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Die Angepassten in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 103 - 106

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-103

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Bibliographic information
Die Angepassten | 103 nun folgerichtig darin, den Rest – oder wenigstens Ostdeutschland und Osteuropa – nach seinem Ebenbild zu formen. Das durchzog sämtliche Gesellschaftsbereiche. Viele Westdeutsche, die nun in den Osten zur Arbeit kamen, reden noch heute darüber wie über ein Abenteuer, berichten, wie koloniale Abenteuerschriftsteller in vergangenen Zeiten über für sie neue Gesellschaften schrieben: neugierig, herablassend, patriarchalisch und vor allem immer wieder aufs Neue verwundert darüber, dass «dort» alles anders sei als «hier». Passend dazu nannten die Beamten und Angestellten, die ab 1990 im Osten arbeiteten, ihren finanziellen Gehaltszugewinn «Buschzulage». Hat sie jemals interessiert, wie das die Menschen im «Busch» eigentlich fanden? Überhaupt, fast alles, was im Osten geschah, wurde als «anders» markiert. Und nie wurde so getan, als ob das «andere» gleichberechtigt sei. Niemals in der deutschen Parlamentsgeschichte zuvor war eine gewählte Körperschaft so von öffentlichem Interesse und gleichzeitiger Zuneigung begleitet worden wie die am 18. März 1990 gewählte DDR-Volkskammer. Natürlich wäre es nicht völlig absurd gewesen, zu schauen, ob dort Mechanismen und Verfahrensabläufe zu beobachten seien, die für den deutschen Parlamentarismus ins gesamt eine Bereicherung darstellen könnten. Nichts da. Das Urteil stand schneller fest als die Ergebnisse der Volkskammer: «Laienspieler», «Laienparlament» titulierten amüsiert und arrogant die Profis aus dem Bonner Wasserwerk. Herabwürdigung wurde zur Staatsräson. Die Angepassten Dies alles konnte nur aus der Position derjenigen erfolgen, die an die Unumstößlichkeit ihrer selbst und ihres Systems glaubten. Faschisten im Westen waren die besseren Faschisten, linke Autonome die besseren Autonomen, westliche Feministinnen die besseren Feministinnen, Grüne die bunteren und alle anderen die besseren Demokraten, allesamt einte sie ihre Auffassung, durchzublicken und den «Anderen» zum Durchblick verhelfen zu müssen. Sie nahmen keinen Abschied von der Bundesrepublik, weil die Keine Ehe unter Gleichen104 | Geräuschkulisse der nationalen Vorgänge einige Zeit lang das Klopfen der Globalisierung an der eigenen Haustür übertönte. Und sie wurden vielfach in ihrer Haltung bestätigt, weil es viele Ostdeutsche gab, die sie in ihrer Haltung über sich selbst und ihr System bestärkten. Und das waren nicht nur unfähige Wirrköpfe, die überall zuhauf herumlaufen. Es waren gerade die Verhandlungspartner, Politiker, Karrieristen, die strukturellen Opportunisten also, die den Westen in seinem Blick auf den Osten bestätigten. Lothar de Maizière als Ministerpräsident der DDR vermittelte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, etwas anderes zu wollen, als ihm seine Vorgesetzten in Bonn vorschrieben. Später hat er das alles kritisch beleuchtet, selbstkritisch freilich nicht. Auch die anderen neuen Minister erweckten zumeist den Eindruck eifriger Kofferträger. Natürlich, es gab Ausnahmen. Die stets wie mit Drogen aufgeputscht wirkende, ungemein beliebte Regine Hildebrandt natürlich. Auch Außenminister Markus Meckel oder Finanzminister Walter Romberg, alle drei SPD, folgten nicht immer ihren Amtskollegen in Bonn. Aber insgesamt vermittelte diese DDR-Regierung nicht gerade den Eindruck, souverän und unabhängig zu agieren. Sinnbild dafür wurde Günther Krause, der aus dem Nichts heraus zum Chefunterhändler für das Vertragswerk zur deutschen Einheit wurde. Wer auch immer ihn dahingelotst hatte – es war aus Bonner Sicht die perfekte Wahl: untertänig, anschmiegsam, folgsam, Widerrede Untergebener nicht duldend, die eigenen Reihen wie ein Kaderkommunist fest schließend, Widerspruch fast schon körperlich ablehnend und unterdrückend. Aber nicht nur die neue Regierung verhielt sich wenig souverän. Die Menschen im Osten selbst hatten sie mit überwältigender Mehrheit gewählt, weil sie genau eine solche haben wollten: keine Experimente, sondern alles dafür tun, um im Osten endlich den Westen als Kopie zu haben. Wer sich so aufgibt, bekommt noch weniger als nur eine zertrampelte Würde. Die Befreiung aus der Knechtschaft war nur für eine kleine Minderheit eine Selbstbefreiung. Die große Mehrheit wurde befreit. Eigentlich kein Problem. Eigentlich. Denn dem «Volk» wurde nicht nur vom Westen aus attestiert, unfähig