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7.4 Interkulturelle Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 336 - 345

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_336

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 318 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 319 3197.4 Interkult. Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens Nervenzellen befördernder Faktoren, wodurch wiederum die Arbeitsbedingungen für die Neuronen verbessert und die neuronale Plastizität gesteigert werden. Insofern kann ein gewisses Maß an Stress durchaus leistungsfördernd wirken und sich positiv auf Lern- und Gedächtnisleistungen auswirken97. 7.3.2 Einfluss des Geschlechts In Bezug auf das Gehirn und die Neurochemie von Männern und Frauen sind mittlerweile mehr als 200 Unterschiede festgestellt worden, die einen erheblichen Einfluss auf den Denkstil, die Emotionsstruktur sowie das Verhalten haben. Dabei existieren anatomische Unterschiede, funktionale Unterschiede, aber auch neurochemische Unterschiede. So sind im Rahmen der anatomischen Unterschiede bestimmte Gehirnbereiche bei Männern und Frauen unterschiedlich groß. Im Rahmen der funktionalen Unterschiede ist zu erkennen, dass gewisse Gehirnbereiche in unterschiedlicher Weise zusammenspielen. Schließlich sind es insbesondere auch die neurochemischen Unterschiede, die sich im Fühlen, Denken und Handeln bemerkbar machen. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Zusammenstellung der Sexualhormone bei Männern und Frauen, denn ihr Einfluss auf die Motiv- und Emotionssysteme im Gehirn ist von weitreichender Bedeutung. So herrscht im männlichen Gehirn eine stärkere Konzentration der Sexualhormone Testosteron und Vasopressin vor98. Das männliche Sexualhormon Testosteron steigert beim Menschen sowie bei anderen Säugetieren wie Affen oder Ratten die männliche Aggressivität. Die aggressionsfördernde Wirkung von Testosteron wird beispielsweise auch dadurch deutlich, dass zyklisch auftretende Revier- und Paarungskämpfe vieler männlicher Säugetiere mit einer Erhöhung des Testosteron-Spiegels korreliert sind99. Es wird deutlich, dass Testosteron im emotionalen Gehirn somit das Dominanz-System verstärkt. Aber auch die in Abbildung  7-7 wiedergegebenen benachbarten Kombinationen aus Dominanz und Stimulanz (sog. „Abenteuer“-Kombination) sowie Dominanz und Balance (sog. „Disziplin“-Kombination) werden verstärkt. Das weibliche Gehirn hingegen wird stärker von Östrogen, Prolactin und Oxytocin bestimmt. Durch das Östrogen wird insbesondere das Balance-System verstärkt100 und eine Ausrichtung an den damit verbundenen Motiven und Werten von Frauen in höherem Maße angestrebt als von Männern. 7.4 Interkulturelle Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens Es ist deutlich geworden, dass die limbischen Instruktionen in ihrer Kombination einander ergänzen und, dem Grundgedanken der Evolutionstheorie entsprechend, den Fortbestand der Gattung bestmöglich gewährleisten sollen. Nun gilt es jedoch zu beachten, dass die einzelnen limbischen Instruktionen von Individuum zu Individuum und der Unterschiedlichkeit von Menschen im Allgemeinen entsprechend in den vielfältigsten Kombinationen jeweils ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Die dadurch bedingten individuellen Unterschiede sind nach neuesten Erkenntnissen der Verhaltensgenetik zu 50 % angeboren. Die verbleibenden 50 % können auf Erziehung, Lebenserfahrungen und eben nicht 7.4 Interkult. Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 320 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 321 320 7 Kulturelle Neurowissenschaft zuletzt Kultur zurückgeführt werden. Nebenbei bemerkt sind es insbesondere die ersten Lebensjahre und in wohl merklich geringerem Maße die Pubertät, die für das menschliche Gehirn besonders prägend sind101. In diesem Sinne antwortet Roth auf die Frage, wodurch die Persönlichkeitsmerkmale des Menschen determiniert werden etwas detaillierter, aber auch mit betonter Vorsicht, dass die Persönlichkeit zu 40 bis 50 % im strengen Sinne genetisch determiniert zu sein scheint, zu ca. 30 bis 40 % durch Prägungs- und Erlebnisprozesse im Alter zwischen 0 und 5 Jahren und nur zu etwa 20 bis 30 % durch spätere Erlebnisse und die elterliche und schulische Erziehung102. Dabei ist durchaus davon auszugehen, dass auch Kultur einen keinesfalls zu unterschätzenden Einfluss ausüben wird, auch wenn deren Anteil kaum quantifizierbar zu sein scheint. Die multikausal begründete Anlage des Grundcharakters beim Menschen verdeutlicht Roth am Beispiel der Eipo, einem besonders kriegerisch ausgerichteten kleinen Stamm im Bergland von West-Guinea für die menschliche Verhaltensweise der Aggressivität. Untersuchungen bei dem vergleichsweise primitiven Stamm der Eipo zeigen gemäß Roth, dass „weder allein ein unausrottbarer angeborener Aggressionstrieb noch allein eine frustrierende frühe Sozialisation der Kinder für späteres kriegerisches Verhalten verantwortlich gemacht werden kann, sondern im Wesentlichen die bewusste Erziehung zu Aggressivität, die als geeignetes gesellschaftliches Mittel zur Erlangung von individuellen oder gemeinschaftlichen Zielen (Landbesitz und andere Ressourcen) angesehen wird.“103 Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage über die Eipo wird bei näherer Betrachtung der Beobachtungen von Schiefenhövel deutlich. Dieser deutsche Anthropologe schildert die Erziehung zum Krieg bei den Eipo sehr eindringlich, wobei für ihn eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der äußerst friedlichen frühen Kindheit und der späteren „Sozialisation“ zum kriegerischen Verhalten zum Vorschein kommt. So ist bei den Eipo die Kindheit geradezu durch ein Höchstmaß an Eingehen auf die Bedürfnisse der Kinder geprägt. Die kleinen Kinder werden etwa fortlaufend bemuttert sowie umsorgt und auch erst im Alter von drei Jahren abgestillt. Nach dem Abstillen aber werden die kleinen Jungen in Spielgruppen aufgenommen. In diesen Gruppen wird mit ihnen all das eingeübt, was später von einem Mann an kriegerischem Verhalten erwartet wird. Dies schließt das Ertragen von Schmerz und Belastungen mit ein. Während die Jungen somit auf den Krieg vorbereitet werden, werden die Mädchen zu einem Verhalten im Sinne des weiblichen Rollenverständnisses angeleitet. Für sie steht somit unter anderem die Versorgung der Familie mit Nahrung, Brennholz und Wasser im Mittelpunkt. Im Erwachsenenalter wird Aggressivität bei den Eipo sodann vergleichsweise ungehemmt ausgelebt, einmal abgesehen von physischer Gewalt gegenüber Kindern. Dies kommt auch in der bei den Eipo-Männern sehr hohen Sterberate infolge von Gewaltanwendung zum Ausdruck104. In Bezug auf den Aspekt der Kultur bezogen ist zunächst generell zu sagen, dass das menschliche Verhalten durch alle drei limbischen Wirkkräfte geprägt ist und zwar unabhängig von der jeweils betrachteten Kultur. Dies bringt auch Eibl-Eibesfeldt zum Ausdruck: Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 320 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 321 3217.4 Interkult. Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens „Kulturell sind wir Menschen voneinander oft so getrennt, als wären wir verschiedene Arten, biologisch dagegen verkörpern wir eine Einheit. Wir teilen gewisse universelle Verhaltensweisen (…)“105. Ein derart verstandenes „biologisches Denken“ berücksichtigt Gesetzmäßigkeiten der Biologie und Physiologie zur Erklärung menschlichen Verhaltens. So wird heutzutage ganz allgemein ein durch Erbanlagen vorprogrammiertes Verhalten in beachtlichem Maße zur Erklärung des individuellen Verhaltens des Menschen herangezogen. Menschen, die beispielsweise durch besonders hohe Neugier bzw. Wissbegierigkeit gekennzeichnet sind, sind von Geburt an durch eine vergleichsweise hohe Ausprägung der Stimulanz-Instruktion geprägt, was bedeutet, dass diese Wirkkraft das (unbewusste) Verhalten dieser Personen auch in besonders starkem Maße determiniert. Besonders macht- und durchsetzungsorientierte Personen hingegen weisen eine hohe Ausprägung der Dominanz-Instruktion auf und fallen bereits in der Kindheit und Jugend dadurch auf, dass sie gerne Führungsrollen übernehmen, ob als Bandenchef oder Klassensprecher106. Die Erkenntnis eines durch Erbanlagen vorprogrammierten Verhaltens korrigiert die in der Vergangenheit vorherrschende Ansicht, dass das menschliche Verhalten in erster Linie oder gar ausschließlich durch Einflüsse der Umwelt bzw. durch Lernen im Kontakt mit der Umwelt determiniert wird. Entsprechend der durch die Erbanlagen vorgegebenen individuell unterschiedlichen Kombination der limbischen Instruktionen wird also auch menschliches Verhalten vorprogrammiert. Die limbischen Wirkkräfte, zwischen denen eine weitgehende Unabhängigkeit besteht, können durch extrem hohe Ausprägung in einer, aber auch in allen drei Instruktionsformen gekennzeichnet sein. Zudem kann eine jede Instruktionsart durch extrem hohe, aber auch außergewöhnlich niedrige Ausprägung sowie durch eine auf dem dazwischen befindlichen Kontinuum liegende Ausprägung gekennzeichnet sein. Die unterschiedlichsten Mischformen entsprechen letztlich der Vielfalt an Individuen, die die Menschheit allgemein kennzeichnet107. Eine durch die Erbanlagen vonstatten gehende Vorprogrammierung des menschlichen Verhaltens bedeutet allerdings nicht, dass die diversen Einflussfaktoren aus Umwelt und Kultur keine Rolle spielen oder zu vernachlässigen sind. Vielmehr ist von einem gleichzeitig bestehenden Einfluss der Umwelt auf das Verhalten des Menschen und seiner Fähigkeiten, etwa durch Lernen oder Erziehung in einer spezifischen Kultur, auszugehen. Somit gibt es auch eine kulturcharakteristische Ausprägungsgestaltung des biologischen Grundprogramms. Zwar sind die Programmausprägungen innerhalb einer beliebigen Kultur naturgemäß individuell unterschiedlich. Dennoch sind bei kulturvergleichenden Betrachtungen Unterschiede feststellbar. Zwar ist das menschliche Gehirn in seinen genetischen Grundanlagen weltweit ziemlich gleich, aber es ist gleichzeitig auch lernfähig. Dabei passt es sich den jeweiligen kulturspezifischen Gegebenheiten an und verändert seine Verschaltungen sowie seine Strukturen aufgrund eines in Abhängigkeit von der Kultur unterschiedlichen Inputs, eben eines kulturspezifischen Inputs auch kulturspezifisch. In diesem Zusammenhang wird ganz allgemein von der neuronalen Plastizität des Gehirns gesprochen, womit darauf hingewiesen wird, dass das menschliche Gehirn letztlich immer auch ein Resultat der Biographie eines jeden Menschen ist und eine enorme Anpassungsfähigkeit vorweist. Somit ist es ein Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 322 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 323 322 7 Kulturelle Neurowissenschaft naheliegender Schluss, dass die Biographien der Menschen auch in bedeutsamem Maße von ihrer jeweiligen Kultur geprägt sind, etwa durch kulturspezifischen Input im Bereich des Bildungssystems oder der Medien. Beispielsweise verweißt Seelmann auf die beobachtbaren anatomischen Unterschiede im Sinne kulturspezifischer Anpassungen im Gehirn zwischen Europäern und Chinesen, die durch Untersuchungen im Hirnscanner nachgewiesen werden können. Insofern kann die erstaunliche Feststellung gemacht werden, dass die biologische Natur des menschlichen Gehirns und die Kultur keineswegs als voneinander unabhängige Entitäten aufzufassen sind, sondern sich vielmehr gegenseitig und in durchaus komplexer Weise beeinflussen, ein Sachverhalt, der auch als bio-kultureller Co-Konstruktivismus bezeichnet wird. Angemerkt sei dabei bereits an dieser Stelle, dass die im Hirnscanner feststellbaren Unterschiede aber erst vollständig verstanden werden können, wenn auch die jeweiligen Kulturen, ihre Entwicklung sowie ihre Besonderheiten verstanden werden108. Am Beispiel von Europa und Asien beschreibt Seelmann derartige Besonderheiten für die im Denken jeweils herrschenden Grundüberzeugungen. So ist das europäische Denken dadurch gekennzeichnet, dass versucht wird Erklärungen mit rationalen Methoden zu finden. In diesem Sinne wird im Rahmen eines Rationalismus versucht Erklärungen in messbaren Kausalitäten im Sinne eines Entweder-oder-Prinzips zu finden. Mystik, Magie und Emotionalität hingegen finden weitgehende Ablehnung. Der Mensch schließlich existiert vorrangig als Individuum. Das asiatische Denken hingegen ist durch das ganzheitlich geprägte Yin-Yang-Prinzip sowie die damit verbundene wechselseitige Bezogenheit von Gegensätzen gekennzeichnet. Ein rein verstandesbasierter Erkenntnisgewinn bei der Suche nach den „ewigen Wahrheiten“ wird als unzureichend angesehen, d. h. das göttliche Weltprinzip kann nur mithilfe von Mystik, Spiritualität und Intuition erkannt werden. Im Übrigen existiert der Mensch gemäß Konfuzius nur als Gruppenmitglied und nicht als Individuum109. Nach wie vor prägend ist die Tradition des Konfuzianismus beispielsweise in Vietnam, dies trotz enormer gesellschaftlicher Umwälzungen durch die französische Kolonialherrschaft, die Teilung des Landes sowie den Krieg gegen die USA. Die Rollen und Beziehungen innerhalb von Gruppen, gleich ob innerhalb der Familie oder des Unternehmens, bestimmen die Struktur der Gesellschaft und repräsentieren die Grundbausteine der eigenen Identität. So spielt der für westliche Gesellschaften so typische Konflikt zwischen eigenen Bedürfnissen und Selbstverwirklichung auf der einen Seite sowie den Anforderungen von Familie und Gesellschaft auf der anderen Seite praktisch keine Rolle. „Die Verwirklichung des eigenen Lebens besteht darin, sich in die Harmonie der größeren Ordnung einzufügen.“110 Die Unterschiede zwischen Europa und Asien können bereits am Beispiel der visuell-kognitiven Verarbeitung, also dem einfachen Sehen veranschaulicht werden. Europäer sind bei der Betrachtung von Bilderwelten, etwa im Bereich der Mediawerbung, vorrangig auf die Erfassung des Hauptobjektes ausgerichtet, der Hintergrund hingegen wird eher vernachlässigt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Areale des temporalen Kortex, also jene Areale, die für die Objekterkennung zuständig sind, durch erhöhte Aktivität gekennzeichnet sind. Für die durch ganzheitliche Betrachtung gekennzeichneten Asiaten hingegen spielt auch der Bildhintergrund eine bedeutsame Rolle. Insofern ist nachvollziehbar, dass Areale des par- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 322 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 323 3237.4 Interkult. Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens tialen Kortex, also jene Areale, die für die ganzheitliche Wahrnehmung zuständig sind, durch eine erhöhte Aktivität gekennzeichnet sind111. In diesem Sinne wurde am Beispiel von japanischen Probanden einerseits, US-amerikanischen Probanden andererseits in Bezug auf die Wahrnehmung das Folgende herausgefunden: „Japanischen und US-amerikanischen Versuchspersonen wurde eine animierte Unterwasserlandschaft mit einem großen Fisch im Vordergrund sowie einer Reihe von Fischen und Wasserpflanzen im Hintergrund gezeigt. Danach wurden die Teilnehmer gebeten, zu berichten, was sie gesehen hatten. Folgende Ergebnisse wurden ermittelt: Beide Gruppen von Versuchspersonen nahmen den Fisch im Vordergrund wahr. Während japanische Probanden darüber hinaus viele Fische und Wasserpflanzen im Hintergrund wahrnahmen, beschränkte sich die Wahrnehmung der Probanden aus den USA weitgehend auf den Fisch im Vordergrund. Das Umfeld wurde kaum oder überhaupt nicht wahrgenommen. In einem Folgeexperiment wurde dagegen nachgewiesen, dass es japanischen Versuchspersonen im Vergleich zu US-amerikanischen Personen wesentlich schwerer fiel, den großen Fisch aus dem ersten Experiment wiederzuerkennen, wenn er von anderen Fischen und anderen Wasserpflanzen umgeben war. Auch gänzlich ohne Hintergrund taten sich die japanischen Probanden schwer, den ursprünglichen Fisch im Vordergrund wiederzuerkennen.“112 Als ein Schlüssel zum Verständnis eines Kulturkreises sind Sprache und Schrift anzusehen, prägen sie doch die Denkstrukturen, das Fühlen und das Handeln der Vertreter einer bestimmten Kultur ganz wesentlich mit. In diesem Sinne begründet sich zwischen Europäern und Asiaten in der verwendeten unterschiedlichen Schriftsprache eine weitere bedeutsame kulturspezifische Besonderheit113. So führt die abstrakte westliche Schriftsprache mit ihren abstrakten Buchstaben mit gleichbleibender Bedeutung tendenziell zu einer Dominanz der linken Gehirnhälfte. Dabei ist es bedeutsam, dass die linke Gehirnhälfte zuständig ist für die Verarbeitung von Sprache und allgemeinen Regeln, aber auch die abstrakte Analyse von Prozessen und Systemen. Im Übrigen ist in den westlichen Sprachen der Konjunktiv verfügbar, wodurch Ironie und doppelbödige Aussagen vergleichsweise einfach umgesetzt werden können114. Ganz anders zeigt sich die Situation in Bezug auf die chinesische Sprache, die als die älteste, heute noch verwendete Kulturschrift der Welt anzusehen ist und die auch in anderen ostasiatischen Kulturen, etwa Japan oder Vietnam, übernommen worden ist und dort verwendet wird, wenn auch gemäß den jeweils eigenen Sprachgewohnheiten in abgewandelter Form. Wird von der chinesischen Sprache im Singular gesprochen, so ist üblicherweise der Standarddialekt Hochchinesisch gemeint, der Putonghua, ehemals Mandarin genannt wird. Der besondere Einfluss der chinesischen Schrift macht sich dabei an dem Sachverhalt fest, dass es sich um eine Zeichenschrift handelt. Als eine Begriffsschrift unterscheidet sich das Chinesische somit grundlegend von den auf lateinischen Buchstaben (oder dem griechischen Alphabet) aufbauenden Schriftsprachen. Während in den meisten Kulturkreisen, etwa in Europa, ein Denken in Begriffen und Wörtern üblich ist, das aus Buchstabenketten geformt wird, wurden im Chinesischen die einzelnen Schriftzeichen aus Bildern abgeleitet. Somit besteht für Schriftsprachen, die auf Buchstabenketten geformt werden die Situation, dass die normalerweise aneinander zu reihenden Buchstaben für sich genommen keine Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu stellt jedes chinesische Schriftzeichen einen Gegenstand oder eine Idee dar, was zu einer sehr viel plastischeren Schriftsprache führt und vermutlich auch in stärkerem Maße an die Kreativität und das Vorstellungsvermögen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 324 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 325 324 7 Kulturelle Neurowissenschaft appelliert. So kennt die chinesische Sprache beispielsweise auch keine Grammatik im eigentlichen Sinne. Wortart, Person, und Zeitform werden nicht aus den Flexionen, also den Veränderungen der Gestalt eines Wortes zum Ausdruck seiner grammatikalischen Merkmale bzw. Funktionen in einem Satz abgelesen, sondern erschließen sich vielmehr erst aus dem Zusammenhang. Des Weiteren können die oft einsilbigen Wörter der chinesischen Sprache je nach Betonung ganz unterschiedliche Bedeutungen haben, wobei der Satzzusammenhang hier eine entscheidende Rolle spielt. Schließlich gehört die chinesische Sprache zu den Tonsprachen, d. h. viele ähnlich oder gar gleich klingende Wörter oder Verbindungen können nur mittels Tonhöhe, in der sie gesprochen werden, unterschieden werden115. Die in Asien, etwa in China vorherrschenden bildhaften, konkreten Schriftzeichen orientieren sich an natürlichen, gegenständlichen Abbildungen. So erfahren etwa die in der chinesischen Schrift existierenden 221 Grundzeichen je nach Ergänzung und Modifikation eine Bedeutungsänderung. Insofern ist es nachvollziehbar, dass eine stärkere Ausgeglichenheit zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte vorherrscht. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass die rechte Gehirnhälfte vor allem zuständig ist für die Verarbeitung von Bildern und synthetischen Prozessen, aber auch für die ganzheitliche Wahrnehmungsgestaltung. Der Konjunktiv schließlich existiert in asiatischen Sprachen nicht, weswegen sich die Übertragung europäischer Vorstellungen von Ironie und doppelbödigen Aussagen erschwert116. Mehrfach ist bereits der Unterschied zwischen dem in Europa schwerpunktmäßig vorherrschenden Individualismus und dem in Asien vorherrschenden Kollektivismus angesprochen worden. In diesem Sinne dominiert in Europa die individuelle Freiheit als mitunter äußerst bedeutsamer Wert und das individualistische „Ich“ hat große Bedeutung. Bereits westlich geprägte Kinder nehmen die soziale Umwelt über Objekte wahr und erleben frühzeitig das eigene Ich als einzigartiges Wesen, dessen eigene Meinungen, Wünsche und Handlungen bedeutsam sind. So konnten bei einer Konfrontation von Europäern mit den Begriffen „Mutter“ und „Ich“ große Unterschiede im Rahmen der Aktivierungslokalisation festgestellt werden. In Asien hingegen dominiert die Bedeutung des Gruppenbezugs. Der Einzelne erfährt ein Selbsterleben in Verschmelzung mit wichtigen Bezugsgruppen, individuelles Freiheitsstreben hingegen gilt als unsoziales Verhalten. Bereits in Bezug auf Kinder hat die Frage nach deren Rolle in der Gruppe eine große Bedeutung und es wird auch nach den von ihrer Seite notwendigerweise zu erbringenden Leistungen gegenüber der Bezugsgruppe gefragt. Bei einer Konfrontation mit den Begriffen „Mutter“ und „Ich“ werden bei Asiaten die gleichen Gehirnareale des medialen präfrontalen Kortex aktiviert, was für eine deutlich stärkere emotionale und kognitive Verknüpfung der beiden Begriffe spricht als bei den Europäern117. Die Betrachtung der Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Menschen beider Kulturkreise grundsätzlich über die gleichen neurobiologischen Emotionssysteme im Gehirn verfügen. Festzuhalten ist aber auch, dass es Unterschiede sowohl hinsichtlich der Stärke der Emotionssysteme als auch im Ausdruck der Emotionen gibt. So kann in Bezug auf die Stärke der Emotionssysteme festgehalten werden, dass die stärkere Ausprägung von Individualismus und Egoismus in westlichen Kulturen auch im Sinne der Neurochemie nachgewiesen werden kann. Beispielsweise kommt der amerikanische Testosteron-Forscher Dabbs bei einer repräsentativen Untersuchung Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 324 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 325 3257.4 Interkult. Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens des Hormonspiegels zu dem Ergebnis, dass bei US-amerikanischen Männern der Testosteron-Wert ca. 20 % über dem der im Sinne von Stereotypen friedfertigen, buddhistisch geprägten nepalesischen Männer liegt118. Besonders anschaulich können kulturspezifische Unterschiede hinsichtlich der Stärke der Emotionssysteme am Beispiel von USA und Deutschland veranschaulicht werden. So repräsentieren sich die Vorfahren der heutigen US-amerikanischen Gesellschaft in den ehemaligen Einwanderern sowie deren Nachkommen119. Um zur Zeit der Auswanderung eine Reise von Europa in die Neue Welt in Angriff zu nehmen brauchte es angesichts der damals verfügbaren Mittel ein Höchstmaß an Mut, Risikobereitschaft, Durchsetzungsvermögen, aber auch Neugier und Weltoffenheit. Die mit diesen Wagnisaspekten gleichzeitig verbundenen Möglichkeiten einer Schaffung von Wohlstand, Reichtum und Fülle, die sich den Emigranten in einer fremden Welt geboten haben, beschreibt Trompenaars wie folgt: „Immigrants, refugees, outsiders, and diverse religious and ethic groups within cultures have so often been spectacularly successful at wealth creation that it cannot be a coincidence. (…) To be a stranger in a strange land can break you, but surprisingly it often makes you.”120 Die charakterlichen Eigenschaften der Auswanderer spiegeln eine hohe Ausprägung der limbischen Wirkkräfte von Dominanz und Stimulanz wider. Balancestreben hingegen, also die besondere Wertschätzung von Homöostase, innerem Gleichgewicht und Ruhe sowie die solchermaßen notwendige Vermeidung von Ungewissheit und Risiko würden den Auswanderern eher im Wege stehen. Die starke Ausprägung der Wirkkräfte Dominanz und Stimulanz sowie eine eher geringe Ausprägung der Wirkkraft Balance entsprechen letztlich dem Anforderungsprofil von typischen Unternehmern in hohem Maße121. Wie risikobehaftet die Tätigkeit als Unternehmer tatsächlich ist lässt sich am Beispiel von Henry Ford verdeutlich. Mit der Schaffung seines Modells T hatte er noch 1909 die Führungsposition im Markt eingenommen, doch bereits in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stand er am Rande des Ruins. Vorsprungsgewinne von Unternehmern können also durchaus ephemer sein, sie bilden keineswegs eine Rente, die gegenüber der Marktumwelt eine Absicherungsfunktion darstellt122. Selbst das Dasein erfolgreichster Unternehmer stellt einen fortlaufenden Überlebenskampf dar, bei dem es auf Durchsetzungsstärke, aber auch neue und innovative Ideen ankommt. Somit sind hinsichtlich der Ausprägung der als Anforderungsprofil an Unternehmer zu verstehenden limbischen Instruktionen grundsätzlich die gleichen Voraussetzungen erforderlich, unabhängig davon, ob es sich um Auswanderer in früheren Zeiten handelte oder um Unternehmer der Jetztzeit. Die amerikanischen Einwanderer legten eine Verhaltensweise an den Tag, die in besonderem Maße auch für eine Unternehmertätigkeit erfolgversprechend erscheint. Dementsprechend ist tatsächlich davon auszugehen, dass das Unternehmertum in den USA ausgeprägter ist als beispielsweise in Deutschland. Diese Unterschiede sind auch heute noch beobachtbar, was daran liegt, dass diese besonderen Eigenschaften letztlich weitervererbt werden: „Aufgrund der Einwanderung von „Unternehmern“ sind im nationalen „Gen-Pool“ die „Unternehmer-Gene“ häufiger vertreten als in den Ländern, die von den „Unternehmern“ verlassen wurden.“123 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 326 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 327 326 7 Kulturelle Neurowissenschaft Der in Bezug auf die Unternehmertätigkeit verfügbare genetische Vorteil ist auch heute noch zu beobachten, da sich genetisch geprägte Unterschiede über hundert und mehr Jahre in einer Gesellschaftsgruppierung halten können. Die Möglichkeit derartiger Unterschiede einzelner Kulturen führen beispielsweise auch Lustig und Koester an: „The inherited characteristics that cultural members share are the result of biology, as people with a common ancestry have similar genetic compositions. These hereditary differences often arise as an adaptation to environmental forces, and they are evident in the biological attributes (…)”124. Die Möglichkeit kulturspezifisch unterschiedlich ausgeprägter biologischer Grundprogramme kommt letztlich auch in den Wertesystemen zum Ausdruck. In den USA werden Leistungsorientierung, Eigenverantwortung und Erfolgsorientierung als Werte von zentraler Bedeutung gesehen. In Deutschland hingegen herrschen eher Werte wie Ordnung und Disziplin vor. Kulturspezifische Wertesysteme entstehen keinesfalls zufällig. Vielmehr ist es u. a. die unterschiedliche Geschichte beider Länder, die zu den angeführten Unterschieden führt. Der in Abbildung 7-10 dargestellte Kulturvergleich zwischen den USA und Deutschland bringt die Dominanz- und Stimulanz-Orientierung von US-Amerikanern zum Ausdruck, gleichfalls werden die deutlich sicherheits- und bewahrungsorientierter ausgerichteten Werte der Deutschen deutlich. Die dominanz- und stimulanzorientierte Grundausrichtung der US-Amerikaner beschreibt Lewis, wenn auch in hohem Maße von Stereotypen geprägt, wie folgt: Abenteuer Fürsorge Tradition Qualität Sparsamkeit Verlässlichkeit AskeseMoral Präzision Hartnäckigkeit Leistung Ruhm Logik Prestige Erfolg Karriere Ausgeglichenheit Friede Vertrauen Treue Genügsamkeit Gerechtigkeit Fleiß Ehre Stolz EliteEmanzipation Freiheit Selbstbestimmung Sieg Macht Kampf Impulsivität Rebellion Risikolust Spontanität Einfluß Fröhlichkeit Abwechslung Entdecken Extravaganz Kunst Neugier Fantasie TräumereiGenuss Offenheit Natur Bequemlichkeit Gemütlichkeit Freundschaft Gesundheit Familie Geborgenheit Heimat Spiritualität USA Abbildung 7‑10: Kulturspezifische Ausprägung des biologischen Grundprogramms in den USA und in Deutschland (Quelle: in Anlehnung an Häusel (2007), S. 153) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 326 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 327 3277.4 Interkult. Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens „Amerikanische Geschäftsleute stehen in dem Ruf, die „taffesten“ der Welt zu sein (…) Ihr Ziel besteht darin, so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu verdienen, und die Mittel, die sie zu diesem Zweck einsetzen, sind harte Arbeit, Tempo, Opportunismus und Macht (auch die des Geldes). Sie lassen sich in ihren geschäftlichen Entscheidungen normalerweise nicht von Empfindlichkeiten beeinflussen und glauben wenn nicht an die Allmacht Gottes, so doch zumindest an die des US-Dollars. Dieses zielbewusste Profitstreben führt dazu, dass sie häufig als skrupellos gelten.“125 Neben der Stärke der Emotionssysteme können in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur aber auch Unterschiede im Ausdruck der Emotionen gegeben sein, was Seelmann am Beispiel von Asien veranschaulicht. So hat in Asien die Balance-Instruktion die größte Bedeutung überhaupt. Im Sinne einer Orientierung an Traditionen als zentraler Grundgedanke des Konfuzianismus haben Konformität im Verhalten zur Sicherung zwischenmenschlicher Harmonie, die Vermeidung von Konflikten sowie ein ausgeprägtes Streben nach Unsicherheitsvermeidung sehr große Bedeutung. Letzteres kommt in der Wirtschaft beispielsweise in folgenden Verhaltensweisen sowie den damit verbundenen Emotionen zum Ausdruck: • Betrachtung von Geschäftsbeziehungen als Personenbeziehungen (und nicht als Vertragsbeziehungen) • Bedürfnis zur Berechung von Prozessen, z. B. minutiös festgelegte Verhandlungsagenda, detaillierte Beschreibung technischer Produkteigenschaften • Exzellente After-Sales-Services als wichtiger Erfolgsfaktor • Große Bedeutung von Markenprodukten infolge des gesellschaftlich-kulturellen Anspruchs auf Fehlervermeidung (z. B. in Japan) • Gruppen als Referenzpunkt des Handelns und Verhaltens126; Als zweitwichtigste Instruktion kann für Asien die Dominanz-Instruktion angesehen werden. So wird die Existenz einer Hierarchie im sozialen Miteinander als natürliche Ordnung angesehen, d. h. Ungleichheit wird als natürliche Folge unterschiedlicher Leistungsfähigkeit angesehen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Reichtum und Erfolg im Konfuzianismus als wichtigste Lebensziele angesehen werden, wobei die Erlangung von Reichtum zum Wohle der Familie erfolgt und Anstrengungen sowie Erfolg im Unternehmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit dienen. Das Zeigen von Macht und Reichtum gilt als Selbstverständlichkeit und Geschenke haben auch im Geschäftsleben eine besondere Bedeutung. Infolge der Bedeutung aller drei limbischen Instruktionen spielt schließlich auch die Stimulanz-Instruktion eine bedeutsamere Rolle. Ein geschäftliches Begleitprogramm, etwa ein üppiger ausfallendes Abendessen oder Karaoke werden neben der bindungsstiftenden Funktion in Ausrichtung an der Balance-Instruktion auch zur Entspannung und Abwechslung, also zur Befriedigung von Stimulanzbedürfnissen eingesetzt. Zudem besteht eine große Aufgeschlossenheit gegenüber neuen technischen Spielarten127. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 328 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 329 328 7 Kulturelle Neurowissenschaft 7.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten auf die Kommunikation Nachdem die unbewusste Steuerung menschlichen Verhaltens eingehend dargestellt wurde stellt sich nun natürlich die Frage, welche Bedeutung hieraus für die Kommunikation abgeleitet werden kann. Eine der zentralen Erkenntnisse ist es, dass letztlich das limbische System für die Dekodierung der Körpersprache zuständig ist. So sind die für die Verarbeitung visueller Reize verantwortlichen Gehirnareale wie z. B. der Thalamus, selbst Teil des limbischen Systems und die Augen ca. 5.000 Mal so alt wie die Sprache, was letztendlich die vorrangig visuelle Orientierung des menschlichen Gehirns erklärt. Die konkrete Bilderwelt wird also der abstrakt strukturierten Sprache vorgezogen. Die Sprache des Menschen hingegen hat sich erst vor maximal 100.000 Jahren, eher aber vor 40.000 Jahren entwickelt. Die nonverbale Kommunikation ist entwicklungsgeschichtlich betrachtet somit weitaus älter als die verbale Kommunikation mittels Sprache. Die von den tierischen Vorfahren übernommene nonverbale Kommunikation hat bis heute ihren überwiegend unbewussten Einfluss nicht verloren128. Die Unbewusstheit der nonverbalen Kommunikation wird beispielsweise von Kroeber-Riel angesprochen, der die Bedeutung von Bildern bzw. bildlichen Reizen für die Marketing-Kommunikation hervorhebt. Seiner Auffassung nach lösen Bilder weniger gedankliche Reaktionen und rational ausgerichtete Denkprozesse aus, vielmehr unterlaufen sie die gedankliche Kontrolle des Betrachters129. Die besonderen emotionalen Wirkungen von Bildern sind darauf zurückzuführen, dass Bilder die natürlichen emotionalen Reize direkter wiedergeben als es die Sprache kann. So werden emotionale Konsumerlebnisse insbesondere durch Bilder geschaffen. Des Weiteren übermitteln Bilder ganzheitliche Botschaften und sagen dabei das Wichtigste glaubwürdig und schnell aus. Zudem erzielen Bildinformationen eine bessere Wirkung als Textinformationen. Im Übrigen ist bei der Werbemittelgestaltung darauf zu achten, dass das ausgewählte Bildmotiv nicht zu weit von einem Schemabild entfernt ist, welches im Verbraucher angesprochen werden soll, da dies die schnelle Wahrnehmung und Erinnerung im Verbraucher erschweren würde. Dabei handelt es sich bei Schemabildern, also bei Schemata um vorgeprägte und standardisierte Vorstellungen darüber, wie etwas aussieht. Neben kulturübergreifend wirkenden Schemabildern wie etwa dem Kindchenschema gibt es auch kulturell geprägte Schemabilder, etwa das Mittelmeerschema. Das Schema von der französischen Bevölkerung ist zum Beispiel durch das dominante Attribut Schal und Baskenmütze geprägt. Wird im Rahmen einer Werbebotschaft nun der Aufbau eines Bezugs zu Frankreich angestrebt, so kann dieser gewünschte Imagetransfer durch die Abbildung des Schemaattributs „Franzose“ erreicht werden130. Die Bedeutung von Bildern in der Werbung bringt Kroeber-Riel sehr pointiert mit seinen bekannten Worten zum Ausdruck: „Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn.“131 Besonders eindrucksvoll legt Frey die Unbewusstheit der nonverbalen Kommunikation dar. Er stellt die offensichtliche Mühelosigkeit und Geschwindigkeit, mit welcher auf visuellen Stimuli basierende unbewusste Schlussfolgerungen sich ergeben, deutlich heraus. Bereits die bloße Wahrnehmung nonverbaler Stimuli führt aufseiten des Betrachters offensichtlich zu affektiver Erregung. Dies ist das Ergebnis von Untersuchungen über die Aktivität des vegetativen Systems des Be- 7.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.