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§ 3. Kriminologische Theorien in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 32 - 91

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-32

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 3. Kriminologische Theorien I. Begriff, Bedeutung und Leistungsfähigkeit von kriminologischen Theorien Das Rückgrat der Kriminologie bilden die kriminologischen Theorien. Mit dem Begriff werden diejenigen theoretischen Aussagesysteme bezeichnet, die die Frage nach den Zusammenhängen in den kriminologisch relevanten Erkenntnisbereichen beantworten. Den bekanntesten und bedeutsamsten Ausschnitt bilden diejenigen Theorien, die sich mit der Entstehung, Entwicklung und Struktur von Delinquenz und Kriminalität beschäftigen. Typische Fragestellungen dieser Kriminalitätstheorien lauten: Warum werden Menschen kriminell? Warum gibt es in der Gesellschaft überhaupt „Kriminalität“? Wie erklären sich Schwankungen in der Verbrechensrate? Die kriminologischen Theorien sind hierauf jedoch nicht beschränkt. Sie beantworten auch Fragen nach der Entstehung von Viktimisierungsprozessen und den Besonderheiten bestimmter Täter-Opfer-Beziehungen, sie versuchen, das System der Verbrechenskontrolle zu erklären, sie nehmen Stellung zu den in der Gesellschaft zu beobachtenden Bestrebungen zur Entkriminalisierung oder – umgekehrt – zur Neukriminalisierung oder härteren Sanktionierung bestimmter Verhaltensweisen, kurz: Sie suchen nach Erklärungen für alle diejenigen Phänomene, die mit Kriminalität, dem Täter, demOpfer und den Prozessen der Kriminalitätskontrolle im Zusammenhang stehen. Bei den kriminologischen Theorien handelt es sich häufig um Ausschnitte aus allgemeineren Theorien, die in den Herkunfts- und Bezugsdisziplinen der Kriminologie entwickelt wurden. Es handelt sich bspw. um speziell auf normabweichendes Verhalten bezogene Ausschnitte allgemeiner psychologischer Verhaltenstheorien oder um Ausschnitte aus soziologischen Konzeptionen, die auf das System der staatlichen Verbrechenskontrolle bezogen werden. Beispiele: Mit Hilfe der psychologischen Lerntheorie lässt sich die Begehung bestimmter deliktischer Verhaltensweisen genauso erklären wie etwa der Erwerb der Fähigkeit zum Fahrrad fahren ("Rn. 73 ff.). – Die innerhalb der Soziologie vertretene Theorierichtung des symbolischen Interaktionismus 1 2 kann sowohl erklären, welche Bedeutung die förmliche Zuschreibung des Etiketts als „kriminell“ für das Selbstverständnis des Betreffenden und sein weiteres Legalverhalten haben kann, wie sie erklären kann, warum sich aus einem Anlächeln unter Fremden ein weitergehender sozialer Kontakt ergeben kann: In beiden Fällen ist das weitere Verhalten geprägt durch die Bedeutung, die der Betreffende der vorangegangenen Interaktion beimisst ("Rn. 91 ff.). Obwohl die kriminologischen Theorien inhaltlich ein breites Spektrum abdecken und von ihrer Herkunft her in ganz unterschiedlichen Bezugsdisziplinen verankert sind, gelten für sie einige Gemeinsamkeiten, über die man sich vorab Klarheit verschaffen muss, wenn man ihren Sinn und Zweck richtig verstehen will. Die Gemeinsamkeiten ergeben sich daraus, dass der Bezugspunkt aller kriminologischen Theorien im Tatsachenbereich liegt, namentlich in den empirischen Befunden über die Entstehung, Entwicklung und Struktur von Kriminalität. Mit diesem Tatsachenbezug unterscheiden sich die kriminologischen Theorien von den juristischen Theorien, die aus dem Jura-Studium bekannt sind. Juristische Theorien wollen keine Erklärungen für die in der Gesellschaft zu beobachtenden Phänomene liefern, sondern sie wollen rechtliche Zusammenhänge deutlich machen, den Sinngehalt von Rechtssätzen und normativen Konstruktionen durch Auslegung ermitteln helfen und die „richtige“ Rechtsanwendung leiten. 1. Begriff der (kriminologischen) Theorie Mit dem Begriff der „Theorie“ bezeichnet man in den empirischen Wissenschaften ein System von über den Einzelfall hinausgehenden Aussagen, das dazu dient, Erkenntnisse über einen Tatsachenbereich (zB die statistische Verteilung der Kriminalität in bestimmten Bevölkerungsgruppen oder die Kriminalitätsentwicklung in einzelnen Lebensbereichen) zu ordnen und das Auftreten der Tatsachen zu erklären.1 Das Ziel liegt in der Erklärung der Tatsachen. Es geht darum, Begründungen dafür zu liefern, warum die Tatsachen so sind, wie sie sind, und die empirischen Befunde damit verständlich zu machen. Dabei können sich die Erklärungen sowohl auf objektive, realweltliche Phänomene (zB Misshandlungen von Kindern) als auch auf deren subjektive Deutungen (zB als Erziehungsmaßnahmen oder als Krimi- I. Begriff, Bedeutung, Leistungsfähigkeit kriminologischer Theorien 33 1 Schnell/Hill/Esser 2013, 49 ff.; Diekmann 2012, 116 ff. 3 4 nalität) beziehen (" § 1 Rn. 23 ff.). Das Herausarbeiten und Nachvollziehen (Verstehen) subjektiver Einordnungen, Irrtümer, Rechtfertigungen und Bedeutungszuweisungen steht zu problemangemessenen Erklärungen nicht in einem Gegensatz,2 sondern ist häufig deren notwendige Voraussetzung. Indem Theorien darauf abzielen, Tatsachen zu erklären, unterscheiden sie sich von bloßen Beschreibungen. Eine noch so vollständige und genaue Beschreibung der Fakten liefert keinen Ersatz für eine Erklärung. „Erklären“ bedeutet, dass angegeben wird, unter welchen Bedingungen bestimmte Einzeltatsachen auftreten bzw. nicht auftreten; es setzt voraus, dass man neben der Kenntnis der Einzeltatsachen zusätzlich die Zusammenhänge zwischen den Einzeltatsachen kennt.3 Eine „Theorie“ liegt dabei erst dann vor, wenn die Zusammenhänge in einer allgemeinen, über den Einzelfall hinausgehenden Weise verdeutlicht werden können. Beispiel: Um das Verhalten von Autofahrern im Straßenverkehr verständlich zu machen, genügt es nicht, ausführlich zu beschreiben, wie sich die Autofahrer im Verkehr verhalten, zB dass sie in der Regel vor einer roten Ampel anhalten. Verständlich wird das Verhalten dieser Mehrzahl der Autofahrer erst dann, wenn ein Zusammenhang mit den drohenden Sanktionen bei Verletzung der Verkehrsregeln hergestellt und das Verhalten vor der roten Ampel bspw. mit der Abschreckungswirkung von Geldbußen und Fahrverbot erklärt werden kann (denkbar wären natürlich auch andere Erklärungen). In einer allgemeineren Form könnte eine solche zur Erklärung herangezogene „Abschreckungstheorie“ etwa lauten: Immer dann, wenn für die Verletzung von Verkehrsregeln Sanktionen angedroht werden, werden die Autofahrer die Verkehrsregeln einhalten. Während man Beschreiben und Erklären voneinander unterscheiden muss, besteht zwischen Erklärung und Voraussage kein logischer Unterschied. Beide Tätigkeiten sind gleichermaßen möglich, wenn man über eine Theorie verfügt; dabei blickt die Erklärung in die Vergangenheit und die Prognose in die Zukunft.4 Der logische Zusammenhang zwischen Erklärung und Voraussage ist wichtig, denn er macht deutlich, dass sich aus kriminologischen Theorien auch Empfehlungen für in die Zukunft gerichtetes, kriminalpolitisches Handeln ableiten lassen: Wenn es mit Hilfe einer Theorie möglich ist, das Auftreten bestimmter Erscheinungen vorherzusagen (zB 34 § 3. Kriminologische Theorien 2 So aber Kunz/Singelnstein 2016, § 2 Rn. 11 ff. 3 Kaiser 1996, § 5 Rn. 22. 4 Schnell/Hill/Esser 2013, 52 ff. 5 6 von Kriminalität in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe), dann ist es auch möglich, hierauf mit gegenläufigen Maßnahmen zu reagieren (Maßnahmen der Kriminalprävention) und damit die Wahrscheinlichkeit des Eintritts des betreffenden Ereignisses zu beeinflussen. Beispiel: Wenn sich die Verhaltenskonformität von Autofahrern im Bereich des Straßenverkehrs mit der „Abschreckungstheorie“ erklären lässt (s. o.), dann lässt sich vorhersagen, dass es zu einer erhöhten Zahl von Verkehrsvergehen (zB zur Missachtung roter Ampeln) dann kommen wird, wenn die Abschreckungswirkung der bei einer Regelverletzung drohenden Sanktionen nur gering ist. Man kann in diesem Fall einer (im Interesse der Verkehrssicherheit unerwünschten) Fehlentwicklung in der Weise entgegenwirken, dass man entweder bspw. durch den verstärkten Einsatz technischer Überwachungsmaßnahmen die Entdeckungs- und Verfolgungswahrscheinlichkeit einer möglichen Regelverletzung erhöht oder dass man die bei einer Regelverletzung drohenden Sanktionen (Geldbuße, Strafe, Fahrverbot) schärfer fasst. Ob eine dieser Maßnahmen den gewünschten Erfolg nach sich zieht, ist eine mit Hilfe der empirischen Forschungsmethoden beantwortbare Frage (dazu genauer " § 9 Rn. 83 ff.). 2. Kriterien für die Beurteilung der Qualität einer Theorie Die Unterschiedlichkeit der Bezugsdisziplinen der Kriminologie bringt es mit sich, dass um die Erklärung bestimmter Phänomene oft eine Vielzahl unterschiedlicher Theorien miteinander konkurriert. Wenn dies der Fall ist, stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien sich die Qualität von kriminologischen Theorien beurteilen lässt. Insbesondere dann, wenn mit der Erklärung kriminalpolitische Absichten verfolgt werden, ist es erforderlich, bessere und schlechtere Theorien voneinander trennen zu können. Bei der Beurteilung der Qualität von Theorien ist es empfehlenswert, sich zunächst des Erkenntnisgegenstands und der Erklärungsebene der jeweiligen Theorien zu vergewissern.5 Sinnvoll ist ein Theorienvergleich nur dann, wenn zwei Theorien dasselbe erklären wollen (zB die Entstehung von Kriminalität) und hierfür auf derselben Ebene ansetzen (zB auf der Ebene des individuellen Verhaltens, "Rn. 13). Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, dann besteht zwischen den betreffenden Theorien kein echtes Konkurrenzverhältnis; die theoretischen Aussagen müssen sich nicht zwingend widersprechen, sondern sie erklären schlicht etwas anderes.6 I. Begriff, Bedeutung, Leistungsfähigkeit kriminologischer Theorien 35 5 Kaiser 1996, 181 ff., 187 f. 6 Vold/Bernard/Snipes 1998, 335. 7 8 Soweit kriminologische Theorien in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, lässt sich ihre Qualität nach den folgenden drei Gesichtspunkten beurteilen7: (1) Die Theorie muss einen Erklärungswert haben. Einen Erklärungswert hat eine Theorie dann, wenn sie für das (Nicht-)Auftreten des zu erklärenden Phänomens eine Begründung liefert. Bei der Begründung darf es sich nicht um eine bloße Leerformel handeln; tautologische Aussagen („Kriminalität ist das Ergebnis von Straffälligkeit“), Aussagen, die unabhängig von der Beschaffenheit der Realität immer wahr sind („die Ursachen der Kriminalität sind vielschichtig“), sowie kontradiktorische Sätze, die unabhängig von den Fakten immer falsch sind („Kriminalität lässt sich erklären, aber uns fehlen die hierfür notwendigen Erkenntnismöglichkeiten“), sind unbrauchbar. (2) Die Theorie muss Praxisrelevanz haben. Praxisrelevanz hat eine Theorie dann, wenn sie nicht nur die Analyse des betreffenden Problems erlaubt, sondern wenn sie auch in der Lage ist, unter Abwägung der möglichen Folgen kriminalpolitische Handlungsempfehlungen abzugeben, etwa zur Kriminalprävention oder zum Umgang mit Straffälligen. Theorien, die der Gesellschaft lediglich einen „Spiegel vorhalten“ und in emanzipatorischer Absicht „aufklärerisch“ wirken wollen (zB „die Gesellschaft bestraft, um gegenüber dem Verbrecher ihre eigenen kriminellen Tendenzen ausleben zu können“ [„Sündenbocktheorie“]), erfüllen dieses Kriterium in der Regel nicht. (3) Die Theorie muss empirisch abgesichert sein. Jede Theorie, die den Anspruch erhebt, etwas über die soziale Realität auszusagen, muss sich an dieser messen lassen. Erst aus der Konfrontation der Theorie mit der Wirklichkeit ergibt sich, ob die theoretischen Aussagen richtig oder falsch sind. Die in der Theorie verwendeten Begriffe müssen daher präzise definiert sein und einen Informationsgehalt über die sinnlich wahrnehmbare Realität haben. Empirische Untersuchungen müssen die theoretischen Aussagen bestätigen, zumindest dürfen sie sie nicht widerlegt haben. Da die meisten kriminologischen Theorien mit Wahrscheinlichkeitsaussagen arbeiten (zB „je größer die familiären Belastungen eines Jugendlichen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu kriminellen Handlungen kommt“) und da Wahrscheinlichkeitsaussagen nicht schon durch die Existenz 36 § 3. Kriminologische Theorien 7 Akers 1999, 6 ff.; Fetchenhauer 2011, 97 ff.; vgl. in diesem Zusammenhang auch die zwischen „Erklären“ und „Verstehen“ unterscheidenden Überlegungen von Kunz/Singelnstein 2016, § 14 Rn. 30 ff. 9 9a 10 11 einzelner, weniger Gegenbeispiele widerlegt werden, stellt die empirische Überprüfung der kriminologischen Theorien oft erhebliche methodische und statistische Anforderungen (" § 4). II. Erkenntnisgegenstand, Erklärungsebenen und Reichweite der Kriminalitätstheorien Die Kriminalitätstheorien als der wichtigste Ausschnitt aus dem Spektrum der kriminologischen Theorien beschäftigen sich mit den Gründen für die Entstehung, Entwicklung und Struktur von Delinquenz und Kriminalität. Während die Kriminalitätstheorien damit über einen vergleichsweise einheitlichen Erkenntnisgegenstand verfügen – die Unterschiede zwischen Delinquenz und Kriminalität sind praktisch nur gering (" § 1 Rn. 13) – kann für die Erklärung auf unterschiedlichen Ebenen angesetzt werden. Verallgemeinernd lassen sich drei Erklärungsebenen unterscheiden. Manche Theorien versuchen, individuelles Verhalten zu erklären. Gefragt wird nach den Gründen, die Menschen zu kriminellem Handeln veranlassen, wobei diese Gründe entweder in den individuellen Besonderheiten der betreffenden Personen gesehen werden oder in den Besonderheiten der sozialen Situationen, in denen es zu kriminellem Handeln kommt. Zur Kennzeichnung dieser Gruppe von Theorien spricht man häufig von „Mikrotheorien“. Zum zweiten gibt es Theorien, die sich mit dem Phänomen von Kriminalität in der Gesellschaft beschäftigen. Die Gründe werden hier nicht auf der individuellen, sondern auf der gesellschaftlichen Ebene gesucht und typischerweise in den Besonderheiten der gesellschaftlichen Sozialstruktur gesehen. Diese Theorien werden auch als „Makrotheorien“ bezeichnet. Eine dritte Gruppe von Theorien schließlich beschäftigt sich mit der Bedeutung des strafrechtlichen Kontrollsystems für die „Konstruktion“ von Kriminalität. Kriminalität wird als das Ergebnis von Etikettierungsprozessen durch die Instanzen der formellen Sozialkontrolle gesehen und es wird danach gefragt, warum die Etikettierungsprozesse in der Gesellschaft auf die zu beobachtende Art und Weise und nicht anders verlaufen. – Der Schwerpunkt der kriminalitätstheoretischen Diskussion liegt traditionell auf den Mikro- und den Makrotheorien. Unabhängig von der Differenzierung nach den Erklärungsebenen gibt es einen zweiten allgemeinen Gesichtspunkt, nach dem sich die II. Erkenntnisgegenstand, Erklärungsebenen und Reichweite 37 12 13 14 Kriminalitätstheorien voneinander unterscheiden lassen: die Reichweite, die ihren Aussagen zukommt. Bei den meisten Kriminalitätstheorien handelt es sich um „Theorien mittlerer Reichweite“. Damit ist gemeint, dass die Theorien sowohl hinsichtlich ihrer Anwendungsmöglichkeiten als auch hinsichtlich ihrer raum-zeitlichen Gültigkeit begrenzt sind. Eine der wesentlichen Leistungen der kriminalitätstheoretischen Diskussion besteht bei diesen Theorien darin herauszuarbeiten, wo die nur selten explizit formulierten Grenzen der jeweiligen Ansätze liegen. Den Theorien mittlerer Reichweite gegenüber stehen „allgemeine Kriminalitätstheorien“, die von ihrem Anspruch her keine gegenständliche oder raum-zeitliche Begrenzung aufweisen. Eine der bekanntesten allgemeinen Theorien ist die von Gottfredson/Hirschi formulierte Annahme, dass Kriminalität die Konsequenz einer geringen oder fehlenden Selbstkontrolle sei ("Rn. 84 ff.). III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 1. Die „klassische“ Erklärung: Kriminalität als Ergebnis zweckrationalen Handelns a) Die Theorie der rationalen Wahl Will man sich einen Überblick über die wichtigsten Kriminalitätstheorien verschaffen, so muss am Anfang die von der klassischen Schule begründete Erklärung stehen, dass der Mensch ein vernünftiges, selbstbestimmtes Wesen ist, das seine Entscheidungen an der Verfolgung seiner eigenen Interessen ausrichtet (" § 2 Rn. 3). Diese Ausgangsposition ist in der Entwicklungsgeschichte immer wieder vertreten worden und wird heute vor allem von Ökonomen favorisiert. Im Mittelpunkt der modernen Diskussion steht die „Theorie der rationalen Wahl“ (engl.: „rational choice approach“), die maßgeblich auf die Arbeiten des Amerikaners Gary S. Becker zurückgeht. Nach Becker ist davon auszugehen, „dass eine Person eine Straftat (dann) begeht, wenn der für sie erwartete Nutzen größer ist als der Nutzen, den sie realisieren könnte, wenn sie ihre Zeit und sonstigen Ressour- 38 § 3. Kriminologische Theorien 15 16 cen für andere Aktivitäten einsetzen würde.“8 Der zur Kennzeichnung dieses Erklärungsansatzes verwendete Begriff der „rationalen Wahl“ bezieht sich auf die Entscheidungssituation, in der sich der potentielle Täter bei ökonomischer Betrachtung vor der Tat befindet: Ihm stehen mehrere Handlungsalternativen zur Verfügung (Tatbegehung ja/nein), zwischen denen er wählen kann. Rational ist die Entscheidung dann, wenn sich der potentielle Täter für diejenige Alternative entscheidet, die für ihn mit dem größten erwarteten Nutzen verbunden ist. Zentrale Bedeutung kommt in diesen Überlegungen dem Begriff des „Nutzens“ zu. Es drängt sich auf, den Nutzen allein ökonomisch zu sehen und die Theorie damit auf die Erklärung von solchen Delikten zu beschränken, bei denen aus der Tat ein finanzieller oder sonstiger wirtschaftlicher Gewinn gezogen werden kann (namentlich also Eigentums- und Vermögensdelikte). Auch wenn der ökonomische Erklärungsansatz bei diesen Delikten besonders plausibel erscheint, würde man ihm jedoch nicht gerecht werden, wenn man ihn hierauf beschränken würde. Die Theorie der rationalen Wahl versteht sich als ein allgemeiner, über die Ökonomie hinausgreifender Ansatz zur Erklärung des menschlichen Verhaltens.9 „Nutzen“ kann dementsprechend alles sein, was ein Mensch in einer gegebenen Situation als für sich nützlich definiert, mag es rational erscheinen wie der aus einer Straftat gezogene wirtschaftliche Gewinn, mag es irrational erscheinen wie das Gefühl der Erleichterung und Befriedigung, das sich einstellen kann, wenn der Täter einen ihm verhassten Menschen geschädigt, verletzt oder gedemütigt hat. „Nutzen“ im ökonomischen Sinn ist auch der bloße Nervenkitzel, der mit der Tatbegehung einhergeht, die Durchbrechung der Langeweile, die die Tatbegehung bedeutet, oder die Steigerung des Ansehens, das in der Bezugsgruppe durch die Tat gewonnen werden kann; selbst die Begehung eines Selbstmordattentats kann als nützliche Handlung angesehen werden.10 Der im ökonomischen Ansatz verwendete Begriff der „Rationalität“ bezieht sich nicht auf die Bedürfnisse, aus deren Befriedigung der Täter den Nutzen zieht, sondern auf die Entscheidung, die er trifft, bevor er die Tat begeht. Bei der Entscheidung muss der Nutzen, den der potentielle Täter aus der Tatbegehung erwartet, verglichen werden mit dem Nutzen, den es für ihn hat, wenn er die Tat nicht begeht. Auch dieser alternativ in die Überlegungen einzustellende Nutzen normkonformen Verhaltens (bzw. aus der Sicht der Entscheidung für die Tat formuliert: die „Kosten“ der Tat) ist in einem weiten Sinn zu verstehen. „Kosten“ der Tat sind nicht allein die materiellen und im- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 39 8 G. Becker 1982, 47 f.; ausführlich zum ökonomischen Ansatz Wittig 1993; dies. MschrKrim 76 (1993), 328 ff.; vertiefend Karstedt/Greve, in: Bussmann/Kreissl 1996, 171 ff. 9 Gautschi/Berger MschrKrim 101 (2018), 200 ff. 10 Behringer Kriminalistik 2018, 216. 17 18 materiellen Aufwendungen, die der Täter erbringen muss, um den Tatplan umzusetzen, also die Anschaffungskosten für das Einbruchswerkzeug oder die Tatwaffe, die Transportkosten zum Tatort oder der physische und psychische Aufwand, den die Tatbegehung und die Überwindung der vor ihr liegenden Hemmschwellen erfordert. „Kosten“ sind auch und in erster Linie die Folgekosten, die eintreten, wenn die Tat entdeckt wird: die sozialen Einbußen, die mit dem Bekanntwerden der Tat einhergehen (Ansehensverlust, Rufschädigung), und die Sanktionen, die zu erwarten sind, falls sich ein Strafverfahren anschließt. Der Entdeckungswahrscheinlichkeit kommt für die Bestimmung dieser Folgekosten eine maßgebliche Bedeutung zu: Ist die Entdeckungswahrscheinlichkeit nur gering, kann die Kostenbilanz selbst bei harten zu erwartenden Sanktionen günstiger sein als in dem Fall, in dem die Entdeckungswahrscheinlichkeit hoch, die dann drohenden Sanktionen aber eher leicht sind. Es liegt auf der Hand, dass die Einordnung der strafrechtlichen Folgen in den Kontext der „Kosten“ das kriminalitätstheoretische Spiegelbild der straftheoretischen Überlegungen zur Abschreckungswirkung der Strafe und des Verfahrens sind (" § 9 Rn. 17 f.). b) Kritische Würdigung Bei der Bewertung des Ansatzes ist zu differenzieren. Positiv erscheint zunächst, dass der ökonomische Ansatz die Begehung krimineller Handlungen nicht „pathologisiert“, dh er erklärt Kriminalität nicht als individuelle, psychisch oder sozial determinierte Fehlentwicklung, sondern sieht hierin ein allgemeines Verhaltensschema, das sich in vergleichbarer Form auch in ganz anderen Bereichen des menschlichen Verhaltens nachweisen lassen können soll (zB bei der Partnerschaftswahl, Erziehung, Religion etc.). Menschen, sagt Becker, „werden nicht deshalb,Kriminelle', weil sie sich in ihrer grundlegenden Motivation von anderen Menschen unterscheiden, sondern weil ihre Nutzen und Kosten andere sind.“11 Der ökonomische Ansatz ist damit in der Lage, auch (und gerade) das kriminelle Verhalten solcher Täter zu erklären, die keinerlei sichtbare Fehlentwicklungen aufweisen und dennoch Straftaten begehen. Zu denken ist an den großen Bereich der berufsbedingten Kriminalität sowie der Wirtschafts- und Umweltkriminalität, an Beamte, die sich bestechen lassen, an Manager, die trotz erkennbarer Gefährlichkeit Ledersprays, Holzschutzmittel oder ungesunde Babynahrung nicht vom Markt nehmen, und an Tankstellenpächter, die keine ausreichenden Schutzvorkehrungen gegen versickerndes Altöl treffen. Der ökonomische Ansatz leistet damit einen Beitrag zur Erklärung gerade solcher Delinquenzberei- 40 § 3. Kriminologische Theorien 11 Becker 1982, 48. 19 che, die aus der kriminologischen Betrachtung allzu häufig ausgeblendet bleiben (" § 11 Rn. 27 f.). Gleichwohl weist der ökonomische Ansatz unübersehbare Schwächen auf, die es ausschließen, ihn als allgemeine Theorie zur Erklärung kriminellen Verhaltens zu akzeptieren.12 Zunächst muss man feststellen, dass der ökonomische Ansatz in seiner Begrifflichkeit äu- ßerst vage und unbestimmt und sein Erklärungswert damit nicht sehr groß ist. Versteht man die zentralen Begriffe „Nutzen“ und „Kosten“ nicht im engeren wirtschaftlichen Sinn, sondern als Konzepte, die sich letztlich mit beliebigen Inhalten füllen lassen,13 dann ist die Aussagekraft der Theorie gering. Da nicht geklärt wird (und allenfalls lern- oder sozialisationstheoretisch erklärt werden kann), wann ein Mensch welche Faktoren in seine Überlegungen einbezieht und wie gewichtet (Welche Bedeutung haben bspw. Vorurteile? Emotionen?), erlaubt die Theorie letztlich keine Vorhersagen über das tatsächliche Entscheidungsverhalten in einer bestimmten Situation. Der zweite Einwand knüpft daran an, dass dem Entdeckungs- und Bestrafungsrisiko entscheidende Bedeutung beigemessen wird. Obwohl zu der Frage der Abschreckungswirkung von Strafverfolgungsmaßnahmen in der Vergangenheit eine Vielzahl von Untersuchungen durchgeführt worden sind, ist der empirische Bestätigungsgrad für diese Annahme nach wie vor gering. Die empirischen Untersuchungen zur Generalprävention zeigen, dass von der erwarteten Schwere der Strafe keine und von dem angenommenen Entdeckungsrisiko nur geringe Abschreckungseffekte ausgehen. Eine wesentlich größere Bedeutung kommt für die Erklärung etwa der Einschätzung der moralischen Verbindlichkeit der Norm sowie der Deliktsbegehung im näheren Bekanntenkreis zu (" § 9 Rn. 75, 83 ff.), also solchen Merkmalen, denen in anderen Kriminalitätstheorien ein klarerer Stellenwert beigemessen wird. Ein dritter Einwand ergibt sich daraus, dass die Theorie der rationalen Wahl selbst in dem Bereich, in dem sie auf der Evidenzebene Gültigkeit beanspruchen kann (bei der berufsbedingten Kriminalität sowie der Wirtschafts- und Umweltkriminalität) unvollständig ist. Mit dem Hinweis auf „Kosten“ und „Nutzen“ ist die Entscheidung nur unvollständig beschrieben; es fehlen jedwede Variablen zur Si- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 41 12 Zum folgenden Akers 1999, 23 ff.; Wittig 1993, 126 ff.; Karstedt/Greve, in: Bussmann/ Kreissl 1996, 182 ff. 13 Vgl. insoweit die weiterführenden Bemühungen von Cornish/Clarke 1986. 20 21 22 tuation, in der die Entscheidung getroffen wird, also namentlich Variablen, die sich auf die Tatgelegenheit, das Vorhandensein von Tatwerkzeugen oder die Existenz eines Tatopfers beziehen. Der Beamte, der sich bestechen lässt, braucht einen interessierten Bürger, der ihn besticht; der Manager, der gesundheitsgefährdende Holzschutzmittel verkauft, braucht Abnehmer, die die Ware kaufen und verbrauchen. Diese Variablen werden in der Theorie der rationalen Wahl zwar stets mitgedacht, explizit formuliert werden sie jedoch nicht. Allerdings ist festzustellen, dass neuere Theorieentwicklungen an dieses Defizit anknüpfen und sich um die Integration des ökonomischen Ansatzes in ein umfassenderes Konzept zur kriminologischen Relevanz der Tatsituation bemühen. Eine herausgehobene Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Konzept der Routineaktivitäten zu (" § 8 Rn. 33 f.). 2. Moderne Kriminalbiologie: Identifizierung biologischer Risikofaktoren Als „moderne Kriminalbiologie“ lässt sich diejenige, etwa seit den 1970er Jahren in Erscheinung tretende Forschungsrichtung bezeichnen, die sich mit den Zusammenhängen zwischen bestimmten biologischen Auffälligkeiten und kriminellem Verhalten beschäftigt. Von ihren entwicklungsgeschichtlichen Vorläufern, namentlich Lombrosos Forschungen, unterscheidet sich die moderne Kriminalbiologie vor allem in zwei Punkten: Sie beschränkt sich nicht auf die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert im Mittelpunkt stehende Frage, ob kriminelles Handeln auf ererbten Eigenschaften des Täters beruht, sondern sie bezieht das gesamte Spektrum möglicher biologischer Einflüsse auf menschliches Verhalten in ihre Betrachtungen ein. Dabei misst sie auch den Umweltbedingungen und ihrem Zusammenspiel mit der biologischen Basis Bedeutung zu (biosoziale und soziobiologische Erklärungsansätze). Darüber hinaus geht die moderne Kriminalbiologie nicht mehr davon aus, dass die biologischen Umstände das Verhalten des Menschen auf eine Weise determinieren, die den Weg in die Kriminalität unausweichlich macht (so trug bezeichnenderweise das von J. Lange 1929 veröffentlichte Buch [" § 2 Rn. 24] noch den Titel „Verbrechen als Schicksal“). Die moderne Richtung sieht in bestimmten biologischen Besonderheiten lediglich Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen, dass es 42 § 3. Kriminologische Theorien 23 beim Zusammentreffen mit bestimmten weiteren Bedingungen (zB in spezifischen Situationen) zu Straftaten kommt. Sie will also lediglich einen Baustein für ein umfassenderes Verständnis der individuellen Hintergründe von Kriminalität und Delinquenz liefern. a) Kriminalität und Vererbung Die Zusammenhänge, die die moderne Kriminalbiologie zutage gefördert hat, sind vielgestaltig.14 Zunächst spielt auch heute noch die Frage eine Rolle, ob und inwieweit kriminelles Handeln Erbeinflüssen unterliegt. Dabei muss man sich von der Vorstellung freimachen, es existiere ein einzelnes Gen, das über die Straffälligkeit eines Menschen entscheide. Derartige Vorstellungen hat es in der Kriminologie zwar tatsächlich gegeben. So wurde etwa in den 1960er Jahren angenommen, eine eher zufällig bei verschiedenen verurteilten Mördern festgestellte Chromosomenaberration (XYY-Konstitution) sei die Ursache besonderer Aggressivität („Mörderchromosom“). Systematische Untersuchungen haben diese Annahme jedoch nicht bestätigt. Wenn heute nach dem Einfluss von Genetik und Vererbung gefragt wird, wird von einem indirekten Einfluss ausgegangen: Man nimmt an, dass bestimmte Gene den Aufbau und die Regulierung von bestimmten biologischen bzw. neurochemischen Faktoren (Proteine, Enzyme, Hormone, Neurotransmitter) kodieren und damit mittelbar auf das Verhalten Einfluss nehmen und bspw. zu aggressiven Handlungsweisen prädisponieren.15 Um empirisch zu ermitteln, ob und inwieweit Kriminalität auf Erbeinflüssen beruht, sind in der Kriminologie drei verschiedene Methoden angewandt worden: – Familienstudien, die nach Konkordanzen (Übereinstimmungen) im Legalverhalten von Eltern und Kindern fragen; – Zwillingsstudien, die danach fragen, ob sich eineiige Zwillinge im Legalbereich häufiger konkordant verhalten als zweieiige Zwillinge; – Adoptionsstudien, die untersuchen, ob das Legalverhalten adoptierter Kinder häufiger mit dem ihrer biologischen oder mit dem ihren sozialen (Adoptiv-)Eltern übereinstimmt. III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 43 14 Vgl. Raine 1993, in Deutschland rezipiert von Hohlfeld 2002; ferner Raine u. a. 1997; Walsh/Ellis 2003. 15 Zerbin-Rüdin KrimGegfr 16 (1984), 14; Hohlfeld 2002, 104. 24 25 Als Beispiel für eine Adoptionsstudie kann eine Untersuchung von Hutchings und Mednick aus den 1970er Jahren dienen. Zugrunde lag eine Stichprobe von 1.145 männlichen Personen, die zwischen dem 1.1.1927 und dem 31.12.1941 in Kopenhagen (Dänemark) geboren und adoptiert worden waren. Bis 1971 waren 16,2% der Adoptierten strafrechtlich auffällig geworden. Dabei zeigte sich, dass die Kriminalitätsbelastung der Adoptierten höher war, wenn der biologische Vater kriminell und der Adoptivvater unbelastet war (22,0%), als im umgekehrten Fall, dass der biologische Vater unbelastet und nur der Adoptivvater kriminell war (11,5%). Am höchsten war die Kriminalitätsbelastung der Adoptierten indes, wenn beide Väter strafrechtlich in Erscheinung getreten waren (36,2%).16 Die Ergebnisse der empirischen Forschung lassen sich in der Weise zusammenfassen, dass zwischen Erbfaktoren und Kriminalität zwar ein gewisser Zusammenhang zu bestehen scheint, dass dieser Zusammenhang jedoch nur sehr schwach ausgeprägt ist und umso schwächer ausfällt, je anspruchsvoller das methodische Design der Untersuchung ist. Für Adoptionsstudien, die wegen der Trennung von Erb- und Umwelteinflüssen aus methodischer Sicht das beste Untersuchungsdesign aufweisen, konnte in einer Anfang der 1990er Jahre durchgeführten Meta-Analyse lediglich eine mittlere Effektstärke von 0,11 nachgewiesen werden.17 Ein Zusammenhang mit bestimmten Erscheinungsformen der Kriminalität wie etwa Gewaltdelikten ließ sich im Übrigen bislang noch nicht nachweisen. Hinzu kommt, dass bislang auch noch nicht ausreichend geklärt ist, worauf die geringere kriminelle Belastung von Frauen gegenüber Männern beruht (" § 5 Rn. 42 ff.), denn auch die Geschlechtsbestimmung ist ein genetischer Vorgang, so dass eigentlich eine kriminelle Gleichverteilung zu erwarten wäre.18 Über die Rolle, die die genetische Ausstattung und damit auch mögliche Erbeinflüsse bei der Kriminalitätsentstehung spielen, und darüber, wie diese Rolle ggf. zu erklären ist, besteht deshalb in der Kriminologie bis heute kein Konsens. b) Biologische Auffälligkeiten Die moderne Kriminalbiologie beschäftigt sich nicht nur mit Erbeinflüssen. Der Schwerpunkt der aktuellen Forschungsbemühungen liegt in der Identifizierung von solchen biologischen bzw. neuroche- 44 § 3. Kriminologische Theorien 16 Hutchings/Mednick, in: Mednick/Christiansen 1977, 132. 17 Walters Criminology 30 (1992), 604. 18 Vgl. allerdings Choy/Raine/Venables/Farrington Criminology 55 (2017), 465 ff., die in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der Herzfrequenz hinweisen. 26 27 mischen Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöhen. Folgende Befunde kennzeichnen das Bild:19 – Ein Einfluss des Hormonhaushalts auf aggressives bzw. kriminelles Handeln hat sich bislang nicht nachweisen lassen. Sofern sich Korrelationen zwischen dem männlichen Sexualhormon Testosteron und Aggression beobachten ließen, ist die Kausalrichtung ungeklärt; es ist ebenso denkbar, dass erhöhte Hormonausschüttungen aggressives Handeln begünstigt haben, wie denkbar ist, dass Aggressivität zu erhöhten Ausschüttungen geführt hat. – Differenziert muss die Frage beantwortet werden, welche Bedeutung Neurotransmittern zukommt. Als „Neurotransmitter“ werden diejenigen chemischen Substanzen (Botenstoffe) bezeichnet, die im zentralen oder im autonomen Nervensystem der Informationsweitergabe dienen. Während die Untersuchungen bzgl. Dopamin und Noradrenalin keine bzw. keine eindeutigen Zusammenhänge erbracht haben, scheint dies bei Serotonin anders zu sein: Ein geringer Serotoninspiegel scheint die Impulsivität und damit die Wahrscheinlichkeit fremd- oder auto- (dh gegen sich selbst gerichteten) aggressiven Verhaltens nachweisbar zu erhöhen. Allerdings kann im Serotoninspiegel dabei schon deshalb nicht als „die“ entscheidende Ursache für Impulsivität und Aggressivität gesehen werden, weil Neurotransmitter nur Botenstoffe sind, deren Auftreten wiederum von anderen Umständen abhängig ist. – Konsistent sind die Befunde zum Zusammenhang zwischen Beeinträchtigungen des zentralen Nervensystems und antisozialem Verhalten. Das „Zentralnervensystem“ ist derjenige aus Gehirn und Rückenmark bestehende Teil des Nervensystems, der das Fühlen, Denken und Handeln steuert. Wiederholt hat sich ein Zusammenhang zwischen Beeinträchtigungen des Frontallappens, in dem sich die Motorik und das Planen von Handlungsabfolgen vollziehen, mit Aggression und Gewalt gezeigt. Insbesondere Funktionsstörungen im präfrontalen Cortex, die mit Hilfe bildgebender Verfahren sichtbar gemacht werden können, scheinen bedeutsam zu sein, was sich mit der Relevanz dieser Region für die Steuerung und Organisation der kognitiven Prozesse, namentlich die Verhaltenssteuerung, erklären lässt. Daneben scheint der Amygdala (dem im limbischen System des Gehirns gelegenen Mandelkern) eine be- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 45 19 Raine 1993; Moffitt/Ross/Raine, in: Wilson/Petersilia 2011, 66 ff.; Dreßing/Dreßing MschrKrim 97 (2014), 345 ff. 28 29 30 sondere Bedeutung zuzukommen, die die soziale Informationsverarbeitung steuert und wesentlich an der Affektregulierung beteiligt ist. Auch zwischen einer Überaktivität bestimmter amygdalärer Funktionen und aggressiv-gewalttätigem Verhalten sind wiederholt Korrelationen festgestellt worden. – Zahlreiche neuere kriminalbiologische Untersuchungen beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen Auffälligkeiten des autonomen (vegetativen) Nervensystems und Kriminalität. Das „autonome Nervensystem“ ist derjenige Teil des Nervensystems, der die inneren Lebensfunktionen wie Atmung, Verdauung und Stoffwechsel steuert. Empirisch wurden vor allem zwei Indikatoren für die Funktionsweise des autonomen Nervensystems in den Blick genommen: die Herzfrequenz und die Hautleitfähigkeit. Während die Befunde zur Hautleitfähigkeit inkonsistent waren, wurde hinsichtlich der Pulsfrequenz wiederholt ein Zusammenhang von niedrigem Herzschlagrhythmus und antisozialem Verhalten festgestellt. Ein Erklärungsansatz stellt dabei einen Zusammenhang mit dem niedrigen autonomen Erregungsniveau („autonomic underarousal“) der Betreffenden her: Das niedrige Erregungsniveau, das sich in der geringen Pulsfrequenz ausdrücke, dränge die Betreffenden zur Suche nach Aufregung („sensation seeking“) und begünstige damit die Begehung von antisozialen Handlungen. Ein anderer Erklärungsansatz deutet die geringe Pulsfrequenz als Ausdruck einer geringeren Furchtlosigkeit der Betreffenden gegenüber neuen Reizen, die die Bereitschaft zur Begehung antisozialer Handlungen erhöhe. – Ob und inwieweit äußere Einwirkungen auf die biologische Basis wie zB Kopfverletzungen, pränatale Schädigungen, Geburtskomplikationen oder bestimmte Umweltgifte (zB Blei) die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöhen, lässt sich empirisch nicht eindeutig beantworten. Der Überblick zeigt, dass die neuere Forschung vor allem durch die Suche nach empirischen Zusammenhängen und weniger durch das Bemühen um theoretische Durchdringung geprägt ist. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die moderne Kriminalbiologie nicht den Anspruch erhebt, eine umfassende Erklärung für die Entstehung von antisozialem Verhalten und Kriminalität zu liefern, ist derzeit noch weitgehend unklar, ob und inwieweit sich die biologischen Ansätze mit anderen theoretischen Erklärungsansätzen verknüpfen las- 46 § 3. Kriminologische Theorien 31 32 33 sen. Überwiegend scheint eine Verknüpfung in Form eines dem Mehrfaktorenansatz verpflichteten biosozialen Modells favorisiert zu werden, wonach kriminelles Verhalten, namentlich Aggression und Gewalt, sowohl (neuro-)biologische als auch (psycho-)soziale Ursachen hat, die in einer empirisch noch nicht ganz geklärten Wechselbeziehung zueinander stehen.20 Einen ganz anderen Weg geht die soziobiologische (evolutionsbiologische) Kriminologie, die aggressives und antisoziales Verhalten als Ausdruck fortbestehender Einflüsse des Evolutionsprozesses interpretiert. Bestimmte Formen aggressiven männlichen Verhaltens sollen danach als Zeichen des hormonell gesteuerten Konkurrenzkampfes um knappe Ressourcen und damit um Attraktivität für weibliche Sexualpartner zu verstehen sein – ein hochspekulativer, empirisch kaum validierbarer Ansatz, der anderen, insbes. Umwelteinflüssen zu wenig Gewicht einräumt.21 Für sich genommen dürfen die Erkenntnisse der modernen Kriminalbiologie deshalb nicht überbewertet werden; einzelne nachweisbare Einflüsse bestimmter biologischer bzw. neurochemischer Auffälligkeiten liefern noch keine hinreichende Erklärung für eine bestimmte Form des Sozialverhaltens. Nutzbar sind die von der Hirnforschung ermittelten Befunde allerdings in den Bereichen von Prognose und Prävention: Wenn und soweit im Einzelfall neurobiologische Risikofaktoren für antisoziales Verhalten erkennbar sind, kann gefahrträchtigen Entwicklungen uU durch geeignete therapeutische Maßnahmen entgegengewirkt werden. 3. Der Einfluss der Persönlichkeit a) Grundlagen Von psychologischer und psychiatrischer Seite wird häufig auf die Bedeutung der Persönlichkeit für das menschliche Handeln hingewiesen. Mit dem Begriff der „Persönlichkeit“ wird ein theoretisches Konstrukt bezeichnet, das die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen den Denkprozessen (Kognitionen), den Gefühlen (Affekten, Emotionen) und den offen sichtbaren Verhaltensweisen eines Menschen beschreibt. Die „Persönlichkeit“ ist nicht gleichbedeutend III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 47 20 KKW-Buikhuisen, 267 ff.; Raine/Brennan/Farrington, in: Raine u. a. 1997, 13 ff. 21 Ellis, in: Walsh/Ellis 2003, 13 ff.; Ellis EurJCrim 2005, 287 ff.; dazu Fetchenhauer, in: Feltes/Pfeiffer/Steinhilper 2006, 841 ff: sowie grundlegend Laue 2010, 323 ff. 34 mit dem konkreten Verhalten in einer spezifischen Situation, sondern sie besteht aus dem bei jedem Menschen einzigartigen System von Handlungsbereitschaften (Dispositionen, traits), das das Verhalten in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeitpunkten konsistent beeinflusst. Die „Persönlichkeit“ entzieht sich der unmittelbaren Wahrnehmung und kann nur aus dem Verhalten erschlossen werden.22 Man kann sich der Frage nach den Zusammenhängen zwischen Persönlichkeit und Kriminalität von zwei Seiten nähern: von der psychologischen und von der psychiatrischen Seite. Die Annäherungen der beiden Fachdisziplinen unterscheiden sich darin, dass die Psychologie von den „normalerweise“ zu erwartenden Dimensionen der Persönlichkeit ausgeht, während die Psychiatrie ihren Ausgangspunkt in der Psychopathologie (dh der Lehre von den psychiatrischen Krankheitsbildern und ihrer Behandlung) und damit bei „gestörten“ Persönlichkeiten nimmt. Beide Ausgangspunkte sind aus theoretischer Sicht gleichwertig. Die Grenzen zwischen „normalen“ und „gestörten“ Persönlichkeiten sind fließend; nur eine typologisierende, einzelne Umstände besonders hervorhebende Betrachtung erlaubt die entsprechenden Zuordnungen. In der (kriminal-)psychologischen Forschungsliteratur stehen meist eigenschaftstheoretische Überlegungen zu den verschiedenen Dimensionen von „Persönlichkeit“ im Vordergrund, wobei zum Teil mit sehr unterschiedlichen, begrifflich und konzeptionell nicht immer ganz klaren Konstrukten gearbeitet wird. Die methodische Grundlage der Forschungstätigkeit bilden in der Regel „Persönlichkeitsinventare“, worunter Zusammenstellungen von Persönlichkeitsdimensionen (Skalen) zu verstehen sind, die induktiv mittels multivariater statistischer Verfahren gewonnen werden. Bekannt geworden sind etwa der Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) oder das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI), mit denen Persönlichkeitsdimensionen wie Lebenszufriedenheit, Leistungsorientierung oder Aggressivität gemessen werden können.23 Die empirischen Forschungen der Kriminalpsychologie haben ergeben, dass sich zwischen registrierten Straftätern und anderen Probanden in den verschiedenen Persönlichkeitsdimensionen zahlreiche Unterschiede feststellen lassen. So wurde festgestellt, dass zu den markantesten, dh den am deutlichs- 48 § 3. Kriminologische Theorien 22 Suhling/Greve 2010, 82 f.; Fetchenhauer 2011, 163 f. 23 Vgl. Stemmler/Hagemann/Amelang/Bartussek 2011, 108 ff. 35 36 37 ten von einer nichtstraffällig gewordenen Vergleichspopulation abweichenden Persönlichkeitseigenschaften straffälliger Männer folgende Merkmale gehören: geringere Lebenszufriedenheit; erhöhte spontane Aggressivität; hohe Emotionalität, die sich in körperlichen Beschwerden, Erregung, reaktiver Aggressivität und Ängstlichkeit äußert; große Impulsivität mit Risikobereitschaft; hohe Psychotizismus-Werte mit geringer emotionaler Empathie; geringeres Selbstkonzept; erhöhte externale Kontrollüberzeugungen, dh die Straffälligen glauben zwar an ihre eigenen Fähigkeiten, fühlen sich aber auch dem Zufall ausgeliefert (vgl. auch " § 6 Rn. 26 ff.).24 In der psychiatrischen Beschäftigung mit der (gestörten) Persönlichkeit wird heute meist auf zwei international anerkannte Instrumente zurückgegriffen: das von der American Psychiatric Association entwickelte Klassifikationssystem DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, 5. Ausgabe)25 und den von der WHO entwickelten Diagnoseschlüssel ICD-10 (International Classification of Diseases, 10. Überarbeitung).26 Beide Instrumente arbeiten mit operationalisierten Kriterien und erlauben die Zuordnung von beobachtbaren Verhaltensauffälligkeiten zu spezifischen Störungsbildern. Aus der Vielzahl unterschiedlicher Störungsbilder kommt im kriminologischen Kontext der „antisozialen“ (DSM-5) bzw. „dissozialen“ (ICD-10) Persönlichkeitsstörung die größte Bedeutung zu. Beispielhaft seien hier die im ICD-10 (60.2) genannten Kriterien für das Vorliegen einer „dissozialen Persönlichkeitsstörung“ genannt. Sie ist gekennzeichnet durch: herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer; deutliche und andauernde verantwortungslose Haltung und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen; Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung dauerhafter Beziehungen, obwohl keine Schwierigkeit besteht, sie einzugehen; sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives, einschließlich gewalttätiges Verhalten; fehlendes Schuldbewusstsein oder Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen; deutliche Neigung, andere zu beschuldigen oder plausible Rationalisierungen anzubieten für das Verhalten, durch welches die Betreffenden in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten sind. Es liegt auf der Hand, dass mit den dargestellten Konstrukten – gleich ob sie „normale“ oder „gestörte“ Persönlichkeiten beschreiben III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 49 24 Scheurer 1993, 134 ff.; Caspi et al. Criminology 32 (1994), 163 ff.; vertiefend Suhling/ Greve 2010, 86 ff. 25 Falkai/Wittchen 2015. 26 Dilling u. a. 1994; zur 2022 in Kraft tretenden 11. Überarbeitung https://icd.who.int/ en. 38 38a 39 – zunächst nur angegeben wird, welche Dimensionen der Persönlichkeit es sind, die mit kriminellem Handeln in Zusammenhang stehen. Noch nicht geleistet ist damit die Erklärung der Zusammenhänge: Warum erhöhen die entsprechenden psychologischen oder psychiatrischen Befunde die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns?27 Um den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Kriminalität zu erklären, müssen von der Persönlichkeitsforschung Anleihen bei anderen theoretischen Aussagen gemacht werden. Die „Persönlichkeit“ stellt aus psychologischer und psychiatrischer Sicht zwar ein zentrales Element der Kriminalitätserklärung dar, aber es ist für sich genommen nicht hinreichend, um die Bedingungen kriminellen Handelns abschließend anzugeben. Für eine umfassende kriminologische Theorie fehlen Aussagen in zweierlei Richtung: Zum einen muss geklärt werden, wie die Persönlichkeitsebene und die Verhaltensebene miteinander verknüpft sind, warum also bestimmte Ausprägungen der Persönlichkeit die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöhen. Die hiermit verbundenen Fragen verdienen schon deshalb Aufmerksamkeit, weil die „Persönlichkeit“ selbst nicht sichtbar ist, sondern nur aus dem Verhalten in konkreten Situationen erschlossen werden kann. Wer aus einer Gewalttat auf Aggressivität, aus einer Brandstiftung auf Pyromanie oder aus der Tatsache der wiederholten Begehung von Straftaten auf eine Persönlichkeitsstörung schließt, kann die betreffenden kriminellen Verhaltensweisen nicht mit eben diesen Eigenschaften der Persönlichkeit wieder „erklären“; dies wäre ein klassischer Zirkelschluss. Bei der Erfassung der „Persönlichkeit“ und der Begründung der Zusammenhänge muss daher auf andere Umstände Bezug genommen werden. Zum zweiten muss in einer umfassenden Theorie auch geklärt werden, in welchem Verhältnis die Persönlichkeitsebene und die soziale Umwelt des Einzelnen stehen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, unter welchen Bedingungen in der sozialen Umwelt welche Persönlichkeitsdimensionen entstehen. Beantwortet werden muss auch die Frage, unter welchen Bedingungen die Persönlichkeit als Erklärungsansatz für kriminelles Handeln an Grenzen stößt und durch andere Erklärungen ersetzt werden muss. Empirisch lässt sich etwa zeigen, dass unter entsprechenden Umwelteinflüssen auch unauffällige Persönlichkeiten mit hoher Aggressivität reagieren können. Bekannt ist das Stanford Prison Experiment, bei dem „good people in an evil place“ versetzt wurden und bei dem sich gezeigt hat, dass auch „normale“ Studierende in der ihnen zugewiesenen Rolle als Aufseher zu sadistischen Verhaltensweisen in der Lage sind.28 50 § 3. Kriminologische Theorien 27 Suhling/Greve 2010, 86. 28 Zimbardo u. a., in: Neubacher/Walter 2002, 69 ff.; zusammenfassend Neubacher 2020, 129 ff. 40 Insbesondere von Seiten der Psychologie sind eine Reihe von theoretischen Ansätzen entwickelt worden, die, ausgehend von einem Mehrebenenmodell der Kriminalitätsentstehung dem Persönlichkeitsbereich eine zentrale Rolle bei der Erklärung kriminellen Handelns zusprechen.29 Als Beispiel für eine derartige „persönlichkeits- übergreifende“ Theorie sei hier auf den schon etwas älteren, in der Literatur nicht unumstrittenen Ansatz von Eysenck eingegangen, der heute zwar nicht mehr vertreten wird, der aber deutlich macht, wie Persönlichkeitseigenschaften und weitere erklärende Umstände in einem theoretischen Modell zusammenwirken können. b) Die Kriminalitätstheorie von Eysenck Der deutschstämmige, nach England ausgewanderte Psychologe Hans Eysenck (1916–1997) verknüpfte seine Überlegungen zur Persönlichkeit von Straftätern mit kriminalbiologischen und lerntheoretischen Hypothesen. Den Ausgangspunkt bildete ein Modell der Persönlichkeitsbeschreibung, das auf den drei Dimensionen Psychotizismus, Extraversion und Neurotizismus aufbaute.30 Mit dem Begriff des „Psychotizismus“ wird die emotionale Unansprechbarkeit bezeichnet. Personen mit hohen Psychotizismus-Werten sind aggressiv, kalt, egozentrisch, unpersönlich, impulsiv, antisozial, uneinfühlsam. „Extraversion“ bezeichnet die Außenorientierung. Extravertierte Persönlichkeiten sind im Gegensatz zu introvertierten Persönlichkeiten gesellig, lebhaft, aktiv, selbstbehauptend, reizhungrig, sorglos, dominant, aufbrausend, abenteuerlustig. „Neurotizismus“ nimmt auf die emotionale Labilität/Stabilität Bezug. Personen, die auf der Neurotizismus-Skala hohe Werte aufweisen, sind ängstlich, niedergeschlagen, angespannt, irrational, scheu, stimmungsschwankend, haben ein geringes Selbstwerterleben. Nach Eysenck sind alle drei Dimensionen der Persönlichkeit biologisch-neurophysiologisch verankert ("Rn. 31). Aufgrund unterschiedlicher Erregungsmuster und Schwellenwerte im autonomen Nervensystem sprechen Personen, die hohe Neurotizismus-Werte zeigen, eher auf Reize an als emotional stabile Persönlichkeiten; sie zeigen Überreaktionen auf Stress und brauchen lange Erholungsphasen. Aufgrund von Unterschieden im aufsteigenden Retikulärsystem des Hirnstamms (dh dem Maschenwerk des Nervensystems im Ge- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 51 29 Übersicht bei Scheurer 1993, 30 ff.; KKW-Lösel, 533 ff. 30 Grundlegend Eysenck 1977; zusammenfassend Eysenck, in: Farrington 1994, 63 ff.; vgl. auch Stemmler/Hagemann/Amelang/Bartussek 2011, 284 ff. 41 42 43 44 hirn) versuchen Extravertierte anders als Introvertierte, die kortikale Erregung durch Reize anzuheben; sie suchen die Reize, während die introvertierten Persönlichkeiten eher Reizvermeider sind. Aufgrund ihrer kortikalen Untererregung sind Extrovertierte schwieriger zu konditionieren als Introvertierte; die neurophysiologischen Unterschiede wirken sich also im Lernverhalten aus. Die zentrale Instanz, die in einer konkreten Situation über die Begehung einer Straftat entscheidet, ist nach Eysenck das Gewissen. Das „Gewissen“ versteht er als eine konditionierte Reaktion, d. h. als eine innerpsychische Instanz, die im Wesentlichen durch vorangegangene Lernprozesse geprägt wird. Dabei hat Eysenck vor allem den Prozess des Lernens durch „klassische Konditionierung“ im Blick (dazu genauer "Rn. 74). Die Begehung von Straftaten kann damit zu den einzelnen Dimensionen der Persönlichkeit in Beziehung gesetzt werden: Wenn extravertierte Persönlichkeiten schlechter konditionierbar sind als andere, lässt sich die Begehung von Straftaten als das Ergebnis einer durch die Persönlichkeit des Täters bedingten fehlgeschlagenen oder fehlerhaft verlaufenen Form der Gewissensbildung erklären. Die Kriminalitätstheorie von Eysenck beeindruckt durch die Verknüpfung von persönlichkeitspsychologischen, neurophysiologischen und lerntheoretischen Befunden. Dennoch vermag sie nicht zu überzeugen.31 Zunächst fällt auf, dass die Persönlichkeitsdimension des Psychotizismus nicht in den lerntheoretischen Zusammenhang eingeordnet wird; Eysencks lerntheoretische Aussagen beziehen sich in erster Linie auf das Merkmal der Extraversion. Sodann fällt auf, dass mit der Bezugnahme auf die biologisch-neurophysiologischen Entstehungsgründe der „Persönlichkeit“ die prägende Bedeutung von biografischen Erfahrungen ausgeblendet wird. Auch ist die Bezugnahme auf das Konditionierungsmodell wohl zu eng gedacht; gerade im Zusammenhang mit so komplexen Prozessen wie der Gewissensbildung dürften auch soziale und kognitive Aspekte eine erhebliche Rolle spielen, die von Eysenck jedoch nicht berücksichtigt werden. Abgesehen von diesen eher theoretischen Schwächen ist die empirische Befundlage nicht eindeutig.32 Dabei ist freilich zu berücksichtigen, dass Eysenck auch gar nicht den Anspruch erhebt, mit seiner Theorie sämtliche Erscheinungsformen kriminellen Handelns erklären zu können, sondern vielmehr in erster Linie auf die Erfassung 52 § 3. Kriminologische Theorien 31 Lösel, in: Lösel 1983, 32 f.; Ortmann 1987, 91 ff. 32 Vgl. Scheurer 1993, 52 ff.; Ullrich et al. MschrKrim 82 (1999), 297. 45 des „aktiv antisozialen, psychopathischen Kriminellen“ abzielt.33 Eysencks Theorie hat mithin nur eine vergleichsweise beschränkte Reichweite und bezieht sich in erster Linie nur auf die kleine Gruppe der mehrfach auffälligen „gestörten“ Täter. 4. Soziale Desorganisation und Kriminalität Einen ganz anderen Ansatz als die bisher skizzierten Theorien, die mit ihren Erklärungen beim Individuum ansetzen, wählen die soziologischen Kriminalitätstheorien, die auf gesellschaftliche Zusammenhänge abstellen. Kriminalsoziologische Theorien sind im 20. Jahrhundert in großer Bandbreite entwickelt worden, wobei theoretische Querverbindungen, Fortentwicklungen und Integrationsansätze die Übersicht erschweren.34 Gleichwohl lassen sich einige markante Hauptstränge erkennen. Den ersten Hauptstrang bilden dabei die aus der Chicago-Schule (" § 2 Rn. 18) hervorgegangenen Überlegungen, die Kriminalität mit der sozialen Desorganisation von Gemeinschaften erklären und die sich wesentlich mit den Namen Shaw und McKay verbinden. a) Die Kriminalitätstheorie von Shaw und McKay Ausgangspunkt der auf Clifford Shaw (1886–1957) und Henry McKay (1899–1980) zurückgehenden Theorie der sozialen Desorganisation ist die Beobachtung, dass die Kriminalitätsbelastung in einer Stadt wie Chicago ungleich verteilt ist. Sie ist am größten in denjenigen Wohngebieten, die sich unmittelbar an die innerstädtischen Geschäfts- und Produktionsstätten anschließen, und sie wird umso geringer, je weiter die Stadtteile vom Zentrum entfernt sind. Dabei weist die Belastung eines Stadtgebiets mit Kriminalität und anderen sozialen Problemen (zB Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenmissbrauch) eine erhebliche Konstanz auf: Sie bleibt auch dann hoch, wenn die Bewohner in andere Stadtgebiete umziehen und neue Bewohner einziehen. Für Shaw und McKay lässt diese Beobachtung nur eine Schlussfolgerung zu: Die maßgeblichen Ursachen für Kriminalität müssen in den einzelnen Stadtgebieten und ihrer jeweiligen Struktur angelegt sein; sie dürfen nicht bei den Personen und ihren individuel- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 53 33 Eysenck 1977, 71. 34 Kompakte Darstellung bei Eifler 2002. 46 47 len Besonderheiten gesucht werden, sondern müssen in den Werten, Normen, Einstellungen und Beziehungen liegen, die das Leben innerhalb eines Stadtteils prägen. Shaw und McKay sehen die maßgebliche Ursache für die Kriminalitätsentstehung darin, dass in den besonders kriminalitätsbelasteten Gebieten keine homogenen Wertvorstellungen existieren und dass diejenigen Institutionen, die in anderen Stadtgebieten die informelle Sozialkontrolle ausüben (intakte Familien, Jugendzentren, Religionsgemeinschaften etc.), hier weitgehend fehlen.35 Beide Gesichtspunkte sind eng miteinander verknüpft: Gerade weil in den kriminalitätsbelasteten Gebieten die sonst üblichen Mechanismen der informellen Sozialkontrolle ausfallen und ein Zustand besteht, der als „soziale Desorganisation“ bezeichnet werden kann, können kriminalitätsbegünstigende Wertvorstellungen Verbreitung finden, die von den Kindern und Jugendlichen beobachtet, erlernt und an die nachfolgende Generation weitergegeben werden können. Hierdurch entsteht nach Shaw/McKay in den betreffenden Stadtteilen eine eigene „Tradition der Delinquenz“, die einen von den jeweiligen Personen unabhängigen, zeitüberdauernden Charakter hat. Da die Chicago-Schule ihre Überlegungen zu den in einem Stadtgebiet ablaufenden sozialen Prozessen in Anlehnung an biologisch-ökologische Prinzipien formulierte, wird die Theorie der sozialen Desorganisation gelegentlich auch als (sozial-) „ökologische“ Kriminalitätstheorie bezeichnet.36 An der hier nur knapp skizzierten Kriminalitätstheorie fällt zunächst auf, dass das Konzept der sozialen Desorganisation von Shaw/McKay selbst nur unzureichend entwickelt wurde; seine Bedeutung wurde erst in der späteren Rezeption herausgearbeitet. Darüber hinaus lässt die von Shaw/McKay vorgelegte Theorie wichtige Fragen offen: Weder erklärt sie, warum es in den hochdelinquenzbelasteten Gebieten auch normkonformes Verhalten gibt, noch erklärt sie normabweichendes Verhalten in denjenigen Stadtteilen, die über eine intakte soziale Organisation verfügen. Auch die Frage, welche Umstände dafür maßgeblich sind, dass es in manchen Gebieten zu der beschriebenen Zusammenballung von sozialen Problemen kommt, bleibt offen.37 Empirisch hat sich die Theorie in ihrer ursprünglichen Form zudem nur unzureichend bewährt, was aller- 54 § 3. Kriminologische Theorien 35 Shaw/McKay 1942, 170 ff., 315 ff. 36 Vgl. Vold/Bernard/Snipes 1998, 140 ff. 37 Shoemaker 2000, 86 f. 48 49 dings vor allem eine Folge davon sein dürfte, dass Shaw/McKay ihre Begriffe ebenso wie den möglichen Anwendungsbezug ihrer Theorie nur unzureichend expliziert haben.38 Trotz dieser kaum übersehbaren Schwächen ist der von Shaw/McKay entwickelte Ansatz in der Kriminologie jedoch einflussreich gewesen und hat den Anstoß zu einer Vielzahl von weiteren Untersuchungen und Theorieentwicklungen gegeben. Auch heute noch finden Forschungen statt, die sich der Tradition der Chicago-Schule verpflichtet fühlen.39 In Deutschland stehen die Forschungen zur kommunalen Kriminalprävention zur Theorie der sozialen Desorganisation in einer engen Verbindung (" § 10 Rn. 10 f., 18). b) Die „Broken-Windows“-Theorie von Wilson/Kelling In den Kontext der sozialökologischen Kriminalitätstheorien lässt sich die in den 1990er Jahren heftig diskutierte „Broken-Windows“- Theorie von James Wilson und George Kelling einordnen.40 Ähnlich wie Shaw/McKay suchen auch Wilson/Kelling nach den Ursachen der Kriminalität in den Zuständen und sozialen Prozessen, die sich in manchen Stadtgebieten beobachten lassen. Dabei konstruieren sie einen Verstärkerkreislauf, der im Ergebnis in die Begehung von Straftaten einmündet. Den maßgeblichen Auslöser für kriminelles Handeln sehen Wilson/Kelling im städtebaulichen Verfall (urban decay), der sich mancherorts beobachten lässt. Der Verfall, der sich bspw. in zerbrochenen, nicht ausgetauschten Fensterscheiben zeigen soll (daher der Name „broken windows“), lockt fremde, ungebetene Personen an, für die der städtebauliche Verfall mangelnde soziale Kontrolle signalisiert. Die angelockten Personen legen unerwünschte, nicht notwendig auch kriminelle Verhaltensweisen an den Tag (public disorder, zB aggressives Betteln, öffentlicher Alkoholkonsum oder Drogengebrauch, Prostitution etc.). Bei den Bewohnern lösen diese Verhaltensweisen Furcht vor Kriminalität, insbesondere Gewaltkriminalität, aus. Die „anständigen“ Bürger ziehen sich aus dem öffentlichen Raum zurück und tragen auf diese Weise zu einer tatsächlichen Verringerung der sozialen Kontrolle innerhalb des betreffenden Gebiets bei. Durch den Rückzug wird den angelockten Personen die Begehung von Straftaten objektiv erleichtert. Die Begehung von Straftaten III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 55 38 Vold/Bernard/Snipes 1998, 148 ff.; vgl. aber auch Sampson/Groves AJS 94 (1989), 774 ff. 39 Vgl. Oberwittler, in: H.-J. Albrecht 1999, 403 ff.; ders., in: Oberwittler/Karstedt 2004, 135 ff.; Sampson Criminology 40 (2002), 213 ff. 40 Wilson/Kelling The Atlantic Monthly, März 1982, 29 ff. (dt. Übersetzung in KrimJ 1996, 121 ff.). 50 51 wiederum erhöht die Verbrechensfurcht und bewirkt einen weiteren Rückzug der „anständigen“ Bürger. Obwohl der „Broken-Windows“-Ansatz und die Theorie der sozialen Desintegration mit der Bezugnahme auf den städtischen Raum einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben, bestehen zwischen den theoretischen Konzepten zwei Unterschiede: Anders als Shaw/ McKay erklären Wilson/Kelling Kriminalität nicht als direkte Folge eines Zustands, sondern als Ergebnis eines sich verstärkenden, in Kriminalität einmündenden Interaktionsprozesses zwischen den „anständigen“, die soziale Kontrolle ausübenden Bürgern und den sich auffällig und unangemessen verhaltenden, angelockten „Besuchern“. Darüber hinaus spielt bei Wilson/Kelling die Verbrechensfurcht der „Anständigen“ eine maßgebliche Rolle, denn sie gibt den Grund dafür ab, warum sich die soziale Kontrolle in einem Bezirk verringert. Trotz dieser Erweiterungen und Verbesserungen kann in der „Broken-Windows“-Theorie keine überzeugende Erklärung für die Entstehung von Kriminalität gesehen werden. So bleiben Wilson/Kelling die Antwort auf die zentrale Frage schuldig, warum bei nachlassender sozialer Kontrolle Straftaten begangen werden. Shaw/McKay hatten diese Frage mit dem Hinweis auf die kriminalitätsbegünstigenden Wertvorstellungen beantwortet. Für Wilson/Kelling könnte die Antwort bei den Bindungs- bzw. Kontrolltheorien liegen (s. u. Rn. 76 ff.); gesagt wird dies jedoch nicht. Darüber hinaus bleibt ungeklärt, welche Bedingungen dafür maßgeblich sind, ob in einem Stadtteil soziale Probleme (ausgedrückt im städtebaulichen Verfall) auftreten oder nicht. Nicht ausgeschlossen erscheint es, dass sowohl die sozialen Probleme als auch das kriminelle Handeln der ungebetenen „Besucher“ auf gemeinsame, von Wilson/Kelling aber nicht genannte Gründe zurückzuführen sind, wobei etwa an gesellschaftliche Mängellagen wie Armut, Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit oder Diskriminierung zu denken ist. Der städtebauliche Verfall wäre in diesem Fall nur Symptom, aber nicht die Ursache von Delinquenz und Kriminalität. Ist die theoretische Durchdringung der Kriminalitätsursachen damit nur gering, so bietet die „Broken-Windows“-Theorie auf der anderen Seite ein erstaunliches Potential für kriminalpräventive Maßnahmen: Kriminelles Verhalten kann nach Wilson/Kelling schon dadurch zurückgedrängt werden, dass aktiv gegen prä-kriminelle Formen abweichenden Verhaltens vorgegangen wird, zB gegen Graf- 56 § 3. Kriminologische Theorien 52 53 54 fiti-Schmierereien, Betteln, Schwarzfahren etc. Bekannt geworden ist insoweit die in den 1990er Jahren erprobte „Zero-Tolerance“-Strategie der Polizei von New York City.41 Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre hatte die Kriminalitätsentwicklung in New York City neue Höhepunkte erreicht; 1990 lag die Häufigkeitszahl für Mord und Totschlag bei 31 pro 100.000 Einwohner (in Deutschland: 3,8). Die Kriminalität war am höchsten in den schwarzen Wohnvierteln Brooklyns, der südlichen Bronx und dem nördlichen Manhattan. Dort hatte ein Zerfall der sozialen Strukturen stattgefunden; die Ghettos waren baulich und sozial heruntergekommen. Das Aufkommen der Droge Crack im Jahr 1985 hatte zu einem Kampf um Marktanteile sowie zu einer epidemieartigen Verbreitung von Schusswaffen geführt. Zurückgehend auf das „Broken-Windows“-Paradigma wurde das New York Police Department reformiert und die neue Polizeistrategie des „Quality of Life Policing“ eingeführt. Kennzeichen waren häufigere Kontrollen, die „Entwaffnung“ der Bevölkerung, „zero tolerance“ gegenüber ordnungswidrigem, störendem Verhalten. Kernstück waren die wöchentlich zweimal stattfindenden „Crime Control Strategy Meetings“, die der Informationsverarbeitung, der Kommunikation und der Kontrolle innerhalb der Polizei dienten. Von der Polizei wurden u. a. folgende Maßnahmen ergriffen: – Um die (verbotene) Straßenprostitution einzudämmen, wurden die Autos der Freier konfisziert. Um den Lärmpegel einzudämmen, wurden überlaute Motorräder, Autos mit dröhnender Musik und „Ghetto Blasters“ aus dem Verkehr gezogen. Kinderspielplätze und Parks wurden nachts geschlossen und tagsüber patroulliert. Drogendealer wurden verdrängt. – Die polizeiliche Kontrolldichte wurde erhöht. Viele ordnungsstörende Verhaltensweisen waren als Ordnungswidrigkeiten verboten. Der Verstoß berechtigte die Polizei dazu, die Personalien des Täters festzustellen; zugleich wurde überprüft, ob etwas gegen ihn vorlag. Der Täter konnte – offiziell oder nicht offiziell – durchsucht werden. Ggf. wurde er mit zur Wache genommen. Dort wurde er ausführlich vernommen, auch zu Kontakten, Hintermännern etc. Hierdurch erhöhte sich der Informationsstand der Polizei. – Auch im Einzelfall eher harmlose Verhaltensweisen wurden verfolgt: Schulschwänzer wurden von der Straße aufgegriffen und zur Schule gebracht; aggressive Bettler wurden in die Schranken verwiesen; das Verbot, auf Gehwegen mit dem Fahrrad zu fahren, wurde durchgesetzt. Das Hochschaukeln von kriminellen Karrieren wurde hierdurch bereits im Ansatz unterbunden. Selbst wenn sich die „Broken-Windows“-Theorie als ein praxisnaher und nach den vorliegenden Befunden vielleicht auch wirksamer III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 57 41 Vgl. Hess KrimJ 28 (1996), 179 ff.; Ortner/Pilgram/ Steinert 1998; Greene, in: Jehle 2001, 43 ff.; Hess ZStW 116 (2004), 66 ff.; weiterführend Newburn/Jones Theoretical Criminology 2007, 221 ff.; Feltes, in: Lange 2008, 231 ff. 55 56 Ansatz zur Kriminalprävention erweist (die empirischen Evaluationsstudien mahnen insoweit zur Skepsis42), darf man die kriminalpolitische Leistungsfähigkeit des Ansatzes nicht überschätzen. Polizeipraktiken, die sich gegen jede Form non-konformen Verhaltens richten („zero tolerance“), sind unweigerlich mit einem Verlust an Freiheit verbunden.43 Die in Deutschland wichtige juristische Unterscheidung zwischen kriminellem (verbotenem) und prä-kriminellem, aber eben nicht verbotenem Verhalten wird durch polizeiliche „zero tolerance“-Strategien, wie sie in New York City praktiziert worden sind, konterkariert. Mit der Gefahr von Übergriffen durch gedankenlose oder besonders eifrige Polizeibeamte (Polizeibrutalität) ist ebenso zu rechnen wie mit erhöhten Kosten, die für die Verhängung und Vollstreckung von mehr und härteren Sanktionen anfallen. 5. Kriminalität als Folge sozialstrukturellen Drucks Einen zweiten Hauptstrang bilden innerhalb der Kriminalsoziologie diejenigen Auffassungen, die Kriminalität mit der Sozialstruktur der Gesellschaft in Verbindung bringen und nach Zusammenhängen mit Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit fragen. Der zentrale Grundgedanke ist, dass Kriminalität eine Folge des Drucks ist, der von der Ungleichverteilung der sozio-ökonomischen Ressourcen in der Gesellschaft ausgeht. Vorläufer derartiger Auffassungen finden sich bereits im 19. Jahrhundert; zu erinnern ist an die Ausführungen von Karl Marx zum Holzdiebstahlsgesetz (1842) und von Friedrich Engels zur Lage der arbeitenden Klasse in England (1845).44 – Eine der bekanntesten sozialstrukturellen Kriminalitätstheorien des 20. Jahrhunderts ist die 1938 von Merton vorgelegte Anomietheorie. a) Mertons Anomietheorie Nach Robert K. Merton (1910–2003) wird die Sozialstruktur einer Gesellschaft durch zwei Elemente geprägt: die kulturell definierten Ziele, nach denen die Gesellschaftsmitglieder streben (Wohlstand, Prestige, hoher sozialer Status), und die institutionalisierten Mittel, 58 § 3. Kriminologische Theorien 42 Vgl. Streng, in: H.-J. Albrecht u. a. 1998, 924 ff.; Laue MschrKrim 82 (1999), 284 ff.; Hermann/Laue, SozProb 2003, 107 ff.; zu den Folgen der „zero tolerance“-Strategie in New York City Greene, in: Jehle 2001, 43 ff. 43 Hess KrimJ 28 (1996), 188 f.; Streng, in: H.-J. Albrecht u. a. 1998, 936 ff. 44 Textauszüge abgedruckt bei Filser 1983, 265 ff. 57 58 worunter Merton die rechtlich zulässigen und moralisch gebilligten Wege und Möglichkeiten versteht, mit denen die kulturellen Ziele erreicht werden können.45 Zwischen den beiden Elementen besteht nach Merton ein Gleichgewicht, solange die Gesellschaftsmitglieder Befriedigung sowohl aus den erreichten Zielen beziehen als auch daraus, dass sie sich dabei der institutionell vorgeschriebenen Mittel bedienen. Sobald diese Voraussetzung jedoch nicht mehr gegeben ist, weil die Ziele auf den institutionalisierten Wegen nicht mehr erreicht werden können, soll ein Zustand des Ungleichgewichts und der Instabilität eintreten, den Merton unter Bezugnahme auf Durkheim (" § 2 Rn. 11) als „Anomie“ bezeichnet. In einer Situation der Anomie stehen die Gesellschaftsmitglieder unter einem besonderen Druck; es kommt zu Anpassungsproblemen, die sich auch in abweichendem Verhalten niederschlagen können. Theoretisch sind nach Merton fünf Anpassungsmuster denkbar: Konformität, Innovation, Ritualismus, Rückzug und Rebellion. Konformität bedeutet, dass sich die Gesellschaftsmitglieder nur auf diejenigen Ziele konzentrieren, die sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln auch erreichen können. Innovation steht für Anpassungsformen, bei denen die Ziele nicht mit den institutionalisierten, sondern mit anderen, kriminellen Mitteln erreicht werden; zu denken ist an Straftaten wie Diebstahl und Betrug. Ritualismus beschreibt die Anpassung, bei der die Ziele aufgegeben und die institutionalisierten Wege ritualistisch, d. h. ohne jede weitere Zielverwirklichungsabsicht eingehalten werden. Rückzug bedeutet die Aufgabe von Zielen und Mitteln; er kann sich in Verhaltensweisen wie Alkohol- oder Drogenmissbrauch, in psychischen Erkrankungen oder im Rückzug in virtuelle Welten niederschlagen. Rebellion steht für den Versuch, die alten Ziele und Mittel durch eine neue Sozialstruktur zu ersetzen. Für welchen Anpassungstyp sich ein Gesellschaftsmitglied entscheidet, ist nach Merton abhängig von dem spezifischen kulturellen Hintergrund des einzelnen und soll wesentlich durch seine Sozialisation bestimmt werden, die wiederum maßgeblich durch die Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit geprägt wird. Aus kriminologischer Sicht sind vor allem diejenigen Anpassungstypen von Interesse, die mit der Ablehnung bzw. Ersetzung der institutionalisierten Mittel einhergehen: Innovation, Rückzug und Rebellion. Mit Hilfe dieser drei Anpassungstypen lassen sich eine Vielzahl von Erscheinungsformen der Kriminalität erklären, die von der Eigentums- und Vermögensdelinquenz über die Betäubungsmitteldelinquenz bis hin zur Staatsschutzkriminalität reichen. III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 59 45 Merton ASR 3 (1938), 672 ff. (dt. Bearbeitung in: Sack/König 1968, 283 ff.). 59 60 Gleichwohl darf die Erklärungskraft der Anomietheorie nicht überschätzt werden.46 Die Anomietheorie lebt davon, dass vieles im Unklaren gehalten wird. Dies betrifft etwa die Frage, warum sich ein Individuum im Zustand der Anomie für eine bestimmte Anpassungsform entscheidet und nicht für eine andere;47 mit dem Hinweis auf die Sozialisation stellt Merton lediglich einen vagen theoretischen Bezugsrahmen zur Verfügung. Unklar ist und bleibt auch der Begriff des kulturell definierten „Ziels“, an dem sich die Gesellschaft orientiert. In seiner Vagheit und Unschärfe öffnet der Begriff der Anomietheorie die Tür zur Beliebigkeit. Nimmt man hinzu, dass auch die Praxisrelevanz der Anomietheorie nur gering ist, weil sich aus ihren Aussagen zur Sozialstruktur keine unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen realisierbaren Handlungsanweisungen für die Kriminalitätsprophylaxe ableiten lassen,48 so muss man feststellen, dass die Anomietheorie zwar einen erheblichen heuristischen Wert hat, da sie auf die Relevanz sozialstruktureller Merkmale bei der Kriminalitätserklärung hinweist, dass sie als alleinige Erklärung für Kriminalität und kriminelles Verhalten jedoch nicht taugt. b) Die allgemeine Drucktheorie von Agnew Neuere Fortentwicklungen knüpfen an Mertons These an, dass Kriminalität eine Folge des Drucks ist, der auf dem Täter lastet. Hervorzuheben ist die in den 1990er Jahren von Robert Agnew vorgelegte „allgemeine Drucktheorie“ („general strain theory“). Agnew unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Arten des Drucks: – Druck, der davon ausgeht, dass positiv bewertete Ziele nicht erreicht werden (hier übernimmt Agnew die Überlegungen Mertons zum Auseinanderfallen von kulturell definierten Zielen und Mitteln); sowie – Druck, der davon ausgeht, dass positiv bewertete Handlungsanreize vorenthalten bzw. genommen oder negative Handlungsanreize gesetzt werden, wobei etwa an die Störung oder Beendigung einer engen persönlichen Beziehung ebenso zu denken ist wie an verbale Beleidigungen oder körperliche Angriffe durch Dritte (hier übernimmt Agnew die Erkenntnisse der Psychologie zu den Ursachen von Stress und Aggressivität). 60 § 3. Kriminologische Theorien 46 Kaiser 1996, § 39 Rn. 5. 47 KKW/Sack, 276. 48 Vgl. Lamnek 2007, 269 ff. 61 62 Nach Agnew erhöht jede Form des Drucks die Wahrscheinlichkeit von Frustration, Zorn, Angst oder anderen negativen Gefühlen. Aus den negativen Gefühlen erwächst das Bedürfnis, dem Druck durch Gegenmaßnahmen zu entgehen oder ihn in seinen Wirkungen abzumildern; dabei ist das Übertreten der durch das Strafrecht gezogenen Grenzen zwar nur eine mögliche, aber nicht ganz unwahrscheinliche Form der Reaktion. Dem Zorn misst Agnew eine besondere Bedeutung bei, da er das Empfinden für erlittene Ungerechtigkeit erhöhe, das Bedürfnis nach Vergeltung auslöse und die Hemmschwelle absenke, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Straftaten kommt, erheblich ansteige.49 Wie auf Druck reagiert wird, soll dabei von Persönlichkeitsvariablen wie der individuellen Empfindlichkeit und Widerstandsfähigkeit abhängig sein.50 Gegenüber der Anomietheorie Mertonscher Prägung stellt die allgemeine Drucktheorie insofern eine wichtige Fortentwicklung dar, als sie aufgrund der Ausdifferenzierung von Drucksituationen in der Lage ist, ein noch breiteres Spektrum an kriminellen Verhaltensweisen zu erklären als es die Anomietheorie vermag. Dies gilt insbesondere für die Erklärung von nicht eigennützig motivierter Gewaltkriminalität. Demgegenüber ist die Erklärungsebene der allgemeinen Drucktheorie eine andere als die der Anomietheorie: Während die Anomietheorie die sozialstrukturellen Entstehungsbedingungen von Kriminalität thematisiert, setzt die Drucktheorie mit ihrer Erklärung auf der Ebene des Individuums an. Die Theorien von Merton und Agnew sind damit weiter voneinander entfernt als es zunächst den Anschein hat. 6. Lerntheoretische Erklärungen Lerntheorien, die den dritten Hauptstrang innerhalb der Kriminalsoziologie bilden, gehen von der Annahme aus, dass kriminelles Verhalten erlerntes Verhalten ist, d. h. ein Verhalten, das sich aus den Erfahrungen erklärt, die der Einzelne im Verlauf seiner Entwicklung macht. Die kriminologischen Lerntheorien setzen damit eine Theorielinie fort, die Ende des 19. Jahrhunderts bereits von Tarde einge- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 61 49 Agnew Criminology 30 (1992), 59 f.; zur empirischen Überprüfung vgl. Agnew/White Criminology 30 (1992), 475 ff.; Agnew et al. Criminology 40 (2002), 43 ff.; Baron Criminology 42 (2004), 457 ff.; zur Anwendbarkeit im Zusammenhang mit dem Klimawandel Agnew Theoretical Criminology 2012, 27 ff. 50 Agnew Criminology 54 (2016), 181 ff. 63 64 65 schlagen worden war (" § 2 Rn. 9). – Eine der ersten und wichtigsten kriminologischen Lerntheorien ist die unter dem Einfluss der Chicago-Schule entstandene, 1939 vorgelegte „Theorie der differentiellen Assoziation“ von Edwin H. Sutherland (1883–1950). a) Sutherlands Theorie der differentiellen Assoziation Sutherland geht davon aus, dass kriminelles Verhalten in Interaktion mit anderen Personen in einem Kommunikationsprozess gelernt wird. Aus dieser Annahme erklärt sich der Name der Theorie: Der Begriff der „Assoziation“ bezeichnet die Kontakte zu anderen Personen bzw. Verhaltensmustern. Das Erlernen krimineller Verhaltensweisen findet nach Sutherland hauptsächlich in kleinen persönlichen Gruppen statt. Den Medien misst er nur eine relativ unbedeutende Rolle bei der Entstehung kriminellen Verhaltens bei.51 Wichtig ist für Sutherland, was gelernt werden muss, damit es zu kriminellem Verhalten kommt. Für ihn schließt das Lernen kriminellen Verhaltens zweierlei ein: das Erlernen der Techniken zur Ausführung des Verbrechens, und das Erlernen der spezifischen Richtung von Motiven, Trieben, Rationalisierungen (d. h. verstandesmäßigen Rechtfertigungen), und Attitüden (Einstellungen). Welche spezifische Richtung die Motive und Triebe nehmen, ob sie also mehr zu normkonformem oder zu normabweichendem Verhalten drängen, ist dabei von der Bedeutung abhängig, die die unmittelbare Umgebung des Betreffenden den Rechtsnormen beimisst. Aus diesen Vorüberlegungen leitet Sutherland seine zentrale These ab: „Eine Person wird delinquent infolge des Überwiegens der die Verletzung begünstigenden Einstellungen über jene, die Gesetzesverletzungen negativ beurteilen.“ Er geht dabei davon aus, dass jeder Mensch sowohl kriminalitätsbegünstigende als auch konformes Verhalten begünstigende Kontakte habe (dies ist mit dem Begriff der „differentiellen“ Kontakte gemeint), und dass es für die Frage, ob ein Mensch selbst kriminell werde, auf das Überwiegen der kriminalitätsbegünstigenden Kontakte ankomme. Welche Art von Kontakten überwiege, sei von der Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität der Kontakte abhängig. Empirisch ist die Theorie nur schwer zu überprüfen, da Sutherland keine genauen Angaben dazu macht, wie die kriminalitätsbegünstigenden Kontakte beschaffen sein müssen, damit sie die gegenläufigen, konformes Verhalten begünstigenden Kontakte überwiegen. Der vage Hinweis auf „Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität“ 62 § 3. Kriminologische Theorien 51 Sutherland/Cressey/Luckenbill 1992, 88 ff. (die endgültige Fassung erhielt die Theorie in der 4. Aufl. des Lehrbuchs von Sutherland [1947]; dt. Übersetzung in: Sack/König 1968, 395 ff.). 66 67 68 lässt offen, wie sich diese Kategorien zueinander verhalten. Auch in theoretischer Hinsicht ist die Theorie Einwänden ausgesetzt, denn sie lässt offen, wie die kriminalitätsbegünstigenden Kontakte zustande kommen. Sozialstrukturelle Aspekte, wie sie insbesondere von der Anomietheorie thematisiert worden sind, werden von Sutherland vernachlässigt. Der gewichtigste Einwand, der sich aus heutiger Sicht gegen Sutherlands Theorie erheben lässt, geht indessen dahin, dass ihr jeder Bezug zu den Prinzipien fehlt, die die allgemeine Lernpsychologie zur Erklärung von Lernvorgängen entwickelt hat. Diesem Einwand trägt erst die erst später entwickelte Theorie des sozialen Lernens von Akers Rechnung ("Rn. 73 ff.). b) Die Theorie der Neutralisierungstechniken von Sykes/Matza Unter den Fortentwicklungen von Sutherlands Theorie ist zunächst auf die 1957 vorgelegte „Theorie der Neutralisierungstechniken“ von Gresham Sykes und David Matza hinzuweisen. Der Ansatz greift die Frage auf, was gelernt werden muss, damit Straftaten begangen werden können, und knüpft dabei an Sutherlands Begriff der „Rationalisierung“ an, der von Sykes/Matza „Neutralisierung“ genannt wird.52 Den Ausgangspunkt bildet die Feststellung, dass Straftäter die gesellschaftlichen Werte und Normen grundsätzlich als verbindlich akzeptieren. Mit dieser Feststellung grenzen sich Sykes und Matza von den Subkulturtheorien ab, die davon ausgehen, dass Straftäter ihr Handeln an eigenen Werten orientieren, die in bewusster Abgrenzung zu den „herrschenden“, für die gesamte Gesellschaft verbindlichen Werten und Normen gebildet werden.53 Sykes/Matza halten diese These für unzutreffend, denn sie sei mit der Beobachtung unvereinbar, dass die meisten Täter nach ihrer Entdeckung Schuld und Scham empfänden. Wenn es allerdings richtig ist, dass Straftäter die gesamtgesellschaftlichen Werte und Normen grundsätzlich anerkennen, stellt sich die Frage, welche psychischen Mechanismen es Tätern ermöglichen, sich in einer konkreten Tatsituation über die Rechtsnormen hinwegzusetzen. Die Antwort sehen Sykes/Matza in den subjektiven Rechtfertigungen (den „Neutralisierungstechniken“), die die Täter heranziehen, um die sich aus dem Widerspruch zwischen Normen und Handeln ergebenden Spannungen zu lösen und sich III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 63 52 Sykes/Matza ASR 22 (1957), 664 ff. (dt. Übersetzung in: Sack/König 1968, 360 ff.). 53 Übersicht bei Lamnek 2007, 147 ff. 69 70 nach der Tat vor Schuld- und Schamgefühlen zu bewahren. In Übereinstimmung mit Sutherland gehen Sykes/Matza dabei davon aus, dass die Neutralisierungstechniken im Kontakt mit anderen erlernt werden müssen. Sykes/Matza unterscheiden zwischen fünf Techniken: Leugnung der Verantwortlichkeit für die Tat (denial of responsibility), indem der Täter die Tat dem Zufall oder ungünstigen Umwelteinflüssen zuschreibt; Leugnung, einen Schaden angerichtet zu haben (denial of injury), indem etwa bei Eigentumsdelikten darauf verwiesen wird, dem Geschädigten mache der Verlust der Sache wegen des Versicherungsschutzes nichts aus; Leugnung, einen anderen zum Opfer gemacht zu haben (denial of the victim), indem dem Opfer eine „unrechte“ Tat untergeschoben wird, für die die eigene Tat als „Strafe“ erscheint; Herabsetzung der an der Strafverfolgung beteiligten Personen (condemnation of the condemners); sowie Berufung auf höherstehende Maßstäbe wie etwa die ungeschriebenen Normen einer Jugendbande (appeal to higher loyalties). Sykes/Matza setzen sich in ihrem Ansatz nicht mit der Frage auseinander, wie der Täter überhaupt dazu kommt, eine Straftat begehen zu wollen; die Tatmotivation wird als nicht erklärungsbedürftiges Faktum unterstellt. Als Kriminalitätstheorie lässt sich der Ansatz deshalb kaum bezeichnen, eher nur als eine modellhafte, empirisch zudem kaum überprüfbare Skizze der psychischen Mechanismen, die dem Täter die Begehung der Tat ermöglichen.54 Dennoch verdient der Ansatz Beachtung, denn er weist auf einen kleinen, aber bedeutsamen Ausschnitt aus dem Tatgeschehen hin, dem in der jüngeren kriminalpolitischen Diskussion verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wird: Wenn die These von Sykes/Matza nämlich richtig ist, dass erst die Neutralisierungsmechanismen die Tatbegehung ermöglichen, dann ist es naheliegend, diesen Mechanismen dadurch entgegenzuwirken, dass ein Täter nach einer Tat mit den konkreten Folgen seiner kriminellen Handlungen direkt konfrontiert und unerwünschten Lerneffekten dadurch entgegengewirkt wird. Praktisch bedeutsam wird dieser Gedanke vor allem beim Täter-Opfer-Ausgleich, der dem Täter die Auseinandersetzung mit dem konkret bewirkten Opferleid abverlangt (" § 9 Rn. 27). c) Die Theorie des sozialen Lernens von Akers Die von Ronald Akers vorgenommene Fortführung von Sutherlands Theorie knüpft an die Frage an, wie gelernt wird, und nimmt 64 § 3. Kriminologische Theorien 54 Vgl. aber Amelang/Schahn/Kohlmann MschrKrim 71 (1988), 178 ff. 71 72 73 dabei auf die Prinzipien Bezug, die die allgemeine Lernpsychologie zur Erklärung von Lernvorgängen entwickelt hat. Nach den Erkenntnissen der Lernpsychologie lassen sich drei Grundmodelle des Lernens unterscheiden:55 – das Prinzip der „klassischen Konditionierung“ (Reiz-Reaktions-Lernen), das sich mit dem Namen Iwan Pawlow (1849–1936) verbindet und besagt, dass Verhalten durch äußere Reize verändert werden kann; – das Prinzip der „operanten (instrumentellen) Konditionierung“, das wesentlich auf Burrhus Frederick Skinner (1904–1990) zurückgeht und nicht auf die Bedeutung von Reizen (Signalen), sondern auf die durch das Verhalten bewirkten Konsequenzen (Verstärker) abstellt; erlerntes Verhalten zeichnet sich danach dadurch aus, dass es als Mittel (Instrument) für die Herbeiführung bestimmter Erfolge bzw. zur Vermeidung von Misserfolgen eingesetzt wird (Lernen am Erfolg); – das vor allem von Albert Bandura entwickelte Prinzip des „Beobachtungslernens“, das stärker die kognitiven Prozesse (Denkprozesse) betont, die im Zusammenhang mit Lernvorgängen stattfinden; erlerntes Verhalten besteht danach hauptsächlich in der Nachahmung (Imitation) von beobachteten Modellhandlungen. Eine an das Prinzip der klassischen Konditionierung anknüpfende Theorie ist die bereits oben skizzierte Kriminalitätstheorie von Eysenck ("Rn. 42 ff.). Ein das Verhalten steuernder Außenweltreiz ist danach die in der Kindheit auf ein unerwünschtes Verhalten erfolgende Strafe durch die Eltern. Die Erfahrung des Bestraftwerdens kann im weiteren Verlauf der Entwicklung Angstreaktionen (konditionierte Reaktionen) bereits im Vorfeld von Straftaten auslösen und den Betreffenden so zum Unterlassen der entsprechenden Handlungen motivieren. Akers verknüpft in seiner „Theorie des sozialen Lernens“ Sutherlands Assoziationstheorie mit dem psychologischen Lernmodell der operanten Konditionierung, berücksichtigt aber auch die Möglichkeit des Beobachtungslernens.56 Ob abweichendes Verhalten erlernt wird, ist nach Akers vor allem davon abhängig, ob es differentiell verstärkt wird, d. h. ob diejenigen positiven Konsequenzen, die normabweichendes Verhalten nach sich zieht (zB der Verbrechensgewinn), stärker wirken als diejenigen Konsequenzen, die normkonformes Verhalten nach sich zieht. Die Lernprozesse vollziehen sich nach Akers nicht nur in sozialen Interaktionen, sondern können auch in nichtsozialen Situationen gelernt werden. Dabei spielt namentlich die Beobachtung der Konsequenzen, die das Handeln von Modellperso- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 65 55 Fetchenhauer 2011, 75 ff. 56 Akers 1985, 39 ff.; ders. 1999, 62 ff. (Erstveröffentlichung 1966 zusammen mit Burgess). 74 74a 75 nen im Fernsehen oder in anderen Medien auslöst, eine wesentliche Rolle. Die weiteren Bedingungen, die die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöhen, übernimmt Akers aus der Theorie der differentiellen Assoziation. Akers Theorie teilt damit zwar auf der einen Seite manche der Schwächen, die die Theorie der differentiellen Assoziation aufweist, stellt aber auf der anderen Seite mit ihrer Einbeziehung der lernpsychologischen Überlegungen eine bedeutsame theoretische Fortentwicklung dar.57 7. Kontrolltheorien: Kriminalität als Folge fehlender innerer und äußerer Kontrolle a) Grundlagen Im Gegensatz zu den bislang skizzierten Theorien fragen die Kontrolltheorien, die den vierten Hauptstrang innerhalb der kriminalsoziologischen Theorien bilden, nicht danach, warum sich Menschen abweichend verhalten, sondern danach, warum sie sich konform verhalten. Im Hintergrund steht die These der klassischen Kriminologie, dass sich jeder Mensch dann abweichend verhält, wenn dies für ihn mit einem Nutzen verbunden ist ("Rn. 15 f.). Mit der umgekehrten Frage nach den Gründen für Konformität soll versucht werden zu erklären, wie es kommt, dass die meisten Menschen nicht straffällig werden, obwohl auch sie kriminalitätsfördernden Einflüssen (zB einem in hohem Maß desorganisierten Stadtteil, sozialstrukturellem Druck, Kontakten zu kriminellen Personen etc.) ausgesetzt sind. Den maßgeblichen Grund sehen die Kontrolltheorien in der Existenz innerer (psychischer) und äußerer (sozialer) Kontrollmechanismen: Der Einzelne befolge die Regeln der Gesellschaft deshalb, weil er über die Fähigkeit verfügt, sein Verhalten zu kontrollieren und Konflikte mit der Rechtsordnung zu vermeiden, und weil er in soziale Gruppen oder Institutionen eingebunden ist, die die bestehenden Regeln und Normen wirksam durchsetzen können. Delinquenz wird dementsprechend als die Konsequenz der Schwäche oder des Fehlens derartiger psychischer und/oder sozialer Kontrollmechanismen erklärt.58 66 § 3. Kriminologische Theorien 57 Zur empirischen Seite Pratt et al Just. Q. 27 (2010), 765 ff. 58 So bereits Reiss ASR 16 (1951), 196. 76 Der Begriff der „Kontrolle“ steht in einem Zusammenhang mit den Mechanismen und Prozessen der informellen und formellen Sozialkontrolle (" § 9 Rn. 1 ff.). Die Kontrolltheorien, insbesondere in der von Hirschi geprägten Lesart ("Rn. 80 ff.), verwenden ihn in einem präventiven Sinn und bezeichnen mit ihm die Integration des Einzelnen in die Gesellschaft, die der Begehung von Straftaten entgegenwirkt. Treffender als der Begriff der „Kontrolltheorien“ wäre deshalb eigentlich der Begriff der „Integrationstheorien“.59 Einer der ersten Vertreter der Kontrolltheorie ist Walter Reckless (1898– 1988), der allerdings nicht mit dem Begriff der „Kontrolle“, sondern dem des „Halts“ (deshalb auch „Halttheorie“, containment theory) arbeitet.60 Reckless unterscheidet zwischen dem inneren und dem äußeren Halt. Der innere Halt wird durch das Selbstkonzept des Einzelnen getragen. Dieses entscheidet darüber, wie jemand auf bestimmte Erlebnisse und Impulse reagiert und sie verarbeitet. Ein günstiges Selbstkonzept ermöglicht nach Reckless eine günstige innere Verarbeitung und schafft so einen inneren Halt gegenüber den Belastungen, denen der Einzelne ausgesetzt ist (vgl. zu dem insoweit vergleichbaren moderneren psychologischen Konzept der Resilienz " § 6 Rn. 23). Der äu- ßere Halt wird durch die Strukturen gewährleistet, die den Einzelnen unmittelbar umgeben, etwa das Familienleben, die Nachbarschaft oder sonstige haltgewährende Gruppen. Ist der äußere Halt schwach, muss der innere Halt entsprechend stärker sein, um den kriminellen Versuchungen standhalten zu können. Umgekehrt ist ein starker äußerer Halt in der Lage, ein ungünstiges Selbstkonzept auszugleichen. Der Mangel an innerem und äußerem Halt soll zur Straffälligkeit führen. Während Reckless' Unterscheidung von innerem und äußerem Halt eine recht einfache Begründung für konformes Verhalten liefert, bemühen sich neuere Kontrolltheorien um die stärkere Ausdifferenzierung der maßgeblichen Kontrollmechanismen. Eine einflussreiche Formulierung stammt dabei von Hirschi aus dem Jahr 1969. b) Hirschis Theorie der sozialen Kontrolle Die von Travis Hirschi (1935–2017) vorgelegte Theorie stellt die Bindung des Einzelnen an die Gesellschaft in den Mittelpunkt. Nach Hirschi wird die Bindung durch vier Elemente geprägt:61 – die enge persönliche Bindung an andere Menschen (attachment to others), die sich in der Rücksichtnahme auf die Wünsche und Erwartungen der anderen ausdrückt; III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 67 59 Friday/Kirchhoff, in: Schwind/Kube/Kühne 1998, 78. 60 Reckless 1973, 50 f., 55 ff.; ders. MschrKrim 44 (1961), 11 ff. 61 Hirschi 1969, 16 ff. 77 78 79 80 – das Verpflichtungsgefühl gegenüber dem bisher Erreichten (commitment to achievement), das sich in der rationalen Kalkulation niederschlägt, welche Risiken und Nachteile sich aus einer Straftat für die bislang erreichte Stellung in der Gesellschaft ergeben; – die Einbindung in konventionelle Aktivitäten wie Arbeit oder Militärdienst (involvement in conventional activities), die dem Einzelnen schon von den äußeren Rahmenbedingungen her keine Möglichkeit lässt, sich abweichend zu verhalten; – den Glauben an die Verbindlichkeit moralischer Wertvorstellungen (belief in the moral validity of rules). Je stärker die vier Bindungselemente ausgeprägt sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Straftaten begangen werden. Umgekehrt sollen Straftaten umso wahrscheinlicher werden, je schwächer die Bindung in einem der genannten Bereiche ist. Dabei geht Hirschi davon aus, dass die Stärke eines Elements Ausstrahlungswirkung auf die anderen Elemente hat. Wer also bspw. gefühlsmäßig an Menschen gebunden ist, die sich konform verhalten, der ist wahrscheinlich auch selbst in konventionelle Aktivitäten eingebunden und bereit, moralische Wertvorstellungen als verbindlich zu akzeptieren. Obwohl mit der (fehlenden) Bindung an die Gesellschaft ein zentraler Gesichtspunkt für die Kriminalitätserklärung herausgegriffen wird, ist Hirschis Ansatz nicht in der Lage, alle Erscheinungsformen des Verbrechens zu erklären. Die Kriminalität derjenigen, die sozial gut integriert sind (man denke etwa an den großen Bereich der Wirtschaftskriminalität, dazu genauer " § 11), wird von der Theorie nicht erfasst. In der empirischen Forschung ist die Relevanz der von Hirschi herausgestellten Bindungselemente zwar überwiegend bestätigt worden. Die Zusammenhänge waren jedoch meist nur schwach ausgeprägt,62 was darauf hindeutet, dass neben den von Hirschi genannten Elementen noch weitere Einflüsse maßgeblich sind. Die neuere Forschung hat insoweit gezeigt, dass vor allem das Alter eine entscheidende Rolle spielt: Art und Ausmaß der sozialen Einbindung in die Gesellschaft sind nicht in allen Altersstufen gleich, sondern können im Verlauf der Entwicklung erheblichen Veränderungen unterliegen ("Rn. 102 ff.). Gleichwohl hat die von Hirschi vorgelegte Formulierung der Kontrolltheorie in der Kriminologie breite Zustimmung gefunden. Mit 68 § 3. Kriminologische Theorien 62 Vgl. Akers 1999, 88 ff.; Shoemaker 2000, 183 ff. 81 82 83 dem Grundgedanken, dass Kriminalität vor allem auf eine unzureichende Integration in die Gesellschaft und das Fehlen von tragfähigen personal-sozialen Bindungen zurückzuführen ist, trifft Hirschi auf ein auch in Laienkreisen verbreitetes Verständnis der Ursachen von Kriminalität.63 Hirschis Theorie ist dabei in der Lage, auch neuere soziologische Überlegungen zB zur zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft oder zur sozialen Desintegration aufzunehmen und kriminologisch umzuformulieren.64 Gleichzeitig verfügt seine Theorie über eine klare kriminalpolitische Anwendungsperspektive: Wenn kriminelles Handeln die Folge einer unzureichenden oder fehlgeschlagenen Integration ist, dann müssen Maßnahmen der Prävention vor allem auf die Integration von Randständigen und Außenseitern, auf die Verbesserung der Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen und ihre Erfahrungen sammeln, auf die Verbesserung der „Startbedingungen“ in das Leben und die Beseitigung von strukturellen Benachteilungen wie zB Jugendarbeitslosigkeit gerichtet sein. c) Die Theorie der fehlenden Selbstkontrolle von Gottfredson/ Hirschi Einen theoretischen Schwenk vollzog Hirschi im Jahr 1990. In diesem Jahr legte er zusammen mit Michael Gottfredson eine neue Kriminalitätstheorie vor, die die Begehung von Straftaten mit einem anderen Konstrukt, nämlich der differentiellen Fähigkeit zur Selbstkontrolle („self-control“) erklärt.65 Kriminelle Handlungen werden nach Gottfredson/Hirschi von denjenigen Menschen begangen, die kaum oder gar nicht in der Lage sind, ihre kurzfristigen Bedürfnisse unter Kontrolle zu halten. Wenn die kurzfristigen Bedürfnisse mit den langfristigen Interessen kollidieren, sollen diejenigen Menschen, die nur über eine geringe Fähigkeit zur Selbstkontrolle verfügen, ihre Bedürfnisse befriedigen, während die Menschen mit einer größeren Fähigkeit zur Selbstkontrolle sich an den Folgen ihres Handelns und den Schranken orientieren, die ihnen von außen auferlegt werden. Der im Zentrum der Theorie stehende Begriff der „Selbstkontrolle“ bedeutet nach dem Verständnis von Gottfredson/Hirschi „Anfälligkeit für die Verlo- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 69 63 Kaiser 1996, § 27 Rn. 19. 64 Vgl. Beck 1986; Heitmeyer u. a. 1998, 31 ff. 65 Gottfredson/Hirschi 1990, 85 ff. 84 85 ckungen des Augenblicks“ („people … differ in the extent to which they are vulnerable to the temptations of the moment“). Der Begriff hat Ähnlichkeiten zu dem Begriff des „Gewissens“, unterscheidet sich hiervon jedoch dadurch, dass jener sich mehr auf moralische Kategorien bezieht, während sich „Selbstkontrolle“ mehr auf die Fähigkeit zur Voraussicht und Folgenabschätzung bezieht. Menschen, die nur über eine geringe Fähigkeit zur Selbstkontrolle verfügen, sind nach Gottfredson/Hirschi impulsiv, unempfindlich, eher körperlich als geistig orientiert, risikobereit, nicht vorausschauend und sollen auch nur über geringe verbale Fähigkeiten verfügen. Straftaten begingen sie deshalb, weil kriminelle Handlungen in den meisten Fällen die sofortige, schnelle und einfache Befriedigung von Bedürfnissen ermöglichten („money without work, sex without courtship, revenge without court delays“). Typischerweise seien kriminelle Handlungen spannende, riskante, aufregende Handlungen, sie erforderten nur geringe Fähigkeiten und keine Vorbereitung, und dies seien Gesichtspunkte, die bei Menschen mit nur einer geringen Fähigkeit zur Selbstkontrolle die entsprechenden Anreize böten. Gottfredson/Hirschi meinen, dass Menschen mit geringer Selbstkontrolle nicht notwendig Straftaten begehen müssten; auch andere, nicht kriminelle Handlungen wie Rauchen, Trinken, der Genuss von Betäubungsmitteln, Teilnahme am Glücksspiel oder das unüberlegte Zeugen von Kindern seien Handlungen, die der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung unter Außerachtlassung der langfristigen Folgen dienten und die deshalb ebenfalls gerade von Menschen mit geringer Selbstkontrolle begangen würden. Die geringe Selbstkontrolle sei dementsprechend die Wurzel sowohl für Straftaten als auch für verwandte (analoge) Formen der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung (These der Austauschbarkeit dieser Verhaltensweisen). Diese Austauschbarkeitsthese führt zu weitreichenden Konsequenzen. Da Gottfredson/Hirschi davon ausgehen, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ein stabiler, sich nur über lange Zeiträume hinweg verändernder Persönlichkeitszug ist (Stabilitäts- oder Kontinuitätsthese), ergibt sich hieraus, dass abweichendes Verhalten – sei es kriminelles, sei es sonstiges, der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung dienendes Verhalten – schon relativ früh vorhergesagt werden kann. Wenn die Kontinuitätsthese richtig ist, stellt sich allerdings auch die Frage nach dem in vielen Fällen zu beobachtenden Ende krimineller Karrieren: Wie ist es zu erklären, dass die meisten Menschen ab einem gewissen Punkt in ihrer Entwicklung mit der Begehung von Straftaten aufhören? Nach Gottfredson/Hirschi kann dieser empirische Einwand die Kontinuitätsthese nicht widerlegen, denn die meisten Menschen begingen in höherem Alter zwar keine Straftaten mehr, wohl aber legten sie andere, nicht kriminelle Formen abweichenden Verhaltens an den Tag (vgl. dazu genauer "Rn. 102). Wenn die Stärke der Selbstkontrolle eines Menschen für die Begehung krimineller Handlungen wesentlich ist, kommt der Frage Bedeutung zu, welche Faktoren für die Ausbildung der Selbstkontrolle maßgeblich sind. Gottfredson/Hirschi verweisen insoweit auf die 70 § 3. Kriminologische Theorien 86 87 überragende Bedeutung früher Einflüsse: Geringe Selbstkontrolle sei die Folge des Fehlens von Erziehung, Kontrolle und Verhaltenstraining. Die Bedeutung der frühen familialen Erziehung könne kaum überschätzt werden, und auch die Schule spiele in dieser Hinsicht noch eine wichtige Rolle. Damit sind zugleich die wesentlichen Einwirkungsbereiche benannt, bei denen nach Gottfredson/Hirschi Präventionsüberlegungen ansetzen müssen, die darauf abzielen, die individuellen Fähigkeiten zur Selbstkontrolle zu verbessern. Die Kritik an der Theorie setzt bei dem Konzept der „Selbstkontrolle“ an. Festzustellen ist, dass dem Konzept die im kriminologischen Zusammenhang erforderliche Trennschärfe fehlt, da es sich gemäß der Austauschbarkeitsthese auch auf nicht-kriminelles abweichendes Verhalten bezieht. Sogar der Vorwurf der Tautologie ist erhoben worden: Wenn abweichendes Verhalten als Beleg dafür genommen werde, dass ein Mensch nur ein geringes Maß an Selbstkontrolle aufweise, dann führe es zu einem Zirkelschluss, wenn das abweichende Verhalten mit eben dieser geringen Selbstkontrolle erklärt werde.66 Konzeptionell bleibt die Theorie der fehlenden Selbstkontrolle die Antwort auf zahlreiche Fragen schuldig. Offen bleibt etwa das Verhältnis von Selbstkontrolle und äußerer Kontrolle: Sollen die Mechanismen der äußeren Kontrolle nur noch indirekt bedeutsam sein, weil der Einzelne sie im Rahmen der Sozialisation internalisiert hat?67 Wie sind die Taten von Personen zu erklären, denen eine hohe Fähigkeit zur Selbstkontrolle bescheinigt werden muss, zB die Taten, die von Managern oder Politikern im Zusammenhang mit der Berufsausübung begangen werden?68 Welche Bedeutung kommt Gruppeneinflüssen zu, zB dem Einfluss, den die Zugehörigkeit zu einer Jugendbande ausmacht? In welchem Verhältnis stehen Sozialisationseinflüsse, die nicht mehr der familialen oder schulischen Sozialisation zuzurechnen sind, zur Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstkontrolle? Welche Rolle spielen die Massenmedien, das Internet? Welche Rolle spielen Erfahrungen im Umgang mit dem Strafjustizsystem? Ergänzungen der Theorie, die etwa auf die Befunde der sozialpsychologischen Lerntheorien zurückgreifen, scheinen hier unvermeidlich. III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 71 66 Akers 1999, 92 f.; Lamnek 2008, 131. 67 Akers 1999, 89 f. 68 Vgl. Barlow 1996, 514 f. 88 89 Die empirische Absicherung der Theorie ist derzeit noch keineswegs gesichert. Da der zentrale Begriff der „Selbstkontrolle“ sich kaum klar definieren und in überprüfbare Variablen umsetzen lässt,69 ist der empirische Zugang schwierig. Zwar lässt sich immer wieder feststellen, dass die fehlende Selbstkontrolle bei vielen Delikten zur Erklärung beiträgt,70 aber sie ist nie das einzige Element, das kriminelles Handeln erklärt; der Anspruch, das Konstrukt verweise auf eine allgemeine Kriminalitätserklärung ist zu hoch gegriffen. Im Ergebnis wird man deshalb festhalten müssen, dass Gottfredson/Hirschi 1990 eine Theorie vorgelegt haben, die zwar für viel Diskussionsstoff gesorgt hat, die ihre Überlegenheit gegenüber früheren Ansätzen, namentlich gegenüber der Theorie der sozialen Kontrolle aus dem Jahr 1969, bislang aber noch nicht erwiesen hat. 8. Interaktionistische Theorien: Kriminalität als Ergebnis sozialer Zuschreibung a) Grundgedanken des labeling approach Die interaktionistischen Kriminalitätstheorien, die den fünften Hauptstrang innerhalb der kriminalsoziologischen Theorien bilden, unterscheiden sich von den bislang skizzierten Ansätzen darin, dass sie nicht das kriminelle Handeln als das erklärungsbedürftige Phänomen ansehen, sondern die gesellschaftliche Reaktion, die auf das kriminelle Handeln folgt. Kriminalität wird nicht als Eigenschaft verstanden, die einem Verhalten objektiv anhaftet, sondern als ein Vorgang, der seine eigentliche, soziale Bedeutung erst durch die gesellschaftliche Zuschreibung erhält (" § 1 Rn. 23 ff.). Die interaktionistischen Kriminalitätstheorien wurzeln in der auf George Herbert Mead (1863–1931) zurückgehenden Denkrichtung des symbolischen Interaktionismus, wonach die Menschen auf der Basis subjektiver Interpretationen von sich selbst und ihrer Umwelt handeln. Erst indem sie den Dingen (Menschen, Gegenständen, Ideen) eine Bedeutung beimessen, schaffen sie den Rahmen, der ihnen die für ihr Handeln erforderliche Orientierung gibt. Frühe Ansätze, diese Überlegungen auf die Kriminologie zu übertragen, finden sich bereits bei 72 § 3. Kriminologische Theorien 69 Vgl. Grasmick et al. JResCrim 1993, 5 ff.; Fetchenhauer/Simon MschrKrim 81 (1998), 301 ff.; Bornewasser u. a. MschrKrim 90 (2007), 443 ff.; Baier/Branig MschrKrim 92 (2009), 505 ff. 70 Vazsonyi/Mikuška/Kelley J Crim Jus 2017, 48 ff. 90 91 Sutherland, in dessen Theorie die Bedeutung, die die unmittelbare Umgebung eines potentiellen Täters den Rechtsnormen beimisst, bereits eine Rolle spielt ("Rn. 67). Der Perspektivenwechsel, den die interaktionistischen Kriminalitätstheorien vollziehen, indem sie nicht das Verhalten des Täters, sondern die gesellschaftliche Reaktion in den Mittelpunkt stellen, eröffnet den Zugang zu einer Vielzahl neuer Fragestellungen. In der Entwicklung der Kriminologie haben dabei zunächst diejenigen Untersuchungen dominiert, die sich mit den Auswirkungen der offiziellen Etikettierung eines Menschen als „Straftäter“ auf das Selbstbild beschäftigt haben. Indem ein Mensch von den Strafverfolgungsorganen als „Krimineller“ bezeichnet und behandelt wird, wird nach den interaktionistischen Theorien eine Rollenzuweisung geschaffen, die der Betreffende mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in sein Selbstbild übernimmt und zur Richtschnur seines Handelns macht („selffulfilling prophecy“). Wenn dieser Fall eintritt, haben die Strafverfolgungsorgane freilich eine Konsequenz herbeigeführt, die das Gegenteil dessen ist, was eigentlich beabsichtigt war: Sie haben weitere Straftaten nicht verhindert, sondern die Entstehung oder Verfestigung krimineller Karrieren geradezu gefördert. Die interaktionistischen Theorien knüpfen an diese nicht intendierte Konsequenz an und sehen die zentrale Bedingung für (weiteres) kriminelles Handeln in der strafrechtlichen Reaktion: Indem auf bestimmte Verhaltensweisen mit Etikettierung und Stigmatisierung reagiert wird, wird das Problem erst geschaffen, das eigentlich gelöst werden soll. Entsprechend dieser Sichtweise wird dieser Theorieansatz auch als „Etikettierungsansatz“, „Definitionsansatz“ oder auf englisch als „labeling approach“ bezeichnet. Einer der ersten, der auf die Bedeutung der strafrechtlichen Reaktion für die weitere Entwicklung des Täters hingewiesen hat, war Edwin M. Lemert (1912–1996). Lemert unterscheidet in seiner 1951 vorgelegten Arbeit zwischen primärer und sekundärer Abweichung.71 Primäre Abweichung ist diejenige Abweichung, die zwar Reaktionen der Umwelt auslöst, die aber bei dem sich abweichend Verhaltenden noch keine Veränderung des Selbstbildes iSd „offiziellen“ Definition als Abweicher bewirkt, sondern die von ihm lediglich als „schwieriger Bestandteil“ seiner im übrigen sozial akzeptierten Rolle („merely troublesome adjuncts of normally III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 73 71 Lemert 1951, 75 f. 92 93 93a conceived roles“) rationalisiert wird. Primäre Abweichung ist also auf jeden Fall die erste Straftat im Verlauf einer kriminellen Karriere, aber es können auch noch weitere Straftaten hinzukommen. Sekundäre Abweichung ist demgegenüber diejenige Abweichung, die sich daraus ergibt, dass der Täter den ihm aufgedrückten Stempel, das Etikett als „Krimineller“, in sein Selbstkonzept übernommen hat und sich nun dieser ihm zugeschriebenen Rolle entsprechend verhält. Als Begründer der interaktionistischen Kriminalitätstheorie und des labeling approach gilt indessen nicht Lemert, sondern Howard S. Becker. Auch Becker entwickelte 1963 ein Karrieremodell zur Erklärung der Entstehung von Delinquenz und Kriminalität.72 Erster Schritt einer kriminellen Karriere ist danach die Begehung einer Regelverletzung, möglicherweise, aber nicht notwendigerweise einer Straftat. Diese erste Tat geschieht möglicherweise nur ungewollt (zB fahrlässig). Bei der Erklärung dieser ersten Straftat helfen nach Becker die traditionellen Theorien nicht weiter. Zwischen Abweichenden und Konformen bestehe kein motivationaler Unterschied. Vielmehr hätten die meisten Menschen oft den Impuls, sich abweichend zu verhalten; dass sie es nicht täten, sei mit ihrer Einbindung in die Gesellschaft zu erklären (zu den Kontrolltheorien, die Becker insoweit in Bezug nimmt, genauer "Rn. 76 ff.). Der zweite Schritt ist nach Becker die Aufrechterhaltung krimineller Aktivitäten über einen längeren Zeitraum. Zwar soll einer der Mechanismen, die zur Entstehung derartiger stabiler Verhaltensmuster führen, die Entwicklung krimineller Motive und Interessen sein, die von dem sich abweichend Verhaltenden in Interaktionen mit anderen Abweichenden gelernt werden. Der wichtigste Impuls soll indes ausgehen von der Erfahrung, inhaftiert und öffentlich als „Krimineller“ etikettiert zu werden („the experience of being caught and publicly labeled as a deviant“). Dieser Vorgang habe wichtige Konsequenzen für die weitere Teilnahme am sozialen Leben und das Selbstbild des Abweichenden. Die Behandlung als „Krimineller“ produziere eine sich selbst erfüllende Voraussage. Der normale Handlungsspielraum des öffentlich Stigmatisierten, also sein Spielraum für konforme Handlungsmöglichkeiten, werde eingeschränkt und er sei geradezu gezwungen, ungesetzliche Verhaltensweisen zu entwickeln. Bei der Entstehung einer kriminellen Karriere sei der letzte Schritt oft der Anschluss an eine organisierte Gruppe von Abweichenden. Auch in Deutschland fand der labeling approach in den 1970er Jahren zahlreiche Anhänger. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem die Rezeption der US-amerikanischen Forschungen und die Kritik an der in Deutschland bis dahin vorherrschenden Täterorientierung, die schlichtweg leugnete, dass Kriminalität nicht nur ein Realphänomen, 74 § 3. Kriminologische Theorien 72 Becker 1963, 19 ff. 94 95 95a sondern auch ein durch Interpretation gewonnenes Konstrukt ist (" § 1 Rn. 23). Namentlich Fritz Sack, der prominenteste Vertreter der „neuen“, „kritischen Kriminologie“, wies immer wieder darauf hin, dass Kriminalität nur als Ergebnis eines interaktiven Prozesses zu verstehen sei, bei dem eine wechselseitige Rollenzuschreibung stattfinde, die eine neue soziale Wirklichkeit erzeuge.73 Daneben gab es indes auch deutlich moderatere Auffassungen74, und es wurden ähnlich wie in den USA auch in Deutschland Karrieremodelle zur Erklärung individuellen Verhaltens entwickelt.75 b) Kritische Würdigung Bei der Beurteilung des labeling approach gilt es zunächst, zwei positive Leistungen des Ansatzes hervorzuheben. Von sämtlichen bisher skizzierten Kriminalitätstheorien unterscheidet sich der labeling approach darin, dass er auf die zentrale Bedeutung der strafjustiziellen Einordnung eines Vorgangs als „Straftat“ verweist. Ob ein Verhalten ein mit Strafe ahndbares Delikt darstellt, muss aus einem Vorgang erst durch Interpretation und Zuschreibung erschlossen werden. Die Strafverfolgungsorgane tragen dabei die Verantwortung für die Richtigkeit der Zuschreibung; ihre Aufgabe ist es, die Zuschreibung nach einem rechtsstaatlich festgelegten Verfahren vorzunehmen und Falschbeschuldigungen auszuscheiden. In keiner anderen Kriminalitätstheorie wird die notwendige Mitwirkung der Strafverfolgungsorgane an der öffentlichen „Konstruktion“ von Straffälligkeit und Kriminalität thematisiert. Die zweite positive Leistung besteht darin, dass der labeling approach auf die Ambivalenz der mit der Verurteilung des Täters einhergehenden Wirkungen hinweist. Während die Strafverfolgungsorgane von ihrem Anspruch her auf Prävention, mithin auf die Verhinderung weiterer Straftaten abzielen (" § 9 Rn. 13 ff.), macht der labeling approach deutlich, dass eine Verurteilung auch nichtintendierte Effekte haben kann, die im Ergebnis zu einer Verfestigung krimineller Karrieren führen können. Der Etikettierungsansatz erscheint damit besonders zur Erklärung von Mehrfachauffälligkeit geeignet. Zugleich beugt er einer allzu großen Selbstgewissheit des III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 75 73 Sack, in: König 1978, 337 f.; Nachdruck dieses und weiterer Texte von Sack bei Dollinger u. a. 2014; weitere Vertreter zB Keckeisen 1974; Keupp 1976; zur Einordnung auch Schlepper/Wehrheim 2017. 74 Rüther 1975; ders. BewHi 1978, 188 ff. 75 Quensel KJ 3 (1970), 375 ff.; dazu Quensel ZJJ 2014, 28 ff. 96 97 Strafjustizsystems vor und gibt Anlass, die zur Rechtfertigung des staatlichen Strafens herangezogenen theoretischen Legitimationen in Frage zu stellen. Als Kriminalitätstheorie vermag der labeling approach hingegen nicht zu überzeugen. Auch wenn es richtig ist, dass ein Vorgang wie die Begehung einer Straftat seine soziale Bedeutung erst durch öffentliche Zuschreibung erhält, ist es zu kurz gegriffen, für die Kriminalitätserklärung allein oder auch nur überwiegend auf diese Zuschreibungsprozesse abzustellen. Die öffentliche Verurteilung eines Straftäters („Im Namen des Volkes“) ereignet sich nicht im luftleeren Raum, sondern ist die Konsequenz eines Verhaltens, das die Normen der Gesellschaft in gravierender Weise verletzt hat. Kriminalität ist nicht nur ein normatives Konstrukt, sondern auch ein Realphänomen, das unabhängig von jedweder Zuschreibung in der Welt ist (" § 1 Rn. 23). Primär erklärungsbedürftig ist deshalb dieses tatsächliche Verhalten, nicht die polizeiliche oder strafjustizielle Reaktion darauf. Indem der labeling approach nicht ausreichend zwischen der für Täter und Opfer meist mit Händen greifbaren Existenz von Anmaßungen, Konflikten und Lebenskatastrophen einerseits und der sozialen Deutung dieser Verhaltensweisen als „Kriminalität“ andererseits differenziert, sondern allein die strafrechtliche Reaktion in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, werden die Akzente falsch gesetzt.76 Auch die Reichweite des Ansatzes ist beschränkt. Unerklärt bleibt nicht nur die primäre Abweichung, die den Ausgangspunkt für die erste Zuschreibung bildet. Ebenfalls nicht erklärt wird, welche weiteren Umstände daran mitwirken, ob ein Täter die ihm von den Verfolgungsorganen zugewiesene Rolle in sein Selbstbild übernimmt und sich entsprechend verhält. Insoweit ist vor allem an Persönlichkeitsvariablen, Vorerfahrungen und den Grad der sozialen Integration zu denken, die die von der Verurteilung ausgehenden, stigmatisierenden Wirkungen verstärken, ihnen aber auch entgegenwirken können. Ebenso wenig wie es richtig ist, die präventiven, auf die Herbeiführung von positiven Lerneffekten setzenden Wirkungen eines Urteils zu überschätzen (" § 9 Rn. 69 ff.), erscheint es richtig, die negativen, zur Verfestigung krimineller Karrieren führenden Effekte zu überschätzen. Förmliche, öffentliche Verurteilungen dürfen – jedenfalls in Deutschland – aus rechtlichen Gründen erst dann erfolgen, wenn 76 § 3. Kriminologische Theorien 76 Das wird auch anerkannt von Kunz/Singelnstein 2016, § 13 Rn. 20 ff. 98 99 ein Täter die Altersgrenze der strafrechtlichen Verantwortlichkeit überschritten und damit wesentliche Stadien des Sozialisationsprozesses bereits durchlaufen hat. Anzunehmen, dass von diesen Urteilen eine größere verhaltenssteuernde Kraft ausgeht als von den Erfahrungen, die den Weg des Täters vor dem Urteil geprägt haben, ist nicht plausibel (" § 9 Rn. 5). Die empirischen Belege, auf die sich der labeling approach berufen kann, sind dementsprechend auch eher dürftig. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass formelle Sanktionierungen die Wahrscheinlichkeit weiterer Straftaten erhöhen.77 Die Hinweise sind jedoch keinesfalls so beeindruckend, dass aus ihnen geschlossen werden könnte, die förmliche Sanktionierung sei der ausschlaggebende Grund für die weitere Straffälligkeit. c) Theoretische Fortführungen Aus dem Grundgedanken des labeling approach heraus, dass Kriminalität erst durch die strafrechtliche Reaktion geschaffen wird, die auf eine Straftat folgt, sind in der Vergangenheit nicht nur Theorien entwickelt worden, die sich mit den Wirkungen der Reaktion auf das weitere Legalverhalten des Täters beschäftigt haben. Entwickelt worden sind auch eine Vielzahl von Theorien, die sich mit der Frage beschäftigen, warum die Gesellschaft auf abweichendes Verhalten mit Strafe reagiert und nach welchen Kriterien sie bei der Verhängung und Vollstreckung von Strafe vorgeht. Die erste Frage war bereits von Durkheim aufgeworfen worden, der die wesentliche Funktion von Strafe in der Stärkung und Fortentwicklung des Kollektivbewusstseins sah (" § 2 Rn. 11). Neuere Entwicklungen thematisieren vor allem die Funktionalisierung von Kriminalität und Strafe für die Aufrechterhaltung und Festigung von gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsinteressen. Dabei wird die empirisch belegbare hohe Selektivität des strafrechtlichen Kontrollprozesses (" § 9 Rn. 32 ff.) für herrschaftskritische Analysen genutzt. Diese Entwicklungsrichtung soll hier nicht vertieft werden, da sie sich von den empirischen Bezügen weit entfernt und thematisch eher der Strafrechtssoziologie als der Kriminologie zuzurechnen ist. Hingewiesen sei lediglich auf den maßgeblichen Einfluss des französischen Philosophen und Sozialkritikers Michel Foucault (1926–1984) und dessen bedeutsamsten Werks „Überwachen und Strafen“.78 In der Folge etablierte sich ein eigenständiger kriminologischer III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 77 77 Vgl. Greve/Enzmann, in: Bereswill/Greve 2001, 220 ff.; aber auch Farrington BritJCrim 17 (1977), 112 ff.; Killias/Kuhn/Aebi 2011, 327 ff. 78 Foucault 1976; hierzu Uhl, in: Schlepper/Wehrheim 2017, 237 ff. 100 101 Zweig, die „Konfliktkriminologie“, deren zentrale These ist, dass es in der bürgerlichen Gesellschaft über die grundlegenden Werte und Ziele keinen Konsens gibt.79 Neomarxistische Ansätze, die feministische Perspektive sowie der Abolitionismus stehen dieser Entwicklungslinie nahe. Verallgemeinernd wird insoweit zuweilen auch von „Neuer“, „Kritischer“ oder „Radikaler Kriminologie“ gesprochen.80 Die Vertreter dieser Linie forschen selbst nicht empirisch, sondern begnügen sich mit der kritischen Analyse des Strafrechtssystems und seiner Funktion in der Gesellschaft. 9. Stabilität und Wandel: Entwicklungskriminologische Erklärungen a) Grundlagen Den Ausgangspunkt der entwicklungskriminologischen Ansätze bildet die Kritik an dem von Gottfredson/Hirschi vertretenen „Stabilitätspostulat“ ("Rn. 86).81 Nach Gottfredson/Hirschi ist die aus geringer Selbstkontrolle folgende Neigung eines Menschen zur Begehung von Straftaten ein zeitüberdauernder Wesenszug, der sich bereits früh im Leben zeigt und über lange Zeiträume hinweg erhalten bleibt. Diese These steht zu der empirisch gesicherten Beobachtung in einem offensichtlichen Widerspruch, dass mit zunehmendem Alter weniger Straftaten begangen werden (" § 5 Rn. 39 ff.). Gottfredson/Hirschi erklären die abnehmende Häufigkeit von Straftaten mit Reifungsprozessen: Die Neigung zur Begehung von Straftaten bleibe zwar bestehen, aber sie äußere sich mit zunehmendem Alter anders, nicht mehr zwingend in der Begehung krimineller Handlungen.82 Die Entwicklungskriminologie hält diese Erklärung für unzureichend. Sie bezweifelt, dass Beginn, Verlauf und Beendigung von kriminellen Karrieren nach einheitlichen Gesichtspunkten beurteilt werden können, und vertritt die Auffassung, dass sich kriminelle Karrieren in Abhängigkeit von Faktoren entwickeln, die ihrerseits ebenfalls der Veränderung unterworfen sind. Für die kriminalitätstheoretische Erklärung bedeutet dies, dass für die Erklärung des Ver- 78 § 3. Kriminologische Theorien 79 Vgl. Kaiser 1996, § 32 Rn. 18 ff.; Vold/Bernard/Snipes 1998, 235 ff.; Akers 1999, 137 ff.; Eifler 2002, 48 ff. 80 Überblick bei Kunz/Singelnstein 2016, § 1 Rn. 12 ff., § 13 Rn. 27 ff.; die Diskussion fortführend Klimke, in: Rettenberger/Dessecker/Rau 2020, 237 ff. 81 Vgl. Mischkowitz 1993, 31 ff.; Stelly/Thomas/Kerner/Weitekamp MschrKrim 81 (1998), 106 ff.; Stelly/Thomas 2001, 66 ff. 82 Hirschi/Gottfredson AJS 89 (1983), 552 ff.; Gottfredson/Hirschi 1990, 124 ff. 102 103 haltens in verschiedenen Entwicklungsstadien unterschiedliche Einflussfaktoren herangezogen werden müssen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es in jedem Lebenslauf Wendepunkte geben kann, die der bisherigen Entwicklung eine neue Richtung geben können. Das Kennzeichen der Entwicklungskriminologie ist damit die Einbeziehung der Zeit in die Überlegungen: Kriminalität wird als das Ergebnis eines sich dynamisch verändernden Entwicklungsprozesses gesehen. Die entwicklungskriminologischen Ansätze weisen insoweit Ähnlichkeiten zu den interaktionistischen Erklärungsansätzen auf ("Rn. 91 ff.), unterscheiden sich von ihnen jedoch darin, dass sie sich um die Verknüpfung mit den Aussagen anderer Kriminalitätstheorien, namentlich der Kontrolltheorien, bemühen. – Zur Verdeutlichung sei auf zwei Konzepte genauer eingegangen.83 b) Thornberrys Wechselwirkungstheorie Terence Thornberry knüpft mit seinen Überlegungen zur Jugendkriminalität an die Kontrolltheorie von Hirschi aus dem Jahr 1969 ("Rn. 80 ff.) sowie an die Lerntheorie von Akers ("Rn. 73 ff.) an. Ebenso wie Hirschi versteht auch Thornberry Kriminalität als Ergebnis einer Schwächung von Bindung an die Gesellschaft und die damit einhergehende Kontrolle über das Verhalten. Anders als Hirschi ist Thornberry jedoch der Auffassung, dass diese Schwächung nicht direkt zu kriminellem Verhalten führt, sondern lediglich zu einem breiteren Spektrum möglicher Verhaltensweisen. Zu kriminellem Verhalten komme es erst dann, wenn der Einzelne bei geschwächten Bindungen auf Bedingungen treffe, die es ermöglichten, dass kriminelles Verhalten in Interaktion mit anderen gelernt und verstärkt werde.84 Thornberry hält in seinem Modell sechs Variablen für wesentlich: die emotionale Bindung an die Eltern (attachment to parents), das Verpflichtungsgefühl gegenüber der Schule (commitment to school), den Glauben an konventionelle Werte (belief in conventional values), den Kontakt zu delinquenten Gleichaltrigen (associations with delinquent peers), die Übernahme delinquenter Werte (adopting delinquent values) und die Durchführung krimineller Handlungen (engaging in criminal behavior). Die ersten drei Variablen kennzeichneten die Bindung an die Gesellschaft, die letzten drei stünden für diejenigen Faktoren, die Lernprozesse ermöglichten und kriminelles Verhalten verstärkten. III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 79 83 Überblick über weitere Ansätze bei Farrington Criminology 41 (2003), 221 ff. 84 Grundlegend Thornberry Criminology 25 (1987), 863 ff. 104 105 106 Das Charakteristische an Thornberrys Ansatz besteht darin, dass die genannten Variablen nicht nur in eine Richtung wirken sollen, indem ihr (Nicht-)Vorliegen die Durchführung krimineller Handlungen (un-)wahrscheinlicher macht. Nach Thornberry beeinflussen sich die genannten Variablen wechselseitig, und zwar in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien eines Jugendlichen auf unterschiedliche Weise (deshalb auch „Wechselwirkungstheorie“, interactional theory of delinquency). Die Bindung an die Eltern, der in den frühen Jahren noch eine prägende Bedeutung zukommt, kann sich nach Thornberry bspw. dann verändern, wenn sich der Jugendliche delinquenten Gleichaltrigen anschließt oder wenn er vielleicht auch selbst erste kriminelle Handlungen begeht; dabei wird die Begehung weiterer Taten umso wahrscheinlicher, je schwächer die Bindung an die Eltern wird. Ähnliche „Regelkreise“ sollen sich für die anderen Variablen aufstellen lassen. Dabei betont Thornberry, dass das kriminelle Verhalten des Jugendlichen nicht nur als abhängige Variable verstanden werden darf, die durch das Zusammenwirken der anderen Variablen erklärt wird, sondern dass es am Zustandekommen und der Verstärkung von kriminalitätsbegünstigenden Kreisläufen einen eigenen Anteil hat. Kriminelles Verhalten kann damit nach Thornberry unter bestimmten Umständen zur indirekten Ursache weiterer krimineller Handlungen werden. Auf der Grundlage dieser allgemeinen Überlegungen werden von Thornberry für die Erklärung der Delinquenz der jungen (11- bis 13-jährigen), der mittleren (15- bis 16-jährigen) und der älteren (18- bis 20-jährigen) Jugendlichen unterschiedliche Erklärungsmodelle angeboten. Thornberry macht dabei deutlich, dass sich mit der Entwicklung des Jugendlichen auch die Bindungen verändern und frühere Bindungen, zB an die Eltern, durch neue ersetzt werden. Für die Erklärung der Kriminalität der älteren Jugendlichen führt er deshalb zwei weitere Variablen ein: die Einbindung in konventionelle Aktivitäten (commitment to conventional activity) und die Bindung an die eigene, selbst gegründete Familie (commitment to family). Wenn und soweit derartige neue Bindungen entstünden, sei mit dem Abbruch krimineller Karrieren zu rechnen, da es nun zu gegenläufigen Kreisläufen komme: Mit den neuen Bindungen verlören die bisherigen Bindungen an delinquente Gleichaltrige und delinquente Werte an Bedeutung. Allerdings sei die Chance, dass es zu diesen kriminalitätshemmenden neuen Bindungen komme, nur gering, wenn in früheren Phasen infolge kriminellen Handelns bereits die Bindungen an die Eltern und die Schule geschwächt gewesen seien. 80 § 3. Kriminologische Theorien 107 108 c) Die Lebenslauftheorie von Sampson und Laub Robert Sampson und John Laub greifen Thornberrys Ansatz auf und führen ihn fort. Auch sie gehen davon aus, dass Kriminalität die Folge geschwächter sozialer Bindungen ist und dass sowohl die Art als auch die Stärke der Bindungen im Verlauf der Entwicklung variieren. Da Sampson und Laub den informellen Bindungen ein besonderes Gewicht beimessen, bezeichnen sie ihren Ansatz als Theorie der altersabhängigen informellen sozialen Kontrolle (age-graded theory of informal social control).85 In ihrem Modell beschäftigen sich Sampson und Laub zunächst mit der Kinder- und Jugenddelinquenz. Die entscheidenden Ursachen sehen sie in der Schwächung der familiären und schulischen Bindungen, aber sie erkennen darüber hinaus auch delinquenten Einflüssen seitens Gleichaltriger oder der Geschwister Bedeutung zu. Die Stärke der jeweiligen Bindungen wird nach Sampson/Laub zum einen durch sozialstrukturelle Faktoren geprägt wie bspw. den sozioökonomischen Status, die Familiengröße oder den Familienzusammenhalt, zum anderen durch individuelle Eigenheiten des Kindes/Jugendlichen, zB sein Temperament, seine Neigung zu Wutausbrüchen oder frühes abweichendes Verhalten. Auch bei Erwachsenen wird Kriminalität als Folge fehlender oder geschwächter Bindungen angesehen, allerdings sind für Erwachsene andere Bindungen wesentlich als für Kinder oder Jugendliche; bei Erwachsenen stehen in dem Modell von Sampson/Laub die Bindungen an die Arbeit und den (Ehe-) Partner im Vordergrund. Ob es überhaupt und ggf. in welcher Ausprägung es zum Entstehen derartiger Bindungen kommt, wird nach Sampson/Laub maßgeblich durch die Entwicklung in der vorangegangenen Jugendphase bestimmt: Bei straffällig gewordenen Jugendlichen kann es infolge der Straffälligkeit zu einer kumulativen Anhäufung von Schwierigkeiten und Problemen kommen, die das Zustandekommen der für das Erwachsenenalter typischen Bindungen erschwert. Konsequenz ist eine kontinuierliche Entwicklung von der Kinder-/Jugendkriminalität hin zur Erwachsenenkriminalität. Die Beziehung zwischen Kinder-/Jugendkriminalität und Erwachsenenkriminalität ist in dem Modell von Sampson und Laub nicht unabänderlich. Im Lebenslauf, der in ihrer Theorie durch die Konzepte III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 81 85 Grundlegend Sampson/Laub 1993; zusammenfassend Laub/Sampson Criminology 31 (1993), 301 ff.; vgl. auch Sampson/Laub MschrKrim 92 (2009), 226 ff. 109 110 111 112 von Entwicklungspfaden (trajectories) und Übergängen (transitions) beschrieben wird, kann es zu Wendepunkten (turning points) kommen, die der Entwicklung eine neue Richtung geben können. Infolge von Veränderungen wie der Einstellung in ein festes Arbeitsverhältnis, Eheschließung, Elternschaft o. Ä. können neue soziale Bindungen entstehen, die Erwachsenenkriminalität trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen unwahrscheinlich machen. Umgekehrt können derartige Wendepunkte auch in eine negative Richtung wirken und zu Straffälligkeit auch bei solchen Erwachsenen führen, die sich bislang konform verhalten haben. Von Interesse ist damit die Frage, ob sich derartige „Wendepunkte“ konzeptionell erfassen und damit voraussagen lassen. Sampson/Laub arbeiten insoweit zunächst mit dem Konzept des „sozialen Kapitals“: Jeder Mensch verfüge über bestimmte Fähigkeiten, die ihm das Eingehen neuer personaler Bindungen ermöglichten. Im Übrigen äußern sie sich nur sehr vage und bleiben die Antwort letztlich schuldig: Zahlreiche Faktoren könnten eine Rolle spielen, die sich nicht näher einordnen ließen, unter ihnen Zufall und Glück, aber etwa auch die gesellschaftlichen und historischen Rahmenbedingungen des jeweiligen Lebenslaufs. d) Kritische Würdigung Für die Beurteilung der entwicklungskriminologischen Überlegungen kommt es zunächst darauf an, wie die empirischen Befunde zu den Ursachen von Kontinuitäten bzw. Diskontinuitäten kriminellen Handelns sind: Stimmt das von Gottfredson/Hirschi vertretene „Stabilitätspostulat“ und lässt sich Straffälligkeit als Ausdruck einer zeit- überdauernden geringen Selbstkontrolle einordnen? Oder sind Beginn, Verlauf und Beendigung von kriminellen Karrieren eine Folge der sich verändernden sozialen Bindungen des Individuums, so dass Straffälligkeit als Ausdruck einer spezifischen Entwicklungsphase angesehen werden muss? Eine Neuauswertung des Datenmaterials, das der Unraveling Juvenile Delinquency-Studie des Ehepaars Glueck zugrunde gelegen hat ("Rn. 120), liefert Hinweise darauf, dass sich zwar zwischen sozial auffälligem, antisozialem Verhalten im Kindes- bzw. Jugendalter und späterer Delinquenz im Erwachsenenalter ein Zusammenhang nachweisen lässt, dass es aber (entgegen dem Stabilitätspostulat!) bei Frühauffälligkeit auch zu einem Abbruch krimineller Karrieren kommen kann. Maßgebliche Faktoren hierfür sind – in Übereinstimmung mit den entwicklungskriminologischen Annahmen – die stabile 82 § 3. Kriminologische Theorien 113 114 115 Einbindung in das Arbeitsleben sowie die partnerschaftliche Bindung.86 Aus dem Datenmaterial der Tübinger Jungtäter Vergleichsuntersuchung ergibt sich ergänzend, dass sich diejenigen Wiederholungstäter, die ihre kriminelle Karriere abbrechen, von den weiterhin Straffälligen auch in Merkmalen wie der Häufigkeit von Milieukontakten und dem Vorhandensein von Alkoholproblemen deutlich unterscheiden; der Abbruch der kriminellen Karriere geht also – zumindest insoweit – nicht mit dem Fortbestehen von anderen Anzeichen für geringe Selbstkontrolle einher.87 Die empirischen Befunde deuten damit auf die Überlegenheit der entwicklungskriminologischen Annahmen hin. Andererseits machen die empirischen Befunde auch deutlich, dass die von der Entwicklungskriminologie zugrunde gelegte Bezugnahme auf die Kontrolltheorie von Hirschi nicht sämtliche Erscheinungsformen der Kriminalität erklären kann; Jugenddelinquenz beruht in vielen Fällen – vor allem bei einmaliger oder nur gelegentlicher Begehung – nicht auf einer Schwächung der familiären und schulischen Bindungen, sondern geht mit einem ansonsten unauffälligen Lebensstil und guter sozialer Einbindung einher.88 Auf der theoretischen Ebene stellt die Entwicklungskriminologie eine wesentliche Fortentwicklung dar. Indem sie den Verlauf sowie den Abbruch krimineller Karrieren in ihre Überlegungen einbezieht, gelingt es ihr, auch solche Gesichtspunkte zu thematisieren und theoretisch zu verorten, die in den meisten anderen Theorien übersehen oder zu Unrecht als irrelevant abgetan werden: die Veränderlichkeit der wesentlichen Einflussgrößen für kriminelles Verhalten, ihre wechselseitigen Beziehungen und die Gegenüberstellung von kriminalitätsbegünstigenden und -hemmenden Faktoren, die die individuelle Entwicklung in neue Bahnen lenken. Auch wenn manche Fragen theoretisch noch nicht abschließend geklärt sind – etwa die Frage nach den Bestimmungsfaktoren für das Auftreten von „Wendepunkten“ – stellt die Entwicklungskriminologie damit ein vergleichsweise starkes Modell zur Kriminalitätserklärung zur Verfügung. Die Praxisrelevanz der entwicklungskriminologischen Ansätze ist erheblich. Indem sie Kriminalität als Bestandteil eines übergreifenden, dynamischen Entwicklungsprozesses einordnen, machen sie deutlich, dass für präventive Eingriffe zahlreiche Ansatzpunkte existieren. Dabei kann an stützende und helfende Frühinterventionen, die in der Frühphase der Entwicklung insbesondere die familiären Bindungen stärken, ebenso gedacht werden wie an besondere, auf Rein- III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 83 86 Sampson/Laub 1993, 139 ff. 87 Stelly/Thomas/Kerner/Weitekamp MschrKrim 81 (1998), 115 ff.; Stelly/Thomas 2001, 292 ff. 88 Thomas/Stelly/Kerner/Weitekamp KZfSS 1998, 324 f.; Stelly/Thomas 2001, 189 ff.; vgl. auch Schumann 2003 a, 214 ff. 116 117 tegration und die Schaffung von neuen Bindungen abzielende Behandlungsmaßnahmen im Strafvollzug (" § 10 Rn. 7 ff.). Auf der pragmatischen Ebene kommt dementsprechend vor allem der Herausarbeitung der protektiven (Schutz-)Faktoren sowie der auf ihre Stärkung abzielenden Interventionsformen Bedeutung zu. Die Entwicklungskriminologie steht damit in engem Zusammenhang mit der neueren kriminologischen Resilienzforschung (" § 6 Rn. 23). 10. Mehrfaktorenansatz und Versuche der Theorieintegration Der Überblick über die Kriminalitätstheorien zeigt, dass sich gegen viele Ansätze der Einwand erheben lässt, dass die betreffende Theorie die Verbrechenswirklichkeit nur unzureichend erfasst; sie erklärt einzelne, aber nicht alle Erscheinungsformen des Verbrechens. In der Kriminologie ist diese beschränkte Reichweite der meisten Theorien bereits relativ früh erkannt worden. Die Konsequenzen, die aus der Erkenntnis der Unzulänglichkeit gezogen worden sind, sind indessen unterschiedlich gewesen: Während sich ein Teil der Kriminologen aus der kriminalitätstheoretischen Diskussion weitgehend zurückgezogen hat und heute ein eher offenes Konzept favorisiert, sucht ein anderer Teil der Kriminologen den Ausweg in der Theorieintegration. a) Empirisch ausgerichtete Mehrfaktorenansätze Das gemeinsame Kennzeichen der empirisch ausgerichteten Mehrfaktorenansätze ist, dass sie sich bei der Erklärung der Kriminalität nicht auf eine bestimmte Theorie beschränken, sondern grundsätzlich für sämtliche der bislang genannten Umstände – Persönlichkeitsmerkmale, Sozialisationseinflüsse, Lernprozesse ebenso wie sozialstrukturelle Merkmale und Stigmatisierungswirkungen – offen sind. Ihre Unterschiede bestehen in der Konkretisierung der Bereiche, denen die maßgeblichen Faktoren („Risikofaktoren“; dazu genauer " § 6 Rn. 23) zu entnehmen sind. Ein frühes, typisches Beispiel für die Verwendung des Mehrfaktorenansatzes sind die Arbeiten des Ehepaars Sheldon und Eleanor Glueck (1896–1980 bzw. 1898–1972). Die bekannteste Studie der Gluecks ist eine großangelegte Untersuchung zu den Ursachen der Jugendkriminalität, die unter dem Namen „Unraveling Juvenile Delinquency“ bekannt wurde.89 Die Untersuchungspopulation bestand 84 § 3. Kriminologische Theorien 89 Glueck/Glueck 1950. 118 119 120 aus zwei Gruppen: 500 zwischen 11 und 17 Jahre alten Jugendlichen, die wegen wiederholter Delinquenz in einer Besserungsanstalt untergebracht waren, sowie 500 Jugendlichen aus Boston, Mass., die bis zum Erhebungszeitpunkt noch nicht auffällig geworden waren. Die Gluecks verfuhren nach der Methode der „matched pairs“, d. h. für jeden delinquenten Jugendlichen wurde ein nichtdelinquenter ausgesucht, der mit dem delinquenten im Hinblick auf Alter, Intelligenz, ethnische Herkunft und Wohnviertel vergleichbar war. Dies geschah, um den möglichen Einfluss dieser vier Faktoren auf die Straffälligkeit ausschließen und sich ganz auf die Suche nach den weiteren Faktoren konzentrieren zu können, die sich mit Straffälligkeit in Verbindung bringen ließen. Ein interdisziplinär zusammengesetztes Team erhob mit unterschiedlichen Verfahren sämtliche Informationen über die betreffenden Jugendlichen, die zu erlangen waren; die Bandbreite reichte von Merkmalen des Körperbaus über Persönlichkeitsmerkmale bis hin zu Informationen über die frühkindliche Sozialisation, die schulischen Leistungen und das Freizeitverhalten der Jugendlichen. Allein die Erhebungsphase der Untersuchung erstreckte sich über einen Zeitraum von 8 Jahren. In der Auswertung stellten die Gluecks zunächst fest, in welchen Punkten sich Delinquente von Nichtdelinquenten unterschieden. In einem zweiten Schritt verdichteten sie die gewonnenen Erkenntnisse und setzten sie in eine Prognosetafel sowie in vorsichtig formulierte Annahmen über die möglichen Ursachen der Jugendkriminalität um. – Zu der ursprünglichen Studie aus dem Jahr 1950 gab es zwei Nachfolgeuntersuchungen, die durchgeführt wurden, als die Betreffenden 25 bzw. 31 Jahre alt waren.90 Eine vollständige Neuauswertung des gesamten Datenmaterials erfolgte schließlich durch Sampson und Laub ("Rn. 109 ff.) in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre.91 Die Mehrfaktorenansätze leiden unter dem eingangs beschriebenen Problem der Wechselwirkung von Erklärungskraft und Reichweite. Da die Reichweite dieser Ansätze sehr groß ist (letztlich lassen sich alle Erscheinungsformen des Verbrechens multifaktoriell erklären), ist ihre Erklärungskraft zwangsläufig beschränkt: Für die Erklärung aller Verbrechensformen kann lediglich auf allgemeine Formeln wie „Anlage und Umwelt“ (vgl. v. Liszt; " § 2 Rn. 13) verwiesen werden. Hinzu kommt, dass die Mehrfaktorenansätze durch die beliebige – jedenfalls nicht theoriegeleitete – Auswahl der relevanten Faktoren empirisch niemals widerlegt werden können. Erweist sich ein Faktor als irrelevant, ist es eben ein anderer, der zur Erklärung der Kriminalität geeignet sein mag, ohne dass dies die Theorie grundsätzlich erschüttern würde, ja, der Mehrfaktorenansatz erfährt hierdurch geradezu eine Bestätigung. III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 85 90 Glueck/Glueck 1968. 91 Sampson/Laub 1993; weitere Auswertungen bei Laub/Sampson 2003. 121 Von soziologischer Seite hat dies den Mehrfaktorenansätzen in der Vergangenheit erhebliche Kritik eingetragen.92 Berechtigt ist diese Kritik gleichwohl nur zum Teil. Der Vorzug der Mehrfaktorenansätze besteht nämlich nicht darin, dass sie die Gesamtheit aller Kriminalitätsformen erklären können, sondern darin, dass sie aufgrund ihrer Offenheit in der Lage sind, für ganz unterschiedliche Formen von Delinquenz unterschiedliche Erklärungen anzubieten, die jeweils erheblich konkreter sind als die bisher genannten Einzelansätze und die deshalb häufig eine erhebliche Praxisrelevanz haben. Freilich bleibt das (theoretische) Problem bestehen, dass die Mehrfaktorenansätze nicht angeben können, unter welchen Bedingungen sie welche Faktoren für wesentlich halten und welches relative Gewicht diesen Faktoren dabei in ihrem Verhältnis zueinander zukommt. b) Theorieverbindende Erklärungsansätze Eine größere Bedeutung haben in der neueren Kriminologie diejenigen Ansätze, die sich um die Integration der skizzierten Einzeltheorien oder auch nur von Theorieelementen bemühen. Einzelne Beispiele hierfür wurden bereits angesprochen ("Rn. 33, 41, 45). Im Hintergrund der theorieverbindenden Erklärungsansätze steht die Beobachtung, dass die Aussagen der meisten Einzeltheorien zueinander nicht im Widerspruch stehen. Die Heterogenität der meisten Einzelaussagen ist in erster Linie eine Folge davon, dass den verschiedenen Theorien unterschiedliche Erkenntnisgegenstände und Erklärungsebenen zugrunde liegen. Zwar sind einige Grundpositionen auf den ersten Blick miteinander unvereinbar. So fällt es bspw. schwer, in dem Menschen ein Wesen zu sehen, das sich vor seinem Handeln genau überlegt, welche Handlungsalternativen ihm offenstehen, und zugleich ein Wesen, das sich aus der Situation heraus spontan für ein Handeln entscheidet. Man kann in der strafrechtlichen Sanktion nicht eine Reaktion auf die Tat sehen, die dem Täter den fehlenden Erfolg seines Handelns spürbar vor Augen führt und ihn zur Änderung seines Verhaltens veranlasst, und zugleich eine Reaktion, die das Selbstbild des Täters in einem negativen Sinn verändert und zur Festigung krimineller Karrieren beiträgt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich indes, dass viele theoretische Grundpositionen in ihrer Reichweite beschränkt sind und deshalb bei entsprechenden Differenzierungen sehr wohl miteinander vereinbart werden können. Vielleicht ist der Mensch sowohl das eine als auch das andere Wesen und entscheidet in Abhängigkeit von der Situation manchmal in kühler Abwägung, manchmal spontan?93 Eine Kriminalitätstheorie stünde in diesem Fall vor der Aufgabe, 86 § 3. Kriminologische Theorien 92 Cohen, in: Sack/König 1968, 219 ff.; Lamnek 2007, 77 ff. 93 Laue 2010, 256, 301 f. 122 123 124 die Bedingungen angeben zu müssen, unter denen sich das Handeln jeweils nach dem einen oder nach dem anderen Muster vollzieht. Vielleicht ist die strafrechtliche Sanktion sowohl erforderlich, um Lerneffekte zu erzeugen, als auch ein Instrument, das stigmatisiert und künftiges kriminelles Handeln wahrscheinlicher machen kann? Ein in der Kriminologie bekannter Ansatz von Braithwaite sieht das so und unterscheidet konsequent zwischen den beschämenden, aber nicht desintegrierend wirkenden sowie den stigmatisierenden und ausgrenzenden Funktionen der Strafe.94 Die derzeit wohl prominenteste Theorie, die einen integrativen Ansatz verfolgt, ist die von Per-Olof Wikström entwickelte und erstmals in den 2000er Jahren vorgestellte Situational Action Theory (SAT).95 Klassisch wird hier danach gefragt, warum Menschen moralische Regeln brechen und damit abweichendes Verhalten zeigen. Um diese Frage zu beantworten, setzt Wikström Aussagen unterschiedlicher theoretischer Schulen miteinander in Verbindung. Wikströms SAT basiert auf der Annahme, dass eine (kriminelle) Handlung das Resultat des Zusammentreffens von einer Person mit einer bestimmten (kriminellen) Neigung (disposition) und einem bestimmten (kriminogenen) Umfeld (setting) ist. Das Aufeinandertreffen führt zu einer Interaktion beider Faktoren; ein Wahrnehmungs-Entscheidungs- Prozess wird aktiviert, dessen Folge die durchgeführte (kriminelle) Handlung ist. Welche Neigung ein Mensch hat, hängt nach der SAT von den persönlichen Moralvorstellungen der Person und deren individueller Fähigkeit zur Selbstkontrolle ab. Je mehr die persönlichen Moralvorstellungen und die gesetzlichen Regeln übereinstimmen und je stärker die Selbstkontrolle ist, desto unwahrscheinlicher wird eine Regelverletzung. Wie kriminogen ein Umfeld ist, hängt davon ab, welche moralischen Normen dort herrschen, mit welcher Durchsetzung der Normen zu rechnen ist und welche Gelegenheiten und/ oder Spannungen das Umfeld bietet. Warum Menschen überhaupt unterschiedliche kriminelle Neigungen entwickeln und warum es zu unterschiedlich kriminogenen Umgebungen kommt (Ursache der Ursachen), beleuchtet die SAT zwar nicht primär. Kriminelle Neigungen und kriminogene Umgebungen haben nach Wikström aber wiederum eigene Entstehungsgeschichten, die letztlich die eigentliche III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 87 94 Braithwaite 1989, 98 ff.; vgl. dazu Münster 2006. 95 Wikström, in: McCord 2004, 1 ff.; ders., in: Wikström/Sampson 2006, 61 ff.; ders., in: Hitlin/Vaisey 2010, 211 ff.; ders., in: Cullen/Wilcox 2010, 1000 ff.; ders., in: Manzo 2014, 74 ff.; ders. MschrKrim 98 (2015), 177 ff.; Wikström/Mann/Hardie EurJCrim 2018, 10 ff. 125 125a Ursache der Kriminalität sind. Nur wenn man beides, die Entstehung von kriminogenen Neigungen und Umgebungen und die von kriminellen Handlungen, versteht und deren Zusammenhänge erfasst, kann man nach Wikström das Phänomen Kriminalität als Ganzes verstehen. Geht man bei der SATweiter ins Detail, ergibt sich für den entscheidenden Wahrnehmungs-Entscheidungs-Prozess ein zweistufiges Selektionsmodell, das die kriminelle Handlung erklärt. Grundlegend wird davon ausgegangen, dass ein Mensch nur deswegen handelt, weil er eine bestimmte Motivation (Wunsch/Bedürfnis oder empfundene Herausforderung) dafür hat. Diese Motivation entsteht, wenn eine bestimmte Person auf eine bestimmte Umgebung trifft. Welche Handlung dann zur Motivationsbefriedigung ergriffen wird, hängt vom Zusammenwirken der persönlichen Moralvorstellungen der Person und vom moralischen Umfeld ab, in dem sich die Person befindet. Diese Interaktion von persönlicher und umgebungsspezifischer Moral ergibt einen „moralischen Filter“, der die erste Stufe der Handlungsselektion darstellt. Dabei gibt es Personen, die kriminelle Handlungen überhaupt nicht in Betracht ziehen, deren moralischer Filter umgehend funktioniert. Bei anderen ist der moralische Filter durchlässiger, sie ziehen neben legalen auch kriminelle Handlungen in Betracht. Hier sind zwei Arten der Entscheidungsfindung, welche Handlung ergriffen wird, zu unterscheiden. Entweder handelt die Person habituell, folgt also automatisierten Verhaltensregeln, oder sie trifft eine rational-reflektierte Entscheidung. Beim ersten Prozess entscheidet sich die Person also für eine Handlung, weil sie „gewohnheitsmäßig“ in einer bestimmten Situation immer so handelt, ohne lange darüber nachzudenken. Es wird nur eine, die kriminelle Handlungsvariante, überhaupt wahrgenommen. Andere Faktoren, wie etwa Abschreckung, haben auf diese automatisierte Entscheidung keinen Einfluss. Anders ist es bei der rational-reflektierten Entscheidung. Hier werden von einer Person Vor- und Nachteile der Handlungsvarianten gegeneinander abgewogen. Die SAT geht dabei davon aus, dass Menschen grundsätzlich regelorientiert handeln und diejenige Handlungsvariante auswählen, die für sie ein moralisch akzeptables Mittel darstellt, um die Motivation bestmöglich zu befriedigen.96 Entscheidender Einflussfaktor bei dem Abwägungsprozess, an dessen Ende eine kriminelle oder legale Handlung steht, ist die internale und/oder externale Kontrolle. Reflektiert ein Mensch, kann internale Kontrolle, dh Selbstkontrolle, dazu führen, dass eine Person den eigenen Moralvorstellungen auch in einem kriminogenen Umfeld zu folgen vermag. Andersherum kann externale Kontrolle, worunter Wikström Abschreckung versteht, dazu führen, dass eine kriminalitätsgeneigte Person die moralischen Normen eines Umfelds eher befolgt. Voraussetzung 88 § 3. Kriminologische Theorien 96 Anders die Rational-Choice-Theorien, die primär im Eigennutz den größten Motivator für die Entscheidung sehen; krit. vertiefend Opp/Pauwels MschrKrim 101 (2018), 223 ff. 125b für eine Einflussmöglichkeit von Kontrollmechanismen bleibt aber immer, dass die Person überhaupt nachdenkt und abwägt. Wikström vereint in der SAT somit Aussagen unterschiedlicher Kriminalitätstheorien in einem einheitlichen Modell. Die Theorie selbst wurde sukzessiv im Rahmen von zwei empirischen Studien entwickelt, der „Peterborough Youth Study“97 (PYS), gewissermaßen das Pilotprojekt, und der nachfolgenden „Peterborough Adolescent and Youth Adult Development Study“98 (PADS+). Die PADS+, die als „eine der anspruchsvollsten, reichhaltigsten und elaboriertesten kriminologischen Untersuchungen aller Zeiten“99 bezeichnet wird, ist eine Panelstudie mit einem weitreichenden methodischen Spektrum. U.a. wurden von 2004 bis 2012 gut 700 Schüler (Teilnahmealter zu Studienbeginn 12–13 Jahre) der Stadt Peterborough zu Einstellung und Verhalten befragt und methodisch vielfältige Erhebungen zum sozialen Umfeld und Verhalten der Probanden durchgeführt. Wie kaum eine andere Kriminalitätstheorie hat es die SAT geschafft, innerhalb kurzer Zeit den Anstoß zu zahlreichen neueren Forschungsunternehmen zu geben. Die bislang vorliegenden Befunde scheinen die Thesen der SATweitgehend zu bestätigen.100 So konnten neben Wikström selbst auch zahlreiche andere Forscher Belege dafür finden, dass kriminogene Neigungen und ein kriminogenes Umfeld tatsächlich interagieren und bei Aufeinandertreffen wahrscheinlicher zu kriminellen Handlungen führen. Die zentrale Aussage der SAT, dass Moral ein entscheidender Faktor ist, konnte ebenfalls durch Studien belegt werden. Auch zum Zusammenspiel von Moral und Selbstkontrolle finden sich einige die SAT stützende Untersuchungen. Uneinheitlicher ist die Befundlage, wenn es um die Wechselwirkungen zwischen Moralität und Abschreckung geht. Zu der Annahme, dass bei sinkender Moralität, dh bei Menschen, bei denen der moralische Filter häufiger versagt, der Faktor Abschreckung stärker zum Tragen kommt als bei Menschen mit hoher Moralität, konnten bisher keine einheitlichen Befunde vorgelegt werden.101 Wikströms SAT hat gegenüber früheren Versuchen der Theorieintegration, die sich im Wesentlichen darin erschöpften, den bekannten III. Einige ausgewählte Kriminalitätstheorien im Überblick 89 97 Wikström/Butterworth 2006. 98 Wikström/Oberwittler/Treiber/Hardie 2012; weitere Informationen zur PADS+ Studie auch unter www.pads.ac.uk. 99 Hirtenlehner MschrKrim 95 (2012), 383. 100 Überblick bei Pauwels MschrKrim 98 (2015), 284 ff.; Pauwels/Svensson/Hirtenlehner EurJCrim 2018, 32 ff. 101 Die SAT stützende Befunde bei Wikström/Tseloni/Karlis EurJCrim 2011, 401 ff.; Svensson CAD 2015, 3 ff.; Mesko/Hirtenlehner/Bertok MschrKrim 98 (2015), 297 ff.; anders bei Pauwels/Weerman/Bruinsma/Bernasco EurJCrim 2011, 386 ff.; Gallupe/Baron CAD 2014, 284 ff. 125c 125d 125e Erklärungsfaktoren einen festgelegten Platz zuzuweisen, den Vorteil, dass auch Interaktionsprozesse und Wirkmechanismen berücksichtigt werden. Dass Faktoren nachweisbar nicht nur additiv, sondern auch multiplikativ zusammenwirken, ist ein nicht zu unterschätzender Erkenntnisgewinn bei der Erklärung kriminellen Verhaltens. Auch für die Kriminalpolitik bringt die SAT, gerade was die Einflussmöglichkeiten von Kontrollmechanismen angeht, neue und beachtenswerte Ansatzpunkte. Wikströms SAT gilt deshalb als ein in sich schlüssiger, relevanter und empirisch gut überprüfbarer Erklärungsansatz, dem in der gegenwärtigen Kriminologie zu Recht viel Aufmerksamkeit zuteil wird. IV. Theorievergleich und Folgerungen Als Ergebnis der Beschäftigung mit Kriminalitätstheorien kann nach alledem festgehalten werden: Die Suche nach „der“ Kriminalitätstheorie, also einer Theorie, die in der Lage ist, sämtliche Erscheinungsformen des Verbrechens zu erklären, stellt die Kriminologie vor erhebliche Probleme. Die meisten der bisher entwickelten Theorien erklären nur einzelne Erscheinungsformen der Kriminalität, nicht das Gesamtspektrum. Soweit sich die skizzierten Ansätze als allgemeine Kriminalitätstheorien verstehen, verfügen sie meist nur über einen geringen Erklärungswert. Hinzu kommt, dass die bisher entwickelten Theorien auf unterschiedlichen Erklärungsebenen ansetzen: Manche Theorien suchen die wesentlichen Gründe für die Kriminalitätsentstehung auf der Ebene des Individuums, also in der Person des Täters oder in seinen Beziehungen zur Umwelt. Andere Theorien suchen die Gründe auf der strukturellen Ebene, also in der sozialen Schichtung der Gesellschaft oder in den Zugangschancen zu den verfügbaren institutionellen Mitteln. Wieder andere Theorien setzen auf der institutionellen Ebene an und fragen nach der Funktionalität des Verbrechens und der Bedeutung der sozialen Reaktion. Gegenwärtig kreisen die meisten theoretischen Bemühungen darum, die bislang bekannten Erklärungsansätze miteinander zu verbinden und ein möglichst universelles System von widerspruchsfreien theoretischen Aussagen über die Verbrechensentstehung zu entwickeln. Dass eine allseits befriedigende allgemeine Kriminalitätstheorie bislang noch nicht gefunden worden ist, ist indessen nicht zwangsläufig 90 § 3. Kriminologische Theorien 126 127 ein Nachteil und stellt die Relevanz der Beschäftigung mit den bislang entwickelten Teiltheorien nicht grundsätzlich in Frage. Schon die Tatsache, dass von allen Bezugsdisziplinen der Kriminologie und innerhalb der Bezugsdisziplinen aus unterschiedlichen Perspektiven Beiträge zur Erklärung der Entstehung, Entwicklung und Struktur von Delinquenz und Kriminalität vorgelegt worden sind, hat das Verständnis für die Grundfragen der Kriminologie trotz gewisser Qualitätsmängel mancher Einzeltheorie maßgeblich bereichert. Dabei geht es bei der Beschäftigung mit den Kriminalitätstheorien nicht um rein akademische Spielereien mit Begriffen, Konzepten und Perspektiven. Der besondere Wert der kriminologischen Theorien liegt darin, dass sich aus ihnen (sofern es sich um gute Theorien handelt; "Rn. 9 ff.) konkrete Handlungsempfehlungen für kriminalpolitische Maßnahmen ableiten lassen, mit denen sozialschädlichem – und deshalb kriminellem, mit Strafe bedrohtem – Handeln entgegengewirkt werden kann. Obwohl sich also die skizzierten Ansätze vordergründig nur mit rein theoretischen Fragen der Theoriebildung und des Theorievergleichs beschäftigen, können sie tief in die Praxis hineingreifende Implikationen entfalten, was anschaulich in dem englischen, Kurt Lewin zugeschriebenen Aphorismus zum Ausdruck kommt: „There is nothing as practical as a good theory.“ Der Überblick über die Kriminalitätstheorien zeigt dabei, dass sich nicht alle Theorien gleichermaßen für die Erklärung aller Fragen in den kriminologisch relevanten Erkenntnisbereichen eignen: Theorien, die nach den sozialstrukturellen Bedingungen für Kriminalität fragen, machen nur mittelbar Aussagen zum individuellen Verhalten; Theorien, die die Entstehung und Entwicklung krimineller Karrieren erklären, machen keine Aussagen zur Delinquenz von Erst- und Gelegenheitstätern. Für den nutzbringenden Umgang mit den Kriminalitätstheorien kommt es deshalb stets darauf an, zunächst den Erkenntnisgegenstand, die Erklärungsebene und die Reichweite der jeweiligen Theorie zu analysieren, ehe nach konkreten Konsequenzen für die Kriminalpolitik gefragt wird. Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Agnew, Foundation of a General Strain Theory of Crime and Delinquency, Criminology 30 (1992), 47–87; Gautschi/Berger, Abweichendes Verhalten als rationale Wahl, MschrKrim 101 (2018), 200–222; Sack, Probleme der Kriminalsoziologie, in: Dollinger u. a. 2014, 40–161 (Original: 1978); Sampson/Laub, A Life-Course Theory and Long-Term Project on Trajectories of Crime, MschrKrim 92 (2009), 226–239; Wikström, Situational Action Theory, MschrKrim 98 (2015), 177–186. IV. Theorievergleich und Folgerungen 91

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht