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5.4 Fair-value-Problematik in:

Wolfgang Ballwieser

IFRS-Rechnungslegung, page 144 - 148

Konzept, Regeln und Wirkungen

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4562-6, ISBN online: 978-3-8006-4563-3, https://doi.org/10.15358/9783800645633_144

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 133 5.4 Fair-value-Problematik 133 Bei leistungsorientierten Pensionsplänen führten in der Vergangenheit nicht sämtliche Parameteränderungen sofort zur Anpassung des Rückstellungsbetrags, weil Ausnahmen von der notwendigen Anpassung am Bilanzstichtag an die gegebenen neuen Verhältnisse erlaubt waren. Es konnte ein Korridor genutzt werden, innerhalb dessen bestimmte Werte schwanken durften, ohne dass eine Anpassung notwendig wurde. Diese Regelung ist seit der Neufassung von IAS 19 abgeschafft. „Bei Abzinsung spiegelt sich der Zeitablauf in der periodischen Erhöhung des Buchwertes einer Rückstellung wider. Diese Erhöhung wird als Fremdkapitalkosten erfasst.“ (IAS 37.60) 5.4 Fair-value-Problematik An vielen Stellen verwenden die IFRS den beizulegenden Zeitwert oder fair value als Wertkategorie (vgl. auch Kapitel 5.1). Die Aussagekraft von fair values basiert auf einer Modellwelt mit den Annahmen (a) homogener Güter, (b) die auf vollständigen und liquiden Märkten mit vielen Nachfragern und Anbietern ohne individuelle Marktmacht und ohne Transaktionskosten gehandelt werden (vollkommene Konkurrenz) und (c) deren Gleichgewichtspreise den Marktteilnehmern nahezu zeitlos bekannt werden213. Die Bepreisung lässt sich in diesem Sinne nachvollziehen, auch wenn die Wertvorstellungen der einzelnen Marktteilnehmer von dem erzielten Preis mit Ausnahme der Grenzparteien abweichen. Um das Konzept theoretisch gut verwenden zu können, ist auch die Unsicherheit einzubeziehen, d. h. die Güter müssen zeit- und zustandsabhängig definiert und bepreist werden, was im Zeit-Zustands-Modell von Arrow-Debreu214 gelingt, aber von der Realität weit entfernt ist. In der Welt von Arrow-Debreu gibt es auch keinen Grund, Unternehmen zu gründen. Diese werden gegenüber alleinigen Tauschaktionen am Markt erst dadurch sinnvoll, dass sie durch eine Güterkombination Mehrwerte (Kombinationseffekte oder Synergien) schaffen können. Bereits das zeigt, dass das theoretische Modell zur Begründung der Relevanz von fair values von der praktischen Realität weit entfernt ist. Diese Feststel- 213 Vgl. auch Hitz (2005), S. 58 f.; anders Bieker (2006), S. 12, der das Konzept an beobachtbaren Marktpreisen „als Ergebnis des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage“ und nicht an einem Gleichgewichtsmodell verankert sehen will. Offen bleibt, weshalb Marktpreise ohne Gleichgewichtsannahme relevant sein sollen. 214 Vgl. Arrow/Debreu (1954). 5.4 Fair-value-Problematik Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 134 5. Bilanzbewertung134 lung macht die theoretische Grundlage aber nicht unbrauchbar; sie wird vielmehr zum Leitbild der Bestimmung des fair value. Dementsprechend meint Hitz, dass der fair value „einen hypothetischen Marktpreis unter idealisierten, nicht unter idealtypischen Bedingungen“215 darstellt. Betrachten wir die IFRS zur Bestimmung des beizulegenden Zeitwertes genauer, bieten sich die Vorschriften zu Finanzinstrumenten an, weil bei diesen die Annahmen der homogenen Güter und der liquiden Märkte mit größerer Wahrscheinlichkeit als bei anderen Gütern, z. B. Immobilien, erfüllt sein werden. Auf die Finanzinstrumente bin ich bereits in Kapitel 5.2.2 eingegangen und habe dort festgehalten, dass (a) nicht nur Marktpreise den beizulegenden Zeitwert bestimmen, (b) bei fehlenden oder aussagelosen Marktpreisen Bewertungsmethoden verwendet werden müssen, (c) bei der Anwendung der Bewertungsmethoden der Bewerter sich in die Rolle der Marktteilnehmer versetzen und sein spezifisches Wissen über das Unternehmen vergessen soll, (d) vernünftige Schätzungen angesprochen werden, deren Vernunftkriterium (zwangsläufig) offen bleibt. Aus all dem leitet die Literatur ab, dass den beizulegenden Zeitwerten möglicherweise Entscheidungsrelevanz zukommt, sie aber – von Ausnahmen abgesehen – kaum verlässlich bestimmt werden können216. Freilich ist selbst die Entscheidungsrelevanz kritisch zu sehen: (a) Unternehmen halten unter finanziellen Gesichtspunkten Vermögenswerte nur, wenn der unternehmensspezifische Wert den Marktpreis übersteigt. Andernfalls würden sie durch Veräußerung das Vermögen der Eigentümer mehren. Warum interessiert dann der Marktpreis statt des unternehmensspezifischen Wertes217? Lässt man die Objektivierungsproblematik beiseite, ist der Marktpreis nur für nicht betriebsnotwendige Vermögenswerte218 und Schulden relevant. Der Zusammenhang von Marktpreis und unternehmensspezifischem Wert ist lose. (b) Warum interessieren Änderungen von Marktpreisen und daraus resultierende Schwankungen des Eigenkapitals, wenn man von der 215 Hitz (2005), S. 93. 216 Vgl. insb. Watts (2003), S. 219; Penman (2003), S. 88 f.; Streim/Bieker/Esser (2003), S. 472–475; Baetge/Zülch (2001), S. 558. 217 Vgl. auch Bieker (2006), S. 22: „Wie im Einzelnen noch zu zeigen sein wird, sind die Adressaten der Rechnungslegung – aktuelle sowie potenzielle Eigen- und Fremdkapitalgeber – an Informationen interessiert, die etwas über die Breite, zeitliche Verteilung und Unsicherheit der zukünftig erwarteten Cash Flows aussagen; dies impliziert eine Ertragswertbilanz als theoretisches Ideal.“ 218 Vgl. auch Bieker (2006), S. 209; Hitz (2005), S. 188 f. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 135 5.4 Fair-value-Problematik 135 Fortführungsprämisse und dem Halten zahlreicher Vermögenswerte und Schulden ausgeht219? (c) Warum steigt mit sinkender Bonität von Schulden und dementsprechend niedrigerem Barwert das Eigenkapital220? (d) Eine Preissteigerung eines Vermögenswerts wegen erzielbarer Verbundeffekte ist Ausdruck besserer Konsummöglichkeiten der Eigentümer und insofern für diese interessant, wird aber wegen nötiger Einzelbewertung nur unter besonderen Bedingungen gemäß IFRS 13.31(a) gezeigt. Eine im DCF-Kalkül erzeugte Preissteigerung wegen Senkung des Diskontierungssatzes, d. h. der Verschlechterung von Handlungsalternativen, ist hingegen nur bei beabsichtigtem Sofortkonsum Ausdruck besserer Konsummöglichkeiten221. Hitz untersucht – soweit erkennbar, mit größtem theoretischen Bezug – die Entscheidungsrelevanz von fair values unter entscheidungstheoretischem und informationsökonomischem Aspekt. In entscheidungstheoretischer Perspektive sieht er den Vorzug von fair values „in der ,Delegation‘ der Zahlungsstromschätzung an den Markt bzw. an das berichterstattende Unternehmen, die unter der Voraussetzung der Kapitalwertneutralität und der Risikobewertbarkeit geeignet ist, Ermittlungskosten zu senken. Vor allem aber vermag der Separationsansatz die Qualität der Prognose zu verbessern und damit unmittelbaren Entscheidungsnutzen im Sinne des entscheidungstheoretischen Ansatzes zu stiften, wenn die im fair value implizierte Zahlungsstromprognose und -bewertung eine präzisere bzw. unverzerrtere Approximation des ,wahren‘ Zahlungsstromprofils leistet als die Schätzung des Anlegers. Dies ist freilich nicht unabhängig vom konkreten Entscheidungskontext und der Qualität der dem Investor vorliegenden Informationen zu entscheiden.“222 219 Vgl. auch Ballwieser (2002a), S. 299, und Bieker (2006), S. 193: „Kann das bilanzierende Unternehmen die in seinem Besitz stehenden Erfolgspotenziale rentabel in der Produktion von Sachgütern und/oder Dienstleistungen einsetzen, ist es völlig unerheblich, wenn der Durchschnitt der Marktteilnehmer nicht über entsprechende Möglichkeiten verfügt und es dementsprechend zu einem Absinken des Marktpreises für das betreffende Potenzial kommt.“ Die Objektivierungsproblematik ist bei dieser Aussage ausgespart. 220 Nach Bieker (2006), S. 234, betrifft das nicht die konzeptionelle Schwäche des Fair-value-Ansatzes, es stellt nur eine punktuelle Schwäche dar. Im Anhang könne über den Effekt berichtet werden. Nach IFRS 9 soll dieser Effekt gesondert gezeigt werden. Das macht die Eigenkapitalwirkung nicht rückgängig. 221 Vgl. Berndt/Hommel (2005), S. 418 f., mit Verweis auf Moxter (1982) und Schildbach (1999). 222 Hitz (2005), S. 190; im Original z. T. hervorgehoben. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 136 5. Bilanzbewertung136 „Entscheidungsnützlichkeit im weiten informationsökonomischen Sinne vermag Rechnungslegung vermittels ihrer charakteristischen Aggregationsfunktion zu stiften, wenn sie angesichts positiver Informationsbeschaffungs- und -verarbeitungskosten öffentlich verfügbare Information zusammenfasst und in geeigneter Weise aufbereitet, so dass entsprechende Aktivitäten auf Investorenebene ersetzt werden und es zur Ersparnis von Transaktionskosten kommt. Handelt es sich hierbei auch um hinreichend objektivierte Informationen, wird der periodischen Rechnungslegung auch eine disziplinierende Wirkung im Hinblick auf die laufende Kapitalmarktkommunikation des Managements zugestanden.“223 Bei diesen Einschätzungen fallen erstens die notwendigen Vorbehalte auf, die zur Nutzenstiftung führen, zweitens wird bei der entscheidungstheoretischen Perspektive der Anreiz des Managements ausgeblendet, verzerrte Information zu geben. Hitz kommt dennoch – nach einer ausführlichen Diskussion von diversen Marktgleichgewichtsmodellen bei rationalen Erwartungen und Modellen strategischer Informationsverwertung – zu einer vorsichtig positiven Einschätzung, soweit die Preise liquiden Märkten entstammen224. Freilich geht er nicht auf die Frage ein, weshalb Marktpreise relevant sein sollen, wenn die Güter gar nicht dem Markt überlassen werden sollen. Unter diesen Bedingungen wären unternehmensspezifische Werte aussagekräftiger. Das führt uns zurück zu der Abwägung von Relevanz und Zuverlässigkeit oder glaubwürdiger Darstellung der Bewertung: Die Marktpreise vermögen – unter bestimmten Bedingungen – das dezentral vorhandene Wissen gut zu aggregieren und stellen zugleich nachprüfbare Werte dar; die unternehmensindividuellen Werte sind unter Umständen aussagekräftiger, aber zugleich weniger objektiviert. „Während die auf organisierten, hinreichend liquiden Märkten zu Stande gekommenen Preise zumindest verzerrte Indikatoren der Konsensschätzung des Fundamentalwertes einer Position darstellen, lässt der modellgestützt ermittelte fair value genau diesen Vorzug vermissen. Der Investor kann seine eigenen Projektionen lediglich durch diejenigen eines anderen Bewerters ersetzen und muss hier zudem bewusste Verzerrungen befürchten. Diesen Defiziten gegenüber steht die potenzielle Inkorporierung des individuellen, dafür aber annahmegemäß sachverständigen (gegebenenfalls privaten) Wissens der verantwortlichen Unternehmensvertreter.“225 223 Hitz (2005), S. 193; im Original z. T. hervorgehoben. 224 Vgl. Hitz (2005), S. 231–238 und S. 251 f. 225 Hitz (2005), S. 242. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 137 5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße 137 In jedem Falle sind Marktpreise dann aussagegefährdet, wenn sie aufgrund zahlreicher Annahmen durch Barwertkalküle (oder Optionspreismodelle) rekonstruiert werden. Schließlich ist auf das Problem aufmerksam zu machen, dass nicht zu belegen ist, wie man mittels einwertiger Größen wie Marktpreisen zu einer Prognose der Dimensionen künftiger Zahlungsströme, d. h. deren Höhe, zeitliche Struktur und Unsicherheit, gelangen kann. Genau dies ist aber die vermeintliche Zwecksetzung der Rechnungslegung nach IFRS zur Entscheidungsunterstützung. 5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße Im- wie explizit schätzt man die Einhaltung des Kongruenzprinzips226. Nach diesem ist über die gesamte Lebensdauer des Unternehmens die Summe der Periodenerfolge identisch mit dem Totalgewinn des Eigentümers. In der englischsprachigen Literatur ist in diesem Zusammenhang von der clean surplus relation oder dem clean surplus accounting die Rede227. Nach dieser Bedingung ergibt sich in jeder Periode t der Buchwert des Reinvermögens in t aus dem Buchwert des Reinvermögens in t-1 zuzüglich des Periodenerfolgs in t und abzüglich der Ausschüttungen an die Eigentümer in t. Das clean surplus accounting ist eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung der Einhaltung des Kongruenzprinzips228. Ein Verstoß gegen das clean surplus accounting in einer bestimmten Periode kann in einer späteren Periode oder in mehreren späteren Perioden durch einen weiteren Verstoß kompensiert werden und verletzt deshalb nicht automatisch das Kongruenzprinzip229. Von der Gültigkeit des clean surplus accounting wird ausgegangen, wenn man zeigen will, dass aus der Diskontierung erwarteter Dividenden derselbe Unternehmenswert resultiert wie aus der Addition von Buchwert des Eigenkapitals und Barwert der Residual- oder Übergewinne (vgl. auch Kapitel 10.7.2). Man kennt diese Beziehung in der 226 Schmalenbach (1926), S. 99, diskutiert die „Kongruenz zwischen Einnahme- und Ausgaberechnung mit der Erfolgsrechnung“. Nach Schmalenbach (1939), S. 96, drückt sich der Kongruenzgedanke aus durch Summe der Periodengewinne = Totalgewinn. Er verweist hierbei auf van Aubel. Zur Bedeutung vgl. auch insb. Ordelheide (1998). 227 Vgl. Ohlson (1995), S. 666; Feltham/Ohlson (1995), S. 694. 228 Vgl. auch Gaber (2005), S. 286. 229 Vgl. Gaber (2005), S. 286 f. 5.5 Kongruenzprinzip (clean surplus accounting) und Verstöße

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References

Zusammenfassung

IFRS-Rechnungslegung

Dieses Handbuch liefert einen Überblick über das Konzept und die Regeln der IFRS, ohne in einer Flut von Details unterzugehen. Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen geht es aber auch um eine Wertung des Regelwerkes im Hinblick auf Konsistenz, Verständlichkeit und empirische Wirkungen auf den Kapitalmarkt.

Die Schwerpunkte

- IFRS als EU-weite Rechnungslegungsnormen

- Regelungsphilosophien des IASB

- Vermögensabbildung versus Gewinnermittlung

- Bilanzansatz und -bewertung

- Gesamtergebnisrechnung

- Weitere Instrumente

- Generalklausel: Vermittlung des den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes

- Konzernbesonderheiten

- Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber HGB

- Probleme der IFRS