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§ 5. Kriminalität in der Gesellschaft in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 119 - 156

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-119

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 5. Kriminalität in der Gesellschaft I. Kriminalität als Gegenstand des öffentlichen Interesses Aus dem breiten Spektrum der kriminologischen Themenfelder stößt kaum ein Einzelthema auf so starkes Interesse der Öffentlichkeit wie die Frage nach Umfang, Struktur und Entwicklung der Kriminalität. Wie viele Straftaten begangen werden, um welche Delikte es sich dabei im Einzelnen handelt und welche Veränderungen sich über die Jahre hinweg feststellen lassen, sind Fragen, die nicht nur innerhalb der Kriminologie diskutiert werden, sondern mit denen sich auch die Öffentlichkeit immer wieder auseinandersetzt. Erklärlich wird das Interesse der Öffentlichkeit an den kriminologischen Fragen, wenn man sich den Zusammenhang mit dem Politikfeld der inneren Sicherheit vergegenwärtigt. Kriminalität ist nicht nur der Sammelbegriff für ein Verhalten, das um der Gerechtigkeit und Besserung des Täters willen von der Polizei aufgeklärt und von der Justiz verfolgt und sanktioniert wird. Kriminalität ist auch ein sozialer Tatbestand, der für die Gesellschaft einen Zustand von Unsicherheit signalisiert. Kriminalität bedeutet, dass Schäden angerichtet und Menschen verletzt, abstrakter: dass (straf-) rechtlich geschützte Werte und Interessen (Rechtsgüter) gefährdet oder beeinträchtigt werden. Wenn man davon ausgeht, dass der Staat die Aufgabe hat, die innere Sicherheit zu gewährleisten,1 dann lassen sich das Auftreten und die Verbreitung von Kriminalität auch als Anzeichen dafür interpretieren, dass der Staat diese Schutzaufgabe nur unzureichend erfüllt. Umfang, Struktur und Entwicklung von Kriminalität erscheinen als Indikatoren für ein Versagen der staatlichen Organe und werden zu Gegenständen der politischen Auseinandersetzung. Die Wahrnehmung und Bewertung von Kriminalität ist das Ergebnis individuell, institutionell und gesellschaftlich unterschiedlicher Konstruktionsprozesse. Die Perspektive von Tätern ist dabei typischerweise eine andere als die von Opfern, und beide unterscheiden sich nicht selten von der strafrechtlichen Bewertung durch Polizei und Justiz (" § 1 Rn. 23 ff.). Auch die Medien spielen in diesem Prozess eine bedeutende Rolle, da die meisten Menschen ihr Wissen über 1 Zur Herleitung und den Grenzen dieser Staatsaufgabe genauer Gusy 2017, 35 ff. 1 2 2a Kriminalität und Strafe nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus Online- und Offline-Medien, namentlich aus Zeitungen, dem Fernsehen und Postings in den sozialen Netzwerken beziehen. Auf den Punkt gebracht wird dies von dem Soziologen Niklas Luhmann (1927– 1998): „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“2 Die Art und Weise, in der in Medien über Kriminalität berichtet wird, ist aus kriminologischer Sicht in vielfacher Weise verzerrt. Auch wenn die Taten, über die berichtet wird, tatsächlich stattgefunden haben, liefert die massenmediale Berichterstattung in der Regel doch keinen getreuen Spiegel der Verbrechenswirklichkeit, sondern versucht, durch die Art der Themenauswahl und eine besondere Aufmachung die Aufmerksamkeit der Adressaten auf sich zu ziehen.3 Nachrichtenwert haben nur solche Ereignisse, die sich aus der Masse der gewöhnlich vorkommenden Alltagsfälle in irgendeiner Weise abheben, sei es, dass sie durch eine erhebliche Schwere der Tat („sex sells“), durch Dramatik, Kuriosität, Prominenz eines Beteiligten oder durch sonstige skandalträchtige Einzelheiten gekennzeichnet sind; Bilder, Reportagen und Exklusivinterviews personalisieren den Vorgang und erwecken den Eindruck von Authentizität. Ein Vergleich der Gewaltberichterstattung im deutschen Fernsehen mit den Angaben in der Polizeilichen Kriminalstatistik zeigte, dass 44% der Gewalttaten, über die 2014 in den Medien berichtet wurde, vollendete Tötungsdelikte waren, während diese in der Statistik nur knapp 0,1% ausmachten. Über Sexualdelikte wurde noch um ein Vielfaches häufiger berichtet als über Gewaltdelikte. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand typischerweise das Leid der Opfer, wobei das Opfer gerne als unschuldig und hilflos dargestellt wurde.4 Konsequenz ist, dass viele Menschen gelegentlich glauben, die Welt sei so, wie sie sich in den Medien darstellt, und nicht so, wie sie sich aus anderen Perspektiven, zB aus den Ergebnissen von Täter- und Opferbefragungen oder den Statistiken von Polizei und Justiz erschließt. Kriminologen sprechen insoweit von „subjektiver“ oder „gefühlter“ Kriminalität im Unterschied zur „objektiven“ Kriminalität, die sich aus anderen Quellen, namentlich der Perspektive der Polizei ergibt.5 In einer schon etwas älteren Untersuchung des KFN zeigte sich, dass dieser Glaube Auswirkungen auf die Einschätzung der allgemeinen Kriminalitätsentwicklung hat: Während die polizeilich registrierte Kriminalität im Zeitraum 1993 bis 2003 zurückgegangen war ("Rn. 48), äu- ßerte eine repräsentative Stichprobe von Befragten die Vermutung, dass die Zahl der Straftaten gestiegen sei. Besonders deutlich war die Überschätzung 120 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 2 Luhmann 2017, 9. 3 Walter/Neubacher 2011, 311 ff. 4 Hestermann Kriminalistik 2016, 731 ff.; ders., in: Dessecker/Rettenberger 2018, 27 ff.; ders., in: Dollinger/Schmidt-Semisch 2018, 67 ff. 5 Haverkamp/Arnold, in: Haverkamp/Arnold 2015, 355 ff.; Haverkamp forum kriminalprävention 2/2015, 52 ff.; Feltes NK 2019, 3 ff. 2b 2c der Kriminalitätsbelastung für die Deliktskategorie des Sexualmords: Die Befragten nahmen an, die Zahl der Sexualmorde habe im Durchschnitt um 260% zugenommen, während sie aus der Sicht der Polizei tatsächlich um 37,5% zurückgegangen war.6 Ebenfalls anzunehmen ist, dass die Kriminalitätsdarstellung in den Medien Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Bewertung von Kriminalität als gesellschaftlichem Problem hat und so Einfluss auf kriminalpolitische Einstellungen nimmt. In einer weiteren Analyse des KFN zeigte sich, dass der häufige Konsum von Boulevardzeitungen und den Nachrichtensendungen privater Sender mit einem höheren Strafbedürfnis einhergeht und die Konsumenten härtere Strafen fordern lässt als die Lektüre deutschlandweiter Tageszeitungen wie der Süddeutschen Zeitung oder der FAZ.7 In der Konsequenz steigt der Druck auf die Akteure im politischen Bereich, den gewachsenen Straferwartungen durch normative Anpassungen Rechnung zu tragen.8 Wenig untersucht sind bislang die Veränderungen, die sich aus der Digitalisierung und der Verlagerung der Medienlandschaft in das Internet für die Wahrnehmung und Bewertung der Kriminalitätslage ergeben. Webbasierte Diskussionsforen ermöglichen den Nutzern die unmittelbare und häufig auch unreflektierte Reaktion auf journalistische Berichte über Taten und Täter, die ihrerseits wiederum weitere Reaktionen, Einordnungen und Bewertungen auslösen können; im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Straftaten kann dies zu einem lawinenartigen Anschwellen kritischer und sogar beleidigender Äußerungen („shitstorm“) führen, die den Ausgangsbefund völlig überzeichnen. Umgekehrt können über die sozialen Medien wie Facebook oder Twitter auch ohne journalistische Recherche und Bewertung Meldungen über Ärgernisse, Konflikte und als strafwürdig empfundene Verhaltensweisen von jedermann verbreitet und mit entsprechendem Bildmaterial visualisiert werden, was sich wiederum mit Nachrichtenwert verbinden kann und worüber dann auch in den klassischen Medien berichtet wird. Auch hieraus kann sich, wie sich etwa im Zusammenhang mit dem Vorwurf übermäßiger Polizeigewalt gelegentlich zeigt, politischer Handlungsdruck aufbauen. Über die sozialen Netzwerke können sich auf diesem Weg neue Zugänge zur Kriminalitätswirklichkeit und ihrem gesellschaftlichen Kontext ergeben, die in der klassischen Berichterstattung, vielleicht auch in polizeilichen und wissenschaftlichen Analysen, sonst ausgeblendet bleiben. Für die Kriminologie eröffnen sich damit neue Forschungsfelder. Lässt man die besondere Form der „Medienkriminalität“ außer Betracht, da sie in ihrer kriminologischen Bedeutung bislang erst wenig erforscht ist,9 dann gibt es für den empirischen Zugang zum Themenfeld Kriminalität zwei Ansatzpunkte, die wegen ihrer unterschiedlichen Aussagekraft auseinander zu halten sind. Zum einen lässt sich I. Kriminalität als Gegenstand des öffentlichen Interesses 121 6 Pfeiffer/Windzio/Kleimann MschrKrim 87 (2004), 417 ff. 7 Baier u. a. 2011, 150 ff. 8 Hoven MschrKrim 100 (2017), 161 ff. 9 Vertiefend bereits Kaiser ZRP 2002, 30 ff. 2d 2e an die Erfahrungen anknüpfen, die aufgrund eigener (also nicht medial vermittelter) Wahrnehmung mit Kriminalität gemacht werden, wobei sich weiter danach differenzieren lässt, ob es sich um Erfahrungen mit der eigenen Begehung von Straftaten, um Opfererfahrungen oder um sonstige Formen der eigenen Wahrnehmung (zB von Zeugen) handelt. Methodisch lässt sich diese Form des Zugangs vor allem mit Hilfe von Befragungen gestalten („Täter-“, „Opfer-“, „Informantenbefragungen“); denkbar sind aber auch Beobachtungen oder Dokumentenanalysen wie die Auswertung von Unfallmeldungen oder Versicherungsunterlagen. Zum anderen kann man an den Umstand anknüpfen, dass der Verdacht der Begehung einer Straftat den Strafverfolgungsbehörden, namentlich der Polizei bekannt und zum Gegenstand staatlicher Ermittlungsmaßnahmen gemacht worden ist. Hier stehen für den Zugang vor allem die Auswertung von Strafakten sowie auf der Ebene von Aggregatdaten (dh aufsummierter Daten) die Kriminalstatistiken zur Verfügung. Beide Zugangswege eröffnen ganz unterschiedliche Blickwinkel auf das Themenfeld Kriminalität.10 Für die gesellschaftliche Wahrnehmung und die (kriminal-)politische Diskussion kommt von diesen beiden Wegen dem in den Kriminalstatistiken gezeichneten Bild die größere Bedeutung zu, und auch in der geschichtlichen Entwicklung steht die Beschäftigung mit den Kriminalstatistiken am Anfang: Während die Anfänge der systematischen Erfassung von Polizei- und Justizdaten bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen (" § 2 Rn. 9), entwickelte sich die stichprobenbasierte Umfrageforschung erst gegen Ende der 1930er Jahre.11 Für die Betrachtung von Umfang, Struktur und Entwicklung der Kriminalität wird im Folgenden deshalb zunächst auf die Kriminalstatistiken abgestellt. Auf die Befunde der Selbstberichtsstudien, die das den Strafverfolgungsbehörden unbekannt bleibende „Dunkelfeld“ der Kriminalität beleuchten, wird erst im Anschluss ("Rn. 52 ff.) sowie im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Täter- und der Opferforschung eingegangen (" § 6 Rn. 5 ff.; " § 8 Rn. 9 ff.). 