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7.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten auf die Kommunikation in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 345 - 352

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_345

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 328 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 329 328 7 Kulturelle Neurowissenschaft 7.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten auf die Kommunikation Nachdem die unbewusste Steuerung menschlichen Verhaltens eingehend dargestellt wurde stellt sich nun natürlich die Frage, welche Bedeutung hieraus für die Kommunikation abgeleitet werden kann. Eine der zentralen Erkenntnisse ist es, dass letztlich das limbische System für die Dekodierung der Körpersprache zuständig ist. So sind die für die Verarbeitung visueller Reize verantwortlichen Gehirnareale wie z. B. der Thalamus, selbst Teil des limbischen Systems und die Augen ca. 5.000 Mal so alt wie die Sprache, was letztendlich die vorrangig visuelle Orientierung des menschlichen Gehirns erklärt. Die konkrete Bilderwelt wird also der abstrakt strukturierten Sprache vorgezogen. Die Sprache des Menschen hingegen hat sich erst vor maximal 100.000 Jahren, eher aber vor 40.000 Jahren entwickelt. Die nonverbale Kommunikation ist entwicklungsgeschichtlich betrachtet somit weitaus älter als die verbale Kommunikation mittels Sprache. Die von den tierischen Vorfahren übernommene nonverbale Kommunikation hat bis heute ihren überwiegend unbewussten Einfluss nicht verloren128. Die Unbewusstheit der nonverbalen Kommunikation wird beispielsweise von Kroeber-Riel angesprochen, der die Bedeutung von Bildern bzw. bildlichen Reizen für die Marketing-Kommunikation hervorhebt. Seiner Auffassung nach lösen Bilder weniger gedankliche Reaktionen und rational ausgerichtete Denkprozesse aus, vielmehr unterlaufen sie die gedankliche Kontrolle des Betrachters129. Die besonderen emotionalen Wirkungen von Bildern sind darauf zurückzuführen, dass Bilder die natürlichen emotionalen Reize direkter wiedergeben als es die Sprache kann. So werden emotionale Konsumerlebnisse insbesondere durch Bilder geschaffen. Des Weiteren übermitteln Bilder ganzheitliche Botschaften und sagen dabei das Wichtigste glaubwürdig und schnell aus. Zudem erzielen Bildinformationen eine bessere Wirkung als Textinformationen. Im Übrigen ist bei der Werbemittelgestaltung darauf zu achten, dass das ausgewählte Bildmotiv nicht zu weit von einem Schemabild entfernt ist, welches im Verbraucher angesprochen werden soll, da dies die schnelle Wahrnehmung und Erinnerung im Verbraucher erschweren würde. Dabei handelt es sich bei Schemabildern, also bei Schemata um vorgeprägte und standardisierte Vorstellungen darüber, wie etwas aussieht. Neben kulturübergreifend wirkenden Schemabildern wie etwa dem Kindchenschema gibt es auch kulturell geprägte Schemabilder, etwa das Mittelmeerschema. Das Schema von der französischen Bevölkerung ist zum Beispiel durch das dominante Attribut Schal und Baskenmütze geprägt. Wird im Rahmen einer Werbebotschaft nun der Aufbau eines Bezugs zu Frankreich angestrebt, so kann dieser gewünschte Imagetransfer durch die Abbildung des Schemaattributs „Franzose“ erreicht werden130. Die Bedeutung von Bildern in der Werbung bringt Kroeber-Riel sehr pointiert mit seinen bekannten Worten zum Ausdruck: „Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn.“131 Besonders eindrucksvoll legt Frey die Unbewusstheit der nonverbalen Kommunikation dar. Er stellt die offensichtliche Mühelosigkeit und Geschwindigkeit, mit welcher auf visuellen Stimuli basierende unbewusste Schlussfolgerungen sich ergeben, deutlich heraus. Bereits die bloße Wahrnehmung nonverbaler Stimuli führt aufseiten des Betrachters offensichtlich zu affektiver Erregung. Dies ist das Ergebnis von Untersuchungen über die Aktivität des vegetativen Systems des Be- 7.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 328 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 329 3297.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten trachters. Dieser Sachverhalt kann am Beispiel der Veränderungen der elektrischen Hautleitfähigkeit, einem mit emotionaler Erregung eng verknüpften Aspekt des vegetativen Geschehens, dargelegt werden. Bereits angesichts einer Stimulusperson ereignen sich mitunter sehr ausgeprägte Erregungen im epidermalen System der Betrachter, wobei die Reaktionen jedoch in Abhängigkeit von der jeweils betrachteten Stimulusperson stark variierten. Diese Ergebnisse begründet Frey wie folgt: „Daß derartige Effekte sich nicht etwa erst auf dem Umweg über die rationale Informationsverarbeitung einstellen, sondern als eine ganz unmittelbare Folge subkortikaler Prozesse gelten können, zeigt sich allein schon an dem Umstand, daß starke vegetative Reaktionen auch bei der Wahrnehmung von Personen auftraten, die die Betrachter gar nicht kannten. (…) Die Annahme eines vom neokortikalen Geschehen weitgehend unabhängigen affektiven Informationsverarbeitungssystems wird aber auch durch Korrelationsanalysen bestätigt, die nur ganz geringe Kovariationen zwischen den Kennwerten der elektrodermalen, elektrokardialen und respiratorischen Aktivität einerseits und den Eindrucksurteilen andererseits erbrachten.“132 Die enorme Bedeutung der visuellen Komponente, die in der interpersonalen Kommunikation u. a. bei der Eindrucksbildung vorherrscht und die hochselektiv arbeitet, ist in verschiedenen Untersuchungen der letzten Jahren immer deutlicher hervorgetreten. Eine dieser Untersuchungen stammt von Jendraczyk. Anfang der 1990er Jahre hat sie einer Gruppe von Beurteilern Bewerbungsfotos mit variierender Expositionszeit vorgelegt, die von Bewerbern um einen Studienplatz an einer Schauspielschule stammten. Im Rahmen dieser Experimente hat sich Erstaunliches gezeigt: Den Beurteilern genügt bereits eine Expositionszeit von 250 Millisekunden, also eine Viertel Sekunde, um sich ein höchst nuanciertes Bild vom jeweiligen Bewerber zu machen. In dieser kurzen Zeit wird eine Entscheidung darüber getroffen, ob der zu Beurteilende sympathisch oder unsympathisch, dominant oder zurückhaltend, interessant oder langweilig, intelligent oder eher weniger intelligent ist etc. Im Zuge dieser überaus schnellen Eindrucksbildung kommen die Beurteilenden rein auf Basis der optischen Eindrücke zu Einstellungen darüber, ob der entsprechend zu Beurteilende gerne gesehen wäre als Kollege, Vorgesetzter, Partner, Bekannter etc. Interessanterweise verändern sich die im Rahmen der hochselektiven Verarbeitung nonverbaler Reize in Sekundenbruchteilen entstandenen Beurteilungen kaum, wenn die Beurteiler die Gelegenheit haben, die Bildvorlagen beliebig lange zu betrachten. Die Studie von Jendraczyk zeigt, dass die Beurteilungsprozesse, die ausschließlich durch nonverbale Stimuli ausgelöst werden, in einer Viertelsekunde praktisch abgeschlossen werden. So korrelieren die Beurteilungen, die über die Stimuluspersonen in einer Zeitspanne von 250 Millisekunden abgeschlossen werden mit den Beurteilungen, die bei permanenter Exposition der Bildvorlagen erhoben wurden im Durchschnitt in einer Höhe von r = 0,92. Dieses Ergebnis wird in seinen Grundzügen in einer Replikationsstudie anhand von 45 Politikerporträts von Frey nahezu vollständig bestätigt. So korrelieren in dieser Replikationsstudie die Persönlichkeitsurteile, die nach einer Viertelsekunde gebildet werden, mit den Urteilen, die auf Basis einer permanenten Betrachtung erhoben werden im Durchschnitt mit einem Korrelationskoeffizienten von r = 0,89133. Die unbewusst vonstatten gehende Beurteilung von Kommunikationspartnern durch rein nonverbale Reize hat Frey auch in sog. Attrappenversuchen mit Be- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 330 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 331 330 7 Kulturelle Neurowissenschaft wegtbildern festgestellt. In diesen Versuchen bildet er das Bewegungsverhalten verschiedener Politiker durch eine computeranimierte Puppe nach und eliminiert auf diesem Wege gleichzeitig den Einfluss der Physiognomie im Erscheinungsbild des jeweiligen Politikers. Das Ergebnis dieser Versuche ist, dass das Bewegungsverhalten einer Person offensichtlich in weitaus stärkerem Maße als das statische, physiognomische Aussehen den Prozess der spontanen Eigenschaftszuschreibung steuert, und zwar auf Basis unbewusst vollzogener Schlüsse: „Die bisher vorliegenden Ergebnisse aus Attrappenversuchen mit Bewegtbildern (…) deuten ebenfalls darauf hin, daß der mit der Bildung unbewußter Schlüsse befasste psychische Apparat den verschiedenen Aspekten des menschlichen Erscheinungsbildes sehr unterschiedliches Gewicht beimisst.“134 In den Versuchen von Frey zeigt sich eine Dominanz des Bewegungsverhaltens über die vom morphologischen Erscheinungsbild ausgehende Stimulation. So gelangen die Beurteilenden einzig auf Basis der Bewegungsinformation praktisch zum selben Urteil wie bei der Betrachtung der Videosequenzen von den Politikern, die eben mit der Puppenanimation nachgebildet wurden. Ein vergleichsweise wenig ambitionierter, undifferenzierter Eindruck, den ein bestimmter Politiker hinterlässt, findet sich auch in der Beurteilung der nachgebildeten Puppenanimation wieder. Gleiches gilt für Politiker, deren Charakter beispielsweise negativ eingestuft wird oder auch für Politiker, die einen sehr positiven Eindruck bei den Beurteilenden hinterlassen. Die die jeweilige Puppenanimation der Politiker Beurteilenden kamen „praktisch zum selben Urteil, wie wenn sie (die Beurteilenden, Anm. des Verf.) den Politiker in Person sahen.“135 Die Dominanz des Bewegungsverhaltens bei der Eindrucksbildung hat im Übrigen bereits Lorenz angesprochen: „Wenn man (…) die relative Wirkung einzelner auslösender Merkmale gegeneinander abwiegt, so stellt sich regelmäßig heraus, daß Bewegungsmerkmale … quantitativ gewaltig über alle anderen überwiegen, so sehr, daß sie unter Umständen unentbehrlich werden“136. Zusammenfassend dürfte die enorme Bedeutung der nonverbalen Kommunikation deutlich geworden sein. Grundsätzlich hat jede Kultur in hohem Maße ihre eigene Art und Weise der nonverbalen Kommunikation. Störungen entlang der Interkulturellen Kommunikation ereignen sich gerade in diesem in hohem Maße eindrucksbildenden Bereich der Kommunikation. Diesen Sachverhalt bringt auch Frey zum Ausdruck: „Es deutet sich (…) an, daß die subjektiven „Übersetzungsregeln“, die bei der spontanen Interpretation nonverbaler Stimuli zur Wirkung gelangen, zumindest innerhalb einer Kultur einander so ähnlich sind, als bestünde ein heimlicher Konsensus. Darüber hinaus bestätigte sich in unseren Analysen einmal mehr, daß die nonverbale Kommunikation ihre Wirkung auch über die Sprach- und Kulturgrenzen hinaus entfaltet. Anders als im Falle fremdsprachlicher Äußerungen, wo der Hörer seine Deutungsaktivität unverzüglich einstellt, sobald er eine Lautfolge vernimmt, deren semantische Konventionen ihm unbekannt sind, fehlt dem mit der Deutung nonverbaler Stimuli befassten visuellen System offenbar jegliche Hemmung im Hinblick auf die pragmatische Interpretation „fremdartiger“ Bewegungsaktivität.“137 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 330 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 331 3317.5 Auswirkungen von interkulturellen Unterschieden im unbewussten Verhalten Die Kenntnis des auf dem limbischen System beruhenden biologischen Programms bleibt aber auch für die verbale Kommunikation keineswegs bedeutungslos. Die der Einzigartigkeit des Individuums folgende spezifische Ausprägung der drei limbischen Instruktionen prägt in gewisser Hinsicht auch die Art und Weise, in der ein Individuum verbal kommuniziert. In diesem Zusammenhang kann die zuvorderst unbewusst ausgerichtete Bestrebung eines Individuums entlang der jeweiligen limbischen Instruktion(en), wie in Abbildung 7-6 dargelegt, als strategische Stoßrichtung bzw. strategischer Verhaltenskorridor aufgefasst werden. Die tatsächliche sprachliche Ausgestaltung zur Erreichung der mit den jeweiligen Instruktionen verbundenen Zielsysteme im Sinne einer individuellen operativ-kommunikativen Umsetzung hingegen geschieht auch bewusst unter Zuhilfenahme der im Neokortex abgespeicherten Erfahrungen und Kognitionen, etwa auch unter Zuhilfenahme von erlernten Argumentationstechniken oder kommunikationspsychologischen Modellen. Pointiert ausgedrückt kann die verbale Kommunikation als zuvorderst bewusster und zielgerichteter Teil menschlichen Verhaltens zur Erreichung der individuellen Motiv- bzw. Zielpräferenzen in Ausrichtung an die Ausprägung der jeweiligen limbischen Instruktion(en) angesehen werden. Diesem Zusammenhang folgend kann die verbale Kommunikation einer Person durchaus auch als Ausdruck von Persönlichkeit und Charakter aufgefasst werden. In diesem Zusammenhang sei auch auf den Aspekt der Selbstoffenbarung verwiesen, den Schulz von Thun in seinem Modell der vier Seiten einer Nachricht anführt138 und der sich auf das konzentriert, was ein Kommunikator über sich selbst zum Ausdruck bringt. In diesem Sinne bringen Persönlichkeiten mit starker Balance-Ausprägung vorrangig ihr Streben nach einem Erhalt von bereits Erreichtem, aber auch eine Orientierung an (energiesparendem) Gleichgewicht sowie Harmonie zum Ausdruck und kommunizieren die damit verbundenen Werte auch entsprechend. Bei ihnen stehen somit bewahrende Aspekte im Vordergrund, demzufolge kommunizieren sie der Tendenz nach vergangenheitsorientiert („Früher war alles besser.“). Auch Schuldzuweisungen („Schuld an allem ist der Euro.“), die letztlich die Möglichkeiten zur Steuerung und Kontrolle nach außen hin verlagern, sind denkbar. Im Gegensatz dazu ist die Sprache von charismatischen Führungspersönlichkeiten mit starker Dominanz-Ausprägung ganz anders ausgerichtet. So ist sie etwa dadurch gekennzeichnet, dass sie Optimismus, Zuversicht und möglicherweise Expansionsorientierung ausstrahlt und auch zum Inhalt hat. Die gesprochenen Worte solcher Führungspersönlichkeiten verbreiten Optimismus, Siegeswillen und Kraft, sie demonstrieren aber auch Kampfbereitschaft139. Persönlichkeiten mit hoher Stimulanz-Ausprägung schließlich kommunizieren wieder anders. Beispielsweise betonen sie die Aspekte von Neuartigem und auch von Innovationen, die bereits an sich als faszinierend empfunden werden. Unterscheidungsmöglichkeiten, die das biologische Grundprogramm auf der Ebene der Individuen erlaubt, sind letztlich ebenso auf der Ebene der Kulturen festzustellen. Beispielhaft wurde dies bereits in Abbildung 7-10 u. a. für die USA gezeigt, wo eine ausgeprägte Orientierung an der limbischen Instruktion der Dominanz vorherrscht und neben der gleichzeitigen Orientierung an der Instruktion der Stimulanz dominiert. Diese Dominanz-Orientierung lässt sich auch im Rahmen der verbalen Kommunikation erfahren, so beispielsweise im Rahmen einer Vertriebstätigkeit im Anlagengeschäft. Im Rahmen von Vertragsverhandlungen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 332 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 333 332 7 Kulturelle Neurowissenschaft zur Regelung einzelner vertraglicher Konditionen kann es etwa zunächst zur Kommunikation mit dem sich in Bezug auf den Verhandlungsfortschritt extrem unzufrieden zeigenden Projektleiter aufseiten des US-amerikanischen Kundenunternehmens kommen. Der „Auftritt“ des noch nicht anwesenden, aber bereits erwarteten Chefs kann von diesem Projektleiter mit dem Hinweis vorbereitet werden, dass er seinen Chef noch nie derart erregt und unzufrieden erlebt habe wie in Bezug auf das anstehende Geschäft, um sodann hinzuzufügen: „And you have to know, my boss is really as hot as a pistol.” Eine derart aggressive, kämpferische, fast kriegerisch anmutende verbale Ausdrucksweise, die nebenbei bemerkt einem konkreten Denken entspricht140, zeugt letztlich von einer Dominanz-Orientierung, die der hernach hinzukommende Chef des Kundenunternehmens durch einen hochemotionalen Wutausbruch mit hochrotem Kopf und vor Erregung stark zitternden Händen unterstreichen kann. Eine derartige Kommunikation ist etwa von einem vorrangig an der Instruktion der Balance orientierten Asiaten nicht zu erwarten. Abschließend sei auf die Möglichkeit hingewiesen, die Argumentation gegenüber Kunden an deren grundsätzlicher Ausprägung der einzelnen limbischen Instruktionen auszurichten und somit möglichst überzeugend zu agieren141. Zweifelsohne ist das faszinierende Gebiet der Kulturellen Neurowissenschaft noch vergleichsweise jung. Jedoch ist gerade auf diesem Gebiet neben den vorausgehend beispielhaft dargelegten Unterschieden in Zukunft die Entdeckung vieler weiterer kultureller Einflüsse auf das menschliche Gehirn zu erwarten. Dies begründet sich zuvorderst auf einem immer auch kulturspezifisch ausgerichteten Input, der den Mitgliedern einer bestimmten Kultur zuteil wird sowie aufgrund der neuronalen Plastizität des menschlichen Gehirns. Dabei dürften Erkenntnisse des Kultureinflusses nicht nur in Bezug auf das Gehirn und Verhalten von Wissenschaftlern, Managern und Konsumenten, sondern beispielsweise auch von Künstlern wie Komponisten und Schriftstellern zu erwarten sein. In diesem Zusammenhang kann beispielsweise Wolf Singer angeführt werden, der als einer der bekanntesten deutschen Hirnforscher und Neurologen darauf hinweißt, dass die neuronale Netzstruktur des menschlichen Gehirns derart abenteuerlich kompliziert ist, dass sie das menschliche Vorstellungsvermögen schlichtweg übersteigt und letztlich davon ausgegangen werden muss, dass die Wissenschaft mit dem Versuch, das menschliche Gehirn zu verstehen, noch sehr am Anfang steht. Die Analyse des menschlichen Gehirns als dynamisches System mit zehn hoch elf Nervenzellen, bei der jede einzelne Nervenzelle mit bis zu 10.000 anderen Nervenzellen in Verbindung steht, erfordert die Erfassung und Interpretation von extrem komplexen raum-zeitlichen Mustern, die durch die Wechselwirkungen von Myriaden von Nervenzellen erzeugt werden. Diese Aufgabe aber bedarf der Entwicklung neuer Messverfahren sowie des Einsatzes anspruchsvoller mathematischer Methoden142, um der womöglich komplexesten Materie des Universums, dem menschlichen Gehirn auf die Spur zu kommen. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 332 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 333 333Anmerkungen Anmerkungen 1 Seelmann (2012), S. 185 2 Roth (2003), S. 431 3 Häusel (2012 a), S. 9 4 Häusel (2012 c), S. 234 5 Häusel (2007), S. 10 6 Watzlawick; Kreuzer (2001), S. 42 7 Ehrhardt (2003), S. 139 8 Roth (2003), S. 23 9 Hess-Lüttich (1999), S. 78 10 Roth (2003), S. 555 11 Häusel (2011), S. 10 f. 12 Kroeber-Riel; Weinberg; Gröppel-Klein (2009), S. 100 13 Kroeber-Riel; Weinberg; Gröppel-Klein (2009), S. 59 14 Häusel (2011), S. 10 f. 15 Hofstede (2011), S. 2 f. 16 Roth (2003), S. 518 ff. 17 Roth (2003), S. 523 18 Roth (2003), S. 530 19 Häusel (2012 d), S. 252 20 Häusel (2012 b), S. 72 21 Spitzer (2003), S. 74 22 Spitzer (2003), S. 75 23 Spitzer (2003), S. 86 f. 24 Etzold (2003), S. 14 25 Kroeber-Riel; Weinberg; Gröppel-Klein (2009), S. 582 26 Spitzer (2003), S. 89 27 Spitzer (2003), S. 93 ff. 28 Paulus (2003), S. 35 f. 29 Paulus (2003), S. 36 30 Roth (2003), S. 217 ff. 31 Roth (2003), S. 219 32 Roth (2003), S. 240 33 Roth (2003), S. 198 34 Roth (2003), S. 221 35 Häusel (2007), S. 20 ff. 36 Kroeber-Riel; Weinberg; Gröppel-Klein (2009), S. 58 37 Roth (2003), S. 93 38 Singer (1997); zitiert nach Häusel (2011), S. 41 39 Roth (2003), S. 545 f. 40 Häusel (2012 b), S. 72 f. 41 Häusel (2012 b), S. 73 ff. 42 Roth (2003), S. 279 f. 43 Häusel (2012 d), S. 251 ff. 44 Häusel (2011), S. 41 45 Häusel (2011), S. 12 46 Häusel (2011), S. 17 ff. 47 Roth (2003), S. 64 ff. 48 Roth (2003), S. 73 49 Schopenhauer (1997), S. 263 f. 50 Häusel (2007), S. 23 f. 51 Watzlawick; Kreuzer (2001), S. 34 f. 52 Häusel (2011), S. 24 ff. 53 Roth (2003), S. 76 54 Roth (2003), S. 76 ff. 55 Roth (2003), S. 81 ff. 56 Häusel (2011), S. 27 ff. 57 Häusel (2011), S. 28 58 Kroeber-Riel; Weinberg; Gröppel-Klein (2009), S. 15 f. 59 Roth (2003), S. 74 f. 60 Häusel (2011), S. 29 61 Häusel (2007), S. 30 ff. 62 Knapp (1999), S. 17 63 Kroeber-Riel; Weinberg; Gröppel-Klein (2009), S. 80 ff. 64 Knapp (1999), S. 17 65 Frey (2000), S. 133 66 Frey (2000), S. 133 67 Häusel (2011), S. 44 ff. 68 Häusel (2007), S. 45 f. 69 Häusel (2007), S. 26 ff. 70 Häusel (2011), S. 57 71 Häusel (2007), S. 111 f. 72 Hofstede (2011), S. 80 73 Häusel (2011), S. 69 ff. 74 Kortals (2003), S. 51 75 Kaube (2003), S. 60 76 Niedner (2002), S. 127 77 Häusel (2007), S. 67 ff. 78 Hofstede (2011), S. 289 f. 79 Häusel (2011), S. 85 ff. 80 Schopenhauer (1987), S. 23 ff. 81 Häusel (2011), S. 86 f. 82 Roth (2001); zitiert nach Häusel (2007), S. 54 83 Roth (2003), S. 526 f. 84 Roth (2003), S. 527 85 Roth (2003), S. 527 f. 86 Roth (2003), S. 531 87 Roth (2003), S. 553 88 Roth (2003), S. 553 89 Häusel (2007), S. 58 ff. 90 Roth (2003), S. 493 91 Becker (2013) 92 Häusel (2007), S. 31 f. 93 Lustig; Koester (2010), S. 88 94 Häusel (2012 b), S. 90 95 Roth (2003), S. 361 96 Häusel (2012 b), S. 90 97 Roth (2003), S. 313 98 Häusel (2012 b), S. 91 99 Roth (2003), S. 343 f. 100 Häusel (2012 b), S. 92 f. 101 Häusel (2012 b), S. 85 102 Roth (2003), S. 411 103 Roth (2003), S. 355 104 Roth (2003), S. 354 f. 105 Eibl-Eibesfeldt (1985), S. 14 106 Häusel (2011), S. 96 Anmerkungen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 334 334 7 Kulturelle Neurowissenschaft 107 Zur Betrachtung der grundsätzlichen „limbischen Typen“ vgl. Häusel (2011), S. 100 ff. 108 Seelmann (2012), S. 187 f. 109 Seelmann (2012), S. 187 ff. 110 Kumbier; Oske (2009), S. 110 111 Seelmann (2012), S. 189 f. 112 Bannys (2012), S. 144 113 Diekmann; Fang (2008), S. 104 114 Seelmann (2012), S. 119 f. 115 Diekmann; Fang (2008), S. 104 ff. 116 Seelmann (2012), S. 119 f. 117 Seelmann (2012), S. 192 f. 118 Seelmann (2012), S. 193 119 Häusel (2011), S. 110 120 Hampden-Turner; Trompenaars (2000), S. 6 121 Häusel (2011), S. 110 122 Heuss (1981), S. 113 123 Häusel (2011), S. 110 124 Lustig; Koester (2010), S. 39 125 Lewis (2000), S. 193 126 Seelmann (2012), S. 194 f. 127 Seelmann (2012), S. 194 f. 128 Häusel (2011), S. 40 ff. 129 Kroeber-Riel (1982); zitiert nach Keller (1999), S. 109 f. 130 Schweiger; Schrattenecker (2013), S. 275 ff. 131 Kroeber-Riel; Esch (2011), S. 218 132 Frey (2000), S. 126 ff. 133 Frey (2000), S. 135 f. 134 Frey (2000), S. 136 135 Frey (2000), S. 136 136 Lorenz; Leyhausen (1968), S. 45; zitiert nach Frey (2000), S. 136 ff. 137 Frey (2000), S. 121 f. 138 vgl. Kapitel 8.2.3.1.2 139 Häusel (2007), S. 102 f. 140 vgl. Kapitel 5.1.3.2 141 vgl. Kapitel 9.1.3 142 Giese (2013), S. 16 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 335 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Andere Menschen tatsächlich zu verstehen ist eine Schwierigkeit, die gerade auch in einer zunehmend technologisierten Welt samt ihren Kommunikationstechnologien nur allzu gerne übersehen wird. Auf besonders deutliche, gar drastische Art und Weise bringt dies der studierte Germanist sowie Biologe und Professor für Verhaltensphysiologie Gerhard Roth1 zum Ausdruck: „Missverstehen ist das Normale, Verstehen die Ausnahme.“2 Um diese in ihrer Deutlichkeit kaum zu überbietende Aussage besser nachvollziehen zu können sei zunächst die von Roth für diese Aussage herangezogene Begründung angeführt, gemäß der die gesellschaftlich vermittelte Sprache zunächst einmal den (durchaus trügerischen) Eindruck entstehen lässt, dass von der Existenz einer überindividuellen Argumentationsebene ausgegangen werden kann. Eine derartige universelle Logik der Kommunikation ist für Roth vielleicht existent, aber, wenn überhaupt, dann nur in jenen Situationen, in denen es ausschließlich um abstraktes Wissen geht, nicht hingegen aber in Situationen, in denen individuelle Lebenserfahrung und individuelles Handeln, letzthin also Gefühle und Emotionen im Mittelpunkt stehen. Im Übrigen hat gerade das vorangehend dargelegte Fachgebiet der Kulturellen Neurowissenschaft deutlich gemacht, dass Gefühle und Emotionen letztendlich untrennbar von menschlichem Verhalten sind, also quasi immer (wieder) eine ganz maßgebliche Rolle spielen3. Die Tatsache, dass eine alle Missverständnisse von vorne herein ausschließende universelle Logik der Kommunikation nicht existiert wird nur deshalb nicht ständig deutlich, weil die Menschen ihren Anspruch an erfolgreiche Kommunikation, also an Verstehen variabel halten. So ist Verstehen im Rahmen von alltäglichen Routinebegegnungen, etwa am Fahrkartenschalter, vergleichsweise einfach herzustellen. Im Gegensatz zu solch einfachen Operationen ist es schon bedeutend schwieriger Verstehen im Berufsleben mit den Kollegen und Mitarbeitern herzustellen, weil hier schon unterschiedliche Lebenserfahrungen und Zielvorstellungen vorliegen und eine Rolle spielen. Am schwierigsten aber erscheint die Herstellung von Verstehen zwischen Lebenspartnern, auch wenn die Erwartungen an Verstehen gerade in diesem Lebensbereich in der Regel am höchsten und eigentlich, so sollte man meinen, am einfachsten zu erfüllen sind. Die nun wahrlich zu bedauernde Tatsache, dass sich Lebenspartner häufig nicht verstehen, ja geradezu einander fremd sein können ergibt sich für Roth als natürliche Konsequenz aus der Tatsache heraus, dass Menschen bereits in sehr frühen Lebensjahren in ihren persönlichen Grundstrukturen festgelegt werden, woran auch jahrzehntelanges Miteinandersprechen und Umgang miteinander in aller Regel wenig ändern. Insofern ist ein „vollkommenes Verstehen“, so wünschenswert es auch anmutet, zwischen Menschen als autonomen, also weitgehend von innen geleiteten Geschöpfen nicht möglich. Insofern sollte davon ausgegangen werden, dass das, was ein Mensch sagt, aller Wahrscheinlichkeit nach in einem anderen Menschen eine andere Bedeutung als die von ihm intendierte erzeugt. Das eine 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.