Content

4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings in:

Thomas Reichmann

Controlling mit Kennzahlen, page 208 - 225

Die systemgestützte Controlling-Konzeption mit Analyse- und Reportinginstrumenten

8. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3800-0, ISBN online: 978-3-8006-4375-2, https://doi.org/10.15358/9783800643752_208

Series: Controlling Competence

Bibliographic information
4. Kapitel Das Finanz-Controlling 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.1 Die Liquiditätssicherung als Hauptaufgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.2 Einzelaufgaben des Finanz-Controllings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.2.1 Einzelaufgaben und Phasenkriterium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.2.2 Strukturelle Liquiditätssicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.2.3 Laufende Liquiditätssicherung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 4.1.2.4 Haltung der Liquiditätsreserve. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 4.1.2.5 Sicherung der Unabhängigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 4.1.3 Die Bonitätssteuerung als notwendige Aufgabe nach Basel II . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 4.1.3.1 Die Neue Eigenkapitalvereinbarung – Basel II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 4.1.3.2 Messung von Kreditrisiken nach Basel II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 4.1.3.2.1 Externe Ratings. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 4.1.3.2.2 Bankinterne Ratingverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 4.1.3.2.3 Ratingkriterien zur Bonitätsbeurteilung in der Praxis. . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 4.1.3.3 Implikationen des Ratings für das Controlling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 4.1.3.4 Autonomiesicherung durch alternative Finanzierungsinstrumente . . . . . . . . . . 209 4.1.3.4.1 Finanzierungsinstrumente der Passivseite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 4.1.3.4.2 Finanzierungsinstrumente der Aktivseite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 4.2 Das Instrumentarium des Finanz-Controllings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 4.2.1 Die zeitliche Struktur der Finanzplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 4.2.2 Die langfristige Finanzplanung zur strukturellen Liquiditätssicherung . . . . . . . . . 215 4.2.2.1 Die langfristige Finanzplanung als bilanzorientierte Globalplanung . . . . . . . . . 215 4.2.2.2 Die Bilanzstrukturplanung unter Berücksichtigung von Kennzahlennormen . . 215 4.2.2.2.1 Bilanzstrukturplanung mit Hilfe von Plan-Bilanzen und Plan-Bewegungsbilanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 4.2.2.2.2 Die Bedeutung der Bilanzstrukturplanung im Rahmen der langfristigen Finanzplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 4.2.2.3 Die langfristige globale Zahlungsüberschussplanung mit Hilfe eines Teil- Finanzplans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 4.2.2.3.1 Die Ableitung des langfristigen Teil-Finanzplans aus der langfristigen Global-Erfolgsplanung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 4.2.2.3.2 Die Aussagefähigkeit der globalen Zahlungsüberschussplanung für die langfristige Finanzplanung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 4.2.3 Die mittel- und kurzfristige Finanzplanung zur laufenden Liquiditätssicherung . . 229 4.2.3.1 Formale Anforderungen an die Finanzplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 4.2.3.2 Inhaltliche Anforderungen an die Finanzplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 4.2.3.3 Integration durch Finanzplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 4.2.3.4 Die Aussagefähigkeit der kurz- und mittelfristigen Finanzplanung für die laufende Liquiditätssicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 4.2.4 Rating-Check . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 4.2.4.1 Controlling der eigenen Rating-Beurteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 4.2.4.2 Modul I: Vermögen, Erfolg, Liquidität, Kapital . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 4.2.4.3 Modul II: Markt, Wettbewerb, Produkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 4.2.4.4 Modul III: Prozesse, Systeme, Personal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 4.2.4.5 Modul IV: Recht, Haftung, Risiko. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 198 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 4.1.1 Die Liquiditätssicherung als Hauptaufgabe Die Hauptaufgabe der finanziellen Unternehmensführung und damit auch des Finanz- Controllings als einem Teil des gesamtunternehmensbezogenen Controllings liegt in der Sicherstellung der Liquidität, verstanden als die Fähigkeit des Unternehmens, zu jedem Zeitpunkt die zwingend fälligen Auszahlungsverpflichtungen uneingeschränkt erfüllen zu können. Die Erhaltung dieser ständigen Zahlungsbereitschaft und des finanziellen Gleichgewichts muss bei gleichzeitiger Beachtung des Rentabilitätszieles erfolgen.1 Die Liquiditätssicherung ist als strenge Nebenbedingung des Rentabilitätsstrebens anzusehen, denn Zahlungsunfähigkeit führt als Insolvenzgrund neben der Überschuldung bei Kapitalgesellschaften2 i. d. R. zum Ende der Unternehmensexistenz.3 Damit wird die Aufrechterhaltung der Liquidität zu einer entscheidenden Aufgabe der Unternehmensführung. 4.1.2 Einzelaufgaben des Finanz-Controllings 4.1.2.1 Einzelaufgaben und Phasenkriterium Aus der Hauptaufgabe des funktionsübergreifenden Finanz-Controllings, der Liquiditätssicherung bei gleichzeitiger Beachtung des Rentabilitätszieles, lassen sich in den einzelnen Phasen des Führungs- und Entscheidungsprozesses im Finanzbereich, d. h. der Finanz-Planungs-Phase, der Realisationsphase sowie der Finanz-Kontroll-Phase,4 als Einzelaufgaben ableiten: die strukturelle Liquiditätssicherung, die laufende Liquiditätssicherung, die Haltung der Liquiditätsreserve, die Finanzierung. 4.1.2.2 Strukturelle Liquiditätssicherung Das Ziel der strukturellen Liquiditätssicherung besteht darin, dass das Unternehmen durch Einhaltung einer „ausgeglichenen“ Finanzierungs- bzw. Kapitalstruktur im Urteil insbesondere seiner Fremdkapitalgeber, aber auch seiner Eigenkapitalgeber kreditwürdig bzw. emissionsfähig bleibt. Ist dies gewährleistet, so können etwaige 1 Vgl. Gutenberg: Finanzen,  S. 1. 2 Vgl. zu den Insolvenzgründen der (drohenden) Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung insbes. §§ 17, 18 und 19 InsO, § 92 Abs. 2 AktG, § 64 Abs. 1 GmbHG, §§ 130 a, 177 a HGB. 3 Vgl. z. B. §§ 92 Abs. 2, 262 Abs. 1 Nr. 3 AktG, §§ 60 Abs. 1 Nr. 4, 64 Abs. 1 GmbHG. Ausnahmen gelten nur im Falle eines Vergleichs oder einer Sanierung zur Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit. 4 Vgl. Hahn: Kontrollrechnung, S. 29–31. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 199 Auszahlungsüberschüsse, z. B. durch Fremdkapitaleinzahlungen jederzeit zu markt- üblichen Bedingungen und damit auch zu möglichst niedrigen Kosten ausgeglichen werden. Das Finanz-Controlling muss daher im Rahmen dieser Teilaufgabe durch ein zweckentsprechendes Finanzplanungs- und -kontrollsystem insbesondere sicherstellen, dass die Fristenstruktur von Investition und Finanzierung ausgewogen ist, dass das künftige langfristige Investitionsvolumen mit den i. d. R. begrenzten langfristigen Finanzierungsmöglichkeiten abgedeckt werden kann. Dabei muss auch auf eine „ausgewogene“ Struktur der Außenfinanzierung durch Zuführung von neuem langfristigen Fremdkapital und Eigenkapital sowie auf einen „angemessenen“ Anteil der Innenfinanzierung, z. B. durch Abschreibungs- und Rückstellungsgegenwerte oder durch Gewinnthesaurierung (Selbstfinanzierung)5 geachtet werden. Die strukturelle Liquiditätssicherung stellt einen wichtigen Teil der längerfristigen globalen Unternehmens-Gesamtplanung dar, sie ist überwiegend bilanzorientiert. Die Planung des Innenfinanzierungsvolumens verlangt auch eine globale langfristige Erfolgs- und Finanzplanung. Das Finanz-Controlling muss dabei die einzelnen langfristigen Teilpläne mit Hilfe zweckentsprechender Planungs- und Berichtsinstrumente koordinieren und ggf. zum Ausgleich von strukturellen Ungleichgewichten Anpassungsmaßnahmen anregen, wie z. B. Verringerung des Investitionsvolumens, Miete bzw. Leasing statt Kauf von Anlagen, Tilgungsstreckung von langfristigem Fremdkapital, Aufnahme von zusätzlichem Eigenkapital, Aufnahme von langfristigem statt kurzfristigem Fremdkapital. 4.1.2.3 Laufende Liquiditätssicherung Im Gegensatz zur strukturellen ist die laufende oder situative Liquiditätssicherung ausschließlich finanzplanorientiert; sie ist unmittelbar auf die Abbildung aller Zahlungsströme, sowohl der laufenden betrieblichen und betriebsfremden Ein- und Auszahlungen als insbesondere auch der Ein- und Auszahlungen im Finanzierungs-, Investitions- und Eigenkapitalbereich, ausgerichtet. Dazu muss das Finanz-Controlling die vorhandenen funktionalen Teilpläne (Beschaffung, Produktion, Absatz, Logistik) sowie die langfristigen Investitionspläne koordinieren und mit ihren Ein- und Auszahlungswirkungen in einen zweckmäßig gegliederten Finanzplan aufnehmen. Hierzu werden alle geplanten Einzahlungen unter Berücksichtigung des Anfangsbestandes an Zahlungsmitteln den Auszahlungen gegenübergestellt. Für jeden Zeitpunkt, für den die erwarteten kumulierten Einzahlungen unter Berücksichtigung des Anfangsbestandes kleiner sind als die erwarteten kumulierten Auszahlungen, ist ein zusätzlicher Bedarf an liquiden Mitteln zu erwarten. In diesem Fall sind externe Finanzierungsmittel, insbesondere als kurzfristige Krediteinzahlungen, in die Planung einzubeziehen. Verfügt das Unternehmen über Liquiditätsreserven, die noch nicht in der Planung berücksichtigt worden sind, wie etwa kurzfristig veräußerbare Warenvorräte oder Wertpapiere etc., können zusätzlich diese Reserven auf Anregung des Finanz-Controllings in der Planung berücksichtigt werden. Auch eine unter Risikogesichtspunkten zulässige Verringerung der Liquiditätsreserve kann zur Auszahlungsdeckung verwendet werden. 5 Vgl. zu diesen Finanzierungsformen z. B. Hax: Investitionsentscheidungen, S. 415 f.; Schneider: Investition, S. 169 f. 200 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling Ergibt sich auf Basis eines solchen sukzessiven, aus vorhandenen Teilplänen abgeleiteten (derivativen) Finanzplanes6 ein, unter gleichzeitiger Beachtung des Rentabilitätszieles, unzulässiger Auszahlungsüberschuss, so muss der Finanz-Controller eine Planrevision anregen, die dann zu einem finanziell zulässigen Handlungsprogramm führt. Diese Planrevision kann etwa auch das Verschieben von disponierbaren, zu dem Betrachtungszeitraum nicht zwingend notwendigen, laufenden Auszahlungen,7 z. B. von Werbe- und Forschungsaufwendungen durch späteren Beginn der Projekte, durch Verschiebung von geplanten Materialbeschaffungen und damit verbundenen Auszahlungen, durch ein aktives Kreditmanagement i. S. v. Beschleunigung der Zahlungseingänge, schnellere Fakturierung oder Mahnung beinhalten. Übersteigen dagegen die erwarteten Einzahlungen die Auszahlungen, ist ein Einzahlungsüberschuss zu erwarten. Überschüssige Zahlungsmittel bedeuten Verzicht auf Zinserträge und damit Verminderung der Rentabilität des im Unternehmen eingesetzten Kapitals. Lassen Einzahlungs- und Auszahlungsplan erkennen, zu welchem Zeitpunkt, für welchen Zeitraum und in welchem Umfang Zahlungsmittel überschüssig sein werden, sind entsprechende zinsbringende kurzfristige Anlagen der Einzahlungsüberschüsse oder eine beschleunigte Schuldentilgung in Betracht zu ziehen. 4.1.2.4 Haltung der Liquiditätsreserve Ein Einzahlungsüberschuss kann auch als zusätzlicher Bestand an liquiden Mitteln zur Aufstockung der Liquiditätsreserven verwendet werden. Je größer der Unsicherheitsgrad, verstanden als Bandbreite bzw. (subjektive) Wahrscheinlichkeitsverteilung möglicher Ein- oder Auszahlungsüberschüsse, ist, um so höher muss zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit die Liquiditätsreserve, ggf. einschließlich der offenen Kreditlinien, sein. Die Haltung von Liquiditätsreserven erhöht also die finanzielle Sicherheit, vermindert aber durch entgehende oder zumindest geringere Zinserträge bzw. durch zusätzliche Bereitstellungsprovisionen die Rentabilität. Das Finanz-Controlling muss versuchen, das Unternehmen durch den Einsatz geeigneter kurzfristiger Planungsinstrumente einem Liquiditätsoptimum, definiert als das Liquiditätsvolumen, das die Zahlungsfähigkeit bei minimalen Kosten sichert, anzunähern. Planung und Kontrolle der längerfristigen, überwiegend bilanzorientierten strukturellen Liquiditätssicherung sowie der mittel- und kurzfristigen, ausschließlich zahlungsstromorientierten situativen Liquiditätssicherung, die wir als Aufgaben des Finanz-Controllings abgeleitet haben, bedingen somit den Einsatz jeweils unterschiedlicher Planungs- und Kontrollinstrumente. 4.1.2.5 Sicherung der Unabhängigkeit Der Schwerpunkt der Controllertätigkeit8 liegt im Rahmen der genannten Einzelaufgaben jeweils in der Planungs- und Kontrollphase, wobei die gesamte Finanzierungs- 6 Vgl. zur Abgrenzung sukzessiver und simultaner Finanzplanung insbes. Hahn: Kontrollrechnung, S. 55 f. 7 Vgl. Reichmann; Lachnit: Kennzahlen, S. 718 f. 8 Zur Kompetenzabgrenzung und Arbeitsteilung zwischen Finanzvorstand, Finanzabteilung, ggf. repräsentiert durch einen Treasurer, und Finanz-Controlling vgl. insbes. Hahn: Konzept des Controllers, S. 102, 110; Horváth: Controlling, S. 37–86. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 201 aufgabe hauptsächlich, wenn man von der Planung und Kontrolle der Finanzierungsstruktur im Rahmen der strukturellen Liquiditätssicherung absieht, dem Treasurer, ggf. zusammen mit dem Finanzvorstand, zuzuordnen ist9 und daher im Folgenden außer Betracht bleibt. Der Erhalt der Unabhängigkeit des Unternehmens ist neben der Rentabilität, Liquidität und Sicherheit ein wichtiges, auch finanzwirtschaftliches Entscheidungskriterium.10 Alternativ ließe sich eine Finanzierung ausschließlich über einbehaltene Gewinne, Abschreibungen und Rückstellungen durchführen. Diese Beschränkung auf eine Finanzierungsquelle ist jedoch zwangsläufig mit einem Verzicht auf sich bietende Wachstumschancen verbunden und soll an dieser Stelle daher ausgeschlossen werden. Neben seinen individuellen Zielen bezüglich der Geschäftspolitik des Unternehmens seien an dieser Stelle die folgenden Zielsetzungen eines Eigentümers vorausgesetzt: nachhaltige Existenzsicherung, kostenminimierende Finanzierung, optimaler Einsatz des zur Verfügung gestellten Kapitals, größtmögliches Autonomieniveau. Autonomie im Rahmen der Finanzierung ist insbesondere dann zu erreichen, wenn einerseits das Unternehmen als bonitäts- und ertragsstarkes Unternehmen präsentiert werden kann und andererseits viele alternative Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Selbstredend wird sich bei einer Verbesserung der Bonität auch gleichzeitig die mögliche Finanzierungsbasis erhöhen. Aber auch bei einer gegebenen Bonität und Ertragsstärke lassen sich zusätzliche Finanzierungsinstrumente erschließen und durch deren Nutzung die Dispositionsfreiheit erhöhen. Ein Unternehmen, das sowohl fremden Einfluss als auch Finanzierungskosten minimieren will, hat dementsprechend einen geeigneten Finanzierungsmix anzustreben. Im Folgenden soll die Diskussion um Ba sel II hinsichtlich der vorgestellten Aspekte vorgestellt werden. 4.1.3 Die Bonitätssteuerung als notwendige Aufgabe nach Basel II Aus der Neuregelung der Eigenkapitalunterlegung von Kreditinstituten bei der Vergabe von Krediten ergibt sich für die Unternehmen ein neuer Aspekt, die Bonitätssteuerung zur Liquiditätssicherung als Hauptaufgabe der finanziellen Unternehmensführung zu betrachten. 4.1.3.1 Die Neue Eigenkapitalvereinbarung – Basel II und Basel III Der Eigenkapitalunterlegung der Kreditinstitute liegt der wesentliche Sachzwang zugrunde, sowohl Kreditinstitute als auch die Kapitalanleger vor unvorsichtigen Kreditvergaben und Forderungsverlusten zu bewahren, um die Zahlungsfähigkeit der 9 Typische Treasurer-Aufgaben sind dann etwa Planung der laufenden ordentlichen, insbesondere kurzfristigen Finanzierungen, Führung von Finanzierungsverhandlungen, Einsatz der Liquiditätsreserve, Anlage von Überschussliquidität, Regulierung der laufenden Auszahlungsverpflichtungen, Mahnwesen, tägliche Finanz disposition. 10 Vgl. Reichmann, Kißler, Pyszny: Autonomie, S. 553 ff. 202 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling Kreditwirtschaft und in Folge der gesamten Volkswirtschaft nicht zu gefährden. Die aus diesem Grunde bereits 1962 im deutschen Gesetz über das Kreditwesen (KWG) verankerte Verpflichtung, zur Sicherung der anvertrauten Vermögenswerte ein angemessenes haftendes Eigenkapital zu hinterlegen11, wurde 1988 vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht im Rahmen der „Internationalen Konvergenz der Eigenkapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen“ (Basel I) auch international vereinbart und gilt seither als grundlegende Maßnahme zur Sicherung des Finanzsystems. Diese Regelung sah ursprünglich eine Eigenkapitalunterlegung von einheitlich 8 % der risikogewichteten Aktiva von Kreditinstituten vor, wobei sich die Risikogewichtung an einer pauschalen Einteilung der Kreditnehmer in drei Gruppen orientierte (öffentliche Kreditnehmer 0 %, Kreditinstitute 20 %, übrige Kreditnehmer 100 %12). Die grobe Einteilung der Risikogewichtung und Missachtung der individuellen Ausfallrisiken der Kreditnehmer geriet jedoch zunehmend in die Kritik, zumal Banken, die auf Grund einer höheren Zinsmarge vorzugsweise Kredite an Unternehmen mit schlechter Bonität vergaben, das vermeintliche Ziel der Eigenkapitalunterlegung ad absurdum führten. Dieses Missverhältnis führte zur grundlegenden Überarbeitung der internationalen Vereinbarung, die im Juni 2004 endgültig verabschiedet wurde (Basel II). Die Grundlage von Basel II bilden dabei drei Säulen, die sich aus differenzierten Vorgaben zu Mindestkapitalanforderungen auf Grundlage der verschiedenen Bankenrisiken, Grundsätzen des bankaufsichtlichen Überprüfungsverfahrens und Offenlegungsanforderungen für Banken zur Stärkung der Marktdisziplin zusammensetzen. Im Mittelpunkt der seit 1999 andauernden Debatten um Basel II stand neben der Solidität, Sicherheit und der Verbesserung der Wettbewerbsgleichheit im internationalen Finanzwesen insbesondere die umfassende und differenzierte Berücksichtigung der Kreditrisiken von Banken bei der Ermittlung der angemessenen Eigenkapitalausstattung.13 Die Struktur der überarbeiteten Konvergenz zeigt die wesentlichen Bedeutungen der drei Risikokategorien Kreditrisiko, Operationelle Risiken und Marktrisiko, deren gewichtete Risikoaktiva14 in Summe 8 % des haftenden Eigenkapitals nicht unterschreiten darf.15 Auch die unter dem Begriff Basel III subsummierten Vorschläge des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht zielen vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise auf eine weitere Stärkung der Eigenkapitalbasis der Finanzinstitute ab.16 Während die Ermittlung der Marktrisiken und die neu aufgenommenen operationellen Risiken hauptsächlich die Bankenseite berührt, beeinflusst die differenzierte Kreditrisikogewichtung in Abhängigkeit der Schuldnerbonität sowohl die von Banken vorzuhaltende Höhe an Eigenkapital als auch die dadurch mögliche risikogerechte Zinspreisgestaltung der an Unternehmen vergebenen Kredite. 11 Vgl. § 10 KWG 1961. 12 Vgl. zur Einteilung der Risikogewichtung Basel Committee on Banking Supervision: Convergence, Anhang 2. 13 Vgl. die dargestellte Zielsetzung in der Einleitung der überarbeiteten Rahmenvereinbarung; Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, S. 1–6. 14 Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, Abs. 44: „Die Summe aller gewichteten Risikoaktiva wird bestimmt, indem die Eigenkapitalanforderungen für Marktrisiken und operationelle Risiken mit 12,5 (dem Kehrwert der Mindesteigenkapitalquote von 8 %) multipliziert und zur Summe der gewichteten Risikoaktiva aus dem Kreditgeschäft addiert werden.“ 15 Vgl. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, Abs. 40. 16 Vgl. Basel Committee on Banking Supervision, Consultative Document. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 203 Aus der Tatsache, dass der Grad der Bonität in Zukunft maßgeblichen Einfluss auf die Kreditpreise und einen verschärften Einfluss auf die grundsätzliche Entscheidung über eine Kreditvergabe allgemein haben wird, erwächst für die Unternehmen eine neue Notwendigkeit, sich mit den Anforderungen der Banken als Geldgeber zum Zweck der eigenen Bonitätssteuerung und damit der Liquiditätssicherung auseinander zu setzen. 4.1.3.2 Messung von Kreditrisiken nach Basel II Die Bonitätsbeurteilung der Kreditnehmer als Einschätzung der zukünftigen Fähigkeit, allen Zahlungsverpflichtungen aus dem Kreditvertrag zu jedem Zeitpunkt fristgerecht und ordnungsgemäß nachkommen zu können, bedarf einer einheitlichen Systematik, die national aufsichtlich abgesichert sein muss, um eine objektive Einschätzung der unterschiedlichen Unternehmenssituationen gewährleisten zu können. Dazu bieten sich den Kreditinstituten aus der überarbeiteten Konvergenz externe Ratings und interne Ratings als alternative Möglichkeiten. 4.1.3.2.1 Externe Ratings Eine Möglichkeit der Kreditinstitute die Risikogewichtung ihrer Kredite zu bestimmen, ist die Nutzung externer Kreditrisikobeurteilungen der von der nationalen Aufsichtsinstanz zugelassenen Ratingagenturen,17 die auf Grundlage intensiver Unternehmens- 17 In Deutschland prüft die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Erfüllung der sechs in der Internationale Konvergenz der Eigenkapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen definierten Anforderungen Objektivität, Unabhängigkeit, Internationaler Zugang, Veröffentlichung, Ressourcen und Glaubwürdigkeit. Vgl. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, Abs. 91. AAA AA 100-120 Investment Grade + AA AA- A+ A AAA AA A Gut eingeführte, im Markt allgemein anerkannte, kapitalmarktfähige Unternehmen mit überdurchschnittlicher Schuldendienstfähigkeit 121-150 151-200 A- BBB+ BBB BBB- BBB BB 201-250 Non Investment Grade BB+ BB BB- B+ B B 251-300 301-350 Di t d/ B- CCC+ CCC CCC- CCCs resse Classified CC C CC C Unternehmen, die ohne durchgreifende Umstrukturierungen kaum überlebensfähig sein werden 351-499 D D Unternehmen, deren Überlebensfähigkeit ernsthaft in Frage steht; „Default“ >500 Creditreform Bonitätsindex Standard & Poor´s Abb. 88: Externe Ratings im Vergleich 204 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling und Branchenrecherchen die Ausprägungen der zu prüfenden Kriterien beurteilen und diese Bewertungen zu einer Gesamtnote zusammenfassen. Zu Risikoklassen verdichtet, werden diesen Notationen nach dem Standardansatz wiederum Risikogewichtungen zugewiesen, die entgegen dem herkömmlichen Verfahren, von der schuldnerspezifischen Ausfallwahrscheinlichkeit abhängig sind. 4.1.3.2.2 Bankinterne Ratingverfahren Im Laufe der Konsultationsphase führten heftiger Widerstand und Proteste der europäischen Verhandlungsführer dazu, dass den Kreditinstituten die Möglichkeit eingeräumt wurde, die Ausfallwahrscheinlichkeiten ihrer Gläubiger in bankinternen Ratingverfahren selbst abzuleiten, da die meisten Banken bereits seit geraumer Zeit entsprechende Methoden bei der Kreditwürdigkeitsprüfung verwenden.18 Im Gegensatz zu externen Ratings wird die notwendige Eigenkapitalunterlegung in den komplexeren Basis- oder fortgeschrittenen IRB-Ansätzen ermittelt, bei denen die vier Risikokomponenten Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability of Default – PD), Verlustquote bei Ausfall (Loss Given Default – LGD), erwartete Höhe der Forderungen zum Zeitpunkt des Ausfalls (Exposure at Default – EAD) und die effektive Restlaufzeit (Maturity – M), zur Berechnung der Eigenkapitalunterlegung ganz- oder teilweise von den Banken intern eingeschätzt werden19 und anschließend in spezielle Risikogewichtsfunktionen20 einfließen. Das Rating dient im Falle eines IRB-Ansatzes somit der Einordnung eines Unternehmens in eine von mindestens acht Ratingklassen „auf der Grundlage mehrerer unterschiedlicher Ratingkriterien, aus denen die Schätzung einer Ausfallwahrscheinlichkeit abgeleitet werden kann“21. In Anbetracht einer größeren Zahl an Ratingklassen mit jeweils abgeleiteten Ausfallwahrscheinlichkeiten (PD) erlauben interne Ratings zum einen eine breitere Differenzierung des Eigenkapitalbedarfs der Banken in Abhängigkeit der zugrunde liegenden Kreditrisiken, die sich wiederum in den Eigenkapitalkosten der Banken als Kreditpreisbestandteil22 niederschlägt. 4.1.3.2.3 Ratingkriterien zur Bonitätsbeurteilung in der Praxis Aus dieser Erkenntnis heraus ergibt sich zwangsläufig die Auseinandersetzung mit den zur Notenbildung bzw. Klasseneinordnung relevanten Ratingkriterien, die im Rahmen von Basel II nicht konkretisiert werden, sich jedoch bereits bei Ratingagenturen und 18 Vgl. Übelhör; Warns: Eigenkapitalvereinbarung, S. 27. 19 Im Basisansatz müssen die Banken PD für jede ihrer eigenen Ratingklassen schätzen und für die anderen relevanten Risikokomponenten (LGD, EAD, M) bankaufsichtlich vorgegebene Schätzungen verwenden. Im fortgeschrittenen Ansatz müssen die Banken die effektive Restlaufzeit M bestimmen und ihre eigenen Schätzungen der Parameter PD, LGD und EAD bereitstellen. Vgl. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, Abs. 246 f. 20 Die Komplexität eines solchen Ermittlungsschemas verdeutlicht die Risikogewichtung bei Krediten an Unternehmen in: Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, Abs. 271 ff. 21 Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht: Konvergenz, Abs. 405. Damit die Anforderungen für Forderungen an Unternehmen, Staaten und Banken erfüllt werden, müssen mindestens sieben Klassen für nicht ausgefallene und eine für ausgefallene Schuldner gebildet werden, um eine sinnvolle Verteilung der Kredite über die Risikoklassen und keine Konzentration in einzelnen Klassen zu gewährleisten (Abs. 403 f.). 22 Vgl. zu den Kreditpreisbestandteilen und dem Einfluss von Basel II auf die Eigenkapitalkosten bspw. Bisani: Kreditpreise, S. 199 ff. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 205 Banken etabliert haben.23 Ein wesentlicher Unterschied der Kriterien liegt dabei in der Herkunft der Informationen zur Bewertung von Merkmalsausprägungen der Krite rien. Die quantitative Bewertung der Bonität von Unternehmen basiert im Wesentlichen auf Angaben aus dem Jahresabschluss, die in Form von Kennzahlen einen Aufschluss über die Ertrags-, Vermögens- und Finanzlage24 geben. Die quantitativen Kennzahlen geben eine wesentliche, jedoch in der Aussage nur auf die Vergangenheit beschränkte Auskunft über den realisierten Erfolg, die Vermögens- und Finanzlage und lassen somit nur über einen Abgleich mit den Planwerten für die vergangenen Perioden einen Rückschluss auf die Qualität und Zuverlässigkeit der Aussagekraft der zukünftigen Perioden zu. Aus diesem Grunde werden in der Praxis auch qualitative Kriterien geprüft, die erweiterte Hinweise auf die Zukunftsperspektiven eines Unternehmens geben können. Neben der Planungsqualität gehören insbesondere die Bereiche25 Branchenentwicklung und Wettbewerbssituation, Produktangebot und Marktstellung, Unternehmensentwicklung und -strategie, Unternehmensorganisation, Managementqualität und Nachfolgeregelung, Ausgestaltung des Rechnungswesens und Controllings zu den relevanten qualitativen Ratingkriterien, da in diesen Faktoren potenzielle Krisenursachen begründet sein können, die eine spätere Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens hervorrufen. Das Rating begünstigt durch seine objektive Erhebung vorgestellter Einflussfaktoren gut strukturierte Unternehmen, welche – seitens des Kreditinstituts aus deren 23 Soweit ein Vergleich der von Ratingagenturen und Kreditinstituten verwendeten Kriterien möglich ist, sind keine grundsätzlichen inhaltlichen Differenzen ersichtlich, die über Differenzen zwischen jeweils Banken und Ratingagenturen hinausgehen. 24 Vgl. Wolf: Kreditrating, S. 28; Gleißner; Füser: Mittelstand, S. 101 f., 117 speziell zu den von Standard’s & Poor’s and Moody’s sowie den vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband herangezogenen Kriterien. 25 Vgl. z. B. Gleißner; Füser: Mittelstand, S. 61 f. hard facts soft facts situative Bewertung Branchenrating Scoringfunktionen statistische (monetäre Daten) (Fragenkatalog) (kommentierte Entscheidung) (historische Ausfallraten) Validierung Beurteilung der zukünftigen Kapitaldienstfähigkeit Das zugrunde liegende Konzept ist in einen permanenten Weiterentwicklungsprozess einzubinden Abb. 89: Rating-Grundkonzept 206 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling Sicht nachprüfbar – keine unkalkulierbaren Risiken eingehen. Liegen entsprechende Managementsysteme nicht in der gebotenen Güte vor oder kann das kreditsuchende Unternehmen nicht den Eindruck vermitteln, diese implementiert zu haben, wird dies die Kreditentscheidung negativ beeinflussen. Dabei macht sich eine Einordnung in eine schlechtere Ratingklasse direkt in Form höherer Zinszahlungen für das jeweilige Unternehmen bemerkbar. Gleiche Problematik, wenn auch auf einer anderen Kausalität begründet, ergibt sich für Existenzgründer. Für junge Unternehmen ist i. d. R. neben einem noch instabilen Umsatz und einer unsicheren Planungsbasis eine geringe Eigenkapitalquote kennzeichnend. Als Ausdruck einer schlechten Bilanzstruktur sind auch diese Start-Ups von den Auswirkungen von Basel II verhältnismäßig stärker betroffen. Gleiches gilt für stark wachsende und dynamische Unternehmen, welche eine starke Fremdfinanzierung anstreben. Diese negativen Auswirkungen auf die Finanzierungsbedingungen können durch eine Fokussierung der Unternehmen auf die beeinflussbaren Ratingkriterien zumindest teilweise kompensiert werden. Während globale Rahmenbedingungen wie die Wirtschaftslage und das Branchenumfeld von den Unternehmen nicht zu beeinflussen sind, sollte durch die Nutzung entsprechender Finanzierungsinstrumente generell eine Bilanzverkürzung angestrebt werden, um die Notwendigkeit der (externen) Kapitelbeschaffung zu reduzieren und zugleich die Eigenkapitalquote zu erhöhen. Zugleich sollte die Führungs- und Kommunikationsstruktur von den Unternehmen in einem ersten Schritt optimiert und in einem zweiten Schritt im Kreditgespräch erläutert werden. 4.1.3.3 Implikationen des Ratings für das Controlling Bereits vor Basel II waren Kreditinstitute bei einer Gesamtkreditgewährung von über 250 000 € gegenüber einem Kreditnehmer dazu verpflichtet, die Kreditvergabe von der Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse des kreditsuchenden Unternehmens abhängig zu machen. Zentraler Baustein einer genaueren Beurteilung der ökonomischen Situation eines Kunden war, ebenso wie nach Basel II, die Einreichung der Jahresabschlussunterlagen des Kreditkunden. Kodifiziert wird die Forderung nach Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse in § 18 KWG26 (Kreditwesengesetz). Durch diverse Rundschreiben27 wurden in der Vergangenheit die Anforderungen des damaligen Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen28 an die vorzulegenden Dokumente weiter spezifiziert. Daraus ging hervor, dass der Kreditgeber in bestimmten Fällen dazu verpflichtet ist, weitere Unterlagen hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation seines Kreditnehmers einzufordern. Neben formalen 26 § 18 S. 1 KWG: „Ein Kreditinstitut darf einen Kredit von insgesamt mehr als 250.000 Euro nur gewähren, wenn es sich von dem Kreditnehmer die wirtschaftlichen Verhältnisse, insbesondere durch Vorlage der Jahresabschlüsse, offenlegen lässt.“ 27 Siehe Rundschreiben 9/1998, 16/1999 und 5/2000 unter http://www.bakred.de. 28 Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred) ging am 01.05.2002 auf Grundlage des „Gesetzes über die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht“ neben dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) und dem Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) in der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auf. Die Bundesanstalt ist eine bundesunmittelbare, rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts unter Aufsicht des Bundesministeriums der Finanzen. Die BaFin arbeitet hinsichtlich der laufenden Bankenaufsicht mit der Deutschen Bundesbank zusammen. Die Zusammenarbeit der beiden Institutionen ist in § 7 KWG geregelt. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 207 Mängeln kann als Grund auch die, trotz zeitnaher Vorlage, zu geringe Aussagekraft der eingereichten Jahresabschlüsse angeführt werden. Demnach sind unter bestimmten Voraussetzungen die Vorgaben des § 18 KWG erst durch die zusätzliche Einreichung von ergänzenden Unterlagen, neben dem jährlichen Jahresabschluss, zu erfüllen.29 Grundsätzlich wird durch Basel II eine deutlich höhere Anforderung hinsichtlich Transparenz und Kommunikationspolitik an Unternehmen gestellt. Maßgaben, die das Controlling in Bezug auf den Einsatz von geeigneten Controllinginstrumenten und die Gestaltung und Pflege der Kommunikation mit den Banken bzw. Ratingagenturen vor zusätzliche Aufgaben stellt.30 Die bankenseitig gestiegenen Informationserfordernisse werden zwangsläufig durch die kreditsuchenden Unternehmen zu befriedigen sein und diese zu einer entsprechenden Anpassung ihrer Fähigkeiten zur Informationsbereitstellung veranlassen, da das angelegte Niveau an Transparenz deutlich über die Bereitstellung von Bilanzen hinausgehen wird. Die gestiegene Berücksichtigung der Transparenz eines Unternehmens auf Seiten der Bank bietet jedoch für das Unternehmen einen wesentlichen Ansatzpunkt für die positive Beeinflussung seines Ratingergebnisses.31 Hauptaufgabe des Controllings ist in diesem Zusammenhang die Bereitstellung von Informationen für das Ratingverfahren ebenso wie die Abstimmung mit den Kreditverantwortlichen der Kreditinstitute bzw. Ratinganalysten.32 Kommuniziert werden für die fundierte Ermittlung eines Ratingergebnisses relevante Aspekte zur Finanzsituation, Marktpositionierung, Wettbewerbsverhältnissen, Unternehmensstrategie, Produktpalette und Management. Fundamentale Bedeutung für das Ratingergebnis hat insbesondere das Verhältnis, das das zu ratende Unternehmen dem Kreditinstitut bzw. der Ratingagentur entgegenbringt. Naturgemäß sollte im Sinne eines möglichst positiven Ratingergebnisses ein kooperatives, proaktives Informationsverhalten vorherrschen. Die gegebenen Informationen sollten ein möglichst ganzheitliches Bild des Unternehmens widerspiegeln und ohne jegliche subjektive Bewertungen erfolgen, die einer objektiven Interpretation der Daten durch das Kreditinstitut entgegenstehen würden. Neben der umfassenden und neutralen Informationsweise stellt auch die Frequenz der Informationsflüsse durch das Controlling einen entscheidenden Faktor für den Erfolg eines Ratings dar. Da für die Generierung von ratingrelevanten Informationen leistungsfähige Informationssysteme und ein effektives Controllinginstrumentarium vonnöten sind, treten diesbezüglich im Zuge der Etablierung von Informationskanälen zu den 29 Im Rahmen der Einführung von bankinternen Ratingsystemen wurden sämtliche Rundschreiben zu § 18 KWG mit sofortiger Wirkung am 09.05.2005 durch das BaFin aufgehoben. Als Begründung wurde angegeben, dass die Kreditinstitute die mit der Kreditvergabe verbundenen Risiken von nun an in eigener Verantwortung durchzuführen haben. Die bis dahin in den o. a. Rundschreiben festgelegten detaillierten Regelungen erschienen angesichts von Basel II den praktischen Anforderungen nicht mehr angemessen, da ihre Anwendung auch in der Vergangenheit oft nur schablonenhaft durchgeführt wurde. Der Jahresabschlussprüfer hat künftig die Angemessenheit der institutseigenen Beurteilungssysteme zu bestätigen. Die BaFin wird zukünftig im Rahmen von Sonderprüfungen die Einhaltung der institutseigenen Regelungen überwachen. Trotz der Aufhebung der Rundschreiben zu § 18 KWG kann an der auch in Zukunft verfolgten Pflicht zur fundierten Einschätzung der ökonomischen Situation eines Unternehmens kein Zweifel bestehen. 30 Vgl. z. B. Paetzmann: Controlling, S. 600. 31 Vgl. Gleißner; Füser: Rating, S. 236 ff. 32 Entsprechend der Erstellung eines Dokuments für den Eigenkapitalmarkt wird auch im Rahmen eines Ratingverfahrens eine Dokumentation erstellt, welche in erster Linie Informationen hinsichtlich der Ausprägungen Sicherheit und Liquidität enthält. 208 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling Banken bzw. Ratingagenturen Defizite und Probleme im Rahmen der Informationsbereitstellung für eine Bonitätseinstufung zwangläufig zutage. Der Bedarf der Analysten kann dabei über die Vorlage von Jahresabschlüssen hinausgehen und zusätzlich Zwischen- und Quartalsabschlüsse, eine Beschreibung des Geschäftsbetriebs und der Produkte des Unternehmens sowie noch weitere darüber hinausgehende Informationen, die bezüglich einer Bonitätseinschätzung Relevanz besitzen, umfassen.33 Ein ausgereiftes unternehmensinternes Informationsversorgungssystem ist dabei gegenüber einer permanenten manuellen Aufbereitung der Informationen zur Erfüllung des Analystenbedarfs überlegen. Optimierungen des unternehmenseigenen Informationssystems können somit einen bedeutenden Vorteil im Rahmen des Ratingverfahrens darstellen.34 Neben der nach außen gerichteten Informationsfunktion widmet sich die unternehmensinterne Funktion des Controllings der Aufdeckung von Unzulänglichkeiten im Unternehmen selbst und den damit einhergehenden Verbesserungspotenzialen. Suboptimal ausgeprägte Kennzahlen35, die einer Verbesserung des Ratings entgegenstehen, können durch das Controlling identifiziert, analysiert und danach einem zielgerichteten Verbesserungsprozess unterzogen werden. Die Qualität dieses Ablaufs hängt somit signifikant von der Qualität und der Einbindung des Controllings ab. Die Controllingfunktion selbst stellt somit einen ratingrelevanten Beurteilungsaspekt dar, da die durch Basel II geforderten transparenzschaffenden Erfordernisse in erster Linie durch das Controlling geschaffen und weiter ausgestaltet werden. Die Controllingfunktion ist damit ein durch die Unternehmensseite gestaltbarer Aspekt innerhalb des Ratingverfahrens sowohl hinsichtlich der positiven Beeinflussung der erhobenen Kennzahlen als auch in Bezug auf einen selbständig bewertbaren ratingrelevanten Controllingaspekt, welcher durch das Unternehmen aktiv zur eigenen Leistungsverbesserung genutzt werden sollte. Eine Verbesserung der internen Leistungsfähigkeit führt dann zu einer Verbesserung der entscheidenden Kennzahlen des Unternehmens und damit zu weiteren Verbesserungspotenzialen hinsichtlich der Ratingnote. Die Qualität der Wahrnehmung von Controllingaufgaben und damit die Schaffung von Transparenz hängt dabei naturgemäß von einer möglichst hohen Deckungsgleichheit von Informationsangebot, Informationsnachfrage und Informationsbedarf ab, um eine möglichst optimale Informationsversorgung sicherzustellen und Informationsasymmetrien zwischen Hausbank und Unternehmen abzubauen.36 In diesem Zusammenhang kommt auch dem Risiko-Controlling37 des Unternehmens eine zentrale Rolle zu. Ein implementiertes Risiko-Controlling signalisiert der Hausbank zum einen, dass sich das kreditsuchende Unternehmen intern mit seiner eigenen Risikoeinschätzung beschäftigt und durch die Einführung eines Risiko-Controllings bereits zweckentsprechend gehandelt hat. Zum anderen untermauert die Identifikation von Risiken und die daraus abgeleiteten Risikobewältigungsmaßnahmen die Zuverlässigkeit von Planzahlen, da unkontrollierte Risiken verringert werden.38 Insbesondere aufgrund der zeitlich begrenzten Gültigkeit eines festgestellten Ratingergebnisses kommt dem Controlling die Aufgabe zu, auf eine dauerhafte Berücksichtigung 33 Vgl. Weber; Müller; Sorg: Rating, S. 26 f. 34 Vgl. Winkeljohann; Hölscher: Rating S. 558–559; Weber; Müller; Sorg: Rating, S. 28. 35 Siehe Anhang B. 36 Vgl. Weber; Müller; Sorg: Rating, S. 29 ff. 37 Zu den Zielen und Aufgaben des Risiko-Controlling siehe insbes. Kapitel 13. 38 Vgl. Gleißner; Füser: Rating, S. 286 ff. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 209 der Ratinganforderungen innerhalb der Unternehmenssteuerung hinzuwirken. Die Implikationen unternehmerischer Entscheidungen müssen bereits im Vorfeld im Hinblick auf ihre Relevanz für das Unternehmensrating untersucht werden, da auf diese Weise negative Veränderungen bezüglich Liquidität und Rentabilität der Liquiditätssicherung zu vermeiden sind. Für die betriebswirtschaftliche Steuerung des Unternehmens benötigt die Unternehmensführung nicht nur laufende Informationen über die wirtschaftlichen Ergebnisse sowie über das Vermögen und das Kapital, sondern ebenso Angaben über potenzielle Auswirkungen auf das Ratingergebnis. Einmalige oder kurzfristige Anstrengungen zur Verbesserung des Ratingergebnisses wirken somit kontraproduktiv und sollten im Hinblick auf eine nachhaltige Steuerung vermieden werden. Ebenso ist das Streben nach einem möglichst guten Ratingergebnis nicht grundsätzlich sinnvoll. Entscheidend ist vielmehr die betriebswirtschaftliche Sinnhaftigkeit der unternehmerischen Entscheidung, so dass die Erreichung eines Ratingziels deshalb vielmehr als Nebenbedingung angesehen werden sollte. Voraussetzung für eine Berücksichtigung der ratingrelevanten Daten ist jedoch, dass diese dem Management auch vorliegen. Die Einbindung dieser Daten in das Standardberichtswesen eröffnet somit die Möglichkeit, unternehmerische Entscheidung und Ratingindex innerhalb eines sinnvollen Abwägungsprozesses miteinander zu verbinden.39 4.1.3.4 Autonomiesicherung durch alternative Finanzierungsinstrumente Durch die veränderten Bedingungen der Bankenfinanzierung und den damit verbundenen Konsequenzen gewinnen alternative Finanzierungsinstrumente an Attraktivität.40 Im Folgenden sollen typische Finanzierungsinstrumente der Aktiv- und Passivseite vorgestellt und hinsichtlich ihrer Eignung für den Einsatz in einem mittelständischen Unternehmen untersucht werden. Maßstab der Betrachtung soll einerseits die angestrebte Einflussnahme der kapitalgebenden Gruppe und andererseits die mit der Finanzierung verbundene finanzielle Belastung darstellen. Letzteres ist zu beachten, da auch eine hohe Fixkostenbelastung oder aber eine hohe Renditeforderung seitens der Kapitalgeber die Dispositionsfreiheit des Unternehmens einschränken und damit dem Wunsch nach einer hohen Autonomie entgegen stehen können.41 4.1.3.4.1 Finanzierungsinstrumente der Passivseite Die alternativen Instrumente der Eigenmittelfinanzierung sind vor allem für solche KMU interessant, welche über eine tendenziell geringe Eigenkapitalquote verfügen und somit ein erhöhtes Risikopotenzial für mögliche Kapitalgeber aufweisen. Der Gang an die Börse, z. B. über den geregelten Markt als Einstiegssegment, führt den Unternehmen einerseits neues Eigenkapitel zu, andererseits erleichtert die dadurch gestärkte Eigenkapitalbasis zukünftig zudem die Aufnahme von Fremdkapital. Geplante, weitere Wachstumsschritte können z. B. durch die Ausgabe neuer Aktien im Rahmen einer Kapitalerhöhung oder auch durch die Ausgabe von Wandel- und Optionsanleihen finanziert werden. Der Börsengang bedeutet einen Verlust von Einfluss und Kontrolle 39 Vgl. Weber; Müller; Sorg: Rating, S. 43 ff. 40 Vgl. Walther: Eigenkapitalersetzende Instrumente, S. 347 ff. 41 Vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen Reichmann; Kißler; Pyszny: Autonomie, S. 553 ff. 210 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling der bisherigen Eigentümer, da von den neuen Anteilseignern umfangreiche Mitspracherechte gefordert werden, welche diesen – außer im Sonderfall der Vorzugsaktien – auch zu gewähren sind. Einem Unternehmen – oftmals in einer entscheidenden Phase der Unternehmensentwicklung – von einer Beteiligungsgesellschaft außerhalb der Börse zur Verfügung gestelltes Eigenkapital wird als Private Equity bezeichnet. Ähnlich wie bei der Finanzierung über die Börse wird auch hier die bilanzielle Eigenkapitalquote erhöht. Der Beteiligungsgeber verkauft seine Beteiligung nach ca. drei bis acht Jahren und strebt bei dessen Exit eine Rendite auf sein eingesetztes Kapitals von 20 % bis 50 % p.a an.42 Zur Unterstützung dieser ambitionierten Zielsetzung nimmt die Beteiligungsgesellschaft während dieser Zeit umfangreiche Informations-, Kontroll- und Mitspracherechte wahr, welche die vorgesehenen Rechte eines Anteilseigners deutlich überschreiten.43 Durch die Übernahme zusätzlicher Beratungsleistungen und der vertraglichen Fixierung der Mitspracherechte zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens geht Private Equity deutlich über die reine Beteiligungsfinanzierung hinaus, so dass dieses Mittel der Eigenkapitalerhöhung mit einem sehr starken Autonomieverlust verbunden ist. Als Mezzanine-Kapital bzw. hybride Beteiligungsformen werden eigenkapitalähnliche Finanzmittel oder Eigenkapitalsurrogate bezeichnet, die eine Kategorie zwischen dem reinen Eigenkapital und dem reinen Fremdkapital bilden.44 Die Nachrangigkeit des Mezzanine-Kapitals gegenüber dem übrigen Fremdkapital als wesentliches Charakteristikum lässt eine wirtschaftliche Klassifizierung als Eigenkapital zu. Damit ist ein höheres Risiko des Kapitalgebers gegenüber einem reinen Fremdkapitalgeber verbunden, was zu einer höheren Renditeforderung von etwa 10 – 30 % p.a. führt. Diese Rendite speist sich üblicherweise durch zwei Komponenten: einer fixen Zinskomponente und einem variablen Anteil, dem sog. Equity Kicker, mit dem der Kapitalgeber am Ende der Laufzeit – i. d. R. nach etwa fünf bis zehn Jahren – über Options- und Wandlungsrechte an der Realisierung der Unternehmenswertsteigerungen partizipiert.45 Die formelle Stärkung der Eigenkapitalbasis führt in diesem Fall nicht zu einer Veränderung der Kapitalstruktur. Die Kapitalgeber gründen ihre Investitionsentscheidung auf im Vorfeld durchzuführende Unternehmensprüfungen, bei denen eine Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse obligatorisch ist. Der Einfluss, den der Kapitalgeber auf die Geschäftspolitik ausüben kann, hängt in erster Linie von der vertraglichen Ausgestaltung ab. Gerade durch vereinbarte Kündigungsmöglichkeiten kann der Kapitalgeber eine hohe Machtbasis (Stichwort: Sanktionsmacht) besitzen und die Dispositionsfreiheit der Eigentümer einschränken. Industrieobligationen (auch bezeichnet als Corporate Bonds oder Anleihen) sind am Kapitalmarkt emittierte, fungible Schuldverschreibungen und zählen zu den klassischen Instrumenten der langfristigen Fremdfinanzierung. Auf Grund der hohen Kosten – z. B. für das für eine Platzierung am Kapitalmarkt notwendige Rating – ist ein Emissionsvolumen von mindestens 100 Mio. € vorauszusetzen. Des Weiteren erfordert die Einhaltung vereinbarter Covenants einen hohen Anspruch an das Reporting und die Transparenzbereitschaft des Unternehmens.46 Auf Grund der Nutzung des anonymen Kapitalmarktes 42 Vgl. Hackl; Jandl: Beteiligungsfinanzierung, S. 195. 43 Vgl. Pfeiffer; Möller: Venture Capital, S. 380. 44 Vgl. Schäfer: Unternehmensfinanzen, S. 148. 45 Vgl. Mittermaier; Thewanger; Schäffer: Mezzanine-Kapital, S. 826. 46 Vgl. Hochgatterer; Sacher; Wallner: Finanzierung, S. 172. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 211 ist eine direkte Einschränkung der Autonomie bei dieser Finanzierungsalternative nicht zu erwarten. Diese Form der Fremdfinanzierung ist in den meisten Fällen auf die Rechtsform der Aktiengesellschaft beschränkt und für den Mittelstand auf Grund der geschilderten Kostenbelastung jedoch weitgehend uninteressant.47 Im Gegensatz zur Industrieobligation stellt das Schuldscheindarlehen ein mittel- bis langfristiges Darlehen dar, dessen Kapitalgeber Kapitalsammelstellen bzw. institutionelle Anleger, wie Versicherungsunternehmen, Sozial-Versicherungsträger und Kreditinstitute sind.48 In den letzten Jahrzehnten haben sich diese privatplatzierten Schuldverschreibungen als eigenständiges Finanzierungsinstrument herausgebildet. Die Aufnahme eines Schuldscheindarlehens erfolgt entweder direkt bei den Kreditgebern, oder aber zur leichteren Unterbringung auch höherer Beträge unter Einschaltung von Vermittlern. Durch die Abtretung von Teilbeträgen kann ähnlich wie bei einer Anleihe eine Stückelung erfolgen, was diese Finanzierungsform in Anbetracht des Untersuchungsgegenstandes der Autonomie wiederum attraktiv erscheinen lässt. Da jedoch nur sehr wenige mittelständische Unternehmen über das benötigte externe Rating verfügen, ist der Aufwand für potenzielle Kapitalgeber, eine umfangreiche Unternehmensanalyse (Due Diligence) durchzuführen, mit hohen Kosten verbunden. Auf Grund der ausgeprägten Informationsasymmetrie zwischen Kapitalgeber und -nehmer ist zudem davon auszugehen, dass nur Unternehmen mit überschaubaren Risiken und guter Bonität, die ein gewisses Mindestvolumen nachfragen, für potenzielle Kapitalgeber in Betracht kommen. Mit dem Schuldscheindarlehen und der Industrieobligation stehen grundsätzlich zwei Finanzierungsalternativen bereit, mit denen die Autonomie des Unternehmens nur in beschränktem Umfang tangiert wird. Den KMU sind diese Finanzierungswege auf Grund der hohen Kostenbelastung jedoch zumeist nicht zugänglich. Die mit dem Börsengang und dem Private Equity vorgestellten Möglichkeiten der Erhöhung des Eigenkapitals führen durch eine entsprechend hohe Machtbasis der Kapitalgeber zwangsläufig zu einem Verlust an Einflussnahme der bisherigen (Allein-)Eigentümer. Das Mezzanine- Kapital kann als eine attraktive Alternative angesehen werden. Jedoch sind hohe Renditeforderungen ebenso wie eine hohe Fixkostenbelastung und die konkrete Vertragsgestaltung als für das Autonomieniveau des Unternehmens abträglich zu erachten. 4.1.3.4.2 Finanzierungsinstrumente der Aktivseite Auf Grund der Nachteile der Finanzierungsinstrumente der Passivseite erschließen viele Unternehmen durch die Instrumente des Leasings und Factorings zunehmend die Finanzierungsmöglichkeiten der Aktivseite. Dabei ist das Finance Leasing (echtes Leasing) vom Operate Leasing (unechtes Leasing) abzugrenzen.49 Das Operate Leasing basiert auf einem Mietvertrag im Sinne des BGB, womit die Leasinggegenstände beim Leasinggeber zu bilanzieren und abzuschreiben sind. Für den Leasingnehmer stellen die gezahlten Leasing-Raten einen Aufwand dar. Das Investitionsrisiko liegt, wie die Gefahr des zufälligen Untergangs und der Entwertung durch technischen Fortschritt, beim Leasinggeber. 47 Vgl. Wöhe; Bilstein: Unternehmensfinanzierung, S. 233. 48 Vgl. Kretzler: Finanzierung, S. 542 f. 49 Vgl. Schäfer: Unternehmensfinanzen, S. 256. 212 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling Im Gegensatz dazu trägt der Leasingnehmer beim Finance Leasing das Investitionsrisiko, Reparatur- und Instandhaltungskosten sowie das Risiko des Untergangs und der Entwertung des Leasinggegenstandes. Der Finance-Leasing Vertrag ist für einen bestimmten Zeitraum unkündbar. Der Leasingnehmer erhält quasi einen Sachkredit in Höhe der Anschaffungs- oder Herstellkosten und entrichtet über die gesamte Laufzeit gleichbleibend hohe Leasingraten. Vorteilhaft ist die damit verbundene bilanzneutrale Anschaffung von Gütern des Umlauf- oder Anlagevermögens zu sehen. Damit bleibt die Eigenkapitalquote im Zeitpunkt der Anschaffung konstant oder kann sogar – wenn das entsprechende Gut bisher bilanziert wurde – erhöht werden. Da das Leasingobjekt Eigentum des Leasinggebers bleibt, müssen zudem i. d. R. keine zusätzlichen Sicherheiten gestellt werden. Der Leasinggeber weist keine eindeutige Machtbasis auf, so dass das Autonomieniveau des Unternehmens nicht gefährdet ist. Allerdings ist das Leasing mit einer recht hohen Fixkostenbelastung verbunden. Da der gesamte Leasingbetrag ca. 120 – 140 % des eigentlichen Kaufpreises beträgt und die regelmäßig zu entrichtenden Leasingraten die laufenden Kosten nachhaltig erhöhen, wird die Autonomie von dieser Warte aus betrachtet teuer erkauft. Ebenfalls mit einem positiven Effekt auf die Kapitalstruktur und einem direkten Liquiditätszufluss ist das Factoring verbunden, bei dem ein Finanzierungsinstitut (Factor) von einem Unternehmen kurzfristige Forderungen aus Lieferung und Leistung vor Fälligkeit fortlaufend ankauft und dabei bestimmte Service-Funktionen sowie das Ausfallrisiko (Delkredererisiko) übernimmt.50 Durch den Finanzierungseffekt werden die in den Forderungen des Factoringkunden gebundenen liquiden Mittel als Vorschuss auf den Kaufpreis einer Forderung bereits vor dem Fälligkeitspunkt freigesetzt. Die Tatsache, dass in vielen Unternehmen rund 30 % des Vermögens in Forderungen gebunden ist – was i. d. R. den Eigenkapitalanteil übersteigt – macht den Forderungsverkauf für viele Unternehmen zusätzlich attraktiv. Die Kosten des Factorings richten sich u. a. nach der Bonität der Abnehmer, der Beurteilung des Klienten durch den Factor und dem Geschäftsumfang. Durch das Factoring wird das Bonitätsrating des Factoringverkäufers verbessert, was sich wiederum positiv auf die Kreditkonditionen bei einer späteren Kreditfinanzierung auswirken kann. Das Finanzierungsvolumen beschränkt sich rein auf die Außenstände des Unternehmens (Umsatz), so dass keine zusätzlichen Mittel der Unternehmung zugeführt werden, sondern die Unternehmung „lediglich“ früher über die liquiden Mittel verfügen kann. Somit ist die Finanzierung durch Factoring zwar keine reine Alternative zum klassischen Bankkredit, kann aber durchaus eine Ergänzung zu diesem darstellen. Die Vertragsgestaltung sieht in den meisten Fällen eine Übernahme von Serviceleistungen durch den Factorer vor, die in den meisten Fällen einen Verlust an Dispositionsfreiheit des Unternehmens bedeuten. Zu entrichtende Mindestgebühren oder verpflichtende Mindestumsätze erhöhen zudem das finanzielle Risiko des Unternehmens und lassen viele Angebote der Factorer für KMU wenig attraktiv erscheinen. Verwandt mit dem Factoring ist das Instrument der Asset Backed-Finanzierungen, bei dem ein diversifizierter Pool von Finanzaktiva aus der Bilanz eines Unternehmens (Originator) ausgegliedert wird. In einer eigens gegründeten Spezialgesellschaft (SPV = Special Purpose Vehicle) werden die Aktiva rechtlich verselbstständigt und von dieser über die Ausgabe von Wertpapieren (Asset Backed Securities) refinanziert.51 Die For- 50 Vgl. Perridon; Steiner: Finanzwirtschaft, S. 434. 51 Vgl. Hultsch: Asset-Backed-Securities, S. 143. 4.1 Die Aufgaben des Finanz-Controllings 213 derungen dienen den Investoren dabei als Haftungsgrundlage. Da dieses Instrument mit relativ hohen Anlaufkosten verbunden ist und zudem ein Restrisiko beim veräußernden Unternehmen bleibt, wird es in der Praxis vor allen von Kreditinstituten genutzt. Die grundsätzlichen Beziehungen einer Asset Backed-Finanzierung werden in der Abb. 90 dargestellt. Mittlerweile eröffnen einige Factorer den Unternehmen die Möglichkeit, durch den Verkauf einzelner Forderungen ihren kurzfristigen Kapitalbedarf zu decken.53 Geschäftsgrundlage dieses Einzelfactorings bildet dabei zumeist ein unverbindlich und kostenlos abzuschließender Kooperationsvertrag. Durch den vollständigen Verzicht auf fixe Kosten (wie z. B. Mindestumsatz oder Mindestgebühren) ist dieses Finanzierungsinstrument flexibel einsetzbar. Das Unternehmen entscheidet selbst, welche Forderung es verkaufen möchte. Bei erfolgtem Verkauf wird der fällige Betrag innerhalb weniger Stunden angewiesen und steht dem Unternehmen frei zur Verfügung. Ähnlich wie beim klassischen Factoring wird das Unternehmen zusätzlich durch den Abschluss einer Warenkreditversicherung und der Übernahme des Inkassos entlastet. Durch den Charakter des Einzelfactorings wird hierdurch die Autonomie des Unternehmens grundsätzlich nicht tangiert. Die Reduzierung des Forderungsbestandes wirkt sich auch hier durch die Verkürzung der Bilanz positiv auf die Eigenkapitalquote und damit auch u. U. mittelbar auf das Ergebnis des Ratings und damit die Konditionen bei der Aufnahme von Fremdkapital aus. 52 Mit Modifikationen entnommen aus: Schneider; Droste: Asset-Backed-Securisation, S. 254. 53 Vgl. Hartmann: Mittelstand, S. 4. Debitoren RatingagenturTrust or de ru ng en Za hl un ge 10 0% Kaufpreiszahlung F Emissionserlös Special Purpose Vehicle Forderungsverkauf Platzierung der Wertpapiere InvestorenOriginator Weiterleitung Zahlungen Weiterleitung Zins-und Tilgungszahl. n Abb. 90: Grundstruktur einer ABS-Transaktion52 214 4. Kapitel: Das Finanz-Controlling 4.2 Das Instrumentarium des Finanz-Controllings 4.2.1 Die zeitliche Struktur der Finanzplanung Je nach der Länge des Planungszeitraumes, der der Finanzplanung zugrunde liegt, unterscheidet man in Literatur und Praxis eine kurz-, mittel- und langfristige Finanzplanung.54 Bei der langfristigen Finanzplanung handelt es sich um eine relativ grobe Planung, deren Zahlen mit um so größerer Unsicherheit behaftet sind, je weiter sie vom Planungszeitpunkt entfernt liegen; sie ist in engerem Zusammenhang mit der betrieblichen Investitionsplanung zu sehen. Das Schwergewicht der langfristigen Finanzplanung liegt auf der Kapitalstruktur- bzw. Kapitalbindungsplanung zur strukturellen, bilanzorientierten Liquiditätssicherung. Instrumente der langfristigen Finanzplanung sind damit insbesondere Planbilanzen zur Bilanzstrukturplanung unter Berücksichtigung von Kennzahlennormen sowie Brutto-Plan-Bewegungsbilanzen zur Abstimmung von (bilanzieller) Mittelherkunft und (bilanzieller) Mittelverwendung. Bei gutem Planungsstand eines Unternehmens sollte die bilanzorientierte langfristige Finanzplanung durch eine zahlungsstromorientierte langfristige Finanzplanung in Form eines Teil-Global- Finanzplans ergänzt werden. Die langfristige Finanzplanung wird um eine mittelfristige Finanzplanung ergänzt, die eine genauere Spezifizierung der geplanten Ein- und Auszahlungen sowie ggf. der aufzunehmenden finanziellen Mittel hinsichtlich des Umfanges und Zeitpunktes etwa für einen Planungszeitraum von ein bis drei Jahren vorsieht. Als geeignetes Planungsinstrument hat das Finanz-Controlling hierfür einen vollständigen, wenn auch noch groben Global-Finanzplan bzw. als Kontrollinstrument eine retrospektive Finanzflussrechnung bereitzustellen. Die lang- und mittelfristige Finanzplanung erfordert ihrem Charakter entsprechend stets als Ergänzung eine Feinplanung in einem kurzfristigen Detail-Finanzplan mit einem Planungszeitraum von zwölf Monaten. Auf den Zahlen der mittel- und langfristigen Unternehmensgesamtplanung einschließlich der Finanzplanung aufbauend, dient er der Feinabstimmung zwischen den jeweils erwarteten Ein- und Auszahlungsströmen. Erfolgt die kurzfristige Finanzplanung (maximal) als Jahresplanung, kann sie in Form einer gleitenden rollierenden Zwölf-Monats-Planung durchgeführt werden, d. h. jeweils nach Ablauf eines Monats wird der gleiche Monat des folgenden Jahres in die Planung einbezogen. Zugleich werden bei diesem Vorrücken alle zwischen Planbeginn und Planende liegenden Monate überarbeitet und neu geplant. Wünschenswert wären noch genauer, im Extremfall tagesgenau55 unterteilte Finanzpläne; denn selbst wenn die kumulierten Einzahlungen die kumulierten Auszahlungen eines Monats übersteigen, ist noch nicht sichergestellt, dass keine Liquiditätsengpässe innerhalb dieses Zeitraumes auftreten. 54 Vgl. z. B. Reichmann; Lachnit: Rechnungswesen, S. 209–211; Hahn: Kontrollrechnung, S. 449– 463. 55 Die tägliche Finanzplanung, die Finanzdispositionsrechnung haben wir als Treasurer-Aufgabe (vgl. S. 201, Fn. 9) qualifiziert; sie wird im folgenden nicht näher diskutiert. Vgl. zur täglichen Finanzdisposition etwa Straub, Hubert: Optimale Finanzdisposition, Meisenheim am Glan 1974, insbes. S. 1–16; Witte, Eberhard: Finanzplanung als Führungsinstrument, S. 78–81.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Standardwerk für Wissenschaft und Controllingpraxis.

Transparenz und nachhaltiges Handeln werden immer mehr als Erfolgsfaktoren anerkannt. Übertragen auf die Aufgaben des Controllings wird Transparenz mit den Instrumenten des Rechnungswesens und den Analyseinstrumenten des Controllings geschaffen. Nachhaltigkeit bedeutet, belastbare Informationen für die strategische Ausrichtung des Unternehmens zur Verfügung zu stellen. Dieses Standardwerk weist nunmehr bereits in der 8. Auflage den Weg zu einer systemgestützten Controlling-Konzeption und gibt – State of the Art – konkrete Empfehlungen für den Aufbau einer unternehmensbezogenen Controlling-Applikation mit Kennzahlen und Analyseinstrumenten. Es liefert sowohl wertvolle, praxiserprobte Anregungen als auch fundiertes, theoriegestütztes Wissen bei der Implementierung des Controllings im Unternehmen:

- Kennzahlen und Kennzahlensysteme, systemgestützte Controlling-Konzeption

- Kosten- und Erfolgs-Controlling, Konjunktur und Fixkostenmanagement

- Finanz- und Investitions-Controlling, Rating-Check

- Beschaffungs-, Produktions- und Logistik-Controlling

- Marketing-Controlling, DV-gestütztes Controlling

- Strategisches Controlling und internationales Standort-Controlling

- Risikomanagement und Risiko-Controlling, BCR-Card

- Corporate Governance und Controlling, wertorientiertes Konzern-Controlling

Der Autor

Prof. Dr. Thomas Reichmann ist Direktor in einem internationalen Beratungsunternehmen. Er hat in seiner langjährigen Beratungspraxis internationale Unternehmen in den Bereichen Performance-, Prozess- und Kostenmanagement beraten, darunter eine Vielzahl börsennotierter Unternehmen.