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§ 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 217 - 248

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-217

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung I. Entstehung und Bedeutung der viktimologischen Perspektive 1. Überblick über die Entwicklung Das Verbrechensopfer spielt in der Kriminologie erst seit den 1970er Jahren eine herausgehobene Rolle. Ebenso wie das Strafrecht das Opfer aus seinen Überlegungen weitgehend ausgeblendet und das Verbrechen auf einen Konflikt des Täters mit der Allgemeinheit reduziert hatte, glaubte auch die Kriminologie über lange Zeit hinweg, für die Analyse und das Verständnis von Straftaten allein auf die Person des Täters abstellen zu können. Auch der strafrechtliche Kontrollprozess, der sich an das Bekanntwerden der Tat anschließt, wurde ausschließlich aus der Täterperspektive betrachtet. Wichtig erschien allein die Frage, ob, wie und mit welchen Effekten der Täter sanktioniert wurde, während die Frage, was nach der Tat mit dem Opfer geschah, allenfalls am Rand erörtert wurde. Für die Erweiterung des kriminologischen Forschungsfelds um die viktimologische Perspektive (Viktimologie = Lehre vom Verbrechensopfer) waren unterschiedliche Entwicklungen maßgebend. Frühe Ansätze ergaben sich bereits in den 1940er Jahren.1 Zur vollen Blüte entfaltete sich die Opferforschung jedoch erst in den 1970er und 80er Jahren, als in der Gesellschaft die Sensibilität für Gewalt und ihre Folgen wuchs. Gefördert wurde die Entwicklung durch die Befunde der empirisch-kriminologischen Sanktionsforschung. Diverse Untersuchungen, die sich mit der Frage der Beeinflussbarkeit des Täters durch die strafrechtlichen Sanktionen beschäftigt hatten, hatten zu ernüchternden Ergebnissen geführt (" § 9 Rn. 81; „nothing works“). Kriminalpolitisch hatten die Befunde zur Konsequenz, dass über alternative Konzepte im Umgang mit der Tat nachgedacht wurde, wobei die Schadenswiedergutmachung und der Täter-Opfer- Ausgleich eine wesentliche Rolle spielten (" § 9 Rn. 26 ff.). Auch die 1 Grundlegend von Hentig (1941), in: Drapkin/Viano 1974, 45 ff.; weitere Ansätze bei Doerner/Lab 2015, 6 ff. 1 2 Thesen des labeling approach zu den Selektionsmechanismen im Strafprozess sowie die erweiterten Möglichkeiten der empirischen Sozialforschung in der Befragungstechnik trugen zur Blickschärfung für das Opfer bei. Heute ist die Viktimologie zu einem wesentlichen, unverzichtbaren Bestandteil der Kriminologie geworden. Die Beschäftigung mit dem Opfer kann heute von der Beschäftigung mit der Tat, dem Täter und der strafjustiziellen Kontrolle nicht mehr weggedacht werden. Man hat erkannt, dass an der Tat nicht nur der Täter, sondern eben auch das Opfer beteiligt ist und dass dem Opfer in seiner Funktion als Anzeigeerstatter und Beweismittel (Augenscheinsobjekt, Zeuge) für die Einleitung und Durchführung des Strafverfahrens und damit für die öffentliche Beschäftigung mit Kriminalität eine zentrale Bedeutung zukommt. Erkannt hat man aber auch, dass das Opfer durch die Tat in ganz spezifischer Weise berührt wird und dass das Strafverfahren in seiner herkömmlichen Gestalt den Interessen und Bedürfnissen des Opfers nach der Tat nicht immer Rechnung trägt. 2. Der Begriff des „Opfers“ Der für die Viktimologie zentrale Opferbegriff ist schillernd und unscharf. Einer der Begründer der Viktimologie, Benjamin Mendelsohn (1900–1998), sah als Gegenstand der Viktimologie nicht nur das Verbrechensopfer an, sondern auch das Opfer von Unfällen oder Naturkatastrophen. In der Wissenschaft konnte sich diese Sichtweise jedoch nicht durchsetzen, weil sie keine klare Abgrenzung erlaubte. Durchgesetzt hat sich demgegenüber ein engerer Opferbegriff, der sich im Anschluss an einen anderen Begründer der modernen Viktimologie, Hans v. Hentig (1887–1974), auf das Verbrechensopfer beschränkt und sich damit eng an die Vorgaben des Strafrechts (Rechtsgutsbegriff) und die juristische Terminologie (Begriff des „Geschädigten“ bzw. „Verletzten“) anlehnt. Nach diesem engeren Verständnis wird heute unter einem „Opfer“ meist eine natürliche Person verstanden, die als direkte Folge eines Verstoßes gegen die Strafrechtsnormen einen Schaden, insbesondere eine Beeinträchtigung ihrer körperlichen Unversehrtheit, seelisches Leid oder einen wirtschaftlichen Nachteil, erlitten hat.2 Verkürzt und verallgemeinert 218 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 2 Vgl. etwa die Legaldefinition in der Richtlinie 2012/29/EU, ABl. Nr. L 315/57 vom 14.11.2012, Art. 2 Nr. 1 a). 3 4 kann man sagen, dass Opfer diejenige Person ist, die von einem strafrechtlich relevanten Konflikt direkt betroffen ist. Der skizzierte Opferbegriff wirft eine Vielzahl von Fragen auf. Zunächst stellt sich die Frage, inwieweit es richtig ist, nur natürliche Personen zu den Opfern zu rechnen. Auch juristische Personen können geschädigt werden (Bsp. Ladendiebstahl), auch die Allgemeinheit kann in gewissem Sinn „Opfer“ sein („Kollektivopfer“ im Unterschied zum „Individualopfer“; man denke an Steuerhinterziehung oder den großen Bereich der Umweltkriminalität). Dabei liegt es auf der Hand, dass die genannten Erweiterungen konzeptionell nur schwer zu erfassen sind und dass die genannten Opferkategorien in ihrer Betroffenheit andere Probleme aufwerfen als sie bei natürlichen Personen anzutreffen sind. Gleichwohl erscheint es richtig, für die Analyse und das Verständnis des Kriminalitätsgeschehens und der Folgen der Tat nicht zwingend auf der Ebene der individuellen Betroffenheit stehen zu bleiben, sondern anzuerkennen, dass sich Straftaten auch auf anderen Ebenen auswirken können. Insoweit wird in der Literatur anschaulich von einer „sich verflüchtigenden Opfereigenschaft“3 gesprochen. Zum zweiten fragt sich, ob es richtig ist, nur diejenigen Personen zu den Opfern zu rechnen, die als direkte Folge der Tat einen Schaden erlitten haben. Mit dieser Beschränkung blendet man aus, dass die Tat auch Folgen bei anderen Personen als den Rechtsgutsträgern haben kann (zB bei den Angehörigen eines Gewaltopfers). Auch bei Personen, die zu dem direkten Tatopfer in keiner persönlichen Beziehung stehen, sondern das Tatgeschehen nur als unbeteiligte Zeugen beobachten (zB bei einer Geiselnahme), können als Folge dieser indirekten Beteiligung an der Tat psychische Beeinträchtigungen auftreten, die mit denen der direkt Geschädigten vergleichbar sind. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass gelegentlich auch der Täter selbst Opfer sein kann. Zu denken ist etwa an die Situation der Notwehr oder der Nothilfe, aber etwa auch an diejenigen Situationen, in denen der Täter als Konsequenz der von ihm verschuldeten Tat (zB bei einem Unfall oder infolge des Eingreifens der Polizei) selbst erhebliche Verletzungen erleidet. Es ist richtig und notwendig, auch derartige Folgen in die Betrachtung mit einzubeziehen, wobei man sich allerdings der Besonderheiten solcher indirekten Opfersituationen bewusst sein muss. I. Entstehung und Bedeutung der viktimologischen Perspektive 219 3 Kaiser 1996, § 47 Rn. 12. 5 6 Zum dritten muss man sich vergegenwärtigen, dass die Opferstellung, gerade wenn sie an die strafrechtliche Rechtsgutsverletzung anknüpft, erst durch das Strafverfahren seine Konturen erhält. Ob es tatsächlich zu einer Schädigung gekommen ist und welches Ausmaß die Schädigung einnimmt, lässt sich verbindlich erst dann sagen, wenn ein Gericht das Tatgeschehen festgestellt hat. Der Begriff des „Opfers“ teilt insoweit die Probleme, die auch der Begriff des „Täters“ aufwirft (" § 9 Rn. 7). Soweit empirische Forschungen an Verfahrensstadien anknüpfen, die vor dem Urteil liegen (also zB an polizeilich bekannt gewordene Verletzungen), oder an Ereignisse, die im Dunkelfeld geblieben sind, müsste richtigerweise vom „angeblichen Opfer“ bzw. vom „angeblichen Täter“ gesprochen werden. Falschbezichtigungen kommen durchaus vor,4 was wiederum zu einem Rollenwechsel führt, denn sie machen aus dem vermeintlichen „Opfer“ einen strafbar handelnden „Täter“ (vgl. §§ 164, 187 StGB). Für die kriminologische/viktimologische Forschung schließlich stellt sich die Frage, wie im Einzelfall festgestellt werden soll, ob eine Person einen Schaden erlitten hat bzw. von einem strafrechtlichen Konflikt betroffen ist. Gegenüber stehen sich ein objektiver, normativierender, auf die Feststellung des „Betroffenseins“ durch den Forscher gegründeter, und ein subjektiver, auf das Opfererleben abstellender Opferbegriff. Die mit Opferbefragungen arbeitende Forschung favorisiert den subjektiven Opferbegriff, da Sachverhalte, die subjektiv nicht empfunden werden, empirisch nicht ohne Schwierigkeiten erhebbar sind. „Opfererleben“ definiert sie als ein zeitlich abgegrenztes, individuierbares (dh eine Person betreffendes) Ereignis, das als aversiv (negativ, unangenehm, bedrohlich, schädigend) wahrgenommen wird, das als unkontrollierbar erlebt wird, das einer oder mehreren Personen als Urheber bzw. Täter zugeschrieben wird und das aus der Sicht des Opfers eine normative Erwartung verletzt (also als „ungerecht“ empfunden wird).5 Dass diese methodische Herangehensweise nur von begrenztem Nutzen ist, zeigt allerdings das Beispiel des Betrugs, bei dem das Opfer definitionsgemäß gerade nicht (oder erst zu spät) erkennt, dass es getäuscht wird. Auch konstitutionsbedingte Nichtwahrnehmungen von Viktimisierungen können nicht erfasst werden (zB Viktimisierungen von Kleinkindern, die 220 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 4 Vgl. Eisenberg/Kölbel 2017, § 26 Rn. 8 f. 5 Greve/Hellmers/Kappes, in: Bliesener/Lösel/Köhnken 2014, 199; Greve/Rühs/Kappes, in: Guzy/Birkel/Mischkowitz 2015, 492. 