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3.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 47 - 52

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_47

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 28 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 29 28 3 Der Kulturbegriff Einschränkend sei angemerkt, dass in Saudi-Arabien, wenn auch sehr langsam und in kleinen Schritten, sich Ansätze zu Veränderungen andeuten. So protestieren beispielsweise in letzter Zeit vermehrt Frauen gegen das bestehende Autofahrverbot. Die sich andeutenden Veränderungen sind im Allgemeinen nicht zuletzt auf die aktuellen wirtschaftlichen Probleme des Landes, etwa Bevölkerungsexplosion, überkommener Sozialvertrag und Arbeitslosigkeit von 30 % zurückzuführen. Als Folge davon ist die „Finanzierung“ von Frauen für Männer im heiratsfähigen Alter nicht mehr selbstverständlich möglich, denn schließlich verlangt die Tradition, dass der Mann für die Gemahlin bezahlt. Hierbei müssen oftmals mehrere zehntausend Dollar aufgebracht werden. So gelten heutzutage mehr als 50 % der Männer in heiratsfähigem Alter nicht zuletzt aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit als ledig. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass die Villa mit separatem Frauenflügel oder die „Anschaffung“ einer zweiten Gattin, selbstverständlich ohne die erste Ehefrau auch nur zu informieren, häufig nicht mehr finanziert werden kann. 3.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs Bei der Betrachtung interkultureller Aspekte stellt sich die Frage, wie Kultur (lat. „colere“ = bebauen, bestellen, pflegen) definiert werden kann. Bis in das Mittelalter war der Begriff „Kultur“ nicht bekannt, erst seit dem 17. Jahrhundert wurde er dem Naturbegriff gegenübergestellt9. In der Literatur sind zahlreiche Definitionen des Kulturbegriffs zu finden. So haben Kroeber und Kluckhohn bereits 1952 über 300 Definitionen des Kulturbegriffs zusammengestellt10, Baldwin und Lindsley haben 1994 über 200 Definitionen des Kulturbegriffs aufgelistet11. Gleichwohl hat sich bislang keine der bestehenden Definitionen als allgemein anerkannte Definition durchgesetzt12. Dem sehr unterschiedlich verstandenen Kulturbegriff entsprechend sind die Definitionsversuche auch sehr unterschiedlich13. Auf einer allgemeiner ausgerichteten Betrachtungsebene, die hier zunächst im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen soll, ist es jedoch möglich voneinander abzugrenzende Kategorien des Kulturbegriffes zu unterscheiden. Nachfolgend seien die in diesem Zusammenhang vier wichtigsten Kategorien des Kulturbegriffs beschrieben, denen die meisten Definitionen zugeordnet werden können. Dabei sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass eine jede dieser verschiedenen Kategorien den Schwerpunkt auf andere Betrachtungsaspekte legt, so dass sie hinsichtlich ihrer Relevanz keineswegs als einander ausschließend anzusehen sind. Vielmehr erlaubt eine jede Kulturkategorie die Betrachtung ganz bestimmter, besonderer Aspekte von Kultur, so dass erst ihre gleichzeitige Betrachtung die Berücksichtigung der vielfältigen Facetten von Kultur im Allgemeinen erlaubt14. 3.2.1 Normativer bzw. behavioristischer Kulturbegriff Der normative Kulturbegriff wird auch als ein enger Kulturbegriff verstanden, gemäß dem unter Kultur alles „Schöne, Wahre und Gute“ verstanden wird15. Die normative, also quasi „vorschreibende“ Verwendung des Kulturbegriffs bedeutet, dass eine Konzentration darauf erfolgt was idealerweise sein sollte16. So wurden vor allem im deutschen Sprachgebrauch seit dem 18. Jahrhundert, insbesondere im deutschen Bildungsbürgertum, nur jene „Produkte“ zur Kultur gerechnet, die als besonders wertvoll anzusehen sind. Dadurch wurde in Deutschland Kultur 3.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 28 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 29 293.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs gleichbedeutend mit Hochkultur, einem Bereich, der weitgehend ausgewählten gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten ist17. Ein derart eng verstandener Kulturbegriff findet insbesondere in der Umgangssprache auch heute noch Verwendung, wenn von den Schönen Künsten im Allgemeinen, also Theater, Literatur, Musik etc. die Rede ist. Daneben findet der normative Kulturbegriff in der Umgangssprache auch vielfache Verwendung, um Artefakte wie Essen, Kleidung, Gebäude, Verhaltensweisen etc. zu bezeichnen, die für die Mitglieder bestimmter Kulturen, beispielsweise die Italiener, typisch sind. Da sich ein derart verstandener Kulturbegriff ausschließlich auf von außen direkt beobachtbare Erscheinungen und Phänomene bezieht, wird auch vom behavioristischen Kulturbegriff gesprochen18. In diesem Sinne bezieht sich der behavioristische Kulturbegriff auf Verhaltensweisen wie beispielsweise Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten, etwa bei Hochzeiten oder ganz generell im Freizeitbereich. Im Mittelpunkt der Betrachtungen von Beha vioristen stehen dabei weniger einzelne Verhaltensweisen als vielmehr allgemeine Verhaltensmuster19. Eine der ersten, dem normativen Kulturbegriff folgenden Definitionen, die hier beispielhaft angeführt werden soll, stammt von Tylor, der Kultur definiert als „that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society“20. 3.2.2 Funktionaler Kulturbegriff Die vorausgehend bereits angeführten Behavioristen sind darauf konzentriert das Verhalten der Mitglieder einer Kultur zu beobachten. Der Versuch das beobachtete Verhalten zu verstehen bzw. zu interpretieren und zu begründen wird von ihnen nicht unternommen. Im Gegensatz zum behavioristischen Kulturbegriff ist der funktionale Kulturbegriff zentral dadurch gekennzeichnet, dass versucht wird ein beobachtetes soziales Verhalten zu erklären. Die zentrale Frage, die somit gestellt wird bezieht sich auf die Funktionsweise eines bestimmten beobachteten Verhaltens. Beispielsweise könnte die Frage nach der Funktion, also letztlich dem Grund für ein Lächeln gestellt werden, wobei der Grund für ein Lächeln kulturabhängig in einem mitunter bedeutsamen Ausmaße variieren kann. Kultur im Sinne des funktionalen Kulturbegriffs wird somit als ein soziales Phänomen angesehen und in diesem Sinne wird nach den Regeln und Gründen bzw. eben nach den Funktionen von Verhaltensweisen gefragt. Dabei gilt es allerdings anzumerken, dass die Funktionen oder Regeln, die mit den einzelnen Verhaltensweisen in Verbindung zu bringen sind, keineswegs direkt beobachtet werden können, sondern nur ausgehend von den beobachtbaren Verhaltensweisen von (kulturfremden) Ethnographen schlussfolgernd abgeleitet werden können und somit auch explizit zu erläutern sind21. 3.2.3 Kulturbegriff der kognitiven Anthropologie Vergleichsweise häufig wird in der interkulturellen Forschung auf den Kulturbegriff der kognitiven Anthropologie zurückgegriffen. Dabei wird unter Anthropologie die Wissenschaft vom Menschen sowie von den menschlichen Verhaltensweisen in den Auseinandersetzungen mit der Umwelt verstanden. Im Übrigen sind Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 30 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 31 30 3 Der Kulturbegriff unter dem Begriff der Anthropologie mehrere Einzeldisziplinen wie die Ethnologie, Ethnographie, Völkerkunde, Sozialanthropologie etc. zusammenzufassen, die fast ausnahmslos einen Anspruch auf Eigenständigkeit erheben22. Bereits der Begriff der Kognitionen, der letztlich als Sammelbegriff für Dinge wie Wissen, Information und Know-how angesehen werden kann, macht deutlich, dass bei dem Kulturbegriff der kognitiven Anthropologie nicht mehr, wie noch beim behavioristischen Kulturbegriff die äußerlich sichtbaren Erscheinungen und Phänomene im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Vielmehr wird hier unter Kultur das verstanden, was gewissermaßen „im Kopfe“ der einzelnen Mitglieder einer Kultur als gemeinsames Wissen existent ist. Auf Basis dieses gemeinsamen Wissens werden die äußerlich beobachtbaren Sachverhalte wahrgenommen und in Beziehung zueinander gesetzt. Demzufolge ist es die Kultur bzw. das darin vorhandene gemeinsame Wissen, auf Basis dessen die Umwelt sowie das Verhalten der anderen Kulturmitglieder interpretiert, kategorisiert und bewertet wird und welches es innerhalb einer Kultur letztendlich erst ermöglicht, angemessen zu handeln und zu kommunizieren23. Kultur ist somit im Wesentlichen zu verstehen als ein ganzes System von Konzepten, Regeln, Mustern24, Überzeugungen, Einstellungen, Wertorientierungen etc., das sowohl im Verhalten und Handeln ihrer Kulturvertreter als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar wird25. Das von den einzelnen Kulturmitgliedern geteilte Wissen wird im Übrigen nur in der sozialen Interaktion der einzelnen Mitglieder untereinander als „öffentlicher Vollzug von symbolischem Handeln manifest“ und ist nur hierdurch als überindividuelles, also kulturelles Wissen existent. Die Erlangung dieses Wissens erfolgt in der Sozialisation ausschließlich durch die Teilnahme an der symbolischen Interaktion mit anderen Kulturmitgliedern. Diese Interaktion ist zu verstehen als die (verbale, paraverbale und nonverbale) Kommunikation26. Als wichtigster Vertreter der kognitiven Kulturanthropologie ist Goodenough anzusehen. Er bringt den mit dieser Richtung verbundenen Grundgedanken zum Ausdruck, dass die Angehörigen einer Kultur über einen gemeinsamen Wissensbestand verfügen, der es ihnen ermöglicht, in einer für alle Mitglieder der jeweiligen Kultur angemessenen und akzeptierten Weise zu handeln: „As I see it, a society’s culture consists of whatever it is one has to know or believe in order to operate in a manner acceptable to its members, and do so in any role that they accept for any one of themselves. Culture, being what people have to learn as distinct from their biological heritage, must consist of the end product of learning: knowledge, in a most general, if relative sense of the term. By this definition, we should note that culture is not a material phenomenon; it does not consist of things, people, behavior or emotions. It is rather an organization of these things. It is the forms of things that people have in mind, their models for perceiving, relating, and otherwise interpreting them. As such, the things, people say and do, their social arrangements and events, are products or by-products of their culture as they apply it to the task of perceiving and dealing with their circumstances.”27 Kultur wird von Goodenough also als gemeinsamer Bestand an Wissen beschrieben, der die Wahrnehmungen, Interpretationen sowie Handlungen der Mitglieder der Kultur bestimmt und sie damit von Vertretern anderer Kulturen abgrenzt und unterscheidbar macht, die ihr Wissen auf andere Art und Weise organisieren. Angemerkt sei, dass die kognitive Kulturanthropologie in verschiedenen Wissen- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 30 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 31 313.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs schaftsdisziplinen zahlreiche Forschungen zur Bestimmung und Unterscheidung von Kulturen beeinflusst hat28 wie beispielsweise die noch abzuhandelnde kulturvergleichende Studie von Hofstede29. Dennoch gestaltet sich der Kulturbegriff der kognitiven Anthropologie nicht unproblematisch. Der Grund hierfür ist darin zu sehen, dass er durch eine relative Starrheit geprägt ist, welche die kognitiv orientierten Definitionsversuche allgemein kennzeichnet. Kultur erscheint hier als etwas „einmal Feststehendes und gegenüber anderen Kulturen deutlich abgrenzbares Ganzes“30. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass sich Kultur bei aller langfristigen Stabilität, durch die Kulturen in der Regel gekennzeichnet sind, nicht auf etwas ein für alle mal Feststehendes beziehen muss, auch dann nicht, wenn auf das Abgrenzungskriterium der Nationalität zurückgegriffen wird31: „Kultur ist nicht als historische, einmal erbrachte Leistung oder als museales Endprodukt einer Epoche zu begreifen, sondern muß als ein dynamisches, funktions- und vor allem adaptionsfähiges System verstanden werden.“32 3.2.4 Symbolischer Kulturbegriff Insbesondere der symbolische Kulturbegriff als eine konsequente Weiterentwicklung des Kulturbegriffs der kognitiven Anthropologie ist dazu in der Lage, der soeben angesprochenen Veränderbarkeit als wesentliches Kulturmerkmal Rechnung zu tragen. Dies ist umso mehr erforderlich, als Kulturen offene Systeme sind, die mitunter auch innere Widersprüche in sich tragen und sich in gewissem Maße in permanenter Entwicklung und Veränderung befinden. Zweifelsohne existieren Kulturen nicht unabhängig von den jeweiligen Menschen, also den Kulturvertretern, vielmehr werden Kulturen im Verlaufe menschlicher Interaktion geschaffen bzw. reproduziert oder auch modifiziert33. Diese Erkenntnis ist entscheidend auf Geertz zurückzuführen. Geertz verdeutlicht den Aspekt der Entstehung und Reproduktion von kulturellen Eigenarten durch den Prozess der Interaktion, indem er jene Mechanismen betrachtet, mittels derer die Menschen ihre kulturelle Spezifität herausbilden. Geertz richtet sein Augenmerk vor allem auf die Art und Weise, in der sich die Vertreter einer bestimmten Kultur verhalten und hiermit ihre Kultur zum Ausdruck bringen: „Dem Verhalten muß Beachtung geschenkt werden, eine recht gründliche sogar, weil es nämlich der Ablauf des Verhaltens ist – oder genauer gesagt, der Ablauf des sozialen Handelns –, in dessen Rahmen kulturelle Formen ihren Ausdruck finden.“34 Nach Geertz ist Kultur somit kein in den Köpfen verankertes Wissen, sondern vielmehr ein „Repertoire an Kontrollmechanismen“, die er als Regeln, Instruktionen, Rezepte und Pläne beschreibt und die eine Verhaltenssteuerung ermöglichen. Kulturelles Wissen manifestiert sich hiernach somit erst in der interpersonalen Interaktion35. Dem semiotisch-interaktiven Kulturverständnis von Geertz folgend lässt sich Kultur beschreiben als ein „Netz ineinandergreifender Systeme von Symbolisierungen, die in Interaktionen eingesetzt und interpretiert werden.“ Die Erforschung von Kulturen ist somit in einer Deutung ihrer Symbolisierungen zu sehen. Diese Deutung sollte so eng wie möglich anhand konkreter sozialer Ereig- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 32 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 33 32 3 Der Kulturbegriff nisse und Vorfälle des öffentlichen Alltagslebens vorgenommen werden, so dass eine „intensive Studie von Einzelfällen zu bedingt generalisierbaren Aussagen“ führt36. Ein zentrales Merkmal des symbolischen Kulturbegriffs ist also die Auffassung von Kultur als ein dynamisches System an Symbolen, das auf Basis eines fortlaufenden Prozesses geschaffen wird. Dieser fortlaufende Prozess wird im Sinne von Geertz durch die jeweiligen Kulturmitglieder aktiv gestaltet und erlaubt den Kulturmitgliedern überhaupt erst zum Menschen zu werden37. Der dynamische Aspekt bringt dabei zum Ausdruck, dass sich Kulturen während einer Übertragung ihrer Normen, Wertevorstellungen etc. von Generation zu Generation oder auch von Gruppe zu Gruppe fortlaufend verändern können38. Kultur ist diesem Verständnis nach ein Teil des Menschen selbst und entsteht als ein Produkt aus der Wechselwirkung zwischen der Umwelt, den Erfahrungen und einer von Menschen geschaffenen Bedeutung. Der Mensch interpretiert dabei die Umwelt aktiv, er weist ihr Bedeutung zu und schafft auf diesem Wege Symbole. Insofern ist eine jede Kultur als einzigartig zu bezeichnen, da sie das Symbolsystem einer ganz bestimmten Kultur bzw. Gruppe von Personen darstellt, die wiederum eine ganz eigene, gemeinsame Vergangenheit teilt und auf deren Basis jeweils eigene Bedeutungsmuster ableitet werden. Die Mitgliedschaft in einer Kultur und die Gestaltung derselben sowie die Entwicklung eines Symbolsystems ermöglichen erst das Zusammenleben der Kulturmitglieder in einer Gesellschaft, auch wenn die jeweils individuellen Interpretationen der einzelnen Kulturmitglieder naturgemäß niemals vollkommen deckungsgleich sein können39. In entscheidendem Maße stärkere Abweichungen zwischen individuellen Interpretationen einzelner Symbole bzw. des Symbolsystems an sich aber werden in interkulturellen Begegnungen erfolgen, was infolge der hohen und generell verbindenden Wirkung von Symbolen im Allgemeinen40 somit eine maßgebliche Ursache für Missverständnisse in der Interkulturellen Kommunikation darstellen kann. Ein dem symbolischen Kulturbegriff folgendes Definitionsbeispiel stammt von Carbaugh, der Kultur definiert als „a system of expressive practices fraught with feeling, a system of symbols, premises, rules, forms, and the domains and dimensions of mutual meanings associated with these.“41 Als Beispiele für Symbole, die für den symbolischen Kulturbegriff von zentraler Bedeutung sind, lassen sich etwa jene Symbole anführen, die für die Bedeutungsinhalte von „höflicher Begrüßung“, „Zeit“ oder etwa auch „Krankheit“ stehen. So wird beispielsweise der Bedeutungsinhalt von „höflicher Begrüßung“ in interkulturellen Alltagssituationen häufig von einem mitunter sehr großen Fremdheitsgefühl begleitet, werden doch in unterschiedlichen Kulturen auch unterschiedliche Symbole eingesetzt, um den Bedeutungsinhalt der höflichen Begrüßung letztendlich mit der geeigneten Begrüßungsform zum Ausdruck zu bringen. So begrüßen Araber einander mit der höflichen Geste des Berührens von Brust, Mund und Stirn42. Hingegen schütteln Männer und Frauen in vielen arabischen Ländern einander nicht die Hand, um jegliche physische Berührung zu vermeiden. In Malaysia hingegen streckt der Mann beide Hände aus, streift die Partnerhände mit einer leichten Berührung und führt sodann seine Hände an die eigene Brust, um Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 32 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 33 333.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price eine Herzlichkeit in der Begrüßung zum Ausdruck zu bringen. In den USA, mehr noch in Deutschland hingegen ist der Händedruck intensiver und länger, insbesondere bei der Begrüßung von Bekannten sowie bei offiziellen Anlässen, was in Frankreich wiederum unüblich ist und leicht als aufdringlich empfunden werden kann. Der Kuss, der im Europa des Mittelalters als Begrüßungsform weit verbreitet war, wird in den europäischen Kulturen der Gegenwart indes viel seltener und vor allem auch kulturspezifisch sehr verschieden eingesetzt. So gilt der Handkuss, der von Männern zur Begrüßung oder auch Verabschiedung einer Frau bis zum Zweiten Weltkrieg sowohl in Osteuropa als auch den Nachfolgestaaten des ehemaligen Habsburgischen Reiches eingesetzt wurde, als so gut wie ausgestorben. Der Wangenkuss hingegen spielt heute noch eine bedeutsame Rolle, so beispielsweise als Begrüßungsform unter andersgeschlechtlichen Verwandten, Freunden und engeren Mitarbeitern im Berufsleben in Frankreich, Italien und Spanien. In Deutschland, England, den USA sowie in den skandinavischen Ländern hingegen spielt der Wangenkuss kaum eine Rolle. In Japan wiederum existiert eine stark kodifizierte Verbeugung, bei der je nach Situation ein Winkel von 15 bis 45 Grad zur Begrüßung einzunehmen ist und die Hände anschließend übereinander vor dem Körper gehalten werden43. In Indien legt man die Handflächen aneinander, bei den Eskimos erfolgt ein leichter Schlag auf die Schulter und die Maori Reiben die Nasen aneinander. Die Art des Handgebens bei den Massai und anderen ostafrikanischen Gemeinschaften würde in Deutschland als Gleichgültigkeit interpretiert werden, gibt man Fremden doch ausdruckslos die Hand, wobei sich die Hände lediglich wie zufällig berühren und nicht gedrückt werden. Indes wird der Händedruck umso kräftiger, je besser sich die Kommunikationspartner kennen, was bis zum Aufklatschen der Hände unter Freunden geht44. Die vorausgehende, schier endlos anmutende Aufzählung an Symbolbeispielen für den Bedeutungsinhalt der höflichen Begrüßung macht deutlich, dass bei kulturübergreifender Betrachtung geradezu zahllose unterschiedliche Symbole für ein und denselben Bedeutungsinhalt existieren. Die Symbole unterscheiden sich im interkulturellen Vergleich dabei deutlich oder gar vollkommen. Somit sind die persönlichen Deutungen und Verstehensformen in Bezug auf das jeweilige nicht bekannte, weil kulturfremde Symbol im Rahmen der Interkulturellen Kommunikation sehr unterschiedlich und kommunikativen Missverständnissen wird Tür und Tor geöffnet. Dies bedeutet letztendlich nichts anderes als dass im Rahmen der höflichen Begrüßung Fremdheit erfahren werden kann und im Falle unzureichender interkultureller Kommunikationskompetenz mit größter Wahrscheinlichkeit auch erfahren wird, zumal der Mensch dazu neigt sich die umgebende Umwelt mit den gewohnten Deutungen bzw. Bezügen zu Eigen zu machen und zu interpretieren45. 3.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price Gemäß Browaeys und Price kann sich Kultur auf verschiedenen Ebenen entwickeln und auch auf den Wirtschaftskontext auswirken. Voraussetzung ist aber in jedem Falle, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen in einem bestimmten Kontext gemeinsame Erfahrungen gesammelt hat. Die verschiedenen Ebenen stellen sich wie folgt dar. 3.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.