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10.6 Informationsasymmetrie und IFRS in:

Wolfgang Ballwieser

IFRS-Rechnungslegung, page 234 - 238

Konzept, Regeln und Wirkungen

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4562-6, ISBN online: 978-3-8006-4563-3, https://doi.org/10.15358/9783800645633_234

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 223 10.6 Informationsasymmetrie und IFRS 223 10.6 Informationsasymmetrie und IFRS Zum Abbau von Informationsasymmetrie aufgrund der Nutzung von IFRS-Daten liegen mehrere Ergebnisse vor, die sich auf die Güte von Gewinnschätzungen durch Finanzanalysten, die Geld-Brief-Spanne und die Eigenkapitalkosten beziehen. Letztere behandele ich im nächsten Kapitel, weil deren Messbarkeitsprobleme eine umfangreichere Erörterung verlangen. Ashbaugh/Pincus zeigen, dass die Vorhersagefehler für den Gewinn von Finanzanalysten abnehmen416, wenn die Zahl der Unterschiede bei den Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden des nationalen Rechts gegenüber den IFRS abnimmt. „This suggests that firms domiciled in countries with accounting standards that require less disclosure and/or have more measurement method choices as compared to IAS benefit relatively more from adopting IAS because sophisticated users of their financial reports are now able to predict with greater accuracy a key valuation-relevant factor.“417 Ihre Ergebnisse basieren auf 80 Unternehmen aus 13 Ländern, die zwischen 1990 und 1993 auf IFRS wechselten. Deutschland war hierbei nicht vertreten. Cuijpers/Buijink untersuchten die Konsequenzen des Wechsels auf IFRS oder US-GAAP im Jahre 1999 in einer Stichprobe von 114 Unternehmen aus 12 Ländern (80 davon wechselten auf IFRS; 35 waren in Deutschland notiert418) und erhielten eine stärkere Streuung der Analystenschätzungen für den Gewinn419. Daske fand für den Zeitraum zwischen 1993 und 2002 für in Deutschland notierte Unternehmen eine geringere Prognosegenauigkeit und eine höhere Streuung der Prognosen zwischen Analysten, aber keinen signifikanten Unterschied in der Streuung der Änderung der Analystenprognosen, die (u. a.) aufgrund von Abschlüssen nach IFRS oder US-GAAP und HGB vorgenommen wurden420. Ernstberger/Krotter/Stadler untersuchen 591 deutsche Unternehmen, die zwischen den Jahren 1998 und 2004 von HGB auf IFRS oder US- GAAP gewechselt haben. Über den gesamten Zeitraum betrachtet ist der absolute skalierte Prognosefehler nach HGB zwar geringer als nach IFRS oder US-GAAP, aber Verlustjahre kommen häufiger bei Gesellschaften 416 Der Fehler ist die Differenz aus berichtetem Gewinn pro Aktie im Jahr t und dem Median der Analystenschätzungen für das Jahr t, dividiert durch den Aktienkurs zu Beginn des Jahres. Vgl. Ashbaugh/Pincus (2001), S. 422 f. 417 Ashbaugh/Pincus (2001), S. 430. 418 Vgl. Cuijpers/Buijink (2005), S. 494. 419 Vgl. Cuijpers/Buijink (2005), S. 515. 420 Vgl. Daske (2005a), S. 106–110. 10.6 Informationsasymmetrie und IFRS Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 224 10. Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber dem HGB224 vor, die nach IFRS oder US-GAAP anstelle von HGB bilanzieren421, und Prognosen fallen für Gesellschaften mit Verlusten schwerer. Hinzu kommt, dass die Betaschätzungen nach Barra als Maß des Risikos für die Unternehmen, die nicht nach HGB bilanzieren, höher sind, was die Analystenprognose ebenfalls erschweren kann. Regressionsanalysen zeigen, dass die Prognosegüte zunimmt, wenn IFRS- statt HGB-Zahlen verwendet werden. Die Prognosegüte ist am schlechtesten für das Jahr 2002 nach dem Platzen der Aktienmarktblase und am besten für das Jahr 1998422. Sensitivitätsanalysen lassen vermuten, dass die Ergebnisse nicht durch eine Selbstselektion der Unternehmen verzerrt sind423. Die meines Wissens nach neueste und umfangreichste Untersuchung stammt von Paarz424. Er kritisiert zu Recht (1) die in der Literatur vorherrschende lineare Regressionsbeziehung bei der Erklärung von Prognosefehlern, die bei einer linksschiefen Verteilung für diese nicht angemessen ist, (2) den unberechtigten Schluss von abnehmendem Prognosefehler auf die Güte des Rechnungslegungssystems, ohne für die Bilanzpolitik zu kontrollieren, und (3) die Vernachlässigung von rechnungslegungsunabhängigen Aktienkursen. Auf Basis von 3913 Beobachtungen von 173 deutschen Unternehmen aus den Jahren 1998 bis 2004 präsentiert er die Resultate für die Analystenschätzungen des Gewinns pro Aktie. Hierbei zeigt sich die positive Wirkung von Abschlüssen nach IFRS und US-GAAP gegenüber denen nach HGB, wobei US-GAAP Vorteile aufweisen. Hingegen zeigen sich nur bei den US-GAAP positive Effekte in den Folgejahren nach einem Wechsel. Paarz führt dies auf die Möglichkeiten der Bilanzpolitik nach IFRS 1 zurück425. Für die Prognose des Aktienkurses sind die IFRS vorteilhafter als US-GAAP426. Anschließend werden die individuelle Prognosegenauigkeit von Finanzanalysten und das der Aktienkursprognose mutmaßlich zugrunde liegende Bewertungsmodell untersucht. Basis sind 2779 Analystenberichte des Zeitraums 1998 bis 2007 von 19 Analysten für 249 deutsche Mutterunternehmen. Es zeigt sich ein auf dem 1 %-Niveau signifikanter negativer Zusammenhang von Prognosefehler des Gewinns pro Aktie und IFRS-Verwendung; der Zusammenhang für HGB ist hingegen po- 421 IFRS verwendende Unternehmen haben in 34 % der Beobachtungsfälle Verlustjahre, für nach US-GAAP bilanzierende Unternehmen sind es 45 %, während HGB verwendende Unternehmen 16 % der Beobachtungen mit Verlustjahren aufweisen. Vgl. Ernstberger/Krotter/Stadler (2008), S. 39. 422 Vgl. Ernstberger/Krotter/Stadler (2008), S. 42. 423 Vgl. Ernstberger/Krotter/Stadler (2008), S. 45–48. 424 Vgl. Paarz (2011); vgl. jedoch auch Tan/Wang/Welker (2011). 425 Vgl. Paarz (2011), S. 126-135. 426 Vgl. Paarz (2011), S. 145 f. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 225 10.6 Informationsasymmetrie und IFRS 225 sitiv427. Wie erwartet sinken die Schätzfehler für den Aktienkurs bei Übernahme von IFRS428. Sehr anspruchsvoll und völlig neu ist der Versuch, aus den Finanzanalystenberichten auf die Verwendung des Bewertungsmodells und aus den erhobenen Daten auf den Einfluss des Rechnungslegungssystems zurück zu schließen. Dies führt zu den Resultaten, dass die IFRS (anders als US-GAAP) einen positiven Einfluss auf die Wahl von Kapitalwertverfahren auszuüben scheinen, und die IFRS und US-GAAP die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen scheinen, sog. Sum-of-the-parts-Modelle anzuwenden429. Leuz/Verrecchia haben Unternehmen untersucht, die in Deutschland in den Jahren 1997 bis 1998 ihre Rechnungslegung von HGB auf IFRS oder US-GAAP umgestellt haben430. Sie zeigen, dass die Geld-Brief-Spanne zurückgeht, das Handelsvolumen der Aktien und (überraschenderweise auch) die Aktienkursvolatilität zunehmen. Die Geld-Brief-Spanne ist die Differenz zwischen Angebots- und Nachfragepreis einer Aktie. Sie gilt als Maß für Marktliquidität und Informationsasymmetrie der Marktteilnehmer. Die Spanne ist erwartungsgemäß umgekehrt proportional zur Güte der Offenlegungspolitik431: Je besser die Offenlegungspolitik, desto geringer die Geld-Brief-Spanne. Das Handelsvolumen ist Ausdruck der Bereitschaft einiger Investoren, die Aktien haben, zu verkaufen, sowie einiger Investoren, die Aktien zu erwerben. Insofern kann es als Maß der Liquidität herangezogen werden432. Grundlage bei der Studie von Leuz/Verrecchia waren 21 Unternehmen aus einer Stichprobe von 102 Gesellschaften, die eine internationale Rechnungslegung verwendet haben. Nur 14 haben die IFRS angewendet, davon zehn im Rahmen dualer Bilanzierung, d. h. allein unter Ausnutzung der Freiräume des HGB. Gassen/Sellhorn erhalten in ihrer wesentlich größeren, schon beschriebenen Stichprobe eine Reduktion der Geld-Brief-Spanne um 70 Basispunkte, die ökonomisch bedeutsam erscheint433. In einem noch unveröffentlichten Papier präsentieren Dumontier/Maghraoui Auswirkungen der IFRS-Bilanzierung auf die Geld-Brief-Spanne aufgrund einer Untersuchung von 64 auf IFRS wechselnden deutschen Unternehmen in den Jahren 1999 bis 2002434. Danach scheinen sich 427 Vgl. Paarz (2011), S. 191. 428 Vgl. Paarz (2011), S. 205. 429 Vgl. Paarz (2011), S. 215 und S. 224. 430 Vgl. Leuz/Verrecchia (2000). 431 Vgl. Welker (1995), S. 803; Ballwieser (2001a), S. 647. 432 Vgl. Leuz/Verrecchia (2000), S. 99. 433 Vgl. Gassen/Sellhorn (2006), S. 382. 434 Vgl. Dumontier/Maghraoui (2007), S. 10. Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 226 10. Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber dem HGB226 niedrigere Geld-Brief-Spannen nach der Umstellung zu ergeben, aber dieser Effekt ist nur für große Gesellschaften signifikant. Die Geld-Brief- Spanne sinkt nicht im Umstellungsjahr, sondern erst im darauf folgenden Jahr. Die auf Anwendung der IFRS zurückzuführende zusätzliche Information scheint vollständig erst nach zwei Jahren zur Wirkung zu gelangen. Wesentlich umfangreicher ist die Studie von Möller/Hüfner/Kavermann435. Sie zeigen436, dass sich bei Anwendung von IFRS oder US- GAAP sowohl für die Geld-Brief-Spannen von Aktienkursen als auch die Volatilität der Aktienrenditen wie der Residualrenditen gegenüber dem Marktmodell höhere Werte als bei HGB-Anwendern ergeben haben. Die Geld-Brief-Spanne wurde bereits als Maß für Informationsasymmetrie und Marktliquidität erklärt. Die Betrachtung der Volatilität der Aktien- oder Residualrenditen gegenüber dem Marktmodell soll ähnliche Einblicke wie die Geld-Brief-Spanne liefern: Die Streuung der Aktienkurse um ihren Durchschnittswert, das ist die Volatilität, müsste „mit zunehmender Qualität der Rechnungslegung unter sonst gleichen Bedingungen abnehmen.“437 Statt der Aktienkurse werden die Aktienrenditen genommen, damit Niveauunterschiede der Preise, unterschiedlich große Unternehmensanteile und Dividendenzahlungen nicht auf das Ergebnis durchschlagen438. Das Marktmodell erklärt die Rendite einer einzelnen Aktie durch Rückgriff auf einen Marktindex. Es kann mit dem CAPM verbunden werden, das die erwartete Rendite aus einer Aktie als Funktion ihrer Kovarianz mit der Rendite des Gesamtmarktes erklärt439. Die Residualrendite ist der durch das CAPM nicht erklärte Renditebestandteil. Auch hier ist die Erwartung, dass die Volatilität mit steigender Güte des Informationssystems sinkt. Möller/Hüfner/Kavermann analysieren alle zwischen den Geschäftsjahren 1996 und 2002 im Amtlichen Handel und am Neuen Markt notierten Aktien. Details können hier übergangen werden. Die Verfasser kommen zu der Schlussfolgerung: „Die Ergebnisse geben keinen Anlass, die Vermutung von der Überlegenheit der IFRS/IAS oder der U.S.- GAAP für den deutschen Aktienmarkt weiterhin aufrechtzuerhalten.“440 435 Vgl. Möller/Hüfner/Kavermann (2004). 436 Die folgenden Ausführungen folgen eng, teilweise wörtlich, Ballwieser (2005c), S. 41 f., und Ballwieser (2005d), S. 26 f. Zu weiteren als den hier erwähnten Untersuchungen vgl. auch Daske (2005b), S. 466–470. 437 Möller/Hüfner/Kavermann (2004), S. 826. 438 Vgl. Möller/Hüfner/Kavermann (2004), S. 826. 439 Zum Marktmodell vgl. Sharpe (1970), S. 119. 440 Möller/Hüfner/Kavermann (2004), S. 840. Nach Daske (2005b), S. 468, fällt die Beurteilung dieser Ergebnisse schwer, „da die Unternehmen methodisch Vahlens Handbücher Ballwieser – IFRS-Rechnungslegung, 3. Auflage Herstellung: Frau Deuringer Stand: 20.03.2013 Status: Druckdaten Seite 227 10.7 Eigenkapitalkostensenkung 227 10.7 Eigenkapitalkostensenkung 10.7.1 Einflussfaktoren auf Eigenkapitalkosten Von besonderem Interesse ist, inwiefern die in Kapitel  10.1 zitierten Mutmaßungen der Wirkung der Verwendung von IFRS auf Eigenkapitalkosten empirisch gestützt werden können. Den Effekt der IFRS hierauf empirisch zu messen, ist schwierig, weil Eigenkapitalkosten (im Sinne erwarteter Renditen von Eigenkapitalgebern) (a) nicht monokausal beeinflusst werden und (b) als nicht pagatorische und unbeobachtbare Größe erhebliche Meßprobleme bereiten. Aus theoretischen Gründen hängen Eigenkapitalkosten von dem durch die Eigentümer getragenen Risiko ab, wobei als wesentliche Komponenten das Geschäfts- oder operative Risiko und das Finanzierungsoder Kapitalstrukturrisiko hervorragen. Höheres Risiko führt bei risikoscheuen Investoren, wovon in der Theorie ausgegangen wird, zu höheren Eigenkapitalkosten. Soweit Investoren Portefeuilles zusammenstellen, was aus Sicht der Risikoaversion vorteilhaft ist, kommt es nur auf das systematische Risiko an, also das Risiko, das nicht durch Wertpapierstreuung zu vernichten ist. Eine Form der Konkretisierung der Überlegung liefert das Capital Asset Pricing Model (CAPM)441, in dem die Eigenkapitalkosten im Sinne des Erwartungswertes der Rendite eine lineare Funktion des Beta-Faktors sind. In diesen geht insbesondere die stochastische Abhängigkeit – ausgedrückt durch die Kovarianz – der Rendite des Wertpapiers des betrachteten Unternehmens mit der Rendite des Marktportfolios, das aus allen Aktien zusammengesetzt ist, ein. Auch wenn das CAPM eine erste Grundlage ist, um Einflussfaktoren auf die Eigenkapitalkosten zu zeigen, muss es aufgrund seiner Annahmen von zahlreichen Sachverhalten abstrahieren. Das betrifft insbesondere das Zinsänderungs- oder das Fremdwährungsrisiko, oder allgemeiner: das Preisänderungsrisiko. Darüber hinaus muss das CAPM Anreiz- und Vertragsrisiken vernachlässigen. Anreizrisiken resultieren aus unterschiedlichen Zielsetzungen von Vertragsparteien und der zwischen ihnen bestehenden Informationsasymmetrie. Die Entwickler von Agency-Modellen verdeutlichen die Probleme anhand vor- und nachvertraglicher Informa tionsrisiken442. Im nur nach den Rechnungslegungsstandards und zugehörigen Marktsegmenten getrennt worden sind und somit nicht für die anderen Einflussfaktoren kontrolliert worden ist.“ 441 Vgl. Sharpe (1964); Lintner (1965); Mossin (1966). 442 Vgl. auch zu diesem Ausdruck, aber unter Vernachlässigung von Agency- Überlegungen, Oehler (2006), S. 114: „Das Informationsrisiko bezeichnet das 10.7 Eigenkapitalkostensenkung

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Zusammenfassung

IFRS-Rechnungslegung

Dieses Handbuch liefert einen Überblick über das Konzept und die Regeln der IFRS, ohne in einer Flut von Details unterzugehen. Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen geht es aber auch um eine Wertung des Regelwerkes im Hinblick auf Konsistenz, Verständlichkeit und empirische Wirkungen auf den Kapitalmarkt.

Die Schwerpunkte

- IFRS als EU-weite Rechnungslegungsnormen

- Regelungsphilosophien des IASB

- Vermögensabbildung versus Gewinnermittlung

- Bilanzansatz und -bewertung

- Gesamtergebnisrechnung

- Weitere Instrumente

- Generalklausel: Vermittlung des den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes

- Konzernbesonderheiten

- Vermeintliche Vorteile der IFRS gegenüber HGB

- Probleme der IFRS