für die Zukunft, das Neue, den Westen zu sein. Das machten auch Ostler. Die Schriftstellerin Die Angepassten | 105 Monika Maron, die 1988 mit einem «Dreijahresvisum» nach West- Berlin ausreisen durfte, schrieb im «Spiegel», Ostdeutsche verursachten bei ihr nur noch «unüberwindlichen Ekel». Viele ihrer Beobachtungen teile ich  – ihre radikale Ekelansage, die den langen Text durchzieht, erschien aber auch damals schon schwer verdaulich.32 Heute erklärt er, wie gesellschaftliche Gräben des einander nicht verstehen Könnens und Wollens bis hin zur gegenseitigen Abneigung aufgerissen sind. Er ist ein Beispiel dafür (wie der erwähnte Stefan Heym auch), wie nicht in Lohn- und kleinteiliger Gehaltsarbeit eingruppierte Menschen, die einen ganz anderen Lebenssinn verfolgen und eine andere Lebenskultur pflegen, weiten Teilen der Gesellschaft völlig verständnislos gegenüberstehen. Auch in der Gegenwart erscheinen Texte ostdeutscher Autorinnen und Autoren, die einen angesichts ihrer Verzweiflung ratlos zurücklassen. Ines Geipel etwa konstruiert eine ostdeutsche Gemeinschaft, die weitgehend auf Gewalt und Rohheit, Entfremdung und Ablehnung gründe. Opfer und Täter, Schweigen und Verrat, mehr gab es nicht, mehr gibt es nicht. Auch keine Auswege, also auch keine Zukunft. Hier wird die eigene außerordentlich tragische Familiengeschichte kurzerhand zur gesellschaftlichen Blaupause erklärt.33 So bedrückend ihre Befunde sind, so wenig überzeugt ihr Buch, wenn man fragt, warum denn Gewalt, Rohheit, autoritäres Gedankengut und repressives Verhalten auch außerhalb Ostdeutschlands immer weiter um sich greifen. Und noch weniger überzeugt es, wenn man fragt, was dann Gesellschaften wie die in Ruanda eigentlich für Überlebenschancen und Zukunftsperspektiven hätten. Das berühmteste Zeugnis über mangelnde Zukunftsfähigkeit stellte der Hallenser Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz seinen ostdeutschen Landsleuten aus. Sein erster Bestseller, dem bis heute viele folgten, kam 1990 heraus: «Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR». Vielleicht war es das meistdiskutierte Buch der ersten Wiedervereinigungsjahre. Viele Ostler fühlten sich verletzt, viele Westler sahen sich in ihren Annahmen bestätigt. Maaz kam zu dem Ergebnis, «der» Ostler sei krank, deformiert, an den Rand der Selbstzerstörung getrieben vom totalitären System. Wie bei Baring oder Niermann: Der Ostler war und ist Opfer, und er kann nichts dafür, Keine Ehe unter Gleichen106 | so zu sein, wie er geworden ist. Nicht nur die Passivität charakterisiere ihn, auch sein Aufgehen im Kollektiv. Ausgerechnet beim Psychotherapeuten war nichts vom Individuum zu lesen. Die Schlussfolgerung konnte ja nur sein: Die gesamte Gesellschaft gehörte auf die Couch. Wer nur könnte der Therapeut sein? Maaz legte ein Jahr später nach und schrieb, mit einem durchaus kritischen Unterton gegen den Westen: «Das ewig Gepreßte, Eingeengte und Kontrahierte soll jetzt ständig fließen und expandieren. Da gibt es Umstellschwierigkeiten, und ein großer Teil wird es nicht mehr schaffen. Das wird dann zum Abfall der Geschichte gezählt. (…) Was aber den deutschen Vereinigungsprozeß zusätzlich so unglücklich belastet, das ist im Osten das bittere Erwachen aus einem schönen Traum. Die bisher verdrängte Kehrseite des schönen Scheins schiebt sich unaufhaltsam in die Lebenswirklichkeit: der Wohlstand hat seinen Preis!»34 Die Hauptstadtdebatte Begriffe wie «Ostler» und «Westler» sind grobe Schubfächer, die kartieren, der Ordnung nützen, oft freilich Unordnung stiften. Es sind Projektionsflächen. Der Westen stand für den Osten als Ort der Sehnsucht, als ein Gegenwartsversprechen wie aus dem Werbeprospekt. Der Osten bot keine Alternative, was Westler sehr deutlich zum Ausdruck brachten: Mit dem Osten konnten sie nur Negatives, Hoffnungsloses assoziieren – allgemein freilich herrschte eklatantes Desinteresse am Osten. Er diente ihnen zugleich als Folie – entweder um das eigene System als überlegen oder als umfassend defizitär hinzustellen. Eine Folie interessiert keinen Menschen, sie ist so wertvoll wie ein einzelnes Korn in der Mühle. Am 20. Juni 1991 tagte der Bundestag fast zwölf Stunden zu einem einzigen Tagesordnungspunkt. Es ging um die Frage, wo sich künftig der Parlaments- und Regierungssitz befinde solle: in der seit 1949 provisorischen Bundeshauptstadt Bonn oder in dem seit 1990 kraft Einigungsvertrag offiziell zur deutschen Hauptstadt erklärten Berlin. Für viele Ostdeutsche kam diese Debatte sehr überraschend – hatte

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.