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§ 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 193 - 216

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-193

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit I. Begriff und Bedeutung der Kriminalprognose Einen der wichtigsten Anwendungsbereiche der empirischen Befunde zu den entwicklungskriminologischen Hintergründen der Tat bildet die Vorhersage des künftigen Täterverhaltens. Auf der Grundlage dessen, was aus der bisherigen Entwicklung über einen Täter bekannt ist, wird die Einschätzung abgeleitet, wie sich der Betreffende in Zukunft voraussichtlich verhalten, insbesondere ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit er weitere Straftaten begehen wird. Eine solche, auf das Verhalten einer bestimmten Person bezogene Individualprognose ist nicht die einzige Art von Prognose, die es in der Kriminologie gibt. Es gibt auch Kollektivprognosen, die die allgemeine Kriminalitätsentwicklung in einem bestimmten Gebiet, für einen bestimmten Zeitraum oder eine bestimmte Bevölkerungsgruppe voraussagen. Ein Beispiel hierfür sind Expertisen, die in den Jahren 2009/10 zur voraussichtlichen Entwicklung der Jugendkriminalität bis zum Jahr 2020 erstellt wurden. Hintergrund war der demographische Wandel, der in einer alternden Gesellschaft den Rückgang von Jugendkriminalität und Jugendgewalt erwarten ließ.1 Der spätere Vergleich der vorhergesagten Entwicklung mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung zeigte, dass die registrierte Jugendkriminalität tatsächlich sehr viel stärker gesunken war als es vorhergesagt worden war: Dass die Belastung auch in den Zehnerjahren unabhängig von der demographischen weiter zurückgehen würde (" § 5 Rn. 49; Abb. 5.2), war genauso wenig vorhergesehen worden wie die fluchtbedingte Migration nach Deutschland in den Jahren 2015/16.2 Ein anderes Beispiel sind Prognosen, die von der Polizei zur Einbruchswahrscheinlichkeit in einzelnen Stadtgebieten erstellt werden. Der Idee nach werden die vorhergesagten Einbrüche durch Polizeipräsenz vor Ort verhindert (predictive policing).3 Derartige raumbezogene Instrumente tragen zur Stabilisierung raumbezogener gesellschaftlicher Selektivität bei, was ihren Einsatz als problematisch erscheinen lässt; vor allem aber ist ihre Effektivität derzeit noch weitgehend ungeklärt.4 Auf Kollektivprognosen und ihre Metho- 1 Görgen/Kraus/Taefi ZJJ 2011, 412 ff.; Hanslmaier/Kemme/Stoll/Baier 2014. 2 Kemme/Taefi/Görgen ZJJ 2019, 350 ff. 3 Suckow Kriminalistik 2018, 347 ff. 4 Belina MschrKrim 99 (2016), 85 ff.; Seidensticker MschrKrim 100 (2017), 291 ff.; Singelnstein NStZ 2018, 1 ff. 1 2 dik wird im Folgenden nicht weiter eingegangen, da sie im Zusammenhang mit strafrechtlichen Entscheidungen keine Rolle spielen, sondern die Grundlage von politischen Planungsentscheidungen bilden (zB bzgl. der Personalausstattung von Polizei und Justiz oder der Einrichtung neuer Vollzugsanstalten). Innerhalb der Individualprognosen lässt sich unterscheiden zwischen Frühprognosen und Rückfallprognosen. Frühprognosen zielen auf die Ermittlung von Personen ab, die noch keine Straftaten begangen haben, von denen aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sie dies eines Tages tun werden. In der Kriminologie bekannt geworden sind die Untersuchungen von Sheldon und Eleanor Glueck (" § 2 Rn. 20; § 3 Rn. 119 f.), die in der Mitte des 20. Jahrhunderts die These vertraten, dass sich diejenigen Jungen, die später einmal straffällig werden würden, bereits im Alter von 6 Jahren anhand von drei Merkmalen identifizieren ließen (Aufsicht seitens der Mutter, Erziehung durch die Mutter, Zusammenhalt der Familie).5 Derartige Frühprognosen können für die Initiierung von jugendhilferechtlichen Maßnahmen von Interesse sein, spielen aber im strafrechtlichen Kontext ebenfalls keine Rolle, da dieser daran anknüpft, dass bereits eine Straftat begangen worden ist. Aus strafrechtlicher Sicht stehen die Rückfallprognosen im Mittelpunkt des Interesses, bei denen danach gefragt wird, ob bzw. mit welcher Wahrscheinlichkeit es nach einer ersten Auffälligkeit zu weiteren Delikten kommen wird. Das strafrechtliche Sanktionssystem verlangt dem Gericht an zahlreichen Punkten eine Prognose über das künftige Legalverhalten des Täters ab. Verallgemeinernd lassen sich Urteils- und Entlassungsprognosen unterscheiden.Urteilsprognosenmuss das erkennende Gericht im Zusammenhang mit der Auswahl der im Einzelfall in Betracht kommenden Sanktionsart treffen, zB bei der Entscheidung über die Strafaussetzung zur Bewährung (vgl. § 56 I 1 StGB: „… wenn zu erwarten ist, dass der Verurteilte sich schon die Verurteilung zur Warnung dienen lassen und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird“) oder bei der Entscheidung über die Verhängung einer Maßregel der Besserung und Sicherung (zB § 63 S. 1 StGB: „… wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten … zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist“); letztere werden im Hinblick auf die Formulierung im Gesetzestext auch „Gefährlichkeitsprognosen“ genannt. Entlassungsprognosen müssen von der Strafvollstreckungskammer im Zusammenhang mit Entscheidungen über die Aus- 194 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 5 Glueck/Glueck 1950, 257 ff.; dies. BritJCrim 4 (1964), 215 ff. 3 4 setzung des Restes einer Freiheitsstrafe zur Bewährung (vgl. § 57 I StGB: „… wenn dies unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit verantwortet werden kann“) oder der weiteren Vollstreckung der Unterbringung im Maßregelvollzug getroffen werden (§ 67d II StGB: „… wenn zu erwarten ist, dass der Untergebrachte außerhalb des Maßregelvollzugs keine erheblichen rechtswidrigen Taten mehr begehen wird“). Zu den Urteils- und den Entlassungsprognosen gesellen sich als dritte Prognoseart die Fluchtund Missbrauchsprognosen hinzu, die im Fall der Vollstreckung von Freiheitsstrafe oder einer freiheitsentziehenden Maßregel bei Entscheidungen über die Gewährung von Vollzugslockerungen getroffen werden müssen (vgl. § 11 II StVollzG: „… wenn nicht zu befürchten ist, dass der Gefangene sich dem Vollzug der Freiheitsstrafe entziehen oder die Lockerungen des Vollzuges zu Straftaten missbrauchen werde“). Vergleichbare Prognoseentscheidungen werden dem Gericht im Anwendungsbereich des Jugendstrafrechts abverlangt (vgl. zB § 21 I 1, § 88 I JGG). Kriminalprognosen haben in der strafgerichtlichen Praxis eine dementsprechend große Bedeutung. Sie sind Ausdruck der Entscheidung des Gesetzgebers für ein individualisierendes, spezialpräventiv ausgerichtetes Sanktionssystem, für das es bei der Auswahl und Bemessung einer Rechtsfolge maßgeblich darauf ankommt, ob die betreffende Strafe oder Maßregel für die Verhinderung weiterer Taten erforderlich ist. Das Ziel jeder Prognose ist es, das (Nicht-)Auftreten des Sachverhalts, um dessen Prognose es geht, möglichst richtig vorherzusagen. Angestrebt wird die möglichst hohe Treffsicherheit; die Gefahr der Fehleinschätzung soll möglichst gering sein. Dass dieses allgemeine Ziel, das jeder Prognose eigen ist, im Zusammenhang mit Kriminalprognosen besondere Bedeutung hat, wird deutlich, wenn man sich die Konsequenzen vor Augen führt, die mit einer Fehleinschätzung verbunden sind. Bei der Kriminalprognose können zwei Arten von Fehleinschätzungen auftreten: (1) Die Prognose, es werde zu keinen weiteren Straftaten kommen, kann falsch sein; der Täter wird entgegen der Erwartung erneut straffällig. Die neue Tat kann nicht nur auf der Seite des Opfers mit erheblichem menschlichem Leid verbunden sein. In die (medienvermittelte) Kritik geraten häufig auch Gutachter und Vollzugsbedienstete, die rückblickend „falsche“ Prognosen abgegeben haben, und das Gericht, das eine „falsche“ Entscheidung getroffen hat. Die Vorwürfe I. Begriff und Bedeutung der Kriminalprognose 195 5 6 können bis hin zur Einleitung von strafrechtlichen Ermittlungen gegen die betreffenden Verantwortungsträger führen.6 (2) Die Prognose, dass es zu weiteren Straftaten kommen werde, kann falsch sein; der Täter begeht in diesem Fall entgegen der Erwartung kein weiteres Delikt. Das Problem bei dieser Konstellation besteht darin, dass die Unrichtigkeit der Prognose meist nicht bewiesen werden kann.7 Der Täter wird im Hinblick auf die von ihm ausgehende Gefahr inhaftiert oder aus dem Vollzug nicht entlassen und so nicht nur physisch daran gehindert, weitere Straftaten zu begehen, sondern ebenso daran gehindert, unter Beweis zu stellen, dass er entgegen der Erwartung zu einem Leben ohne Straftaten durchaus in der Lage ist. Auch der Freiheitsverlust für den zu Unrecht ungünstig Prognostizierten ist mit erheblichem Leid verbunden (nun allerdings auf der Seite des Täters, für dessen Perspektive sich Medien und Politik typischerweise nicht interessieren). Hinzu kommen die oft erheblichen, von der Allgemeinheit zu tragenden Kosten für die Sanktionsvollstreckung, die bei richtiger Prognose hätten vermieden werden können. Die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten von vorhergesagtem Ergebnis und tatsächlichem Ereignis lassen sich in einer Vierfeldertafel veranschaulichen (Tab. 7.1). Als „positiv“ werden dabei diejenigen Fälle bezeichnet, in denen der Eintritt des betreffenden Ereignisses (dh die Rückfälligkeit) positiv vorausgesagt wird, als „negativ“ die Fälle, in denen der Nichteintritt des Ereignisses vorausgesagt wird. „Richtig“ sind die Fälle, in denen sich die (positive oder negative) Prognose rückblickend als zutreffend erweist („Treffer“), „falsch“ diejenigen, in denen die Prognose unzutreffend war. Das Ziel der Kriminalprognose besteht darin, die Zahl der „Treffer“ möglichst hoch und die Zahl der Fehleinschätzungen möglichst gering zu halten. Tab. 7.1: Prognosegenauigkeit und Prognoseirrtümer Tatsächliches Ergebnis weitere Tat keine weitere Tat Vorhergesagtes Ergebnis hohes Rückfallrisiko „Treffer“richtig positiv falsch positiv geringes Rückfallrisiko falsch negativ „Treffer“richtig negativ 196 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 6 Vgl. BGHSt 64, 217; Schiemann NStZ 2020, 416; Ledebrink(Schauf FS 2020, 284; zur zivilrechtlichen Seite Spickhoff FPPK 2017, 244 ff. 7 Vgl. insoweit aber die Untersuchungsansätze von Alex FPPK 2011, 244 ff.; ders., in: Höffler 2015, 21 ff.; Müller u. a. MschrKrim 94 (2011), 253 ff. 7 8 Wenn es in der Realität zu einer anderen Entwicklung kommt als vorhergesagt, insbesondere wenn der Täter entgegen der Prognose eine weitere Straftat begeht („falsch negative“ Prognose), realisiert sich das Fehleinschätzungsrisiko, das jeder Prognose immanent ist. Von einem „Fehler“ kann solange nicht gesprochen werden, wie der Gutachter oder das Gericht bei der Erstellung der Prognose ordnungsgemäß vorgegangen ist (also zB den zugrunde gelegten Prognosesachverhalt vollständig aufgeklärt hat).8 Ein Vorwurf ist in diesen Fällen nicht berechtigt. Um sprachlich Klarheit zu schaffen, wird in den Fällen, in denen sich bei ordnungsgemäßer Prognoseerstellung das Fehleinschätzungsrisiko realisiert, nicht von Prognosefehler, sondern von Prognoseirrtum gesprochen. II. Grundprobleme der Vorhersage kriminellen Verhaltens 1. Überblick Die richtige Vorhersage künftiger Ereignisse ist eine komplexe, nur schwer zu bewältigende Aufgabe. Schon die Erfahrungen, die wir alle täglich mit der Zuverlässigkeit von Wettervorhersagen machen, lassen die Problematik erkennen. Gegenüber der Wettervorhersage stellt die Vorhersage künftigen menschlichen Verhaltens dabei noch einmal gesteigerte Anforderungen, da das menschliche Verhalten nicht das Ergebnis naturgesetzlicher Abläufe ist, sondern auch durch den menschlichen Willen, durch Erfahrungen und Kosten-Nutzen-Abwägungen, aber auch durch Spontaneität und Intuition, sowie durch sich ändernde Außenwelteinflüsse gesteuert wird. Gleichwohl ist es nicht gänzlich unmöglich, menschliches Verhalten vorherzusagen. Es gibt Verhaltensregelmäßigkeiten, die in gewissem Rahmen die Vorhersage des künftigen Verhaltens erlauben. Dies gilt grundsätzlich auch für die Vorhersage kriminellen Verhaltens. Auch wenn die Erstellung einer Kriminalprognose keine von vornherein als unlösbar zu bezeichnende Aufgabe ist, ist sie mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert. Unabhängig von der Entscheidung für ein bestimmtes Prognoseverfahren stellen sich bei jeder Kriminalprognose die folgenden Probleme:9 II. Grundprobleme der Vorhersage kriminellen Verhaltens 197 8 Überblick über die Fehlermöglichkeiten bei der psychiatrischen Gutachtenerstellung bei Foerster/Dreßing, in: Venzlaff/Foerster 2015, 71 ff.; vertiefend Rettenberger/Eher R & P 2016, 50 ff.; Mindestanforderungen für Prognosegutachten werden formuliert von Boetticher u.a. NStZ 2019, 553 ff. 9 Schöch, in: H. J. Schneider 2007, 361 ff.; Leygraf, in: Venzlaff/Foerster 2015, 414 ff. 9 10 (1) Der Zeitraum, auf den sich die Vorhersage bei einer Kriminalprognose bezieht, ist in der Regel sehr lang. In Einzelfällen kann er zwar kurz sein wie zB bei der Missbrauchsprognose nach § 11 II oder § 13 I 2 StVollzG (im Höchstfall 3 Wochen), in den meisten Fällen ist er aber ohne weitere Einschränkung allgemein auf die Zukunft gerichtet (vgl. § 56 I 1 StGB: „künftig“). Je länger der Zeitraum ist, auf den sich die Prognose beziehen soll, desto unsicherer wird die Vorhersage. Man kennt das Problem von der Wetterprognose. (2) Bei dem Verhalten, um dessen Vorhersage es geht, handelt es sich in der Regel um ein vergleichsweise seltenes Ereignis. Straftaten, namentlich schwere Straftaten, werden nur selten begangen. Zur Kennzeichnung der Häufigkeit, mit der das vorherzusagende Ereignis in der Population auftritt, auf die die Prognose angewendet werden soll, wird der Begriff der „Basisrate“ (base rate) verwendet. Bei Ereignissen, deren Basisrate nur gering ist, kommt es unvermeidbar zu einem hohen Anteil falsch positiver Vorhersagen (dazu genauer "Rn. 16). (3) Das situationsspezifische Bezugsfeld, in dem die Person handelt, deren Verhalten vorhergesagt werden soll, ist in der Regel nicht bekannt. Bekannt sind lediglich die personalen und sozialen Risikofaktoren (" § 6 Rn. 66 Übersicht 6.1), aus denen auf Verhaltensregelmäßigkeiten geschlossen wird. Verhalten ist jedoch niemals ausschließlich durch diese personalen Faktoren bedingt, sondern stets auch durch die situativen Rahmenbedingungen wie etwa die Existenz eines potentiellen Opfers oder eines Tatobjekts, das für den potentiellen Täter einen hohen materiellen oder immateriellen Wert aufweist und das nicht ausreichend geschützt wird (" § 8 Rn. 31 ff.). Wenn über das situationale Bezugsfeld nichts bekannt ist, können auch über die Wahrscheinlichkeit, mit der es zu weiteren Straftaten kommt, nur unzureichende Aussagen getroffen werden. Hinzu kommt als weiteres allgemeines Problem, dass jede Prognose Folgewirkungen im Verhalten auslösen kann. Derjenige, dem attestiert wird, dass er eine günstige Prognose aufweist, kann sich besondere Mühe geben, dieser Prognose gerecht zu werden, und sich straffrei führen. Umgekehrt kann derjenige, dem eine ungünstige Prognose ausgestellt wird, diese Zuschreibung in sein Selbstbild übernehmen und sich genau so verhalten, wie es von ihm erwartet wird; dies ist der kriminalitätstheoretische Ausgangspunkt des labeling approach (" § 3 Rn. 92). Jede Verhaltensprognose kann auf diese Weise zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling- 198 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 11 12 13 14 prophecy) werden. Anders als die ersten drei Probleme ist diese Gefahr für die Vorhersagegenauigkeit freilich tendenziell von Vorteil: Sie führt nicht zu einer Beeinträchtigung der Vorhersagegenauigkeit, sondern zu einer Erhöhung der „Trefferquote“: Auch Prognosen, die zum Zeitpunkt ihrer Erstellung „an sich falsch“ waren, können dadurch, dass sich der Prognostizierte genauso verhält, wie es von ihm erwartet wird, zu einer richtigen Prognose werden. 2. Basisrate, Auswahlrate und Vorhersagegenauigkeit Das Ziel jeder Prognose ist es, das betreffende Ereignis möglichst genau vorherzusagen. Bezogen auf Kriminalität geht es also darum, die Quote der „Treffer“ möglichst hoch und diejenige der Fehleinschätzungen möglichst gering zu halten. Vermieden werden sollen unnötige freiheitsentziehende Sanktionen (falsch Positive) ebenso wie neue Taten, die bei einer anderen Ausgestaltung der Sanktion vermeidbar gewesen wären (falsch Negative). In der Praxis lässt sich eine absolut hohe Zahl von treffgenauen, richtigen Prognosen nicht erreichen. Da die Begehung von Straftaten ein vergleichsweise seltenes Ereignis ist – anders formuliert: ein Ereignis ist, dessen „Basisrate“ nur gering ist –, kommt es, wenn man eine große Zahl von Prognosen statistisch betrachtet, unvermeidlich zu systematischen Verzerrungen. Je geringer die Basisrate des vorherzusagenden Ereignisses ist, desto größer ist der Anteil derjenigen Vorhersagen, die den Eintritt dieses Ereignisses zu Unrecht prognostizieren. Beispiel: Angenommen es geht um die Entlassung eines Sexualtäters aus dem Strafvollzug zum Zweidrittelzeitpunkt (§ 57 I StGB). Normativ kommt es darauf an, ob die Aussetzung der Strafrestvollstreckung unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit verantwortet werden kann. Konkret bedeutet das, dass nicht mit weiteren Straftaten zu rechnen ist. Nehmen wir an, die Vorhersagegenauigkeit (Treffsicherheit) einer Prognose soll bei 95% liegen, dh die Prognose soll in 95% aller Fälle zu richtigen, und nur in 5% aller Fälle zu falschen Ergebnissen führen. Diese Annahme ist bereits äußerst anspruchsvoll, denn das Optimum, eine 100%-ige Sicherheit, gibt es im Bereich der Prognosen nicht. Nehmen wir weiter an, die Basisrate von weiteren Straftaten liege für verurteilte Sexualtäter bei 20%.10 Diese Angabe beruht auf einer bloßen Setzung; die Basisrate lässt sich methodisch nicht II. Grundprobleme der Vorhersage kriminellen Verhaltens 199 10 Hierzu genauer Groß/Stübner und Groß/Nedopil, in: Kobbé 2017, 117 f. und 142 ff. 15 16 exakt berechnen. Viele Verurteilte werden nicht aus dem Strafvollzug entlassen, obwohl sie nie wieder eine Straftat begehen würden; manche werden entlassen und begehen erneut Straftaten, aber über diese Taten wird nichts bekannt. Die Annahme einer Basisrate von 20% bedeutet, dass von 1.000 zu Freiheitsstrafe verurteilten Sexualtätern, die aus dem Strafvollzug entlassen werden, 200 erneut Straftaten begehen. Wenn man davon ausgeht, dass die Vorhersagegenauigkeit bei 95% liegt, dann werden von den insgesamt 1.000 Personen 950 Personen richtig und 50 Personen falsch zugeordnet. Dabei entfallen auf die Gruppe der richtig Positiven 190 (95% von 200 Tätern) und auf die Gruppe der richtig Negativen 760 Personen (95% von 800 Nicht-Tätern). 50 Personen (5% von 1.000) werden falsch eingeschätzt. Dabei werden 40 Personen zu Unrecht als positiv („gefährlich“) und 10 zu Unrecht als negativ („ungefährlich“) eingestuft. Die Gruppe der falsch Beurteilten weist damit ein schiefes Bild auf: Die Zahl der falsch Negativen ist deutlich geringer (20% der falschen Zuordnungen) als die der falsch Positiven (80% der falschen Zuordnungen). Anders ausgedrückt: Infolge der geringen Basisrate wird das Risiko, dass es zu weiteren Straftaten kommen wird, systematisch überschätzt. Statistisch gesehen wird das Risiko der Fehleinschätzung umso größer, je geringer die Basisrate ist, je seltener also solche Ereignisse sind, die vorhergesagt werden sollen. Die Vorhersagegenauigkeit ist nicht nur von der Basisrate abhängig. Ähnliche systematische Verzerrungen ergeben sich aus der Auswahlrate und dem Umschlagspunkt. Als „Auswahlrate“ (selection ratio) bezeichnet man den Anteil derjenigen Fälle, für die der Eintritt des betreffenden Ereignisses – also zB die hohe Wahrscheinlichkeit der Begehung weiterer Straftaten – positiv vorausgesagt wird.11 Je größer die Auswahlrate ist, desto schlechter wird bei geringer Basisrate die Vorhersagegenauigkeit. Der „Umschlagspunkt“ (cutting score, „Grenzwert“) ist auf der Skala der Prognosefaktoren (Prädiktoren) diejenige Stelle, an der aus einer günstigen Prognose eine ungünstige wird. Das Verständnis der Zusammenhänge ist komplex und setzt mathematisch-statistisches Grundwissen voraus. Wegen der Einzelheiten muss hier auf das Spezialschrifttum verwiesen werden.12 200 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 11 Dahle, in: Kröber/Dölling/Leygraf/Sass 2006, 12 f. 12 Kühl/Schumann R & P 1989, 130 ff.; Endres ZfStrVo 2000, 68 ff.; König R & P 2010, 67 ff.; Müller/ Nedopil 2017, 347 ff. 17 III. Prognosefaktoren Auch wenn sich zeigt, dass die Vorhersage künftiger Straffälligkeit ganz grundsätzlich und völlig unabhängig von irgendeinem spezifischen Verfahren mit einer Vielzahl von methodischen Problemen behaftet ist, stellt sich die Frage, wie bei der Erstellung einer Kriminalprognose vorzugehen ist. Dabei bietet es sich an, zunächst einen Blick auf die Merkmale (Prognosefaktoren, Prädiktoren) zu werfen, anhand derer die Prognosestellung erfolgt, ehe in einem zweiten Schritt auf die einzelnen Verfahren eingegangen wird ("Rn. 24 ff.). Die Auswahl der Prädiktoren ist, wissenschaftlich betrachtet, von der jeweils zugrunde gelegten Verhaltenstheorie abhängig. Wenn man weiß (oder zu wissen glaubt), warum ein Mensch unter bestimmten situativen Bedingungen straffällig wird, dann lassen sich diese Überlegungen in die Zukunft verlängern und es lässt sich eine Aussage darüber treffen, ob der Betreffende künftig wahrscheinlich weitere Straftaten begehen oder sich straffrei führen wird (" § 3 Rn. 6). So klar und einfach sich dieser Zusammenhang aus theoretischer Sicht formulieren lässt, so schwierig ist seine Einlösung in der Praxis. Die empirischen Untersuchungen zur Täterpersönlichkeit und den soziobiografischen Hintergründen der Tat zeigen, dass die Begehung von Straftaten mit einer Vielzahl von Risikofaktoren aus der psycho-sozialen Entwicklung korreliert; es gibt nicht einen einzelnen Umstand, der als „der“ zentrale Gesichtspunkt mit Straffälligkeit in Verbindung gebracht werden könnte (" § 6 Rn. 66). Der einzige Umstand, der sich bei der Rückfallprognose mit einer gewissen Plausibilität aus dem Kreis dieser vielfältigen Faktoren herausheben lässt, ist die Tatsache, dass der Betreffende bereits einmal (oder ggf. auch häufiger) straffällig geworden ist.13 Die Plausibilität des Rückgriffs auf das bisherige Legalverhalten folgt aus der Überlegung, dass dieser Umstand anzeigt, dass und in welcher Weise der Täter in seinem Handeln durch die auf ihn einwirkenden Faktoren beeinflusst wird. Hat er eine oder mehrere Straftaten begangen, so ist dies ungeachtet der konkreten bio-psycho-sozialen Hintergründe, die sein Handeln im Einzelfall bestimmt haben mögen, ein Indikator für die Stärke und das Gewicht der bei ihm vorhandenen Gefährdungslage; die Taten signalisieren, dass in der Vergangenheit offenbar Prozesse stattgefunden haben (kriminalitätstheore- III. Prognosefaktoren 201 13 Kurlychek u. a. Criminology and Public Policy 5 (2006), 483 ff. 18 19 20 tisch formuliert: Ausgrenzungserfahrungen, Bindungsverluste, Kumulation von Benachteiligungen etc.), die sich bereits mindestens einmal in einer Normübertretung niedergeschlagen haben. Angesichts dieses Indizcharakters kann es nicht verwundern, dass das bisherige Legalverhalten in allen Verfahren, die bislang zur Kriminalprognose entwickelt worden sind, einen zentralen Bezugspunkt bildet. In der strafjustiziellen Praxis ist die strafrechtliche Vorauffälligkeit nicht selten sogar der einzige Prädiktor, der für die Beurteilung des künftigen Legalverhaltens des Täters herangezogen wird. Auf die bisher in einem Bereich gezeigte Entwicklung abzustellen ist ein geläufiger Vorgang. Zeigen lässt sich dies an einem ganz anders gelagerten Beispiel: der Leistungsprognose. Wer sich als Jurastudierende/r überlegt, ob er/ sie das Erste Examen voraussichtlich bestehen wird, wird angesichts der Unkenntnis der Aufgaben, die im staatlichen Teil gelöst werden müssen, versuchen, aus den bisherigen Leistungen im Studium auf den wahrscheinlichen Ausgang des Examens zu schließen. In der Sache ist dies nichts anderes, als wenn ein Richter aus den Einträgen eines Angeklagten im Bundeszentralregister auf das künftige Legalverhalten schließt. Das Beispiel der Examensprognose macht freilich sogleich deutlich, worin die Probleme liegen, wenn man sich für die Prognose allein an den äußeren, aus der Vergangenheit bekannten Umständen orientiert: Die weiter zurückliegenden Umstände (bei der Examensprognose zB die in den ersten Semestern erzielten Noten) sind wahrscheinlich nicht so bedeutsam wie die zeitlich weniger weit zurückliegenden Umstände (die Noten in den „großen Scheinen“); zwischenzeitlich können neue Entwicklungen eingesetzt haben, die allein bei Betrachtung der formalen Kriterien außen vor bleiben (zB nach Erlangung des letzten für das Examen notwendigen Scheins ist man zum Repetitor gegangen); Persönlichkeitsvariablen können sich auswirken (zB die Prüfungsangst oder auch die Leistungsmotivation: weiß ich überhaupt, warum ich das Examen machen will?); die in der Zukunft liegenden Rahmenbedingungen müssen berücksichtigt werden (hat man eine stabile Lerngruppe, auf die man sich in der Examenszeit verlassen kann?). Wenn man es sich genau überlegt, lässt sich der voraussichtliche Erfolg im Examen anhand der Noten, die man im Studium in den Scheinen erzielt hat, nur sehr unzureichend vorhersagen. Trotz aller Plausibilität ist es dementsprechend problematisch, für die Kriminalprognose maßgeblich oder gar ausschließlich auf das bisherige Legalverhalten abzustellen. Auch wenn die empirische Forschung Belege dafür liefert, dass antisoziales Verhalten relativ stabil ist und kriminelle Karrieren in ihrer Entwicklung ein hohes Maß an Kontinuität aufweisen, kann allein aus diesen im Rückblick gewonnenen Befunden nicht eindeutig geschlossen werden, dass auch in einem konkreten Einzelfall, selbst wenn er alle Zeichen für die Entwicklung einer kriminellen Karriere aufweist, mit weiteren Straftaten zu rechnen ist. Kriminelle Karrieren werden nicht nur begonnen und 202 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 21 22 fortgesetzt, sondern sie werden infolge von Veränderungen in der Entwicklung des Täters auch wieder beendet. Antisoziales Verhalten ist dementsprechend auch durch Instabilität, kriminelle Karrieren sind auch durch Diskontinuitäten gekennzeichnet.14 Jede Straftat kann in der persönlichen Entwicklung die letzte gewesen sein; statistisch gesehen nimmt die Wahrscheinlichkeit des Abbruchs einer kriminellen Karriere mit der Zahl der Verurteilungen sogar deutlich zu.15 Vor einer Überbetonung der strafrechtlichen Vorbelastung muss deshalb gewarnt werden. Verwertbar ist dieser Umstand bei der Kriminalprognose nur dann, wenn zugleich danach gefragt wird, aus welchen Gründen die bisherigen Taten begangen wurden und ob und ggf. wie sich diese Begleitumstände seither verändert haben. Das für die Kriminalprognose erforderliche Prädiktorenfeld kann nach alledem nur mehrdimensional gestaltet sein. Berücksichtigt werden müssen die von der empirischen Forschung ermittelten Risikofaktoren für kriminelles Handeln ebenso wie die möglichen Schutzfaktoren, personale Faktoren – Persönlichkeitsprofil, Verhalten im nichtstrafrechtlichen Bereich, Einstellungen – ebenso wie die Besonderheiten der bisherigen Entwicklung und des gegenwärtigen sozialen Umfelds. Die Begehung von Straftaten und die Wahrscheinlichkeit des Rückfalls dürfen insbesondere nicht nur als das Ergebnis einer statischen Abfolge von Entwicklungsschritten gesehen werden, vielmehr müssen die Dynamik des Entwicklungsgeschehens, die wechselseitige Beeinflussung der einzelnen Risiko- und Schutzfaktoren sowie etwaige Veränderungen in der Persönlichkeit und im Umfeld des Täters angemessen einbezogen werden. Zur Kennzeichnung der unterschiedlichen zu berücksichtigenden Umstände wird in der Literatur von „statischen“ (gleich bleibenden) und „dynamischen“ (änderbaren) Rückfallfaktoren gesprochen.16 Würde man bei der Prognose nur die statischen, auf Dauer unabänderlich feststehenden Risikofaktoren für kriminelles Handeln berücksichtigen (zB nur die Störungen in der frühkindlichen Eltern-Kind-Beziehung, das Leistungsversagen in Schule und Beruf oder nur die strafrechtliche Vorauffälligkeit), so müsste dem Täter unter bestimmten Umständen unentrinnbar bis an sein Lebensende immer eine negative Prognose gestellt werden; es gäbe keine Möglichkeit, aktuelle Veränderungen III. Prognosefaktoren 203 14 Stelly/Thomas/Kerner/Weitekamp MschrKrim 81 (1998), 108 ff. 15 Kerner, in: H.-J. Albrecht u. a. 1998, 156 ff. 16 Schöch, in: H. J. Schneider 2007, 370; Müller/Nedopil 2017, 346. 23 aufzugreifen, in der Behandlung zu nutzen und in der Prognosestellung zu verarbeiten. IV. Prognoseverfahren Wie wird bei der Erstellung einer Kriminalprognose nun konkret vorgegangen? Herkömmlich wird zwischen drei Methoden unterschieden: der statistischen, der klinischen und der intuitiven Methode. Die statistische und die klinische Methode gelten als „wissenschaftliche“ Prognoseverfahren, die intuitive Methode als Vorgehensweise der Praxis. Eine Sonderform der klinischen Methode ist die von Göppinger entwickelte Methode der idealtypisch vergleichenden Einzelfallanalyse. Damit sind jedoch nur die historischen Ausgangspunkte bezeichnet; insbesondere die statistischen Verfahren sind in der forensischen Psychologie und Psychiatrie kontinuierlich weiterentwickelt und mit der klinischen Methode verbunden worden. Heutige Prognoseverfahren zielen auf die Kombination von statistischer und klinischer Prognose ab. 1. Ältere Verfahren a) Statistische (aktuarische) Prognose Grundlage der statistischen (aktuarischen, nomothetischen) Methode sind empirische Untersuchungen, bei denen Stichproben von mehrfach auffälligen Wiederholungstätern (zB von Inhaftierten) mit Stichproben von Nichtstraffälligen bzw. Einfach- und Gelegenheitstätern verglichen werden. Ohne Bindung an eine spezielle Kriminalitätstheorie werden empirisch-statistisch diejenigen Faktoren ermittelt, anhand derer sich die beiden Stichproben voneinander unterscheiden lassen. Die so ermittelten Faktoren werden als Prognosefaktoren für die Rückfälligkeit interpretiert und in Prognosetafeln zusammengefasst. Es liegt auf der Hand, dass die Güte und Vorhersagegenauigkeit eines statistischen Verfahrens davon abhängig sind, welche Faktoren für die Vorhersage ausgewählt und wie sie zueinander in Beziehung gesetzt werden. In den frühen, sehr einfachen statistischen Verfahren wurden sämtliche Faktoren, anhand derer sich die beiden Konstruktionsstichproben (Rückfalltäter und Nichtrückfalltäter) unterscheiden ließen, als gleichwertig behandelt. Um ein 204 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 24 25 26 Maß für die Rückfallwahrscheinlichkeit bei Vorliegen einer bestimmten Zahl von Faktoren zu erhalten, wurden die Probanden aus den beiden Gruppen daraufhin überprüft, ob und in welchem Ausmaß bei ihnen die zuvor ermittelten, differenzierenden Merkmale vorlagen. Dabei zeigte sich in der Regel, dass bei den Nichtrückfälligen keine oder nur sehr wenige, bei den Rückfälligen hingegen mehrere oder – im Extremfall – sämtliche Merkmale gegeben waren. Der Anteil der Rückfälligen bei Vorliegen einer bestimmten Anzahl von Faktoren wurde als Rückfallwahrscheinlichkeit interpretiert und in Prognosetafel aufgenommen. Ein Beispiel für eine Prognosetafel, die auf einem derartigen „einfachen Punktverfahren“ aufbaute, war die in den 1960er Jahren entwickelte Tafel von F. Meyer.17 Die Tafel war vorgesehen für die Prognose bei der Verhängung von bzw. Entlassung aus Jugendstrafe von unbestimmter Dauer (§ 19 JGG aF; beseitigt durch das 1. JGGÄndG von 1990). Für die Urteilsprognose waren 19, für die Entlassungsprognose 21 Faktoren heranzuziehen. Lagen bei einem konkret zu beurteilenden straffällig gewordenen Jugendlichen 0 bis 2 Faktoren vor, so gab Meyer für die Urteilsprognose die Rückfallwahrscheinlichkeit mit 22% an; lagen 3 bis 6 Faktoren vor, so sollte die Rückfallwahrscheinlichkeit 58% betragen; lagen 7 oder mehr Faktoren vor, so ging Meyer bereits von einer Rückfallwahrscheinlichkeit von 100% aus. In anderen frühen Prognosetafeln wurden die Faktoren nicht gleichwertig behandelt, sondern gewichtet; man sprach insoweit von „Punktwertverfahren“. Als Gewichtungsfaktor wurde dabei zum Teil auf den Prozentsatz der Rückfälligen in den entsprechenden Unterklassen, zum Teil auf die Korrelationskoeffizienten zurückgegriffen, die in der Konstruktionsstichprobe für die Stärke des Zusammenhangs der betreffenden Faktoren mit dem Rückfall ermittelt worden waren.18 Teilweise wurde auch in der Weise verfahren, dass dem Anwender in Grenzen anheimgestellt wurde, wie stark er einen einzelnen Faktor gewichten wollte (zB ob ein bestimmter „Basispunktwert“ mit einem Faktor zwischen 1 und 5 multipliziert werden sollte).19 Eine dritte Gruppe schließlich stellten „Strukturprognosetafeln“ dar. Bei diesen Verfahren wurden die Wechselbeziehungen der einzelnen Faktoren untereinander berücksichtigt und es wurden für die verschiedenen Merkmalskombinationen differenzierte Rückfallwahrscheinlichkeiten angegeben.20 Aus heutiger Sicht erscheinen diese zuletzt genannten Verfahren als richtiger Ansatz, da sie der notwendigen Mehrdimensionalität des Prädiktorenfelds Rechnung trugen ("Rn. 23). Historisch können sie als Vorläufer heutiger rechnergestützter algorithmenbasierter Prognoseverfahren angesehen werden.21 IV. Prognoseverfahren 205 17 Meyer MschrKrim 48 (1965), 243 f. 18 Glueck/Glueck 1950, 257 ff.; dies. 1960, 23 ff.; Mannheim/Wilkins 1955, 137 ff. 19 Frey 1951, 321 ff. 20 Grygier BritJCrim 6 (1966), 269 ff. 21 Müller/Pöchhacker ÖZS 2019 (Supplement 1), 157 ff. 27 28 Die frühen, auf empirisch-statistischem Weg konstruierten Prognosetafeln waren erheblicher Kritik ausgesetzt. Kritisiert wurde vor allem die mangelnde Treffsicherheit der ermittelten Prognosefaktoren; es wurde bezweifelt, dass sich der Rückfall mit Hilfe der Prognosetafeln richtig vorhersagen lasse. Insbesondere im Bereich des breiten Mittelfelds lasse die Treffsicherheit erheblich nach. Darüber hinaus wurde eingewandt, dass die Prognosetafeln lediglich Auskunft über gruppenbezogene Rückfallwahrscheinlichkeiten gäben; sie sagten lediglich etwas aus über die statistische Rückfallverteilung in der Konstruktionsstichprobe, erlaubten aber keine Aussagen über das Risiko in einem konkret zu beurteilenden Einzelfall. Die Berechtigung des ersten Einwands ist offensichtlich, wenn man die in den frühen Tafeln verwendeten Prognosefaktoren vor dem Hintergrund der oben angestellten Überlegungen zur Notwendigkeit der Berücksichtigung möglichst umfassender Informationen aus möglichst vielen Bereichen des Täters und seines Umfelds betrachtet. In der Prognosetafel von Meyer wurden ausschließlich statische Faktoren aus der Vorgeschichte berücksichtigt; das Spektrum der Prognosefaktoren reichte von dem Merkmal „Kriminalität bei mindestens einem Elternteil“ über das Merkmal „Beginn der Kriminalität vor Vollendung des 15. Lebensjahres“ bis zu dem Merkmal „Betteln oder Landstreicherei vor Vollendung des 21. Lebensjahres“. Dynamische Faktoren blieben ebenso unberücksichtigt wie Faktoren, die auf die aktuelle Situation des Betreffenden Bezug nahmen (zB Arbeitslosigkeit, Höhe des verfügbaren Einkommens, Schuldenbelastung, Drogen- oder Alkoholmissbrauch, Vorhandensein einer stabilen Partnerbeziehung etc.).22 Es liegt auf der Hand, dass ein Instrument, das derartige Umstände unberücksichtigt ließ, keine hohe Treffsicherheit aufweisen konnte. – Der zweite Einwand (die Vernachlässigung der Besonderheiten des Einzelfalls) leitet über zu den klinischen Prognoseverfahren. b) Klinische Prognose Anders als für die statistische Prognose, die sich an Gruppenwahrscheinlichkeiten orientiert, ist für die klinische (idiografische) Prognose allein der Einzelfall maßgeblich. Auf der Grundlage einer Exploration, die nach den allgemeinen Grundsätzen der psychologischen oder psychiatrischen Persönlichkeitsdiagnostik erfolgt, wird 206 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 22 Vgl. Spiess, in: Kaiser 1980, 435 ff.; Kaiser 1996, § 88 Rn. 9. 29 30 31 das Individuum in seiner Einzigartigkeit erfasst. Die Einzelbefunde werden vor dem Hintergrund des allgemeinen kriminologischen Wissens und der persönlichen Erfahrung des Gutachters im Umgang mit Straffälligen gewichtet, bewertet und in prognostische Schlussfolgerungen umgesetzt. Obwohl der Begriff „klinische“ Prognose darauf hinzudeuten scheint, dass das Verfahren nur für „klinische Fälle“ iSv psychopathologischen Auffälligkeiten gedacht ist, ist es grundsätzlich in allen Fällen einsetzbar, in denen Prognoseentscheidungen getroffen werden müssen.23 Auch bei den klinischen Prognoseverfahren sind Unterschiede erkennbar. Frühe Prognoseverfahren waren ganz auf die Erfassung und Beurteilung der Persönlichkeitsstruktur des Täters fixiert; dem sozialen Umfeld des Täters wurde keine eigenständige Bedeutung beigemessen. Ein Beispiel bildete die Empfehlung von Leferenz in den 1970er Jahren, im Einzelfall anhand von Leitphänomenen (gemütsmäßiger Defekt, Willensschwäche, Minderbegabung) die kriminogenen Persönlichkeitsstrukturen herauszuarbeiten und einer von vier Prognosegruppen (günstig, zweifelhaft/eher günstig, zweifelhaft/eher ungünstig, ungünstig) zuzuordnen. Betont wurde, dass eine solche Individualprognose nur von Gutachtern gestellt werden könne, die bereits über erhebliche Erfahrung im Umgang mit Straffälligen verfügten.24 Neuere klinische Prognoseverfahren bezogen demgegenüber auch die sozialen Faktoren mit ein. Ein Beispiel für eine solche eher offene Vorgehensweise war das von Rasch empfohlene Rahmenkonzept25, das in leicht abgewandelter Form auch heute noch Gültigkeit beansprucht. Der Gutachter muss danach vier Dimensionen berücksichtigen: die zur Aburteilung anstehende Tat, wobei er danach fragen soll, ob die Tat stärker durch die Persönlichkeit geprägt wurde oder ob eher situative Bedingungen maßgeblich waren; die Persönlichkeit des Täters, die unter der Fragestellung zu beurteilen ist, welche Verhaltensdispositionen erkennbar sind; die Entwicklung des Täters seit Begehung der Tat, wobei sowohl das beobachtbare Verhalten (weitere Straftaten? bei Inhaftierung: Anpassung?) als auch die Auseinandersetzung mit der Tat zu beurteilen sind; schließlich die zukünftige Lebensperspektive des Täters, die auch unter dem Gesichtspunkt ausgeleuchtet werden soll, wie das soziale Umfeld des Täters (zB nach Entlassung aus der Haft) gestaltet werden kann, so dass es seinerseits verhaltensstabilisierend wirkt. Die Kritik an den klinischen Prognoseverfahren war und ist verhaltener. Es wird anerkannt, dass es der klinischen Prognose gelingt, alle im Einzelfall bedeutsamen Faktoren zu erfassen und in ihrer Be- IV. Prognoseverfahren 207 23 Dahle, in: Kröber/Dölling/Leygraf/Sass 2006, 30 ff., 46 ff. 24 Leferenz, in: Göppinger/Witter 1972, 1374 ff. 25 Rasch 1999, 374 ff. und 394 ff. (Beispiel für ein Prognosegutachten); Leygraf, in: Venzlaff/Foerster 2015, 420 ff. 32 33 34 deutung zu gewichten. Ebenfalls anerkannt wird, dass sich die Legalprognose in eine enge Verbindung zur Behandlungsprognose bringen lässt und es ermöglicht, etwaige Veränderungen im Behandlungsprozess sowie im sozialen Empfangsraum bei der Prognosestellung zu berücksichtigen. Kritisiert wird hingegen, dass der Erfolg der klinischen Prognose weitgehend vom Fachwissen und der individuellen Erfahrung des Gutachters abhängig sei. Die bei der Begutachtung zugrunde gelegten Beurteilungskriterien ebenso wie die Methodik seien in ihrer Herkunft und Bedeutung unklar; die Regeln, aus denen sich der Schluss auf das zukünftige Verhalten des Täters ergebe, stünden nicht von vornherein fest, sondern ergäben sich erst aus der Betrachtung des Einzelfalls. Hinzu kommen die praktischen Gesichtspunkte der Kosten und der Verfahrensverlängerung: Klinische Prognosegutachten können nur in Ausnahmefällen eingeholt werden; sie eignen sich nicht für die Voraussage des künftigen Verhaltens in den zahlreichen Fällen der Alltagskriminalität. Der Einwand der geringen Nachvollziehbarkeit und Transparenz ist ernst zu nehmen. Die Gefahren der klinischen Prognose werden deutlich, wenn man sie mit der Vorgehensweise bei der statistischen Prognose vergleicht: Während die Prognosetafeln dort verbindlich vorgeben, welche Umstände in welcher Weise berücksichtigt werden müssen, besteht bei der klinischen Prognose sowohl die Gefahr, dass wichtige, prognostisch relevante Umstände außer Betracht gelassen werden, als auch die umgekehrte Gefahr, dass der Gutachter bestimmte Umstände und Zusammenhänge überinterpretiert und die Rückfallwahrscheinlichkeit systematisch überschätzt. Dabei mag es eine Rolle spielen, dass die in der Regel psychiatrisch ausgebildeten Prognostiker ihre Erfahrung gerade nicht in den großen Bereichen der Alltagskriminalität sammeln, sondern anhand von Extremgruppen, die nicht selten auch psychopathologische Auffälligkeiten zeigen. c) Göppingers Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse Als Sonderform der klinischen Prognose, die im internationalen Raum keine Entsprechung hat, kann die von Göppinger in den 1980er Jahren entwickelte und heute vor allem noch von Bock verfochtene Methode der „idealtypisch vergleichenden Einzelfallana- 208 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 35 36 lyse“ angesehen werden.26 Den empirischen Hintergrund bilden die Ergebnisse der Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung. Bei der „Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse“werden die Verhaltens- und Reaktionsweisen der im konkreten Fall zu beurteilenden Person verglichen mit verschiedenen Formen von Idealtypen. Bei diesen Idealtypen handelt es sich um Abstraktionen von kriminologisch relevanten Verhaltensweisen, Sachverhalten und Entwicklungen, die in verdichtender Betrachtung der „typischen“ Befunde der Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung gewonnen wurden und die in der Wirklichkeit allenfalls als Ausnahme vorkommen. Aus dem Vergleich des Einzelfalls mit dem idealtypischen Verhalten von straffälligen und nichtstraffälligen Personen im Lebenslängsschnitt und den kriminorelevanten Konstellationen im Lebensquerschnitt wird unter Berücksichtigung der Relevanzbezüge und Wertvorstellungen des Täters eine Aussage über den Stellenwert des Delikts im allgemeinen Sozialverhalten des Täters gewonnen. Anders als etwa bei der Anwendung von statistischen Prognosetafeln handelt es sich also nicht um eine quantitative, sondern um eine qualitative Vorgehensweise. Anders als bei der klinischen Prognose kann die Einschätzung auch von einem nicht psychologisch oder psychiatrisch ausgebildeten Strafrechtspraktiker vorgenommen werden. Obwohl die von Göppinger vorgeschlagene Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse gerade auf die Anwendung in der strafjustiziellen Alltagspraxis zielt, ist sie in ihren Einsatzmöglichkeiten beschränkt.27 Die kriminalprognostischen Aussagen, die mit der Methode gewonnen werden können, sind abhängig von der Stichprobe, anhand derer die zentralen Vergleichskategorien gewonnen wurden. Der Umstand, dass die Tübinger Untersuchung auf einem Vergleich von Extremgruppen – 200 männlichen Häftlingen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die mindestens 6 Monate Freiheitsstrafe zu verbüßen hatten, und 200 männlichen Personen gleichen Alters aus der Durchschnittspopulation – basierte, bedeutet auch hier, dass sich klare Aussagen letztlich nur in den Extrembereichen kriminellen Verhaltens erzielen lassen; im Bereich der leichteren Kriminalität (zB bei Fahrlässigkeits- und Bagatelldelikten) sind trennscharfe Aussagen kaum möglich. Die Eignung des Verfahrens bezieht sich überdies vor allem auf Täter, die Eigentums- oder Vermögensdelikte begangen haben; Aggressions- und Sexualdelikte werden nicht adäquat erfasst. Auf andere Tätergruppen ist das Instrument nur mit IV. Prognoseverfahren 209 26 Grundlegend Göppinger 1985; vgl. auch Göppinger/Bock 2008, §§ 15 ff.; Bock 2019, Rn. 352 ff. 27 Vgl. zum folgenden auch die Kritik von Graebsch/Burkhardt ZJJ 2006, 140 ff.; dies. StV 2008, 327 ff. 37 Modifikationen übertragbar. Für die kriminologische Beurteilung von Jugendlichen ist es in der hier wiedergegebenen Form ebenso ungeeignet28 wie für die Beurteilung von straffällig gewordenen Frauen, bei denen zumindest die Bezugskriterien aus dem Leistungsbereich der Anpassung bedürfen, oder von Migranten, die aus einem anderen Kulturkreis nach Deutschland gekommen sind.29 Die von Göppinger entwickelte Methode kann deshalb nicht mehr als einen Bezugsrahmen liefern, der im Einzelfall jeweils noch weiter ausgefüllt werden muss. d) Intuitive Prognose Das in der Strafrechtspraxis am weitesten verbreitete Verfahren war und ist die intuitive Prognose. Ihr Kennzeichen ist, dass ein prognostisch nicht ausgebildeter Beurteiler (zB ein Richter oder eine Staatsanwältin) die Rückfallwahrscheinlichkeit gefühlsmäßig (intuitiv) einzuschätzen versucht, wobei er / sie sich auf eine mehr oder weniger große Erfahrung im Umgang mit Straftätern stützt („Menschenkenntnis“). Die Grundlage der Einschätzung bilden „Alltagstheorien“ (naive Verhaltenstheorien) über menschliches Handeln. Dabei besteht begründeter Anlass zu der Vermutung, dass die wesentlichen Faktoren, die von Richtern oder Staatsanwälten der intuitiven Prognose zugrunde gelegt werden, mit den in den wissenschaftlichen Prognoseverfahren verwendeten Prädiktoren weitgehend übereinstimmen. So spielen bei der intuitiven Prognose immer wieder die strafrechtliche Vorbelastung des Täters, seine Sozialisationsbiografie, das Arbeitsverhalten, das Bestehen sozialer Bindungen und Hinweise auf das Vorliegen einer Suchtproblematik eine Rolle.30 Die Einwände, die gegen die intuitive Methode erhoben werden, richten sich vor allem gegen die ungesicherte methodische Basis. Die persönliche Erfahrung des Strafrechtspraktikers im Umgang mit Straffälligen, die die Grundlage der intuitiven Methode bildet, wird in der Regel durch die subjektive Wahrnehmung verzerrt und durch die eigene Werthierarchie des jeweiligen Beurteilers geprägt. Die Erfahrung beruht nicht auf objektiv-systematischen Beobachtungen, sondern auf den Feststellungen, die im Zusammenhang mit den wiederholt auffälligen Tätern (im Justizjargon manchmal abfällig als 210 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 28 Vgl. demgegenüber jedoch die Ausführungen von Schallert, DVJJ-Journal 1998, 17 ff. sowie Rössner/Bannenberg, in: Meier/Bannenberg/Höffler 2019, § 6 Rn. 35 ff. 29 Vgl. hierzu die Replik von Rau 2017, 263 ff. 30 Kaiser 1996, § 88 Rn. 4; Göppinger/Brettel 2008, § 14 Rn. 33. 38 39 „Kunden“ bezeichnet) getroffen werden. Diejenigen Täter, denen trotz erheblicher Belastungen der „Ausstieg“ aus einer kriminellen Karriere gelingt, bleiben der Strafjustiz unbekannt. In der Tendenz führt die selektive Wahrnehmung zu einer Überbewertung der strafrechtlichen Vorbelastung und anderer Negativmerkmale. 2. Neuere Ansätze: Empirisch validierte Kriterienlisten Die Entwicklung ist bei den bislang dargestellten Verfahren nicht stehen geblieben. Insbesondere von Seiten der forensischen Psychiatrie wurden erhebliche Bemühungen unternommen, die Vorteile der klinischen und der statistischen Methode miteinander zu kombinieren. Das Ergebnis der Bemühungen sind empirisch validierte Kriterienlisten, die als Leitfaden für die Prognoseerstellung dienen. Den methodischen Ausgangspunkt bilden nach wie vor die klinischen Verfahren, die auf die Einzelfallbeurteilung durch erfahrene psychologisch oder psychiatrisch ausgebildete Sachverständige setzen.31 Im Unterschied zu den früheren klinischen Verfahren ist die Auswahl und Bewertung der prognostisch relevanten Informationen jedoch transparent und intersubjektiv (auch von Juristen!) nachvollziehbar. Verwendet werden Zusammenstellungen von Risikokriterien, anhand derer die Abschätzung des individuellen Rückfallrisikos einer Person abgegeben werden kann. Die Risikokriterien beruhen auf empirisch-statistischen Studien zu den persönlichen und sozialen Hintergründen von Rückfälligkeit. Sie geben präzise – wenngleich manchmal fachsprachlich verfremdet – an, auf welche Einzelpunkte bei der Prognosestellung zu achten ist, sie verhindern, dass einzelne, prognostisch relevante Punkte übersehen werden, und sie vermeiden Redundanzen. Inzwischen gibt es eine vergleichsweise große Zahl von empirisch validierten, standardisierten Prognoseinstrumenten, die für unterschiedliche Zielgruppen entwickelt wurden.32 Beispielhaft genannt sei der HCR-20, der in Kanada für die Vorhersage des weiteren Verhaltens von Personen entwickelt worden ist, die mit gewalttätigem Verhalten auffällig geworden sind und bei denen der Verdacht auf eine psychische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung besteht.33 Das Instrument besteht aus insgesamt 20 Kriterien, die auf die Vorge- IV. Prognoseverfahren 211 31 Im Ansatz ebenso Brettel/Rettenberger/Retz R & P 2018, 154 ff.; Rettenberger FPPK 2018, 28 ff. 32 Übersicht bei Rettenberger/v. Franqué 2013; Kobbé 2017, 159 ff. 33 v. Franqué, in: Rettenberger/v. Franqué 2013, 256 ff. 40 41 schichte („historische“ oder „H-items“), das gegenwärtige Störungsbild („klinische“ oder „C-items“) sowie auf die künftig zu erwartenden äußeren Umstände („Risiko Management“ oder „R-items“) Bezug nehmen. Die Vorhersage wird in Wahrscheinlichkeitsaussagen formuliert („niedriges“, „mittleres“, „hohes Risiko“), wobei gleichzeitig angegeben werden soll, für welchen Zeitraum die Vorhersage Gültigkeit beanspruchen kann und welche Faktoren das Risiko in dem betreffenden Zeitraum verändern können. Bekannt geworden ist in Deutschland aber auch die von Nedopil entwickelte Kriterienliste („Integrierte Liste der Risikovariablen“, ILRV), in die der HCR-20 Eingang gefunden hat (vgl. Übersicht 7.1).34 Bezug genommen wird in vielen dieser Instrumente auf die Art und Ausprägung einer bei dem Betreffenden feststellbaren Persönlichkeitsstörung, die anhand einer weiteren Kriterienliste ermittelt werden kann (PCL-R, Psychopathy Checklist Revised).35 Die empirisch validierten Kriterienlisten stellen gegenüber den früheren Vorgehensweisen bei der klinischen Prognose eine wesentliche Fortentwicklung dar.36 Zwar sind sie für die Anwendung in der strafjustiziellen Alltagspraxis nicht geeignet, da die Erfassung und Bewertung der einzelnen Kriterien nach wie vor eine psychologische oder psychiatrische Fachausbildung voraussetzt. Besonders deutlich kommt dies in der Bezugnahme auf psychopathologische Störungsbilder zum Ausdruck, deren Vorliegen ohne Fachausbildung nicht beurteilt werden kann. Der wesentliche Vorzug der neueren Instrumente besteht indessen darin, dass sie es auch dem (juristisch ausgebildeten) Laien ermöglichen, Prognosegutachten zu analysieren und auf ihre Plausibilität zu überprüfen. Sie können damit einen wertvollen Beitrag dazu leisten, im Prozess zu einer genaueren und verantwortungsvolleren Vorhersage über die künftige Straffälligkeit zu gelangen. 212 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 34 Yundina/Tippelt/Nedopil, in: in: Rettenberger/v. Franqué 2013, 311 ff.; Müller/Nedopil 2017, 352; Originalversion Nedopil 2005, 282 ff. 35 Mokros, in: Rettenberger/v. Franqué 2013, 83 ff; Hollerbach u. a. FPPK 2018, 186 ff. 36 Vgl. hierzu aber auch H. Schneider StV 2006, 99 ff.; Bock StV 2007, 269 ff.; Boetticher u. a. NStZ 2009, 478 ff. 42 Übersicht 7.1: Integrierte Liste der Risikofaktoren nach Nedopil A. Ausgangsdelikt 1. Statistische Rückfallwahrscheinlichkeit 2. Bedeutung situativer Faktoren für das Delikt 3. Einfluss einer vorübergehenden Krankheit 4. Zusammenhang mit einer Persönlichkeitsstörung 5. Erkennbarkeit kriminogener oder sexuell devianter Motivation B. Anamnestische Daten (Vorgeschichte) 1. Frühere Gewaltanwendung 2. Alter bei erster Gewalttat 3. Stabilität von Partnerbeziehungen 4. Stabilität in Arbeitsverhältnissen 5. Alkohol-/Drogenmissbrauch 6. Psychische Störung 7. Frühe Anpassungsstörungen 8. Persönlichkeitsstörung 9. Frühere Verstöße gegen Bewährungsauflagen C. Postdeliktische Persönlichkeitsentwicklung (klinische Variablen) 1. Krankheitseinsicht und Therapiemotivation 2. Selbstkritischer Umgang mit bisheriger Delinquenz 3. Besserung psychopathologischer Auffälligkeiten 4. Pro-/antisoziale Lebenseinstellung 5. Emotionale Stabilität 6. Entwicklung von Coping- (= Bewältigungs-) Mechanismen 7. Widerstand gegen Folgeschäden durch Institutionalisierung D. Der soziale Empfangsraum (Risikovariablen) 1. Arbeit 2. Unterkunft 3. Soziale Beziehungen mit Kontrollfunktionen 4. Offizielle Kontrollmöglichkeiten 5. Konfliktbereiche, die rückfallgefährdende Situationen wahrscheinlich machen 6. Verfügbarkeit von Opfern 7. Zugangsmöglichkeiten zu Risiken (destabilisierende Einflüsse) 8. Compliance (= Bereitschaft zur Mitarbeit an therapeutischen Maßnahmen) 9. Stressoren (mögliche belastende Anforderungen) E. PCL-RWert IV. Prognoseverfahren 213 V. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Kriminelles Verhalten ist – in Grenzen – vorhersagbar. Der Prognoseforschung ist es bisher zwar nicht gelungen, ein empirisch validiertes Instrument zu entwickeln, das die treffsichere Vorhersage des künftigen Legalverhaltens aller Menschen in allen Situationen und unter allen Bedingungen erlaubt. Eine derartige Erwartung wäre jedoch auch illusionär. Der Mensch ist kein programmiertes Wesen, bei dem es lediglich darauf ankommt, das „Programm“ zu entschlüsseln, um vorherzusagen, welche weitere Entwicklung der Betreffende nehmen wird. Selbstreflexivität, Lernprozesse, Intuition und Spontaneität sowie sich ändernde Außenwelteinflüsse machen das künftige Verhalten nur schwer kalkulierbar. Dennoch gibt es Verhaltensregelmäßigkeiten, an die bei der Prognosestellung angeknüpft werden kann. Dabei erscheinen die neueren Ansätze, die auf die Identifizierung von hochspeziellen Risikogruppen abzielen (zB Gewalttäter mit einer psychischen Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung), besonders vielversprechend. Die Einengung dieser Lösungsansätze folgt in der Tendenz der Blickverengung, die auch in der kriminologischen Grundlagenforschung zur Täterpersönlichkeit und den soziobiografischen Hintergründen der Tat festgestellt wurde. Auch dort verläuft die wesentliche Trennlinie heute nicht mehr zwischen Straffälligen und Nichtstraffälligen, sondern zwischen Mehrfach- und Intensivtätern auf der einen und den nicht oder nur gelegentlich Auffälligen auf der anderen Seite (" § 6 Rn. 19, 65 ff.). Auch bei einem solchermaßen auf die Beurteilung von „Extremgruppen“ reduzierten Ansatz ist freilich vor übersteigerten Erwartungen zu warnen. Fehleinschätzungen sind auch insoweit unvermeidlich.37 Auf die Abhängigkeit der Treffsicherheit von der Basisund der Auswahlrate wurde hingewiesen. Vor allem die Basisrate wirkt sich bei der prognostischen Beurteilung von Extremgruppen als Verzerrungsfaktor aus, da die Basisrate des vorherzusagenden Ereignisses (zB eine erneute Gewalttat) hier in der Regel noch deutlich geringer ist als in der großen Zahl der alltäglich vorkommenden Strafrechtsfälle. Die Größe der Basisrate muss daher bei der Prognose 214 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit 37 Nedopil/Stadtland, in: Lösel/Bender/Jehle 2007, 541 ff. 43 44 in Rechnung gestellt werden (und sie wird es zum Teil auch; vgl. die Integrierte Liste von Nedopil, A. 1.). Auch und gerade bei der Verwendung von wissenschaftlichen Prognosetechniken ist es daher unverzichtbar, dass die Grenzen des betreffenden Verfahrens offengelegt werden. Die Grenzen, an die die empirisch begründete Vorhersage des künftigen Legalverhaltens stößt, verweisen für die Entscheidung, die im Einzelfall getroffen werden muss, auf die Letztverantwortung des Gerichts. Letztlich ist es das Gericht, das die Aussage des Prognostikers in eine konkrete Entscheidung (zB die Entlassung aus dem Maßregelvollzug) umsetzen muss und das dabei nicht nur die vom Prognostiker angegebene Rückfallwahrscheinlichkeit berücksichtigen darf. Die richterliche Entscheidung beruht auf einer umfassenden Interessenabwägung, in die neben der empirisch zu ermittelnden Rückfallwahrscheinlichkeit die Schwere der im Fall einer Fehlentscheidung zu erwartenden Taten, die Dauer der im Fall einer Fehlentscheidung vom Verurteilten zu erleidenden freiheitsentziehenden Sanktion und auch die Treffsicherheit der Prognose einfließen müssen. Berücksichtigt werden müssen auch die Wirkungen, die mit einer individualisierenden Ausgestaltung der Sanktion bzw. ihrer Vollstreckung (zB Auflagen, Weisungen oder Führungsaufsicht) für die Risikoeinschätzung erreicht werden können. Die Rückfallprognose ist immer auch eine Prognose über die gerade mit Hilfe der Sanktion erzielbaren Effekte für das künftige Legalverhalten des Täters.38 Der Prognostiker kann diesen Aspekt der richterlichen Entscheidungsfindung unterstützen, indem er diejenigen dynamischen Risiko-, aber auch Schutzfaktoren explizit benennt, für die die Prognose gilt, und dabei angibt, mit welchen Veränderungen insoweit zu rechnen ist. Aber auch wenn sich die Prognose des künftigen Legalverhaltens damit als ein Anwendungsbereich der Kriminologie darstellt, bei dem empirisch begründete Aussagen und normative Kontrollinteressen eng beieinanderliegen, darf die Rollenverteilung hierdurch nicht verwischt werden: Der empirisch arbeitende Prognostiker ist – trotz aller Relevanz seines Beitrags für die Entscheidungsfindung – kein Richter. V. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 215 38 Schöch, in: H. J. Schneider 2007, 365. 45 Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Dahle, Methodische Grundlagen der Kriminalprognose, FPPK 2007, 101–110; Gretenkord, Warum Prognoseinstrumente?, in: Rettenberger/v. Franqué 2013, 19–36; Nedopil, Von der intuitiven Prognose zum evidenzbasierten Risikomanagement, in: Dessecker/ Sohn 2013, 435–445; Rettenberger, Intuitive, klinisch-idiographische und statistische Kriminalprognosen im Vergleich – die Überlegenheit wissenschaftlich strukturierten Vorgehens, FPPK 2018, 28–36. 216 § 7. Probleme der Vorhersage künftiger Straffälligkeit

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht