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Die Zukunft der Aufarbeitung in:

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Übernahme, page 205 - 210

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

6. Edition 2020, ISBN print: 978-3-406-74020-6, ISBN online: 978-3-406-77053-1, https://doi.org/10.17104/9783406770531-205

Series: C.H.Beck Paperback, vol. 6355

C.H.BECK, München

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Die Zukunft der Aufarbeitung | 205 Bologna, New York, Johannesburg und Stockholm ihre Herkunft entdeckten, neu entdeckten, wiederentdeckten. Diese «Dritte Generation Ost», wie sie sich selbst nennen, fragt nicht nur, wohin, sondern auch, woher.13 Es sind die Kinder jener Erwachsenen, die als Eltern und Großeltern nach 1990 oftmals nicht so zur Verfügung standen, wie sie es sich selbst gewünscht hätten. Beschäftigt mit dem turbulenten Umbruch und den mannigfaltigen Neuorientierungen, Enttäuschungen und Hoffnungen, Neuanfängen und Rückschlägen konnten so manche Erwachsene ihren Kindern keine Orientierungen, keinen Halt bieten – weil sie das selbst nicht hatten. Vergangenheitsbetrachtungen sind nicht, wie ausgerechnet Stefan Heym mutmaßte, da, um sich von der Gegenwart abzulenken.14 Seine Kritik aber nahm ein Unbehagen auf, dass sich schon frühzeitig artikuliert hatte.15 Die Zukunft der Aufarbeitung Die Bilanz nach fast dreißig Jahren Aufarbeitung fällt zwiespältig aus. Auch für die DDR-Geschichte ist zu beobachten, was Voltaire 1737 festhielt: «Sprecht Ihr mit einem holländischen Bürgermeister über die Aufhebung des Edikts von Nantes, so ist es eine unkluge Willkürherrschaft; befragt Ihr einen Minister des französischen Hofes, so ist es weise Politik.»16 Der Diskurs über die DDR fiel in zwei Großgruppen auseinander, die miteinander kaum redeten, dafür heftig übereinander herzogen. Die eine verteidigte öffentlich die DDR mehr, als sie es untereinander am Biertisch wohl tatsächlich tat – sie malte alles weiß. Und die andere geißelte noch den Kindergartennachttopf als ideologische Umerziehungsmaßnahme. Diese Schwarzseher hefteten sich zudem mit immer größerem Abstand zu 1989/90 eine historisch wachsende Widerstandsfähigkeit in der Diktatur an. Für die berühmten Grautöne, woraus Geschichte nun einmal vorrangig besteht, war wenig Platz in dieser Gemengelage. Der Aufarbeitungsprozess selbst erfuhr, was wir auch allgemein immer beobachten können: Temporäre Prozesse verselbständigen sich, auf Zeit angelegte Institutionen beanspruchen Bestandswahrung, ver- Das zweite Leben der Stasi206 | dienstvolle Persönlichkeiten privatisieren ihre Tätigkeitsbereiche zu absolutistisch veranlagten Herrschaftsbereichen. Seit einiger Zeit wird wieder über die Zukunft der Aufarbeitung gestritten. Ärgerlich daran ist, dass vor allem jene darüber streiten, die diese Zukunft nicht selbst gestalten werden. Warum nur sitzen in Zukunftskommissionen immer nur die Alten, in diesem Fall altgediente Aufarbeitungsfunktionäre? Warum sitzen dort nicht jene, um deren Zukunft es geht? Friedrich Schillers berühmte akademische Antrittsrede von 1789 lehrt uns noch immer, worauf es letztendlich ankommt: den bequemen Brotgelehrten, dem es nur um Ruhm, nicht aber um Erkenntnis geht, zu bekämpfen: «Der Brotgelehrte verzäunet sich gegen alle seine Nachbarn, denen er neidisch Licht und Sonne missgönnt, und bewacht mit Sorge die baufällige Schranke, die ihn nur schwach gegen die siegende Vernunft verteidigt.»17 Wenn Menschen zu lange unhinterfragt auf Posten und Pöstchen sitzen, deformiert das oft die Posten, nicht selten auch die amtsausübenden Personen. Das können wir nicht nur generell in Wahlämtern, sondern überhaupt in Institutionen beobachten. Auch die Aufarbeitung der SED-Diktatur blieb von diesem Phänomen nicht verschont. Da ich seit 1990 in dieser Szene aktiv dabei bin und so bereits als ganz junger Mann, ich war 1990 23 Jahre alt, involviert war, kann ich auch aus eigener Anschauung sagen: Noch heute bekomme ich Einladungen zu Veranstaltungen aus dem Bereich der gesellschaftlichen Aufarbeitung, die ich überwiegend auch so schon etwa 1995 erhalten habe oder wenigstens hätte erhalten können. Ist das nicht ein Problem? Ich war seit 1990 Mitglied im Unabhängigen Historiker-Verband, war am Umbau in der Humboldt-Universität zu Berlin aktiv beteiligt, war sachverständiges Mitglied der En quete- Kommission des Deutschen Bundestages zur SED-Diktatur, war nach ihrer Gründung Mitarbeiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und habe nebenbei viele wissenschaftliche Arbeiten publiziert – alles in den 1990 er Jahren, ich war aktiver Zeitzeuge und glaube daher aus eigener Anschauung sagen zu können, ja, es ist ein Problem, dass es bislang in der Aufarbeitungslandschaft keinen Typuswechsel des Aufarbeiters gegeben hat. Aufarbeitung von Geschichte ist – anders als im Idealfall die ge- Die Zukunft der Aufarbeitung | 207 schichtswissenschaftliche Analyse der Vergangenheit  – ein poli tischer Vorgang. Sie verfolgt geschichtspolitische Interessen, will etwas bewirken, in Deutschland Demokratie und Freiheit stärken. Die DDR-Aufarbeitung war mit dem Grundsatz angetreten, die Demokratie im Osten zu befördern. Manche Aufarbeiter verkünden sogar, je besser man Diktatur begreife, um so besser könne man Demokratie gestalten. Das hört sich etwas sehr stark nach Volks pädagogik an, ist auch so gemeint und wird merkwürdigerweise öffentlich kaum in Frage gestellt. 2018 haben zwei Vorgänge Unruhe unter die «Aufarbeiter» gestreut: Zeigten die rassistischen Vorgänge in Ostdeutschland, zuletzt in Chemnitz, womöglich, dass die Aufarbeitung der letzten fast drei- ßig Jahre fruchtlos blieb? Haben im Osten womöglich zu viele die Demokratie nicht begriffen, von Diktaturen zu schweigen? Und ist die bisherige Aufarbeitung, wie so manche orakeln, in Gefahr, weil am 25. September 2018 ein Oberaufarbeiter, Hubertus Knabe aus Unna, seinen Hut als Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen nehmen musste? Natürlich ist sie nicht deswegen gescheitert oder auch nur in Gefahr. Knabe musste gehen, weil er viele Jahre sexistische Strukturen in seiner Institution verschleierte und damit mittrug. Er fand keine Worte des Bedauerns darüber – weder für diese Strukturen noch für die Frauen, die darunter zu leiden hatten. Von jemandem, der sich professionell mit Aufarbeitung von Schuld beschäftigt, ist das das Mindeste, was man hätte erwarten dürfte. Der Rausschmiss war also kein Racheakt, sondern offenbar nötig. Es wurde ein politisches Zeichen gesetzt, Sexismus überall den Kampf anzusagen. Überfällig ist auch – und nun erst recht, über das von ihm vertretene, außerordentlich fragwürdige Gedenkstättenkonzept zu sprechen. Unter seiner Verantwortung war die Gedenkstätte mit einer Überwältigungsstrategie versehen worden: Niemand sollte nach einem Besuch aus «seiner» Gedenkstätte herauskommen und eine andere Auffassung als der Gedenkstättenleiter über die DDR und ihr Unrecht haben. Eine Gedenkstätte hat die Aufgabe zu informieren, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, ihr Schicksal offenzulegen, den Opfern Namen zu geben und ebenso die Täter klar zu benen- Das zweite Leben der Stasi208 | nen, ihr Tun ins gesamtstaatliche Konzept einzuordnen. Das alles muss nach wissenschaftlich und museumspädagogisch anerkannten Maßstäben erfolgen, nicht nach geschichtspolitisch gewünschten Kriterien. Gedenkstätten als authentische Orte können ganz auf die Kraft des Orts und der dort tätigen unverzichtbaren Zeitzeugen setzen, so lange es möglich ist, dürfen nicht übertreiben, sollen objektiv und nüchtern beschreiben. Die Zeitzeugen sollen ihre eigenen Geschichten erzählen, nicht die von anderen. Das Leben in den Zellen konnte sich stark unterscheiden. Der Alltag war zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich. Sie sollen auch nicht mit jungen Besucherinnen und Besuchern in Zellen Verhörsituationen nachstellen – so etwas nennt man vornehm «Überwältigung», etwas burschikoser: durchgeknallt. Das gehörte zum Knabe-Konzept. Und Hohenschönhausen war im Vergleich zu anderen Haftorten in der DDR in den 1970 er und 1980 er Jahren bei weitem nicht der schlimmste, aber sehr wohl der modernste Knast. Die meisten hier Inhaftierten kamen über kurz oder lang in den Westen, das kalkulierten auch SED und MfS ein mit entsprechenden Folgen für den Untersuchungshaftalltag in der Honecker-Ära. Allein so etwas zu sagen oder Knabe zu kritisieren, erfordert auszuhalten, dass die Gruppe derjenigen, die in Knabe den Guru der DDR-Aufarbeitung sehen, einen als Verharmloser diffamiert. Dabei erinnerte Knabes Geschichtspolitik selbst im Prinzip an die Mahn- und Gedenkstätten der DDR – auch dort führten einstige Häftlinge die Besucher durch die Ausstellungen mit dem Ergebnis, dass nicht wenige anschließend schlaflose Nächte hatten. Das war nicht schlimm. Aber zugleich wurde mit Holzhammerargumenten allen eingetrichtert, dass es nur eine Wahrheit gebe, und diese führe gesetzmäßig zur DDR. Nur hier würde das Erbe des Antifaschismus richtig bewahrt. Hatte diese Antifaschismuspädagogik etwas mit den neofaschistischen Umtrieben in den 1980 er und Anfang der 1990 er Jahre im Osten zu tun? Ja, da sind sich die Experten einig. Und führt die Ursachensuche, was heute im Osten los ist, auch zum Antifaschismusdogma in der DDR? Ja, auch da sind sich die Experten einig. Nun muss sich die DDR-Aufarbeitung unangenehme Fragen gefallen lassen: Hat sie mit dazu beigetragen, was im Osten geschieht? Hat sie also ihre selbstgestellte Aufgabe, Demokra- Die Zukunft der Aufarbeitung | 209 tie zu befördern, verfehlt und womöglich das Gegenteil mit provoziert? Aufarbeitung ist wichtig, keine Frage. Aber wie wichtig wirklich? Wer sollte das messen, einschätzen? Wen erreicht Aufarbeitung und vor allem wen nicht? Man sollte sie nicht überschätzen, so wie man das Gewicht Einzelner in diesem Zirkus nicht überschätzen sollte. Es machen weder große Männer allein Geschichte noch schlanke Menschen allein Geschichtsaufarbeitung. Beide Gruppen glauben das allerdings gern. In der DDR-Aufarbeitungslandschaft haben wir den merkwürdigen Umstand zu beobachten, dass in vielen Institutionen – die Berliner Mauergedenkstätte ist eine rühmliche Ausnahme! – Personen Entscheidungen fällen, den Ton vorgeben, Verantwortung tragen, die dafür meist «nur» durch ihre Biographie, nicht aber wegen einer professionellen Ausbildung in Museumsdidaktik, Geschichtspädagogik, Geschichts- oder Politikwissenschaften qualifiziert sind. Keine Frage, vor allem in den 1990 er Jahren war es von hoher symbolischer Bedeutung, dass Oppositionelle und Opfer der SED-Diktatur den kommunistischen und postkommunistischen Geschichtsmärchen ihre lebensgeschichtliche Wucht entgegenhielten. So funktionieren nun einmal Revolutionen. Aber die Revolution ist Geschichte. Die Kinder sind nicht entlassen worden, sondern eigentlich im Rentenalter, eigentlich. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur in den 1990 er Jahren stand ganz im Zeichen der Revolution. Endlich konnten mit Hilfe der Regime-Archive jene Geschichten und Biographien öffentlich gemacht werden, die zuvor brutal unterdrückt worden waren. Aufarbeitung ist im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft ein geschichtspolitisches Anliegen. Es geht nicht um Differenzierung, sondern um Anklage, Demaskierung, Entblößung, darum, mit Geschichtsbildern zu bilden, etwas zu legitimieren, Demokratie zu befördern. Deshalb stehen Geschichtsaufarbeitung und Geschichtswissenschaft auch im Dauerclinch miteinander. Wenn Letztere etwa Alltag und Gesellschaft in ihren vielschichtigen Erscheinungen differenziert analysieren will, so wirft ihr Erstere Verharmlosung und Schönfärberei vor. Konzentriert sich die Aufarbeitung auf Opfer, Mauertote, Opposi- Das zweite Leben der Stasi210 | tion und Widerstand, Haftanstalten und politische Justiz, bemängelt die professionelle Forschung, hier würde ein einseitiges Bild gemalt, das nur Schwarz und Weiß, aber keine Grautöne kenne. Die Vorwürfe liegen regelmäßig daneben. Denn die Aufgabe der beiden unterscheidet sich nun einmal so stark wie die von Bäckereien und Konditoreien. Nur weil sie zuweilen die gleichen Grundstoffe für ihre Arbeit benutzen und ihr Publikum Schnittmengen aufweist, streben sie ja noch keine ähnlichen Produkte an. Das ist nur leider nicht allen bewusst, weder den Beteiligten noch den Beobachtenden. Die Ostdeutschen und ihre Vergangenheit Interessanterweise kam die ostdeutsche Revolution 1989 anders als die der Polen, Tschechen, Slowaken, Balten oder Ungarn praktisch ohne historische Bezüge aus. Das veränderte sich nach dem Sturm auf die Stasi und der Eroberung der Akten 1990. In Deutschland wurde nun diese Geschichte zu einem extrem politischen Kampfmittel – und von allen Seiten intensiv benutzt. Akten entschie den maßgeblich darüber, ob jemand zukunftstauglich sei oder nicht. Was hat die Regelüberprüfung, wofür das irreführende und demagogische Wort «gaucken» (nach dem ersten Leiter der Stasi- Akten-Behörde Gauck) erfunden wurde, eigentlich mit den Seelen der Überprüften, ob nun belastet oder nicht, gemacht? Viel Platz für Differenzierung blieb da nicht. Nur diese eine Institution, das Ministerium für Staatsicherheit, ist zum Beelzebub erklärt worden. Ihr Auftraggeber, die SED, blieb im Schatten und konnte sich häuten. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit. Nicht einmal die Aufarbeitung war konsequent und nahm alle Verantwortlichen der SED- Diktatur ernst. Im Nachhinein erscheint die Stasi-Überprüfung wie eine Beruhigungs pille für die Mitläufergesellschaft. Und dass die Überprüfungen die Jahrtausendwende unbeschadet überstanden, führte nicht nur zu Kopfschütteln, sondern vor allem zu Frust, Wut, Enttäuschung. Wie lange, fragten viele auch unbelastete Bürger, wollt «Ihr» uns eigentlich noch unsere Vergangenheit vorhalten?

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Zusammenfassung

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.