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Nationalismus in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 226 - 229

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-226

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Ungebrochene Traditionen226 | 1989/90 nicht gebrochen werden, weil sie nicht erst seit dem Kaiserreich staatlich befördert worden ist. Viktor Orbán in Ungarn oder Waldimir Putin in Russland sind Beispiele für Repräsentanten eines Systems, dass sich ganz bewusst illiberal gibt. Das gilt auch für andere Länder Europas, wenn man etwa an die Türkei oder Polen denkt. Der neue Illiberalismus in Europa ist überall an die Macht gewählt worden. Das könnte Ostdeutschland noch bevorstehen. Die Traditionen dafür sind jedenfalls da, illiberale Bewegungen werden immer stärker. «Die Freiheit der Andersdenkenden», wie Rosa Luxemburg in ihrer berühmten Randnotiz «Freiheit» definierte, ist eine Lebensanschauung, die es in Ostdeutschland schwer hat, weil sie bis 1990 nie den Hauch einer Chance hatte, von Staat und Gesellschaft akzeptiert zu werden. Freiheit dürfe nur beschränkt werden, so die Maxime liberaler Gesellschaften, um die Schädigung anderer Gesellschaftsmitglieder zu verhindern (John St. Mill). Ansonsten müsse jeder die Freiheit der anderen so verteidigen, als ginge es um die eigene (Voltaire). Hier hat Ostdeutschland noch einen weiten Weg vor sich, natürlich nicht alle dort Lebenden, aber im Vergleich mit anderen Regionen Deutschlands doch viele. Nationalismus Der Nationalismus hingegen ist in der DDR gebrochen worden und durch einen Internationalismus ersetzt worden. So jedenfalls würden es viele erklären. Stimmt das aber? Der moderne Nationalismus ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.18 Von der nationalen Aufbruchsbewegung zur nationalen Ausgrenzungsbewegung dauerte es im 19. Jahrhundert in Deutschland nur ein paar Jahrzehnte. Als Identitätsmarker einer Nation gelten dem Nationalismus Staatsangehörigkeit, kulturelle, ethnische und religiöse Merkmale. Nationalisten konstruieren eine Gemeinschaft, sie imaginieren sie, weil sie ab einer bestimmten Größe  – etwa wenn sie das eigene Dorf übersteigt – nur noch fiktiv im Kopf existiert. Eine Nation ist aufgrund der ihr zugeschriebenen Merkmale abgeschlossen und kann «von Außen» nur nach sehr engen (nationalen) Kriterien Nationalismus | 227 «aufgefüllt» werden. Die moderne Nation ist oft durch Staatsgrenzen eindeutig geschützt. Nationalisten sehen im nationalstaatlichen Verband die Klammer für die Gleichen ganz unabhängig von Klasse, Geschlecht und sozialer Position. Die SED definierte seit 1974 ihren Staat als einen Nationalstaat mit der sozialistischen deutschen Nation. Die Geschichtswissenschaft hatte bis zuletzt den Auftrag, eine «DDR-Nationalgeschichte» zu erarbeiten.19 In der zweiten Hälfte der 1980 er Jahre arbeiteten SED- Führung, das Innenministerium und die Staatssicherheit daran, ein «DDR-Nationalarchiv» zu gründen. In der SED-Propaganda war unentwegt von «Nationalstolz» die Rede und wer ein guter Deutscher, ein friedensliebender, ein gerechter Deutscher sei. Das sind nur Beispiele, die andeuten, dass die Betonung des Nationalen zum Standardrepertoire der SED gehörte. Dies allein auch deswegen, weil die Gesellschaft die geteilte Nation nicht als die ihre anzunehmen bereit war, sondern überwiegend weiter auf der gesamtdeutschen Nation beharrte. Das kollidierte mit der offiziellen Propaganda, wonach Nationalismus eine dem Kapitalismus wesenseigene Erscheinung sei, während sich im Sozialismus ein «gesundes» Nationalbewusstsein herausgebildet habe.20 Der Witz dabei war nur, dass das sozialistische Nationalbewusstsein laut Definition dem entsprach, was sich auch unter Nationalismus zusammenfassen lässt.21 Die SED stand vor dem Dilemma, ihren Staat nationalstaatlich legitimieren zu wollen und zugleich die geteilte Nation nach dem Mauerbau als eigenständig deklarieren zu müssen und dann auch noch den «proletarischen Internationalismus» als Staatsdoktrin zu verkünden. Den Spagat versuchte sie mit dem Antifaschismus als Klammer, der nicht nur die wichtigste Grundlage der SED-eigenen Legitimation abgab und meinte, die DDR sei aus der deutschen Geschichte ausgebrochen. Antifaschismus wurde für viele Menschen in der DDR zur Lebensmaxime, jedenfalls in der verkürzten Faschismusdefinition der Kommunisten, die nicht nur antiimperialistisch, sondern antiwestlich daherkam. Es war keine Lebenslüge, wie oft behauptet wurde, sondern eine die Lebenskomplexität vereinfachende