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Ostdeutschland als Labor der Globalisierung in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 274 - 286

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-274

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt274 | ralität und zwar im erlesenen Kreis der Auserwählten ebenso wie in der Masse der Nichtzugelassenen. Der Kampf um Anerkennung lässt sich in Ostdeutschland beobachten und ist dort aufgrund der spezifischen historischen Erfahrungen besonders ausgeprägt, aber er ist letztlich ein weltweites Phänomen. Ralf Dahrendorf konstatierte bereits 1997, dass die «Gefährdung des sozialen Zusammenhalts» zu den wichtigsten Folgen der Globalisierung zähle. Konkurrenz werde groß-, Solidarität kleingeschrieben. Im Zuge der Globalisierung, wie sie sich insbesondere seit den frühen 1990 er Jahren erheblich intensiviert habe, gebe es viele Gewinner und Verlierer, Ausgegrenzte, Ausgestoßene, Vergessene, Nichtmitgenommene. «Sicher aber ist», so Dahrendorf, «daß keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen. In modernen Staatsbürgergesellschaften bedeutet solcher Ausschluß die praktizierte Leugnung von sozialen Grundwerten. Das heißt aber, daß eine solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, daß ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten. Die Beeinträchtigung von Recht und Ordnung ist also eine Folge der Tatsache, daß die Mehrheit eine Minderheit verdrängt und vergißt.»18 Klare Worte. Doch stimmen sie auch? Verdrängt und vergisst eine Mehrheit die Minderheit? Ostdeutschland als Labor der Globalisierung Die Globalisierung ist eine kapitalistische Revolution.19 Sie hat zu vielen Zugewinnen geführt, insbesondere in nicht-westlichen Gesellschaften wie etwa China und Indien.20 In der westlichen Welt sind die Folgen der Globalisierung von vielen als sehr bedrohlich angesehen worden. Zwar haben die aktiven Globalisierungsgegner ihre politischen Argumente mit Weltinnenpolitik begründet, im übertragenen Sinne waren sie aber vor allem Ausdruck jener Ängste, die ein Großteil der Gesellschaft teilte – nur unter anderen Vorzeichen. Die politisch aktiven Globalisierungsgegner verstehen sich als strikte Internationalisten, denen das Wohl und Wehe einer solidarischen Ostdeutschland als Labor der Globalisierung | 275 Weltgemeinschaft am Herzen liegt und die deshalb gegen den international agierenden und vernetzten Finanz-, Industrie-, Dienstleistungs- und Digitalkapitalismus agieren. Von der Sache her zählen sie als global vernetzte Aktivisten zu einer Erscheinungsform der kulturellen und politischen Globalisierung. Dadurch unterscheiden sie sich erheblich von den Globalisierungsgegnern in ihren jeweiligen Herkunftsländern, die ihre Proteste in lokalen und regionalen Räumen belassen. Der englische Journalist David Goodhart hat vor einigen Jahren für westliche Gesellschaften die Einteilung in «Anywheres», «Somewheres» und «Inbetweeners» vorgeschlagen.21 Wie jede Gruppierung ist auch diese grobschlächtig. «Anywheres» sind die gut ausgebildeten, mobilen, letztlich die Entscheidungen treffenden Personen. Goodhart meint, dazu zählen etwa 25 Prozent der Gesellschaft. «Some wheres» machen etwa die Hälfte der Gesellschaft. Sie sind weniger gut ausgebildet, ortsverbunden, sehr auf regionale und nationale Identität bedacht, hängen traditionellen Werten und Einstellungen an, mögen keine Risiken eingehen und setzen sehr auf Sicherheit. Die «Inbetweeners» stellen das restliche Viertel der Gesellschaft, sie neigen mal der einen, mal der anderen Gruppe zu.22 Solche Kategorisierungen und Prozentangaben sind immer fragwürdig. Die