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Mobilität als Problem in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 151 - 153

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-151

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Mobilität als Problem | 151 schütteten, Yellow Press «lasen» und private Kanäle einschalteten. Ja, das lehnte ich auch alles ganz überzeugt ab, tolerant wie ich war. Es gab nur einen kleinen Unterschied im Vergleich zu meinen Westfreunden: Ich lehnte das bei Jürgen in Paderborn genauso ab wie bei Ulla in Riesa. Ich konstruierte daraus nicht «den» Wessi und «die» Ossi, wie denn auch, ich entsprach doch selbst nicht den Klischees (dachte ich wenigstens). Merkwürdigerweise befand ich mich damit schon wieder in einer Minderheitsposition. Wenn man heute die Presse und Publikationen der 1990 er Jahre nachliest, wird einem schummrig vor Augen angesichts dieses unentwegten Bashings. Dem Konsumverhalten der Ostdeutschen konnte ich vielleicht als Ostdeutscher kritisch und gelassener zugleich gegenübertreten, weil es keine anonyme Masse, sondern meine Familie, Bekannte, Freunde betraf, alle auf eine spezielle Weise, aber eben doch alle, auch mich. Auch ich habe meine erste DM nicht der Wohlfahrt und «Brot für die Welt» geschenkt. Ich habe sie vielleicht nicht ganz so typisch ausgegeben, aber ausgegeben habe ich sie auch. Und ich war nachsichtiger, weil ich wusste, wie der mangelnde Konsum den durchschnittlichen Ostdeutschen bis 1989 belastet hatte – und wie ihn die westlichen Konsummöglichkeiten seit 1. Juli 1990 entlasteten. Das konnten die Wohlstandskinder der Bundesrepublik, die seit den 1940 er Jahren Geborenen nicht einmal annähernd nachvollziehen  – vom Nachempfinden zu schweigen. Mobilität als Problem Die Mobilität, die seit 1990 den Ostdeutschen abverlangt worden ist, stellte einen soziokulturellen Bruch mit der bisherigen Entwicklung dar. Sie war allumfassend. Das unglaublich hohe Tempo der Monate 1989/90 ist nahtlos von einer ebenso hohen Veränderungs- und Transformationsgeschwindigkeit abgelöst worden. Dabei gab es eine Kontinuität, die Ostdeutschland ganz entscheidend prägte: der Weggang. In vielen Betrachtungen über Ostdeutschland kommen die Weggegangenen nicht vor.18 Dabei haben sie Ostdeutschland ganz ent- Tabula rasa: die soziale Katastrophe152 | scheidend geprägt – sie hinterließen Lücken, Sehnsüchte, Wut, bildeten Folien für Ablehnung und Zustimmung, sie gingen und waren omnipräsent. Das galt für die Zeit bis 1989, für die Revolution selbst waren sie ein entscheidender Faktor, dann bestimmten sie das Einheitstempo und damit letztlich die Art und Weise der Vereinigung. Nach 1990 gingen Ostdeutschland Hunderttausende vorwiegend junge Leute verloren. Von ihnen profitierten andere Regionen Deutschlands. Es wird noch wissenschaftlich zu untersuchen sein, wie die Millionen ostdeutschen Migrantinnen und Migranten seit 1949 die Bundesrepublik prägten. Dass sie Ostdeutschland in vielerlei Hinsicht fehlten, scheint unbestritten. Von 1949 bis 30. Juni 1990 sind weit über fünf Millionen Ostdeutsche nach Westdeutschland gegangen.19 Das entspricht der Einwohnergröße von Norwegen, Irland oder Finnland. Bis zum 9. November 1989 geschah das entweder auf demütigenden oder gar auf gefährlichen, lebensgefährlichen Wegen. Hunderte verloren ihr Leben dabei. Niemand verlässt seine Heimat leichten Herzens. Selbst