Sicht auf die Welt und ihre Gegenwart. Sie bildete eine Katharsis-Grundlage. Hitler war, wie der Historiker Bernd Faulenbach einmal formulierte, Ungebrochene Traditionen228 | zum Westdeutschen geworden.22 Diese Weltsicht kollidierte allerdings mit jenen, die die SED-Herrschaft ablehnten und zugleich die westliche Gesellschaft als Ideal anstrebten. Nun wurde Antifaschismus auch zur buchstäblichen Keule von Neonazis und Skinheads, nämlich als Anti-Antifaschismus-Instrument. Die Ideologie hatte sich aufgrund der einseitigen, unzureichenden und instrumentellen Aufarbeitung des Nationalsozialismus gegen das eigene System gewendet. Die Keule benutzten manche Gegner und Apologeten des SED-Systems gleichermaßen. Die Betonung nationalstaatlicher Symbole wie Fahne, Eid, Gelöbnis, Schwur, Hymne (wenn auch ohne Text seit Beginn der 1970 er Jahre), Uniform, Fackel, Massenaufmärsche und vieles mehr bis hin zu dem staatlichen Anspruch, Staatsbürger zu erziehen, staatsbürgerliches Pflichtbewusstsein zu verlangen, waren jedenfalls nicht geeignet, die bisherige nationalistische Tradition in Deutschland zu brechen. Ganz im Gegenteil: Gerade weil die SED-Führung solche Anstrengungen unternahm, blieb das Verlangen eines Großteils der Gesellschaft nach der «ganzen Nation», unglaublich vital, weitaus vitaler als in der Bundesrepublik. Noch heute staunen viele, dass seit 2006, dem Jahr des «Fußball-Sommermärchens» viele Deutsche unverkrampft nationale Symbole schwenkten. Das trifft nur für einen Teil der Gesellschaft zu. Ab November 1989 waren die Straßen und Plätze Ostdeutschland voll mit nationalen Symbolen Gesamtdeutschlands. Die wurden nicht aus opportunistischen Gründen hervorgekramt. Sie hatten sehnsuchtsvoll in der ganzen Gesellschaft überwintert. Eine Aufarbeitung des deutschen Nationalismus hatte in der DDR nicht stattgefunden. Wie es üblich war, wurde der Nationalismus einfach pauschal dem Kapitalismus in die Schuhe geschoben und damit war der Fall auch schon erledigt. Ihm wurde die Verantwortung für Kriege und Zerstörung, für Unterdrückung und Ausgrenzung gegeben, pauschal und oberflächlich, aber es fand keine Auseinandersetzung mit nationalistischen Bedingungen und vor allem Eigenschaften statt. Es hätte ja jemand auf die Idee kommen können, dass es Nationalismus systemunabhängig gibt. Oder andere hätten fragen können, warum die internationalistische DDR sich so extrem nach Außen abschließt und die wenigen Ausländer in der Rassismus | 229 DDR, die doch alle Internationalisten waren, so isoliert leben mussten. In den letzten fast dreißig Jahren revitalisierte sich der Nationalismus als eine Antwort auf die Herausforderungen durch die Globalisierung. Zuerst staunte die Welt über den Nationalismus in der zerfallenden Sowjetunion und auf dem Balkan. Sie staunte, weil sie zuvor nicht richtig hingeschaut hatte, denn dort war er nie weg gewesen. Der 1989/90 in der DDR aufgebrochene Nationalismus wurde lange Zeit unterschätzt, weil er sich mit Meinungsumfragen allein nicht erfassen lässt. Rassismus Das gilt noch stärker für den Rassismus. Er ist die Erscheinung in Deutschland, die am meisten unterschätzt, am stärksten in Zweifel gezogen wird, die von der historischen Forschung am wenigsten untersucht worden ist. In jedem Raum, in dem über ihn gestritten wird, kommt es zu emotionalen Ausfällen. Kaum jemand würde von sich behaupten, ja, ich bin Rassist. Fast niemand könnte von sich sagen, er habe keinerlei rassistische Tendenzen an sich selbst, geheim, im Verborgenen bemerkt. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich etwa als Acht-, Neunjähriger, also vielleicht 1975, mit meinem Vater in einem Zug von Berlin nach Rostock fuhr. In unserem offenen Abteil saßen wir und sechs Kubaner. Mein Vater kam mit ihnen ins Gespräch, sie waren fröhlich und ich sollte, sagte mein Vater, sie berühren, anfassen, damit ich erlebe, dass ich auch anschließend noch so weiß wie zuvor sei. Ich habe das nie vergessen, alle anderen Zug passagiere in meinem Kinderleben habe ich vergessen. Die Kubaner werden mich sogleich vergessen haben, weil solche rassistischen Übergriffe zu ihrem Alltag zählten. Ich trug jedoch zu ihren Wunden bei, in die ich hineinschlug wie viele andere. Mit rassistischen Begriffen bin ich aufgewachsen, obwohl ich unentwegt wie alle anderen in der Schule oder im Radio hörte, dass Rassismus woanders stattfinde. Das glauben auch heute noch die meisten Wei- ßen. Wenn ich die Augen schließe und ehrlich zu mir bin, fallen mir

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.