Relationen jedoch sind interessant. Denn die Sinndeuter, Gesellschaftserklärer, Wirtschaftslenker und Politikmacher zählen automatisch zu den «Anywheres». Mit anderen Worten: Die Profiteure der Globalisierung, augenblicklich zumindest in der westlichen Welt eine Minderheit, stehen einer großen Gruppe gegenüber, die sich selbst, gegenwärtig, als Verlierer oder mindestens von Verlusten bedroht einschätzt. Das führt zu einem Problem, das weitaus komplizierter ist, als es sich anhört. Auch das hat Ralf Dahrendorf bereits vor über zwanzig Jahren, als es so noch gar nicht zu besichtigen war, erkannt. Die Globalisierung und ihre sozialen Folgen leisten «eher autoritären als demokratischen Verfassungen Vorschub». Diese «aber können dauern; sie sind weder so katastrophenträchtig noch so prekär wie totalitäre Diktaturen. Ein Jahrhundert des Autoritarismus ist keineswegs die unwahrscheinlichste Prognose für das 21. Jahrhundert».23 Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt276 | Dahrendorf hatte den Staat im Visier. Ein Blick nach Polen oder Ungarn, nach Russland oder in die Türkei, um nur einige unserer Nachbarn zu erwähnen, scheint seine Befürchtung zu bestätigen. Nun waren das allesamt keine gefestigten Demokratien, Polen und Ungarn aber immerhin auf dem Weg dorthin. Deshalb erscheint eine andere Dimension mit einem Blick nach Dänemark, Finnland und Schweden, England und Frankreich, Niederlande, Österreich, Andalusien oder nicht zuletzt Deutschland von großer Bedeutung geworden zu sein:24 Autoritarismus von unten als Forderung gesellschaftlicher Protestbewegungen. «Autoritarismus» verfügt über keine festgelegte Ideologie und bewegt sich zwischen demokratischen und diktatorischen Regeln. Viele Verlierer der Globalisierung beklagen die Differenz zwischen ihrem zurückliegenden Leben und der erlebten Gegenwart bzw. ihrer erwarteten Zukunft. In Ostdeutschland überlagern sich auch hier die Erfahrungsräume aus der DDR, aus der Transformationsphase und der jüngsten Gegenwart. Diese setzte mit einer doppelten Bewegung ein: Seit 2005/06 begann sich der ostdeutsche Arbeitsmarkt ganz langsam zu konsolidieren, zugleich geriet Europa ab 2008 in die internationale Finanzkrise und ab 2010 in die Eurokrise. Die Ostdeutschen konnten – wie alle anderen Europäer – nun beobachten, dass auf einmal Abermilliarden Euro zur Verfügung standen, die ihnen – ihrer Wahrnehmung nach – eigentlich schon längst zugestanden hätten, die ihnen vorenthalten worden seien. Ihr Gerechtigkeitsgefühl erschien empfindlich gestört, sie störten sich freilich nicht an der globalen Ungerechtigkeit, nach der sie zu den Reichen dieser Welt zählen und von der Armut weiter Teile der Welt profitieren. Viele Ostdeutsche empfanden Staat, Politik, Medien und Eliten als ungerecht, weil diese die beiden Krisen – weitere kamen hinzu, die das Problem nur noch verstärkten  – in ihren Augen apologetisch verteidigten und die Milliardengeldströme zum eigenen Vorteil dirigierten. Aus dem offiziellen Argument der «Systemrelevanz» machte die Straße die aus dem 20. Jahrhundert bekannte Schmähung der «Systemgünstlinge», «Systemmedien», «Systemeliten». Diese Abwertung führte dazu, alles andere auch abzuwerten. Der Hass auf «Klimakritiker» erscheint dabei besonders irrational. Aber auch hier Ostdeutschland als Labor der Globalisierung | 277 geht es den Kritikern an der «Klimalüge» um die Verteidigung ihrer Gegenwart: Sie argwöhnen, die Klimakatastrophe sei nur eine Erfindung, um die Globalisierung zu verteidigen und neue Technologien, die alte Arbeitsplätze beseitigen, zu rechtfertigen. Im Prinzip ließe sich anhand dieses Beispiels studieren, wie