wenn zu berücksichtigen ist, dass unter den knapp drei Millionen Flüchtlingen bis 1961 etwa eine Million Ostvertriebene war, die also ihre Heimat schon 1945/46 verloren hatten und leichteren Herzens weiterziehen konnten, bleibt einer der größten Migrationsströme im Nachkriegseuropa zu konstatieren. Das verändert die Ankunftsgesellschaft, keine Frage, aber in diesen Dimensionen noch mehr die Weggehgesellschaft. Mit der staatlichen Einheit war die innerdeutsche Migration nicht beendet. Vom 1. Juli bis 31. Dezember 1990 kamen 150 000 weitere Personen hinzu, von 1991 bis 1997 folgten ihnen knapp 1,3 Millionen.20 Dabei war das jährliche Wanderungssaldo zuungunsten Ostdeutschlands durch Zuzug von West nach Ost bis 1997 auf unter 30 000 gefallen, stieg dann aber erneut bis 2001 auf fast 100 000 zuungunsten Ostdeutschlands (ohne Berlin) an. Seither glichen sich die binnendeutschen Ab- und Zuwanderungen immer mehr an. Um 2007 fielen sie auf unter 50 000 im Minussaldo für Ostdeutschland, seit 2011 waren sie ausgeglichen, in letzter Zeit konnte Ostdeutschland (ohne Berlin) sogar minimale Zugewinne verbuchen. Das ändert nichts daran, dass Ostdeutschland (ohne Berlin) 2017 insgesamt rund zwei Millionen weniger Einwohnerinnen und Einwohner auf- Rentenprobleme | 153 wies als noch 1991.21 Das wird noch dadurch dramatischer, als Brandenburg (begünstigt durch den Berliner «Speckgürtel») so gut wie gar keine Verluste aufwies und seit Jahren ein Zuzugsland darstellt und sich so die Verluste auf die vier anderen ostdeutschen Bundesländer konzentrieren. Rentenprobleme Diese Entwicklung wird flankiert von weiteren ungünstigen Konstellationen. Anfang der 1990 er Jahre kam es zu einem starken Geburtenrückgang im Osten. Zwar hatten das interne Expertisen der Akademie der Wissenschaften bereits lange vor dem Zusammenbruch prognostiziert, ebenso die Überalterung der Gesellschaft,22 aber den realen Einbruch auf fast ein Drittel der Geburten von 1989 hatte niemand in dieser Schärfe vorhergesehen. In den letzten Jahren haben sich Ost und West in dieser Frage immer stärker angenähert: Die Geburtenzahl verharrt auf einem konstant zu niedrigen Niveau, um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen. Frauen bekommen durchschnittlich mit etwa 30 Jahren ihr erstes Kind, in der DDR lag das Durchschnittsalter für Erstgebärende bei knapp 23 Jahren. Etwa zwanzig Prozent aller Frauen bleiben gewollt kinderlos. Im Osten beträgt der Wert etwa zwölf Prozent. In der DDR blieben etwa acht Prozent der Frauen kinderlos. Selbst wenn pro Jahr 200 000 Zuwanderer nach Deutschland kämen, so prognostiziert das Statistische Bundesamt, würde die Bevölkerung bei diesem Trend bis 2050 von 83 auf 73 Millionen zurückgehen. Besonders betroffen, so die Prognostiker, sind weite Räume Ostdeutschlands. Die Zahl der Zuwanderungen muss sich hier deutlich erhöhen, da sind sich alle Experten einig. Zwei demographische Faktoren verstärken die pessimistischen Zukunftsaussichten speziell für Ostdeutschland. Sie sind hinlänglich bekannt: Die Landflucht nimmt immer mehr zu  – ein typischer Trend für westliche Gesellschaften, der in Ostdeutschland besonders dramatische Ausmaße angenommen hat. Eine chronische Unterversorgung in der medizinischen Betreuung ist nur eine von vielen negativen Begleiterscheinungen, die viele ländliche Regionen als buch-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.