Content

Antisemitismus in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 219 - 220

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-219

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

To the Pre-print version
Bibliographic information
Antisemitismus | 219 veranstaltungen  – überall und allerorten, nur die Kirchen blieben davon (weitgehend) verschont. Alle waren so gezwungen, sich ständig auseinanderzusetzen, selbst die Nichtwahrnehmung hinterließ Spuren, nämlich nichts und niemanden zu trauen. Es gab keinen Vertrauensverlust in Demokratie, Freiheit, Politik und Politikerinnen und Politiker nach 1990. Das Besondere an den ersten Monaten nach dem Mauerfall bestand darin, dass sich ein solches Vertrauen überhaupt erst hätte aufbauen müssen. Eine Diktatur basiert, anders als eine Demokratie, nicht auf Vertrauen; sie benötigt sie nicht einmal. Dem Aufbruch 1989/90 als einer Selbstermächtigung wohnte bereits bei ganzen vielen die tiefe Selbsttäuschung, die zwingende Ent-Täuschung inne. Doch dass es in Ostdeutschland kein Einleben in die Demokratie hatte geben können, war nur einer der schweren Steine in dem Rucksack, den die Ostdeutschen nun durch die ver größerte Bundesrepublik schleppten. Antisemitismus In der DDR lebten schätzungsweise 3000 Juden und Jüdinnen, davon waren nur etwa zehn Prozent in Gemeinden organisiert und religiös aktiv.5 Natürlich verschwieg die SED-Geschichtspropaganda nicht, dass es den Holocaust gab. Sie betrieb Erinnerung auf die ihr eigene Weise. Der Faschismus war seit der Definition durch die Kommunistische Internationale von 1924/33 die aggressivste Form des Finanzkapitals in Form einer «terroristischen Diktatur». Die Shoa konnte von daher in diesem Geschichtsverständnis keine Sonderrolle beanspruchen. Der staatlich praktizierte Antisemitismus in der Sowjetunion und Osteuropa nach 1945 wirkte zudem in der DDR zunächst fort. Bis zum Beginn der 1970 er Jahre kam der Holocaust in den Schulbüchern gar nicht vor. Dann ist die Verfolgung der Juden mit kurzen Abschnitten zur «Reichskristallnacht», zu den «Nürnberger Rassegesetzen» und zum Aufstand im Warschauer Ghetto eingeführt worden. Der Holocaust, die industrielle Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden ist nicht erwähnt worden.6 Im Lehrplan der 9. Klassen fehlte das Thema gänzlich.7 1989 erschien, von Ungebrochene Traditionen220 | einem Historikernachwuchskollektiv der Akademie der Wissenschaften erarbeitet, eine neue Ausgabe des «Geschichtskalenders», gedacht für das Jahr 1990, im Hauptverlag der SED, Dietz. Redaktionsschluss war der 30. Mai 1989. Ein Beitrag hieß «Auschwitz-Mörder vor Gericht» und stammte von Günter Wieland. Er war bei der DDR-Generalstaatsanwaltschaft zuständig für die Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen. In diesem Beitrag über Auschwitz erwähnt der Autor nicht, wer dort eigentlich millionenfach umgebracht worden ist.8 In einem Beitrag über Eichmann, einen der Technokraten des Holocaust, wird ebenfalls das Kunststück fertiggebracht, nicht zu benennen, wer die «Millionen Menschen», die in den «Vernichtungslagern» umgebracht wurden, vor allem waren.9 Das war alles kein Zufall. Natürlich gab es Fachliteratur, und auch in berühmten Büchern von Friedrich Wolf oder Jurek Becker ist die Judenverfolgung thematisiert worden. Die vorgegebene Linie aber ist in Schulbüchern ablesbar. In der DDR existierte offiziell kein Antisemitismus: «Gibt es keinen Kapitalismus, gibt es auch keinen Antisemitismus. (…) Das Tabu nahm den Antisemitismus, seine Funktion und auch die Juden als Objekt weitgehend aus der Erzählung heraus. Langsam verschwand sogar das Wort Jude. Und mit ihm die Erinnerung und – viel wichtiger – die Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte und mit dem Antisemitismus. Das Ergebnis: Der Antisemitismus blieb unangetastet. Und seine Wirkung war dadurch umso mächtiger.»10 Erst in den Schulbüchern von 1988/89 sind Antisemitismus und Holocaust breiter erwähnt worden. Ausländerinnen und Ausländer Ähnlich war es mit Ausländern. In der DDR existierte eine hohe «Ausländerfeindlichkeit», ohne dass es Ausländer in größerer Anzahl gab. Anfang 1989 hielten sich in der DDR längerfristig nur rund 166 000 Ausländer auf (ein Prozent der Bevölkerung), darunter gerade 34 000 mit einer ständigen Aufenthaltserlaubnis (0,2 Prozent der Bevölkerung). 136 000 davon kamen aus sozialistischen Staaten, die meisten aus Vietnam (55 000), Polen (38 000), Kuba (15 000), Un-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.