misstrauisch inzwischen allem begegnet wird, was Regierungen, Medien und Wissenseliten vertreten. Ich vermute, würden diese ab morgen das Gegenteil behaupten – zum Beispiel, die Klimakatastrophe sei eine Lüge – , würden in Deutschland die politischen Sprachrohre der «Somewheres» ebenfalls umschwenken und suggerieren, die «Systemlinge» wollten die kaputte Welt schönreden, um sie besser an die Marsianer verkaufen zu können. Für ein Thema freilich wäre das ausgeschlossen: für flüchtende und schutzsuchende Menschen. Als 2015/16 viel mehr flüchtende Menschen nach Europa und Deutschland kamen als in den Jahren zuvor und die europäischen und deutschen Institutionen diese Menschen aufnahmen und versorgten, schien das der berühmte Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Politologe Philip Manow sieht in der Gegnerschaft zu Globalisierung und Migration die politisch-ökonomische Grundlage des modernen Populismus.25 In den Debatten um Globalisierung und Migration kommen mehrere Verluste und Ängste zusammen. Im Kern jedoch geht es immer wieder darum, die Gegenwart als Vergangenheit vor einer erwarteten Zukunft zu schützen. Die Abwehr von Globalisierung und Migration konstituiert dabei neue Gruppenzusammengehörigkeiten. Nirgends ist das so deutlich geworden wie in der sächsischen «Pegida-Bewegung». Pegida heißt «Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes»: Das christliche Europa wird von glühenden Europäern im gemeinsamen Abwehrkampf gegen den Islam beschworen. Das ist insofern kurios, als die Pegida-Sympathisanten überwiegend keine praktizierenden Christinnen und Christen sind, sich erklärtermaßen als Anhänger des Nationalstaats verstehen und der Islam dort, wo sie ihn bekämpfen, gar nicht in Erscheinung tritt. Worum geht es also wirklich? Der Bulgare Ivan Krastev hat in einem Essay darauf hingewiesen, dass die Osteuropäer glühende Anhänger der europäischen Idee wa- Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt278 | ren und sogar Brüssel zunächst mehr vertrauten als ihren eigenen Regierungen, weil sie die für korrupt und inkompetent hielten. «Die Migrationskrise hat eine Umkehrung dieser Dynamik bewirkt.  … Sie sehen bei ihren nationalen Regierungen die Bereitschaft, die unmittelbaren nationalen Interessen zu schützen. Kurz gesagt, die Migration hat zu einer Renationalisierung der Politik und zu einer Wiederauferstehung der Ost-West-Spaltung geführt, falls diese denn überhaupt jemals verschwunden war.»26 Ostdeutschland nahm hier eine Sonderrolle ein. Die Renationalisierung der Politik begann «von unten», auch weil viele Menschen sich und ihre Ängste und Nöte nicht ernst genommen sahen – und es auch nicht wurden. Heinrich August Winkler prognostizierte 1990: «Der deutsche Nationalstaat hebt sich infolgedessen, indem er entsteht, teilweise auch schon wieder auf. Und das ist gut so. Denn erstens liegt es im wohlverstandenen Interesse der Deutschen selbst, daß aus der Wirtschaftskraft des bevölkerungsreichsten Landes westlich des Bug keine deutsche Vorherrschaft über Europa erwächst. Und zweitens kann nur ein bewußt europäisches Deutschland dazu beitragen, daß die Teilung des Kontinents überwunden wird und ein Rückfall in nationalstaatliche Politik nicht stattfindet.»27 Obwohl es 1990 vielerlei Befürchtungen gegeben hatte, dass ein neuer deutscher Nationalstaat Anlass zu neuem Ärger in Europa und der Welt geben könnte,28 überwogen doch eher Annahmen, wie sie Winkler artikuliert hatte: Das neue Deutschland geht in einem neuen Europa auf. Die Euphorie über das neue Europa übersah schon damals, dass die europäische Idee eine Idee von Technokraten blieb und kaum mit gesellschaftlichem Leben erfüllt wurde. Europa erreichte die Herzen der allermeisten Menschen nicht. Das Scheitern der europäischen Verfassung 2004/06 steht dafür nur als Symbol. «Europa» ermangelt es an Demokratie. Viele Menschen nehmen «Europa» lediglich als eine die nationalstaatliche Selbstbestimmung untergrabende Institution wahr. Die Renationalisierung vieler europäischer Regionen ist das Ergebnis eines bürokratischen supranationalen Europabildungsprozesses, der zu weniger denn mehr europäischem Staatsbürgerbewusstsein führte. Den meisten Menschen reichte Schengen-Europa. Schon die Auf- Ostdeutschland als Labor der Globalisierung | 279 gabe der nationalen Währungen war fast überall mit leidenschaftlicher Kritik verknüpft. «Brüssel» und «Strasbourg» stehen heute als Synonyme für ein Europa, das nicht nur linken und rechten Populisten als Zielscheibe harscher Kritik dient. Die Kraft des Nationalen ist in den Europa-Debatten der politischen Mitte in den 1990 er und 2000 er Jahren vollkommen unterschätzt worden (die Balkankriege wurden als außerhalb Europas stehend konstruiert). Die meisten Beobachter gingen davon aus, dass sich die nationale Idee im Laufe des europäischen Einigungsprozesses immer weiter verflüchtigen werde. Das genaue Gegenteil ist eingetreten. Überraschend ist das nicht sonderlich, wie ein Blick in die Nationalismusforschung zeigt. In der Abwehr echter oder vermeintlicher Bedrohungen kommt der Berufung auf angebliche gemeinsame kollektive Identitäten, die zusammengenommen als Nation konstruiert werden, eine enorme Kraft und Sogwirkung zu. Nicht nur Selbst- und Fremdbilder gehören zu dieser Mixtur oder gemeinsame Erfahrungsräume, gemeinsame Kulturprägungen, religiöse, politische und ökonomische Sozialisationsmuster und vieles mehr, was der eigenen Nation in Abgrenzung zu anderen zugeschrieben wird – elementar dafür sind auch «Feinde», die es «national» abzuwehren gelte. Längst nicht mehr nur Rechtspopulisten sind sich einig darin, dass der Islam die größte Bedrohung für die westliche Welt darstelle. Dabei wird nicht zwischen Islamisten und islamischen Terroristen einerseits und dem islamischen Glauben anhängenden Personen andererseits unterschieden. Eine große Mehrheit der Menschen im Westen hat sich mittlerweile zu Islamspezialisten entwickelt, deren Kenntnisse fast durchweg auf drei, vier Kernsätzen und der «Einsicht» beruhen, die islamischen Gesellschaften seien entwicklungsgeschichtlich im Hochmittelalter stehen geblieben. Feindbilder funktionieren nur, wenn sie pauschalisieren, generalisieren und ohne Detailkenntnisse auskommen. Islamphobie und die Furcht vor in Europa schutzsuchenden Menschen sind Ausdruck konkreter Globalisierungsängste. Die Wut der Menschen in Dresden, Chemnitz oder Heidenau bündelt sich an diesem Punkt: Sie sahen sich als Verlierer erst des Einigungs- und Transformationsprozesses, dann der Banken- und Eurokrise, die einher ging mit der Globalisierung. Und dann erlebten sie, wie ihrer Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt280 | Meinung nach Hunderttausende «Andere» soziale Leistungen bezogen und soziale, politische und kulturelle Räume besetzten bzw. bedrohten, die ihnen, den eingeborenen Deutschen standesgemäß allein zustünden. Nur linke und rechte Populisten reagierten. Sahra Wagenknecht versuchte immer wieder Sozialneid zu schüren und entwickelte eine eigene Form von «Germany First». Das war keine Bauchentscheidung, sondern folgte dem Versuch, Klassengegensätze und -unterschiede neu zu betonen.29 Bislang gelang das nicht sonderlich erfolgreich. Der Rechtspopulismus konnte basierend auf nationalen und völkischen Grundlagen ganz anders durchstarten. Denn die Rechtspopulisten bauten bewusst auf den nicht aufgearbeiteten Traditionen von Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus in Deutschland und Europa auf. Sie holten die Ostdeutschen dort ab, «wo sie stehengeblieben waren».30 Allerdings nicht nur in ihrer konkreten Erfahrung, sondern eben auch aus den Diskursräumen, in denen die Gesellschaft gefangen geblieben ist, bis heute.31 Björn Höcke spricht das unumwunden auch aus.32 Er kann das auch, weil die meisten nicht verstehen, welche Dimensionen er damit tatsächlich aufruft und dass er sich auf eine nicht erst im 20. Jahrhundert einsetzende Tradition der Unterdrückung und Ausgrenzung bezieht. Die Rechtsradikalen haben anders als alle anderen politischen Kräfte an langfristigen Strategien gearbeitet. Es ist eben kein Zufall, dass die Höckes oder Kubitscheks in den Osten Deutschlands zogen und dort ihre Netzwerke aufbauten. Bereits wie Anfang der 1990 er Jahre kommen die Vordenker und Ideengeber, die Netzwerker und Strippenzieher der Rechtsradikalen aus dem Westen in den Osten, wo sie den braunen Acker nicht großartig zu bearbeiten brauchen: Er ist noch fruchtbar. Die gegenwärtig wichtigste Integrationsfigur der Rechtsradikalen in Deutschland, Alexander Gauland, ist dabei ein Sonderfall. Als 18-jähriger Mann flüchtete er nach dem Abitur in die Bundesrepublik. 1990/91 kam er in den Osten als CDU-Mann, als Wertekonservativer, als ein erfahrener Politiker und Journalist zurück, der eher für das Feingeistige denn den groben Klotz stand. Etwa zwanzig Jahre später übernahm er die Rolle des Grobians. In einem Beitrag Ostdeutschland als Labor der Globalisierung | 281 für die FAZ hat er ausgeführt, was ihn antreibt: «Im Zuge der Globalisierung hat sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eine neue urbane Elite gebildet … Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen. Dieses Milieu bleibt sozial unter sich, ist aber kulturell ‹bunt›. Das hat zur Folge, dass die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sie sich als Weltbürger. Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass.  (…) Die Globalisierung sieht im Penthouse sehr viel freundlicher aus als in der Sozialwohnung.»33 Selbst mit größtem politischem Abstand wird man Gauland kaum bescheinigen können, mit dieser Beschreibung unangemessen überzogen zu haben. Eine Genderforscherin schrieb im November 2018 zutreffend: «Für Kosmopoliten in Berliner Bezirken wie Kreuzberg oder Prenzlauer Berg, die zumeist über exklusive Lebensräume und höhere Gehälter verfügen, besitzen ‹fremdenfeindliche› Anwandlungen schlicht keine lebensweltliche Grundlage. Migranten – sofern sie nicht auch zur gehobenen Mittelschicht gehören – kommen in dieser Welt zumeist als ‹Diener›, das heißt als Wachschützer, Verkäuferin, Paketfahrer, Kellnerin oder Hilfsarbeiter vor  – oder eben in der Rolle hilfsbedürftiger ‹Flüchtlinge›. (…) Schulen in unterprivilegierten Quartieren besitzen schon heute Migrantenanteile von bis zu 80 %, während die Schulen in den Quartieren der akademischen Mittelschicht nahezu migrantenfrei sind.»34 Gaulands politische Schlussfolgerungen machen ihn erst zu dem, was er ist: ein Brandstifter. «Der globalistischen Klasse gegenüber stehen zwei heterogene Gruppen, die in der AfD eine Allianz eingegangen sind: zum einen die bürgerliche Mittelschicht, zu der auch der wirtschaftliche Mittelstand gehört, der nicht einfach seine Unternehmen nach Indien verlagern kann, um dort besonders billig zu produzieren; zum anderen viele sogenannte einfache Menschen, deren Jobs oft miserabel bezahlt werden oder nicht mehr existieren, die ein Leben lang den Buckel krumm gemacht haben und heute von einer schäbigen Rente leben müssen. Das sind zugleich diejenigen, Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt282 | für die Heimat noch immer ein Wert an sich ist und die als Erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen. (…) Wir sind gerade dabei, auf Geheiß der globalististischen Elite vieles von dem zu riskieren, was unser Land und unseren Erdteil lebenswert macht: den inneren Frieden, den Rechtsstaat, die soziale Sicherheit, die Gleichberechtigung der Frau, die Meinungsund Religionsfreiheit. Mit einem Wort: unsere freiheitliche Art zu leben, die Heimat eben. Wenn sie verschwindet, wird sie niemals wiederkehren.»35 Er schürt geschickt Ressentiments durch unbestreitbare soziale und politische Entwicklungen, um sie in seiner konkreten Parteipolitik mit nationalen und völkischen Grundlagen zu verflechten. Gauland steht exemplarisch für den Politiker, der schrittweise Tabubrüche begeht, um die wachsende Unzufriedenheit in der Gesellschaft mit einem politischen Programm «Dagegen» zu verknüpfen. In den USA nennt man das die «Gingrich-Methode», benannt nach dem sehr einflussreichen Senator Newt Gingrich. Er führte ab den 1990 er Jahren «Politik als Kriegsführung» ein. Gingrich verwandelte die amerikanische Politik «von einer, in der man trotz aller Meinungsverschiedenheiten die Gutwilligkeit seiner Gegner voraussetzte, zu einer, in der man diejenigen, die anderer Meinung sind, für schlecht und unmoralisch hält». Er sei «eine Art erfolgreicher McCarthyist» gewesen.36 Der Soziologe Hartmut Rosa stellte fest, dass Beschleunigung und Entfremdung dazu beigetragen haben, dass nicht mehr «die Kraft des besseren Argumentes über den zukünftigen politischen Kurs» maßgeblich seien, «sondern der Einfluß des Ressentiments, mehr oder minder irrationalen und oft flüchtigen Bauchgefühlen, suggestiven Metaphern und Bildern» politisch ausschlaggebend seien.37 Die AfD und ihr Netzwerk agieren ganz ähnlich. Das hat für sie den Vorteil, dass sich jede politische Auseinandersetzung erübrigt, weil sich jedes Gegenargument, selbst bei eigenen Verfehlungen (siehe z. B. die AfD-Spendenaffäre) immer gegen die Kritiker wenden lässt. In Ostdeutschland verfing diese Methode besonders gut.38 Die untrüglichen Fehler in der Migrationspolitik bis 2015 rächten sich nun.39 Die Vergangenheit stand neuem Nationalismus, völkischem Ostdeutschland als Labor der Globalisierung | 283 Denken, Rassismus und Antisemitismus nicht hinderlich im Weg, da sie unaufgearbeitet geblieben war. Die brüchige Bindung an die freiheitlich-demokratische Grundordnung suchte geradezu nach Alternativen und fand sie in Autoritarismus und Populismus.40 Der unverhohlene Antiamerikanismus bekam zwar durch die Wahl Trumps zum US-Präsidenten einen unerwarteten Dämpfer, blieb aber ebenso abrufbereit wie die Verherrlichung Russlands und Putins, nicht als tatsächliche anstrebenswerte Alternativen, sondern in ihrer Brücken- und Symbolfigur als Feinde des Westens und seiner Lebensweisen. Die Entchristianisierung und Entkirchlichung Ostdeutschlands und damit zusammenhängende fehlende interreligiöse Dialoge beförderten eine prinzipielle Religionsfeindlichkeit, die es vereinfachten, den Islam als Feindbild zu konstruieren. Der Transformationsprozess hat bei vielen Ostdeutschen das Gerechtigkeitsgefühl verletzt. Da es weniger weit als die DDR-Vergangenheit zurückliegt, erscheint das vitaler zu sein. Da die DDR aber fast niemand zurückhaben möchte, wie sie war, und zugleich nur eine Minderheit die bundesdeutsche Realität, wie sie ist, revolutionär überwinden möchte, lässt sich schlussfolgern, dass sich die Wunden aus den Jahren vor und nach 1989 nicht gegeneinander aufrechnen lassen, sondern dass sie zusammen heilen müssen. Die durch die obrigkeitsstaatlichen Erfahrungen in einem langen historischen Prozess erfolgten Prägungen und Kulturen sind durch die Art und Weise der deutschen Vereinigung nicht nur nicht gebrochen worden – sie erwiesen sich sogar als förderlich für die Integration in das neue Gemeinwesen. Die DDR-Geschichte als Teil dieser obrigkeitsstaatlichen Tradition hat das nie gebrochen. Die Ostdeutschen stellten sich 1990 als «deutscher» heraus als die Westdeutschen. Ihre weitaus größere Traditionsverhaftung war nicht nur Folge eines Selbstschutzes vor den Anmaßungen erst des SED-Staates und dann der Transformationsherausforderung. Nein, sie war auch möglich durch die unverschuldete, aber extreme Abschottung vor den Herausforderungen einer Offenen Gesellschaft, die die Ostdeutschen bis 1989/90 nicht kennenlernen konnten. Die fehlende Offene Gesellschaft in der DDR symbolisierte die Mauer: Es ging weder raus noch rein. Ostdeutschen fehlten Erfahrungen in interkultu- Die Zukunft Ostdeutschlands in der Welt284 | rellen Begegnungen im In- wie Ausland. Die Politik vor und nach 1989 bestärkte das: Der schreckliche Traum homogener Gesellschaften ist ein Traum von konfliktfreien Gesellschaften, ist ein Pfad nach Utopia direkt in die Dystopie.41 Die demagogische Phrase von der homogenen Gesellschaft wurzelt tief in der europäischen und deutschen Geistesgeschichte. Sie äußerte sich immer wieder gewaltvoll, weil das ihr Zweck ist: Den konstruierten Feind innen wie außen verantwortlich zu machen, zur Verantwortung zu ziehen, was die Gesellschaft selbst nicht zu verantworten gedenkt. «Einmischung in die eigenen Angelegenheiten» (Jürgen Fuchs) heißt gerade nicht, zu verteidigen, was nicht existiert. Es gibt weder «die» Nation noch «die» Heimat. Viele beklagen den Verlust. Die Nation als Metakonstruktion dient nur als Schutzschirm überpersonaler Interessen. Mit der Heimat ist das weitaus komplizierter. Auch hier scheiden sich die Geister zwischen den Kosmopoliten («Heimat ist da, wo ich mich glücklich fühle») und den in jeder Hinsicht Sesshafteren. Historisch haben es Letztere einfacher, weil sie sich wiederum auf eine lange Tradition berufen können, in der «Heimat» von Dichtern, Denkern, Staatslenkern, Romantikern und Demagogen, Ideologen und Idealisten zum Inbegriff von Geborgenheit, Vertrautheit, Zusammengehörigkeit und Nähe erklärt, verklärt, konstruiert wurde. Jeder weiß eigentlich, dass das nicht stimmt. Aber jeder weiß auch, dass es stimmt («Das weiße Band»). Dort, wo man sich heimisch fühlt, entstehen die größten Verletzungen, aber auch Gefühle von Wärme und Geborgenheit, ganz einfach, weil es einem vertraut ist. Heimat ist auch immer einen Tick autoritärer als das Heimatlose oder auch das Kosmopolitische. Sie symbolisiert zudem die Sprache, Begriffe, Bilder und Metaphern, die man benutzt. Wenn das Vertraute wegbricht, kann es zu Lebenskrisen kommen, so wie Langzeitverurteilte nicht selten den Schritt aus dem Gefängnis heraus scheuen. Im Alten Testament gibt es dazu passend die Geschichte, wie Mose und Aaron die Israeliten durch die Wüste führen und die Befreiten nichts sehnlicher wünschen als die Rückkehr zu den Fleischtöpfen Ägyptens (2. Mose 16, 4. Mose 14 2 – 3). Der ostdeutsche Journalist Christoph Dieckmann schrieb 1995 einen Essay mit der Überschrift «Meine Heimat heißt Osten». Er Ostdeutschland als Labor der Globalisierung | 285 lässt keine Peinlichkeit aus, um seine Heimat als Abziehbild romantischen Kitschs auferstehen zu lassen. Viele seiner