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4.2 Aktiva in:

Wolfgang Ballwieser

IFRS-Rechnungslegung, page 64 - 91

Konzept, Regeln und Wirkungen

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4562-6, ISBN online: 978-3-8006-4563-3, https://doi.org/10.15358/9783800645633_64

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 52 4. Bilanzansatz52 Die Abbildungen 2 und 3 fassen die wesentlichen Regelungen zusammen. 4.2 Aktiva 4.2.1 Eigenschaften Anzusetzende Aktiva sind – wie in Kapitel 4.1 erwähnt – Nutzenbündel (a) in der Verfügungsmacht des Unternehmens aufgrund vergangener Ereignisse (b) mit erwartetem, d. h. wahrscheinlichem Nutzenzufluss und (c) verlässlicher Bewertbarkeit. In der Verfügungsmacht des Unternehmens zu stehen bedeutet nach dem Rahmenkonzept nicht zwingend, Eigentum an den Vermögenswerten zu haben. „Bei der Bestimmung, ob ein Vermögenswert vorliegt, ist das Eigentumsrecht nicht entscheidend.“ (Abs. 4.12) Der wirtschaftliche Gehalt kann die rechtliche Gestaltung zurückdrängen (Abs. 4.6); der Besitzer eines Gegenstands kann diesen bilanzieren müssen, ohne Eigentümer zu sein. Das ist beispielsweise bei bestimmten Leasinggütern, bei sicherungsübereigneten oder unter Eigentumsvorbehalt gelieferten Gütern der Fall. Es gilt eine wirtschaftliche Betrachtungsweise (Abs. 4.12)126, wonach es auf faktische Gegebenheiten statt auf das Rechtskleid ankommt. 126 Vgl. auch Matena (2004). 4.2 Aktiva Abb. 2: Bilanzposten Bilanzposten Vermögenswerte Schulden Eigenkapital – = Abb. 3: Gliederungskriterien Gliederung nach Fristigkeit oder Liquidität mit Erfüllung d. Mindestschemas mit Vorjahreswerten mit Saldierungsverbot mit Darstellungsstetigkeit Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 53 4.2 Aktiva 53 Wann Verfügungsmacht vorliegt, ist weniger bei Sachen (Leasing ausgenommen) und Rechten als bei immateriellen Posten ein Problem. Einschlägig ist insbesondere IAS 38.69, wonach keine Aktivierungsmöglichkeit besteht bei Ausgaben für •• Forschung, außer wenn sie Teil der Kosten eines Unternehmenszusammenschlusses sind, •• die Gründung und den Anlauf des Geschäftsbetriebs, •• Aus- und Weiterbildungsaktivitäten, •• Werbekampagnen und Maßnahmen der Verkaufsförderung, •• die Verlegung oder Umorganisation von Unternehmensteilen oder des gesamten Unternehmens. Die fehlende Verfügungsmacht für ein Nutzenbündel könnte ebenso wie der unerwartete (unwahrscheinliche) Nutzenzufluss oder die verlässliche Bewertbarkeit hierfür der Grund sein. Wann ein wahrscheinlicher Nutzenzufluss vorliegt, wird nicht konkretisiert. Im Zusammenhang mit dem Ansatz von unsicheren Schulden besagt jedoch IAS 37.23: „Für die Zwecke dieses Standards, wird ein Abfluss von Ressourcen oder ein anderes Ereignis als wahrscheinlich angesehen, wenn mehr dafür als dagegen spricht, d. h. die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis eintritt, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht eintritt.“ Wahrscheinlich wird hier als mit mehr als 50 % Eintrittswahrscheinlichkeit versehen verstanden. Hingegen regelt IAS 37.35 zu Eventualforderungen: „Wenn ein Zufluss wirtschaftlichen Nutzens so gut wie sicher geworden ist, werden der Vermögenswert und der diesbezügliche Ertrag im Abschluss des Berichtszeitraums erfasst, in dem die Änderung auftritt.“ Mit „so gut wie sicher“ wird mehr verlangt als ein „Mehr-dafür-alsdagegen-Sprechen“. Insofern wird der unklare Wahrscheinlichkeitsbegriff zu Recht kritisiert127. Auch wenn bereits diese Mehrdeutigkeit unbefriedigend ist, liegt das inhaltliche Problem nicht allein in der fehlenden eindeutigen Vorgabe, sondern insbesondere auch in der Gewinnung und Objektivierung der zugrunde liegenden Wahrscheinlichkeitsverteilung128. 127 Vgl. z. B. Plock (2004), S. 49; Heidemann (2005), S. 63 f. Vgl. weiterhin zu der Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeiten auf der Aktiv- und Passivseite Haufe IFRS-Kommentar/Hoffmann/Lüdenbach (2012), § 1 Rz. 88 und Haufe IFRS-Kommentar/Hoffmann (2012), § 21 Rz. 35–50. 128 Wie das Kriterium der Wahrscheinlichkeit demnächst behandelt werden wird, bleibt abzuwarten. Es wurde von FASB und IASB mit der Definition von Schulden verbunden. Hierfür bestehen bisher nur Arbeitsdefinitionen Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 54 4. Bilanzansatz54 Verlässliche Bewertbarkeit verlangt die zuverlässige Ermittlung von Anschaffungs- oder Herstellungskosten oder sonstigen Werten. Verlässliche Bewertbarkeit schließt – mehr oder minder willkürliche – Zurechnungsvorgänge, wie sie bei der Verteilung von Gemeinkosten auf selbsterstellte Güter oder bei der Verteilung einer Kaufpreissumme auf einzelne erworbene Vermögenswerte notwendig sind, nicht aus. Gleichermaßen können Schätzungen notwendig werden. „Die Verwendung hinreichend genauer Schätzungen ist ein wesentlicher Teil der Aufstellung des Abschlusses, dessen Verlässlichkeit dadurch nicht beeinträchtigt wird.“ (Rahmenkonzept Abs. 4.41) Anschaffung oder Herstellung sind keine zwingende Voraussetzung von Aktiva. Güter können geschenkt worden und aktivierungspflichtig sein (Rahmenkonzept Abs. 4.14). Insofern spielen die bei der Definition der verlässlichen Bewertung genannten sonstigen Werte nicht nur bei der Folgebewertung, sondern auch bei der Zugangsbewertung eine Rolle. Der Hinweis, wonach Ausgaben für Forschung, außer wenn sie Teil der Kosten eines Unternehmenszusammenschlusses sind, nicht aktiviert werden dürfen (IAS 38.69), zeigt, dass die Ansatzkriterien bei Unternehmenszusammenschlüssen gegenüber der Selbsterstellung aufgeweicht werden. Der Grund liegt darin, dass man den Kaufpreis für ein erworbenes Unternehmen auf möglichst viele Vermögenswerte, die getrennt mit ihren Erwerbskosten zu aktivieren sind, aufteilen möchte, um den verbleibenden (in der Regel positiven) Restbetrag, der als Geschäftsoder Firmenwert (Goodwill) auszuweisen ist, klein zu halten129. Das soll – unter anderem – die Folgebewertung erleichtern und aussagekräftiger machen. Der hierbei einschlägige IFRS 3 nennt in seinen „Illustrative Examples“ (IE) für erworbene Güter folgende Beispiele (IFRS 3.IE16-44): (a) Absatzmarktbezogene immaterielle Vermögenswerte (IFRS 3.IE18) •• Warenzeichen, Firmennamen, Dienstleistungsmarken, Dachmarken und Zertifizierungszeichen, •• Aufmachung (besondere Farbe, Form oder Verpackungsgestaltung), •• Zeitungstitel, •• Internet-Domänennamen, •• Wettbewerbsunterlassungsvereinbarungen. (b) Kundenbezogene immaterielle Vermögenswerte (IFRS 3.IE23) •• Kundenlisten, im Zusammenhang mit der Überarbeitung des Rahmenkonzepts. Vgl. www. fasb.org/project/cf_phase-b.shtml (Stand: 19. Dezember 2012). Der IASB wird dieses aber demnächst alleine vorantreiben. Vgl. Kapitel 1. 129 Vgl. auch Kuhner (2008), S. 17. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 55 4.2 Aktiva 55 •• Auftragsbestand oder Aufträge in Bearbeitung, •• Kundenverträge und damit verbundene Kundenbeziehungen, •• nichtvertragliche Kundenbeziehungen. (c) Kunstbezogene immaterielle Vermögenswerte (IFRS 3.IE32) •• Theaterstücke, Opern and Ballettstücke, •• Bücher, Zeitschriften, Zeitungen and andere literarische Werke, •• musikalische Werke wie Kompositionen, Liedtexte und Werbemelodien, •• Bilder und Fotos, •• Videoaufnahmen und audiovisuelle Aufzeichnungen, einschließlich Kino- und Spielfilme, Musikvideos und Fernsehprogramme. (d) Vertragsbezogene immaterielle Vermögenswerte (IFRS 3.IE34) •• Lizenzvereinbarungen, Verträge über Nutzungsentgelte und Stillhaltevereinbarungen, •• Werbeverträge, Fertigungsaufträge, Geschäftsführungs-, Dienstleistungs- oder Lieferverträge, •• Leasingverträge, •• Baugenehmigungen, •• Franchise-Verträge, •• Betreiber- und Senderechte, •• Verwaltungs-/Abwicklungsverträge und Hypothekenabwicklungsverträge, •• Arbeitsverträge, •• Nutzungsrechte. (e) Technologiebezogene immaterielle Vermögenswerte (IFRS 3.IE39) •• Patentierte Technologien, •• Computersoftware und Topographien, •• unpatentierte Technologien, •• Datenbanken, einschließlich Grundbuchverzeichnisse, •• Betriebsgeheimnisse wie Geheimverfahren, Prozesse und Rezepte. Zur Problematik dieser Liste vergleiche unten Kapitel 9.10.1.3. 4.2.2 Sachanlagen (ohne Leasing und als Finanzinvestition gehaltene Immobilien) Sachanlagen werden – unter Vernachlässigung biologischer Vermögenswerte (vgl. hierzu IAS 41) und zur Veräußerung gehaltener Vermögenswerte (vgl. hierzu Kapitel 4.2.6) – geregelt durch (a) IAS 16 Sachanlagen, (b) IAS 17 Leasingverhältnisse und (c) IAS 40 Als Finanzinvestition gehaltene Immobilien. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 56 4. Bilanzansatz56 Sachanlagen umfassen materielle Vermögenswerte, die ein Unternehmen für Zwecke der Herstellung oder der Lieferung von Gütern und Dienstleistungen, zur Vermietung an Dritte oder für Verwaltungszwecke besitzt, und die erwartungsgemäß länger als eine Periode genutzt werden (IAS 16.6). Materielle Vermögenswerte haben körperliche oder – anders ausgedrückt – physische Substanz. Unter Sachanlagen fallen insbesondere unbebaute Grundstücke, Grundstücke und Gebäude, Maschinen und technische Anlagen, Schiffe, Flugzeuge, Kraftfahrzeuge, Betriebs- und Geschäftsausstattung (IAS 16.37). Strittig ist die Auslegung der Formulierung, wonach Sachanlagen „länger als eine Periode genutzt werden“. Die Formulierung ist mit einer Nutzung über mindestens 12 Monate ebenso zu vereinbaren wie mit einer kürzeren Nutzung über zwei Geschäftsjahre. Ich halte die zweite Auslegung für schwach überlegen130. IAS 16 lässt offen, wie einzelne Vermögenswerte des Sachanlagevermögens von anderen abzugrenzen sind. Gemäß IAS 16.43 ist aber jeder Teil einer abnutzbaren Sachanlage, der einen bedeutsamen Anteil an den gesamten Anschaffungs- oder Herstellungskosten hat, separat zu betrachten und planmäßig abzuschreiben. Es gilt ein Komponentenansatz, wobei die genauen Kriterien zur Bestimmung der Komponenten fehlen. Zwar wurde im Übergang von IAS 16 (überarbeitet 1998) zu dem jetzt geltenden IAS 16 (veröffentlicht 18. Dezember 2003) die Bezeichnung „Komponente“ durch „bedeutsamer Teil“ ersetzt, aber auch dieser Begriff bleibt unbestimmt. Während einerseits der Komponentenansatz verlangt, bedeutsame Teile eines größeren Ganzen getrennt zu betrachten (z. B. Flugwerk und Triebwerke eines Flugzeugs; IAS 16.44), kann es andererseits angemessen sein, einzelne unbedeutende Vermögenswerte, wie Press-, Gussformen oder Werkzeuge, zusammenzufassen und die Bilanzierungsvorschriften für einen Vermögenswert auf die zusammengefasste Menge anzuwenden (IAS 16.9). Aus den im Mai 2012 verabschiedeten Annual Improvements ergibt sich eine veränderte Formulierung der früher in IAS 16 enthaltenen Hinweise zur Bilanzierung von Ersatzteilen, Bereitschaftsausrüstungen und Wartungsgeräten. Es wird nun nicht mehr davon ausgegangen, dass sie normalerweise unter das Vorratsvermögen (IAS 2) fallen und lediglich solche Teile zu den Sachanlagen gehören, die nur in Zusammenhang mit einem Gegenstand der Sachanlagen genutzt werden können oder die als bedeutend anzusehen sind und die erwartungsgemäß länger als eine Periode gebraucht werden. Stattdessen werden nun alle Ersatzteile, Be- 130 Vgl. Ballwieser (2013), Tz. 10. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 57 4.2 Aktiva 57 reitschaftsausrüstungen und Wartungsgeräte unter IAS 16 subsumiert, wenn sie die Definition von Sachanlagen erfüllen. Andernfalls kommt IAS 2 zur Anwendung. Diese Änderung gilt für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2013 beginnen. Gegenstände der Sachanlagen können aus Gründen der Sicherheit oder des Umweltschutzes erworben werden, ohne dass durch sie direkt der wirtschaftliche Nutzen eines bereits vorhandenen Gegenstandes der Sachanlagen erhöht wird. Mögliche Beispiele für derartige Gegenstände sind Luftfilter- oder Kläranlagen131. Sie mögen aber notwendig sein, um den wirtschaftlichen Nutzen aus den anderen Vermögenswerten des Unternehmens überhaupt erst zu gewinnen oder zu erhöhen. In diesem Fall qualifizieren sich diese angeschafften Gegenstände als Vermögenswerte und sind eigenständig anzusetzen. Freilich ist ihr Ansatz nur insoweit erlaubt, wie der Buchwert eines solchen Vermögenswerts und seiner zugehörigen Vermögenswerte nicht den gesamten erzielbaren Betrag aus ihm und den zugehörigen Gegenständen übersteigt (IAS 36.8). Sie unterliegen demgemäß einer Überprüfung auf Wertminderungen gemäß IAS 36 (IAS 16.11). Im Januar 2009 wurde IFRIC 18, Übertragung von Vermögenswerten durch einen Kunden, verabschiedet, der sich in Teilen auf den Ansatz von Sachanlagen auswirkt. Die Interpretation ist vor allem für Unternehmen des Versorgungssektors von Bedeutung (vgl. aber IFRIC 18.2 für weitere denkbare Anwendungsgebiete). Sie regelt die bilanzielle Behandlung von Sachanlagen, die ein Unternehmen von einem Kunden unter der Auflage erhält, sie für den Anschluss des Kunden an ein Netz oder die Einrichtung eines dauerhaften Zugangs zur Versorgung mit Gütern oder Dienstleistungen zu verwenden. IFRIC 18.9 stellt klar, dass aus Sicht des empfangenden Unternehmens die Definition eines Vermögenswertes nicht erfüllt ist, wenn der Kunde den übertragenen Gegenstand weiterhin beherrscht, unabhängig davon, ob das Eigentum auf das Unternehmen übergeht. Die Tatsache, dass die Sachanlage zweckgebunden einzusetzen ist, steht der Möglichkeit, dass das empfangende Unternehmen die Beherrschung über den Gegenstand erwirbt, nicht entgegen (IFRIC 18.10). Sind die Kriterien für das Vorliegen eines Vermögenswertes erfüllt, so ist dieser gemäß IFRIC 18.11 unter den Sachanlagen auszuweisen. Für die Einbuchung von Sachanlagen gelten die in Kapitel 4.1. genannten Kriterien. IAS 16 regelt nur Ausbuchungen solcher Vermögenswerte des Sachanlagevermögens, die nicht unter IFRS 5 fallen. Nach diesem wird ein langfristiger Vermögenswert als zur Veräußerung gehalten angesehen, wenn sein Buchwert überwiegend durch ein Veräußerungsgeschäft 131 Vgl. IDW (2012a), S. 1683 (Abschnitt N, Rz. 166). Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 58 4. Bilanzansatz58 statt durch fortgesetzte Nutzung erzielt wird (IFRS 5.6). Nach IAS 16.67 ist ein Gegenstand der Sachanlagen bei Abgang oder dann, wenn kein künftiger wirtschaftlicher Nutzen aus seiner Nutzung oder seinem Abgang erwartet wird, auszubuchen. Der Zeitpunkt des Abgangs eines Vermögenswerts, etwa durch Verkauf oder Schenkung, bestimmt sich nach den Kriterien, die (derzeit noch) IAS 18 zur Umsatzrealisation enthält (zu Änderungsvorschlägen vgl. Kapitel 6.2). IAS 17 ist heranzuziehen, wenn der Abgang im Zuge einer Sale-and-leaseback-Transaktion erfolgt (IAS 16.69). 4.2.3 Leasinggüter und als Finanzinvestition gehaltene Immobilien Für den Ansatz von Sachanlagen ist eine wirtschaftliche Betrachtungsweise geboten. Danach ist das Eigentum an der Sachanlage keine notwendige Voraussetzung. Welche Konsequenzen mit der wirtschaftlichen Betrachtungsweise verbunden sind, ist derzeit beachtlicher Streitpunkt. Während IAS 17 über Leasingverhältnisse noch gilt, existiert ein im August 2010 veröffentlichter neuer Standardentwurf (ED/2010/9), der stark umstritten ist und im zweiten Quartal 2013 zu einem überarbeiteten Standardentwurf führen soll. Ich schildere im Folgenden die geltende Regelung und schließe die Änderungsvorschläge an. In der derzeitigen Auslegung der wirtschaftlichen Betrachtungsweise fordert IAS 17 vom Unternehmen den Ansatz eines geleasten Sachanlagegegenstands, wenn im Wesentlichen alle mit dessen Eigentum verbundenen Risiken und Chancen auf das Unternehmen übertragen werden (risk and reward approach), und regelt dessen Ersterfassung. Bei einem Leasingverhältnis überträgt der Leasinggeber (LG) dem Leasingnehmer (LN) das Recht auf Nutzung eines Vermögenswertes für einen vereinbarten Zeitraum gegen Zahlung (IAS 17.4). Werden im Wesentlichen alle mit dem Eigentum verbundenen Risiken und Chancen eines Vermögenswertes übertragen, so handelt es sich um Finanzierungsleasing. Ob das Eigentumsrecht übertragen wird oder nicht, ist unerheblich. Liegt Finanzierungsleasing nicht vor, handelt es sich um ein Operating-Leasingverhältnis (IAS 17.4 und .8). „Ob es sich bei einem Leasingverhältnis um ein Finanzierungsleasing oder um ein Operating-Leasingverhältnis handelt, hängt eher von dem wirtschaftlichen Gehalt der Vereinbarung als von einer bestimmten formalen Vertragsform ab.“ (IAS 17.10; vgl. auch SIC-27) Um den wirtschaftlichen Gehalt zu prüfen, gibt es Indikatoren, die – anders als nach deutschem Steuerrecht und US-GAAP – keine quanti- Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 59 4.2 Aktiva 59 tativen Grenzwerte aufweisen und ganzheitlich zu würdigen sind (IAS 17.10-11)132. Indikatoren für das Vorliegen von Finanzierungsleasing sind (a) die vertraglich vorgesehene Übertragung des Eigentums am Ende der Laufzeit des Leasingverhältnisses auf den Leasingnehmer (automatischer Eigentumsübergang), (b) die vertraglich vorgesehene Kaufoption des Leasingnehmers, den Vermögenswert zu einem Preis zu erwerben, der erwartungsgemäß deutlich niedriger als der zum möglichen Optionsausübungszeitpunkt beizulegende Zeitwert des Vermögenswertes ist, sodass zu Beginn des Leasingverhältnisses hinreichend sicher ist, dass die Option ausgeübt wird (günstige Kaufoption), (c) die Laufzeit des Leasingverhältnisses, die den überwiegenden Teil der wirtschaftlichen Nutzungsdauer des Vermögenswertes umfasst (Substanzaneignung über Laufzeit), (d) der zu Beginn des Leasingverhältnisses geltende Barwert der Mindestleasingzahlungen, der im Wesentlichen mindestens dem beizulegenden Zeitwert des Leasinggegenstandes entspricht (Kaufpreis- äquivalenz), (e) die ohne wesentliche Veränderungen nur vom Leasingnehmer mögliche Nutzung der Leasinggegenstände (Spezialleasing), (f) die Übernahme der durch Auflösung des Leasingverhältnisses durch den Leasingnehmer beim Leasinggeber entstehenden Verluste durch den Leasingnehmer (Verlustübernahme), (g) dem Leasingnehmer zufallende Gewinne oder Verluste, die durch Schwankungen des beizulegenden Zeitwertes des Restwertes entstehen (Erfolgsbeteiligung), (h) die Fortführung des Leasingverhältnisses durch den Leasingnehmer für eine zweite Mietperiode zu einer Miete, die wesentlich unter der marktüblichen Miete liegt (Verlängerungsvorteil). „Die Beispiele und Indikatoren (…) sind nicht immer schlüssig. Wenn aus anderen Merkmalen klar hervorgeht, dass ein Leasingverhältnis nicht im Wesentlichen alle Risiken und Chancen, die mit Eigentum verbunden sind, überträgt, wird es als Operating-Leasingverhältnis klassifiziert.“ (IAS 17.12) Die Vertragstypisierung ist zu Beginn des Leasingverhältnisses vorzunehmen. „Als Beginn des Leasingverhältnisses gilt der frühere der beiden folgenden Zeitpunkte: der Tag der Leasingvereinbarung oder der Tag, an dem sich die Vertragsparteien über die wesentlichen Bestimmungen der Leasingvereinbarung geeinigt haben.“ (IAS 17.4; im Original z. T. hervorgehoben) 132 Vgl. zu ihrer Präzisierung auch Kümpel/Becker (2006), S. 22–73, Adler/Düring/Schmaltz (2003), Abschnitt 12, Rz. 27–110. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 60 4. Bilanzansatz60 Der Beginn des Leasingverhältnisses ist zu unterscheiden von dem Beginn der Laufzeit des Leasingverhältnisses, der den Ansatz von Vermögenswerten und Schulden bestimmt. Er entspricht dem Tag, „ab dem der Leasingnehmer Anspruch auf die Ausübung seines Nutzungsrechts am Leasinggegenstand hat.“ (IAS 17.4) Die Klassifikation erfolgt mithin nach den Kriterien wie in Abbildung 4 dargestellt. Bei Finanzierungsleasing wird der Vermögenswert vom Leasingnehmer als wirtschaftlichem Eigentümer aktiviert und eine Schuld in gleicher Höhe passiviert133: „Leasingnehmer haben Finanzierungs-Leasingverhältnisse zu Beginn der Laufzeit des Leasingverhältnisses als Vermögenswerte und Schulden in gleicher Höhe in ihrer Bilanz anzusetzen, und zwar in Höhe des zu Beginn des Leasingverhältnisses beizulegenden Zeitwertes des Leasinggegenstandes oder mit dem Barwert der Mindestleasingzahlungen, sofern dieser Wert niedriger ist. Bei der Berechnung des Barwerts der Mindestleasingzahlungen ist der dem Leasingverhältnis zugrunde liegende Zinssatz als Abzinsungssatz zu verwenden, sofern er in 133 Obwohl ich die Darstellung von Ansatz und Bewertung grundsätzlich trenne, werden hier Bewertungsaspekte miteinbezogen, um die für das Bewertungskapitel bevorzugte Gliederung nicht verändern zu müssen. Abb. 4: Typisierung der Leasingverträge Wer ist wirtschaftlicher Eigentümer? Wer trägt im Wesentlichen die mit dem Eigentum verbundenen Risiken und Chancen? Leasingnehmer LN Leasinggeber LG Finanzierungsleasing Operating-Leasingverhältnis Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 61 4.2 Aktiva 61 praktikabler Weise ermittelt werden kann. Ist dies nicht der Fall, ist der Grenzfremdkapitalzinssatz des Leasingnehmers anzuwenden. Dem als Vermögenswert angesetzten Betrag werden die anfänglichen direkten Kosten des Leasingnehmers hinzugerechnet.“ (IAS 17.20) Die direkten Kosten entstehen oft beim Aushandeln und Absichern von Leasingverträgen (IAS 17.24). Sie erhöhen nicht die Schuld. Die relevanten Größen zur Bestimmung der Anschaffungskosten sind auf Grundlage der Verhältnisse zu Beginn des Leasingverhältnisses zu bestimmen (Tag der Leasingvereinbarung oder Tag der Einigung über deren wesentliche Bestimmungen), obwohl der Ansatz zu Beginn der Laufzeit des Leasingverhältnisses erfolgt (Tag, ab dem der Leasingnehmer Anspruch auf Nutzung hat)134. Der Vorbehalt besteht darin, dass die Anschaffungskosten vom beizulegenden Zeitwert oder dem Barwert der Mindestleasingzahlungen abweichen können. In praxi werden die fiktiven Anschaffungskosten des Leasingnehmers „regelmäßig durch den niedrigeren Barwert der Mindestleasingzahlungen determiniert“135. Die Begründung für den Ansatz von Vermögenswert und Schuld in gleicher Höhe (als Minimum von beizulegendem Zeitwert und Barwert der Mindestleasingzahlungen) besteht darin, dass der Leasingnehmer den Eigentumserwerb des Vermögenswertes bei gleichzeitiger Fremdfinanzierung durch das Eingehen des Leasingverhältnisses erspart hat. Der Leasingvertrag ersetzt einen fremdfinanzierten Kauf des Vermögenswertes und hat grundsätzlich136 dieselben bilanziellen Wirkungen. Zugleich sind die Kriterien für den Ansatz von Vermögenswerten (Existenz eines Nutzenbündels in der Verfügungsmacht des Unternehmens aufgrund vergangener Ereignisse mit wahrscheinlichem Nutzenzufluss und verlässlicher Bewertbarkeit) und Schulden (Existenz einer gegenwärtigen Verpflichtung des Unternehmens aufgrund vergangener Ereignisse mit wahrscheinlichem Nutzenabfluss und verlässlicher Bewertbarkeit) erfüllt. „Werden solche Leasingtransaktionen nicht in der Bilanz des Leasingnehmers erfasst, so werden die wirtschaftlichen Ressourcen und die Höhe der Verpflichtungen eines Unternehmens zu niedrig dargestellt, wodurch finanzwirtschaftliche Kennzahlen verzerrt werden. Es ist daher angemessen, ein Finanzierungsleasing in der Bilanz des Leasingnehmers als Vermögenswert und als eine Verpflichtung für künftige Leasingzahlungen anzusetzen.“ (IAS 17.22) 134 Zur Berücksichtigung der während des Schwebezustands resultierenden Ereignisse vgl. Kümpel/Becker (2006), S. 100–102. 135 Kümpel/Becker (2006), S. 100. Ausnahmen ergeben sich in Niedrigzinsphasen. 136 Vgl. aber den hinter Fn. 134 geäußerten Vorbehalt. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 62 4. Bilanzansatz62 Der Leasinggeber aktiviert statt des Vermögenswerts, der dem Finanzierungsleasing zugrunde liegt, eine Forderung in Höhe des Nettoinvestitionswertes (IAS 17.36). Dieser resultiert aus der abgezinsten Bruttoinvestition in ein Leasingverhältnis, definiert als Summe aus zu erhaltenden Mindestleasingzahlungen und nicht garantiertem Restwert, der zugunsten des Leasinggebers anfällt (IAS 17.4). Bei Finanzierungsleasing, an dem kein Hersteller oder Händler als Leasinggeber beteiligt ist, werden die anfänglichen direkten Kosten in die Bewertung miteinbezogen, was technisch über die Festlegung des Zinssatzes zur Ermittlung des Nettoinvestitionswertes geschieht (IAS 17.38). Liegt eine Beteiligung eines Herstellers oder Händlers vor, sind diese Kosten nicht einzubeziehen. Da der Leasinggeber den Leasinggegenstand erwerben musste, behandelt er die ausstehenden Leasingzahlungen als Kapitalrückzahlung und Finanzertrag, erhält seine Finanzinvestition zurückerstattet und wird für seine Dienstleistung entlohnt (IAS 17.37)137. Bei einem Operating-Leasingverhältnis hat der Leasinggeber den Vermögenswert in seiner Bilanz entsprechend den Eigenschaften des Vermögenswertes darzustellen (IAS 17.49). Er aktiviert die Anschaffungsoder Herstellungskosten zuzüglich der anfänglichen direkten Kosten. Der Leasingnehmer weist weder eine Forderung noch eine Schuld aus, solange der Leasingvertrag nicht als belastend im Sinne von IAS 37.10 anzusehen ist. Es handelt sich regelmäßig um einen ausgeglichenen schwebenden Vertrag. Im Ergebnis resultieren für den Bilanzansatz zu Beginn der Laufzeit des Leasingverhältnisses die folgenden Behandlungen: Leasinggeber erfasst im Leasingnehmer erfasst im Soll Haben Soll Haben Finanzierungsleasing Forderung in Höhe des Nettoinvestitionswertes (IAS 17.36 und .38) Zahlungsmittel oder Schuld Minimum aus fair value und Barwert der Mindestleasingzahlungen plus anfängliche direkte Kosten (IAS 17.20) Schuld in Höhe des Minimums ohne anfängliche direkte Kosten (IAS 17.20) 137 Vereinfacht gesagt bucht er Forderung an Kasse/Verbindlichkeit. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 63 4.2 Aktiva 63 Leasinggeber erfasst im Leasingnehmer erfasst im Soll Haben Soll Haben Operating- Leasingverhältnis AHK plus anfängliche direkte Kosten (IAS 17.49 und .52) Zahlungsmittel oder Schuld Nichts wegen schwebenden Vertrags Nichts, solange schwebender Vertrag ausgeglichen ist Tab. 1: Aktivierungs- und Passivierungskonsequenzen von Leasingverträgen Legende: AHK = Anschaffungs- oder Herstellungskosten Beim Operating-Leasingverhältnis „aktivisch abzugrenzen sind solche Zahlungen, die der Leasingnehmer zwischen dem Beginn des Leasingverhältnisses und dem Beginn der Laufzeit des Leasingverhältnisses entrichtet und die als vorausgezahltes Entgelt für die spätere Nutzungs- überlassung des Leasingobjekts zu beurteilen sind.“138 Zu passivischen Abgrenzungen kommt es bei mietreduzierten Perioden in der Anfangsphase des Leasingverhältnisses139. Beim Leasing von Grundstücken und Gebäuden sind die Grundstücksund Gebäudekomponenten zum Zwecke der Leasingklassifizierung gesondert zu betrachten (IAS 17.15A). Es kann zu einer Gesamteinschätzung als Finanzierungsleasing oder als Operating-Leasingverhältnis wie zu einer unterschiedlichen Einschätzung beider Komponenten kommen. „Gemäß IAS 40 hat ein Leasingnehmer die Möglichkeit, einen im Rahmen eines Operating-Leasingverhältnisses gehaltenen Immobilienanteil als Finanzinvestition zu klassifizieren. In diesem Fall wird dieser Immobilienanteil wie ein Finanzierungsleasing bilanziert (…).“ (IAS 17.19; vgl. auch IAS 40.6) Der Leasingnehmer ist in diesem Fall kein wirtschaftlicher Eigentümer, d. h. die Immobilie wird vom Leasinggeber aktiviert; zugleich aktiviert der Leasingnehmer den Immobilienanteil als eine als Finanzinvestition gehaltene Immobilie. Für als Finanzinvestitionen gehaltene Immobilien gilt IAS 40. Sie sind Immobilien, die vom Eigentümer oder vom Leasingnehmer im Rahmen eines Finanzierungsleasingverhältnisses zur Erzielung von Mieteinnahmen oder zum Zwecke der Wertsteigerung gehalten werden und nicht zur Herstellung oder Lieferung von Gütern, zur Erbringung von Dienstleistungen oder für Verwaltungszwecke oder zum Verkauf im Rahmen der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit des Unternehmens (IAS 138 Kümpel/Becker (2006), S. 142. 139 Vgl. Kümpel/Becker (2006), S. 142. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 64 4. Bilanzansatz64 40.5). Ex definitione werden sie vom Eigentümer nicht selbst genutzt. Für selbst genutzte Immobilien gilt IAS 16 (IAS 40.7). „Einige Immobilien werden teilweise zur Erzielung von Mieteinnahmen oder zum Zwecke der Wertsteigerung und teilweise zum Zwecke der Herstellung oder Lieferung von Gütern bzw. der Erbringung von Dienstleistungen oder für Verwaltungszwecke gehalten. Wenn diese Teile gesondert verkauft (oder im Rahmen eines Finanzierungsleasingverhältnisses gesondert vermietet) werden können, bilanziert das Unternehmen diese Teile getrennt.“ (IAS 40.10) Andernfalls wird die Immobilie nur dann als Finanzinvestition klassifiziert, wenn der andere Nutzungsteil unbedeutend ist. Für den Ansatz dieser besonderen Immobilien gelten die allgemeinen Ansatzkriterien für Vermögenswerte (IAS 40.16). „Eine als Finanzinvestition gehaltene Immobilie ist bei ihrem Abgang oder dann, wenn sie dauerhaft nicht mehr genutzt werden soll und ein zukünftiger wirtschaftlicher Nutzen aus ihrem Abgang nicht mehr erwartet wird, auszubuchen (und damit aus der Bilanz zu entfernen).“ (IAS 40.66) In praxi werden Leasingverträge meist so geschlossen, dass sie als Operating-Leasingverhältnis zu qualifizieren sind. Konsequenterweise zeigt die Bilanz des Leasingnehmers weder den Leasinggegenstand als Vermögenswert noch – bei ausgeglichenem schwebenden Vertrag – die in späteren Perioden zu erfüllenden finanziellen Verpflichtungen aus dem Vertrag als Schuld. Der Vertrag ist außerhalb der Bilanz („off-balance“). Der Leasingnehmer hat eine eigene Anschaffung des Vermögenswerts, die – oftmals mit Fremdkapital – zu finanzieren gewesen wäre, durch den Erhalt eines Nutzungsrechts, das über die Nutzungsdauer zu entgelten ist, ersetzt. Finanzierungsvorgänge außerhalb der Bilanz und damit verbundene verdeckte finanzielle Verpflichtungen sind aber spätestens seit der Finanzkrise suspekt. Der Entwurf zur Überarbeitung von IAS 17 (ED/2010/9) sieht deshalb Folgendes vor: (a) Die Aufteilung von Leasingverträgen in Finanzierungsleasing und Operating-Leasingverhältnis entfällt. (b) Der Leasingnehmer aktiviert das vertraglich zugesicherte Nutzungsrecht und passiviert die zugehörige finanzielle Verpflichtung. (c) Die finanzielle Verpflichtung wird zum Barwert der Leasingraten angesetzt, das Nutzungsrecht zum gleichen Betrag plus anfänglichen direkten Kosten (Rz. 12). Die Folgebewertung der Verpflichtung erfolgt zu fortgeführten Anschaffungskosten nach der Effektivzinsmethode (Rz. 16). Das Nutzungsrecht wird über die Vertragsdauer oder – falls kürzer – über die Nutzungsdauer des Vermögenswerts planmäßig abgeschrieben (Rz.  16 und 20). Die Notwendigkeit ei- Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 65 4.2 Aktiva 65 ner außerplanmäßigen Abschreibung ist in Übereinstimmung mit IAS 36 zu prüfen (Rz. 24). (d) Beim Leasinggeber ist zu prüfen, ob maßgebliche Risiken und Chancen auf den Leasingnehmer übertragen werden (Rz.  29). Bei Erfüllung dieser Bedingung bucht der Leasinggeber das Leasinggut aus und die Leasingforderung sowie einen eventuell verbleibenden Restwert des Vermögenswertes ein (Ausbuchungsansatz; derecognition approach). Bei Nichterfüllung bleibt der Vermögenswert in der Bilanz des Leasinggebers; eingebucht werden die Leasingforderung und die Nutzungsverpflichtung (Leistungserbringungsansatz; performance obligation approach). (e) Für die Laufzeit des Vertrags ist unter Berücksichtigung des „Mehrdafür-als-dagegen-Sprechen“-Kriteriums von der längstmöglichen Laufzeit auszugehen, wobei Optionen zur Mietverlängerung oder zur vorzeitigen Kündigung zu berücksichtigen sind (Rz. 13, 14 und 51). Der Entwurf wurde vielfach kritisiert. Wichtige Einwendungen betrafen folgende Punkte: (a) Es gibt außerhalb des Leasings weitere Nutzungsrechte, die bei ausgeglichenen Verträgen bisher nicht aktiviert wurden. Konzeptionell wären diese gleich zu behandeln; eine abweichende Lösung nur für Leasing lässt sich nicht begründen. (b) Die Einschätzung der Vertragslaufzeit lässt den Bilanzierenden gro- ßen Gestaltungsspielraum, was die Relevanz und glaubwürdige Darstellung der Informationen beschädigen kann. (c) Zwar erfassen wichtige Rechnungslegungsadressaten wie Finanzanalysten und Vertreter von Banken oder Investorengruppen die Zahllasten aus Leasingverträgen beim Leasingnehmer in korrigierten Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen, aber das geschieht auf unterschiedliche Weise. Damit ist nicht zu erwarten, dass die Neuregelung von allen Adressaten gleichermaßen begrüßt wird140. (d) Besonders umstritten sind die Höhe und der Ausweis der Aufwendungen in der GuV in Form von Abschreibungen des Vermögenswerts und von Zinsen aufgrund der Aufzinsung der Verbindlichkeit. Bei linearer Abschreibung führt dies zu im Zeitablauf abnehmenden Gesamtaufwendungen. Viele Adressaten bevorzugen hingegen ei- 140 Zu den Punkten (c) und (d) vgl. das IASB Staff Paper vom 24. Mai 2012, insb. S. 4; http://www.ifrs.org/Current-Projects/IASB-Projects/Leases/Meeting- Summaries-and-Observer-Notes/Pages/IASBMay12.aspx (Stand: 1. Dezember 2012). Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 66 4. Bilanzansatz66 nen gleich hohen Gesamtaufwand, weil sie diesen als Näherung für periodische Zahlungsströme in ihren Prognosen verwenden. Zum Zeitpunkt der Manuskriptabfassung (Januar 2013) ist über den neuen Standard noch nicht entschieden141. Wohin der IASB will, macht Hans Hoogervorst, Vorsitzender des IASB, in einer Rede vom 6. November 2012 an der London School of Economics mit drastischen Worten gegen eine bilanzunwirksame Finanzierung deutlich: „The vast majority of lease contracts are not recorded on the balance sheet, even though they usually contain a heavy element of financing. For many companies, such as airlines and railway companies, the offbalance sheet financing numbers can be quite substantial. What’s more, the companies providing the financing are more often than not banks or subsidiaries of banks. If this financing were in the form of a loan to purchase an asset, then it would be recorded. Call it a lease and miraculously it does not show up in your books. In my book, if it looks like a duck, swims like a duck, and quacks like a duck, then it probably is a duck. So is the case with debt – leasing or otherwise. Right now, most analysts take an educated guess on what the real but hidden leverage of leasing is by using the basic information that is disclosed and by applying a rule-of-thumb multiple. It seems odd to expect an analyst to guess the liabilities associated with leases when management already has this information at its fingertips. That is why it is urgent the IASB creates a new standard on leasing and that is exactly what we are doing, in close cooperation with the FASB. Companies tend to love off-balance sheet financing, as it masks the true extent of their leverage and many of those that make extensive use of leasing for this purpose are not happy. Furthermore, the leasing industry itself is fighting its own battle. Members of the US congress, heavily lobbied by the industry, are writing letters to our colleagues at the FASB. A recent report in the United States claimed that our joint efforts with the FASB to record leases on balance sheet will lead to 190,000 jobs being lost in the US alone. I seem to remember similar claims being made when the IASB and the FASB required stock options to be expensed. We should not be surprised by this lobbying. The SEC predicted it would happen. (…) These words turned out to be quite prophetic. As the financial crisis was caused by excessive leverage, our efforts to shed light on hidden leverage 141 Zu möglichen empirischen Auswirkungen in Deutschland vgl. insb. Fülbier (2012). Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 67 4.2 Aktiva 67 should be warmly welcomed around the world. The fact is that we are still facing an uphill battle. We will need all of the help we can get, to ensure that we do not get lobbied off course. We need national accounting standard-setters, regulators such as the SEC, investors and others to stand by their beliefs and help us to bring much-needed transparency to this important area. We really need their vocal support to counter what is a well-funded and well-resourced lobbying campaign.”142 Besonders heftiger Widerstand gegen den neuen Standard kommt nach Liesel Knorr, Präsidentin des Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC), derzeit aus Frankreich143. 4.2.4 Finanzielle Vermögenswerte (inklusive Finanzanlagen, ohne als Finanzinvestition gehaltene Immobilien und at equity bewertete Finanzanlagen) Finanzielle Vermögenswerte sind – anders als Sachanlagen – ohne körperliche oder, anders ausgedrückt, physische Substanz und insofern immateriell. Sie werden aber von den in IAS 38 geregelten weiteren immateriellen Vermögenswerten unterschieden, die nicht finanzieller Art sind. Für finanzielle Vermögenswerte gilt noch IAS 39 Finanzinstrumente: Ansatz und Bewertung, der aber aufgrund von Erfahrungen mit der Finanzkrise durch IFRS 9 Finanzinstrumente abgelöst werden soll. Dazu hat – wie die Vorbemerkungen zu IFRS 9 besagen – der IASB das Projekt zur Ablösung von IAS 39 in Phasen unterteilt. Nach Abschluss jeder Phase wird er Teile des IAS 39 durch Kapitel in IFRS 9 ersetzen. Im November 2009 gab der IASB jene Kapitel des IFRS 9 Finanzinstrumente heraus, die sich mit der Klassifizierung und Bewertung finanzieller Vermögenswerte befassen. Im Oktober 2010 ergänzte er IFRS 9 mit den Vorschriften zur Klassifizierung und Bewertung finanzieller Verbindlichkeiten. Dies beinhaltet Vorschriften zu eingebetteten Derivaten und der Bilanzierung des eigenen Ausfallrisikos bei finanziellen Verbindlichkeiten, die zum beizulegenden Zeitwert bewertet werden. Im Oktober 2010 entschied der IASB auch, die in IAS 39 enthaltenen Vorschriften zur Ausbuchung finanzieller Vermögenswerte und finanzieller Verbindlichkeiten unverändert zu übernehmen. Infolge dieser Änderungen hat der IASB im Oktober 2010 IFRS 9 und dessen Grundlage für Schlussfolgerungen (Basis for Conclusions) neu gegliedert. Im 142 Hoogervorst (2012), S. 5 f. 143 Vgl. Knorr, Liesel (2012), „Es fehlt ein gesunder Interessenausgleich“, in: Börsen-Zeitung Nr. 229 v. 27. November 2012, S. 11: „Nicht zuletzt von einem Standardsetzer, und zwar Frankreich, wird sehr verbissen behauptet, das Ganze gehöre in die Tonne.“ Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 68 4. Bilanzansatz68 Dezember 2011 verschob der IASB den Zeitpunkt des Inkrafttretens auf Januar 2015. Gegenwärtig gibt es Hürden bei der endgültigen Gestaltung und Verabschiedung von IFRS 9 aufgrund von Streitpunkten bei der Bilanzierung von Versicherungsverträgen, die mit dem Standard für Finanzinstrumente verbunden ist, sowie den Vorschriften zur Wertminderung und zum Macro Hedge Accounting. Ich stelle deshalb im Folgenden zuerst die europarechtlich noch geltenden Regelungen von IAS 39 dar, bevor ich Änderungen durch IFRS 9 skizziere. Finanzielle Vermögenswerte sind Finanzinstrumente, die in IAS 32 folgendermaßen definiert werden: „Ein Finanzinstrument ist ein Vertrag, der gleichzeitig bei dem einen Unternehmen zu einem finanziellen Vermögenswert und bei dem anderen Unternehmen zu einer finanziellen Verbindlichkeit oder einem Eigenkapitalinstrument führt.“ (IAS 32.11, im Original hervorgehoben) Zu den finanziellen Vermögenswerten gehören nach IAS 32.11: (a) flüssige Mittel (z. B. Kasse), (b) ein als Aktivum gehaltenes Eigenkapitalinstrument eines anderen Unternehmens (z. B. gehaltene Aktien), (c) ein vertragliches Recht, flüssige Mittel oder andere finanzielle Vermögenswerte von einem anderen Unternehmen zu erhalten (z. B. eine Ausleihung oder eine Forderung aus Lieferung und Leistung), (d) ein vertragliches Recht, finanzielle Vermögenswerte oder finanzielle Verbindlichkeiten mit einem anderen Unternehmen zu potentiell vorteilhaften Bedingungen auszutauschen (hierzu gehören Derivate144 wie eine Kaufoption auf Aktien oder eine gehaltene Wandelschuldverschreibung), (e) ein Vertrag, der durch Eigenkapitalinstrumente des bilanzierenden Unternehmens – unter bestimmten Bedingungen – erfüllt werden kann (z. B. eine gehaltene Aktienoption). Die in den Posten (c) bis (e) enthaltenen Bezüge auf vertragliche Vereinbarungen schließen auf hoheitlichem Akt basierende Forderungen – wie solche aus der Besteuerung – als Bestandteil von Finanzinstrumenten aus (IAS 32.AG.12). Dasselbe gilt für geleistete Anzahlungen im Zusammenhang mit Verträgen zum Austausch von Sachgütern oder Dienstleistungen (IAS 32.AG.11). IAS 39 gilt für die genannten finanziellen Vermögenswerte mit Ausnahme der folgenden, hier als wesentlich angesehenen Posten (IAS 39.2): 144 Derivate definiert IAS 39.9. Vgl. auch den Text auf der nächsten Seite. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 69 4.2 Aktiva 69 (a) Anteile an Tochter- oder Gemeinschaftsunternehmen, die der Kapitalkonsolidierung oder der Equity-Bewertung unterworfen sind (IFRS 10, IFRS 11; vgl. auch die Kapitel 9.1, 9.10 und 9.12), (b) Anteile an assoziierten Unternehmen, die at equity bewertet werden (IAS 28; vgl. auch Kapitel 9.12), (c) Vermögenswerte aus Altersversorgungsplänen (IAS 19), (d) anteilsbasierte Vergütungen (IFRS 2). Für die Bewertung – wie möglicherweise für die Gliederung – ist die Einteilung der finanziellen Vermögenswerte in vier Kategorien bedeutsam (IAS 39.45): (a) Kredite und Forderungen, (b) bis zur Endfälligkeit zu haltende Finanzinvestitionen, (c) finanzielle Vermögenswerte, die erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert bewertet werden; sie umfassen (i) zu Handelszwecken gehaltene finanzielle Vermögenswerte und (ii) beim erstmaligen Ansatz dieser Position zugewiesene (gewidmete) finanzielle Vermögenswerte, (d) zur Veräußerung verfügbare finanzielle Vermögenswerte. „Kredite und Forderungen sind nicht derivative finanzielle Vermögenswerte mit festen oder bestimmbaren Zahlungen, die nicht in einem aktiven Markt notiert sind.