenen Eliten»18 trifft sich im Osten mit der ebenso unerbittlichen Kritik am Westen. AfD oder Pegida müssen nicht in zwei Richtungen zeigen, wenn sie auf den Feind deuten wollen. Die Elite in Ostdeutschland verkörpert beide Feindbilder gleichermaßen. Auch das galt im Osten nicht nur für den Rechtspopulismus, sondern ganz genauso für den linken Populismus. Es ist daher nicht überraschend, dass linke wie rechte Populisten Putins Russland verherrlichen – vor allem, weil sie den Westen und seine Ideen ablehnen. Die Abwertung ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler Zu den Deutern, Interpreten und Sinnstiftern zählen auch Künstler, wenn man so will, eine Kulturelite. In der DDR nahmen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Dramatiker, Maler einen wichtigen, einen zentralen gesellschaftlichen Platz ein. Vor allem die Künstler des Wortes waren anerkannt und beliebt, kam ihnen doch die gesellschaftliche Aufgabe zu, die fehlende Öffentlichkeit im SED- Staat zu ersetzen, die Leerstelle wenigstens etwas zu füllen. Schriftsteller und Schriftstellerinnen genossen ein hohes Ansehen, ganz unabhängig davon, ob sie der Einzelne nun las oder nicht. Und noch wurde viel gelesen, nicht nur die DDR war ein Leseland, die Welt war eine große Lesegesellschaft. Im Osten durchschnittlich etwas mehr als im Westen. Die fehlende Öffentlichkeit trug dazu bei, wohl aber auch das etwas geruhsamere, weniger hektische Leben. Im Herbst 1989 spielten Künstler eine wichtige Rolle: Theater öffneten ihre

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.