Beobachtungen sind treffsicher. Zudem beschwört er eine Vision, die ihn heute wahrscheinlich selbst erschauern lässt: «Ein neues Ostvolk wächst heran. Es teilt zum Glück nicht meine Sentimentalitäten, und den marktschnittigen Westen finden diese Kinder steril und verkalkt bis zum Scheintod. Also, wir dürfen hoffen.»42 Gegenwärtig scheint es so, als kulminiere Ostdeutschlands Weg im autoritären Populismus. Wie immer in der Geschichte gibt es genügend Anlässe für Hoffnung. Denn auch in Ostdeutschland ist noch keine Mehrheit fest entschlossen, zu den Populisten oder Schlimmeren überzulaufen. Noch hält die Mehrheit an Demokratie und Freiheit fest. Wahrscheinlich ist ein weiterer Rechtsruck in der ostdeutschen Gesellschaft. Solange er nicht den Boden der Verfassung verlässt, darf man angespannt, sollte man aber nicht verkrampft sein. Gemeinsames Regieren von Christdemokraten und Grünen wird die Demokratie ebenso wenig stärken wie die bisherigen gro- ßen Koalitionen. Demokratien benötigen starke, unverwechselbare Oppositionen auf dem Boden der Verfassung. Anhand von Ostdeutschland lässt sich studieren, wie die etablierten Parteien versagten. Das größte Problem gegenwärtig besteht darin, dass Ostdeutschland in vielerlei Hinsicht, so wie die Politik agierte und die Gesellschaft reagierte, Entwicklungen in Westdeutschland, aber auch in anderen Teilen Europas immer nur wenige Schritte voraus war. Noch ist es möglich, Ostdeutschland zu retten. Ostdeutschland erscheint vor allem in seiner politischen Entwicklung als Modell und Labor, die Demokratinnen und Demokraten ernst nehmen sollten. Sie müssen daraus lernen, um zu verhindern, dass weitaus mehr ins Schlingern gerät als «nur» Ostdeutschland. Ein Blick zurück legt nahe, dafür neue Wege und Mittel auszuprobieren. Danksagung Zu danken habe ich sehr vielen Menschen. Zweien von ihnen verdanke ich diesmal besonders viel. Mein Lektor Sebastian Ullrich vom Verlag C.H.Beck hat entscheidend dazu beigetragen, dass aus meinen Überlegungen eine strukturierte und lesbare Darstellung entstanden ist. Unsere Zusammenarbeit dauert nun bereits zehn Jahre an: Ich bin wirklich glücklich darüber, nicht nur aus historischer Literatur seither erfahren zu dürfen, was es heißt, einen echten, einen exzellenten Lektor zu haben, der Kritiker, Förderer und Freund zugleich ist. Einen solchen Büchermacher, keinen Buchmacher, an meiner Seite zu wissen, lässt mich an unseren nächsten, wieder weitaus aufwendigeren Buchprojekten nicht verzweifeln. Es gab einen Erstleser dieses Buches, wie ich ihn mir nicht besser und geeigneter wünschen konnte. Maximilian, das älteste unserer vier Kinder, ist kurz nach der Herstellung der deutschen Einheit geboren worden. Meine beste Freundin Susan und ich gehen nun schon, so lange die deutsche Einheit währt, unser Leben gemeinsam, sind gemeinsam zusammen erwachsen geworden. Sie ist meine wichtigste Diskussionspartnerin für alle Lebens-, für alle intellektuellen Fragen. Für unseren Max ist vieles Geschichte und doch fast alles sehr nah, was in diesem Buch geschildert und problematisiert wird. Daher bin ich ihm sehr dankbar, dass er sich trotz vielfältiger anderer Verpflichtungen die Zeit und den Raum nahm und den ersten Entwurf dieses Buches gründlich las und mit mir über seine Leseeindrücke und Gedanken dazu sprach. Max half mir entscheidend, dort nachzubessern und genauer zu argumentieren, wo für mich alles klar schien, für ihn aber Fragen offengeblieben waren. Ihm und seinen Geschwistern Joshua, Camillo und Amélie sei dieses

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References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.