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11.1 Konzept der interkulturellen Kompetenz in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 439 - 441

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_439

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 423 11 Entwicklung interkultureller Kompetenz 11.1 Konzept der interkulturellen Kompetenz Die große Mehrheit aller Menschen betrachtet die eigene Kultur als den Mittelpunkt der Welt. Das Bewusstsein über die Existenz kultureller Unterschiedlichkeiten ist aber bereits ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Entwicklung einer interkulturellen Kompetenz sowie die Befähigung zur Kommunikation im interkulturellen Kontext1. Ansonsten besteht die erhebliche Gefahr, dass selbst extreme Abweichungen der Kommunikation im Vergleich zur eigenen Kultur personenbezogen attribuiert werden ohne die eigentliche Ursache, nämlich kulturspezifisch begründete Stilunterschiede zu erkennen2. Zudem werden die Charakteristika der eigenen Kultur nicht selten als anderen Kulturen überlegen und somit auch als Maßstab aller Dinge betrachtet3. Diese Einstellung, die auf kultureller Ebene als Pendant eines auf individueller Ebene angesiedelten Egozentrismus zu sehen ist4, wird auch als Ethnozentrismus bezeichnet. Eng verbunden mit dem Ethnozentrismus ist die unbewusste Tendenz großer Mehrheiten, Vertreter anderer Kulturen aus der Sicht der eigenen Kultur zu betrachten und zu bewerten. Die eigenen Werte, Sitten und Normen werden dabei zum Standard und Maßstab aller Bewertungen und Beurteilungen. Neben der Annahme, dass die eigene Kultur durch Selbstverständlichkeiten gekennzeichnet ist, geht mit dem Ethnozentrismus häufig auch ein Bewusstsein der Überlegenheit einher5. Neben fachlicher Qualifikation und Fremdsprachenkenntnissen ist es in erster Linie eine interkulturelle Kompetenz, die, verbunden mit Landes- und Kulturkenntnissen, für den wirtschaftlichen Erfolg im interkulturellen Kontext entscheidend ist. So kommt eine Anfang der 1990er Jahre abgeschlossene Untersuchung, die insgesamt 40 deutsch-chinesische Gemeinschaftsunternehmen einbezieht, zu der Einschätzung, dass die interkulturelle Interaktion der kritischste Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg ist. Hingegen waren wichtige fachliche Fragen wie zum Beispiel Fragen des Vertriebs, der Devisenbeschaffung oder der Preispolitik selbst bei gescheiterten Joint Ventures von sekundärer Bedeutung. Eine aus diesen Ergebnissen ableitbare Notwendigkeit der interkulturellen Kompetenz wird mittlerweile in breiten Kreisen von Wissenschaft und Wirtschaft erkannt6. So zeigen Untersuchungen etwa, dass ein Auslandsentsandter ohne vorbereitendes Training seine beruflichen Aufgaben erst nach drei Jahren in vollem Umfange erfüllen kann. Die für diesen Zeitraum feststellbare geringere Leistungsfähigkeit sowie psychische Probleme in den ersten Jahren können mit der Entwicklung von interkultureller Kompetenz durch entsprechend konzipierte Trainings verringert werden7. Dabei kann mit Thomas, Kammhuber und Layes unter interkultureller Kompetenz verstanden werden: „die Fähigkeit, kulturelle Bedingungen und Einflussfaktoren im Wahrnehmen, Urteilen, Empfinden und Handeln bei sich selbst und anderen Personen zu erfassen, zu würdigen, zu respektieren und produktiv einzusetzen im Sinne von wechselseitiger Anpassung, von Toleranz gegenüber Inkompatibilitäten, sowie einer Entwicklung synergetischer Formen des Zusammenlebens und der Weltorientierung.“8 11 Entwicklung interkultureller Kompetenz 11.1 Konzept der interkulturellen Kompetenz Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 424 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 425 424 11 Entwicklung interkultureller Kompetenz Die Bedeutung von interkultureller Kompetenz verringert sich auch dann nur geringfügig, wenn nicht kulturkonformes Verhalten von den jeweiligen Kommunikationspartnern wohlwollend betrachtet wird. Japaner zum Beispiel drücken immer wieder ein Auge zu, wenn sich Kulturfremde nicht nach den traditionellen japanischen Normen orientieren und machen auch oftmals nicht auf etwaige Verstöße aufmerksam9. Gleichwohl finden interkulturelle Trainingsprogramme nach wie vor keine ausreichend hohe Akzeptanz aufseiten der Unternehmen. Dies liegt teilweise sicherlich auch an der unzureichenden Qualität mancher angebotenen Trainingskonzepte, deren Inhalt häufig oberflächlich ausgerichtet ist und bei der Vermittlung von Inhalten mitunter gar einen Hang zum Anekdotencharakter aufweist10. Gleichwohl ist in diesem Zusammenhang auch auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die verbunden sind mit der Konzipierung adäquater Trainingsinhalte zur Vermittlung von Fremdartigkeit an jene, die sie bislang nicht selbst erfahren haben11. Grundsätzlich wird eine Anpassung an fremde Kulturen umso einfacher, je bekannter die jeweiligen Eigenarten einer Kultur sind. Insbesondere jene Eigenarten sollten bekannt sein, in denen die kulturellen Differenzen besonders deutlich werden und die besondere Auswirkungen für die Interkulturelle Kommunika tion mit sich bringen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die von Argyle angeführten folgenden Merkmale einer sozialen Interaktionssituation zu nennen, die ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg sind: 1. Sprache 2. nonverbale Formen der Kommunikation (z. B. Mimik, Gestik etc.) 3. soziale Verhaltensregeln im Bereich der interpersonalen und Intergruppen-Beziehungen (z. B. Begrüßung, Kaufverhalten, Ess- und Trinkgewohnheiten etc.) 4. soziale Beziehungen (z. B. Familienbeziehungen, Hierarchiebeziehungen in Gruppen und Organisationen, Kasten und gesellschaftliche Klassen, Über- und Unterordnung) 5. Motive und Motivation (z. B. individuelle und sozial akzeptierte Motivkonzepte, Formen der Leistungsmotivation und der sozialen Motivation, Machtmotivation etc.) 6. Wertekonzepte und Ideologien (kognitive Konzepte der Bewertung und Attribuierung von Verhaltensweisen, individuelle Werte und soziale Wertekonzepte, Welt- und Menschenbilder). Ein Training zur Vermittlung interkultureller Kompetenz sollte diese kritischen Bereiche sozialer Interaktion abdecken. Jedoch erscheint es nicht sinnvoll, die Trainingsinhalte zu eng an derartigen Auflistungen auszurichten. Vielmehr muss eine effektive Trainingsplanung die Besonderheiten der jeweiligen Managementtätigkeit sowie die Erfahrungen und Arbeitsanforderungen der Zielgruppe, für die das jeweilige Training bestimmt ist, berücksichtigen. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang ein allgemeines Konzept interkultureller Handlungsdeterminanten sowie dessen Spezifizierung und Anpassung an den konkreten Fall12. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 424 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 425 42511.2 Anforderungen an ein Training … 11.2 Anforderungen an ein Training zur Vermittlung interkultureller Kompetenz und Kommunikations fähigkeit Interkulturelle Trainings beinhalten grundsätzlich Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, „einen Menschen zur konstruktiven Anpassung, zum sachgerechten Entscheiden und zum effektiven Handeln unter fremdkulturellen Bedingungen und in Interaktion mit Angehörigen der fremden Kultur zu befähigen. Das Ziel dieses Trainings besteht in der Qualifizierung der Teilnehmer zum Erkennen und zur konstruktiven und effektiven Bewältigung der spezifischen Managementaufgaben, die sich ihnen gerade unter den für sie fremden Kulturbedingungen und in der Interaktion mit fremdkulturell geprägten Partnern stellen.“13 Trainingskurse werden als einen Auslandseinsatz vorbereitende Maßnahme zumeist zur Vermittlung interkultureller Management- und Kommunikationskompetenz eingesetzt. Im Übrigen haben Forschung und Praxiserfahrung gezeigt, dass die interkulturelle Management- und Kommunikationskompetenz noch entscheidend gesteigert werden kann, wenn zusätzliche, den Auslandsaufenthalt begleitende Verlaufstrainings veranstaltet werden. Zudem bietet sich gerade für jüngere Führungskräfte die Veranstaltung von Nachbereitungstrainings an. Diese ergänzende Trainingsmaßnahme ist insbesondere im Falle häufiger angedachter Arbeitsaufenthalte im Ausland eine sinnvolle Ergänzung, können doch hierbei interkulturelle Erfahrungen mit Experten diskutiert und reflektiert werden. Ein tieferes Verständnis für die jeweilige Arbeits- und Lebenssituation im interkulturellen Kontext wird somit möglich14. In Bezug auf die Interkulturelle Kommunikation hat sich, ihrem Stellenwert entsprechend, in der Diskussion der vergangenen Jahre der Schwerpunkt des Interesses von eher undifferenzierten Betrachtungen einer globalen interkulturellen Kompetenz hin zu einer interkulturellen Kommunikationskompetenz entwickelt. Diese interkulturelle Kommunikationskompetenz wird heutzutage als die soziale Bewertung der „Güte“ der kommunikativen Leistungsfähigkeit einer Person in der interkulturellen Interaktion durch andere Personen angesehen. Diese Beurteilung ist abhängig von der Angemessenheit des beobachteten Verhaltens hinsichtlich der entsprechenden Erwartungen sowie von der Effektivität, welche die zu beurteilende Person bei der Erreichung der verfolgten Interaktionsziele an den Tag legt. Der Eindruck hinsichtlich der interkulturellen Kommunikationskompetenz basiert dann konsequenterweise auf verhaltensbezogenen Kommunikationsfähigkeiten im interkulturellen Kontext15. Ganz grundsätzlich können interkulturelle Trainingsmaßnahmen anhand von zwei Kriterien unterschieden werden. Zum einen können Trainings nach ihrem Inhalt in kulturübergreifende und kulturspezifische Trainings unterteilt werden. Diesem Kriterium entsprechend können Trainings entweder die Bedeutung von Kultur für menschliches Verhalten in jeder Hinsicht und allgemeingültig thematisieren oder aber die charakteristischen Besonderheiten einer bestimmten, ausgewählten Kultur thematisieren. Der erste Trainingstyp hat das Ziel, den zu Trainierenden insgesamt für kulturelle Unterschiede zu sensibilisieren. Der zweite 11.2 Anforderungen an ein Training …

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.