7 8 bspw. einen Missbrauch altersbedingt nicht als „verbotenes Tun“ empfinden), während andererseits normative Überempfindlichkeiten erfasst werden, obwohl sie aus kriminologischer Sicht kaum bedeutsam sind. Die Forschung muss deshalb dafür offen sein, je nach Fragestellung auch mit einem objektiven Opferbegriff zu arbeiten. II. Die Häufigkeit von Opfererfahrungen in der Bevölkerung Die Beschäftigung der Kriminologie/Viktimologie mit dem Opfer beginnt bei der Frage nach der Verteilung des Viktimisierungsrisikos in der Bevölkerung. Die wichtigsten Grundinformationen ergeben sich insoweit aus den Opferbefragungen (victim surveys), die, angestoßen durch entsprechende Studien in den USA (National Crime Victimization Survey) und dem Vereinigten Königreich (British Crime Survey), in den letzten Jahren verstärkt auch in Deutschland durchgeführt worden sind.6 Eine wichtige Rolle spielen insoweit der vom Bundeskriminalamt durchgeführte „Deutsche Viktimisierungssurvey 2017“, der an eine Vorgängeruntersuchung aus dem Jahr 2012 anschließt, sowie vergleichbare Untersuchungen, die von einzelnen Landeskriminalämtern in den jeweiligen Bundesländern durchgeführt werden. Methodologisch stellen sich bei der Durchführung von Opferbefragungen dieselben Probleme, die auch bei anderen Arten der Dunkelfeldforschung auftreten (" § 5 Rn. 56 ff.). Schwierigkeiten kann namentlich die Formulierung der Fragen in den Erhebungsinstrumenten bereiten, die einerseits verständlich sein müssen, sich aber andererseits nicht allzu weit von den strafrechtlichen Vorgaben entfernen dürfen. Bei Fragen nach leichteren Delikten ist überdies mit Erinnerungsverlusten, bei Fragen nach Taten, die einen starken Persönlichkeitsbezug aufweisen, mit Verdrängungseffekten und fehlender Auskunftsbereitschaft zu rechnen. 1. Allgemeine Angaben zur Viktimisierungshäufigkeit Im Mittelpunkt des Interesses steht zunächst die Frage nach der Prävalenz, also des Anteils derjenigen Personen in der Bevölkerung, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums Opfer einer kriminellen II. Die Häufigkeit von Opfererfahrungen in der Bevölkerung 221 6 Mischkowitz, in: Guzy/Birkel/Mischkowitz 2015, 29 ff. 9 10 11 Handlung geworden sind (" § 6 Rn. 10). Opfer irgendeiner Straftat sind die meisten Menschen schon einmal geworden; bei Zugrundelegung der lebenslangen Perspektive stellen Opfererfahrungen ähnlich wie Tätererfahrungen eine nahezu ubiquitäre Erscheinung dar. Fragt man genauer nach, zeigen sich allerdings deliktsspezifische Unterschiede. In den in Deutschland durchgeführten Viktimisierungsstudien berichten die Befragten am häufigsten von eher leichten Delikten. Ähnlich wie auf der Täterseite (" § 5 Rn. 61) machen den größten Anteil gewaltlose Eigentums- und Vermögensdelikte aus. Deutlich wird das im „Deutschen Viktimisierungssurvey 2017“. In der für Deutschland repräsentativen Untersuchung wurden 31.192 Personen im Alter von wenigstens 16 Jahren telefonisch nach ihren Viktimisierungserfahrungen innerhalb der letzten 12 Monate bzw. fünf Jahre befragt. Dabei wurde danach unterschieden, ob die Befragten selbst Opfer geworden waren oder ob sie wussten, dass Vergleichbares einer anderen Person aus dem Haushalt passiert war (sog. Personen- und Haushaltsdelikte).7 Bezogen auf die letzten 12 Monate zeigte sich, dass bei den Personendelikten am häufigsten von Betrug (Waren- oder Dienstleistungsbetrug; 4,7% der Befragten) sowie von Datenverlusten oder sonstigen Schäden durch Schadsoftware (Viren, Würmer oder Trojaner) berichtet wurde (4,5%). Ebenfalls eine nennenswerte Rolle spielten der Diebstahl persönlichen Eigentums (3,1%) sowie die Körperverletzung (3,0%). Bei den Haushaltsdelikten dominierte der Fahrraddiebstahl (2,9% der Privathaushalte). Über gravierendere Eigentumsdelikte wie insbesondere versuchten oder vollendeten Einbruchsdiebstahl (1,4 bzw. 0,5%) oder Raub (1,0%) berichteten demgegenüber nur sehr wenige Befragte. Diejenigen Delikte, die auf der Täterseite darüber hinaus noch eine große Rolle spielen – Ladendiebstahl und Beförderungserschleichung (" § 5 Rn. 61) –, wurden in der Untersuchung nicht erfasst. Gegenüber den gewaltlosen Eigentums- und Vermögensdelikten sind Gewalt- und Sexualdelikte seltenere Ereignisse. Auch wenn Viktimisierungserfahrungen an sich für viele Menschen zu den unvermeidlichen Bestandteilen ihrer Lebenserfahrung gehören, spielen Gewaltdelikte dabei keine herausgehobene Rolle. Dies zeigt sich in einer Opferbefragung, die 2017 in Niedersachsen durchgeführt wurde und an der sich 18.070 Personen beteiligten; die Studie ist für Niedersachsen repräsentativ.8 Die Häufigkeit von Körperverletzungen war 222 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 7 Birkel u. a. 2019, 12 ff. 8 LKA Niedersachsen 2018, 40 ff.; zu vergleichbaren Studien vgl. Dreißigacker 2017, 35 ff. (Schleswig-Holstein); Bley 2018, 76 ff. (Mecklenburg-Vorpommern); Liebl 2019, 27 ff. (Sachsen und Hessen). 12 13 insgesamt etwas geringer als im „Deutschen Viktimisierungsurvey“ (2,1%). Darüber hinaus wurde weiter danach unterschieden, ob es sich um eine leichte oder schwere Körperverletzung handelte und ob sie mit oder ohne eine Waffe begangen worden war. Verallgemeinernd ließ sich feststellen, dass die bejahenden Antworten umso seltener waren, je schwerer die abgefragte Modalität war. Über wenigstens ein Sexualdelikt innerhalb der letzten 12 Monaten berichteten noch etwas weniger Befragte (1,8%; bei Einschluss von Exhibitionismus allerdings 2,4%). In den meisten Fällen wurde angegeben, dass die Betreffenden „sexuell bedrängt“ worden seien, was rechtlich eher unspezifisch ist, aber uU den Rückschluss auf sexuelle Übergriffe oder Belästigungen (§ 177 I, II oder § 184i StGB) erlaubt. Während sich die bisher mitgeteilten Befunde auf einen Bevölkerungsquerschnitt von wenigstens 16 Jahre alten Befragten beziehen, zeigen Untersuchungen in jüngeren Altersgruppen eine deutlich höhere Opferprävalenz. In einer 2017 durchgeführten Befragung des KFN unter Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufen (8.938 Befragte, „Niedersachsensurvey“; dazu schon " § 4 Rn. 22c, " § 5 Rn. 61 ff.) gaben im Durchschnitt 14,4% der Befragten an, innerhalb der vorangegangenen 12 Monate Opfer eines der abgefragten Gewaltdelikte geworden zu sein. Es dominierte der Tatbestand der Körperverletzung durch eine einzelne Person mit 9,3%, gefolgt von Raub (3,5%), Körperverletzung mit Waffe (2,9%), Erpressung (2,3%), Körperverletzung durch mehrere Personen (2,3%) und sexueller Gewalt (1,0%).9 Jugendliche scheinen danach insgesamt gefährdeter zu sein als Erwachsene. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Opfer- und Täterrollen bei Jugendlichen in vielen Fällen ineinander übergehen; viele Jugendliche treten nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter der entsprechenden Handlungen in Erscheinung.10 2. Viktimisierung im sozialen Nahbereich Nicht übersehen werden darf, dass bei manchen Formen der Delinquenz mit zurückhaltender Offenheit der Befragten gerechnet werden muss. Soweit es etwa den Bereich der Sexualdelinquenz oder den der Delinquenz innerhalb der Familie betrifft, ist zu vermuten, dass die Befragten eine erhebliche Scheu davor haben, sich gegenüber unbekannten Interviewenden mitzuteilen. In der Literatur spricht man insoweit vom „absoluten“ oder „doppelten Dunkelfeld“, bei dem die Taten nicht nur den Strafverfolgungsorganen, sondern auch den von Forschungsinstituten für die Interviews eingesetzten Personen verborgen bleiben.11 Um diesem methodischen Hindernis entge- II. Die Häufigkeit von Opfererfahrungen in der Bevölkerung 223 9 Bergmann/Kliem/Krieg/Beckmann 2019, 34 ff. 10 Baier/Pfeiffer/Simonson/Rabold 2009, 66 ff. 11 Prätor, in: Eifler/Pollich 2014, 32. 14 15 genzuwirken, werden in manchen Studien spezielle Techniken angewandt, um Aufschluss über die Viktimisierungshäufigkeit in diesen „Tabu-Bereichen“ zu erhalten. Eine dieser Techniken ist die Arbeit mit „Selbstausfüllern“ oder „Drop- Off“-Fragebögen. Die Befragten bekommen hier im Anschluss an ein persönliches („face to face“) Gespräch die Gelegenheit, in Abwesenheit des Interviewenden einen schriftlichen Zusatzfragebogen auszufüllen und später in einem verschlossenen Umschlag zurückzugeben. Dass sich auf diesem Weg andere – mutmaßlich zuverlässigere – Ergebnisse erzielen lassen, ließ sich an einer schon etwas älteren Befragung zu Gewalterfahrungen von Frauen aus dem Jahr 2004 zeigen.12 Interviewt wurden 10.264 Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren. Legte man nur die Angaben im persönlichen Interview zugrunde, hatte knapp ein Drittel der Befragten (32%) ab dem 16. Lebensjahr wenigstens einmal körperliche Gewalt erfahren. Dieser Anteil erhöhte sich auf 37%, wenn man zusätzlich die Angaben in den schriftlichen Fragebögen auswertete. Von Formen sexueller Gewalt berichteten bei Berücksichtigung beider Auswertungsformen 13% der Frauen (nur im Interview 12%). Körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt oder beides hatten 40% der Frauen (nur im Interview 35%) schon wenigstens einmal in ihrem Leben erfahren. Setzt man für die Datenerhebung solche oder ähnlich sensible Techniken ein, lassen sich Eindrücke von der Häufigkeit von Viktimisierungserfahrungen im sozialen Nahbereich gewinnen. Dabei ist es hilfreich sich vor Augen zu führen, dass es zum Auftreten körperlicher und sexueller Gewalt, aber auch anderer Viktimisierungsformen wie finanzieller Ausbeutung vor allem dann kommen kann, wenn die räumliche Nähe mit soziostrukturellem Druck (Armut, beengten Wohnverhältnissen), situativen Belastungen und einer unaufgearbeiteten, konflikthaften Beziehungsdynamik einhergeht. Übergriffe zum Nachteil physisch oder psychisch Schwächerer treten dabei in jede Richtung auf, entfalten sich aber besonders häufig zum Nachteil von Frauen, Kindern und älteren, pflegebedürftigen Angehörigen. Noch heute häufig zitiert wird die bereits angesprochene Studie zu Gewalterfahrungen von Frauen aus dem Jahr 2004 ("Rn. 15a), in der 25% der Befragten angaben, in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner erfahren zu haben (23% nur körperliche, 7% nur sexuelle Gewalt).13 Jede 4. Frau konnte mithin in dieser Studie über Erfahrungen mit Beziehungsgewalt berichten. 224 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 12 Müller/Schröttle 2004, 14 ff., 28. 13 Müller/Schröttle 2004, 28 ff.; vertiefend Schröttle/Ansorge 2008. 15a 15b Die Ergebnisse der Studie gingen damit über die Gewaltprävalenzen hinaus, die wenige Jahre später in einer Untersuchung des KFN ermittelt wurden. Im Jahr 2011 interviewte das KFN 11.428 Personen im Alter ab 16 Jahren, wobei ebenfalls ein „Drop-Off“-Fragebogen verwendet wurde.14 Bezogen auf den 5-Jahreszeitraum vor der Befragung (zugrunde gelegt wurde also ein engerer Zeitraum als in der Studie von 2004) gaben 10,4% der Frauen und 12,6% der Männer an, Opfer physischer Gewalt geworden zu sein. 2,4% der Frauen berichteten über sexuelle Gewalt innerhalb der letzten 5 Jahre; bezogen auf die Lebenszeitprävalenz berichteten hiervon 4,9%. Eine große Zahl von Viktimisierungen hatte dabei wiederum im sozialen Nahbereich, also innerhalb der Familie oder des Haushalts stattgefunden. Dieselbe „Drop-Off“-Technik wurde vom KFN auch angewandt, um Aufschluss über Gewalterfahrungen in der Kindheit zu erhalten.15 Hier zeigte sich, dass gut ein Drittel aller Befragten (35,7%) über körperliche Züchtigungen durch die Eltern und immerhin etwa 13% über körperliche Misshandlungen berichteten (Männer: 12,6%; Frauen: 13,3%), also über Verhaltensweisen, die unzweifelhaft nicht mehr durch das elterliche Erziehungsrecht gedeckt sind (vgl. § 1631 II BGB). Über sexuellen Missbrauch in der Kindheit bzw. Jugend wurde ebenfalls von nicht wenigen Befragten berichtet, wobei der Anteil der betroffenen Frauen etwa viermal höher lag als der der betroffenen Männer: Während 9,9% der Frauen von irgendeiner Form sexuellen Missbrauchs vor ihrem 16. Lebensjahr und 7,0% von Missbrauchserfahrungen mit Körperkontakt berichteten, waren von Missbrauch allgemein nur 2,3% und von Missbrauch mit Körperkontakt nur 1,5% der Männer betroffen. Auskünfte über die Gewalterfahrungen von älteren und pflegebedürftigen Menschen sind mit dem Instrument der Opferbefragung nicht zu erlangen. In einer 2018 durchgeführten Untersuchung wurde deshalb ersatzweise mit Täterbefragungen gearbeitet und nach unangemessenen, nicht notwendig kriminellen Handlungen gegenüber pflegebedürftigen Angehörigen gefragt. Die Stichprobe bestand aus 1.006 Personen im Alter zwischen 40 und 85 Jahren, die in ihrem privaten Umfeld seit mindestens sechs Monaten mindestens einmal pro Woche einen pflegebedürftigen Menschen im Alter ab 60 Jahren II. Die Häufigkeit von Opfererfahrungen in der Bevölkerung 225 14 Hellmann 2014, 129 ff., 135 ff. 15 Hellmann 2014, 81 ff.; 102 ff.; differenziertere Ergebnisse zum sexuellen Missbrauch bei Stadler/Bieneck/Pfeiffer 2012; Posch/Kemme, in: Guzy/Birkel/Mischkowitz 2015, 211 ff. 16 17 17a pflegten.16 Die Befragung führte zu Prävalenzen, die deutlich höher lagen als die Prävalenzen, die für Gewalt in Paarbeziehungen und gegenüber Kindern ermittelt wurden. Zwei Fünftel der Befragten (40%) gaben an, in den letzten sechs Monaten mindestens einmal ein Verhalten gezeigt zu haben, das sich als Gewalthandeln einordnen ließ. Dabei entfiel allerdings der größte Teil (32%) auf nicht strafbare Formen der psychischen Gewalt wie Anschreien oder Herumkommandieren, 12% der Befragten bekannten sich zu körperlicher Gewalt, 11% zu Formen der Vernachlässigung. 6% gaben an, sie hätten zu freiheitsentziehenden oder -einschränkenden Maßnahmen gegriffen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass es auch in der Gegenrichtung – also von Seiten des Pflegebedürftigen gegen den Pflegenden – zu Gewalthandlungen kommen kann. Die Ergebnisse machen deutlich, dass der soziale Nahbereich für Frauen und Kinder, aber auch für ältere, pflegebedürftige Menschen ein erhebliches Gefahrenpotential bietet. Die innerfamiliäre physische und sexuelle Gewalt hat ein größeres Ausmaß als in der Öffentlichkeit meist angenommen wird. Das Gewaltphänomen innerhalb der Familie ist dabei nicht nur deshalb bedeutsam, weil es mit unmittelbaren körperlichen und seelischen Schäden einhergeht. Kriminologisch bedeutsam sind bei Kindern auch die Langzeitfolgen: Die Erfahrung innerfamiliärer Gewalt kann zu einem Risikofaktor für die Begründung einer eigenen Delinquenzkarriere werden ("Rn. 43 ff.). 3. Unterschiede zwischen Opfern und Nichtopfern Die skizzierten Befunde geben an, wie hoch das Risiko ist, zum Opfer bestimmter Straftaten zu werden. Sie lassen jedoch offen, ob sich das Viktimisierungsrisiko in der Bevölkerung gleich verteilt oder ob es Bevölkerungsgruppen gibt, die in besonderer Weise von der Gefahr krimineller Viktimisierung bedroht sind. Versucht man, die wichtigsten Befunde der deutschen Untersuchungen zusammenzufassen, lassen sich vor allem drei Feststellungen treffen:17 (1) Das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, variiert mit dem Alter. Junge Menschen, namentlich Jugendliche und Heranwachsende, tragen ein deutlich größeres Risiko als ältere Menschen. Be- 226 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 16 Eggert/Schnapp/Sulmann 2018, 17 ff. 17 Birkel u. a. 2019, 18 ff.¸ LKA Niedersachsen 2018, 43; Dreißigacker 2017, 36; Hellmann 2014, 67, 89, 105, 114, 136; Bergmann/Kliem/Krieg/Beckmann 2019, 37. 18 19 20 sonders deutlich ist dieser Zusammenhang bei denjenigen Delikten, bei denen ein direkter Kontakt zwischen Täter und Opfer besteht, inbes. bei Gewalt- und Sexualdelikten ("Rn. 14). Aber auch bei anderen Delikten wie Diebstahl und Betrug ist das Viktimisierungsrisiko in jungen Jahren hoch und geht mit zunehmendem Alter zurück. Anzunehmen ist, dass ältere Menschen mit dem Risiko bewusster umgehen und ein stärkeres Vorsichtsverhalten an den Tag legen. (2) Das Viktimisierungsrisiko variiert auch mit dem Geschlecht, allerdings sind die Zusammenhänge hier weniger eindeutig als beim Alter. Nur zwei Deliktsgruppen ragen deutlich heraus: Männer sind stärker von körperlicher Gewalt betroffen, und das Viktimisierungsrisiko von Frauen ist bei Sexualdelikten überproportional groß. Die bisherigen Untersuchungen deuten darauf hin, dass Männer darüber hinaus auch von Betrug, Sachbeschädigung und manchen Formen der Internetkriminalität stärker betroffen sind als Frauen. Bei Diebstahl persönlichen Eigentums ist das Viktimisierungsrisiko für beide Geschlechter dagegen etwa gleich groß. (3) Zum dritten werden Zusammenhänge mit dem Migrationshintergrund deutlich. Dabei kommt es teilweise nicht nur darauf an, ob eine Person überhaupt einen Migrationshintergrund aufweist, sondern auch, woher sie stammt. Allgemein lässt sich nach dem „Deutschen Viktimisierungssurvey 2017“ sagen, dass Personen mit Migrationshintergrund vor allem von Betrug, Körperverletzung und, sofern sie das Internet nutzen, von Schadsoftware stärker betroffen sind als Personen ohne Migrationshintergrund. Im Hinblick auf Sexualdelikte liefern Repräsentativbefragungen des KFN Hinweise darauf, dass von sexuellem Missbrauch vor allem Kinder ohne Migrationshintergrund und russischstämmige Kinder, von sexueller Gewalt vor allem Frauen mit russischem Migrationshintergrund betroffen sind. Auch in den Schülerbefragungen des KFN zeigte sich, dass das Viktimisierungsrisiko mit der ethnischen Herkunft der Befragten variiert. Das Forschungsfeld ist damit nur angerissen. Die genannten Befunde machen aber bereits deutlich, dass sich zwischen Opfern und Nichtopfern durchaus Unterschiede feststellen lassen; das Viktimisierungsrisiko ist in der Bevölkerung nicht gleich verteilt. Für weitergehende Schlussfolgerungen insbesondere zur Prävention sind die Befunde allerdings noch zu abstrakt; sie müssen angereichert werden durch Untersuchungen, die sich mit den spezifischen Bedingungen von Viktimisierungsprozessen in den einzelnen Kriminalitätsbereichen beschäftigen. Zu den zentralen Themen dieser „differentiellen II. Die Häufigkeit von Opfererfahrungen in der Bevölkerung 227 21 22 23–25 Viktimologie“ gehören die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, Misshandlung und Missbrauch von Kindern, die Viktimisierung von alten Menschen sowie in jüngerer Zeit die „Hasskriminalität“ (hate crime), worunter rechtsextremistische, fremdenfeindliche und antisemitische Straftaten zu verstehen sind, die sowohl online als auch offline begangen werden. Im Mittelpunkt steht jeweils die Analyse der sozialen Situationen, in denen Menschen zu Opfern werden. Dies schließt die Analyse der Interaktionen von Tätern und Opfern ebenso ein wie die der personalen und sozialen Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit der Viktimisierung erhöhen. III. Viktimologische Theorien Wie bei allen empirisch feststellbaren Verteilungen stellt sich auch in der Opferforschung die Frage nach der Erklärung. Die Frage, warum Menschen zu Opfern von Straftaten werden, werden dabei von den viktimologischen Theorien beantwortet. Die viktimologischen Theorien knüpfen an die empirischen Befunde zur Verteilung des Viktimisierungsrisikos und daraus ableitbare Risikofaktoren an und versuchen, die Entstehung, Entwicklung und Struktur von Viktimisierungen theoretisch zu erklären. Die viktimologischen Theorien bilden damit den auf die Opferperspektive bezogenen Ausschnitt aus den kriminologischen Theorien (" § 3 Rn. 1). Ihre Qualität ist nach denselben Kriterien zu beurteilen, die auch für die Beurteilung der Kriminalitätstheorien gelten (Erklärungswert, Praxisrelevanz und empirische Absicherung). Um zu erklären, warum Menschen zu Opfern von Straftaten werden, kommen vor allem drei Anknüpfungspunkte in Betracht: die Person des Opfers, die Beziehungen des Opfers zum Täter und die Tatsituation. Weitere Anknüpfungspunkte können sich aus den sozialstrukturellen Rahmenbedingungen (Machtlosigkeit der Opfer) oder kulturellen Einflüssen (Zugehörigkeit der Opfer zu einer kulturellen Minderheit in der Bevölkerung) ergeben.18 Wegen ihrer geringeren Praxisrelevanz bleiben diese weiteren Ansätze im Folgenden jedoch außer Betracht. 228 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 18 Überblick bei Doerner/Lab 2015, 49 ff.; Sautner 2014, 57 ff. 26 27 1. Theorie der erlernten Hilflosigkeit Wenn man für die Erklärung von Viktimisierungsprozessen an die Person des Opfers anknüpft, können – konzeptionell gewendet – dieselben Bezugspunkte herangezogen werden, die auch für die Erklärung des Täterhandelns dienen. Theoretisch ist es also durchaus möglich, die Opferwerdung mit dem Einfluss zB von Persönlichkeitsmerkmalen wie der Fähigkeit zur Selbstkontrolle, Sozialisationserfahrungen oder Lernprozessen zu erklären. Eine Theorie, die im Zusammenhang mit Lernprozessen des Opfers häufig genannt wird, ist die Theorie der erlernten Hilflosigkeit. Diese Theorie, die von dem Amerikaner Martin Seligman aus Beobachtungen bei Tierversuchen entwickelt wurde, besagt, dass die Erfahrung, die Konsequenzen einer Situation nicht vorhersehen und damit beeinflussen zu können, passives Verhalten („erlernte Hilflosigkeit“) zur Folge haben kann.19 Übertragen auf die Situation der Viktimisierung bedeutet dies etwa: Jemand, der sich wiederholt oder über einen längeren Zeitraum (zB in der Kindheit oder in einer Partnerbeziehung) in einer traumatisierenden, ausweglosen Situation befindet, kann auf diese Erfahrung in einer Weise reagieren, dass er nach Beendigung dieser Situation nicht mehr in der Lage ist, zu einem normalen Verhalten zurückzukehren. Sofern die Gefahr einer kriminellen Viktimisierung besteht, kann er der Gefahr nicht ausweichen, weil er nicht gelernt hat, dass er Gefahren erfolgreich abwenden kann.20 Schon die Bezugnahme auf längerfristige Lernprozesse zeigt dabei jedoch, dass sich die Theorie der erlernten Hilflosigkeit nur für die Erklärung der Viktimisierung einer bestimmten, kleinen Opfergruppe eignet. Die Theorie kann vornehmlich erklären, warum jemand wiederholt zum Opfer wird bzw. an einer einmal bestehenden Opferrolle festhält (zB warum er nicht aus einer durch Gewalt geprägten Partnerbeziehung ausbricht oder warum er sich einen neuen, wiederum gewalttätigen Partner sucht). Sie eignet sich damit zwar gut für die Erklärung von Mehrfachviktimisierungen, aber kaum für die Erklärung einmaliger oder nur gelegentlicher Viktimisierung. III. Viktimologische Theorien 229 19 Seligman 1992, 42 ff. 20 Vgl. die Fortführungen von Fischer/Riedesser 2009, 154 ff. 28 2. Interaktionistische Theorien; Opferpräzipitation Auch wenn man an die Beziehungen des Opfers zum Täter anknüpft, steht hierfür eine bereits bekannte Theorietradition zur Verfügung: die interaktionistische Theorie. Viktimologisch gewendet kann man die Viktimisierung als das Ergebnis einer verfehlten Täter-Opfer-Interaktion erklären. Dabei ist namentlich an solche Fälle zu denken, in denen die Tat eine „Vorgeschichte“ hat und sich aus der Beziehung zwischen Täter und Opfer heraus entwickelt (zB Tötung des Intimpartners; Beleidigung im Nachbarschaftsverhältnis), sowie an solche Fälle, in denen es infolge einer Situationsverkennung des Täters zur Tat kommt (zB bei der Putativnotwehr). Die Beispiele zeigen jedoch, dass sich der interaktionistische Ansatz nur für die Erklärung von Kontaktdelikten eignet. Bei Delikten, die stattfinden, ohne dass es zum direkten Kontakt zwischen Täter und Opfer kommt (zB Diebstahl, Sachbeschädigung, Online-Delikte), führt der Ansatz nicht weiter. Auf die besondere Beziehung des Opfers zum Täter stellten früher auch diejenigen Autoren ab, die das Tatgeschehen auf die Mitursächlichkeit des Opfers zurückführten („Opferpräzipitation“). Schon v. Hentig betonte, dass das Opfer nicht nur als passiv leidendes, die Tat erduldendes Objekt gesehen werden dürfe, sondern dass es in vielen Fällen einen aktiven Beitrag zur Entstehung und Entwicklung des Verbrechens leiste.21 Als Konsequenz dieser Betrachtungsweise wurden zahlreiche Untersuchungen zur Mitwirkung des Opfers an der Tat durchgeführt. Wolfgang etwa stellte 1958 im Zusammenhang mit der Untersuchung von Tötungsdelikten darauf ab, ob der später Getötete als erster physische Gewalt angewandt hatte, indem er den Täter schlug oder gegen ihn eine gefährliche Waffe einsetzte, und stellte fest, dass diese Konstellation bei 26% der untersuchten Tötungsdelikte vorlag.22 Amir untersuchte 1971 das Ausmaß der Opferbeteiligung bei Vergewaltigungsdelikten und stellte darauf ab, ob die Frau der sexuellen Beziehung zunächst zugestimmt hatte bzw. sie durch „obszöne Sprache“ oder „unanständige Gesten“ gefördert hatte; eine derartige Beteiligung der Frauen an der Tat ließ sich in 19% der Fälle feststellen.23 Abgesehen von ihrem unklaren Erklärungswert waren diese älteren Ansätze problematisch, weil sie eine Betrachtungsweise förderten, bei der die Mitursächlichkeit des Opfers als Mitschuld erschien; Einstellungen und Strategien der unangemessenen Opferbelastung, des „blaming the victim“ („Selbst schuld!“), wurden begünstigt. 230 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 21 Von Hentig 1948, 383 ff. 22 Wolfgang 1958, 254; ders., in: Drapkin/Viano 1974, 82. 23 Amir 1971, 266. 29 30 3. Situationsorientierte Ansätze Für die Erklärung von Viktimisierungen kann man zum dritten auf die Analyse der sozialen Situation abstellen, in denen Personen zu Opfern werden. Nach den situationsorientierten Ansätzen ist das Viktimisierungsrisiko die Folge der differentiellen Wahrscheinlichkeit, mit der sich Opfer und Nichtopfer zu bestimmten Zeiten unter bestimmten Umständen an bestimmten Orten aufhalten und mit bestimmten Menschen (tatgeneigten und nicht tatgeneigten) zusammentreffen. In diesem Zusammenhang verdienen zwei eng miteinander zusammenhängende Erklärungsansätze Aufmerksamkeit: das Lebensstil-Konzept und das Konzept der Routineaktivitäten. Das Lebensstil-Konzept (lifestyle model) erklärt die Viktimisierung als Folge des unterschiedlichen Lebensstils von Opfern und Nichtopfern.24 Der „Lebensstil“ wird geprägt durch die täglichen Verhaltensregelmäßigkeiten im Arbeits- und Freizeitbereich (zur Arbeit oder Schule gehen, den Haushalt machen, Freizeit- und Konsumverhalten etc.). Der gewählte oder vorgegebene Lebensstil hat Auswirkungen auf das Ausmaß, mit dem man sich bestimmten Risiken aussetzt, und auf die Wahrscheinlichkeit, mit der man mit tatgeneigten Personen zusammentrifft; er wird seinerseits bestimmt durch die Rollenerwartungen und sozialstrukturellen Zwänge, denen der einzelne ausgesetzt ist. Der Überfall auf einen Bankangestellten lässt sich damit ebenso auf den „Lebensstil“ des Opfers zurückführen wie der Einbruchsdiebstahl, der bei dem Angestellten während derselben Zeit zu Hause durchgeführt wird: Beides ist die Konsequenz der Tatsache, dass der Betreffende, um Geld zu verdienen, in der Bank arbeitet und dort als Opfer zur Verfügung steht, während er gleichzeitig von zu Hause abwesend ist und so einem Einbruch keine Hindernisse entgegensetzt. Auch nach dem Konzept der Routineaktivitäten (routine activity approach) ist das Viktimisierungsrisiko die Konsequenz bestimmter zielorientierter Verhaltensregelmäßigkeiten („Routineaktivitäten“, Alltagsaktivitäten) wie Arbeiten, Ausgehen, Urlaub machen etc., die die Gelegenheit zur Begehung von Straftaten beeinflussen.25 Welche III. Viktimologische Theorien 231 24 Hindelang/Gottfredson/Garofalo 1978, 241 ff.; vgl. auch Garofalo, in: Gottfredson/ Hirschi 1987, 23 ff.; Hermann/Dölling 2001, 30 ff.; Hermann, in: Obergfell-Fuchs/ Brandenstein 2006, 295 ff. 25 Grundlegend Cohen/Felson ASR 44 (1979), 588 ff. 31 32 33 Verhaltensregelmäßigkeiten jemand an den Tag legt, wird auch nach diesem Ansatz durch die gesellschaftlichen Rollenerwartungen sowie durch die individuellen und sozialstrukturellen Handlungsbedingungen bestimmt. Der Unterschied liegt in der Ausdifferenzierung der Bedingungen, unter denen es zu einer Straftat kommt: Von einer das Viktimisierungsrisiko erhöhenden Gelegenheit wird nach dem Konzept der Routineaktivitäten dann ausgegangen, wenn drei Faktoren zusammentreffen: Es muss eine Person geben, die zur Begehung einer Straftat bereit ist (motivated offender), das potentielle Opfer oder die ihm gehörenden Gegenstände müssen für den potentiellen Täter einen hohen materiellen oder symbolischen Wert aufweisen (availability of a suitable target) und gleichzeitig müssen drittens wirkungsfähige Schutzmechanismen fehlen, wie etwa schutzbereite Dritte (absence of a capable guardian).26 Ob die Erklärungskraft des Konzepts des „Lebensstils“ bzw. der „Routineaktivitäten“ wirklich so groß ist, wie gelegentlich angenommen wird, sei dahingestellt. Hiergegen könnte sprechen, dass es zu Straftaten auch und gerade dann kommen kann, wenn sich ein potentielles Opfer außerhalb der üblichen Verhaltensroutinen bewegt und damit leichter in Situationen geraten kann, in denen ihm keine ausreichenden Schutzmechanismen zur Verfügung stehen. Problematisch ist das Konzept auch deshalb, weil sich das Viktimisierungsgeschehen im sozialen Nahbereich kaum mit „Routineaktivitäten“ in Verbindung bringen lässt. Weiterführend erscheint hingegen der Hinweis auf die situativen Bedingungen, also auf die Attraktivität des potentiellen Tatziels und das Fehlen wirksamer Schutzmechanismen. Hierin liegt nicht nur ein vergleichsweise universeller Ansatz, der sich auf sämtliche Viktimisierungssituationen beziehen lässt, sondern auch ein praxisrelevanter Anknüpfungspunkt, der von potentiell Betroffenen für die Entwicklung von Präventionsstrategien genutzt werden kann (" § 10 Rn. 10 ff.). 