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Der Elitenaustausch an den Universitäten in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 176 - 180

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-176

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Kulturelle Hegemonie176 | sie fallen ins gewohnte Bett. Die wunderschöne Insel Mallorca ist auch deswegen in Verruf geraten, weil deutsche und englische Touristen und ihre Reiseagenturen aber auch alles dafür taten, dass sie sich heimisch fühlen. Und genau das beklagten die westdeutschen Aufbauhelfer: Sie fühlten sich nicht heimisch. Ich konnte und kann über meine Heimat ungezügelt fluchen, weil das zu mir und meiner Heimat gehörte. Wenn ich mich nicht in meiner Heimat bewege, werde ich vieles tun, gewiss aber nicht verlangen, dass sich nun alle zu verhalten hätten, wie ich es gern hätte oder selbst tue. Vielleicht würde ich mich meiner Umwelt anpassen, wahrscheinlich einfach weiter so leben, wie es mir passt und die Einheimischen ihrem eigenen Glück überlassen oder einfach nach der Erfahrung ohne Groll wieder dorthin gehen, wo ich mich wohler fühle. Ganz so einfach war das natürlich nicht, weil, wie gesagt, der Aufbau Ost ohne das Personal aus dem Westen so nicht möglich gewesen wäre. Hätte die Politik eine andere Mentalität, eine andere Kultur des Umgangs miteinander befördern können? Das ist schwer zu beantworten, mindestens jedoch auf einem entscheidenden Feld hätte die Politik, wie schon erwähnt, ein deutliches Zeichen setzen können: Ja, wir sind jetzt ein neues Gemeinwesen, bei dem zwar die bundesdeutsche Wirtschafts-, Sozial- und Rechtsordnung auf den Osten übertragen wird  – woran auch fast niemand Kritik übte  – , aber wir geben uns die erste gesamtdeutsche Verfassung, so wie es die Väter und Mütter des Grundgesetzes 1949 mit Artikel 146 vorgesehen hatten. Noch mehr freilich wäre notwendig gewesen, andere Karrierewege als die bislang im Westen bekannten zu fördern und ausdrücklich als Alternative einzuschließen. Das erfolgte nicht, wohl auch, um sich lästige Konkurrentinnen und Konkurrenten vom Halse zu halten. Der Elitenaustausch an den Universitäten An den Hochschulen und Universitäten (ohne Medizin) gingen bis Mitte der 1990 er Jahre rund 75 Prozent der 1989 dort noch tätigen Hochschullehrer (Dozenten und Professoren) verloren. Dabei Der Elitenaustausch an den Universitäten | 177 gab es große Unterschiede. Philosophie, Geschichte, Jura, Wirtschaft verbuchten Verluste von rund 90 Prozent. Die erscheinen auch heute noch überwiegend gerechtfertigt zu sein. Aber auch die anderen Fachgruppen verloren durchschnittlich mehr als 50 Prozent, lediglich in der Mathematik existierte eine sehr hohe Wiederberufungsquote. Und hierbei sind die Akademie der Wissenschaften mit ihren etwa 26 000 Mitarbeitern (darunter rund 10 000 Wissenschaftlern) und die Industrieforschung mit knapp 100 000 Mitarbeitern (davon waren 1993 nur noch rund 15 000 übriggeblieben) noch nicht einmal berücksichtigt. In Ostdeutschland wurde das Hochschulsystem nach westdeutschem Vorbild modernisiert. Bei den Lobeshymnen darauf, die etwa Wolfgang Frühwald, Präsident der «Deutschen Forschungsgemeinschaft» (DFG) 1992 bis 1997, anstimmte,4 ist meist übersehen worden, dass zwar viel Geld in den Osten floss, aber die angestrebte Nachhaltigkeit – Überführung von aus Sonderfördertöpfen bezahlten Ost- Wissenschaftlern auf feste Stellen an Universitäten  – durchweg scheiterte. Letztlich erreichte viel Geld zur Förderung der Wissenschaft und der Universitäten den Osten, wo es vor allem Westdeutsche begünstigte. Die Netzwerke funktionierten – und tun dies bis heute. Bei den von Bund und Ländern ab 1. Januar 2019 geförderten 57 Clustern im Rahmen der Exzellenzinitiative, um deutsche Universitäten und Hochschulen für den Weltforschungsmarkt attraktiv zu machen, fanden 34 Universitäten Berücksichtigung, darunter gerade zwei aus Ostdeutschland (Jena und die starke TU Dresden).5 Der Hochschulstandort Ostdeutschland ist unattraktiv und schrumpft entgegen dem Trend, dass es immer mehr Studierende gibt – nur eben nicht in Ostdeutschland. Hinzu kam ein weiteres sehr irritierendes Phänomen. Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink war 1992 an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen worden. Fraglos ein Zeichen für den Stellenwert, den die Alma Mater beanspruchen konnte. Kapazitäten vom Range Schlinks zog es an alle Fakultäten der Ost-Berliner Universität. Damit war sie eine Ausnahme unter den ostdeutschen Hochschulen, die allein auf ihrer geographischen Lage beruhte: Fast alle Neuberufenen der Jahre 1991, 1992, 1993, 1994 zogen zwar nach Kulturelle Hegemonie178 | Berlin, arbeiteten im Osten, wohnten aber im Westen der Stadt. Doch dies nur nebenbei. Schlink hielt eine Antrittsvorlesung und stellte darin fest: «So hat der besondere deutsche Eifer bei der strafrechtlichen Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit einen doppelten Grund. Er dient zugleich der Siegerjustiz und der Besiegtenexkulpation; er legitimiert den Westen, wenn er seine Eliten anstelle der alten Elite des Ostens setzt, und exkulpiert im Osten alle, die sich in den DDR-Jahren nicht als Elite oder mit Exzessen exponiert haben.»6 Solche Einschätzungen waren nicht selten. Entweder die Neuberufenen agierten mit dem Holzhammer und ließen jede Empathie vermissen. Oder aber sie schienen schizophren zu sein: Schlink etwa beklagte mit harschen Worten etwas, dessen Meistbegünstigter er selbst war. Solche wiederum unangemessene Fraternisierung machte es ostdeutschen Reformern nicht gerade einfacher. Aus der Humboldt-Universität zu Berlin, wie aus allen anderen Universitäten und Hochschulen, gäbe es auch viele Beispiele, wie bei Neuaufbau und Berufungen westdeutsche Schulen ihre Interessen und ihr Personal knallhart durchsetzten.7 Vieles davon habe ich als Mitglied diverser Kommissionen hautnah miterlebt. Ein besonders absurdes Beispiel lieferte ein kleines geisteswissenschaftliches Institut mit zunächst nur drei Professuren: Die Ost-West-Berufungskommission «verständigte» sich darauf, eines ihrer Mitglieder auf einen Lehrstuhl zu berufen, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Die Frau war ein alter SED-Kader und durch wissenschaftliche Aktivitäten nicht aufgefallen. Die anderen beiden Lehrstühle sollten keinesfalls mit «klassischen» Westdeutschen berufen werden, um nur nicht den Eindruck, so die Absprache, «kolonialer Überwölbung» entstehen zu lassen. Also berief man eine Frau aus dem südlichen Afrika, eine Westdeutsche, die dort gerade lebte und wissenschaftlich – bis auf eine kaum rezipierte Dissertation – ebenfalls bislang nicht hervorgetreten war. Der Dritte im Bunde war ein Schweizer Wissenschaftler, der als Journalist gearbeitet hatte, aber mit einigen Forschungsarbeiten durchaus ausgewiesen war. Hauptsache kein Wessi! Die SED-Frau hatte übrigens auf die politische Korrektheit geachtet: Die anderen beiden Neuberufenen waren auch Alt-Kommunisten, aus irgendwelchen obskuren K-Gruppen kommend. Der Der Elitenaustausch an den Universitäten | 179 Vorgang zeigte nicht nur die Ignoranz der Universitätsleitung diesem kleinen Fach gegenüber, der Skandal verließ nie die geschlossenen Räume der Universität. Er veranschaulichte auch, was sonst, bei Ostlern, nie ging und als sakrosankt galt: anderen Lebenswegen als den üblichen eine Karrierechance zu geben. In den letzten zwanzig Jahren sind zahlreiche Darstellungen zur ostdeutschen Universitätsgeschichte und ihrer Fakultäten aus den Federn von einst Neuberufenen erschienen, die ganz häufig zwei Fragen aufwerfen: Wenn alles so normal war an den DDR-Hochschulen, wie sie oft unterstellten, warum sind die Einrichtungen dann so umfassend reformiert worden? Und warum eigentlich haben die «Neuberufenen» ihre DDR-Kollegen verdrängt, wenn die alle so glanzvolle Hochschulprofessoren gewesen seien? Mit anderen Worten: Viele Neuberufene plagte offenkundig ein schlechtes Gewissen  – ihr Problem  – , was sie dann zu fragwürdigen «wissenschaftlichen» historischen Darstellungen ihrer Arbeitsstelle veranlasste – was nicht mehr ihr Problem ist.8 In den 1990 er Jahren nahm dagegen außer den Betroffenen kaum jemand an den Entwicklungen Anstoß. Es gab Kritiker. Dieter Simon oder Jürgen Kocka, um zwei prominente Geisteswissenschaftler zu nennen, bezeichneten den Personalaustausch als überzogen, bemängelten, dass zu viele Ressourcen («Humankapital») verschleudert worden seien.9 Ihre Kritik kam gleichwohl etwas pharisäerhaft daher. Simon hatte als Präsident des Wissenschaftsrates den Umbau ebenso an vorderster Linie mitgetragen wie Kocka als Mitglied dieses Gremiums, das die Evaluierungen der Akademie der Wissenschaften verantwortete. Glaubhaft fiel sie dennoch aus. Sie zeigte exemplarisch die Überforderung der beteiligten Akteure, nicht zuletzt in moralischer Hinsicht. Das betraf nicht nur das Wissenschaftsund Hochschulsystem, sondern bis auf die Staatssicherheit, für die es keine Nachfolge- oder Auffangeinrichtung gab, im Kern sämtliche Institutionen. Übersehen wurde dabei damals wie heute, dass den Ostdeutschen abgesprochen wurde, was die «Aufbauhelfer» auszeichnen sollte (und überwiegend es auch tat): schnell zu lernen, dazuzulernen, zu improvisieren, umzudenken. Kulturelle Hegemonie180 | Ost-Eliten im vereinigten Deutschland Der Austausch der Funktionselite zum Teil bis auf die mittlere Ebene blieb kein einmaliger Vorgang. Abgesehen von dem Umstand, dass es in Westdeutschland «natürlich» zu keiner Durchmischung kam, fiel der Anteil der Ostdeutschen an den Führungskräften sogar ab. Blieb er in den Spitzen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft seit den 1990 er Jahren durchweg deutlich unterrepräsentiert,10 so nahm er im Laufe der fast drei Jahrzehnte auch kontinuierlich darunter, bei oberen und mittleren Führungskräften, ab.11 In den obersten Etagen sind Ostdeutsche bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 17 Prozent mit ein bis vier Prozent deutlich unterrepräsentiert. Das ist hinlänglich bekannt. Aber auch in den oberen und mittleren Führungsgruppen in der Öffentlichen Verwaltung, in wissenschaftlichen Institutionen, an Universitäten und Hochschulen, im Justizwesen in den östlichen Bundesländern beträgt der Anteil Ostdeutscher durchschnittlich kaum ein Drittel, wohlgemerkt geht es hier nur um Institutionen im Osten.12 Die Idee vom Neuaufbau schloss ein, dass die Ostdeutschen nicht ausgeschlossen würden. Nirgends aber ist das so deutlich erfolgt wie in der Rekrutierung der Eliten und Führungskräfte. Angela Merkel, Joachim Gauck, Matthias Platzeck (SPD-Chef 2005/06) oder Johan na Wanka, die als erste Ostdeutsche in einem westdeutschen Bundesland Ministerin war (2010 bis 2013 in Niedersachsen), Erika Franke (Generalin in der Bundeswehr), Karola Wille (mdr-Intendantin), Kathrin Menges oder Hauke Stars (Vorstände von DAX-Unternehmen) stellen seltene Ausnahmen in solchen Spitzenämtern dar. Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident trugen sogar unbeabsichtigt zur Verschleierung des Problems bei, weil gerade unter Verweis auf sie häufig betont wurde, es gehe doch, wenn man sich «anstrenge». Die unregelmäßig von dem Magazin «Cicero» veröffentlichte Liste der «500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen» ist umstritten. Aber lassen wir einmal die methodischen Einwände beiseite und schauen diese Liste an. Frauen sind besser vertreten, als anzunehmen ist. Das hängt damit zusammen, dass viele Künstle-

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.