122 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 10 Krit. zur Erkennbarkeit von „Kriminalität“ mit Hilfe von Befragungsforschung und Kriminalstatistiken Kunz 2008, 54 ff.; Sessar, in: Hilgendorf/Rengier 2012, 262 ff. 11 Schnell/Hill/Esser 2013, 14 ff.; Diekmann 2012, 109 ff. 2f II. Kriminalstatistiken und ihre Aussagekraft 1. Polizeiliche Kriminalstatistik Für Aussagen über die von den Behörden registrierte Kriminalität stehen verschiedene statistische Erkenntnismittel zur Verfügung. Erstes und in der Öffentlichkeit am stärksten beachtetes Instrument ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Die PKS wird seit 1953 geführt. Sie wird jährlich vom Bundeskriminalamt (BKA) herausgegeben und basiert auf den Informationen, die dem BKA von den Landeskriminalämtern und diesen von den einzelnen Polizeidienststellen zur Verfügung gestellt werden. Zusätzlich zum Jahrbuch veröffentlicht das BKA im Internet eine Vielzahl von Einzeltabellen und ermöglicht so auch die weiterführende, eigene Berechnung von Häufigkeiten und Verteilungen.12 Im ersten Band des Jahrbuchs werden die von der Polizei bearbeiteten rechtswidrigen Taten („Fälle“) aus dem Bereich des Kern- und Nebenstrafrechts ausgewiesen. Einbezogen sind auch die vom Zoll bearbeiteten Rauschgiftdelikte; nicht enthalten sind die Staatsschutz- und die Verkehrsdelikte. Anhand der Strafverfolgungsstatistik ("Rn. 9 ff.) lässt sich schätzen, dass 2018 bezogen auf das Gesamtaufkommen der amtlich bekannt gewordenen Kriminalität auf die Staatsschutzdelikte ein Anteil von etwa 0,3% und auf die Stra- ßenverkehrsdelikte ein Anteil von gut 20% entfällt. Das Gesamtaufkommen aller bekannt gewordenen Straftaten liegt also deutlich über dem aus der PKS ersichtlichen Kriminalitätsvolumen. Ebenfalls nicht in der PKS erfasst sind Taten, die außerhalb der Bundesrepublik begangen werden (zB von deutschen Touristen im Ausland), sowie Verstöße gegen die Strafgesetze der Länder (Ausnahme: Verstöße gegen die Landesdatenschutzgesetze). Der polizeilichen Erfassung liegt ein unter teils strafrechtlichen, teils kriminologischen Aspekten aufgebauter Straftatenkatalog zugrunde. Zusätzlich wird angegeben, ob bei der Tat Schusswaffen oder das Internet verwendet wurde. Letzteres liefert einen Anhaltspunkt für die Erfassung des Kriminalitätsfelds Cybercrime. In ihrem zweiten Teil des ersten Bands enthält die PKS Angaben zur Aufklärung der registrierten Fälle. Ein Fall gilt dann als aufgeklärt, wenn nach dem polizeilichen Ermittlungsergebnis ein mindestens namentlich bekannter oder auf frischer Tat ergriffener Tatverdächtiger festgestellt worden ist. Angegeben wird hier vor allem die Aufklärungsquote (AQ), also der Anteil der aufgeklärten Fälle an der Gesamtzahl der bekanntgewordenen Fälle. Für die auf- II. Kriminalstatistiken und ihre Aussagekraft 123 12 Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik; im Internet abrufbar unter www.bka.de; vertiefend Cramer/Mischkowitz, in: Dölling/Jehle 2013, 715 ff. 3 4 5 geklärten Fälle werden im Jahrbuch u. a. auch Angaben dazu gemacht, ob die Tat von einem alleinhandelnden Tatverdächtigen begangen wurde oder ob der Tatverdächtige zuvor schon einmal polizeilich in Erscheinung getreten war. Unabhängig von der Aufklärung wird im dritten Teil des ersten Bands bei Eigentums- und Vermögensdelikten die Höhe des materiellen Schadens angegeben. Ist ein Schaden nicht bezifferbar, wird ein ideeller Schaden von 1 Euro registriert. Der zweite Band des Jahrbuchs liefert für die Taten, die sich gegen höchstpersönliche Rechtsgüter richten, insbes. also für die Gewalt- und die Sexualdelikte, Angaben zu den Opfern. Neben dem Alter und Geschlecht geht es dabei vor allem auch um die Beziehung des Opfers zum Tatverdächtigen. Hier wird zwischen den Kategorien Ehe/Partnerschaft/Familie, informellen Beziehung (Freundschaft oder Bekanntschaft), formellen Beziehungen in Institutionen, ungeklärten und keinen Beziehungen unterschieden. Ebenfalls ausgewiesen werden im zweiten Band Straftaten, die gegen Vollstreckungsbeamte bzw. Rettungsdienst- und Feuerwehrkräfte begangen werden. Im dritten Band finden sich Angaben zur Person des Tatverdächtigen. Als tatverdächtig gilt eine Person dann, wenn sie nach dem polizeilichen Ermittlungsergebnis aufgrund zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte verdächtig ist, eine rechtswidrige Tat begangen zu haben; dazu zählen auch Mittäter, Anstifter und Gehilfen. Ebenfalls erfasst werden Taten, die von strafunmündigen Kindern oder von schuldunfähigen psychisch Kranken begangen werden, also von Personen, gegen die wegen fehlender Schuldfähigkeit von der Staatsanwaltschaft keine Anklage erhoben und von den Gerichten kein Urteil erlassen werden darf. Tatverdächtige, für die innerhalb des Berichtszeitraums mehrere Fälle der gleichen Straftat festgestellt werden, werden in der PKS nach Umstellungen in den Jahren 1984 und 2009 nur einmal gezählt („echte“ Tatverdächtigenzählung). Der vierte Band des Jahrbuchs liefert zusammenfassende Angaben zu ausgewählten Straftatengruppen wie Mord und Totschlag, Raub, Diebstahl und Betrug sowie zu tatbestandsübergreifenden Erscheinungsformen der Kriminalität. Letztere werden in der PKS über sog. Summenschlüssel erfasst und ausgewiesen. Beispiele sind die Betäubungsmittelkriminalität, die Gewaltkriminalität, die Wirtschaftskriminalität und die Straßenkriminalität. Bezogen auf die jeweiligen Kriminalitätsbereiche werden die Fallzahlen, die Angaben zum Schaden, den Opfern und den Tatverdächtigen sowie die Entwicklungen im 15-Jahreszeitraum dargestellt. Die PKS sagt weder etwas aus über die der Polizei verborgen bleibende Kriminalität noch darüber, ob die von der Polizei registrierten Sachverhalte auch aus justizieller Sicht als „Straftaten“ einzuordnen sind. Die PKS ist jedoch eine vergleichsweise zuverlässige und aussagekräftige Informationsquelle, soweit es um die Beurteilung polizeilicher Fragen geht (zB um die Notwendigkeit oder den Ausbau poli- 124 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 6 7 7a 8 zeilicher Ressourcen) oder um den „input“ in das System der strafrechtlichen Sozialkontrolle (dazu " § 9 Rn. 7 ff.). 2. Justizstatistiken, Strafverfolgungsstatistik Von der Polizeistatistik sind die Justizstatistiken zu unterscheiden. Die Justizstatistiken können auf eine längere Geschichte zurückblicken. In Deutschland wurde eine einheitliche Abgeurteiltenstatistik erstmals 1882 veröffentlicht; die ersten statistischen Erhebungen gab es 1803 in Bayern, 1809 in Baden. Heute werden die Justizstatistiken jährlich vom Statistischen Bundesamt herausgegeben. Sie lassen sich in verschiedene Einzelstatistiken untergliedern, die sich an den Stadien des Strafverfolgungsprozesses orientieren (Staatsanwaltschaftsstatistik, Strafverfolgungsstatistik, Strafvollzugsstatistik, Bewährungshilfestatistik). Ergänzt werden die Justizstatistiken durch eine nicht-amtliche Rückfallstatistik, die auf der Grundlage der vom Bundeszentralregister gespeicherten Daten die Legalbewährung der Verurteilten nach unterschiedlichen Sanktionsformen angibt (dazu genauer " § 9 Rn. 71). Aus kriminologischer Sicht kommt die größte Bedeutung der Strafverfolgungsstatistik (StVS) zu, die die Angaben zur Aburteilungspraxis der Gerichte enthält.13 Die StVS liefert Informationen zu den Personen, die innerhalb des Berichtsjahres wegen Straftaten rechtskräftig abgeurteilt wurden. Mit dem Begriff des „Abgeurteilten“ werden Angeklagte bezeichnet, gegen die entweder ein Strafbefehl erlassen oder das Strafverfahren nach Eröffnung des Hauptverfahrens durch Urteil oder Einstellungsbeschluss rechtskräftig abgeschlossen wurde. Mit dem Begriff der „Verurteilten“ wird lediglich eine Teilmenge der Abgeurteilten bezeichnet, nämlich diejenigen Angeklagten, gegen die entweder nach allgemeinem Strafrecht Freiheitsstrafe, Strafarrest oder Geldstrafe verhängt oder deren Straftat nach Jugendstrafrecht mit Jugendstrafe, Zuchtmitteln oder Erziehungsmaßregeln geahndet wurde. Nachgewiesen werden für beide Personengruppen Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, die Art der Straftat und die Art der richterlichen Entscheidung. Zusätzlich werden die Personen mit Untersuchungshaft, Wiederholungstäter sowie die wegen Straftaten an Kindern Abgeurteilten nach der Art der Tat und der Zahl der Opfer ausgewiesen. Die StVS geht über den Erfassungsbereich der PKS insofern hinaus als sie sich auf alle Straftaten bezieht, also auch auf die Straßenver- II. Kriminalstatistiken und ihre Aussagekraft 125 13 Statistisches Bundesamt, Strafverfolgung (Fachserie 10, Reihe 3); im Internet abrufbar unter www.destatis.de; vertiefend Brings, in: Hilgendorf/Rengier 2012, 21 ff. 9 10 11 kehrs- und die Staatsschutzkriminalität. Andererseits enthält sie im Vergleich zur PKS einen engeren Ausschnitt aus dem Gesamtaufkommen der Kriminalität, da sie nur diejenigen Straftaten erfasst, die von der Polizei aufgeklärt und von der Staatsanwaltschaft zur Anklage gebracht worden sind. Nicht in der StVS erfasst sind diejenigen Fälle, in denen die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen fehlenden hinreichenden Tatverdachts oder unter Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten eingestellt hat (" § 9 Rn. 23 ff., 58 ff.). 3. Grenzen und Fehlerquellen der Kriminalstatistiken Die PKS, die StVS und die weiteren Justizstatistiken sind von ihrer Funktion her Nachweise der betreffenden Institution über die Art und den Umfang der von ihr jeweils geleisteten Tätigkeit; sie verfolgen keine spezifisch kriminologischen Ziele. Will man die Statistiken dennoch für Aussagen zu Umfang, Struktur und Entwicklung der „tatsächlichen“ Kriminalität heranziehen, müssen die Grenzen und Fehlerquellen berücksichtigt werden, die ihre Aussagekraft einschränken. Dabei sind insbesondere die folgenden Punkte im Blick zu behalten:14 (1) Soweit die Statistiken Hinweise auf Umfang und Struktur der Kriminalität liefern, ist zu berücksichtigen, dass die Taten nur in einer sehr vergröberten und holzschnittartigen Form Eingang in die Statistik finden. Eindeutige Rückschlüsse auf die Kriminalitätswirklichkeit sind kaum möglich. – Die Taten werden in den Statistiken nur gezählt, nicht gewichtet. Ein Bagatelldiebstahl hat in der Statistik denselben Stellenwert wie der Diebstahl einer Geldbörse, bei dem mehrere tausend Euro entwendet werden; eine Körperverletzung durch Zufügung „blauer Flecke“ hat denselben Stellenwert wie eine Körperverletzung, bei der das Opfer längere Zeit im Krankenhaus gelegen hat. – Ein Täter, der mehrere Taten begeht, wird in der PKS unterschiedlich gezählt: Begeht er innerhalb des Berichtszeitraums mehrere gleichartige Straftaten (zB mehrere Ladendiebstähle), so wird dies nur als ein Fall erfasst; begeht er hingegen mehrere verschiedene Straftaten (zB einen einfachen und einen schweren Diebstahl), so wird dies bei der Einzeldarstellung der Delikte jeweils gesondert, bei zusammenfassenden Darstellungen hingegen wieder nur einfach berücksichtigt. 126 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 14 Heinz Kriminalistik 2017, 427 ff.; ders. NK 2020, 3 ff. 12 13 – Die StVS weist auch bei tatmehrheitlich konkurrierenden Delikten nur eine einzige Tat aus. Sie orientiert sich dabei an der Schwere des Strafrahmens, nicht an der Schwere des konkret verwirklichten Delikts. Dies gilt indes nur dann, wenn der Angeklagte wegen der mehreren Taten in einem Verfahren abgeurteilt wird. Wird er in mehreren Verfahren abgeurteilt, so werden die Taten mehrfach gezählt. – Die Meldungen der Dienststellen der Polizei und der Geschäftsstellen der Justiz, die die Grundlage der statistischen Auswertung bilden, sind trotz EDV-gestützter Erfassung nicht immer genau und zuverlässig.15 (2) Soweit mehrere Jahrgänge einer Statistik miteinander verglichen werden, sind die Veränderungen zu beachten, die zwischenzeitlich in der Gesellschaft und im System der strafrechtlichen Sozialkontrolle stattgefunden haben. Demografische Veränderungen (dh Veränderungen in der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung, zB durch Abwanderung und Zuwanderung) müssen ebenso im Blick behalten werden wie veränderte Kontrollstile (verändertes Anzeigeverhalten oder geänderte Ermittlungsstrategien der Polizei), Gesetzesänderungen oder Änderungen in den für die jeweilige Statistik maßgeblichen Erfassungsregeln. Aus der Statistik ablesbare Veränderungen (Zuwächse, Rückgänge) müssen nicht notwendig Veränderungen in der Verbrechenswirklichkeit widerspiegeln, sondern können eine Vielzahl von anderen Gründen haben. Die im 19. Jahrhundert vorherrschende Annahme, zwischen bekannt gewordener Kriminalität und Kriminalitätswirklichkeit bestehe auch über Jahre hinweg ein konstantes Verhältnis, ist durch die empirische Forschung widerlegt worden.16 (3) Die Daten aus unterschiedlichen Statistiken können nicht miteinander verglichen werden. Der Grund hierfür liegt darin, dass jede Einrichtung nur die sie selbst betreffenden Informationen sammelt. Weder stimmen die Erfassungsgrundsätze überein noch beziehen sich die Statistiken auf dieselben Fälle. Zieht sich die Bearbeitung eines Verfahrens über den Jahreswechsel hinweg, so wird es in der nächstfolgenden Statistik erst im Folgejahr erfasst. Aus kriminologischer Sicht wünschenswert wäre eine Verlaufsstatistik, die für eine bestimmte Grundgesamtheit (zB für die von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen) angeben würde, welche Reaktionswege die einzelnen Instanzen der Strafrechtskontrolle jeweils gewählt haben. Eine solche Verlaufsstatistik ist jedoch derzeit nicht in Sicht.17 II. Kriminalstatistiken und ihre Aussagekraft 127 15 Anschaulich Höynck/Ernst, in: BMJV 2017, 164 f. 16 Schwind 2013, § 2 Rn. 69 f. und Vorauflage § 5 Rn. 51. 17 Vgl. allerdings Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten 2020. 14 15 Kriminologische und kriminalpolitische Aussagen über „die“ Kriminalität stützen sich in der Regel auf die PKS. Angesichts der Tatsache, dass die Polizei die Eingangsinstanz in den Prozess der strafrechtlichen Sozialkontrolle ist und die Polizeidaten damit Informationen liefern, die noch nicht durch die justiziellen Entscheidungsmechanismen verändert worden sind, ist die Bezugnahme auf die PKS grundsätzlich nicht zu beanstanden. Andererseits ergeben sich jedoch gerade hieraus auch Einschränkungen. Gerade weil die Polizeidaten noch keine justizielle Prüfung durchlaufen haben undweil sie den Gesamtbereich der Kriminalität nicht vollständig abdecken, kann und darf die PKS nicht die einzige Datenquelle sein, anhand derer Aussagen über Umfang, Struktur und Entwicklung gewonnen werden. Wissenschaftlich fundierte Aussagen über „die“ Kriminalität setzen deshalb voraus, dass den PKS-Daten die Informationen aus anderen Erkenntnisquellen, namentlich aus den Justizstatistiken gegenübergestellt werden. Für ein abgerundetes, wirklichkeitsnahes Bild ist es darüber hinaus erforderlich, neben den amtlichen Statistiken empirische Einzeluntersuchungen zu den von den Statistiken nicht erfassten Bereichen in den Blick zu nehmen. Einbezogen und ausgewertet werden müssen namentlich Dunkelfelduntersuchungen zur Häufigkeit der der Polizei verborgen bleibenden Kriminalität ("Rn. 52 ff.), aber auch Untersuchungen zu den Determinanten des Anzeigeverhaltens, des Ermittlungshandelns der Polizei und der Arbeitsroutinen der Strafverfolgungsorgane (" § 9 Rn. 32 ff.). Erst derartige Einzeluntersuchungen ermöglichen es, den Ausschnitt aus der „tatsächlich“ begangenen Kriminalität genauer zu bestimmen, der sich in den amtlichen Statistiken niederschlägt. Als Beispiele für eine solche, auch andere Erkenntnisquellen ausschöpfende Analyse konnten der 2001 veröffentlichte Erste und der 2006 veröffentlichte Zweite Periodische Sicherheitsbericht (PSB) der Bundesregierung angesehen werden.18 Verfasst wurde der PSB von einem Gremium, das sich sowohl aus Vertretern staatlicher Stellen (Bundeskriminalamt, Statistisches Bundesamt, Kriminologische Zentralstelle) als auch aus Wissenschaftlern (Kriminologen, Soziologen, Psychologen) zusammensetzte. Das Ergebnis der jeweils mehrjährigen Zusammenarbeit war ein umfassendes Kompendium über die Kriminalitätslage in Deutschland, das die Erkenntnisse aus den vorhandenen amtlichen Datensammlungen und die verfügbaren Ergeb- 128 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 18 BMI/BMJ, 1. und 2. PSB; im Internet abrufbar unter www.bka.de. 16 17 nisse wissenschaftlicher Untersuchungen differenziert und abgewogen miteinander verknüpfte. In der Kriminologie besteht über die Sinnhaftigkeit derartiger umfassender Analysen Einigkeit. III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 1. Umfang und regionale Verteilung Blickt man vor diesem Hintergrund auf die wichtigsten Informationen, die in der PKS zur Verfügung gestellt werden, so zeigt sich zum Umfang der bekannt gewordenen Kriminalität, dass von der Polizei 2019 etwa 5,4 Mio. Straftaten registriert wurden. Diese Zahl ist beeindruckend, sagt aber für sich genommen relativ wenig aus. Um die Zahl mit anderen Zahlen vergleichbar zu machen, insbesondere um Aussagen zur Kriminalitätsentwicklung innerhalb des Bundesgebiets, aber auch innerhalb der einzelnen Bundesländer machen zu können, muss eine Häufigkeitszahl (HZ) gebildet werden, die die Zahl der bekannt gewordenen Fälle pro 100.000 Einwohner angibt. Auf diese Weise ist es möglich, die Kriminalität innerhalb eines Gebietes unabhängig von Unterschieden in der Bevölkerungszahl zu analysieren. Die HZ lag für das Bundesgebiet im Jahr 2019 bei 6.548 Straftaten pro 100.000 Einwohner. Betrachtet man die räumliche Verteilung der registrierten Straftaten, lassen sich zwei wichtige Beobachtungen machen. Zum einen besteht ein Stadt-Land-Gefälle: Die Kriminalitätsbelastung ist in der Regel in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern am höchsten, während sie in den Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern am geringsten ist. „Spitzenreiter“ unter den Großstädten war im Jahr 2019 Frankfurt/M. mit einer HZ von 15.194, gefolgt von Berlin mit einer HZ von 14.086. Dass es auf der anderen Seite aber auch Großstädte mit deutlich geringeren HZen gibt, zeigen die Beispiele von Stuttgart (Einwohnerzahl gut 600.000; HZ 8.561) und München (Einwohnerzahl ca. 1,4 Mio.; HZ 6.132). Die Höherbelastung in den meisten Großstädten lässt sich, soweit die PKS einen Rückschluss auf die Kriminalitätswirklichkeit erlaubt, kriminologisch mit den unterschiedlichen Lebensbedingungen in der Stadt und auf dem Land erklären, die mit unterschiedlichen Tatgelegenheiten und einer unterschiedlichen Kontrolldichte verbunden sind. Berücksichtigt werden muss bei der Interpretation allerdings auch, dass die statistischen Angaben durch Erhe- III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 129 18 19 20 21 bungsmängel verzerrt sein können: Da bei der Berechnung der HZen die amtlich gemeldete Wohnbevölkerung zugrunde gelegt wird, nicht aber Pendler, Durchreisende, Touristen und andere, nicht am Ort der Tat gemeldete Personen (zB Wohnsitzlose, Illegale), die sich gerade in den Großstädten konzentrieren dürften, sind die für die Großstädte errechneten HZen in der Tendenz überhöht. Dieser Umstand ist vor allem bei der Erklärung der augenscheinlich hohen Kriminalitätsbelastung in Frankfurt/M. zu berücksichtigen, wo die amtlich gemeldete Wohnbevölkerung nicht nur um die Pendler aus dem Umland, sondern bspw. auch um die anreisenden Messebesucher und die Flughafenpassagiere ergänzt werden muss. Zum zweiten lässt sich feststellen, dass zwischen den Bundesländern ein Nord-Süd-Gefälle besteht (vgl. Tab. 5.1). In den nördlichen Bundesländern, insbesondere in den norddeutschen Stadtstaaten, ist die Kriminalitätsbelastung hoch, während sie nach Süden hin abnimmt. Tab. 5.1: Kriminalitätsverteilung nach Bundesländern 2019 Bundesland erfasste Fälle Häufigkeitszahl Baden-Württemberg 573.813 5.184 Bayern 603.464 4.615 Berlin 513.426 14.086 Brandenburg 171.828 6.841 Bremen 78.228 11.454 Hamburg 210.832 11.451 Hessen 364.833 5.823 Mecklenburg-Vorpommern 111.329 6.916 Niedersachsen 506.582 6.346 Nordrhein-Westfalen 1.227.929 6.847 Rheinland-Pfalz 241.529 5.913 Saarland 74.719 7.543 Sachsen 271.796 6.665 Sachsen-Anhalt 173.347 7.850 Schleswig-Holstein 183.445 6.333 Thüringen 129.301 6.033 Bundesgebiet insgesamt 5.436.401 6.548 Quelle: PKS Jahrbuch 2019, Bd. 1, 25 Die Erklärung dieses Nord-Süd-Gefälles bereitet Schwierigkeiten. Teilweise kann die höhere Kriminalitätsbelastung im Norden auf das bereits erwähnte Stadt-Land-Gefälle zurückzuführen sein, da sich mit Bremen, Hamburg und Berlin drei bedeutende Großstädte im Norden des Bundesgebiets befinden. 130 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 22 23/24 Teilweise können aber auch regional unterschiedliche Erfassungsmodalitäten eine Rolle spielen. Es kann sein, dass die Polizei im Süden der Bundesrepublik bereits im Vorfeld der Anzeigeerstattung mit einem Tatverdacht anders umgeht als im Norden, etwa in der Weise, dass ein Vorgang eher entdramatisiert und nicht als „Straftat“ registriert wird (vgl. dazu " § 9 Rn. 44). Tatsächlich begangene Delikte gelangen dann nicht in die Statistik. 2. Deliktsstruktur Schlüsselt man die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten nach ihrer Deliktsstruktur auf, zeigt sich eine klare Dominanz der gewaltlosen Eigentums- und Vermögensdelikte. 2019 entfiel allein ein Drittel (33,5%) aller registrierten Straftaten auf den einfachen und den schweren Diebstahl und deutlich mehr als die Hälfte (59,3%) auf die drei Deliktsgruppen Diebstahl, Sachbeschädigung und Betrug (Tab. 5.2). Schlüsselt man die Diebstahlsdelikte weiter auf, lässt sich unabhängig von der Differenzierung zwischen einfachem und schwerem Diebstahl feststellen, dass in der Kriminalitätswirklichkeit vor allem drei Formen des Diebstahls vorherrschen: der Ladendiebstahl, der Fahrraddiebstahl und der Diebstahl an und aus Kfz (zB Navigationsgeräte oder Musikanlagen). Allein diese drei Deliktsformen stellten 2019 mit 825.589 Straftaten mehr als zwei Fünftel (45,3%) der registrierten Diebstahlsdelikte und fast ein Sechstel (15,2%) des gesamten Kriminalitätsaufkommens. Soweit es den Diebstahl an und aus Kfz sowie den Fahrraddiebstahl betrifft, dürften die hohen Zahlen vor allem aus der Anzeigepflicht resultieren, die die Kasko- und Hausratversicherungen den Geschädigten in den Versicherungsbedingungen auferlegen; beim Ladendiebstahl können die hohen Zahlen auf ein konsequentes Anzeigeverhalten der betroffenen Ladeninhaber („Jeder Diebstahl wird angezeigt!“) zurückzuführen sein. Der Diebstahl in und aus Wohnungen machte 2019 demgegenüber nur 7,2% und der Diebstahl von Kfz nur 1,5% aller Diebstahlsdelikte aus. III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 131 25 26 Tabelle 5.2: Anteile einzelner Straftaten(gruppen) an der Gesamtkriminalität 2019 Straftaten(gruppen) erfasste Fälle AQ N % Straftaten insgesamt 5.436.401 100,0 57,5 Diebstahl ohne erschwerende Umstände 1.025.321 18,9 40,3 davon: Ladendiebstahl 303.552 5,6 90,5 Betrug 832.966 15,3 66,6 davon: Leistungserschleichung (§ 265a StGB) 200.901 3,7 98,8 Diebstahl unter erschwerenden Umständen 796.891 14,7 14,8 Sachbeschädigung 563.062 10,4 24,2 Vorsätzliche einfache Körperverletzung 386.517 7,1 90,7 Betäubungsmitteldelikte 359.747 6,6 92,5 Straftaten gegen das AufenthG/ AsylG/FreizügigkeitsG EU 165.619 3,0 98,9 Gefährliche und schwere Körperverletzung 133.084 2,4 82,9 Urkundenfälschung 73.560 1,4 81,4 Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 36.052 0,7 59,0 Veruntreuungen (§§ 266, 266a, 266b StGB) 16.788 0,3 97,1 Vergewaltigung (§ 177 VI, VII, VIII StGB) 8.541 0,16 84,4 Mord und Totschlag (§§ 211, 212, 213, 216 StGB) 2.315 0,04 94,0 Quelle: PKS Jahrbuch 2019, Bd. 1, 19, 35 Die Schadenssummen sind bei den Diebstahlsdelikten insgesamt eher gering. Zwar wurde durch alle Diebstähle 2019 nach der PKS ein volkswirtschaftlicher Gesamtschaden von beinahe 2,1 Mrd. Euro verursacht. In einem Drittel aller einfachen Diebstähle sowie in mehr als zwei Drittel aller Ladendiebstähle betrug der Schaden im Einzelfall jedoch weniger als 50 Euro, wobei für die Berechnung vom Verkehrswert der entwendeten Sache ausgegangen wird. 132 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 27 Bei den Betrugsdelikten dominieren in der Rechtswirklichkeit zwei Formen: der Waren- bzw. Warenkreditbetrug und die Leistungserschleichung. Beim Waren- bzw. Warenkreditbetrug handelt es sich um Betrugsformen, bei denen der Täter die Ware entweder als Mittel zum Betrug einsetzt (er verspricht eine Ware zu liefern, die er gar nicht hat oder nur in minderwertiger Qualität liefern kann) oder bei denen er eine Ware betrügerisch erlangen will; 2019 war jede dritte Betrugstat (34,9%) ein solcher Waren- oder Warenkreditbetrug. Der Schaden war hier überwiegend beträchtlich und lag nur in gut einem Viertel der Fälle (28,0%) unter 50 Euro. Am zweithäufigsten wurden von der Polizei Leistungserschleichungen nach § 265a StGB registriert. Da es sich hierbei weit überwiegend um Delikte handelt, die im Öffentlichen Personennahverkehr begangen werden, lag der Schaden hier in über 90% der Fälle unter 50 Euro. Die sonstigen Straftaten stellen demgegenüber zusammen weniger als die Hälfte der registrierten Kriminalität. Die Gewaltdelikte, die in der Öffentlichkeit immer wieder im Mittelpunkt stehen, sind 2019 am Kriminalitätsaufkommen lediglich mit 3,3% beteiligt, wobei das häufigste Einzeldelikt die gefährliche bzw. die schwere Körperverletzung ist. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass die einfache Körperverletzung in dem vom BKA verwendeten Summenschlüssel nicht enthalten ist; sie allein ist am Kriminalitätsaufkommen mit 7,1% beteiligt (Tab. 5.2). Die Sexualdelikte stellen in ihrer Gesamtheit nur einen Anteil von 1,3%; hier dominieren als Einzeldelikte die sexuelle Belästigung und der sexuelle Missbrauch von Kindern. Im Themenfeld Cybercrime sind zwei Deliktsformen zu unterscheiden: Straftaten, die sich gegen informationstechnische Systeme und Daten richten (Cybercrime im engeren Sinn, etwa das Ausspähen oder Abfangen von Daten), und Straftaten, die mittels informationstechnischer Systeme begangen werden (zB wenn bei Online-Versandhäusern betrügerische Geschäfte abgewickelt werden). Die erste Form ist am Kriminalitätsaufkommen mit einem Anteil von 1,8% vertreten, die zweite ist deutlich häufiger (4,6%). Eine erwähnenswerte quantitative Bedeutung kommt den Verstößen gegen das BtMG zu; am Gesamtaufkommen der Kriminalität machen die Rauschgiftdelikte einen Anteil von 6,6% aus. Eine Sonderrolle nimmt schließlich die Wirtschaftskriminalität ein. Sie ist am Gesamtaufkommen der Fälle zwar nur mit 0,7% vertreten; die Höhe der angerichteten Schäden ist jedoch beträchtlich (vgl. dazu im Einzelnen " § 11 Rn. 1, 19 f.). III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 133 28 29 3. Aufklärungsquoten Von den ca. 5,4 Mio. Straftaten, die der Polizei 2019 bekannt geworden sind, wurden ca. 3,1 Mio. Straftaten aufgeklärt. Dies entspricht einer AQ von 57,5%. Diese Gesamtaufklärungsquote sagt für sich genommen nur wenig aus, da die AQ bei den einzelnen Straftatengruppen erheblichen Schwankungen unterliegt. Die Aufschlüsselung zeigt, dass vor allem beim schweren Diebstahl, der am gesamten Kriminalitätsaufkommen mit fast einem Siebtel vertreten ist, die AQ mit nur 14,8% erstaunlich gering ist (Tab. 5.2). Bei der Erklärung der Schwankungsbreite der AQ bei den einzelnen Deliktsarten hilft die Unterscheidung zwischen der reaktiven und der proaktiven Tätigkeit der Polizei weiter (" § 9 Rn. 43 ff.). Bei den weitaus meisten Delikten wird die Polizei auf eine Anzeige aus der Bevölkerung hin tätig, sie reagiert also mit ihren Ermittlungen auf den ihr vorgetragenen Tatverdacht. Soweit die Polizei wegen der Schwere der Tat in diesen Fällen nicht besondere Ermittlungsaktivitäten entfaltet (wie etwa bei Mord und Totschlag, bei politischer Motivation oder bei Sexualdelikten), wird die Aufklärung vor allem durch den Umstand bestimmt, ob vom Anzeigeerstatter bereits eine konkrete Person als Tatverdächtiger benannt werden kann oder nicht. Kann der Anzeigeerstatter eine solche Person benennen (wie etwa regelmäßig bei Urkundsdelikten, der Untreue oder in den Fällen, in denen der Anzeigeerstatter den Verdächtigen selbst bereits vorläufig festgenommen hat, zB bei Ladendiebstahl oder Beförderungserschleichung), ist die Aufklärung des Sachverhalts sehr viel wahrscheinlicher als in den Fällen, in denen sich die Anzeige gegen Unbekannt richtet (wie typischerweise beim Einbruchsdiebstahl oder dem Diebstahl an oder aus Kfz). Bei manchen Delikten wird die Polizei demgegenüber nicht auf eine Anzeige hin, sondern von sich aus tätig. Ein solches, proaktives Tätigwerden findet sich vor allem in den Bereichen, in denen ein personales Opfer fehlt und die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung gering ist: im Straßenverkehr, unter den Konsumenten illegaler Drogen, bei den Aufenthaltsdelikten und in bestimmten Bereichen der Wirtschaft. Sofern die Polizei bei ihrem Vorgehen von einer Straftat Kenntnis erlangt, ist ihr zugleich meist auch die Identität des Täters bekannt, was zur Folge hat, dass sich in der PKS für die betreffenden Deliktsbereiche in der Regel eine hohe AQ feststellen lässt. 4. Tatverdächtige In der PKS wird eine Straftat dann als „aufgeklärt“ registriert, wenn die Ermittlungen zur Feststellung eines Tatverdächtigen ge- 134 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 30 31 32 33 führt haben. 2019 wurden von der Polizei ca. 2,0 Mio. Tatverdächtige ermittelt. Der Umstand, dass etwa 3,1 Mio. Straftaten aufgeklärt, aber nur ca. 2,0 Mio. Tatverdächtige ermittelt wurden, erklärt sich daraus, dass die Tatverdächtigen in der PKS auch dann nur einmal registriert werden, wenn sie innerhalb des Berichtszeitraums mehrfach auffällig werden („echte Tatverdächtigenzählung“, "Rn. 6). 2019 wurde mehr als die Hälfte (59,8%) der aufgeklärten Straftaten in diesem Sinne von Mehrfachtätern begangen, dh von Personen, die schon zuvor wenigstens einmal als tatverdächtig in Erscheinung getreten waren. Auf der anderen Seite wurde etwa jede zehnte Tat (11,8%) nicht von alleinhandelnden Tätern, sondern von Tätergemeinschaften (Mittätern oder Tätern und Teilnehmer) begangen. Da die PKS weder über die Anzahl der Delikte der Mehrfachtäter noch über die Zahl der Personen, die an einer Tat beteiligt waren, genaue Angaben macht, lassen sich die Zahlen für die aufgeklärten Fälle und die für die Tatverdächtigen nicht miteinander vergleichen. a) Delikte Richtet man den Blick zunächst auf die Delikte, die den von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen zur Last gelegt werden, so lässt sich feststellen, dass sich die Tatverdächtigen vor allem aus dem Bereich der leichteren Delinquenz rekrutieren, namentlich aus dem Bereich des Betrugs, des einfachen Diebstahls und der einfachen Körperverletzung, sowie aus der Betäubungsmittelkriminalität (Tab. 5.3). Die Struktur der Delikte, die den ermittelten Tatverdächtigen zur Last gelegt werden, ist also nicht identisch mit der Struktur der Delikte, die den Polizeidienststellen insgesamt bekannt werden (vgl. Tab. 5.2), sondern weist – der deliktsspezifisch unterschiedlichen AQ entsprechend – eine hiervon abweichende Reihung auf. Diejenigen Personen, die von der Polizei als tatverdächtig ermittelt werden, sind dementsprechend kein Spiegelbild derjenigen Personen, die die polizeilich bekannt gewordenen Straftaten in ihrer Gesamtheit begehen, sondern stellen eine durch die Ermittlungstätigkeit der Polizei bedingte Auswahl dar (zu den Einflussfaktoren für den polizeilichen Ermittlungserfolg " § 9 Rn. 49 ff.) III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 135 34 35 Tabelle 5.3: Delikte der ermittelten Tatverdächtigen 2019 Straftaten(gruppen) Ermittelte Tatverdächtige insgesamt19 N % Straftaten insgesamt 2.019.211 100,0 Betrug davon: Leistungserschleichung (§ 265a StGB) 354.529 139.447 17,6 6,9 Diebstahl ohne erschwerende Umstände davon: Ladendiebstahl 324.474 214.647 16,1 10,6 Vorsätzliche einfache Körperverletzung 321.744 15,9 Betäubungsmitteldelikte 284.390 14,1 Straftaten gegen das AufenthG/AsylG/FreizügigkeitsG EU 149.950 7,4 Gefährliche und schwere Körperverletzung 141.232 7,0 Sachbeschädigung 124.216 6,2 Diebstahl unter erschwerenden Umständen 80.100 4,0 Urkundenfälschung 56.052 2,8 Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer 26.678 1,3 Veruntreuungen (§§ 266, 266a, 266b StGB) 11.851 0,6 Vergewaltigung (§ 177 VI, VII, VIII StGB) 7.392 0,4 Mord und Totschlag (§§ 211, 212, 213, 216 StGB) 2.987 0,1 Quelle: PKS 2019, Tabelle 20 Anschaulich machen lässt sich die Divergenz von bekannt gewordenen und polizeilich aufgeklärten Straftaten am Beispiel der Diebstahlsdelikte: Obwohl 14,7% aller registrierten Taten auf Diebstahl unter erschwerenden Umständen entfallen (Tab. 5.2), werden nur 4,0% der Tatverdächtigen einer solchen Tat beschuldigt, wohingegen einem Sechstel aller Tatverdächtigen (16,1%) ein Diebstahl ohne erschwerende Umstände und jedem 10. Tatverdächtigen (10,6%) sogar nur ein Ladendiebstahl zur Last gelegt wird (Tab. 5.3), also ein Delikt, das im Vergleich zu den anderen Delikten eher geringfügig ist und im Gesamtspektrum der Kriminalität insgesamt eine deutlich geringere Rolle spielt. 136 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 19 Personen, gegen die im Berichtsjahr mehrfach ermittelt wurde, werden bei der Gesamtzahl der Straftaten nur einmal gezählt. Die Tatverdächtigen bei den einzelnen Straftaten(gruppen) lassen sich daher nicht zur Gesamtzahl der Tatverdächtigen addieren. 36 b) Alter und Geschlecht Die absoluten und relativen Zahlen über die Tatverdächtigen sagen für sich genommen wiederum nur wenig aus. Um Aussagen über die Kriminalitätsbelastung einzelner Alters- oder Bevölkerungsgruppen machen zu können, muss eine Verhältniszahl gebildet werden, die die Zahl der Tatverdächtigen pro 100.000 Personen der jeweiligen Alters- oder Bevölkerungsgruppe angibt (Tatverdächtigenbelastungszahl, TVBZ). Auf diese Weise ist es möglich, die Kriminalitätsbelastung unabhängig von Schwankungen in der demografischen Entwicklung zu analysieren. Im Durchschnitt lag die so errechnete TVBZ 2019 bei 2.432. Die Zahl bezieht sich auf die Wohnbevölkerung am 31.12. des Vorjahres; in ihr sind Deutsche wie Nichtdeutsche und sämtliche Altersgruppen, einschließlich der Kinder unter 8 Jahren enthalten. Freilich ist diese Zahl ungenau; sie enthält nur einen Näherungswert. Hinsichtlich der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist festzustellen, dass die Meldeunterlagen, die die Grundlage für die Berechnung der Verhältniszahlen bilden, keine Angaben über die amtlich nicht gemeldeten Nichtdeutschen enthalten, die sich in Deutschland entweder legal (zB als Touristen, Geschäftsreisende, Grenzpendler etc.) oder illegal aufhalten. Hinsichtlich der Kinder unter 8 Jahren ist festzustellen, dass Registrierungen wegen des Verdachts der Begehung einer strafbaren Handlung extrem selten erfolgen, so dass es sinnvoll ist, sie bei der genaueren kriminologischen Analyse „außen vor“ zu lassen. Seit 1995 werden in der PKS deshalb nur noch die TVBZen für Deutsche ab einem Alter von 8 Jahren mitgeteilt. Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Verteilung der Tatverdächtigen auf die einzelnen Alters- und Geschlechtsgruppen (Tab. 5.4), sind zwei Beobachtungen bemerkenswert. Zum einen lässt sich feststellen, dass unabhängig vom Geschlecht die Delinquenzbelastung in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen am größten ist, während sie in der Gruppe der älteren Menschen über 60 sowie der Kinder unter 12 am geringsten ist. Bezogen auf ihren Anteil in der Bevölkerung werden also vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Straftaten auffällig. Fraglich ist, ob und inwieweit diese aus der PKS ersichtliche Altersverteilung Rückschlüsse auf eine „tatsächliche“ Höherbelastung der 14- bis 24-Jährigen zulässt. Es gibt Hinweise darauf, dass der Tatnachweis bei jüngeren Tatverdächtigen leichter zu führen ist als bei älteren Tatverdächtigen (" § 9 Rn. 54). Dies könnte die Schlussfolgerung nahelegen, dass sich in der PKS nur die höhere Wahrscheinlichkeit der Jugendlichen und Heranwachsenden widerspiegelt, von der Polizei überführt („kriminalisiert“) zu werden. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass sich die Höherbelastung der jüngeren Al- III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 137 37 38 39 40 tersgruppen auch in Dunkelfelduntersuchungen zeigt ("Rn. 60). Es ist daher davon auszugehen, dass die aus der PKS ersichtliche Verteilung die Altersstruktur der „wirklichen“ Kriminalität im Kern zutreffend wiedergibt. Erklären lassen dürfte sich die Konzentration der Kriminalitätsbelastung auf die Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen vor allem mit den Besonderheiten dieser Lebensphase, die durch Risikobereitschaft und Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, aber auch durch Unsicherheit und leichte Beeinflussbarkeit gekennzeichnet ist. Wie die Kontrolltheorie zeigt (" § 3 Rn. 76 ff.), wird die Wahrscheinlichkeit normkonformen Verhaltens umso größer, je stärker die Bindung des Einzelnen an die Gesellschaft und ihre Institutionen ist, was wiederum im Wesentlichen ein Alterseffekt ist.20 Zum zweiten lässt sich feststellen, dass Kriminalität vor allem ein männliches Verhalten ist. Die TVBZ der männlichen Tatverdächtigen ist im Durchschnitt etwa dreimal höher als die der weiblichen Tatverdächtigen. Lediglich in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen ist das Verhältnis etwas ausgeglichener; hier ist die TVBZ der männlichen Tatverdächtigen nur etwa doppelt so hoch wie die der weiblichen. Die Höherbelastung der Männer ist im Übrigen auch vom Delikt abhängig, wegen dem von der Polizei ermittelt wird. Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung sind Männer etwa viermal so stark belastet wie Frauen, bei den Sexualdelikten ist der Unterschied sogar noch deutlicher. Umgekehrt ist die Belastung der Männer beim einfachen Diebstahl und beim Waren-/ Warenkreditbetrug nur etwa doppelt so hoch; hier sind Frauen also häufiger beteiligt als bei den anderen Delikten.21 Auch hinsichtlich der Geschlechterverteilung ist nach den vorliegenden Dunkelfelduntersuchungen davon auszugehen, dass die PKS die Strukturen der „wirklichen“ Kriminalität im Kern zutreffend abbildet. Insbesondere gleichen sich die Unterschiede bei den leichteren Delikten (insbes. bei Beförderungserschleichung und Ladendiebstahl) im Dunkelfeld noch stärker aneinander an als dies aus der PKS ersichtlich ist ("Rn. 61a). 138 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 20 Zur Erklärung der Jugendkriminalität ausführlich Walter/Neubacher 2011, 90 ff. 21 Vertiefend Leuschner FPPK 2020, 130 ff. 41 42 43 Tabelle 5.4: Alters- und Geschlechtsstruktur der Tatverdächtigen 201922 Altersgruppen insgesamt männlich weiblich Kinder ab 8 Jahren 1.264 1.734 770 davon: 8 bis unter 10 408 631 174 10 bis unter 12 936 1.355 495 12 bis unter 14 2.439 3.203 1.635 Jugendliche 4.954 6.895 2.907 davon: 14 bis unter 16 4.640 6.126 3.075 16 bis unter 18 5.257 7.639 2.743 Heranwachsende 5.344 8.058 2.489 18 bis unter 21 Erwachsene 1.727 2.636 879 davon: 21 bis unter 25 4.281 6.413 2.050 25 bis unter 30 3.520 5.177 1.802 30 bis unter 40 3.053 4.463 1.612 40 bis unter 50 2.114 3.087 1.057 50 bis unter 60 1.360 1.978 742 60 bis unter 70 843 1.258 452 70 bis unter 80 507 777 284 80 Jahre und älter 261 454 146 insgesamt 1.949 2.950 1.002 Quelle: PKS Jahrbuch 2019, Bd. 3, 101 Für die Erklärung der unterschiedlichen Kriminalitätsbelastung der Geschlechter gibt es zahlreiche Ansätze. Am plausibelsten scheint es, die Unterschiede auf unterschiedliche Sozialisationsverläufe von Jungen und Mädchen zurückzuführen, die zu unterschiedlichen Ausprägungen sozialer Kontrolle und der Fähigkeit zur Selbstkontrolle führen. Möglicherweise geraten junge Männer aufgrund eines geringeren informellen Kontrolldrucks häufiger in Situationen, aus denen heraus sich Geschehensabläufe entwickeln, die in die Begehung von Straftaten einmünden. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass Frauen im Zuge ihrer Sozialisation andere, subtilere und normkonforme Ausdrucksformen von Aggressivität oder von Ärger- und Stressbewältigung entwickeln als Männer.23 III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 139 22 Tatverdächtigenbelastungszahlen; nur Deutsche; ohne Kinder unter 8 Jahre. 23 Eisenberg/Kölbel 2017, § 48 Rn. 45 f. 44 c) Nichtdeutsche Tatverdächtige Nichtdeutsche Tatverdächtige werden in der PKS gesondert ausgewiesen. TVBZen werden nicht errechnet, vielmehr werden lediglich die absoluten Zahlen angegeben. 2019 wurden 699.261 Nichtdeutsche als Tatverdächtige ermittelt, wobei der größte Anteil aus der Türkei sowie – mit deutlichem Abstand – aus Rumänien, Syrien und Polen stammte. Nichtdeutsche Tatverdächtige stellen damit etwa ein Drittel (34,6%) aller Tatverdächtigen, obwohl der Anteil der Nichtdeutschen an der Wohnbevölkerung deutlich geringer ist (12,2%). Die Anteile nichtdeutscher Tatverdächtiger variieren dabei in den einzelnen Altersklassen: Bei den Kindern liegt der Anteil bei 28,7% und bei den Jugendlichen sogar nur bei 22,7%, während er sowohl bei den Heranwachsenden als auch bei den Erwachsenen deutlich höher liegt (33,9% bzw. 36,3%). Mehr als drei Viertel der nichtdeutschen Tatverdächtigen (77,6%) sind männlich. Der Anteil der weiblichen Tatverdächtigen ist damit bei Nichtdeutschen geringer als bei Deutschen (22,4% gegenüber 26,3%). Der hohe Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen wird in der öffentlichen Diskussion häufig mit einer höheren Kriminalitätsbelastung und Gefährlichkeit gleichgesetzt. Solche Gleichsetzungen, die geeignet sind, die Einstellungen gegenüber „Ausländern“, insbesondere gegenüber Geflüchteten zu verändern und Furcht vor importierter Kriminalität zu fördern,24 sind erheblichen methodischen Einwänden ausgesetzt.25 Zum einen ist die genaue Zahl der in Deutschland lebenden bzw. sich aufhaltenden Nichtdeutschen nicht bekannt (Grenzpendler, Durchreisende, Touristen, illegal zugewanderte Personen werden statistisch nicht erfasst), so dass keine zuverlässigen TVBZen berechnet werden können. Zum anderen kann vermutet werden, dass die Kontrolldichte und Anzeigebereitschaft gegenüber Nichtdeutschen größer sind als gegenüber Deutschen (" § 9 Rn. 37); die Wahrscheinlichkeit, von der Polizei als Tatverdächtiger ermittelt zu werden, ist bei Zugewanderten also vermutlich größer als bei Deutschen. Hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil der Straftaten, die Nichtdeutschen zur Last gelegt werden (2019: 21,3%), auf Verstöße gegen das AufenthaltsG und das AsylG entfallen, also auf Straftaten, die eng mit dem Aufenthaltsstatus der Nichtdeutschen zusammenhängen und von Deutschen fast gar nicht begangen werden (können). Soweit die Verbrechenswirklichkeit auch bei Beachtung dieser Rahmenbedingungen durch eine höhere Belastung der Nichtdeutschen gekennzeichnet ist, ist bei der Erklärung Vorsicht angebracht. Es ist zu berücksichtigen, dass 140 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 24 Hirtenlehner/Groß/Meinert, SozProb 2016, 17 ff.; Hirtenlehner/Groß, Kriminalistik 2018, 169 ff.; Hirtenlehner MschrKrim 102 (2019), 262 ff. 25 Heinz, in: Jochum u. a. 2013, 845 ff.; Feltes Kriminalistik 2016, 694 ff. 45 46 47 von „der“ Ausländerkriminalität kaum gesprochen werden kann. Es gibt in Deutschland verschiedene Gruppen von Nichtdeutschen, die sich nicht nur in ihrem Aufenthaltsstatus, sondern auch im Grad ihrer Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft deutlich voneinander unterscheiden (Arbeitnehmer, Asylbewerber, Touristen, Studierende, Illegale etc.). Es kann deshalb nicht überraschen, dass auch die Kriminalitätsbelastung dieser verschiedenen Gruppen zum Teil sehr unterschiedlich ist. Vielmehr scheint die unterschiedliche rechtliche Bleibeperspektive kriminologisch bedeutsam zu sein: Geflüchteten, die keine Bleibeperspektive haben, fehlt möglicherweise häufiger eine sinnvolle Tagestruktur, die das Risiko von konflikthaften Auseinandersetzungen und Gewalthandlungen erhöhen kann.26 Sucht man nach weiteren Erklärungen, so kann eine gewisse Bedeutung den anomietheoretischen (schlechtere Platzierungschancen in der Gesellschaft aufgrund sprachlicher oder sonstiger Diskriminierung), den kontrolltheoretischen (weniger soziale Bindungen zu bereits Integrierten) sowie den entwicklungstheoretischen (Hintergründe der Zuwanderung nach Deutschland, Migration als Wendepunkt) Erklärungsansätzen zukommen. Die Erklärungen knüpfen damit an dieselben Überlegungen an, die auch für die Kriminalität von deutschen Staatsangehörigen gelten. Anders als es zuweilen in politischen Debatten ge- äußert wird, kann der Aufenthaltsstatus als solcher oder der Umstand, dass der Tatverdächtige einen Migrationshintergrund hat, die Begehung von Straftaten für sich genommen nicht erklären. Kriminalität ist keine Frage des Reisepasses oder der ethnischen Zugehörigkeit, sondern der biographischen Entwicklung und der Lebenslage.27 5. Entwicklung der registrierten Kriminalität Betrachtet man die Entwicklung über die Jahre hinweg, so wird deutlich, dass die Kriminalitätsbelastung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen hat. Während die HZ der bekannt gewordenen Taten 1994 im wiedervereinigten Deutschland noch bei 8.038 gelegen hatte, belief sie sich 2019 nur noch auf 6.548, was einem Rückgang um – 18,5% entsprach (Abb. 5.1). Dabei ist besonders auffällig der Rückgang beim schweren Diebstahl; hier ist die HZ im Zeitraum 1994 bis 2019 sogar um deutlich mehr als die Hälfte zurückgegangen (– 67,2%), während der Rückgang beim einfachen Diebstahl im selben Zeitraum geringer ausfällt (– 32,6%). Umgekehrt gibt es in demselben zeitlichen Abschnitt aber auch Anstiege, etwa bei dem quantitativ ebenfalls bedeutsamen Delikt des Betrugs III. Umfang, Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität 141 26 Pfeiffer/Baier/Kliem 2018, 80 f.; vertiefend Glaubitz/Bliesener NK 2019, 142 ff. 27 Feltes Kriminalistik 2016, 696; vertiefend Wetzels/Brettfeld/Farren MschrKrim 101 (2018), 85 ff. 48 (+ 38,9%). Der Rückgang bei den Diebstahlsdelikten dürfte zum Teil auf die gestiegene Effektivität von Präventionsbemühungen in diesem Bereich zurückzuführen sein (etwa soweit es den Diebstahl in und aus Kfz betrifft); zum Teil dürften aber auch geänderte Erledigungsstrategien der Geschädigten (etwa im Bereich des Ladendiebstahls Hausverbot und Einklagen zivilrechtlicher Ansprüche) eine Rolle spielen. Im Betrugsbereich entfallen die größten Anstiege auf den Waren- und Warenkreditbetrug (+ 215,3%); diese Entwicklung dürfte wesentlich mit der in diesen Zeitraum fallenden Verbreitung des Internets in Zusammenhang stehen, woraus sich für den Betrug neue Handlungsfelder eröffnet haben.28 142 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 28 Vertiefend Tonry Crime and Justice 43 (2014), 1 ff. A bb.5.1:K rim inalitätsentw icklung seit 1994 (H äufigkeitszahlen) 0 2000 4000 6000 8000 10000 Straftaten insgesamt Diebstahl ohne erschwerende Umstände Diebstahl unter erschwerenden Umständen Betrug III.U m fang,Struktur und E ntw icklung der registrierten K rim inalität143 Bei den ermittelten Tatverdächtigen ist der Mehrjahresvergleich schwierig, da die Erfassungs- bzw. Berechnungsmodalitäten 2009 und 2013 geändert wurden (Einführung einer „echten“ Tatverdächtigenzählung und Änderung der Datenbasis bei den Bevölkerungszahlen). Gleichwohl zeigt sich auch hier ein deutlicher Rückgang der Belastungszahlen. Verallgemeinernd lässt sich feststellen, dass die TVBZen in den 1990er Jahren bis in die erste Hälfte der Nullerjahre gestiegen waren, wobei die Anstiege sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Heranwachsenden besonders deutlich ausgefallen waren (Abb. 5.2). Der Spitzenwert wurde von den (männlichen und weiblichen) Jugendlichen im Jahr 2001 mit einer TVBZ von 7.416, von den Heranwachsenden im Jahr 2004 mit einer TVBZ von 7.921 erreicht. Auch die Zahlen für die tatverdächtigen Kinder waren angestiegen; hier war der Scheitelpunkt der Kurve schon 1998 erreicht (TBVZ: 2.417). Seither sind die Zahlen in allen drei Altersgruppen und auch bei den Erwachsenen (Spitzenwert 2004 mit einer TVBZ von 2.634) deutlich zurückgegangen, wenn sich auch bei den Kindern und Jugendlichen seit 2017 wieder leichte Anstiege verzeichnen lassen, die allerdings nicht an das Niveau früherer Jahre anknüpfen (zu den Werten für 2019 vgl. Tab. 5.4).29 144 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 29 Vertiefend Antholz FPPK 2017, 81 ff.; Baier FPPK 2020, 141 ff. 49 A bb.5.2: E ntw icklung der Tatverdächtigenbelastungszahlen (nur D eutsche) 2000 3000 4000 5000 6000 7000 8000 9000 0 1000 Kinder Jugendliche Heranwachsende Erwachsene III.U m fang,Struktur und E ntw icklung der registrierten K rim inalität145 Bei der Interpretation der Zahlen ist zu berücksichtigen, dass die Entwicklung der TVBZ von der Entwicklung der Aufklärungsquote abhängig ist. Selbst bei einer gleichbleibenden HZ steigt die TVBZ an, wenn es der Polizei gelingt, mehr Fälle aufzuklären und dadurch mehr Tatverdächtige zu ermitteln. Beispiel: Wenn sich die HZ bei einem Delikt innerhalb von zwei Jahren nicht verändert (also etwa konstant bei 1.000 liegt), es der Polizei aber aufgrund geänderter Ermittlungsstategien gelingt, die AQ von 50% auf 55% zu erhöhen, erhöht sich auch die TVBZ um etwa 10% (genau lässt sich dies wegen der Mehrfachtäter- und der Tatgemeinschaftenproblematik nicht vorhersagen; "Rn. 34). Ein aus der PKS ersichtlicher Anstieg der TVBZ lässt sich dementsprechend nicht zwingend als „Kriminalitätsanstieg“ interpretieren, sondern spiegelt häufig nur ein geändertes Kontrollverhalten der Polizei wider, ohne dass sich notwendig die „objektive“ Sicherheitslage verändert haben muss. Vergleichbares gilt für den Rückgang der TVBZ, der nicht zwingend auf eine verbesserte Sicherheitslage hinweisen muss, sondern der auch nur durch eine Verschlechterung der AQ bedingt sein kann. Altersbezogene Untersuchungen zur Kriminalitätsentwicklung (zB zur Jugendkriminalität) sind deshalb allein anhand der PKS nicht möglich, vielmehr muss zusätzlich wenigstens auch die Entwicklung der AQ, und damit der HZ in den Blick genommen werden. Dass allerdings auch Letzteres nicht ausreicht, um sich einen zuverlässigen Überblick über die Entwicklung der „objektiven“ Kriminalitätslage zu verschaffen, wird deutlich, wenn man sich die Abhängigkeiten vergegenwärtigt, in denen die HZ steht. Ob die HZ steigt oder fällt, mag zwar auch dadurch bestimmt werden, ob „tatsächlich“ mehr oder weniger Straftaten begangen werden. In erster Linie ist die HZ aber vom Anzeigeverhalten der Geschädigten sowie von der Intensität der proaktiven Ermittlungstätigkeit der Polizei abhängig ("Rn. 31 f.). Auch wenn innerhalb von zwei Jahren „objektiv“ nicht mehr Straftaten begangen werden, wird in der PKS ein Kriminalitätsanstieg registriert, wenn sich im zweiten Jahr mehr Geschädigte entschließen, den Tatverdacht der Polizei mitzuteilen, oder wenn bei Delikten ohne personales Opfer (zB bei Btm-delikten oder der Verbreitung von Kinderpornographie) mehr Ermittlungen von Amts wegen durchgeführt werden. Ob es in der zeitlichen Entwicklung insoweit Veränderungen gegeben hat, lässt sich nur mit empirischen Untersuchungen klären, die versuchen, das „Dunkelfeld“ der Kriminalität und die Prozesse aufzuhellen, die zur Kenntniserlangung durch die Polizei geführt haben. Über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie („Corona“) auf die Kriminalität ist zum Zeitpunkt der Drucklegung nur wenig bekannt. Anzunehmen ist, dass die im März 2020 begonnenen Maßnahmen der Infektionskontrolle, insbesondere das social distancing, zu einer weiteren – aber wahrscheinlich nur vorübergehenden – Verringerung der allgemeinen Kriminalitätsbelastung führen, weil sich durch die Maßnahmen die Möglichkeiten zur unbeobachteten Begehung von Straftaten im öffentlichen und halböffentlichen Raum verringert haben. So ist etwa beim Ladendiebstahl und der Be- 146 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 50 51 51a förderungserschleichung, aber auch beim Wohnungseinbruchsdiebstahl mit einem Rückgang der Kriminalitätsbelastung zu rechnen, während im Bereich der häuslichen Gewalt, aber auch bei den über das Internet begangenen Straftaten, insbesondere beim Waren- bzw. Warenkreditbetrug ein Anstieg zu erwarten ist.30 Es wird interessant sein anhand der PKS 2020 zu prüfen, inwieweit sich diese Annahmen bestätigen, und nach den Gründen für etwaige Abweichungen zu fragen. Die durch die Pandemie geschaffenen gesellschaftlichen Veränderungen bieten methodisch eine einmalige (quasi-experimentelle; " § 4 Rn. 21) Chance, um den Einfluss von Umfeldfaktoren auf die Kriminalitätsbelastung genauer zu untersuchen. IV. Zum Vergleich: Kriminalität im Dunkelfeld 1. Begriff, Gegenstand und Aufgabe der Dunkelfeldforschung Der Begriff des „Dunkelfelds“ lässt sich definieren als die Differenz zwischen der Anzahl der „objektiv“ stattgefundenen Fälle von Kriminalität (also der Gesamtmenge derjenigen Handlungen, die bei einer juristisch korrekten Einordnung als „kriminelles Unrecht“ zu bezeichnen sind) und der Anzahl der Fälle, die in der PKS als amtlich bekannt geworden ausgewiesen werden.31 Der Begriff des Dunkelfelds bezeichnet das „unsichtbare“ und deshalb „dunkle“ kriminelle Verhalten. Die Bestimmung der Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit erfolgt dabei aus der Perspektive der Strafverfolgungsorgane; auf das Wissen anderer Personen oder Institutionen (Opfer, Anzeigeerstatter, Familienangehörige, Freunde, Arbeitgeber, Versicherungen etc.) kommt es nicht an, denn mit dem Begriff des Dunkelfelds ist nicht die „heimliche Tat“ gemeint. Der Begriff ist aber auch nicht mit dem des „unaufgeklärten Falls“ identisch, der in der PKS zur Bildung der AQ herangezogen wird. Die unaufgeklärten Fälle sind diejenigen Fälle, bei denen zwar kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte, bei denen die Tat aber immerhin der Polizei bekannt und damit „sichtbar“ geworden ist. Die kriminologische Erforschung des Dunkelfelds geht in zwei Richtungen: Zum einen bemüht sich die Forschung um die quantitative und gelegentlich auch qualitative Erfassung der „objektiv“ stattgefundenen, der Polizei aber nicht zwingend bekannt gewordenen IV. Zum Vergleich: Kriminalität im Dunkelfeld 147 30 Neubert u. a. KrimOJ 2020, 338 ff. 31 Kritisch vertiefend Kunz MschrKrim 103 (2020), 150 ff. 52 53 Fälle von Kriminalität und versucht, ihren Umfang und ihre Strukturen deutlich zu machen. Das Ziel dieses Forschungsansatzes besteht darin, einen genaueren Zugang zur Kriminalitätswirklichkeit zu gewinnen und dabei auch Aufschluss über solche tat-, täter- und opferbezogenen Umstände zu erhalten, die in der PKS nicht ausgewiesen sind. Insbesondere ist es (nur) auf diesem Weg möglich, die Taten in ihrem jeweiligen sozialen Kontext zu untersuchen, also zu fragen, ob es sich bei einer Körperverletzung beispielsweise um einen Fall von häuslicher Gewalt, Gewalt auf dem Schulhof oder um einen politisch motivierten Angriff auf einen Obdachlosen gehandelt hat. Zum anderen bemüht sich die Dunkelfeldforschung darum, das Verhältnis zwischen Dunkelfeld und Hellfeld genauer aufzuklären und anzugeben, wie viele Taten im Dunkelfeld bleiben, wenn der Polizei eine Tat bekannt wird. Ausgedrückt wird dieses Verhältnis von unbekannt gebliebener und bekannt gewordener Kriminalität durch die „Dunkelziffer“. Die Kenntnis dieser Dunkelziffer ermöglicht Angaben zu der Größe des Ausschnitts aus der „tatsächlich“ begangenen Kriminalität, der sich in der PKS abbildet, und erlaubt damit Einschätzungen zur Aussagekraft der PKS. Ebenfalls möglich ist es der Frage nachzugehen, warum Straftaten angezeigt werden oder warum umgekehrt auf die Erstattung einer Anzeige verzichtet wird. Hieraus lassen sich Erkenntnisse über das der Polizei entgegengebrachte Vertrauen und die mit einer Strafanzeige verbundenen Erwartungen gegenüber Polizei und Justiz gewinnen. Methodisch arbeitet die Dunkelfeldforschung vornehmlich mit dem Instrument der Befragung ("Rn. 2e, § 4 Rn. 23). Je nach Fragestellung lassen sich Täter-, Opfer- und Informantenbefragungen unterscheiden.32 Bei einer Täterbefragung werden die Befragten um Auskunft gebeten, ob sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums eine Straftat begangen haben. Opferbefragungen ermitteln, ob die Betreffenden viktimisiert worden sind. Informantenbefragungen sind Umfragen bei Dritten (zB bei Versicherungen oder in den Compliance-Abteilungen von Unternehmen), ob sich in ihrem Zuständigkeitsbereich eine Straftat ereignet hat, die den Behörden nicht gemeldet wurde. Da es im vorliegenden Zusammenhang allein um die bessere Einschätzung des durch die PKS vermittelten Kriminalitätslagebilds geht, wird im Folgenden lediglich auf die Täterbefragungen genauer eingegangen (zu den Ergebnissen der Opferbefragungen " § 8 Rn. 9 ff.). 148 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 32 Vertiefend Prätor, in: Eifler/Pollich 2014, 38 ff.; Kunz/Singelnstein 2016, § 17 Rn. 19 ff. 54 55 2. Methodische Probleme der Dunkelfeldforschung Für die Durchführung von Dunkelfelduntersuchungen gelten die allgemeinen Standards der empirischen Sozialforschung. Große Probleme können die Gültigkeit (Validität) und die Zuverlässigkeit (Reliabilität) der Erhebungsinstrumente bereiten (" § 4 Rn. 25 f.). Um das „wirkliche“ Kriminalitätsaufkommen im Dunkelfeld gültig und zuverlässig messen zu können, müssen die Fragen auf eine Weise formuliert werden, die von den Befragten verstanden wird. Die Fragen dürfen nicht die gesetzlichen Merkmale eines Straftatbestands in Bezug nehmen, sondern müssen umgangssprachliche Formulierungen des Gemeinten enthalten. Dies ist freilich insofern problematisch, als die umgangssprachlichen Formulierungen meist keine ebenso exakten Verhaltensbeschreibungen enthalten wie die gesetzlichen Formulierungen; sie sind vergröbernd und ungenau (zB „Hast du schon einmal jemanden abgezockt oder bestohlen?“). Weitere Schwierigkeiten ergeben sich aus der Gefahr von falschen Angaben, die die Befragten zB aufgrund von Erinnerungslücken machen. Viele Straftaten werden von den Betreffenden wieder vergessen, und zwar insbesondere diejenigen – vor allem leichteren – Taten, die nicht zur Anzeige gebracht worden sind. Je länger der Zeitraum ist, der in der Untersuchung abgefragt wird, desto ungenauer ist das Ergebnis, da sich die Betreffenden an die weiter zurückliegenden Ereignisse schwerer erinnern können. Üblicherweise wird in den Dunkelfeldbefragungen nach den innerhalb der letzten 12 Monate begangenen/erlebten Taten gefragt; möglich sind allerdings auch deutlich längere Referenzzeiträume (zB 5 Jahre oder die gesamte Lebenszeit). Da Fragen nach Straftaten oft affektiv aufgeladene Sachverhalte betreffen, ist überdies mit Verdrängungs- und Beschönigungstendenzen zu rechnen sowie mit Renommiergehabe und Prahlerei. Methodische Probleme kann auch die Stichprobenbildung bereiten. Ziel jeder Stichprobe ist es, ein repräsentatives Abbild der erhobenen Verteilungen in der Grundgesamtheit zu liefern. Voraussetzung hierfür ist, dass theoretisch alle Mitglieder der Grundgesamtheit dieselbe Chance haben, in die Stichprobe aufgenommen zu werden (" § 4 Rn. 34). In der Praxis ist diese Voraussetzung kaum einzuhalten; bestimmte Personengruppen sind für die Dunkelfeldforschung nur schwer zugänglich. Beispiele: Kranke, Betreuungsbedüftige, Obdachlose oder Geflüchtete sind in einer repräsentativen Dunkelfeldstudie nur schwer zu erreichen. Im Ergebnis führt dies zu einer Mindererfassung gerade solcher Teilpopulationen, die aus kriminologischer Sicht besonders interessant erscheinen. Viele Untersuchungen sind deshalb von vornherein nicht auf Repräsentativität angelegt, IV. Zum Vergleich: Kriminalität im Dunkelfeld 149 56 57 58 sondern bemühen sich um die Erfassung der „typischen“ Strukturen der Dunkelfeldkriminalität anhand besonders leicht zugänglicher Teilpopulationen. Besondere Aufmerksamkeit erfahren dabei immer wieder Schülerinnen und Schüler, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen sind in Deutschland alle Kinder ab dem 6. Lebensjahr zum Schulbesuch verpflichtet. Mit Befragungen an Schulen werden deshalb der Idee nach alle Angehörigen eines Geburtsjahrgangs erreicht. Zum anderen korreliert strafrechtlich relevantes Verhalten mit dem Alter; 14- bis 24-Jährige sind stärker belastet als andere ("Rn. 39 ff.; Tab. 5.4). Befragungen, die an Schulen durchgeführt werden (häufig in den 9. Jahrgangsstufen), sprechen damit eine Altersgruppe an, die in kriminologischer Hinsicht besonders interessant erscheint. Allerdings kann sich auch bei derartig eingeschränkten Untersuchungen das Problem der mangelnden Erreichbarkeit stellen; bei einer Befragung unter Schülerinnen und Schülern sind bspw. die am Befragungstag Abwesenden (Kranke, Schulschwänzer) nicht erreichbar. Hinzu kommt, dass mit derartigen Schülerbefragungen nur die jugendtypische Delinquenz erfasst wird (vornehmlich also leichte Eigentums- und Vermögensdelikte sowie leichte Gewaltdelinquenz), nicht aber solche Formen strafbaren Verhaltens, die typischerweise von Erwachsenen begangen werden, bspw. Diebstahl am Arbeitsplatz, Steuerhinterziehung, Versicherungsbetrug oder die Misshandlung von pflegebedürftigen Angehörigen. Solche und andere methodische Probleme schränken den Aussagegehalt von Dunkelfelduntersuchungen ein. Auch Dunkelfelduntersuchungen sind deshalb nicht in der Lage, ein abschließendes Bild über die „wirkliche“ Kriminalität zu vermitteln. Sie liefern aber Annäherungswerte, die im Zusammenhang mit anderen Daten in kriminologischen Analysen verwendet werden können. 3. Die Befunde und ihre kriminologische Bedeutung Versucht man, die wichtigsten Befunde der bisherigen Täterbefragungen zur Jugenddelinquenz zusammenzufassen, so zeigt sich folgendes Bild:33 (1) In der sozialen Wirklichkeit werden deutlich mehr Straftaten begangen als aus der PKS ersichtlich ist. Unter jungen Menschen (Jugendlichen, Heranwachsenden, aber auch Kindern) sind Verhaltensweisen, die nach den gesetzlichen Regelungen als Straftaten einzuord- 150 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 33 Vgl. zum Folgenden Wetzels/Enzmann/Mecklenburg/Pfeiffer 2001, 193 ff.; Rabold/ Baier/Pfeiffer 2008, 41 ff.; Baier/Pfeiffer/Simonson/Rabold 2009, 64 ff.; Bergmann/ Baier/Rehbein/Mößle 2017, 42 ff.; Bergmann/Kliem/Krieg/Beckmann 2019, 28 ff.; Boers/Reinecke 2019. 59 60 nen sind, nichts Ungewöhnliches. Nach den übereinstimmenden Ergebnissen einer Vielzahl von Untersuchungen kann es als gesichert gelten, dass es im statistischen Sinn normal ist, wenn ein Jugendlicher im Verlauf seiner Entwicklung eine oder mehrere Straftaten begeht. (2) Die Mehrzahl der im Dunkelfeld begangenen Delikte beschränkt sich auf einige wenige Abweichungen und befindet sich dem Schweregrad nach im Bagatellbereich. Typische im Dunkelfeld begangene Delikte sind Beförderungserschleichung („Schwarzfahren“), das illegale Downloaden, Ladendiebstahl, Sachbeschädigung und einfache Körperverletzung. In einer 2017 durchgeführten Befragung des KFN unter Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufen in Niedersachsen („Niedersachsensurvey“) stachen die beiden ersten Delikte heraus: Mehr als ein Viertel der Neuntklässler (26,1%) gab an, innerhalb der letzten 12 Monate wenigstens einmal „schwarz gefahren“ zu sein; ebenfalls gut ein Viertel (28,9%) bekannte sich zu einer strafbaren Urheberrechtsverletzung („illegaler Download“). Die anderen Delikte blieben in ihrer Häufigkeit dahinter zurück, allerdings zeigte sich in Bezug auf die Lebenszeitprävalenz, dass 15,8% der Befragten angaben, überhaupt schon einmal einen Ladendiebstahl, 15,7% eine Körperverletzung und 11,0% eine Sachbeschädigung begangen zu haben. Die schwereren Formen von strafnormverletzendem Verhalten sind demgegenüber unter Schülerinnen und Schülern sehr selten. Delikte wie Einbruchsdiebstahl, Raub und Erpressung sind die Ausnahme.34 Im statistischen Sinn normal ist es dementsprechend lediglich, einige wenige und auch nur leichte Delikte zu begehen. Sowohl die Anzahl als auch die Schwere der Taten folgen einer umgekehrt J-kurvenförmigen Verteilung (" § 4 Rn. 37), dh eine steigende Delinquenzbelastung ist ein zunehmend seltener werdendes Ereignis. Die Verteilung signalisiert, dass sich die meisten Menschen, auch Jugendliche, ungeachtet gelegentlicher kleinerer Abweichungen grundsätzlich an den strafbewehrten Verhaltensnormen orientieren. (3) Die leichteren Delikte, namentlich Beförderungserschleichung und Ladendiebstahl, werden nach den Schülerbefragungen von Frauen ebenso häufig begangen wie von Männern. Bei schwerwiegenderen Verstößen, vor allem wenn es um Gewaltanwendung geht, sind Frauen demgegenüber deutlich seltener beteiligt als Männer. In der erwähnten Schülerbefragung des KFN von 2015 gaben sogar mehr Mädchen als Jungen an, innerhalb der letzten 12 Monate „schwarz gefahren“ IV. Zum Vergleich: Kriminalität im Dunkelfeld 151 34 Bergmann/Kliem/Krieg/Beckmann 2019, 33, 41. 61 61a zu sein oder einen Ladendiebstahl begangen zu haben. 26,1% der weiblichen Jugendlichen, aber nur 25,4% der männlichen Jugendlichen bekannten sich zu einer Beförderungserschleichung, 4,3% der jungen Frauen, aber nur 3,7% der jungen Männer zu einem Ladendiebstahl. Bei den übrigen Delikten lag die Täterrate der Jungen über der der Mädchen.35 (4) Unsicher ist die Befundlage hinsichtlich der Delinquenzbelastung von Tätern mit Migrationshintergrund. Während die PKS-Daten auf eine Höherbelastung von nichtdeutschen Tatverdächtigen hinweisen ("Rn. 45), führen Dunkelfelduntersuchungen z. T. zu abweichenden Ergebnissen. Nicht zuletzt wegen der kriminalpolitischen Implikationen ("Rn. 46) besteht hier noch erheblicher Forschungsbedarf.36 Anders als in der PKS kann in Dunkelfelduntersuchungen nicht nur nach der Staatsangehörigkeit, sondern umfassender nach der Herkunft gefragt werden, so dass auch Personen mit Migrationshintergrund erfasst werden können, die die deutsche Staatsangehörigkeit bereits erlangt haben. Die Befragung des KFN zeigte, dass Schüler mit Migrationshintergrund signifikant häufiger als andere personale Gewalt ausüben. Während im Niedersachsensurvey von 2017 nur 6,0% der Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund angaben, innerhalb der letzten 12 Monate eine Gewalttat begangen zu haben, bekannten sich 11,5% der Befragten mit Migrationshintergrund zur Begehung einer Gewalttat.37 Auch in früheren Schülerbefragungen des KFN hatte sich diese Höherbelastung der Befragten mit Migrationshintergrund gezeigt, wobei sich insbesondere Männer aus dem südosteuropäischen Raum und der Türkei als belastet erwiesen.38 Das KFN erklärte diesen Befund u. a. mit den in der Türkei vorherrschenden und nach Deutschland importierten gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen („Kultur der Ehre“).39 Auf der anderen Seite zeigte eine Schülerbefragung der Universität Münster, dass sich in Duisburg die Täteranteile von Migranten und Nichtmigranten über mehrere Befragungszeitpunkte hinweg nicht signifikant voneinander unterschieden, und zwar auch nicht im Bereich der Gewaltdelikte. Türkeistämmige weibliche Jugendliche waren im Vergleich zu weiblichen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sogar besonders unauffällig.40 Die Münsteraner Forscher führten den Unterschied auf die besonderen Akkulturationsbedingungen in einer Großstadt zurück.41 152 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 35 Bergmann/Baier/Rehbein/Mößle 2017, 54. 36 Wetzels/Brettfeld/Farren, MschrKrim 101 (2018), 85 ff. 37 Bergmann/Kliem/Krieg/Beckmann 2019, 42. 38 Rabold/Baier/Pfeiffer 2008, 45; Baier/Pfeiffer/Simonson/Rabold 2009, 70 f. 39 Vgl. Pfeiffer/Kleimann/Petersen/Schott 2005, 68 ff.; Baier/Pfeiffer/Simonson/Rabold 2009, 71 ff. 40 Walburg, in: Boers/Reinecke 2019, 347 ff. 41 Walburg, in: Boers/Reinecke 2019, 376 ff. 61b (5) Soweit sich in der PKS seit 2017 ein (Wieder-) Anstieg der Kriminalitätsbelastung bei Kindern und Jugendlichen zeigt ("Rn. 49), wird diese Entwicklung in Dunkelfeldbefragungen bestätigt. Im Vergleich von 2015 und 2017 nahmen Gewalt und Diebstahl in den Niedersachsensurveys des KFN sowohl in der 12-Monats-Prävalenz als auch in der Lebenszeitprävalenz wieder signifikant zu.42 (6) Unabhängig von Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund gilt, dass nur ein Teil der Delikte und Delinquenten entdeckt, verfolgt und sanktioniert wird; die meisten Auffälligkeiten bleiben ungeahndet oder werden informell reguliert. Statistisch ist es also zwar normal, im Jugendalter die Strafnormen zu übertreten, aber statistisch ist es nicht normal, deswegen auch förmlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Dies zeigte sich deutlich in einer früheren Befragung des KFN, in der 57,6% der Neuntklässler angaben, im Laufe der letzten 12 Monate „schwarz gefahren“ zu sein. Über einen Polizeikontakt wegen der Tat berichteten demgegenüber nur 12,1% derjenigen, die das Delikt begangen hatten. Die Entdeckungsquote variierte dabei mit dem Delikt: Sie lag höher bei Ladendiebstahl, Autoeinbruch und Körperverletzung (34,8% – 26,2% – 23,8%), während sie bei anderen Delikten wie dem Fahren ohne Führerschein darunter lag (6,3%).43 Die Befunde verallgemeinernd stellt sich die Frage nach den Kriterien, die darüber entscheiden, ob ein Fall ins Blickfeld der Strafverfolgungsorgane gelangt oder im Dunkelfeld verbleibt. Die Frage spielt in der Kriminologie eine große Rolle; so wird bspw. in zahlreichen Untersuchungen geprüft, ob es eine positive Diskriminierung von Frauen („Ritterlichkeitsthese“) oder eine negative Diskriminierung von Nichtdeutschen gibt. Um die Frage zu beantworten, müssen die Motive der Anzeigeerstatter ebenso in den Blick genommen werden wie die Verdachtsgewinnungsstrategien der Polizei (" § 9 Rn. 32 ff.). Drei Kriterien lassen sich allerdings auch in Täterbefragungen als entscheidend für die Wahrnehmung durch die Polizei ausmachen: die Schwere, die Häufigkeit und die Versatilität (= Vielseitigkeit, Bandbreite) der begangenen Delikte. Je schwerer ein Delikt ist, je mehr Delikte begangen werden und je größer die Breite der verschiedenartigen deliktischen Verhaltensweisen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter entdeckt und strafrechtlich verfolgt wird. IV. Zum Vergleich: Kriminalität im Dunkelfeld 153 42 Bergmann/Kliem/Krieg/Beckmann 2019, 31, 41. 43 Rabold/Baier/Pfeiffer 2008, 42, 44. 61c 62 62a Konsequenz der unterschiedlichen Wahrnehmung durch die Polizei ist, dass die Deliktsbelastung der polizeilich bekannt gewordenen Delinquenten im Hinblick auf die Schwere, die Häufigkeit und die Versatilität der begangenen Taten deutlich größer ist als die der unentdeckt gebliebenen Delinquenten. 4. Konsequenzen für die Aussagekraft der PKS Was bedeuten diese Ergebnisse für die Aussagekraft der PKS-Daten? Die PKS macht nur einen Teil der tatsächlich begangenen Kriminalität deutlich; sie zeigt nur die „Spitze des Eisbergs“.44 Der von der PKS erfasste Ausschnitt ist delikts- und personenspezifisch verzerrt. Auf der einen Seite lässt sich zwar feststellen, dass die PKS die auch anhand von Dunkelfelduntersuchungen belegbare Höherbelastung von Jugendlichen und Männern zutreffend wiedergibt; jedenfalls in diesen beiden zentralen Strukturmerkmalen stimmen die Perspektiven auf Kriminalität überein. Auf der anderen Seite wird von der Polizei vor allem die schwerere Kriminalität wahrgenommen sowie die Kriminalität derjenigen, die mit zahlreichen oder verschiedenartigen Delikten auffallen. Dementsprechend wird die „objektive“ Kriminalitätslage in der PKS bei den schwereren Delikten und den Delikten der Mehrfachtäter genauer abgebildet als bei den leichteren Delikten und den Delikten der Einfach- oder Gelegenheitstäter. Im Ergebnis bedeutet dies, dass die PKS-Daten in ihrer Gesamtheit kein wirklichkeitsgetreues Abbild des tatsächlichen Kriminalitätsgeschehens liefern, sondern allenfalls im Bereich der schwereren Kriminalität als Indikatoren für die „objektive“ Kriminalitätslage herangezogen werden können. Im Bagatellbereich ist die PKS dagegen nur ein sehr unzuverlässiger Indikator für die Kriminalitätswirklichkeit. V. Kriminalpolitische Schlussfolgerungen Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den genannten Befunden für die Beurteilung der Sicherheitslage ziehen? Ist Deutschland ein unsicheres Land? Die große Zahl der polizeilich registrierten Kriminalität weist auf einen gesellschaftlichen Zustand hin, in dem „Kri- 154 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft 44 Schwind 2013, § 2 Rn. 66a. 63 64 65 minalität“ zum Alltag gehört. Die Begehung von Straftaten ebenso wie korrespondierend das Erlebnis der Viktimisierung (" § 8 Rn. 11 ff.) bilden für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung – vor allem der jüngeren Bevölkerung – einen festen Bestandteil ihrer Lebenserfahrung. Zum Opfer einer Straftat zu werden gehört zum Lebensrisiko. Für die Frage, wie dieser Befund kriminalpolitisch zu bewerten ist, muss differenziert werden. Straftat ist nicht gleich Straftat; schweren Delikten kommt eine andere Bedeutung zu als leichten. Im Bereich der leichteren Delinquenz macht die große Diskrepanz zwischen dem Hellfeld der registrierten Kriminalität und dem Dunkelfeld der tatsächlich erlebten, der Polizei aber nicht gemeldeten Kriminalität deutlich, dass der Zustand der Gefährdung durch Kriminalität von den Betroffenen offenbar nicht als sonderlich problematisch empfunden wird. Anders lässt es sich kaum erklären, dass der größte Teil der leichteren Delikte der Polizei nicht gemeldet wird, liegt doch nach den Ergebnissen von Opferbefragungen das vorrangige Motiv für die Nichtanzeige einer Tat in der Abwägung, dass der mit einer Anzeige verbundene Aufwand den Ertrag nicht lohne (dazu genauer " § 8 Rn. 50 f.). Anders stellt es sich im Bereich der schwereren Kriminalität dar, wo die Diskrepanz zwischen Hell- und Dunkelfeld geringer ist und die PKS die „objektive“ Kriminalitätslage genauer widerspiegelt. Insoweit ist freilich festzustellen, dass dieser Bereich, dem auch in den Medien eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird, in der Kriminalitätswirklichkeit eine deutlich geringere Rolle spielt als es zunächst den Anschein hat. Bezogen auf das Gesamtaufkommen der polizeilich registrierten Kriminalität, der noch nicht einmal die Verkehrsdelikte einschließt, stellen die in der Öffentlichkeit als besonders beunruhigend empfundenen schweren Gewalttaten einen Anteil von ca. 3%, die Sexualdelikte einen Anteil von etwa 1%. Das Risiko, Opfer eines vorsätzlichen Tötungsdelikts zu werden (2019: 2.315 polizeilich registrierte Fälle von vollendetem Mord und Totschlag), ist geringer als zB das Risiko, im Straßenverkehr getötet zu werden (2019: 3.046 Todesfälle im Straßenverkehr). Derartige Vergleiche sollen die besondere Qualität von Straftaten nicht verharmlosen. Sie zeigen jedoch, dass schwere Kriminalität ein vergleichsweise seltenes Ereignis ist, dem im Vergleich zu anderen Lebensrisiken noch nicht einmal eine herausgehobene Bedeutung zukommt. Viel spricht deshalb dafür, dass die Kriminalitätslage trotz einer nach manchen spektakulären V. Kriminalpolitische Schlussfolgerungen 155 66 67 Einzeldelikten von den redaktionellen Medien geschürter und durch die sozialen Medien wabernder Hysterie derzeit keinen Anlass zur Besorgnis bietet. Dass Deutschland im Übrigen auch im europäischinternationalen Vergleich eher ein „sicheres“ Land ist, wird sich in einem anderen Zusammenhang zeigen (" § 12 Rn. 16 ff.). Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Baier, Entwicklung der Jugendkriminalität im deutschsprachigen Raum, FPPK 2020, 141 – 148; Feltes, Die „German Angst“. Woher kommt sie, wohin führt sie? NK 2019, 3 – 12; Heinz, Das kriminalstatistische System in Deutschland, Kriminalistik 2017, 427 – 435; Prätor, Ziele und Methoden der Dunkelfeldforschung, in: Eifler & Pollich 2014, 31 – 66;Wetzels, Brettfeld & Farren, Migration und Kriminalität, MschrKrim 101 (2018), 85 – 111. 156 § 5. Kriminalität in der Gesellschaft

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References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht