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Der Essay in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 21 - 24

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-21

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Bibliographic information
Der Essay | 21 schaft stimmen sollte, dann doch wohl nicht für die einzelnen Menschen? Der Essay Als mich der Verlag fragte, ob ich meine Beobachtungen und Reflexionen über die deutsche Einheit in einem kleinen Buch zusammenfassen möchte, zögerte ich nicht. Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten befasse ich mich wissenschaftlich und publizistisch mit der Geschichte und den Folgen des Kommunismus in Deutschland und Europa. In den 1990 er Jahren war ich als junger Mann sachverständiges Mitglied in einer jahrelang tagenden Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, die sich genau mit solchen Fragen beschäftigte. Dabei hat sich der Bogen seither, ich möchte sagen dramatisch gespannt, das Verhältnis von Geschichte, Gegenwart und Zukunft. In den letzten Jahren sind die westlichen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit erheblich unter Druck geraten. Und zwar nicht und nicht allein wegen vielfältiger Angriffe und Konkurrenzen mit anderen Modellen. Das ist nicht neu. Der Westen musste sich schon immer seiner äußeren Gegner erwehren. Gegner, die er sich zum Teil selbst erst durch seinen weltumspannenden Kolonialismus und Imperialismus systematisch geschaffen hatte. Nicht nur am deutschen Wesen sollte die Welt genesen. Im Westen geht es allen, so die unausgesprochene Devise, am besten  – wenn andere dafür schuften und leiden. Nicht einmal der schärfste Kritiker des Westens, Karl Marx, fand das verwerflich. Ganz im Gegenteil: Erst wenn der Kapitalismus durchgesetzt und eine entsprechende Arbeiterklasse geschaffen sei, könne die von ihm prognostizierte befreiende proletarische Revolution erfolgen. Neu ist es also nicht, dass der Westen so viele Feinde hat. Wie sieht es aber mit den inneren Gegnern aus? Auch das ist nicht neu, wenn man an linke und rechte Extremisten in der Vergangenheit denkt. Militaristen, Faschisten, Nationalsozialisten, Kommunisten haben im 20. Jahrhundert fast in jedem Land Europas «den Westen» und seine Ideen zeitweilig erfolgreich be- Zwischen Aufbruch und Abbruch22 | kämpft. Deutschland hat das zum schmachvollen Höhepunkt geführt. Nach 1945 und dann vor allem nach den unverhofften, einen historischen Wimpernschlag so glücklich machenden Freiheitsrevolutionen von «1989/90» haben viele Menschen geglaubt, nun würden Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit für immer unverrückbar sein. Jene, die mahnten, Demokratie und Freiheit seien nicht nur durch Institutionen abzusichern, sondern Lebensformen, für die jeder und jede einzutreten habe, wurden oft als Sonntagsrednerinnen belächelt. Heute zeigt ein auch nur flüchtiger Blick auf Deutschland, Europa und die Welt, dass sie Recht hatten. Im Osten Deutschlands ist das noch offenkundiger als im Westen. Warum das so ist, davon handelt dieser Essay. Er ist, im Sinne des Wortes «Essay», ein Versuch, zu zeigen, wie unsere Gegenwart historisch geworden ist. Es geht nicht um die unendlich vielen Details und Winkelzüge der Geschichte. Nein, es geht um große Linien und Fragen, die sich aufdrängen, wenn wir unsere Gegenwart verstehen wollen. Und das geht nun einmal besser, wenn man einen Blick zurückwirft. Dieser Essay basiert auf wissenschaftlichen Untersuchungen und eigenen Beobachtungen und Reflexionen. Auch wenn ich immer wieder betone, Zahlen, demoskopische Untersuchungen sind anfechtbar und markieren nur Trends, gebe ich davon viele Beispiele an. Mir geht es mehr um die Folgen solcher Prozesse und Entwicklungen, die Zahlen veranschaulichen können. Zahlen spitzen zu und erfinden Realitäten. Wahlausgänge sagen nur wenig über das Drittel der Gesellschaft, das gar nicht wählt, und erst recht nichts über jene, die kein Wahlrecht besitzen. Meinungsumfragen sind grobe Annäherungen, keine exakten. Das Bruttonationaleinkommen (Bruttosozialprodukt) ist auch so ein Zahlenwert, der mehr vernebelt als erhellt.14 In diesem Essay spitze ich auch zu. Ich versuche, durch Pointierungen Probleme sichtbarer zu machen. Denn es geht nicht nur um harte Fakten. Die eigentlichen Probleme stellen weiche, zum Teil schwer fassbare, nur unzulänglich formulierbare, ja, wohl sogar unbekannte Phänomene dar. Wenn man zuspitzt, heißt das auch, es gibt viele Fragen, aber längst nicht auf alle Antworten. Ich denke, wir Der Essay | 23 alle müssen es erlernen, Fragen zu stellen, ohne gleich immer Antworten parat zu haben. Das rasante Tempo unserer Gegenwart lässt oft nicht einmal Raum für Fragen, wie sollte es da schon immer gleich Antworten geben? Zuspitzungen funktionieren nur, wenn ich bereit bin, auch Differenzierungen zuweilen nicht bis ins letzte Detail auszubreiten. Das macht angreifbar, keine Frage. Der Essay wertet nicht individuelle Leistungen, Opferbereitschaft, Arbeitswillen und ehrliches Engagement im Prozess der deutschen Einheit von wem auch immer ab. In diesem Essay geht es nicht um individuelle Erfahrungen in dem gigantischen Experiment: wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. Ich gebe gern zu, dass mir im Schreibprozess die Wucht der ganzen deutsch-deutschen Schieflagen selbst etwas übertrieben vorkam – ich kann sie nicht ändern, sie stellen eine Realität dar. Hinzu kommen Bürden und Herausforderungen, die weit über Ostdeutschland hinaus von Bedeutung sind: Lasten der Geschichte, unaufgearbeitete Vergangenheiten und Probleme, die sich aus der Globalisierung ergeben. Erst in diesem Kontext erscheint Ostdeutschland, die Grundthese dieses Essays, bei allen Besonderheiten und Spezifika als Laboratorium der Globalisierung: Der raschen nachholenden Modernisierung Anfang der 1990 er Jahre mit ihren dramatischen sozialen und kulturellen Folgen folgte bald eine Entwicklung, die sozial, politisch und kulturell dem Westen nur einige Schritte voraus zu sein scheint, und das ist nicht unbedingt als Beruhigung gedacht. 2 | 1989: die unvorstellbare Revolution Die Mauer fiel nicht einfach. Erst recht öffnete sie kein SED-Politbürokrat oder ein DDR-Grenzer. Die Gesellschaft schmiss am Abend des 9. November 1989 die Mauer um. Angefangen hatte es mit der mächtigen freien Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Polen. Am Anfang des Jahrzehnts gegründet, um Polen zu demokratisieren, bedeutete der Mauerfall am Ende des Dezenniums das symbolische Ende des europäischen Kommunismus, auch wenn es bis zum endgültigen Aus, dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion, noch zwei weitere Jahre dauern sollte. Die ganze Welt schaute atemlos nach Ostdeutschland, nach Ost-Berlin. Die meisten waren sich bewusst, Zeugen einer Revolution mit globalen Auswirkungen zu sein.1 «Wahnsinn» war der allerorten meist gebrauchte Ausruf. Es begann eine Zeit, als die Realität fast täglich die Phantasie überholte – selbst in der Ikonographie. Die meisten berühmten Fotos von der Mauernacht zeigen – keine Ostler. Auf der Mauer in der Nacht der Nächte zum Beispiel, ein sehr berühmtes Foto von der Westseite des Brandenburger Tores, stehen, sitzen und tanzen ganz überwiegend Westler. Ein von der dpa weltweit verbreitetes Foto ist noch kurioser: Darauf geben sich taz-Redakteure als feiernde Ostler aus.2 Bis zum Herbst 1989 war kaum einem Zeitzeugen bewusst, dass er sich inmitten eines rasanten historischen Prozesses befand, der eine ungeheure Dynamik entwickelte und der die empfundene «Zeit» immer mehr beschleunigte.3 Noch eben gerade, so schien es vielen, auf der Standspur verharrend, befanden sich auf einmal gleich mehrere Gesellschaften im Ostblock auf der Überholspur, und das noch mit überhöhtem Tempo. Die DDR stellt dafür ein eindrückliches Beispiel dar.

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.