“ (IAS 39.9; im Original kursiv statt fett) Bei einem aktiven Markt sind definitionsgemäß die dort gehandelten Produkte homogen, können vertragswillige Käufer und Verkäufer in der Regel jederzeit gefunden werden und stehen Preise der Öffentlichkeit zur Verfügung (IAS 38.8). Unter die eingangs genannte Definition fallen sowohl originär entstandene als auch derivativ erworbene Kredite und Forderungen, sofern die Handelbarkeit an einem aktiven Markt fehlt. Neben diese objektiven Kriterien tritt die subjektive Absicht des Unternehmers, die Kredite und Forderungen nicht unverzüglich oder kurzfristig zu veräußern. In letztgenanntem Fall lägen zu Handelszwecken gehaltene finanzielle Vermögenswerte vor, die zum beizulegenden Zeitwert zu bewerten sind. Zur Abgrenzung von Derivaten ist IAS 39.9 zu beachten: Danach ändert sich der Wert des Derivats aufgrund einer Änderung des Preises, Zinssatzes oder einer anderen Variablen des Basisobjekts; es erfordert keine oder nur eine geringe anfängliche Nettoinvestition, und es wird zu einem späteren Zeitpunkt erfüllt. Grundformen sind Termingeschäfte, Optionen und Swapgeschäfte. „Bis zur Endfälligkeit zu haltende Finanzinvestitionen sind nicht derivative finanzielle Vermögenswerte mit festen oder bestimmbaren Zahlungen und einer festen Laufzeit, die das Unternehmen bis zur Endfälligkeit halten will und kann“ (IAS 39.9; im Original kursiv statt fett). Sie werden Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 70 4. Bilanzansatz70 weiterhin – in Abgrenzung von Krediten und Forderungen – auf einem aktiven Markt gehandelt, und es wird – in Abgrenzung zur Kategorie (c) – auf die Widmung als finanzielle Vermögenswerte, die zum beizulegenden Zeitwert bewertet werden, verzichtet. „Ein durch den Inhaber kündbarer finanzieller Vermögenswert (…) kann nicht als bis zur Endfälligkeit zu haltende Finanzinvestition eingestuft werden, weil das Bezahlen einer Verkaufsmöglichkeit bei einem finanziellen Vermögenswert im Widerspruch zur festen Absicht steht, den finanziellen Vermögenswert bis zur Endfälligkeit zu halten.“ (IAS 39.AG19) Die Einstufung von Finanzinstrumenten in diese Kategorie wird durch Bedingungen in IAS 39.51 f. und IAS 39.9 beschränkt. Finanzielle Vermögenswerte, die erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert bewertet werden, betreffen den Handelsbestand und dieser Bewertung gewidmete finanzielle Vermögenswerte. Ein finanzieller Vermögenswert wird als zu Handelszwecken gehalten eingestuft, „wenn der Vermögenswert (…) (i) hauptsächlich mit der Absicht erworben (…) wurde, kurzfristig verkauft (…) zu werden, (ii) beim erstmaligen Ansatz Teil eines Portfolios eindeutig identifizierter und gemeinsam verwalteter Finanzinstrumente ist, bei dem es in jüngerer Vergangenheit nachweislich kurzfristige Gewinnmitnahmen gab, oder (iii) ein Derivat ist (mit Ausnahme solcher, die als finanzielle Garantie oder Sicherheitsinstrumente designiert wurden und als solche effektiv sind)“ (IAS 39.9). Die Absicht des kurzfristigen Verkaufs muss beim Erwerb bestehen; der Ausdruck „kurzfristig“ wird nicht spezifiziert. Ein Finanzinstrument kann ferner unter Beachtung von IAS 39.11A und mit dem Ziel der Vermittlung zweckdienlicherer Informationen als erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert eingestuft (designiert) werden (IAS 39.9). Die Informationen werden verbessert, „weil entweder (i) Inkongruenzen bei der Bewertung oder beim Ansatz (…), die entstehen, wenn die Bewertung von Vermögenswerten oder Verbindlichkeiten oder die Erfassung von Gewinnen und Verlusten auf unterschiedlicher Grundlage erfolgt, beseitigt oder erheblich verringert werden; oder (ii) eine Gruppe von finanziellen Vermögenswerten und/oder finanziellen Verbindlichkeiten gemäß einer dokumentierten Risikomanagement- oder Anlagestrategie gesteuert und ihre Wertentwicklung anhand des beizulegenden Zeitwertes beurteilt wird und die Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 71 4.2 Aktiva 71 auf dieser Grundlage ermittelten Informationen zu dieser Gruppe intern an Personen in Schlüsselpositionen des Unternehmens (…) weitergereicht werden.“ (IAS 39.9) „Nach erstmaligem Ansatz darf ein Finanzinstrument nicht in die Kategorie der erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert zu bewertenden Finanzinstrumente umgegliedert werden.“ (IAS 39.50) Auch ist eine spätere Umklassifizierung für die der Bewertung zum beizulegenden Zeitwert gewidmeten finanziellen Vermögenswerte nicht möglich (IAS 39.50 (b)), jedoch – unter bestimmten Bedingungen – für Finanzinstrumente des Handelsbestands145 (IAS 39.50(c)). Danach darf der finanzielle Vermögenswert nicht mehr länger „kurzfristig“ zu Handelszwecken gehalten werden (IAS 39.50(c)). Erfüllt er weiterhin (1) die Definition von Krediten und Forderungen und hat das Unternehmen (2) die Absicht und Möglichkeit, ihn auf absehbare Zeit oder bis zur Fälligkeit zu halten, dann ist er umklassifizierbar in Kredite und Forderungen (IAS 39.50D). Erfüllt er hingegen weiterhin (1) nicht die Definition von Krediten und Forderungen, aber liegen (2) außergewöhnliche Umstände vor, dann ist er entweder in bis zur Endfälligkeit zu haltende Finanzinvestitionen oder in zur Veräußerung verfügbare finanzielle Vermögenswerte umklassifizierbar (IAS 39.50B). „Zur Veräußerung verfügbare finanzielle Vermögenswerte sind nicht derivative finanzielle Vermögenswerte, die als zur Veräußerung verfügbar bestimmt wurden“ (IAS 39.9; im Original kursiv statt fett) oder keiner der vorher genannten drei Kategorien zugeordnet werden. Auch sie können unter engen Bedingungen später umklassifiziert werden146 (IAS 39.50E). Der Entscheidungsbaum in Abb. 5 von Heuser/Theile macht die Beziehungen nochmals deutlich. Der Ansatz der finanziellen Vermögenswerte hat (nur) zu erfolgen, wenn das Unternehmen Vertragspartei hinsichtlich der oben erwähnten Rechte geworden ist (IAS 39.14). „Diese Regelung weicht konzeptionell stark von den allgemeinen Bilanzansatzkriterien der IFRS und des Rahmenkonzepts ab. Die Bilanzierungspflicht erfordert zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses keine Beurteilung, wie wahrscheinlich es ist, dass es daraus zu einem künftigen Nutzenzufluss kommt. Dieses sonst wichtige Ansatzkriterium wirkt sich nur für die Bewertung aus, während die Ansatzpflicht selbst unabhängig davon zu beurteilen ist. Es wird ebenfalls davon ausgegangen, dass eine zuverlässige Bewertung von 145 Vgl. auch Hayn/Hold-Paetsch/Vater (2009), S. 153, Tz. 36. 146 Vgl. auch Hayn/Hold-Paetsch/Vater (2009), S. 153, Tz. 37. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 72 4. Bilanzansatz72 Finanzinstrumenten bei erstmaligem Ansatz praktisch immer möglich ist.“147 Für die Ausbuchung von finanziellen Vermögenswerten sind (1) der Umfang des auszubuchenden Vermögenswertes und (2) der Zeitpunkt der Ausbuchung zu bestimmen. Gegebenenfalls ist ein Teil des finanziellen Vermögenswertes auszubuchen, wenn der Teil das Folgende umfasst: 147 Wagenhofer (2009), S. 242; im Original z. T. hervorgehoben. Abb. 5: Entscheidungsbaum zur Qualifikation der Finanzinstrumente Quelle: Heuser/Theile/Löw/Theile (2012), S. 488. ja ja ja ja ja ja ja ja nein nein nein nein nein nein Held for trading designiert nein At fair value through pro t or loss Derivat? Sicherungsinstrument? Spekulative Absicht? Bestand eines Handelsportfolios? Wird Fair-value-Option ausgeübt? Wird Available-for-sale-Option ausgeübt? Hat Finanzinstrument feste oder bestimmbare Zahlungen? Gibt es einen aktiven Markt? Besteht Absicht und Fähigkeit, bis Endfälligkeit zu halten? Loans and receivables Available-for-sale Held-to-maturity Finanzieller Vermögenswert Hedge Accounting nein Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 73 4.2 Aktiva 73 (a) speziell abgegrenzte Cash Flows eines finanziellen Vermögenswertes (z. B. hält das Unternehmen einen Zinsstrip mit Recht auf Zinszahlungen, aber nicht auf Tilgung) oder (b) einen exakt proportionalen Teil an den Cash Flows eines finanziellen Vermögenswertes oder (c) einen exakt proportionalen Teil an speziell abgegrenzten Cash Flows eines finanziellen Vermögenswertes (IAS 39.16). Der Zeitpunkt der Ausbuchung ist gegeben, wenn die vertraglichen Rechte auf Cash Flows aus dem finanziellen Vermögenswert auslaufen oder dieser übertragen wird (IAS 39.17). Die Einengung der Betrachtung auf Cash Flows statt auch auf Rechte zum Erhalt sonstiger finanzieller Vermögenswerte (IAS 32.11 und oben S. 68) wird zu Recht kritisiert148. Bei der Übertragung der vertraglichen Rechte auf Erhalt von Zahlungen aus finanziellen Vermögenswerten gilt eine wirtschaftliche Betrachtungsweise, d. h. es wird auf den Übergang der wesentlichen Risiken und Chancen abgestellt (IAS 39.20). Wegen der eingangs des Kapitels angesprochenen Überarbeitung von IAS 39 und dessen Ersatz durch IFRS 9 sind bereits in der IASB-Fassung der IFRS etliche der obigen Regelungen gestrichen, aber noch nicht in der EU übernommen. Nach IFRS 9 gelten folgende Regelungen für finanzielle Vermögenswerte: (a) Die vierteilige Einteilung von finanziellen Vermögenswerten gemäß IAS 39 wird zugunsten einer zweiteiligen Einteilung aufgegeben. Alle finanziellen Vermögenswerte müssen beim erstmaligen Ansatz im Hinblick auf die Folgebewertung mit fortgeführten Anschaffungskosten oder beizulegendem Zeitwert grundsätzlich auf Grundlage des Geschäftsmodells des Unternehmens zur Steuerung finanzieller Vermögenswerte und der Eigenschaften der vertraglichen Cash Flows des finanziellen Vermögenswerts klassifiziert werden (IFRS 9.3.1.1 i. V. m. IFRS 9.4.1.1). (b) Die Vermögenswerte werden beim erstmaligen Ansatz zum beizulegenden Zeitwert sowie bei finanziellen Vermögenswerten, die nicht aufwands- oder ertragswirksam zum beizulegenden Zeitwert bewertet werden, zudem unter Einbeziehung von direkt dem Erwerb zuzurechnenden Transaktionskosten bewertet. (c) Die Folgebewertung mit fortgeführten Anschaffungskosten verlangt die Erfüllung von zwei Bedingungen (IFRS 9.4.1.2): (1) Der Vermögenswert wird im Rahmen eines Geschäftsmodells gehalten, dessen Zielsetzung darin besteht, Vermögenswerte zur Vereinnahmung der 148 Vgl. Haufe IFRS-Kommentar/Lüdenbach (2012), § 28 Rz. 63. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 74 4. Bilanzansatz74 vertraglichen Cash Flows zu halten. (2) Die Vertragsbedingungen des finanziellen Vermögenswerts führen zu festgelegten Zeitpunkten zu Cash Flows, die ausschließlich Tilgungs- und Zinszahlungen auf den ausstehenden Kapitalbetrag darstellen. (d) Ein finanzieller Vermögenswert, der nicht zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet wird, ist zum beizulegenden Zeitwert zu bewerten (IFRS 9.4.1.4). Wertänderungen gehen grundsätzlich in die GuV, nicht in das sonstige Ergebnis ein (IFRS 9.5.7.1). (e) Ungeachtet vorstehender Regelungen „kann ein Unternehmen einen finanziellen Vermögenswert beim erstmaligen Ansatz unwiderruflich als aufwands- oder ertragswirksam zum beizulegenden Zeitwert bewertet designieren, wenn dadurch Inkongruenzen bei der Bewertung oder beim Ansatz (…), die entstehen, wenn die Bewertung von Vermögenswerten oder Verbindlichkeiten oder die Erfassung von daraus resultierenden Gewinnen und Verlusten auf unterschiedlicher Grundlage erfolgt, beseitigt oder erheblich verringert werden (…).“ (IFRS 9.4.1.5) (f) „Nur wenn ein Unternehmen sein Geschäftsmodell zur Steuerung finanzieller Vermögenswerte ändert, hat es eine Reklassifizierung aller betroffenen finanziellen Vermögenswerte gemäß den Paragraphen 4.1.1-4.1.4 vorzunehmen.“ (IFRS 9.4.4.1) Jedoch gibt es einen weiteren Änderungsvorschlag vom 28. November 2012 (ED/2012/4). Auf Drängen der Versicherungsgesellschaften will der IASB nun eine dritte Bewertungskategorie einführen, für die bei Zeitwertbilanzierung Wertänderungen nicht in die GuV einfließen, sondern direkt mit dem Eigenkapital verrechnet werden (Abs. 4.1.1). Das geht in Richtung der alten Bilanzierung von IAS 39 mit der Behandlung von fortgeführten Anschaffungskosten und der erfolgswirksamen wie der erfolgsneutralen Erfassung einer Änderung von beizulegenden Zeitwerten. Der in der obigen Aufzählung in Punkt (d) erwähnte Grundsatz wird ausgehöhlt. 4.2.5 Immaterielle Anlagewerte „Ein immaterieller Vermögenswert ist ein identifizierbarer, nicht monetärer Vermögenswert ohne physische Substanz.“ (IAS 38.8, im Original z. T. hervorgehoben) Die Identifizierbarkeit eines immateriellen Vermögenswertes ist erfüllt, „wenn: (a) er separierbar ist, d. h. er kann vom Unternehmen getrennt und verkauft, übertragen, lizenziert, vermietet oder getauscht werden. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 75 4.2 Aktiva 75 Dies kann einzeln oder in Verbindung mit einem Vertrag, einem identifizierbaren Vermögenswert oder einer identifizierbaren Schuld erfolgen; oder (b) er aus vertraglichen oder anderen gesetzlichen Rechten entsteht, unabhängig davon, ob diese Rechte vom Unternehmen oder von anderen Rechten und Verpflichtungen übertragbar oder separierbar sind.“ (IAS 38.12; im Original hervorgehoben) Da die Definition des immateriellen Vermögenswertes verlangt, dass „ein immaterieller Vermögenswert identifizierbar ist, um ihn vom Geschäfts- oder Firmenwert unterscheiden zu können“ (IAS 38.11), erfüllt Letzterer nicht die Definition des immateriellen Anlagewertes. Dementsprechend darf ein selbstgeschaffener (= originärer) Geschäfts- oder Firmenwert nicht aktiviert werden (IAS 38.48). Jedoch muss bei einem Unternehmenszusammenschluss vom Erwerber zum Erwerbsdatum der erworbene (= derivative) Geschäfts- oder Firmenwert angesetzt werden (IFRS 3.32). Dieser stellt einen Vermögenswert dar, dessen künftiger wirtschaftlicher Nutzen aus anderen erworbenen Vermögenswerten resultiert, die nicht einzeln identifiziert und getrennt angesetzt werden können (IFRS 3.A). Entgeltlicher Erwerb ist keine notwendige Voraussetzung für den Ansatz immaterieller Anlagewerte; sie können selbsterstellt oder geschenkt sein, müssen jedoch aufgrund von Ereignissen in der Vergangenheit von dem Unternehmen beherrscht werden, Nutzenzufluss bei dem Unternehmen erwarten lassen (IAS 38.8 und .21) und verlässlich bewertet werden können (IAS 38.21). Der juristischen Durchsetzung der Beherrschung aufgrund eines Rechts bedarf es nicht (IAS 38.13). Das Problem der immateriellen Anlagewerte liegt in ihrer Nachprüfbarkeit aufgrund (a) fehlender physischer Substanz, (b) nicht notwendigerweise vorliegender Rechte, (c) schwieriger Bewertbarkeit. Von Interesse sind deshalb explizite Bilanzierungsverbote. Diese betreffen Ausgaben für (a) Forschung (IAS 38.54), (b) Entwicklung, die nicht bestimmten Kriterien genügen (IAS 38.57), (c) selbstgeschaffene Markennamen, Drucktitel, Verlagsrechte, Kundenlisten sowie ihrem Wesen nach ähnliche Sachverhalte (IAS 38.63), (d) Gründung und Anlauf eines Geschäftsbetriebs (IAS 38.69(a)), (e) Aus- und Weiterbildungsaktivitäten (IAS 38.69(b)), (f) Werbekampagnen und Maßnahmen der Verkaufsförderung (IAS 38.69(c)), Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 76 4. Bilanzansatz76 (g) Verlegung oder Umorganisation von Unternehmensteilen oder des gesamten Unternehmens (IAS 38.69(d)). Schwächer sind die Aussagen über selbstgeschaffenen Mitarbeiterstamm, Belegschaftsqualität und nicht rechtlich geschützte Kundenbeziehungen, bei denen nur „für gewöhnlich“ die Beherrschbarkeit fehlen soll, aber im Einzelfall belegt werden kann (IAS 38.15 f.). Von besonderer Bedeutung ist die Aktivierung von Entwicklungsausgaben gemäß IAS 38.57. Die Regelung nennt sechs Voraussetzungen, die für die Aktivierung erfüllt sein müssen. Hierzu gehören149 (a) die technische Realisierbarkeit der Fertigstellung des immateriellen Vermögenswertes, damit er zur Nutzung oder zum Verkauf zur Verfügung stehen wird, (b) die Absicht, den immateriellen Vermögenswert fertig zu stellen sowie ihn zu nutzen oder zu verkaufen, (c) die Fähigkeit, den immateriellen Vermögenswert zu nutzen oder zu verkaufen, (d) der Nachweis, wie der immaterielle Vermögenswert einen voraussichtlichen künftigen wirtschaftlichen Nutzen erzielen wird, (e) die Verfügbarkeit adäquater Ressourcen, um die Entwicklung abzuschließen und den immateriellen Vermögenswert nutzen oder verkaufen zu können, (f) die verlässliche Bewertbarkeit. Zu Recht wird hier angeführt, dass die Bedingungen ein faktisches Wahlrecht schaffen, weil das Unternehmen Nachweise führen kann, aber nicht muss150. Das wird insbesondere bei Punkt (b) deutlich. Darüber hinaus schafft beispielsweise Punkt (a) Nachweis- und damit Objektivierungsprobleme. Nachaktivierungen vormals als Aufwand erfasster Ausgaben für einen immateriellen Posten sind nicht erlaubt (IAS 38.71; SIC-32). Die Ausbuchung immaterieller Vermögenswerte hat bei Abgang oder fehlendem wirtschaftlichen Nutzen von seiner Nutzung oder seinem Abgang zu erfolgen (IAS 38.112). 149 SIC-32 konkretisiert etwas die Kriterien für die Aktivierung von Kosten für Internetseiten. 150 Vgl. z. B. Heuser/Theile/Theile (2012), Rz.  1059: „Vergleichsweise sinnlos sind die Kriterien (b) und (c): Sie können eine vom Management gewollte Aktivierung i. d. R. nicht verhindern.“ (Im Original z. T. hervorgehoben) Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 77 4.2 Aktiva 77 4.2.6 Zur Veräußerung vorgesehene langfristige Vermögenswerte Für zur Veräußerung vorgesehene langfristige Vermögenswerte gilt IFRS 5. Ein entsprechender Vermögenswert ist derart zu klassifizieren, „wenn der zugehörige Buchwert überwiegend durch ein Veräußerungsgeschäft und nicht durch fortgesetzte Nutzung realisiert wird.“ (IFRS 5.6) Verlangt werden die sofortige Veräußerbarkeit zu Bedingungen, die für den Verkauf derartiger Vermögenswerte gängig und üblich sind, und die Höchstwahrscheinlichkeit einer solchen Veräußerung (IFRS 5.7). Die Höchstwahrscheinlichkeit wird daran verankert, dass die zuständige Managementebene einen Plan für den Verkauf beschlossen hat und mit der Suche nach einem Käufer und der Durchführung des Plans aktiv begonnen wurde (IFRS 5.8). Weitere Bedingungen betreffen die Preisforderung und die Veräußerungsfrist. 4.2.7 Vorräte Vorräte werden in IAS 2 geregelt151. Er definiert Vorräte als „Vermögenswerte, (a) die zum Verkauf im normalen Geschäftsgang gehalten werden; (b) die sich in der Herstellung für einen solchen Verkauf befinden; oder (c) die als Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe dazu bestimmt sind, bei der Herstellung oder der Erbringung von Dienstleistungen verbraucht zu werden.“ (IAS 2.6) IAS 2 gilt insbesondere nicht für unfertige Erzeugnisse im Rahmen von Fertigungsaufträgen (hier gilt IAS 11), Finanzinstrumente (hier gelten IAS 32 und 39) und biologische Vermögenswerte (hier gilt IAS 41). 4.2.8 Fertigungsaufträge Fertigungsaufträge führen zu „Vorräten“ besonderer Natur: Die Vermögenswerte werden nicht für den anonymen Markt gefertigt, sondern aufgrund eines kundenspezifischen Vertrags152. Ein Fertigungsauftrag ist ein kundenspezifisch ausgehandelter Vertrag zur Fertigung einzel- 151 Vgl. hierzu auch Kümpel (2005), S. 3–110. 152 Vgl. hierzu auch Kümpel (2005), S. 111–182. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 78 4. Bilanzansatz78 ner Vermögenswerte oder einer Anzahl von Vermögenswerten153, „die hinsichtlich Design, Technologie und Funktion oder hinsichtlich ihrer endgültigen Verwendung aufeinander abgestimmt oder voneinander abhängig sind.“ (IAS 11.3) Unterschieden werden Festpreis- und Kostenzuschlagsverträge (IAS 11.3). Die Einteilung bestimmt die Kriterien, an welche die Gewinnrealisation gemäß Fertigungsfortschritt oder im Ausmaß erzielbarer Kosten anknüpft (IAS 11.22-24, .32). 4.2.9 Aktive Steuerposten IAS 12 regelt tatsächliche erstattungsfähige Ertragsteuern und latente Steueransprüche. Latente Steueransprüche „sind die Beträge an Ertragsteuern, die in zukünftigen Perioden erstattungsfähig sind, und aus: (a) abzugsfähigen temporären Differenzen; (b) dem Vortrag noch nicht genutzter steuerlicher Verluste; und (c) dem Vortrag noch nicht genutzter steuerlicher Gewinne resultieren.“ (IAS 12.5) Temporäre Differenzen sind Unterschiedsbeträge zwischen dem Buchwert eines Vermögenswertes oder einer Schuld in der Bilanz und seinem Steuerwert. Abzugsfähige temporäre Differenzen führen zu Beträgen, die bei der Ermittlung des zu versteuernden Ergebnisses zukünftiger Perioden abzugsfähig sind, wenn der Buchwert des Vermögenswertes realisiert oder eine Schuld erfüllt wird (IAS 12.5)154. Tatsächliche Steuererstattungsansprüche sind als Vermögenswert zu aktivieren (IAS 12.12 f.). Grundsätzlich ist weiterhin ein latenter Steueranspruch „für alle abzugsfähigen temporären Differenzen in dem Maße zu bilanzieren, wie es wahrscheinlich ist, dass ein zu versteuerndes Ergebnis verfügbar sein wird, gegen das die abzugsfähige temporäre Differenz verwendet werden kann (…)“. (IAS 12.24) 153 Aus „contract specifically negociated for the construction of an asset“ wird in der EU-Übersetzung „Vertrag über die kundenspezifische Fertigung einzelner Gegenstände“ (IAS 11.3). Das ist in zweierlei Hinsicht missglückt: Erstens könnten bei permissiver Auslegung der deutschen Version Standardprodukte mit Ausstattungsvarianten, die man beispielsweise in der Automobilindustrie findet, unter Fertigungsaufträge fallen. Diese sind aber als Vorräte gemäß IAS 2 zu behandeln. Zweitens geht es nicht nur um Gegenstände, sondern auch um Dienstleistungen (IAS 11.5(a)). Vgl. Dobler (2006), S. 161. 154 Vgl. Rammert (2005). Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 79 4.3 Passiva 79 4.3 Passiva 4.3.1 Eigenschaften von Schulden Anzusetzende Passiva sind – wie in Kapitel 4.1 erwähnt – Schulden und Eigenkapital. Das Eigenkapital ergibt sich als Saldo aus der Summe der bewerteten Vermögenswerte und Schulden. Eine anzusetzende Schuld ist eine gegenwärtige Verpflichtung (a) des Unternehmens aufgrund vergangener Ereignisse (b) mit wahrscheinlichem Nutzenabfluss und (c) verlässlicher Bewertbarkeit. Die gegenwärtige Verpflichtung ist zwingend eine Außenverpflichtung gegenüber Dritten (IAS 37.20). Die Verpflichtung kann finanzieller wie nichtfinanzieller Natur sein. Sie kann durch Zahlung flüssiger Mittel, Übertragung anderer Vermögenswerte, Erbringung von Dienstleistungen, Ersatz durch eine andere Verpflichtung oder Umwandlung in Eigenkapital erfüllt werden (Rahmenkonzept Abs. 4.17). Die Verpflichtung kann auf Vertrag, Gesetz oder faktischem Leistungszwang basieren (Rahmenkonzept Abs. 4.15). Bei faktischen statt rechtlichen Außenverpflichtungen ergibt sich bezüglich der Abgrenzung von Außen- und Innenverpflichtung eine Unschärfe, auf die bereits in Kapitel 3.2.1 hingewiesen wurde. Die Verpflichtung muss eine unkompensierte Last, eine Nettobelastung, darstellen. Dies ist z. B. bei einem ausgeglichenen Dauerschuldverhältnis, bei dem sich Wert von Leistung und Gegenleistung entsprechen, nicht der Fall und führt deshalb nicht zu einem Schuldenausweis155. Der Bezug auf die vergangenen Ereignisse korrespondiert mit der gegenwärtigen, d. h. am Bilanzstichtag bestehenden Verpflichtung. Die vergangenen Ereignisse sind sowohl Geschäftsvorfälle wie Lieferungen oder Leistungen, aufgenommene Kredite oder den Arbeitnehmern zugesagte Pensionsleistungen als auch sonstige Ereignisse wie überraschenderweise eingetretene Schäden oder zu erwartende Schadenersatzklagen. Der wahrscheinliche Nutzenabfluss verlangt eine mehr als 50 %-ige Wahrscheinlichkeit für den Nutzenabfluss (IAS 37.23). Der verlässlichen Bewertbarkeit steht die Notwendigkeit von Schätzungen nicht entgegen (Rahmenkonzept Abs. 4.19). Bei unsicheren Schulden sind regelmäßig Existenz, Höhe und Leistungszeitpunkt unsicher. 155 Vgl. auch Hachmeister (2006), S. 3. 4.3 Passiva

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References

Zusammenfassung

IFRS-Rechnungslegung

Dieses Handbuch liefert einen Überblick über das Konzept und die Regeln der IFRS, ohne in einer Flut von Details unterzugehen. Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen geht es aber auch um eine Wertung des Regelwerkes im Hinblick auf Konsistenz, Verständlichkeit und empirische Wirkungen auf den Kapitalmarkt.

Die Schwerpunkte

- IFRS als EU-weite Rechnungslegungsnormen

- Regelungsphilosophien des IASB

- Vermögensabbildung versus Gewinnermittlung

- Bilanzansatz und -bewertung

- Gesamtergebnisrechnung

- Weitere Instrumente

- Generalklausel: Vermittlung des den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes

- Konzernbesonderheiten

- Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber HGB

- Probleme der IFRS