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10.2 Phase des Kulturschocks in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 430 - 432

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_430

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 414 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 415 414 10 Der Prozess der Akkulturation bestätigt, ohne dass hieraus jedoch eine Gesetzmäßigkeit abzuleiten wäre5. Dennoch legen zahlreiche Untersuchungen nahe, dass der Prozess der Akkulturation mit seinen einzelnen Phasen generell erstaunlich gleichartig verläuft, unabhängig davon, in welcher Kultur er sich vollzieht6. 10.1 Phase der Euphorie Die erste Phase der Euphorie ist geprägt von der Begeisterung, die ein Individuum durch den Kontakt mit einem neuen, mitunter völlig fremdartigen Land erfährt7. Dieser Erstkontakt löst bei vielen Personen Interesse, Optimismus und oftmals sogar eine „honeymoon“-artige Euphorie aus8. Das Phänomen der Euphorie erfahren beispielsweise auch Touristen besonders häufig. Dabei erleben sie die neue Umgebung, die fremdartig wirkenden Menschen, das bunte Treiben in den Städten und neue gastronomische Erfahrungen mit großer Aufregung und tiefgehenden Empfindungen9. Diese Faszination der Neuartigkeit beim ersten Kontakt mit Deutschland beschreibt der ehemalige brasilianische Fußballprofi Giovane Elber in einem Interview wie folgt: „Als Erstes, direkt am Flughafen in Stuttgart: Alle Taxis waren von Mercedes! In Brasilien fahren Multimillionäre Mercedes, aber nicht die Taxifahrer. Als ich in Deutschland ankam, dachte ich: „Giovane, ist das ein reiches Land hier.“ Dann, zweiter Eindruck: viele Schilder an den Straßen, viele Polizisten. Dritter Eindruck: Wenn ich in Deutschland um zehn Uhr abends in ein Restaurant gehe, dann ist das leer. Als Brasilianer denke ich natürlich: Die Leute kommen noch. Dabei sind die schon wieder zu Hause.“10 10.2 Phase des Kulturschocks In der zweiten Phase, der Phase des Kulturschocks, ändert sich die Stimmungslage jedoch zusehends, sukzessive machen sich steigende Anpassungsbelastungen bemerkbar11. In dieser Phase tritt der Alltag mit seinen Routinen wieder in den Vordergrund, zahlreiche fremdartige Dinge des täglichen Ablaufes werden als das Leben schwermachend empfunden. Reaktionen wie Frustration, Konfusion, unangemessenes soziales Verhalten, aber auch Beziehungsprobleme mit Geschäftspartnern, Angst, sogar Depressionen und ein Gefühl der Isolation können diese Phase begleiten12. Des Weiteren ist häufig eine Überdrüssigkeit gegenüber der lokalen Küche, dem lokalen Klima oder auch gegenüber den generellen Verhaltensweisen der Menschen feststellbar13. Strategien zur Bewältigung interkultureller Unterschiede konnten noch nicht entwickelt werden, so dass den beschriebenen Problemen zunächst nicht oder nur vergleichsweise unbeholfen begegnet werden kann14. Explizit sei darauf hingewiesen, dass es weniger einzelne, besonders einschneidende und sich stark auswirkende Erlebnisse sind, die das Leben schwer machen. Vielmehr ist es die Vielzahl kleinerer, im Einzelnen wenig bedeutender Ereignisse und Situationen des Alltags, die letztlich eine Krise generieren und verschärfen15. Stellvertretend für diese vermeintlich unbedeutenden Situationen der Hilflosigkeit 10.1 Phase der Euphorie 10.2 Phase des Kulturschocks Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 414 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 415 41510.2 Phase des Kulturschocks kann ein Beispiel genannt werden, welches Ditgens in seiner Funktion als Pädagoge des Fußball-Bundesligavereins Bayer 04 Leverkusen und als solcher für die Betreuung ausländischer Spieler zuständig, anführt. Er berichtet von einer Begebenheit, bei der die südamerikanische Freundin eines argentinischen Fußballspielers in den ersten Tagen nach der Ankunft in Deutschland vor einer Tankstelle stand und sich nichts ereignete. Die Frau reagierte äußerst hilflos, geradezu panikartig und war einem Nervenzusammenbruch nahe, da sie mit Selbstbedienungstankstellen, die es in Südamerika nicht gibt, nicht vertraut war und den Tankverschluss nicht öffnen konnte. Erst die telefonische Hilfestellung des Pädagogen konnte die Situation erklären und lösen16. Ein anderes Beispiel aus dem Bereich der sich im Alltag ergebenden Probleme zeigen die Ausführungen des ehemaligen brasilianischen Fußballprofis Giovane Elber: „Als ich (…) ankam, war August, schönes Wetter. Im September ist es dann schlecht geworden, im Oktober schlechter und im November noch schlechter – ich hatte nicht geglaubt, dass das geht. (…) Ich habe gedacht, ich schaff das nicht, ich kann hier von Oktober bis März keinen Fußball spielen. Das konnte sich niemand in Brasilien vorstellen, wenn ich am Telefon erzählt habe: „Mama, heute sind es minus 15 Grad.“ Fragt sie: „Wie ist das?“ Dann muss ich erklären: „Geh mal in den Kühlschrank. Wie viel Grad sind’s da drin?“ – „Vier, fünf.“ – „Und jetzt überleg mal: Hier sind’s miiiiinus 15. Und nicht im Kühlschrank, sondern draußen!“ Ich habe wirklich viel geweint. (…) Ich hatte noch nie in meinem Leben Schnee berührt.“17 Die zahlreichen eingetretenen Veränderungen machen sich auch im Berufsleben bemerkbar. So sind die Kollegen mitunter sehr zurückhaltend gegenüber dem Neuling, der sich unter den Kollegen in der fremdartigen Kultur im Extremfall plötzlich selbst in der Rolle des Exoten wiederfindet. Diese empfundene Außenseiterrolle kann durch ausbleibende Initiative vonseiten der neuen Kollegen noch verstärkt werden18. Somit gestaltet sich die Phase des Kulturschocks als eine Phase der Krise, in der auf die kulturelle Überforderung mit hoher Unsicherheit und Hilflosigkeit sowie niedriger Motivation hinsichtlich einer kulturellen Anpassung, im Extremfall sogar mit Feindseligkeit gegenüber dem Neuen reagiert wird19. In Entwicklungsländern können auch Armut, Elend in Slums oder Krankheiten eine bedeutsame Ursache für den Kulturschock darstellen20. Verstärkt werden kann die Krise durch allgemeine Unzufriedenheit und heimwehartige Gefühle: „the challenges of handling daily activities are most severe during the initial phases, as has been shown in many culture shock studies (…) Under stress, a so-called defense mechanism is activated in strangers to hold the internal structure in balance by some form of protective psychological maneuvering. They attempt to avoid or minimize the anticipated or actual „pain” of disequilibrium by selective attention, self-deception, denial, avoidance, and withdrawal as well as by hostility, cynicism, and compulsively altruistic behavior.”21 Der Kulturschock als Phase der Krise ist typischer Bestandteil des gesamten Akkulturationsprozesses, der nicht personenbedingt auftritt und den es im Normalfall schlichtweg zu überwinden gilt22. Das Ausmaß und die Intensität des Kulturschocks sowie die damit verbundenen psychischen und sozialen Auswirkungen hängen maßgeblich vom empfundenen Grad der Distanz zwischen eigener Kultur und Kultur des Gastlandes ab. Daneben spielen aber auch die Qualität des Vorwissens und der Erfahrungen mit ähnlichen Situationen, der Anforderungsgrad, den Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 416 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 417 416 10 Der Prozess der Akkulturation die Gastkultur an Beruf und private Lebensführung stellen sowie die Kompetenz des Einzelnen, sich in ungewohnten und fremdartigen Situationen zurechtzufinden bzw. selbige zu meistern, eine nicht zu vernachlässigende Rolle23. 10.3 Phase der Akkulturation Im dritten Abschnitt, der sog. Phase der Akkulturation, erfolgt zunächst eine erste, dann sich verstärkende Anpassung an die neue Kultur24. Die zuvor in der Phase des Kulturschocks erlebte Krise mindert sich, eine Erholung und Genesung von der durchlebten Krise tritt ein. Darüber hinaus werden sogar einige lokale Werte übernommen und generell findet sich die entsprechende Person unter den neuartigen Bedingungen nun besser zurecht. Zudem wächst ein Gefühl der sozialen Integration, was nicht zuletzt auf sich verbessernde Sprachkenntnisse und wachsendes Selbstvertrauen zurückzuführen ist25. Des Weiteren tritt nunmehr ein Abfinden mit den neuen, täglichen Problemen zu Tage, es stellt sich eine Gewöhnung an die Fremdartigkeiten ein, übertriebene Illusionen werden aufgegeben. Die Anpassung kann sogar soweit gehen, dass sie objektiv auf körperlicher Ebene zu beobachten ist. So zeigen Untersuchungen, dass männliche Versuchspersonen nach mehrwöchiger Arbeit bei extremen Temperaturen eine um ca. 30 % höhere Schweißabgabe haben26. In der Frühzeit der Internationalisierung musste ein Drittel aller im Ausland eingesetzten Expatriates „aufgrund mangelhafter Funktionserfüllung“ vorzeitig zurück in das Heimatland geholt werden27. Die spezifischen Belastungen eines Auslandseinsatzes für die betroffenen Mitarbeiter sowie deren Familien spiegeln sich auch in den Misserfolgsquoten von Auslandsentsendungen wider. So variiert die in der Literatur genannte Abbruchrate je nach Studie mit Fehlschlagshäufigkeiten in Höhe von 15 bis 50 %. Der hieraus entstehende Schaden für das Unternehmen liegt nach unterschiedlichen Schätzungen und in Abhängigkeit vom jeweiligen Einzelfall zwischen 250.000 und 1.000.000 US-Dollar pro Fehlschlag. Im Rahmen einer Studie über die Auslandsentsendung haben Black und Gregersen Ende der 1990er Jahre die Situation in 750 US-amerikanischen, europäischen und japanischen Unternehmen untersucht. Das Ergebnis der Studie bestätigt die Tendenz früherer Untersuchungen. So haben zwischen 10 und 20 % aller ins Ausland entsendeten Manager ihren Aufenthalt vorzeitig abgebrochen. Die Gründe hierfür reichen von Unzufriedenheit mit der neuen Aufgabe oder der neuen Umgebung bis zur Nicht-Erfüllung der Unternehmenserwartungen28. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass die Akkulturation mit einer Dekulturation einhergeht. „Through the processes of deculturation and acculturation, some of the „old“ cultural habits are replaced by new cultural habits.”29 10.4 Phase der Stabilisierung In der vierten und letzten Phase, der Stabilisierungsphase, zeigt sich der maximal mögliche Anpassungsgrad an eine fremde Kultur, der individuell verschieden ist. Die jeweilige Person hat in Beziehung zur lokalen Lebenssituation ein gewisses emotionales Gleichgewicht gefunden, welches gleichwohl den üblichen 10.3 Phase der Akkulturation 10.4 Phase der Stabilisierung

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.