232 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 26 Fortführung des Konzepts bei Felson Crime Prevention Studies 4 (1995), 53 ff.; Eck Crime Prevention Studies 15 (2003), 79 ff. 34 IV. Das Opfer nach der Tat: Die Folgen der Tat und die Bedürfnislage der Opfer Neben der Analyse und Erklärung des Viktimisierungsrisikos ist es das zweite Anliegen der Viktimologie, über die Konsequenzen der Viktimisierung, namentlich über die Folgen der Tat für das Opfer sowie über die Interessen und Bedürfnisse nach der Tat Erkenntnisse zu gewinnen.27 Bedeutung kommt dabei auch der Frage zu, wie die soziale Umwelt mit dem Tatgeschehen umgeht, ob und inwieweit sie dem Opfer bei der Bewältigung der Tatfolgen Hilfe und Unterstützung leistet oder umgekehrt durch Desinteresse oder übertriebene Dramatisierung die Verarbeitung des Tatgeschehen erschwert. Es besteht die Gefahr, dass das Opfer, das bereits durch die Tat geschädigt worden ist, durch unangemessene Reaktionen der Umwelt weitere Schädigungen erleidet („sekundäre“ im Unterschied zur ersten, der „primären“ Viktimisierung).28 Angesprochen ist damit nicht nur der soziale Nahraum des Opfers (Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen etc.), sondern etwa auch die Berichterstattung in den Medien und die Position des Opfers im Strafverfahren. Vor allem die Art und Weise, in der Polizei und Justiz nach der Tat mit dem Opfer umgehen, kann für das Opfer im Einzelfall belastend sein. Allerdings muss man sehen, dass der Gesetzgeber die verfahrensrechtliche Stellung des Opfers mit dem Opferschutzgesetz von 1986, dem Zeugenschutzgesetz von 1998 sowie dem 1., 2. und 3. Opferrechtsreformgesetz von 2004, 2009 und 2015 erheblich verbessert hat. Auch das Opferentschädigungsgesetz von 1976/1985, die Förderung des Wiedergutmachungsgedankens im Strafrecht durch Gesetze von 1990 (JGGÄndG), 1994 (VerbrBekG) und 1999 (Gesetz zur Verankerung des Täter-Opfer-Ausgleichs) sowie das zivilrechtliche Gewaltschutzgesetz von 2001 haben maßgeblich zu einer Verbesserung der Position des Opfers nach der Tat beigetragen.29 In der Literatur wird zum Teil angenommen, eine sekundäre Viktimisierung könne auch davon ausgehen, dass eine Frau nach einer Anzeige wegen Verge- IV. Das Opfer nach der Tat: Folgen und die Bedürfnislage 233 27 Greve/Rühs/Kappes, in: Guzy/Birkel/Mischkowitz 2015, 489 ff. 28 Volbert, in: Volbert/Steller 2008, 198 ff. 29 Vertiefend Kanz MschrKrim 100 (2017), 228 ff.; Kunz/Singelnstein 2016, § 24 Rn. 23 ff. 35 35a waltigung erleben müsse, dass der beschuldigte Täter freigesprochen werde.30 Erleben zu müssen, dass einem nicht geglaubt wird, kann für Opfer in der Tat sehr belastend sein ("Rn. 47). Vermeiden lässt sich diese Form der sekundären Viktimisierung gleichwohl nicht. In einem Rechtsstaat sind es die unabhängigen Gerichte, die einen Rechtsbruch in einem aufwendigen Verfahren für alle Seiten verbindlich feststellen. Insbesondere der in diesem Verfahren geltende „in dubio pro reo“-Grundsatz (Art. 6 II EMRK) ist das Ergebnis einer Rechtsentwicklung, die sich für die befriedende Lösung gesellschaftlicher Konflikte als vorteilhaft erwiesen hat. 1. Die Folgen der Tat für das Opfer Der übereinstimmende Befund aller bisherigen Untersuchungen zu den Folgen der Tat für das Opfer ist, dass man mit Verallgemeinerungen sehr vorsichtig sein muss. Jedes Opfer wird durch die Tat unterschiedlich belastet; jedes Opfer geht mit den Folgen der Tat unterschiedlich um. Zwar ist es sinnvoll und notwendig, für die Betrachtung der Folgen darauf abzustellen, welches Delikt begangen worden ist; Eigentums- und Vermögensdelikte ziehen typischerweise andere Folgen nach sich als Gewalt- und Sexualdelikte, und eine ganz besondere Bedeutung kommt sicherlich solchen Viktimisierungen zu, die wie etwa beim Cybermobbing die Folge online begangener, und damit auf Dauer sichtbar bleibender Straftaten sind. Aber schon das aus juristischer Sicht eindeutig den Eigentumsdelikten zuzuordnende Delikt des Wohnungseinbruchsdiebstahls ist bei viktimologischer Betrachtung kein eindeutiges Eigentumsdelikt, sondern liegt wegen des Eindringens des Täters in die nach außen hin meist sorgsam abgeschottete Privat- und Intimsphäre der Wohnung auf der Grenze zu den Gewaltdelikten.31 Gewaltdelikt ist andererseits nicht gleich Gewaltdelikt; bei der Körperverletzung etwa kann das Spektrum von der mehr oder weniger einvernehmlichen Rauferei auf dem Schulhof bis hin zum fremdenfeindlichen Hassdelikt mit lebensgefährlichen Verletzungen reichen. Für die Frage, wie weitreichend die Folgen der Tat für ein Opfer ist und wie es auf die Tat reagiert, kommt es dementsprechend auf eine Vielzahl von Umständen an, die im Einzelfall sehr unterschiedlich gelagert und für den Einzelnen unterschiedlich bedeutungsvoll sein können. Eine zentrale Rolle scheint der Umstand zu spielen, ob sich 234 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 30 Hellmann/Pfeiffer MschrKrim 98 (2015), 539 f.; zu der Rolle von Vergewaltigungsmythen in diesem Zusammenhang Möller 2018. 31 Vgl. Baier u. a. Kriminalistik 2012, 735 f.; Wollinger MschrKrim 98 (2015), 365 ff. 36 36a Täter und Opfer vor der Tat bereits gekannt haben und zwischen ihnen eine Vertrauensbeziehung bestanden hat. Die durch die Tat beim Opfer bewirkte Erschütterung ist hier deshalb besonders komplex und weitgreifend, weil das Opfer meist auch in seinem Urvertrauen in die Zuverlässigkeit sozialer Beziehungen erschüttert wird.32 Darüber hinaus scheinen Persönlichkeitsvariablen wie das Selbstwertgefühl, aber etwa auch die Verfügbarkeit von Unterstützung im sozialen Nahraum (Freunde, Verwandte) oder durch die institutionalisierten Formen der Opferhilfe (Weisser Ring, Frauenhaus/Frauennotruf etc.) eine erhebliche Rolle zu spielen. Zur Verdeutlichung sei auf einige schon etwas ältere Untersuchungsergebnisse genauer eingegangen. Zu den Folgen der Tat für das Opfer sowie den sich hieraus ergebenden Interessen und Bedürfnissen wurde in Deutschland Anfang der 1990er Jahre eine bis heute bedeutsame Untersuchung von Kilchling durchgeführt.33 Das Deliktsspektrum wurde eingeteilt in Kontakt- und Nichtkontaktdelikte; gesondert wurde die Bedeutung des Wohnungseinbruchs untersucht. Zwischen Deliktsart und Schadensart zeigte sich ein hochsignifikanter Zusammenhang: Bei den Nichtkontaktdelikten dominierte der Sachschaden; 9 von 10 Opfern gaben an, dass sie durch die Tat einen materiellen Schaden erlitten hatten. Bei Einbruch gaben zwei Drittel der Opfer an, dass sie einen Sachschaden erlitten hätten; umgekehrt gaben bei den Kontaktdelikten zwei Drittel an, dass sie entweder körperliche oder seelische Schäden erlitten hätten. Während diese Schadensverteilung vergleichsweise trivial ist, verdient Beachtung, dass bei einem Einbruch etwa 30% der Befragten angaben, die Tat habe nicht zu materiellen, sondern zu anderen, vor allem seelischen Schäden geführt, und bei Kontaktdelikten knapp 30% erklärten, die Tat habe zu gar keinem Schaden geführt. In diesem Befund zeigt sich deutlich, dass der Einbruchsdiebstahl viktimologisch nicht allein unter dem Gesichtspunkt des verletzten Rechtsguts gesehen werden darf. Die hohe Quote fehlender Schäden bei den Kontaktdelikten deutet andererseits darauf hin, dass die persönliche Relevanz von Viktimisierungserfahrungen individuell sehr verschieden ausfallen kann und die in der Tatsituation erfolgende Konfrontation mit dem Täter von den Opfern nicht zwingend als schädigendes Ereignis empfunden wird. Letzteres bestätigt sich dann, wenn man nicht auf die Art der Schäden, sondern auf das subjektive Schwereempfinden abstellt und danach fragt, inwieweit sich das Opfer durch die Tat persönlich beeinträchtigt gefühlt hat. Die Opfer von Kontakt- und Einbruchsdelikten zeigten hier ohne signifikante Unterschiede etwa gleich hohe Werte (drei Viertel der Opfer bejahten eine subjektive Beeinträchtigung), während die Nichtkontaktopfer deutlich selte- IV. Das Opfer nach der Tat: Folgen und die Bedürfnislage 235 32 Fischer/Riedesser 2009, 158. 33 Kilchling 1995, 135, 153, 162. 37 38 ner (49,4%) angaben, dass sie sich durch die Tat beeinträchtigt fühlten. Die weitere, vor allem für das Verständnis der Kontaktdelikte wichtige Aufschlüsselung macht indessen deutlich, dass es für das Schwereempfinden gar nicht einmal so sehr auf die Art des Delikts bzw. die persönliche Begegnung mit dem Täter ankommt als vielmehr auf den Umstand, dass sich Täter und Opfer schon vor der Tat kannten. Von denjenigen Opfern, bei denen in der Studie von Kilchling Opfer und Täter vor der Tat einander kannten, empfanden 83,7% der Opfer die Tat als belastend, der überwiegende Teil hiervon sogar als sehr belastend. Waren Opfer und Täter hingegen nur flüchtig miteinander bekannt, reduzierte sich der Anteil auf 71,4%, wobei nur ein geringer Teil die Tat noch als „sehr belastend“ einstufte. Bestand gar keine Vorbeziehung, so war der Anteil derjenigen, die die Tat als belastend empfanden, am geringsten (54,9%). In der Viktimologie werden Sexualdelikte von jeher mit einer besonderen Aufmerksamkeit behandelt.34 Dass die psychosozialen Folgen auch in diesem Bereich sehr unterschiedlich ausfallen, zeigt eine andere schon etwas ältere, aber ebenfalls nach wie vor bedeutsame Studie von Baurmann, die sich auf registrierte Sexualopfer in Niedersachsen bezog. Die Untersuchung ergab, dass Sexualtaten auf der einen Seite – insofern vergleichbar mit den Beobachtungen von Kilchling – nicht zwingend zu einer psychischen Schädigung des Opfers führen müssen: Bei etwa der Hälfte der Opfer ließ sich kein Schaden feststellen. Auf der anderen Seite waren bei den übrigen Opfern zum überwiegenden Teil erhebliche Schädigungen zu beobachten; das Spektrum reichte hier von Störungen wie Angst und Misstrauen, über Sexualstörungen bis hin zu Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich Baurmanns Untersuchung auf das Gesamtspektrum der Sexualkriminalität bezog, also auch die eher leichteren Formen wie Exhibitionismus erfasste. Bei den schwereren Formen, insbesondere bei Anwendung von Gewalt und den intensiveren Formen von sexuellen Handlungen, nahm auch in der Untersuchung von Baurmann der Anteil der stark geschädigten Opfer zu.35 Auch in einer aktuelleren Untersuchung zu sexueller Gewalt berichteten lediglich 11% der befragten Frauen, dass die Tat für sie völlig ohne Folgen geblieben sei.36 In Ausnahmefällen kann die erlittene Viktimisierung für die Opfer eine Bedeutung erlangen, die es ohne professionelle Hilfe nicht mehr bewältigen kann. In der Langfristperspektive spricht man insoweit von „posttraumatischer Belastungsstörung“ (post-traumatic stress disorder, PTSD), einem in der Psychiatrie bekannten Krankheitsbild, das sich nicht nur zB nach schweren Vergewaltigungen, sondern etwa auch nach Flugzeugentführungen, Geiselnahmen, militärischen Aus- 236 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 34 Zusammenfassend Schlumpf/Jähncke und Müller-Pfeiffer, in Gysi/Rüegger 2018, 107 ff. bzw. 117 ff. 35 Baurmann (1983) 1996, 409 ff. 36 Hellmann 2014, 142 f. 39 40, 41 einandersetzungen oder dem unerwarteten Tod naher Angehöriger beobachten lässt.37 Freilich muss bei allen nach der Tat feststellbaren psychischen Störungen auch immer gefragt werden, ob sie ihre Ursache tatsächlich im Viktimisierungserleben haben oder ob sie nicht (zumindest auch) auf andere Umstände, namentlich auf eine psychische Vorschädigung, zurückzuführen sind. Obwohl sich das Viktimisierungserleben als eine das Opfer durchaus belastende Erfahrung darstellen kann, darf im Übrigen nicht übersehen werden, dass die Opfererfahrung ungeachtet allen Leids in der Langfristperspektive auch positive Wirkungen haben kann: Der mit der Viktimisierung verbundene Einschnitt in die bisherige Lebenskontinuität kann für das Opfer auch zum „turning point“ werden und mit einem „Neubeginn“ unter veränderten Vorzeichen verbunden sein, der langfristig als positiv erlebt wird (zB Trennung von Beziehungen, neue Kontakte, neue Kompetenzen). Erste empirische Befunde zu dieser Ambivalenz von Opfererfahrungen deuten darauf hin, dass es insoweit vor allem auf die Art des begangenen Delikts ankommt.38 2. Viktimisierung und spätere Delinquenz Ein Sonderproblem bildet die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Viktimisierung und späterer eigener Delinquenz. Die Aufmerksamkeit gilt dabei vor allem der Frage, ob und inwieweit sich an Kindern verübte Missbrauchs- oder Gewalthandlungen langfristig in späteren Auffälligkeiten niederschlagen. Der Forschungsstand lässt sich insoweit derart zusammenfassen, dass ein solcher Zusammenhang wohl besteht: Kinder, die misshandelt, missbraucht oder auf strafbare Weise vernachlässigt werden, treten im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung häufiger als Straftäter in Erscheinung als Kinder, die keine derartigen Viktimisierungserfahrungen gemacht haben.39 Dieser Zusammenhang scheint unabhängig vom Geschlecht zu bestehen: Sowohl viktimisierte Jungen als auch viktimisierte Mädchen werden später in erhöhtem Maß auffällig, wenngleich die Prävalenzrate der Frauen dabei erwartungsgemäß und in Übereinstimmung mit den IV. Das Opfer nach der Tat: Folgen und die Bedürfnislage 237 37 Vgl. Dressing/Foerster FPPK 2014, 26 ff.; Wirtz BewHi 2010, 278 ff. 38 Richter 1997, 120 ff.; krit. Hassemer/Reemtsma 2002, 129. 39 Widom Criminology 27 (1989), 260; Nieder/Lau, in: Briken u. a. 2010, 58 ff.; Urban/ Fiebig ZfS 2011, 42 ff.; Remschmidt MschrKrim 97 (2014), 462 ff.; kritisch den Forschungsstand aufarbeitend Lichstein 2017. 42 43 sonstigen Befunden der Kriminologie deutlich geringer ist als die der Männer.40 Allerdings sind beim Zusammenhang zwischen Viktimisierungserfahrungen und späterer Delinquenz verschiedene Einschränkungen angebracht. Zum einen muss man sich darüber im Klaren sein, dass nicht jede Gewaltanwendung oder Misshandlung gegenüber einem Kind im späteren Lebensweg des Kindes zu Kriminalität führt. Die entsprechenden Viktimisierungserfahrungen begründen lediglich einen Risikofaktor für Kriminalität, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden darf. Auch Kinder reagieren auf die erlittenen Misshandlungen individuell sehr unterschiedlich, wobei sich vermuten lässt, dass die spezifische Form der Reaktion nicht nur durch die objektiven Qualitäten des belastenden Ereignisses (zB die Art, Schwere, Häufigkeit und/oder Dauer der Misshandlungen bzw. des Missbrauchs), sondern auch durch die subjektiven Dispositionen, Deutungsmuster und Handlungskompetenzen (Resilienz) sowie durch die Verfügbarkeit hilfreicher sozialer Beziehungen bestimmt wird.41 Dass das Kind auf erlittene Traumatisierung mit eigener Delinquenz/Kriminalität reagiert, ist eine zwar mögliche, aber keine automatische Folge. Zum zweiten muss man im Blick behalten, mit welchen Erscheinungsformen deliktischen Verhaltens Misshandlungserfahrungen korrelieren. Ausdrücke wie „Gewalt gebiert Gewalt“ oder „Kreislauf der Gewalt“ suggerieren, dass Gewalthandeln der Eltern bei den betroffenen Kindern ebenfalls zu Gewalthandeln führt. Ein derartiger Zusammenhang lässt sich empirisch zwar nachweisen,42 doch es ist nicht ganz klar, ob daneben nicht noch andere, und vielleicht sogar stärkere Zusammenhänge existieren. Es gibt jedenfalls auch Untersuchungen, die zu dem Ergebnis geführt haben, dass erlittene Misshandlungen vor allem und in erster Linie mit allgemeiner Kriminalität, namentlich mit Eigentumskriminalität und geringerer Delinquenz (status offences) korrelieren.43 In der Literatur wird dies damit erklärt, dass Misshandlungserfahrungen offenbar weniger in der Weise wirken, dass sie bei den Betroffenen Lernprozesse auslösen (zB „Gewalt zahlt 238 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 40 Widom Criminology 27 (1989), 260 f. 41 Vgl. Fischer/Riedesser 2009, 149 ff. 42 Widom Criminology 27 (1989), 264 f. (nur bezogen auf Männer); Wetzels/Enzmann/ Mecklenburg/Pfeiffer 2001, 247 ff.; Hosser/Raddatz ZJJ 2005, 15 ff.; Weiss/Link/ Stemmler RPsych 2015, 285 ff. 43 Zingraff/Leiter/Myers/Johnsen, Criminology 31 (1993), 190 ff.; Enzmann/Greve, in: Bereswill/Greve 2001, 131 ff. 44 45 sich aus“), als vielmehr in der Weise, dass sie die Bindungen des Betroffenen an die Eltern bzw. die Gewalt ausübenden Bezugspersonen in entscheidender Weise schwächen.44 Zum dritten schließlich muss man bei der Analyse des Zusammenhangs zwischen Viktimisierungserfahrungen und eigener Delinquenz den Kontext berücksichtigen, in dem es zu Misshandlungen kommt. Körperliche Misshandlungen können ihrerseits durch das schwierige, hohe Anforderungen an die Toleranz und Erziehungsfähigkeit der Eltern stellende Verhalten des Kindes bedingt sein und müssen deshalb grundsätzlich in demselben durch Wechselwirkungen geprägten System von innerfamiliären Beziehungen gesehen werden wie die anderen, bereits erörterten Risikofaktoren aus dem Bereich der Herkunftsfamilie (" § 6 Rn. 33 ff.). 3. Interessen und Bedürfnisse des Opfers nach der Tat Ebenso wie die Tatfolgen sind auch die Interessen und Bedürfnisse des Opfers nach der Tat individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Opfer wollen nach der Tat vor allem über das Geschehen reden; sie benötigen einen Gesprächspartner, der ihnen verständnisvoll und geduldig zuhört.45 Für die psychische Verarbeitung des Geschehens erfüllt allein schon die Möglichkeit des Darüberredenkönnens eine wichtige Entlastungsfunktion. Weitere typische Bedürfnisse nach der Tat sind: – Das Opfer möchte Sicherheit; das Geschehen soll sich nicht noch einmal wiederholen, weitere Viktimisierungen sollen unterbleiben. – Es möchte ernst genommen und als „Opfer“ anerkannt werden; seine Darstellung soll nicht in Zweifel gezogen, ihm sollen keine Vorwürfe gemacht werden. – Es möchte den materiellen Verlust ersetzt bekommen; die Folgen der Tat sollen ausgeglichen, wiedergutgemacht werden. – Bei schweren Delikten, die mit gravierenden körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen verbunden gewesen sind, möchte es, dass der Täter bestraft wird. IV. Das Opfer nach der Tat: Folgen und die Bedürfnislage 239 44 Enzmann/Greve, in: Bereswill/Greve 2001, 141 f. 45 Fischer/Riedesser 2009, 208 ff.; zu den Verarbeitungsprozessen nach einer Viktimisierung vgl. auch Hartmann DVJJ-Journal 2002, 24 f. 46 47 – Schließlich möchte das Opfer „in Ruhe gelassen“ werden; es möchte die Tat vergessen und in die Normalität des Lebens zurückkehren. Welche Bedürfnisse im Einzelfall im Vordergrund stehen, bestimmt sich in erster Linie nach der Art und Schwere des Delikts. Je weniger sich das Opfer durch die Tat subjektiv beeinträchtigt fühlt, desto stärker ist nach der Tat sein Interesse am Ersatz des materiellen Schadens; je stärker es sich beeinträchtigt fühlt, desto stärker ist sein Wunsch nach Bestrafung des Täters und ggf. persönlicher Mithilfe bei den polizeilichen Ermittlungen. Die Abhängigkeit der postdeliktischen Bedürfnislage von der Art des Delikts zeigte sich in der bereits angesprochenen Untersuchung von Kilchling.46 Bei den Nichtkontaktdelikten, namentlich beim Diebstahl von Fahr- und Motorrädern, dominierte der Wunsch nach Ersatz des materiellen Schadens; 60,8% der Befragten gaben an, dass ihnen dieser Gesichtspunkt nach der Tat am wichtigsten war. Bei Einbruch stand der Wunsch nach Schadensersatz zwar ebenfalls an erster Stelle (36,8%); daneben gab es hier jedoch auch einen erheblichen Anteil an Befragten (26,5%), für die es am wichtigsten war, bei den polizeilichen Ermittlungen gegen den Täter behilflich sein zu können. Ganz anders stellte sich die Bedürfnislage demgegenüber bei den Kontaktdelikten dar. Hier standen nahezu gleichgewichtig im Vordergrund der Wunsch, die Tat zu vergessen (31,8% bezogen auf alle Kontaktdelikte; bei dem Einzeldelikt sexueller Angriff sogar 66,7%), und der Wunsch, dass der Täter bestraft werden sollte (28,4% bezogen auf alle Kontaktdelikte; bei dem Einzeldelikt tätlicher Angriff/Bedrohung 43,8%). Anders als bei den beiden anderen Deliktsgruppen gab es bei den Kontaktdelikten im Übrigen auch eine vergleichsweise große Gruppe von Befragten (17,0%), die sich persönliche Hilfe zur Bewältigung der Sache wünschten. Aus kriminologischer Sicht interessiert vor allem, ob sich das Opfer in der Nachtatsituation an die Strafverfolgungsorgane wendet, namentlich an die Polizei. Empirisch lässt sich insoweit feststellen, dass sich das Anzeigeverhalten der meisten Opfer in erheblichem Maß an rationalen Aufwand-Nutzen-Überlegungen orientiert. Da die meisten Opfer wissen, dass sie das Strafverfahren nach der Anzeigeerstattung nicht mehr beeinflussen können (die Anzeige kann wegen des Offizialprinzips nicht wieder „zurückgenommen“ werden), nehmen sie von einer Strafanzeige Abstand, wenn sie davon ausgehen, dass die mit einem Strafverfahren verbundenen Belastungen (insbes. die wiederholte Verpflichtung zur Zeugenaussage) in keinem ausgegli- 240 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 46 Kilchling 1995, 181 f. 48 49 50 chenen Verhältnis zu den erzielbaren Effekten (Sicherheit, Schadensersatz und ggf. Bestrafung) stehen. Auch Opfer, die unmittelbar nach der Tat ein erhebliches punitives Reaktionsbedürfnis zeigen, sehen deshalb nicht selten von der Anzeige ab. Deutlich wird dies, wenn man sich vor Augen führt, dass die Anzeigequoten nicht bei allen Delikten gleich hoch sind, sondern mit der Deliktsart und noch weiteren Einflussfaktoren (dazu genauer " § 9 Rn. 34 ff.) variieren. Hoch ist die Anzeigebereitschaft vor allem bei den Nichtkontaktdelikten, bei denen das Ersatzinteresse im Vordergrund steht: Bei Kfz-Diebstahl liegt die Quote nach repräsentativen Erhebungen bei über 90%, bei vollendetem Wohnungseinbruchsdiebstahl bei über 80%.47 Hier spielt offenbar eine Rolle, dass die Erlangung von Versicherungsleistungen in den AGB der Versicherer an die vorherige Anzeigeerstattung geknüpft ist; die Opfer setzen die Strafanzeige also gezielt dazu ein, um ihr materielles Ersatzinteresse durchzusetzen.48 Bei anderen Arten des Diebstahls werden deutlich weniger Taten angezeigt, wobei sich schon an der geringeren Anzeigequote für Fahrraddiebstahl (etwa 50%) ablesen lässt, dass Fahrräder anders als Autos typischerweise nicht gegen Diebstahl versichert sind. Anders ist es demgegenüber bei den Kontaktdelikten, bei denen das Opfer den Täter häufig persönlich kennt. Einfache Körperverletzungen, bei denen keine Waffe verwendet wurde, werden nur in gut einem Viertel der Fälle (zwischen 25 und 30%) angezeigt; die Anzeigebereitschaft steigt auf bis zu drei Viertel, wenn eine Waffe eingesetzt oder das Opfer bei der Tat schwer verletzt wurde. Sexualdelikte werden nur sehr selten zur Anzeige gebracht. Bei sexueller „Bedrängung“ (zur Problematik des Begriffs "Rn. 13) liegen die Anzeigequoten zwischen 4 und 7%, bei sexueller Gewalt bei etwa 15%. Häufigster Grund für die Nichtanzeige ist nach einer Erhebung von Hellmann, dass die Tat der betroffenen Frau peinlich ist; daneben spielen auch der Umstand, dass sich der Täter entschuldigt hat, sowie die Angst vor dem Verfahren eine nennenswerte Rolle.49 V. Viktimisierung im Hellfeld Wie stellt sich vor diesem Hintergrund das „Hellfeld“ der Kriminalität und damit die Art und das Ausmaß der den Strafverfolgungsorganen bekannt gewordenen Viktimisierung dar? Ehe man sich dieser Frage genauer zuwendet, muss man sich vergegenwärtigen, dass das Opfer jedenfalls im Bereich der klassischen Kriminalität maßgeb- V. Viktimisierung im Hellfeld 241 47 LKA Niedersachsen 2018, 53; Dreißigacker 2017, 42; Hellmann 2014, 61, 76, 123 f., 148; vgl. auch Birkel u. a. 2019, 40; Bley 2018, 104; Enzmann, in: Guzy/Birkel/ Mischkowitz 2015, 511 ff. 48 Hellmann 2014, 62 f.; LKA Niedersachsen 2018, 62; Dreißigacker 2017, 46. 49 Hellmann 2014, 152; vgl. auch Treibel/Dölling/Hermann FPPK 2017, 355 ff. 51 52 lichen Einfluss darauf hat, welche Taten der Polizei bekannt werden und welche nicht. Einer schon etwas älteren Untersuchung zufolge gehen in den klassischen Kriminalitätsbereichen Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Raub und Vergewaltigung zwischen 77 und 88% aller Strafverfahren auf eine Anzeige des Opfers zurück, zwischen 9 und 18% auf die Anzeige eines Dritten, aber nur zwischen 3 und 6% auf eigene Wahrnehmungen der Polizei, die bei Kontrollen gemacht werden.50 Ob diese Zahlen auch heute noch gültig sind, wird z. T. bezweifelt.51 Feststehen dürfte aber auch heute noch, dass in den genannten Bereichen bei einem Verzicht des Verletzten auf die Anzeigeerstattung eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass die Polizei auf andere Weise keine Kenntnis von dem Geschehen erhält und die Tat damit im Ergebnis unverfolgt bleibt. Zur Kennzeichnung dieses Sachverhalts wird das Opfer deshalb zuweilen auch als der „Torwächter“ (gate keeper) des Strafjustizsystems bezeichnet. Vor dem Hintergrund der empirischen Befunde zum Anzeigeverhalten bedeutet dies für die Interpretation der Hellfelddaten, dass diese nicht nur einen Ausschnitt aus der tatsächlich erlebten Viktimisierung darstellen, sondern auch einen Ausschnitt, der durch die ganz unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Opfer nach der Tat in vielfacher Weise verzerrt ist. Für einen Überblick über die im Hellfeld bekanntgewordene Viktimisierung steht allein die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zur Verfügung. Die PKS vermittelt insoweit allerdings nur ein unvollkommenes Bild, denn sie weist Daten über die Opfer nur zu den Delikten gegen höchstpersönliche Rechtsgüter, namentlich zu den Gewalt- und den Sexualdelikten aus (" § 5 Rn. 6), nicht aber zu den sonstigen Delikten, bei denen ebenfalls eine natürliche Person geschädigt worden sein kann; insbesondere der große Bereich der Eigentums- und Vermögenskriminalität bleibt ausgeblendet. Bezogen auf die Gewalt- und Sexualkriminalität lässt sich anhand der PKS feststellen, dass im Hellfeld auch aus Opfersicht (zur Zahl der Tatverdächtigen "Tab. 5.3) die Körperverletzung im Mittelpunkt steht. Die vollendete einfache Körperverletzung ist dasjenige Einzeldelikt, das am häufigsten zur Kenntnis der Polizei gelangt. Im Jahr 2019 wurden bundesweit mehr als 398.000 Personen Opfer einer (vollendeten) einfachen, mehr als 138.000 Personen Opfer einer gefährlichen oder schweren Körperverletzung. Am zweithäufigsten 242 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 50 Blankenburg/Sessar/Steffen 1978, 119 ff.; vgl. auch Dölling 1987, 127, 191, 218, 238. 51 Antholz, Kriminalistik 2013, 663 f. 53 54 wurden von der Polizei Opfer einer Bedrohung und Nötigung registriert (mehr als 213.000 Personen). In der Häufigkeitsskala folgten Raub und räuberische Erpressung mit mehr als 32.000 Verletzten und der sexuelle Missbrauch von Kindern, bei dem mehr als 14.000 Verletzte registriert wurden. Unabhängig von der Deliktsart gilt, dass die PKS in der Regel (Ausnahme: bei den Tötungsdelikten) mehr Verletzte vollendeter als versuchter Taten registriert; dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Anzeigebereitschaft bei Versuch deutlich geringer ist. Um die Opferbelastung der einzelnen Alters- und Geschlechtsgruppen zu ermitteln, müssen Opfergefährdungszahlen (OGZ) berechnet werden, die die Anzahl der polizeilich registrierten Opfer pro 100.000 der jeweiligen Alters- und Geschlechtsgruppe in der Wohnbevölkerung angeben (zur parallelen Problematik der Tatverdächtigenbelastungszahlen " § 5 Rn. 37 f. und Tab. 5.3). Dabei zeigt sich, dass sowohl von der einfachen als auch von der gefährlichen / schweren Körperverletzung vor allem männliche Jugendliche und Heranwachsende betroffen sind (Tab. 8.1). Auch von Raub / räuberischer Erpressung ist diese Gruppe besonders betroffen, wenngleich auf geringerem Niveau. Die Sexualdelikte werden andererseits vor allem gegenüber Mädchen und jungen Frauen verübt; hier tritt die erhebliche Belastung der unter 14-jährigen Mädchen mit sexuellem Missbrauch deutlich hervor. Soweit es vorsätzliche Tötungsdelikte betrifft, ergibt sich aus Tab. 8.1 eine annähernde Gleichbelastung bzgl. alter und Geschlecht. Insoweit zeigen erst weiterführende Analysen, dass das Risiko, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, in den ersten sechs Lebensmonaten am höchsten ist, wobei die größte Opfergruppe diejenige ist, die bereits am ersten Lebenstag getötet wird.52 V. Viktimisierung im Hellfeld 243 52 Höynck/Behnsen/Zähringer 2015, 48. 55 Tab. 8.1: Opfergefährdung nach Alter und Geschlecht 2019 (nur vollendete Delikte)53 Straftaten(gruppen) Opfer Kinder Jugendliche Heranw. Erwachsene insges. unter 14 14 bis 18 18 bis 21 21 bis 60 über 60 N m. w. m. w. m. w. m. w. m. w. Mord und Totschlag (§§ 211, 212, 213, 216 StGB) 545 0,5 0,3 0,4 0,3 0,7 0,4 0,8 0,6 0,6 0,7 Körperverletzung mit Todesfolge 78 0,1 0,0 0,0 0,0 0,1 0,0 0,1 0,0 0,3 0,1 Gefährliche und schwere Körperverletzung 138.397 94 48 666 280 1.003 303 313 111 37 15 Vorsätzliche einfache Körperverletzung 398.899 314 171 1.420 912 1.785 1.124 702 561 132 80 Vergewaltigung (§ 177 VI, VII, VIII StGB) 7.716 1 3 5 115 5 96 1 19 0 1 Sexueller Übergriff und sexuelle Nötigung (§ 177 I, II, IV, V, IX StGB) 5.236 1 3 8 84 6 57 1 11 0 2 Sexueller Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) 14.898 66 221 – – – – – – – – Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 32.772 20 3 228 29 209 51 67 30 14 12 Quelle: PKS 2019, Tab. 91 244 § 8.V erbrechensopfer und V iktim isierung 53 A nzahl der polizeilich bekannt gew ordenen O pfer je 100.000 der jew eiligen A ltersund G eschlechtsgruppe in der W ohnbevölkerung 2019. Als Fazit verdient festgehalten zu werden, dass die Opfergefährdung im Hellfeld ebenso im Dunkelfeld am höchsten bei Jugendlichen und Heranwachsenden ist. Erwachsene, und insbesondere über 60-jährige Senioren sind von Gewalt- und Sexualdelikten bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil deutlich seltener betroffen. Berücksichtigen muss man bei diesen Daten, dass sich die OGZ anders als die TVBZ nicht nur auf Deutsche, sondern auf die Gesamtbevölkerung bezieht. Wenn und soweit die Nichtdeutschen in den Zahlen für die Wohnbevölkerung unterrepräsentiert sind, weist die OGZ in der Tendenz also überhöhte Werte aus. Darüber hinaus unterscheidet sich die OGZ von der TVBZ darin, dass Personen, die innerhalb eines Jahres mehrfach viktimisiert werden, in der PKS mehrfach gezählt werden; auch dies führt bei der Opfergefährdung im Ergebnis zu überhöhten Werten. Das anhand von Dunkelfelduntersuchungen ermittelte enorme Viktimisierungsrisiko im sozialen Nahbereich (s. o. Rn. 15 ff.) schlägt sich im Hellfeld nur eingeschränkt nieder. Zwar geht beinahe die Hälfte der vollendeten Tötungsdelikte (im Jahr 2019: 48,3%) auf das Konto von Partnern oder Verwandten (Tab. 8.2). Im Übrigen spielen Verwandte als Täter bei der Polizei jedoch eine weniger herausgehobene Rolle. Dies gilt insbesondere auch für das Delikt des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Hier besteht bei einem erheblichen Teil der offiziell bekannt gewordenen Taten zwischen Täter und Opfer keine (32,1%) oder nur eine informelle soziale Vorbeziehung (32,6%), dh die Tatverdächtigen sind hier Freunde oder Bekannte des Opfers. Die aus der PKS ersichtlichen Verteilungen bestätigen damit den aus älteren Dunkelfelduntersuchungen bekannten Befund, dass Opfer die Anzeige vor allem dann scheuen, wenn sie sich gegen einen Täter aus dem Bereich der Familie richtet.54 Dies ist nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Öffentlichmachung des innerfamiliären Übergriffs meist zur vollständigen, abgesehen von Opfer und Täter auch die anderen Familienmitglieder berührenden Auflösung des Familienverbunds führt. V. Viktimisierung im Hellfeld 245 54 Wetzels/Pfeiffer 1995, 15 f.; Kaiser 1996, § 50 Rn. 11. 56 57 Tab. 8.2: Beziehung des Opfers zum Tatverdächtigen 2019 (nur vollendete Delikte; Prozentzahlen). Straftaten(gruppen) Ehe/Partnerschaft/ Familie Informelle soziale Beziehung Formelle soziale Beziehung Keine Beziehung Ungeklärt Mord und Totschlag (§§ 211, 212, 213, 216 StGB) 48,3 27,0 3,1 12,1 9,5 Körperverletzung mit Todesfolge 24,4 21,8 15,4 30,8 7,7 Gefährlich und schwere Körperverletzung 16,2 24,0 3,9 43,5 12,4 Vorsätzliche einfache Körperverletzung 30,2 23,0 4,6 35,2 7,0 Vergewaltigung (§ 177 VI, VII, VIII StGB) 27,9 48,0 2,8 13,4 8,0 Sexueller Übergriff und sexuelle Nötigung (§ 177 I, II, IV, V, IX StGB) 16,5 40,9 7,8 27,6 7,2 Sexueller Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) 22,5 32,6 5,7 32,1 7,1 Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 3,7 14,1 1,2 65,5 15,5 Quelle: PKS 2019, Tab. 92 Ehe/Partnerschaft/Familie: Ehe, Partnerschaft, Verwandte, Verschwägerte, sonstige Angehörige Informelle soziale Beziehung: Freundschaft, Bekanntschaft (private Ebene) Formelle soziale Beziehung: Beziehungen in Institutionen, Organisationen und Gruppen 246 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung VI. Kriminalpolitische Konsequenzen Welche kriminalpolitischen Konsequenzen lassen sich aus den dargestellten Befunden ziehen? Die in den Dunkelfelduntersuchungen ermittelten Ergebnisse zur Häufigkeit von Opfererfahrungen geben Anlass, die Aufmerksamkeit vorrangig auf die Frage zu richten, wie Viktimisierungen von vornherein vermieden werden können. Selbst wenn jedes Opfer durch die Tat unterschiedlich belastet wird und nicht jede Straftat ein Opfer schwer traumatisiert, ist kriminalpolitisch eine Strategie gefordert, die darauf abzielt, dass Straftaten gar nicht erst begangen werden. Angesprochen ist damit der große Bereich der Prävention (" § 10 Rn. 1 ff.). Eine besondere Herausforderung stellt insoweit der Tabubereich der innerfamiliären Delinquenz dar. Gerade weil hier mit besonders gravierenden psychischen Belastungen gerechnet werden muss ("Rn. 36a), ist es erforderlich darüber nachzudenken, wie der Schutz der besonders gefährdeten Familienmitglieder (Kinder, Frauen und ältere Menschen) weiter verbessert werden kann. Auch die empirischen Befunde zur Bedürfnislage der Opfer nach der Tat geben Anlass zu weiteren rechts- und kriminalpolitischen Aktivitäten. Vergleicht man die Aufzählung der typischen Opferbedürfnisse nach der Tat mit dem typischen (straf-)juristischen Verständnis von Konfliktlösung, zeigt sich eine rechtspolitisch bedeutsame Kluft. Zwar kann die Justiz den Opferbedürfnissen durchaus Rechnung tragen; sie kann den Täter in Untersuchungshaft nehmen und dem Opfer dadurch Sicherheit bieten, sie kann ein Urteil erlassen, das den Opferstatus öffentlich anerkennt, sie kann den Täter zur Schadenswiedergutmachung verpflichten und sie kann ihn bestrafen. Die Funktion der Strafjustiz besteht indessen nicht nur darin, den individuellen Opferbedürfnissen Rechnung zu tragen; die Strafjustiz hat auch (und zwar in erster Linie) die Funktion, im Interesse der Allgemeinheit zu handeln, den Sachverhalt aufzuklären und über das „Ob“ und „Wie“ einer Sanktion zu entscheiden (" § 9 Rn. 13 ff.). In der Praxis stehen die Opferbedürfnisse deshalb in einem Spannungsverhältnis zu den andersgelagerten Interessen der Justiz.55 Praktisch wirkt sich dies oft zum Nachteil der Opfer aus: Die Justiz VI. Kriminalpolitische Konsequenzen 247 55 Zur Psychotraumatologie in Sexualstrafverfahren Gysi, in: Gysi/Rüegger 2018, 17 ff. 58 59 erkennt das Opfer nicht ohne weiteres als „Opfer“ an, sondern überprüft die Glaubhaftigkeit seiner Aussage und spricht den beschuldigten Täter frei, wenn letzte Zweifel bleiben ("Rn. 35a). Sie kümmert sich in der Regel nicht um die Schadenswiedergutmachung, sondern verweist das Opfer auf den Zivilrechtsweg. Sofern die Schwere der Schuld nicht entgegensteht, stellt sie das Strafverfahren häufig ein; dem Opfer stehen hiergegen bei den in der Praxis besonders bedeutsamen Opportunitätseinstellungen keine Rechtsmittel zur Verfügung. Und die Strafjustiz lässt das Opfer solange nicht „in Ruhe“, wie der Strafprozess läuft; wird der Instanzenzug durchlaufen, kann das Opfer auch noch nach langer Zeit zu einer Zeugenaussage verpflichtet werden. Auch wenn man die Strafjustiz unzweifelhaft nicht „Dienstleister“ der Opfer ist, muss man sehen, dass die Justiz faktisch von der Anzeigeerstattung des Opfers weitgehend abhängig ist; wenn das Opfer in der Anzeige keinen Sinn sieht, wird es sie nicht erstatten ("Rn. 50). Politisch ist es daher durchaus sinnvoll, die Opferbedürfnisse nicht negieren, sondern noch stärker als bisher in den Prozess integrieren (vgl. dazu genauer " § 9 Rn. 26 ff.). Notwendig sind die (Re-)Personalisierung des abstrakten Normbruchs und seiner Folgen sowie die weitere Verankerung der Opferstellung im Verfahren, namentlich im Ermittlungsverfahren. Anzuerkennen ist zwar, dass der Gesetzgeber seit den 1980er Jahren zahlreiche Bemühungen um die Aufwertung des Opfers unternommen hat ("Rn. 35). Dennoch wird man kaum sagen können, dass das Ziel einer (auch) opferbezogenen Strafrechtspflege56 schon erreicht ist. Die bessere Integration der Opfer in den Prozess der strafrechtlichen Aufarbeitung des Tatgeschehens bleibt deshalb weiterhin Aufgabe und Herausforderung. Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Greve/Rühs/Kappes, Folgen von kriminellen Viktimisierungen und Umgang mit Opfern, in: Guzy/Birkel/Mischkowitz 2015, 489–509; Gysi, Psychotraumatologie in Sexualstrafverfahren, in: Gysi/Rüegger 2018, 17–34; Hellmann/Pfeiffer, Epidemiologie und Strafverfolgung sexueller Gewalt gegen Frauen in Deutschland, MschrKrim 98 (2015), 527–542; Kanz, Alles im Interesse der Opfer?! Eine kritische Bestandsaufnahme rechtlicher Veränderungen, politischer Motivationen und empirischer Erkenntnisse der letzten 30 Jahre, MschrKrim 100 (2017), 227–249. 248 § 8. Verbrechensopfer und Viktimisierung 56 Grundlegend hierzu Rössner/Wulf 1987. 59a

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References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht