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§ 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 157 - 192

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-157

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund I. Die Bedeutung des Täters in der Kriminologie Einen der Schwerpunkte der Kriminologie – wenn nicht den Schwerpunkt schlechthin – bildet die Beschäftigung mit dem Täter. Der Anstoß für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Täter geht dabei nicht nur von den immer wieder vorgebrachten Informationsbedürfnissen der Öffentlichkeit aus („Wer tut so etwas?“). Maßgeblich sind vor allem die Verwertungsinteressen des Strafrechts: Aus der Sicht des Strafrechts ist es der Täter, dem sein Handeln zugerechnet wird und der als Person für sein Verhalten einstehen muss. Die Hintergründe seines Handelns, die Motivation zur Tat, das Maß des individuellen „Andershandelnkönnens“, die Wahrscheinlichkeit zu erwartender weiterer Taten und die Möglichkeit der Beeinflussbarkeit des künftigen Verhaltens durch die Sanktion sind die typischen Fragestellungen, mit denen sich das Strafrecht bei der Entscheidung über die Sanktion beschäftigt. Aber auch für die forensische Psychologie und Psychiatrie steht die Person des Täters im Mittelpunkt: Die Schuldfähigkeitsbegutachtung, die Behandlung psychisch kranker oder verhaltensauffälliger Täter im Straf- oder Maßregelvollzug und die Erstellung von psychologischen oder psychiatrischen Verhaltensvorhersagen sind ohne Erfahrungswissen über die individuellen Entstehungsgründe von Verbrechen nicht denkbar. Es liegt in der Konsequenz dieser von der Strafrechtswissenschaft sowie von Psychologie und Psychiatrie ausgehenden Impulse, dass sich die Kriminologie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer wieder mit der empirisch-systematischen Beschreibung und Analyse von Täterpersönlichkeiten und den soziobiografischen Merkmalen der Wege in die Kriminalität beschäftigt hat. Der in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gewachsenen methodologischen Reflexion, aber auch den Einflüssen der Kriminalsoziologie und namentlich der Theorierichtung des labeling approach (" § 3 Rn. 91 ff.) ist es indes zu verdanken, dass die Frage nach dem Täter heute nicht mehr so unbedarft gestellt wird wie in den Anfangszeiten 1 2 der Kriminologie. Mit der Ausdehnung und Problematisierung des Verbrechensbegriffs (" § 1 Rn. 10 ff.) sowie mit dem Erkennen der Selektivität der strafrechtlichen Kontrollprozesse (" § 9 Rn. 32 ff.) ist die Beantwortung der Frage nach dem Täter ungenauer und unsicherer geworden. Die Behauptung, dass sich Straftäter und Nichtstraftäter in mehr voneinander unterscheiden als darin, dass die einen eine Straftat begehen und die anderen nicht, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die Leichtigkeit, mit der die Grenze des strafbaren Verhaltens überschritten werden kann – man denke nur an den Bereich der Fahrlässigkeitsdelikte oder den großen Bereich der Verkehrsdelinquenz –, aber auch die von der Dunkelfeldforschung zutage geförderte Erkenntnis, dass die Begehung von Straftaten im Jugendalter eine durchaus normale Erscheinung ist (" § 5 Rn. 60), lassen die Frage nach etwaigen Besonderheiten in der Täterpersönlichkeit heute als schon im Ansatz problematisch erscheinen. Die traditionelle Kriminologie verfuhr im Wesentlichen nach der Methode, dass Extremgruppen von Straffälligen (Strafgefangene, Sicherungsverwahrte, psychisch kranke Straftäter) auf das (Nicht-) Vorliegen bestimmter Merkmale hin untersucht und mit einer Stichprobe Nichtstraffälliger verglichen wurden. Unterschiede zwischen den Gruppen wurden als die „Ursachen“ der Kriminalität interpretiert. Diese Schlussfolgerung war indessen schon deshalb angreifbar, weil die durch einen Extremgruppenvergleich gewonnenen Aussagen nicht auf die Gesamtheit aller Straffälligen verallgemeinert werden können, sondern sich auf die jeweils untersuchte Teilpopulation beschränken. Angreifbar war die Schlussfolgerung aber auch und vor allem deshalb, weil sie unausgesprochen voraussetzte, dass die „kriminelle Handlung“ als ein „objektiv“ vorhandenes, von der Justiz vorgefundenes und juristisch verarbeitetes Phänomen existierte. Dass diese Voraussetzung nicht richtig ist, dass amtlich registrierte Kriminalität vielmehr von einer Vielzahl weiterer Faktoren abhängig ist, die – beginnend beim Opfer und Anzeigeerstatter – ihren Standort im Prozess der Strafverfolgung haben, gilt heute als allgemein anerkannt. Durch einen bloßen Gruppenvergleich gewonnene Unterschiede zwischen „registrierten“ und „nicht-registrierten“ Straftätern sagen dementsprechend nicht nur etwas über mögliche Ursachen der kriminellen Handlung aus, sondern auch über den Prozess der Etikettierung und Sanktionierung des jeweils Handelnden durch die an der jeweiligen Entscheidung beteiligten Personen und Institutionen – eine der notwendigen, wenn auch unbequemen Erkenntnisse des labeling approach. So berechtigt die Kritik an dem täterorientierten Forschungsansatz in der Kriminologie auch ist, so deutlich muss man allerdings sehen, dass der Bedarf namentlich des Strafrechts an empirisch abgesicherten Informationen über „den Täter“ nicht geringer geworden, sondern 158 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 3 4 eher noch gestiegen sind. Man denke nur an die durch das SexBG von 1998 bewirkten Veränderungen im Sanktionssystem, die Ausdehnung des Anwendungsbereichs der Sicherungsverwahrung oder die Möglichkeiten zur Gestaltung des Übergangsmanagements mit Hilfe von Strafrestaussetzung und Führungsaufsicht. Fragen der Prävention und Prognose oder der Behandelbarkeit unter den besonderen Bedingungen des Straf- und Maßregelvollzugs, aber auch in Freiheit lassen sich nur bzw. allenfalls dann beantworten, wenn über diejenigen Umstände, die das Täterhandeln beeinflussen, ausreichende Informationen vorliegen. Die Konsequenz aus der Kritik kann deshalb nicht darin bestehen, künftig auf die täterorientierte Forschung in der Kriminologie zu verzichten. Auch in Zukunft wird die Beschäftigung mit der Persönlichkeit des Täters und den soziobiografischen Hintergründen der Tat eines der Kernelemente der empirisch-kriminologischen Forschung bilden müssen. Dabei ist es allerdings unabdingbar, sich der Grenzen und Gefahren des täterorientierten Forschungsansatzes bewusst zu sein. Aussagen über die Person „des Täters“ müssen auch das Dunkelfeld in die Betrachtung mit einbeziehen. Methodisch muss für die Suche nach differenzierenden Merkmalen eine Herangehensweise gewählt werden, die den Selektionseffekt ausschaltet. Anstelle von Querschnittsvergleichen zwischen zwei Stichproben müssen Längsschnittanalysen durchgeführt werden, die bereits zu Zeitpunkten ansetzen, zu denen die Probanden (dh die an der Untersuchung teilnehmenden Personen) noch keinen Kontakt zu den Strafverfolgungsorganen gehabt haben. II. Prävalenz und Inzidenz von Straftaten Die Beschäftigung der Kriminologie mit der Person des Täters beginnt bei der Frage nach der Häufigkeit der Begehung von Straftaten. Ist die Begehung von Straftaten ein Verhalten, das über die Gesellschaft hinweg gleich verteilt ist, oder lassen sich in der Verteilung der Häufigkeit Strukturen erkennen? Zur Beantwortung dieser Fragen greift die Kriminologie auf Kohortenstudien zurück. Mit dem Begriff der „Kohortenstudie“ bezeichnet man ganz allgemein die Untersuchung einer Gruppe von Personen, die während eines bestimmten Zeitraums demselben Ereignis ausgesetzt war. Im Regelfall beziehen sich Kohortenuntersuchungen auf Geburtskohorten, dh auf diejenigen Personen, die in einem festgelegten Bezugsgebiet innerhalb eines bestimmten Zeitraums ge- II. Prävalenz und Inzidenz von Straftaten 159 5 6 boren wurden. Durch Erhebungen (zB Befragungen), die in regelmäßigen Abständen an allen Untersuchungsteilnehmern durchgeführt werden, lassen sich Entwicklungsverläufe feststellen und zu den Lebensumständen der Betreffenden in Beziehung setzen. Methodisch handelt es sich um Längsschnittuntersuchungen in der Form des Paneldesigns (" § 4 Rn. 22c), bei denen meist die Entwicklung in zwei oder mehr Kohorten miteinander verglichen werden. Eine der ältesten und wohl bekanntesten Kohortenstudien in der Kriminologie stellt die „Philadelphia Birth Cohort Study“ von Marvin E. Wolfgang u. a. dar, in der zwei Altersjahrgänge berücksichtigt wurden. In der ersten Untersuchung wurden sämtliche Jungen des Geburtsjahrgangs 1945 erfasst, die zwischen ihrem 10. und 18. Geburtstag in Philadelphia (USA) lebten (N = 9.945). Ausgewertet wurden sämtliche Informationen, die über die Jungen bei offiziellen Stellen bekannt waren (Unterlagen der Schule, Polizeiakten).1 In der zweiten Untersuchung wurden die Jungen des Geburtsjahrgangs 1958 erfasst (N = 13.160). Die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, unter denen die zweite Kohorte aufwuchs, hatte sich gegen- über den Bedingungen in der Nachkriegszeit erheblich verändert, wohingegen die rechtlichen Bedingungen für den Umgang der Polizei mit den straffällig gewordenen Jugendlichen nahezu unverändert geblieben waren.2 Aus der großen Zahl von Kohortenstudien, die in der Folgezeit durchgeführt wurden, ist die „Cambridge Study in Delinquent Development“ hervorzuheben, die von Donald J. West und David P. Farrington durchgeführt wurde. Sie untersuchte die Entwicklungsverläufe von 411 Jungen, die 1953 in London geboren waren. Die Studie begann 1961 und wird seit nunmehr über 50 Jahren fortgeführt.3 Weitere wichtige Studien aus neuerer Zeit sind die „Rochester Youth Development Study“ (Terence P. Thornberry), die „Denver Youth Study“ (David Huizinga) und die „Pittsburgh Youth Study“ (Rolf Loeber), die in den 1980er Jahren in den USA begonnen wurden, sowie die „Peterborough Adolescent and Young Adult Development Study“, die 2002 unter der Leitung von Per-Olof Wikström begonnen wurde und die den Hintergrund der Situational Action Theory (" § 3 Rn. 125 ff.) bildet. Die kriminologische Forschung in Deutschland arbeitet aus forschungspraktischen und datenschutzrechtlichen Gründen vorwiegend nicht mit Geburtskohorten, sondern mit „Registriertenkohorten“, bei denen den Anknüpfungspunkt für die Aufnahme in die Untersuchungsstichprobe die Tatsache bildet, dass sich über die Angehörigen bestimmter Untersuchungsjahrgänge in den offiziellen Registern Eintragungen finden. Die „Konstanzer Kohortenstudie“ untersuchte mit diesem Design die strafrechtliche Auffälligkeit derjenigen, die 1961 bzw. 1967 in den alten Bundesländern geboren worden 160 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 1 Wolfgang/Figlio/Sellin 1972. 2 Tracy/Wolfgang/Figlio 1990; vgl. hierzu auch die Reanalyse des Datenmaterials durch Schubert 1997. 3 Vgl. aus jüngerer Zeit Farrington/Coid/West MschrKrim 92 (2009), 160 ff.; Farrington et al. EurJCrimPolicyRes 2013, 135 ff. 7 8 waren und bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs mindestens eine Eintragung im Bundeszentralregister aufwiesen.4 Die „Freiburger Kohortenstudie“ untersucht die Auffälligkeit derjenigen, die in den Jahren 1970, 1973, 1975 und 1978 sowie 1985 und 1988 geboren und mindestens einmal in der polizeilichen Personenauskunftsdatei (PAD) von Baden-Württemberg registriert wurden.5 Es gibt freilich auch in Deutschland andere Beispiele, etwa die „Bremer Längsschnittstudie“, die die Entwicklung von Schülern aus Haupt- und Sonderschulen verfolgte, die 1989 die 9-jährige Schulpflicht erfüllt hatten und die Schule verlassen konnten,6 sowie die 2000 begonnenen Münsteraner und Duisburger Panelstudien „Jugendkriminalität in der modernen Stadt“.7 Die Verteilung der Häufigkeit von Straftaten wird in diesen und anderen Untersuchungen mit den Begriffen der Prävalenz und Inzidenz beschrieben. Der Begriff der „Prävalenz“ gibt die Zahl der Personen an, auf die innerhalb eines festgelegten Zeitraums ein bestimmtes Merkmal zutrifft, zB die Zahl derjenigen Personen, die innerhalb eines Jahres ein Gewaltdelikt begangen haben. Die Prävalenzrate der polizeilich registrierten Personen bezeichnet dementsprechend den Anteil derjenigen Personen an der Gesamtbevölkerung, die von der Polizei als Tatverdächtige registriert worden sind. Der Begriff der „Inzidenz“ gibt demgegenüber die Häufigkeit an, mit der innerhalb eines festgelegten Zeitraums ein bestimmtes Ereignis auftritt, zB die Zahl der innerhalb eines Jahres registrierten Gewaltdelikte. Die Inzidenzrate von Polizeikontakten bezeichnet dementsprechend die Häufigkeit von polizeilichen Registrierungen in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Das Verhältnis zwischen Inzidenz- und Prävalenzrate zeigt an, wie viele Ereignisse auf die Personen mit den betreffenden Merkmalen entfallen. Zur Prävalenz und Inzidenz registrierter Straftaten haben die Kohortenstudien insbesondere die folgenden Befunde erbracht: (1) Die Prävalenz offizieller Registrierung ist bei Betrachtung der Längsschnittperspektive deutlich größer als es nach Querschnittanalysen oder Betrachtung der polizeilichen Jahresstatistiken (PKS) den Anschein hat. Dass dies so sein muss, wird schnell deutlich, wenn man sich folgendes vor Augen führt: Aus der PKS ergibt sich, dass innerhalb eines Jahres 4,9% der deutschen Jugendlichen (6,9% der Männer, 2,9% der Frauen) als Tatverdäch- II. Prävalenz und Inzidenz von Straftaten 161 4 Heinz/Spieß/Storz, in: Kaiser/Kury/H.-J. Albrecht 1988, 638 ff. 5 Karger/Sutterer, in: Kaiser/Geisler 1988, 89 ff.; Grundies, in: H.-J. Albrecht 1999, 371 ff.; Grundies/Höfer/Tetal 2002; H.-J. Albrecht/Grundies MschrKrim 92 (2009), 326 ff. 6 Schumann, 2003 und 2003 a; ders. MschrKrim 87 (2004), 222 ff.; ders., in: Dessecker 2006, 43 ff. 7 Zur methodischen Anlage Pöge/Wittenberg, in: Boers/Reinecke 2007, 57 ff.; Bentrup, in: Boers/Reinecke 2019, 95 ff. 9 10 11 12 tige polizeilich registriert wurden (" § 5 Tab. 5.4). Hierbei handelt es sich um eine Momentaufnahme, die sich nur auf das Jahr 2019 bezieht. Auf den einzelnen Jugendlichen bezogen muss die Wahrscheinlichkeit, von der Polizei registriert zu werden, oberhalb der Marge von 4,9% liegen, da der Jugendliche nicht nur in 2019, sondern während seiner gesamten Jugendzeit (also zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr) von der Polizei als Tatverdächtiger ermittelt werden kann. Die Höhe des auf die Person bezogenen Registrierungsrisikos während des 14. bis 17. Lebensjahrs lässt sich anhand der PKS nicht berechnen. Hierfür bedarf es einer Längsschnittuntersuchung, die an die Entwicklung der Jugendlichen anknüpft. Ein Beispiel ist die Freiburger Kohortenstudie, die die Zahl der Personen angibt, die innerhalb bestimmter Altersstufen wenigstens einmal von der baden-württembergischen Polizei registriert wurden. Die Studie zeigt, dass die durchschnittliche kumulierte Prävalenzrate für den 4-Jahreszeitraum zwischen dem 14. und dem 17. Lebensjahr für die deutschen männlichen Jugendlichen bei 13,1% und für die deutschen weiblichen Jugendlichen bei 4,8% lag (zu den in früheren Jahren höheren Belastungszahlen " § 5 Rn. 48 ff.). Die Werte für die ausländischen Jugendlichen lagen in beiden Gruppen deutlich darüber (27% für die männlichen, 8,4% für die weiblichen Jugendlichen),8 was sich so ja auch in der PKS andeutet (" § 5 Rn. 45). Betrachtet man die von Geburt an kumulierten Prävalenzraten (erste polizeiliche Registrierungen werden bereits für 7-Jährige nachgewiesen), dann liegen diese erwartungsgemäß noch höher: Für die Kohorte der 1978 Geborenen wurde festgestellt, dass die Lebenszeitprävalenz der polizeilichen Registrierungen bis zum vollendeten 17. Lebensjahr bei den deutschen Männern bei 17,9%, bei den deutschen Frauen bei 6,7% lag; die Werte für die ausländische Wohnbevölkerung wurden nicht mitgeteilt.9 In den Kohortenstudien aus dem anglo-amerikanischen Bereich lagen die Prävalenzraten noch darüber. So zeigte sich etwa in der „Philadelphia Birth- Cohort Study“, dass von den 1945 Geborenen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs 34,9% der (männlichen) Teilnehmer wenigstens einmal von der Polizei als Tatverdächtige registriert wurden, von den 1958 Geborenen wurden 32,8% polizeilich registriert.10 Die Zahlen sind indes nicht direkt mit den deutschen Befunden vergleichbar, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Kontakt zu Polizei und Justiz unterschiedlich sind (Definition des strafrechtlich relevanten Verhaltens, Altersgrenzen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit etc.). Die Längsschnittstudien zeigen, dass die Prävalenz polizeilicher Auffälligkeit erheblich ist. Jeder 10. Bürger – nur auf den männlichen Teil der Bevölkerung bezogen wahrscheinlich jeder fünfte – 162 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 8 Grundies/Höfer/Tetal 2002, 143 ff. – Die Zahlen geben die über die Kohorten gemittelten Werte an. 9 Grundies/Höfer/Tetal 2002, 137 ff., 148. 10 Wolfgang/Figlio/Sellin 1972, 65; Tracy/Wolfgang/Figlio 1990, 39. 13 14 15 wird im Verlauf seines Heranwachsens von den Strafverfolgungsorganen einer Straftat beschuldigt und in ein förmliches Verfahren verwickelt. Bei Nichtdeutschen ist dies noch häufiger zu beobachten als bei Deutschen. Auch wenn man die Altersspanne weiter ausdehnt und auch die Zeiten bis zum Erreichen des 21., 25., 30. oder eines noch höheren Lebensalters erfasst, wachsen die Werte für die Lebenszeitprävalenz weiter an. Als Tatverdächtiger auffällig zu werden und in das Visier der Polizei zu geraten, trifft mithin nicht nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Freilich muss umgekehrt ebenso festgehalten werden, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung auch ausweislich der Längsschnittstudien strafrechtlich unauffällig verhält. Obwohl die Begehung von Straftaten im Dunkelfeld ein (statistisch) normales, ubiquitäres Phänomen ist, wird nur ein Teil der Delikte entdeckt, nur ein Teil der Delinquenten wird von der Polizei registriert, verfolgt und von der Justiz sanktioniert (so schon " § 5 Rn. 62). Konsequenz ist, dass die Kriminalität im Hellfeld nicht über die einzelnen Bevölkerungsgruppen hinweg gleich verteilt ist; die kriminelle Auffälligkeit und die strafrechtliche Verfolgung konzentrieren sich auf eine – quantitativ allerdings bedeutsame – Minderheit in der Bevölkerung. (2) Die Inzidenz strafrechtlicher Auffälligkeit ist deutlich größer als die Prävalenz, dh von den Strafverfolgungsorganen werden sehr viel mehr Taten als Täter erfasst. Der Grund für diese Inkongruenz liegt in der Vielzahl von Taten, die von einer kleinen Gruppe von Mehrfach- und Intensivtätern begangen werden. Das Phänomen wurde erstmals in der Philadelphia-Studie genauer beleuchtet. Von den 1945 Geborenen, die innerhalb des Referenzzeitraums mindestens einmal auffällig geworden waren (N = 3.475), wurden insgesamt 10.214 polizeilich registrierte Straftaten begangen. Dies bedeutet indessen nicht, dass jeder der Registrierten im Durchschnitt 3 Taten beging, vielmehr zeigte sich bei der statistischen Analyse eine umgekehrt J-kurvenförmige Verteilung: Knapp die Hälfte der Registrierten (46,4%) war nur wegen eines einzigen Delikts auffällig geworden, ein kleinerer Anteil wegen 2 Delikten, ein noch kleinerer wegen 3 Delikten etc.; 627 Personen wurden wegen 5 oder mehr Delikten von der Polizei registriert. Wolfgang u. a. bezeichneten diese Gruppe als die „chronischen Straftäter“. Auf die gesamte Kohorte bezogen stellte diese Gruppe zwar nur einen Anteil von 6,3% der Personen; die Gruppe hatte jedoch mehr als die Hälfte aller polizeilich bekannt gewordenen Straftaten (51,9%) begangen. Ein ähnliches Bild zeigte sich in der Kohorte der 1958 Geborenen. Hier waren 7,5% der Kohorte wegen 5 oder mehr Delikten auffällig geworden; von ihnen wurde deutlich mehr als die Hälfte aller Delikte (60,6%) begangen.11 II. Prävalenz und Inzidenz von Straftaten 163 11 Wolfgang/Figlio/Sellin 1972, 88; Tracy/Wolfgang/Figlio 1990, 83. 16 17 Auch in den deutschen Untersuchungen bestätigte sich die herausgehobene Rolle der Vielfachtäter, wobei ihr Anteil an der Gesamtkohorte hier sogar noch geringer war als in der Philadelphia-Studie. In der Konstanzer Kohortenstudie wurde im Geburtsjahrgang 1967 die breite Masse der Jugendlichen in der Altersspanne zwischen 14 und 17 nur ein einziges Mal registriert (73,0% der Männer; 89,1% der Frauen). Ein Viertel der Männer (25,2%) und ein Zehntel der Frauen (10,5%) trat mit 2–4 Registrierungen in Erscheinung. Der Anteil der Vielfachtäter (5 oder mehr Registrierungen) betrug bei den Männern 1,8%, bei den Frauen 0,3%.12 Ähnlich verhielt es sich in der Freiburger Studie. In der 1973-Kohorte waren die meisten registrierten männlichen Deutschen (63,3%) bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres nur ein einziges Mal auffällig geworden, 26,0% wurden als Mehrfachtäter eingestuft (2–4 Registrierungen), und nur 10,7% als Vielfachtäter mit 5 oder mehr Registrierungen. Bezogen auf die gesamte Kohorte der männlichen Deutschen stellte diese Gruppe einen Anteil von 1,9%, der sich bis zur Vollendung des 21. Lebensjahrs auf 3,3% erhöhte. Bei den weiblichen Deutschen lag der Anteil der Vielfachtäter an der Kohorte bei 0,2% bis zur Vollendung des 18. und bei 0,4% bis zur Vollendung des 21. Lebensjahrs.13 Bei allen Angaben zeigt sich die in der Kriminologie typische umgekehrt J-kurvenförmige Verteilung (" § 4 Rn. 37). Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den genannten Befunden ziehen? Von Bedeutung sind vor allem die Befunde zum Verhältnis von Inzidenz und Prävalenz strafrechtlicher Auffälligkeit. Sie liefern einen Hinweis darauf, dass es aus kriminologischer Sicht kaum sinnvoll ist, zwischen von der Polizei registrierten Straftätern und solchen Personen zu unterscheiden, die nicht in das Blickfeld der Strafverfolgungsorgane getreten, sondern im Dunkelfeld geblieben sind. Sinnvoll und notwendig ist es vielmehr, zwischen Einfachbzw. Gelegenheitstätern auf der einen und Mehrfach- bzw. Intensivtätern (mehr als 5 Straftaten) auf der anderen Seite zu unterscheiden. Im Hinblick auf das Ausmaß der begangenen kriminellen Handlungen und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Schäden und individuellen Verletzungen verdient diese zahlenmäßig zwar nur relativ kleine, aus strafrechtlicher Sicht aber besonders aktive Gruppe von Tätern besondere Aufmerksamkeit. Für die Kriminologie stellen sich insoweit vor allem zwei Fragen. Zum einen fragt sich, ob sich in der Wiederholung von Straftaten Muster erkennen lassen, die mit der Biografie des Täters verknüpft und zum Anknüpfungspunkt für Prognose und Prävention gemacht 164 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 12 Heinz/Spieß/Storz, in: Kaiser/Kury/H.-J. Albrecht 1988, 649 ff. 13 Grundies, in: H.-J. Albrecht 1999, 375 f. 18 19 20 werden können. In Anlehnung an konventionelle Verläufe beruflicher Entwicklung wurde lange Zeit von „kriminellen Karrieren“ gesprochen, die mit Begriffen wie Beginn (Einstieg), Dauer, Spezialisierung, Intensität (Eskalation) und Beendigung (Abbruch, Ausstieg) konzeptionell erfasst und empirisch beleuchtet werden;14 heute spricht man eher von unterschiedlichen Verlaufsformen.15 Die Forschungsinteressen konzentrieren sich hier derzeit auf die Frage, welche Berechtigung das Konzept der Persistenz (Ausdauer, Hartnäckigkeit) hat: Gibt es so etwas wie einen „chronischen Täter“, der immer wieder mit Straftaten in Erscheinung tritt und getreu der Devise „einmal Verbrecher – immer Verbrecher“16 nie aufhört? Oder kommen auch Vielfachtäter früher oder später „zur Ruhe“ und führen ein mehr oder weniger geordnetes, normkonformes Leben? Welche Umstände sind für dieses „Abstandnehmen“ von weiterer Straffälligkeit (desistance) maßgeblich?17 Die an die Untersuchungen des Ehepaars Glueck (" § 3 Rn. 120) anknüpfenden Analysen der Lebensläufe von ehemals schwer auffälligen Jugendlichen im Alter von 70 Jahren geben Anlass, hier eine eher dynamische Perspektive einzunehmen und davon auszugehen, dass auch augenscheinlich persistente Straftäter unter bestimmten Voraussetzungen ihre kriminellen Karrieren abbrechen.18 Zum anderen stellt sich die Frage, ob sich für diese Tätergruppe der Intensivtäter Besonderheiten feststellen lassen, die sie von Nichtauffälligen, aber auch von Einfach- und Gelegenheitstätern unterscheidet. Die eingangs angesprochene Suche nach „dem Täter“ wiederholt sich also und spitzt sich zu auf „Intensivtäter“: Gibt es über die bloße Tatsache der mehrfachen Begehung von Straftaten hinausgehende Umstände, Merkmale, Risikofaktoren, in denen sich Mehrfach- und Intensivtäter von anderen abheben? Die Frage ist nicht nur von genuin kriminologischem Interesse, da sie in engem Bezug zur kriminalitätstheoretischen Diskussion über die Erklärung des Verbrechens steht. Sie ist auch von kriminalpolitischem Interesse, denn angesichts der Vielzahl von Taten und den damit einhergehenden Schäden und Verletzungen erscheint es kriminalpolitisch naheliegend, II. Prävalenz und Inzidenz von Straftaten 165 14 Vgl. Piquero/Farrington/Blumstein Crime and Justice (30) 2003, 359 ff.; Grundies, in: Dölling/Jehle 2013, 36 ff. 15 Boers, MschrKrim 102 (2019), 3 ff.; ders., in: Boers/Reinecke 2019, 3 ff. 16 So der Titel des Buches von Stelly/Thomas 2001. 17 Zusammenfassend Boers/Herlth, MschrKrim 99 (2016), 101 ff.; Hofinger NK 2013, 317 ff.; Matt ZJJ 2013, 248 ff. 18 Laub/Samson 2003; H.-J. Albrecht/Grundies MschrKrim 92 (2009), 326 ff. 21 gerade auf diese Tätergruppe durch gezielte Sanktionierung einzuwirken. Auf sie soll daher im Folgenden genauer eingegangen werden. III. Persönlichkeitsdimensionen und Sozialprofile von Mehrfachauffälligen 1. Grundlagen Es gibt, wie bereits festgestellt (" § 4 Rn. 22a ff.), zwei große methodische Wege, auf denen der Frage nach Unterschieden zwischen registrierten Straftätern und nicht auffällig gewordenen Personen nachgegangen werden kann: Querschnittsvergleiche und Längsschnittanalysen. Längsschnittstudien sind aus methodischer Sicht aussagekräftiger, da sie die dynamischen Faktoren genauer erfassen und ihre Bedeutung für die Begehung von Straftaten besser einschätzen können (" § 4 Rn. 22c). Gleichwohl muss man feststellen, dass sich die in den Längsschnittstudien ermittelten Befunde kaum wesentlich von denjenigen unterscheiden, die in den traditionellen Querschnittuntersuchungen erhoben werden. Wenn und soweit sich empirisch zwischen registrierten Straftätern und anderen Personen Unterschiede feststellen lassen, stellt sich die Frage nach der Interpretation der Befunde. Grundsätzlich richtet sich die Interpretation wie auch sonst nach dem mit der jeweiligen Untersuchung verfolgten theoretischen Ansatz. Vor allem die ältere Forschungsliteratur wurde durch Arbeiten bestimmt, die in der Tradition des Mehrfaktorenansatzes standen und ihre theoretischen Überlegungen nicht explizit formulierten. In der Folge wurden empirisch ermittelte Unterschiede häufig ohne weitere theoretische oder methodische Reflexion als „kriminogene Faktoren“ bezeichnet, wodurch sie in einen Zusammenhang mit der Diskussion über die Ursachen von Kriminalität gestellt wurden. Die neuere Forschungsliteratur rückt von einer derartig weitreichenden Interpretation ab. Empirisch ermittelte Umstände, die die Wahrscheinlichkeit der erstmaligen Begehung von Straftaten oder der Begründung persistenter Verlaufsformen erhöhen, werden theoretisch zurückhaltender als „Risikofaktoren“ bezeichnet. Das Vorliegen personaler Risikofaktoren beschreibt die Vulnerabilität (Anfälligkeit) einer Person für sozial 166 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 22 23 auffällige, strafbare Verhaltensweisen; soziale Risikofaktoren (Stressoren) kennzeichnen die Belastungen, denen sie ausgesetzt ist.19 Umgekehrt werden solche Umstände, die der Begehung von Straftaten entgegenwirken, als „protektive Faktoren“ (Schutzfaktoren) bezeichnet. Das Konzept der „protektiven Faktoren“ knüpft an die Beobachtung an, dass Personen auch nicht straffällig werden können, obwohl sie in einer durch Risikofaktoren belasteten Umgebung aufwachsen. Die strafrechtliche Unauffälligkeit trotz des Vorliegens von Belastungsfaktoren deutet auf spezifische Fähigkeiten einer Person hin, die in der psychologischen Literatur als „Resilienz“ bezeichnet werden.20 Nimmt man vor diesem methodischen Hintergrund die in der empirischen Forschung ermittelten Risikofaktoren selbst genauer in den Blick, so lassen sich über die Mehrfachauffälligen zunächst zwei allgemeine Feststellungen treffen. Zum einen hat die bisherige Forschung die Kernaussage des Mehrfaktorenansatzes insofern bestätigt als sie gezeigt hat, dass die Risikofaktoren für kriminelles Verhalten im Allgemeinen und für Mehrfachauffälligkeit im Besonderen breit gestreut sind. Anders als es die Aussagen mancher eindimensionalen Kriminalitätstheorie vermuten lassen, greift es zu kurz, wenn nur entweder psychologisch/psychiatrische Variablen oder die Einflüsse einzelner Sozialisationsfelder oder bestimmte sozialstrukturelle Gegebenheiten in den Blick genommen werden. Erforderlich ist nach den neueren Forschungsbefunden vielmehr der Blick auf die Gesamtheit aller Faktoren aus dem bio-psycho-sozialen Bereich. Kriminelles Verhalten ist in diesem Sinn „multifaktoriell“ bedingt, was freilich nicht heißt, dass nicht auch in der Vielzahl der Faktoren Regelmäßigkeiten erkennbar wären, die sich theoretisch verdichten und erklären ließen. Zum anderen hat sich – begünstigt durch das methodische Design der Längsschnittuntersuchungen – gezeigt, dass die kriminelles Verhalten fördernden Faktoren nicht als rein statische Größen betrachtet werden dürfen. Die Risikofaktoren entfalten ihre kriminalitätsfördernde Wirkung in einem empirisch noch nicht genauer aufgeschlüsselten Wechselspiel; sie bedingen und beeinflussen sich vielfach gegenseitig. Für die vollständige Erfassung der Risikofaktoren muss III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 167 19 Vertiefend Stemmler/Wallner/Link, in: Hermann/Pöge 2018, 247 f. 20 Farrington Criminology 38 (2000), 1 ff.; Suhling/Greve 2010, 127 ff.; Bliesener, in: Volbert/Steller 2008, 78 ff.; ders, in: Bliesener/Lösel/Köhnken 2014, 51 ff.; Stemmler/ Wallner/Link, in: Hermann/Pöge 2018, 247 f. 24 25 deshalb auch ein Gesichtspunkt in die Betrachtung einbezogen werden, der in den frühen Kriminalitätstheorien weitgehend vernachlässigt worden ist: die zeitliche Dimension bzw. – auf die Person bezogen – die Entwicklung der Betroffenen, in deren Verlauf den von der Forschung ermittelten Risikofaktoren ein ganz unterschiedliches Gewicht zukommen kann (zur Entwicklungskriminologie genauer " § 3 Rn. 102 ff.). So liegt es auf der Hand, dass diejenigen Risikofaktoren, die in einem engen Zusammenhang mit dem kriminellen Verhalten Jugendlicher stehen, nicht identisch zu sein brauchen mit denjenigen Faktoren, die kriminelles Verhalten Erwachsener begünstigen; die Erwachsenenkriminalität kann zwar auf der einen Seite eine bereits im Jugendalter begonnene Linie fortsetzen, sie kann auf der anderen Seite aber auch das Ergebnis einer neuen, sich in früheren Phasen noch nicht abzeichnenden Linie sein. 2. Persönlichkeitsprofile Wie bereits im Zusammenhang mit den kriminalitätstheoretischen Darlegungen zum Einfluss der Persönlichkeit gesagt wurde, hat die neuere täterbezogene Forschung gezeigt, dass sich registrierte Straftäter, namentlich Mehrfach- und Intensivtäter, von nur gelegentlich delinquierenden oder unauffällig bleibenden Personen in vielerlei Hinsicht in ihren Persönlichkeitsprofilen unterscheiden. Hohe Werte in den Bereichen Extraversion, emotionale Labilität (Neurotizismus), emotionale Unansprechbarkeit (Psychotizismus), und Depressivität, externale Kontrollüberzeugen und ein negativeres Selbstbild stechen heraus (" § 3 Rn. 36 f.). Auf zwei weitere in der Kriminologie immer wieder erörterte Bereiche sei im Folgenden genauer eingegangen: Intelligenz und Impulsivität. a) Befunde zur Intelligenz In verschiedenen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass zwischen Intelligenz, also der kognitiven Leistungsfähigkeit eines Menschen, und Kriminalität ein Zusammenhang besteht: Der Gesamt-IQ von Straftätern liegt zwar im Normalbereich; bei dem Vergleich mit dem Durchschnittswert für Nichtdelinquente ist jedoch in vielen Untersuchungen ein erheblicher, wenn auch nicht zwingend signifikant geringerer Wert festgestellt worden. Die von den Straffälligen im Ver- 168 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 26 27 balteil des Intelligenztests erzielten Werte liegen dabei meist unter den im Handlungsteil erzielten Werten.21 Was bedeutet ein solcher Befund? Man muss sich von der Vorstellung freimachen, dass man es hier mit einem direkt wirkenden Kausalfaktor für die Kriminalitätsentstehung zu tun hat. Straftaten werden nicht deshalb begangen, weil die Menschen „zu dumm“ sind, um die Strafgesetze einzuhalten und zu beachten; eine ungefähre Verbotskenntnis kann bei den meisten Menschen vorausgesetzt werden. Es ist andererseits auch nicht so – dies ist ein häufig vorgebrachter Einwand nicht nur von Vertretern des labeling approach –, dass der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kriminalität lediglich eine Folge des mit der Intelligenzschwäche einhergehenden höheren Entdeckungs- und Überführungsrisikos ist, denn der Zusammenhang zeigt sich auch im Hinblick auf die in Befragungen ermittelte, offiziell unentdeckt gebliebene Dunkelfeldkriminalität. Die in den empirischen Untersuchungen ermittelten besonderen Persönlichkeitsprofile von Mehrfachauffälligen und Intensivtätern wirken eher indirekt auf die Begehung von Straftaten hin, indem sie auf die Auslösung und Verfestigung von Entwicklungsprozessen Einfluss nehmen, die im Ergebnis in Kriminalität münden. Um es am Beispiel der Intelligenzschwäche zu verdeutlichen: Denkbar ist etwa, dass ein geringerer IQ mit größeren Anpassungsschwierigkeiten und schlechteren Leistungen in Schule, Ausbildung und Beruf im Zusammenhang steht, was die Wahrscheinlichkeit von Kriminalität im Zusammenwirken mit wiederum anderen Risikofaktoren erhöhen kann – eine Vermutung, die freilich ihrerseits der genaueren Überprüfung bedarf. Verdeutlichen muss man sich im Übrigen auch, dass die Intelligenzschwäche nur einen statistisch ermittelten Risikofaktor darstellt, der nicht in Frage stellt, dass Straftaten auf der anderen Seite auch von hochintelligenten Menschen begangen werden (Beispiele: politische Kriminalität, Wirtschaftskriminalität etc.). Allerdings scheint die Wahrscheinlichkeit, dass es bei hochintelligenten Menschen zu entsprechenden Handlungen kommt, nach den vorliegenden Erkenntnissen signifikant geringer zu sein. III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 169 21 Glueck/Glueck 1950, 198 ff.; West/Farrington 1973, 84 ff.; Göppinger 1983, 133 ff.; Remschmidt/Walter, MschrKrim 92 (2009), 199; zusammenfassend Farrington/Loeber/Ttofi, in: Welsh/Farrington 2012, 50 f. 28 b) Befunde zur Impulsivität Zum zweiten hat sich in vielen Untersuchungen gezeigt, dass sich Mehrfach- und Intensivtäter von Vergleichsprobanden durch ein höheres Maß an Impulsivität unterscheiden. Mit dem Begriff der „Impulsivität“ wird die Neigung eines Menschen zu spontanem, unkontrolliertem, meist von starken Affekten begleiteten Handlungen verstanden; sie kann sowohl die Folge eines vermehrten Impulsantriebs als auch die Folge einer verminderten Impulskontrolle sein.22 Erhöhte Impulsivität äußert sich bspw. in erhöhter Risikobereitschaft, in unüberlegten Reaktionen und Entscheidungen oder in der reduzierten Fähigkeit, zugunsten späterer größerer Belohnungen auf unmittelbare kleinere Belohnungen zu verzichten. Im Zusammenhang mit Delinquenz scheint die auf der Verhaltensebene gezeigte Impulsivität von größerer Bedeutung zu sein als die kognitive Impulsivität.23 Die größere Impulsivität, die vor allem bei Mehrfach- und Intensivtätern beobachtet worden ist, weist begriffliche und konzeptionelle Überschneidungen mit in der Psychiatrie bekannten Störungsbildern auf. Eine wesentliche Rolle spielt die Impulsivität bspw. im Zusammenhang mit der „antisozialen“ bzw. „dissozialen Persönlichkeitsstörung“ (" § 3 Rn. 38). Zu denken ist aber auch an die hyperkinetische Störung, die durch Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist. Derartige Überschneidungen bedeuten nicht, dass Mehrfach- und Intensivkriminalität zwingend in einem psychopathologischen Zusammenhang zu interpretieren ist. Sie deuten allerdings an, dass die Persönlichkeitsprofile von Mehrfachauffälligen Akzentuierungen aufweisen, die sich in vergleichbarer Form auch bei „gestörten“ Personen finden. Dabei ist in Erinnerung zu behalten, dass die Grenzen zwischen „normalen“ und „gestörten“ Persönlichkeiten fließend sind; die Zuordnung beruht auf der wertenden Einstufung der in den einzelnen Persönlichkeitsdimensionen festzustellenden Ausprägungen. Es überrascht dementsprechend nicht, dass auch die angesprochenen psychopathologischen Störungsbilder ihrerseits eng mit Kriminalität korrelieren.24 Die erhöhte Impulsivität derjenigen Personen, deren weiterer Lebensweg durch Mehrfach- und Intensivkriminalität gekennzeichnet ist, kann sich in der Entwicklung schon relativ früh in Verhaltensauffälligkeiten niederschlagen. Am Anfang überraschend vieler krimineller Karrieren lassen sich Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyper- 170 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 22 Müller/Nedopil 2017, 236. 23 Lösel 1975, 163 ff., 179 ff.; Scheurer 1993, 137 f.; vgl. auch Caspi et al. Criminology 32 (1994), 168 ff. 24 Vgl. Maier/Hauth/Berger/Saß Nervenarzt 2016, 62. 29 30 31 aktivitätsstörungen beobachten.25 Schon das „schwierige Kind“, das durch übermäßige Unruhe, Unregelmäßigkeiten im Schlaf-Wachrhythmus, leichte Reizbarkeit und kindlich aggressives, sich in Wutanfällen äußerndes Verhalten gekennzeichnet ist, kann Interaktionsprozesse in Gang setzen, die im Ergebnis späteres kriminelles Verhalten begünstigen.26 Aber auch in höheren Altersstufen und in anderen Lebensbereichen kann sich die Impulsivität als Merkmal erweisen, das die Auseinandersetzung mit der Umwelt erschwert. Kriminalitätstheoretisch ist die erhöhte Impulsivität von Mehrfach- und Intensivtätern in der Theorie der fehlenden Selbstkontrolle (" § 3 Rn. 84 ff.) verarbeitet worden.27 3. Sozialprofile Die Risikofaktoren für Mehrfach- und Intensivkriminalität können nach den vorliegenden empirischen Befunden nicht allein im besonderen Persönlichkeitsprofil der Täter verortet werden. Neben den personalen, auf die Person des Täters bezogenen Umständen müssen auch die sozialen, in der unmittelbaren Lebenswelt des Täters sowie in den sozialstrukturellen Rahmenbedingungen seiner Entwicklung wurzelnden Risikofaktoren berücksichtigt werden. Die einzelnen Lebensbereiche dürfen dabei nicht isoliert voneinander, sondern müssen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit gesehen werden. Ebenso darf nicht übersehen werden, dass der von den Umweltfaktoren ausgehende Einfluss zum Teil auch durch den Täter selbst, seine Persönlichkeit und sein Verhalten, mit geprägt wird. a) Familiärer Hintergrund Den Ausgangspunkt der kriminologischen Betrachtung bildet traditionell die Frage nach dem familiären Hintergrund. Zur Begründung kann dabei auf die Entwicklungspsychologie verwiesen werden: Nach ihr empfängt die Persönlichkeitsentwicklung aus den in der Herkunftsfamilie ablaufenden Prozessen die entscheidenden Impulse. III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 171 25 Loeber, in: Hurrelmann/Lösel 1990, 240 f.; zusammenfassend Farrington/Loeber/ Ttofi, in: Welsh/Farrington 2012, 48 f. 26 Sampson/Laub 1993, 85 ff.; umgekehrt zur Resilienz des „einfachen Kinds“ Lösel/ Bender, in: Jehle 2000, 128 ff. 27 Baier/Branig MschrKrim 92 (2009), 505 ff.; Forrest et al. Criminology 57 (2019), 512 ff. 32 33 In der Interaktion mit dem unmittelbaren Umfeld werden diejenigen kognitiven, kommunikativen, emotionalen und sozialen Kompetenzen erlernt, die für die weitere Entwicklung wesentlich sind. Die Kriminologie hat sich dementsprechend schon früh darum bemüht, die Verhältnisse, unter denen später Straffällige im Unterschied zu Nichtstraffälligen aufgewachsen sind, genauer aufzuklären. Besondere Aufmerksamkeit hat sie dabei der Familienstruktur sowie dem elterlichen Erziehungsverhalten geschenkt. Nach den vorliegenden Befunden kann man davon ausgehen, dass zwischen den spezifischen Verhältnissen in der Herkunftsfamilie und späterer Kriminalität ein empirisch belegbarer Zusammenhang besteht.28 Das stärkste Gewicht scheint dabei solchen Faktoren zuzukommen, die die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, das „Familienklima“, kennzeichnen. Ein inkonsistenter Erziehungsstil scheint für die weitere Entwicklung des Kindes ebenso problematisch zu sein wie eine übermäßig harte, durch den Einsatz körperlicher Bestrafungsmethoden gekennzeichnete Erziehung (" § 8 Rn. 43 ff.). Auch eine mangelnde Beaufsichtigung, bei der das Kind sich selbst überlassen wird, scheint spätere Delinquenz zu fördern. Negativ für die weitere Entwicklung wirkt es sich offenbar zudem aus, wenn das Kind seitens der Eltern Zurückweisung erfährt und die emotionale Bindung gestört ist. Formale Faktoren wie der Familienstand der Eltern oder die in der früheren Kriminologie viel diskutierte strukturelle Unvollständigkeit der Familie (Broken-Home-Situation, dh Fehlen eines Elternteils nach Trennung, Scheidung oder Tod) stehen zwar ebenfalls mit kriminellem Verhalten in Zusammenhang.29 Bei multivariater Betrachtung reduziert sich ihr Einfluss jedoch, so dass die Vermutung naheliegt, dass es sich insoweit nur um einen Indikator für Störungen im Eltern-Kind-Verhältnis handelt.30 Neben den Merkmalen, die die Eltern-Kind-Beziehung kennzeichnen, sind für die weitere Entwicklung die sozialstrukturellen Rahmenbedingungen bedeutsam, innerhalb derer sich das Familienleben gestaltet. Randständigkeit und Armut der Familie, soziale Auffälligkeiten der Eltern (insbes. Alkoholismus, psychische Störungen, Kri- 172 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 28 Glueck/Glueck 1950, 79 ff.; West/Farrington 1973, 26 ff.; Göppinger 1983, 29 ff.; Dolde 1978; Thomas/Stelly/Kerner/Weitekamp KZfSS 1998, 316 f.; Lay/Ihle/Esser/ Schmidt MschrKrim 84 (2001), 119 ff.; Weiss/Link/Stemmler RPsych 2015, 285 ff. 29 Skarðhamar EurJCrim 2009, 203 ff. 30 Sampson/Laub 1993, 77 ff.; ebenso Thomas/Stelly/Kerner/Weitekamp KZfSS 1998, 317 ff.; Demuth/Brown JResCrim 41 (2004), 58 ff.; vgl. aber auch Baier, in: Hermann/Pöge 2018, 201 ff. 34 35 minalität), aber auch die Familiengröße oder die Beengtheit der Wohnverhältnisse können die Entwicklung des Kindes erheblich belasten. Dies gilt erst recht dann, wenn das Familienleben nicht nur durch einzelne dieser Faktoren geprägt wird, sondern durch das gleichzeitige Zusammentreffen mehrerer Faktoren, was in der Literatur mit dem Begriff der „Multiproblemfamilie“ gekennzeichnet wird. Die damit angesprochenen Zusammenhänge sind jedoch keineswegs eindeutig. Überwiegend scheint es sich um indirekte Beziehungen zu handeln. Die meisten der genannten Belastungsfaktoren lassen sich mit der späteren Delinquenz des Kindes nicht direkt in Zusammenhang bringen, sondern lediglich mit denjenigen Variablen, die die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung kennzeichnen. Die sozialstrukturellen Rahmenbedingungen beeinflussen die weitere Entwicklung offenbar vor allem in der Weise, dass sie auf das Erziehungsverhalten der Eltern, die Beaufsichtigung des Kindes und die Entwicklung der gefühlsmäßigen Bindungen Einfluss nehmen. Außer durch die Eltern und ihre Art des Umgangs mit dem Kind sowie durch die sozioökonomischen Parameter wird die weitere Entwicklung zum dritten auch durch das Kind selbst mitbestimmt. Die bereits erwähnten Verhaltensauffälligkeiten scheinen schon in einem vergleichsweise frühen Stadium Fehlhaltungen zu signalisieren, die unabhängig von dem spezifischen familiären Hintergrund mit späterer Delinquenz in direktem Zusammenhang stehen. Gleichzeitig dürfte auch von einem indirekten Einfluss auszugehen sein. „Schwierige Kinder“, die persönlichkeitsbedingt zu Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, Missstimmungen, Wutausbrüchen oder ähnlich problematischen Verhaltensweisen neigen, können durch ihr Verhalten bei den Eltern Frustration und Aggression auslösen, die sich in einem inkonsistenten oder übermäßig harten Erziehungsstil niederschlagen. Die Folge kann eine Stabilisierung des unerwünschten Verhaltens sein, was wiederum mit späterer Straffälligkeit korreliert. Bei alledem ist allerdings auch an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass die genannten Risikofaktoren die weitere Entwicklung nur in der Gegenüberstellung von Mehrfach- und Intensivtätern auf der einen und nicht oder nur gelegentlich Auffälligen auf der anderen Seite prägen; geringfügige Delinquenz, namentlich die passagere (dh vor- übergehende) Jugenddelinquenz, lässt sich mit Hilfe der genannten Merkmale nicht erklären.31 III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 173 31 Thomas/Stelly/Kerner/Weitekamp KZfSS 1998, 320 f. 36 b) Schule und Ausbildung Mit zunehmendem Alter tritt der prägende Einfluss der Herkunftsfamilie zugunsten des Einflusses anderer, sekundärer Sozialisationsinstanzen wie Schule, Freundeskreis undMedien zurück. In der Kriminologie wird meist der Schule die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Dies ist verständlich, weil die Schule diejenige Instanz ist, die sich schon von ihrer Zielsetzung her intentional und mit hohem personellem und finanziellem Aufwand mit der Erziehung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Alle Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Zeit in der Schule; ihre Anwesenheit wird durch die Schulpflicht rechtlich abgesichert. Die Kriminologie interessiert sich vor allem für die Frage, ob sich im schulischen Verhalten sowie in den erreichten Leistungen zwischen Straffälligen und Nichtstraffälligen Unterschiede feststellen lassen. Die empirischen Befunde lassen sich in der Weise zusammenfassen, dass Kinder und Jugendliche, deren weiterer Lebensweg durch erhebliche Kriminalität gekennzeichnet ist, vielfach auch in der Schule Auffälligkeiten zeigen.32 Die Auffälligkeiten lassen sich auf drei Ebenen ausmachen: auf der Einstellungsebene, auf der Verhaltensebene und auf der Leistungsebene. Die Einstellung der Straffälligen gegen- über der Schule ist häufig durch Desinteresse und Ablehnung der schulischen Anforderungen geprägt. Dabei mag die bereits angesprochene Minderbegabung (Überforderung) ebenso eine Rolle spielen wie eine tatsächliche oder vermeintliche Zurückweisung, die der Betreffende wegen seines wirtschaftlichen oder sozialen Hintergrunds erfährt. Auf der Verhaltensebene zeigen sich sowohl Unterrichtsstörungen als auch Aggressionen gegenüber Sachen und Personen. Herausragendes, in der Kriminologie nicht erst in jüngster Zeit diskutiertes Phänomen ist jedoch das massive Schulschwänzen: Der Anteil der massiven Schulschwänzer ist unter späteren Straffälligen in der Regel erheblich größer als unter den Teilnehmern der jeweiligen Kontrollgruppe.33 Das Schwänzen lässt sich dabei sowohl als Indikator für das geringe Interesse am schulischen Lehrangebot als auch als Indikator für das Ausweichen gegenüber den schulischen Anforderungen deuten. Auf der Leistungsebene sticht der geringe Schuler- 174 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 32 Glueck/Glueck 1950, 135 ff.; Göppinger 1983, 60 ff.; ausführlich Schmehl 1980; Theimann, in: Boers/Reinecke 2019, 275 ff. 33 Glueck/Glueck 1950, 146 ff.; West/Farrington 1973, 180 f.; Göppinger 1983, 63 f.; Huizinga/Jakob-Chien, in: Loeber/Farrington 1998, 55 ff. 37 38 folg der mehrfach Straffälligen heraus. Er äußert sich in einem schlechten Leistungsstand und Klassenwiederholungen, bei älteren Untersuchungsteilnehmern in vorzeitigem Schulabbruch und einem geringen Niveau des erreichten Schulabschlusses (Förderschule, Hauptschule ohne Abschluss). Interpretieren lässt sich der geringe Schulerfolg sowohl als Folge der geringen oder fehlenden Einbindung des Jugendlichen (zB infolge des Desinteresses oder des Schulschwänzens) als auch als Ursache für die weitere Schwächung der Bindung an die Schule. Vermutlich wird man davon ausgehen müssen, dass letztlich alle schulischen Variablen in einem engen Wechselwirkungsverhältnis zueinander stehen. Bei den Auffälligkeiten, die die straffällig werdenden Jugendlichen in der Schule zeigen, kann es sich um die Folgewirkungen von Problemen handeln, die im familialen Umfeld bestehen. Dabei ist im Blick zu behalten, dass die schulische Bindung des Kindes sowohl durch die von außen auf die Familie einwirkenden Belastungsfaktoren als auch durch das eigene Verhalten des Kindes selbst beeinflusst wird. Verhaltensauffälligkeiten, die das Kind bereits in der Familie zeigt, scheinen sich auch in der Schule fortsetzen; „schwierige Kinder“ sind offenbar häufig auch „schwierige Schüler“.34 Man wird indessen die schulischen Schwierigkeiten nicht ausschließlich als die Konsequenz von Problemen ansehen dürfen, die die Kinder von zu Hause in die Schule „mitbringen“. Desinteresse, Verhaltensauffälligkeiten und Leistungsschwächen können ihre Ursache auch im schulischen Umfeld haben. In den meisten kriminologischen Untersuchungen werden diese Aspekte zwar nicht erhoben. Das Verhalten der Lehrer und die Qualität ihrer Beziehungen zu den Schülern dürfen dennoch als mögliche Ursache von Schulschwierigkeiten nicht aus dem Blick verloren werden. Ebenfalls berücksichtigt werden muss, dass es sich bei den mit Kriminalität korrelierenden schulischen Auffälligkeiten der Kinder bereits um Rückwirkungen aus ersten Delinquenzhandlungen und den damit einhergehenden Sanktionserfahrungen handeln kann. Straffälligkeit und Sanktionierung können sich für die Einbindung in den Schulbetrieb und das Erreichen bestimmter schulischer Qualifikationen als Belastung darstellen und damit selbst zur indirekten Ursache weiterer Kriminalität werden (vgl. Thornberrys Wechselwirkungstheorie, " § 3 Rn. 105 ff.). Der Altersverteilung bei der polizeilich registrierten Kriminalität entsprechend dürfte diesen Gesichtspunkten mit steigendem Alter der Schüler eine zunehmende Bedeutung zukommen. Die angesprochenen Wechselbeziehungen sind auch für den Bereich der beruflichen Ausbildung zu vermuten. Die empirischen Befunde deuten darauf hin, dass sich die mehrfach Straffälligen von den III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 175 34 Sampson/Laub 1993, 113 f. 39 40 41 Nichtauffälligen auch in diesem Bereich in vielen Punkten signifikant unterscheiden.35 Sie verlassen früher die Schule bzw. brechen die Schulausbildung ab, nehmen keine Berufsausbildung auf und haben kein oder nur ein geringes Interesse an weiterer Ausbildung. Sie zeichnen sich durch ein eher negatives Ausbildungsverhalten aus (zB ungenügende Arbeitsleistung, Unzuverlässigkeit, Blaumachen), ferner durch Lehrabbruch und wiederholten Wechsel der Lehrstelle. Viele erreichen keinen qualifizierten Abschluss. Auf der anderen Seite gibt es Hinweise darauf, dass das Nichterreichen bestimmter Abschlüsse für sich genommen noch keinen aussagekräftigen Prädikator für weitere Delinquenz bietet.36 c) Beziehungen zu Gleichaltrigen Neben Schule und Ausbildung spielen in der Entwicklung die Beziehungen zu Gleichaltrigen eine wesentliche Rolle. Anders als die Interaktionen mit Eltern und Lehrern sind die Interaktionen mit Gleichaltrigen stärker durch Symmetrie geprägt; die Beziehungen entspringen vergleichbaren Lebens- und Entwicklungslagen. Der Kontakt mit den Gleichaltrigen, der Vergleich mit anderen, die Erfahrung von Zustimmung oder Ablehnung sowie die Entstehung von Freundschaften tragen dementsprechend auf eine ganz eigene Weise zur Bildung des Selbstkonzepts und zum Erwerb von Sozialkompetenz bei. Auch in der Kriminologie wird gesehen, dass sich damit vor allem bei Jugendlichen aus der Bezugsgruppe wesentliche Impulse für die Begehung von Straftaten ergeben können. Schon früh wurde deshalb begonnen, die Zusammenhänge genauer aufzuklären, die zwischen den sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen (peer-group) und Kriminalität bestehen. Die Untersuchungen zeigen, dass zwischen dem Kontaktverhalten eines Jugendlichen und Kriminalität ein Zusammenhang besteht: Der Kontakt zu anderen Straffälligen korreliert eng mit der Wahrscheinlichkeit eigener Straffälligkeit. Wer Straftaten begeht, bewegt sich überzufällig häufig in einem Umfeld (Cliquen, Banden, Subkulturen, Szenen etc.), in dem kriminelles Verhalten üblich ist.37 Krimi- 176 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 35 Glueck/Glueck 1968, 71 ff.; Göppinger 1983, 68 ff.; Schmehl 1980, 149 ff. 36 Ehret/Othold/Schumann, in: Schumann 2003, 115 ff.; Schumann MschrKrim 87 (2004), 228 ff. 37 Glueck/Glueck 1950, 163 ff.; West/Farrington 1977, 60 ff.; Göppinger 1983, 109 ff.; Thornberry et al. Criminology 32 (1994), 47 ff.; Thornberry, in: Loeber/Farrington 1998, 147 ff.; Baier/Wetzels, in: Dessecker 2006, 69 ff.; Bentrup, in: Boers/Reinecke 2019, 243 ff. 42 43 nalitätstheoretisch wird dieser Zusammenhang schon in der Theorie der differentiellen Assoziation (" § 3 Rn. 65 ff.) thematisiert. Bei der Interpretation dieses Zusammenhangs muss man zweierlei im Blick behalten. Zum einen ist empirisch noch nicht abschließend geklärt, in welchem zeitlichen Verhältnis der Kontakt zu anderen Straffälligen und die eigene Begehung von Straftaten zu sehen sind. Im Allgemeinen wird angenommen, dass der Kontakt der eigenen Straffälligkeit zeitlich vorausgeht und insofern „Ursache“ der Kriminalität ist. Denkbar ist aber auch, dass sich der in den empirischen Untersuchungen festgestellte Kontakt erst aus der Straffälligkeit – zB aus der Inhaftierung – ergeben hat und insofern „Konsequenz“ der Kriminalität ist. Schließlich ist als dritte Möglichkeit denkbar, dass der Kontakt zu anderen Straftätern weder das eine noch das andere ist, sondern ein bloßer Indikator für eine bestimmte Erscheinungsform von Kriminalität, nämlich diejenige Kriminalität, die unter Beteiligung mehrerer erfolgt. Die bislang vorliegenden Untersuchungen haben insoweit noch keine eindeutigen Befunde erbracht. Zum zweiten steht der Kontakt zu den straffälligen peers vermutlich in einem Wechselwirkungsverhältnis mit den Einflussgrößen aus den anderen Sozialisationsbereichen. Anders als die vorgegebenen Beziehungen zu Eltern und Geschwistern beruhen die Beziehungen zu den peers auf eigenen Entscheidungen; die Freunde werden selbst gewählt. Es ist davon auszugehen, dass die Selbstwahlprozesse wesentlich durch die vorangegangenen Sozialisationsverläufe mitbestimmt werden: Nach den Ergebnissen verschiedener Studien scheinen Belastungsfaktoren aus dem familialen Umfeld die Bindung an delinquente peers zu erhöhen.38 Umgekehrt wird man annehmen können, dass die Eltern bei stabilen familialen Bindungen auf die Auswahl der Freunde in einem positiven Sinn Einfluss nehmen. Darüber hinaus wird die Auswahl vermutlich durch Persönlichkeitsvariablen gesteuert, was mit dem Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ anschaulich angesprochen wird. Die Wahl der Freunde kann wiederum Rückwirkungen auf den Grad der sozialen Einbindung haben. Wenn Freunde gewählt werden, die mit Straffälligkeit in Verbindung stehen, kann dies zu einer Schwächung der Bindung an diejenigen Instanzen führen, die diese Wahl ablehnen. Die Bindung an das familiale Umfeld kann ebenso geringer werden wie die Bindung an das schulische Umfeld; auch ist anzunehmen, dass die Wahl delinquenter Freunde Auswirkungen auf die Bindung an nichtdelinquente Freunde hat. Der Kontakt zu straffälligen peers kann damit die Wahrscheinlichkeit eigener Straffälligkeit nicht nur direkt, sondern auch indirekt erhöhen. d) Freizeit, Medien Kriminalität, namentlich Jugendkriminalität, vollzieht sich überwiegend im Freizeitbereich, dh in demjenigen zeitlichen Handlungs- III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 177 38 Sampson/Laub 1993, 115 f.; Wetzels/Enzmann/Mecklenburg/Pfeiffer 2001, 274 ff. 44 45 46 47 raum, der weder durch die biologischen Notwendigkeiten (Schlaf, Krankheit etc.) noch die verbindlichen Vorgaben Dritter (Herkunftsfamilie, Schule, Ausbildung etc.) bestimmt wird. Es verwundert deshalb nicht, dass in der Kriminologie auch den Zusammenhängen zwischen der Art der Freizeitgestaltung und der Begehung von Straftaten genauer nachgegangen wird. Dies geschieht allerdings überwiegend eher beiläufig, quasi als „Nebenprodukt“ von Untersuchungen, die sich eigentlich mit der Familie, der Schule oder der Bezugsgruppe beschäftigen.39 In den meisten Untersuchungen zeigt sich ein einheitliches Bild: Das Freizeitverhalten registrierter Straftäter lässt sich vom Freizeitverhalten einer eher unauffälligen Population deutlich unterscheiden. Das Freizeitverhalten der Straffälligen zeichnet sich vor allem durch Unstrukturiertheit und inhaltliche Offenheit aus. Es vollzieht sich typischerweise auf eine Weise, die nicht in andere Zusammenhänge eingebunden ist, sondern es ist ungeplant, spontan und wird aus dem Augenblick heraus bestimmt.40 Die Befunde sind mit Vorsicht zu betrachten. Die verwendeten Begriffe sind zum Teil nicht trennscharf, die Erhebungsmethoden (Befragung der Jugendlichen) fehleranfällig.41 In seiner konkreten Ausgestaltung unterliegt das Freizeitverhalten insbesondere von Jugendlichen einem kontinuierlichen Wandel, der es schwierig macht, Strukturen zu identifizieren und entsprechende Zuordnungen vorzunehmen. Zudem erlauben die vorliegenden Untersuchungen auch hier nicht, zuverlässig danach zu unterscheiden, ob eine spezifische Form der Freizeitgestaltung „Ursache“ oder „Konsequenz“ von Kriminalität ist. Die kriminologische Bedeutung des Freizeitbereichs darf nicht überschätzt werden. Anders als die Familie, die Schule oder die Bezugsgruppe der Gleichaltrigen steht die „Freizeit“ nicht für eine personale oder institutionelle Dimension von Bindung, sondern sie steht lediglich für einen Freiraum, der vom einzelnen ausgefüllt werden kann. Ob und wie die Freizeit ausgefüllt wird, hängt ebenso von der Art und Stärke der vorhandenen Bindungen wie von der einzelnen Persönlichkeit ab; so liegt es auf der Hand, dass Personen, die bspw. über ein hohes Maß an Extraversion verfügen, ein anderes Freizeitverhalten an den Tag legen als introvertierte Personen. Die krimino- 178 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 39 Vgl. allerdings auch Goldberg 2003; dies., in: Feltes/Pfeiffer/Steinhilper 2006, 861 ff.; Pöge/Haertel ZJJ 2015, 140 ff. 40 Glueck/Glueck 1950, 160 ff.; dies. 1968, 107 ff.; West/Farrington 1977, 44 ff., 68 ff.; Göppinger 1983, 89 ff. 41 Lösel ZfStrVo 1983, 75. 48 49 50 logische Bedeutung des Freizeitbereichs liegt dementsprechend vor allem in seiner „Signalwirkung“: Die Art und Weise, in der mit „Freizeit“ umgegangen wird, kann Entwicklungen anzeigen, die kriminelles Verhalten wahrscheinlicher machen können. Es ist deshalb richtig, die Freizeitgestaltung als „Frühwarnbereich“ für beginnende Fehlentwicklungen anzusehen;42 eine darüber hinausgehende, eigenständige Bedeutung kommt ihm indessen kaum zu. Dies gilt auch für die Mediennutzung als einen der wichtigsten Teilbereiche der Freizeitgestaltung. Dem Zusammenhang zwischen der Art der Mediennutzung und der Begehung von Straftaten wird in der Kriminologie erst in der jüngeren Zeit wieder verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt, nachdem die Diskussion über viele Jahrzehnte von der Frage beherrscht wurde, ob der Konsum von Gewaltoder Sexualdarstellungen Auswirkungen auf Aggressionsbereitschaft und Kriminalität hat.43 In der jüngeren Zeit geht es vor allem um die Wirkungen von dissozialen Verhaltensweisen und Straftaten, die im Netz begangen werden, sei es, dass es sich dabei um die Verbreitung von Cyberbullying unter Jugendlichen, um den Besitz und die Verbreitung von kinderpornographischem Material oder um Hass und Hetze im Netz („Online-Extremismus“) handelt. Gerade zum letzten Punkt zeigen die Forschungen erneut, dass das Netz Radikalisierungsprozesse zwar verstärken und beschleunigen, aber für sich genommen nicht erklären kann. Das Internet ist lediglich ein „Resonanzraum“;44 ob es zu Straftaten kommt oder nicht, hängt von anderen Umständen ab.45 e) Alkohol, Drogen Einen besonderen Aspekt stellen für die weitere Entwicklung die Verfügbarkeit und der Gebrauch von legalen und illegalen Drogen dar. In zahlreichen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass Alkoholund Betäubungsmittelgebrauch auf der einen und Delinquenzkarrieren auf der anderen Seite oft eng ineinander verwoben sind. Personen, die angeben, dass sie häufig erhebliche Mengen Alkohol trinken, treten häufiger als Straftäter in Erscheinung als Personen, die keine derartigen Angaben machen. Dabei scheint diese Beziehung offenbar III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 179 42 Göppinger/Bock 2008, § 22 Rn. 19. 43 Überblick bei Brosius/Peter/Kümpel, in: Hermann/Pöge 2018, 233 ff. 44 Knipping-Sorokin/Stumpf/Koch 2016, 31 ff. 45 Meier MschrKrim 95 (2012), 197 f.; zur Erklärung von Radikalisierungsprozessen Beelmann, in: Heinzelmann/Marks 2019, 195 ff. 50a 51 vor allem dann zu bestehen, wenn sich der Alkoholkonsum mit der Einbindung in gefährdete peer-groups und einem unstrukturierten Freizeitverhalten verbindet.46 Entsprechendes gilt für den Gebrauch von Betäubungsmitteln: Auch Personen, die regelmäßig Betäubungsmittel konsumieren, werden häufiger als Straftäter auffällig als Personen, die keine Betäubungsmittel konsumieren.47 Inwieweit sich diese Befunde auch auf nicht stoffgebundene Süchte wie die Glücksspielsucht übertragen lassen, ist bislang erst wenig erforscht.48 Bei der Interpretation der genannten Befunde muss man neben dem unterschiedlichen Verbreitungsgrad von Alkohol und Betäubungsmitteln49 und der damit einhergehenden unterschiedlichen kulturellen Eingebundenheit die unterschiedlichen Wirkungsebenen ebenso im Blick behalten wie den Umstand, dass die rechtlichen Grenzen des Alkohol- bzw. Betäubungsmittelgebrauchs unterschiedlich weit gezogen sind. Die kriminalitätsfördernde Bedeutung des Alkohols scheint vor allem in seiner Funktion als mitgestaltender Faktor der tatauslösenden Situation zu liegen: Alkohol enthemmt, regt an, vermittelt das trügerische Gefühl der erhöhten Leistungsfähigkeit, steigert die Impulsivität und fördert aggressive Reaktionen. Die Konsequenz ist, dass es beim Zusammentreffen mit anderen situativen Faktoren leichter zur Begehung von Straftaten kommen kann, namentlich zu Aggressionsdelikten; im Blick zu behalten ist allerdings auch der große Bereich der Verkehrskriminalität, namentlich die Bereiche Verkehrsgefährdung, Unfallverursachung und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Es verwundert dementsprechend nicht, dass in empirischen Untersuchungen immer wieder festgestellt wird, dass verurteilte Straftäter rückblickend angeben, sie seien bei der Tat alkoholisiert gewesen. Neben dieser direkten, die Tatbegehung unmittelbar ermöglichenden oder erleichternden Funktion kann Alkohol eine indirekte Wirkung entfalten. Chronischer Missbrauch von Alkohol kann mit psychischen, körperlichen und neurologischen Folgen einhergehen, die sich in sozial auffälligem Verhalten und Störungen der Beziehungen zur Umwelt niederschlagen. Gedacht werden kann etwa an einen 180 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 46 West/Farrington 1977, 44 ff.; Göppinger 1983, 97, 155; Maschke 1987, 69 ff. 47 West/Farrington 1977, 50 ff.; Huizinga/Jakob-Chien, in: Loeber/Farrington 1998, 48 ff.; Quensel, in: Kreuzer u. a. 1999, 153 ff. 48 Hayer ZJJ 2020, 30 ff. 49 Zur Epidemiologie vgl. die factsheets der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, https://www.dhs.de/informationsmaterial/factsheets.html 52 53 Kreislauf, der von Einschränkungen der Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz und alkoholbedingtem „blau machen“ über Streitigkeiten mit Arbeitskollegen und Vorgesetzten zur Kündigung und Entlassung in die Arbeitslosigkeit führt, mithin zu Situationen, die die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns ihrerseits erhöhen. Dem regelmäßigen starken Alkoholkonsum wird insoweit in der Literatur eine alle Lebensbereiche durchziehende „Hintergrundwirkung“ zugeschrieben.50 Dabei muss man freilich auch hier wieder berücksichtigen, dass chronischer Missbrauch von Alkohol nicht nur die strafbarem Handeln zeitlich vorausgehende „Ursache“ sein kann, sondern auch die Folge von Kriminalität und damit einhergehender Sanktionierung und Vollzugserfahrung. Zur Kennzeichnung der Unterschiede spricht man hier zum Teil vom „Alkoholismus chronisch Straffälliger“ im Unterschied zur zuvor angesprochenen „Straffälligkeit chronischer Alkoholiker“.51 Die Zusammenhänge sind auch hier vielschichtig und empirisch noch nicht abschließend geklärt. Ähnlich vielschichtig ist die Einordnung der kriminalitätsfördernden Wirkung des Gebrauchs von Betäubungsmitteln. Die unmittelbare kriminalitätsfördernde Bedeutung scheint hier geringer zu sein als beim Alkohol; der Konsum von Betäubungsmitteln hat offenbar nur relativ selten eine direkte tatauslösende oder -erleichternde Relevanz. Eine größere Bedeutung haben demgegenüber offenbar die indirekten Wirkungen des Drogengebrauchs. Die neuere Literatur ordnet das Verhältnis von Drogengebrauch und Kriminalität dabei nicht in einfache „Ursache–Wirkung“-Beziehungen ein, sondern versteht Drogenmissbrauch und Delinquenz als zwei sich gegenseitig verstärkende Bestandteile eines allgemein devianten Lebensstils; Drogenund Delinquenzkarrieren werden danach durch dieselben, hier bereits angesprochenen personalen und sozialen Risikofaktoren begünstigt.52 Für eine solche, die Kausalitätsfrage offen lassende Einordnung spricht dabei, dass schon der bloße Besitz von Betäubungsmitteln eine Straftat darstellt (§ 29 I 1 Nr. 3 BtMG), Drogengebrauch und Kriminalität sich also schon aus rechtlichen Gründen gar nicht voneinander trennen lassen. Darüber hinaus spricht für diese Sichtweise aber auch das Phänomen der Beschaffungskriminalität, dem III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 181 50 Göppinger/Brettel 2008, § 27 Rn. 32. 51 KKW/Kerner, 6ff.; Kaiser 1996, § 55 Rn. 25. 52 Rautenberg 1998, 83 ff.; vgl. auch Kreuzer 1991, 312 ff.; ders., in: Kreuzer 1998, § 3 Rn. 208 ff., 279 ff. 54 im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln eine sehr viel größere Bedeutung zukommen dürfte als im Zusammenhang mit Alkohol. f) Erwerbstätigkeit und wirtschaftliche Lage Mit zunehmendem Alter tritt die Bedeutung des Einflusses von Familie, Schule und Ausbildung zurück zugunsten des Einflusses zweier Bereiche, die erst im Erwachsenenalter eine Rolle spielen und geradezu als Indikatoren für das Verlassen der Jugendphase angesehen werden können: die Erwerbstätigkeit und die partnerschaftliche Bindung, die häufig mit der Gründung einer eigenen Familie einhergeht. Aus beiden Bereichen empfängt der einzelne neue Anstöße für seine Entwicklung, sie weisen ihm neue Aufgaben in neuen sozialen Bezugsfeldern zu und führen zur Stabilisierung der Persönlichkeitsund Identitätsbildung. Darüber hinaus schafft die Erwerbstätigkeit in der Regel die Grundlage für die materielle Unabhängigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Im Mittelpunkt der Forschungen zum Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Straffälligkeit steht traditionell die Frage nach der Bedeutung von Arbeitslosigkeit. Man darf diese Frage indes nicht überbewerten. Das äußere Faktum der Arbeitslosigkeit ist für sich genommen kriminologisch kaum aussagekräftig. Für die kriminologische Relevanz dürfte es vor allem darauf ankommen, mit welchen Begleitumständen die Arbeitslosigkeit einhergeht. Die Dauer der Arbeitslosigkeit dürfte ebenso bedeutsam sein wie die Verfügbarkeit von Lohnersatzleistungen. Insbesondere dürfte es aber auch darauf ankommen, aus welchen Gründen jemand von Arbeitslosigkeit betroffen ist: Liegen die Gründe in der Person des Betreffenden oder in seinem Verhalten, kommt der Arbeitslosigkeit eine größere kriminologische Aussagekraft zu als dann, wenn die Gründe in betrieblichen Erfordernissen oder konjunkturellen Entwicklungen liegen. Es ist deshalb von vornherein zu vermuten, dass es für den Zusammenhang mit Kriminalität weniger auf das „Ob“ der Erwerbstätigkeit als vielmehr auf das „Wie“ und „Warum“ ankommt. Auch wenn nicht auf das äußere Faktum der Arbeitslosigkeit abgestellt wird, hat die empirische Forschung etliche Zusammenhänge mit Mehrfach- und Intensivkriminalität ermittelt: Die mehrfach auffälligen Täter sind häufig nur unzureichend in das Erwerbsleben eingebunden; ihre wirtschaftliche Situation ist durch geringe Einkünfte und Schulden gekennzeichnet (relative Armut).53 Die Erwerbsbiogra- 182 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 53 Weiterführend zum Zusammenhang zwischen Schulden und Kriminalität Bock/Brettel, ZVI-Sonderheft 2009, 2 ff. 55 56 57 58 fie der Straffälligen ist gekennzeichnet durch raschen Wechsel der Arbeitsstellen, durch längerfristige Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, aber auch durch nachlässiges Verhalten am Arbeitsplatz (zu spät kommen, „blau machen“, schlechte Arbeitsleistungen etc.).54 Umgekehrt lässt sich feststellen, dass ein stabiles Beschäftigungsverhältnis offenbar einen erheblichen Einfluss auf den Abbruch krimineller Karrieren hat: Je besser die Stabilität des Beschäftigungsverhältnisses zu beurteilen ist, desto geringer ist der Anteil der Straffälligen.55 Die in diesen Zusammenhängen zum Ausdruck kommende Bedeutung der Erwerbsbiografie für die Begehung von Straftaten muss im Kontext der Entwicklung in den anderen Sozialisationsbereichen gesehen werden. Auffälliges Verhalten am Arbeitsplatz, häufiger Arbeitsstellenwechsel und Erwerbslosigkeit können die Folgewirkung von Problemen und Auffälligkeiten in der schulischen und beruflichen Ausbildung sein. Der Umstand, dass es einer Person nicht gelingt, im Erwerbsleben Fuß zu fassen, kann die Konsequenz davon sein, dass die schulische oder berufliche Ausbildung abgebrochen oder nur mit einer geringen formalen Qualifikation abgeschlossen wurde, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt nicht genügt. Aber auch spezifische Persönlichkeitsstrukturen können eine Rolle spielen: Ein unstetes Arbeitsverhalten, häufiger Arbeitsstellenwechsel und Arbeitslosigkeit können Indikatoren dafür sein, dass der Betreffende mit den im Arbeitsleben notwendigen Anpassungsleistungen nicht zurechtkommt (mangelhaft ausgebildetes Durchhaltevermögen). Auf der anderen Seite kann es sich bei den Schwierigkeiten, im Erwerbsleben Fuß zu fassen, aber auch hier wieder um Folgewirkungen vorangegangener Kriminalität und damit einhergehender Inhaftierungen handeln. Der Status des „Vorbestraftseins“ kann sich bei der Re-Integration in das Erwerbsleben als Hemmnis erweisen und durch die Erschwerung der Entstehung neuer Bindungen zur indirekten Ursache weiterer Straftaten werden.56 Über die Kausalität der Erwerbslosigkeit und der anderen erwerbsbiografischen Merkmale für die wiederholte Begehung von Straftaten kann deshalb nur III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 183 54 Glueck/Glueck 1968, 90 ff.; West/Farrington 1977, 64 ff.; Farrington BritJCrim 26 (1986), 335 ff.; Göppinger 1983, 73 ff.; ausführlich Kofler 1980. 55 Sampson/Laub 1993, 139 ff.; Mischkowitz 1993, 197 ff.; Stelly/Thomas/Kerner/Weitekamp MschrKrim 81 (1998), 115 ff.; Stelly/Thomas 2001, 275 ff.; vgl. auch Grobbin/ Prein/Reyels/Seus, in: Schumann 2003, 175 ff.; Schumann MschrKrim 87 (2004), 233 ff. 56 Schumann MschrKrim 87 (2004), 236 ff. 59 mit Vorbehalt gesprochen werden; in erster Linie dürfte es sich auch insoweit um Indikatoren für Gefährdungslagen handeln, die die Wahrscheinlichkeit von Straftaten erst im Zusammenwirken mit anderen Belastungen erhöhen. g) Partnerschaftliche Bindungen Die empirischen Zusammenhänge zwischen partnerschaftlicher Bindung, der Gründung einer eigenen Familie (Elternschaft) und Kriminalität sind in der Kriminologie bislang erst in Ansätzen erforscht worden. Auf der einen Seite ist diese Feststellung überraschend, denn sie steht in gewissem Widerspruch zu der Vielzahl von Untersuchungen, die zum Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen in der Herkunftsfamilie und späterer Kriminalität durchgeführt worden sind. Auf der anderen Seite ist es verständlich, dass sich die Kriminologie mit der Aufklärung der Relevanz von Partnerschaft und eigener („Prokreations-“) Familie schwer tut: Anders als die Arbeitsaufnahme, die im wesentlichen ökonomischen Erwägungen folgt, beruhen das Eingehen von Partnerschaften und die Gründung einer eigenen Familie weitgehend auf höchst individuellen Entscheidungen, die sowohl durch die äußeren Umstände, namentlich die Verfügbarkeit eines geeigneten Partners, als auch durch die Persönlichkeit des einzelnen und seine individuellen Präferenzen determiniert werden. Standardisierte Verlaufs- und Entwicklungsmuster, die als Folie für die Erfassung und Interpretation von Befunden dienen könnten, fehlen weitgehend; lediglich die Ehe als formalisierte Form der Partnerschaft sowie die Existenz von Kindern können als einigermaßen verlässliche Orientierungsmarken dienen. „Harte Daten“ liegen dementsprechend nur zu einigen wenigen Punkten vor. Nach den vorliegenden Befunden ist von einem Zusammenhang zwischen Familienstand und Kriminalität auszugehen: Personen, die als Mehrfach- und Intensivtäter in Erscheinung treten, sind häufig ledig oder geschieden, wohingegen Personen, die sich eher unauffällig verhalten, verheiratet sind.57 Feststellen lässt sich auch, dass das Eingehen einer Ehe offenbar einen erheblichen Einfluss auf den Abbruch krimineller Karrieren hat: Geht ein Mehrfachauffälliger eine Ehe ein, so reduziert sich hierdurch die Wahrscheinlichkeit weiterer Taten.58 Auch das Fehlen einer ehelichen Beziehung signalisiert mithin offenbar eine Gefährdungslage, die mit Kriminalität korreliert. Ähnlich 184 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 57 Glueck/Glueck 1968, 80 ff.; Göppinger 1983, 117 ff.; King u. a. Criminology 45 (2007), 33 ff. 58 Sampson/Laub 1993, 139 ff.; Thomas/Stelly/Kerner/Weitekamp KZfSS 1998, 321 ff.; Stelly/Thomas 2001, 275 ff.; Sampson/Laub/Wimer Criminology 44 (2006), 465 ff. 60 61 62 wie es sich bereits in den anderen Sozialisationsbereichen gezeigt hat, scheint es allerdings auch hier wieder weniger auf den äußeren Umstand anzukommen, ob jemand verheiratet ist oder nicht. Die größere Bedeutung scheint der Qualität der partnerschaftlichen / ehelichen Beziehungen beizumessen zu sein: Wird das Eheleben als „gestört“ beschrieben, so ist die kriminologische Aussagekraft eine andere als dann, wenn die Ehe „intakt“ ist bzw. wenn die bestehenden ehelichen Bindungen als „stark“ einzuordnen sind. Kriminologisch scheint darüber hinaus bedeutsam zu sein, ob die Eheschließung in der Entwicklung als „Zäsur“ empfunden wird. So zeigte sich in der Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung, dass zwei Drittel der Häftlingsprobanden auch nach der Eheschließung ihr früheres Leben mit all seinen spezifischen Auffälligkeiten beibehielten: Sie gingen weiterhin keiner geregelten Arbeit nach und verbrachten ihre Freizeit nach wie vor überwiegend außerhäuslich und unstrukturiert. Die Vergleichsprobanden konzentrierten sich demgegenüber nach der Eheschließung, insbesondere jedoch, wenn ein Kind vorhanden war, in ihrer Freizeit fast ganz auf die Familie.59 Der zuletzt genannte Befund macht deutlich, dass auch das Eingehen und die Gestaltung von partnerschaftlichen / ehelichen Beziehungen nicht isoliert von der Persönlichkeitsentwicklung und den Einflüssen aus den anderen Sozialisationsbereichen gesehen werden darf. Dabei ist im Blick zu behalten, dass die Qualität der ehelichen Beziehungen nicht einseitig bestimmt wird, sondern sich aus der wechselseitigen Interaktion der Partner heraus entwickelt. Die Frage, welche Bedeutung der Partnerschaft bzw. Ehe individuell beigemessen wird, hängt dementsprechend nicht nur von der Persönlichkeit des einzelnen sowie den Beobachtungen und Lernprozessen ab, die er in der Herkunftsfamilie gemacht hat, sondern auch von der Beziehungsdynamik, die ihrerseits durch äußere Faktoren wie ein unregelmäßiges Arbeitsverhalten, Arbeitslosigkeit, Straftaten, Inhaftierungen und den Kontakt zu anderen Straffälligen wesentlich belastet werden kann. Der Umstand, dass es einem Täter nicht gelingt, eine stabile, intakte Ehe einzugehen und damit aus der Eheschließung eine kriminalitätshemmende Bindung zu erfahren, kann dementsprechend gleichermaßen die Folge vorangegangener Sozialisationsverläufe wie die Konsequenz von Straftaten und Inhaftierungen sein. Umgekehrt kann sich die Bindung an einen Ehepartner dann als stabilisierender, weiteren Straftaten entgegenwirkender Faktor erweisen, III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 185 59 Göppinger 1983, 120 f. 63 64 wenn es dem Täter trotz widriger Ausgangsbedingungen gelingt, mit der Eheschließung eine Zäsur zu setzen und einen neuen Entwicklungsweg einzuschlagen. 4. Zusammenfassung und entwicklungskriminologische Einordnung Im Mittelpunkt der empirisch-kriminologischen Beschäftigung mit Mehrfachauffälligen steht die Frage, ob es über die bloße Tatsache der mehrfachen Begehung von Straftaten hinausgehend Umstände, Merkmale, Risikofaktoren o. Ä. gibt, in denen sich Mehrfach- und Intensivtäter von nicht oder weniger auffälligen Personen unterscheiden. Die z. T. mit großem methodischem Aufwand durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass es derartige Unterschiede sehr wohl gibt. Die kleine Gruppe der Mehrfachauffälligen hebt sich sowohl durch besondere Akzentuierungen im Persönlichkeitsprofil als auch durch besondere Belastungen und Benachteiligungen im Sozialprofil deutlich ab. Versucht man die empirischen Befunde zu gewichten und fragt danach, welchen Umständen für die Begründung von kriminellen Karrieren eine herausgehobene Bedeutung zukommt, so ist die Identifizierung von einzelnen Faktoren nicht möglich. Mehrfach- und Intensivkriminalität lässt sich in der Regel nicht auf einzelne Umstände wie Intelligenz, Vernachlässigung, Misserfolg in der Schule, Arbeitslosigkeit oder Armut zurückführen, denen bei allen Menschen in allen Altersstufen dieselbe Bedeutung zukommt. Entscheidend ist nach den vorliegenden Befunden gerade die Vielzahl der kriminalitätsbegünstigenden Faktoren, die erst in ihrem Zusammenwirken und mit unterschiedlichem Gewicht in den einzelnen Entwicklungsstufen die Begehung von Straftaten wahrscheinlicher machen. Kriminelle Karrieren lassen sich nur als das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses verstehen, der an irgendeinem, im Nachhinein nicht näher bestimmbaren Punkt seinen Ausgang genommen und durch das Zusammenwirken von Bedingungen, die sowohl in der Persönlichkeit des Täters als auch seinem sozialen Umfeld zu verorten sind, die Wahrscheinlichkeit fortgesetzten kriminellen Handelns erhöht hat (vgl. Übersicht 6.1). 186 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 65 66 Ü bersicht 6.1:R isikofaktoren für w iederholte Straffälligkeit III.P ersönlichkeitsdim ensionen u.Sozialprofile M ehrfachauffälliger 187 Die vorstehend im Einzelnen angesprochenen Ausschnitte namentlich aus dem Sozialbereich von Mehrfachauffälligen dürfen nicht in der Weise missverstanden werden, dass sie in allen Fällen für die Entwicklung krimineller Karrieren dieselbe Bedeutung hätten. Die empirische Forschung hat gezeigt, dass es unterschiedliche Wege in die Kriminalität gibt, wobei in der Literatur meist danach unterschieden wird, in welchem Alter die ersten kriminellen Handlungen begangen worden sind („Früh-“ bzw. „Spätkriminalität“). Es liegt auf der Hand, dass zB die besonderen Bedingungen der frühkindlichen Sozialisation zwar für die „Frühkriminalität“, namentlich für die intensive Jugendkriminalität, maßgeblich sein können, dass sie aber geringere Bedeutung für die im Heranwachsenden- oder Erwachsenenalter beginnende „Spätkriminalität“ haben. Für die „Spätkriminalität“ dürfte es eher auf den Einfluss der Freunde, die Ausgestaltung der Freizeit und die Bewältigung der Leistungsanforderungen des Erwerbslebens ankommen. Was bedeutet nun die Feststellung, dass Mehrfach- und Intensivkriminalität in dem dargestellten Sinn „multifaktoriell“ bedingt ist, für die kriminalitätstheoretische Erklärung? Muss man sich vor dem Hintergrund der empirischen Befunde mit dem Hinweis begnügen, dass Mehrfachauffälligkeit letztlich nicht erklärt werden kann? Eine solche Schlussfolgerung zu ziehen, wäre höchst unbefriedigend, denn solange man über die Frage, warum sich kriminelle Karrieren auf die beschriebene Weise entwickeln, keine konzeptionellen Vorstellungen hat, bleiben die empirischen Befunde bedeutungslos. Erst eine die Befunde verdichtende, systematisierende und erklärende Interpretation ermöglicht es, aus den Befunden empirisch fundierte Konsequenzen für den weiteren Umgang mit dem Phänomen der Mehrfach- und Intensivkriminalität zu ziehen. Angesichts der Vielfalt der empirischen Befunde liegt es auf der Hand, dass monokausale Erklärungen zu kurz greifen. Mehrfachauffälligkeit lässt sich allein mit persönlichkeitstheoretischen Überlegungen ebenso wenig erklären wie allein mit lern- oder kontrolltheoretischen Aussagen; auch die Perspektive des labeling approach erfasst nur insofern einen wichtigen Punkt, als sie auf die die Entwicklung und Verfestigung krimineller Karrieren prägende Bedeutung von Inhaftierung und Sanktionierung hinweist. Die theoretische Verdichtung der Befunde kann deshalb nur in der Bezugnahme auf ein breit angelegtes, um die Integration unterschiedlicher Ansätze bemühtes Konzept gelingen. Gerade für die Erklärung von Mehrfachauffällig- 188 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 67 68 69 keit dürften dabei das überzeugendste Konzept die neueren entwicklungskriminologischen Ansätze bereithalten, die kriminelles Handeln als das Ergebnis komplexer, dynamischer Entwicklungsverläufe ansehen (" § 3 Rn. 102 ff.). Für die Entstehung ebenso wie für den Verlauf und den Abbruch krimineller Karrieren kommt es danach wesentlich auf die Mechanismen der informellen sozialen Kontrolle an, die sich aus den mit dem Alter variierenden Bindungen an Eltern, Schule, Freunde, Beruf und Partner ergeben. Die kriminalitätstheoretische Bedeutung der hier dargestellten Einzelbefunde liegt darin, dass sie – soweit sie nicht in Einzelbereichen (wie bspw. bei langdauernder Arbeitslosigkeit) bereits das völlige Fehlen von Bindungen widerspiegeln – in ihrer Kumulation zu einer Schwächung gerade solcher sozialen Bindungen führen, die der Begehung von Straftaten entgegenwirken (Kriminalität als Ergebnis sich kumulierender Nachteile;60 vgl. Übersicht 6.1). Auch die Erfahrungen in der Kindheit und der frühen Jugend können so zu Risikofaktoren werden, die mit späterer Kriminalität korrelieren; sie können zu Risikofaktoren werden, die mit ihren Auswirkungen auf die anderen Bindungsbereiche der Entwicklung der Betroffenen ein bestimmtes, kriminelles Handeln begünstigendes Gepräge geben. Dabei ist es nicht ausreichend, die Begehung von Straftaten und die damit einhergehende Verfolgung und Sanktionierung nur als abhängige, erklärungsbedürftige Variable zu sehen. Das kriminelle Verhalten kann in diesem Prozess selbst zu einem Risikofaktor werden, dem am Zustandekommen und der Verstärkung von weiteren kriminalitätsbegünstigenden Kreisläufen eine eigenständige Bedeutung zukommt.61 Erklärungsbedürftig ist indessen nicht nur, warum bestimmte Umstände die Begehung von Straftaten wahrscheinlicher machen. Erklärungsbedürftig ist auch, warum einzelne trotz widriger Startbedingungen andere Entwicklungen nehmen; warum sie nicht straffällig werden, obwohl auch sie erheblichen Belastungen ausgesetzt sind. Die Frage ist bislang sowohl in der empirischen Forschung als auch theoretischen Diskussion erst wenig beleuchtet worden und hat auch in der vorstehenden Darstellung der Einzelbefunde nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Die Frage bildet den Ausgangspunkt der Suche III. Persönlichkeitsdimensionen u. Sozialprofile Mehrfachauffälliger 189 60 Laub/Sampson Criminology 31 (1993), 305 ff.; aus deutscher Sicht grundsätzlich zustimmend Stelly/Thomas/Kerner/Weitekamp MschrKrim 81 (1998), 119 f.; Bliesener, in: Bliesener/Lösel/Köhnken 2014, 51 ff. 61 Thornberry Criminology 25 (1987), 876; Schulte, in: Boers/Reinecke 2019, 431 ff. 70 71 nach protektiven oder Schutzfaktoren, dh der Suche nach solchen Faktoren, die den Einfluss von Risikofaktoren „abpuffern“ und den einzelnen vor dem Weg in die Kriminalität bewahren. Eine herausgehobene Rolle kommt in diesem Zusammenhang offenbar der Resilienz zu, dh der psychischen Widerstandsfähigkeit in einer hochrisikobelasteten Umgebung („Unverwundbarkeit“; "Rn. 23). Schutzfaktoren können sich jedoch nicht nur aus psychischen Dispositionen, sondern auch aus dem sozialen Kontext ergeben, etwa aus der sicheren Bindung an eine Bezugsperson oder der von anderen erfahrenen Zuwendung. Die Forschung hinsichtlich des Zusammenwirkens von Risiko- und Schutzfaktoren und ihrer wechselseitigen Bedeutung für die Wahrscheinlichkeit von kriminellem Verhalten steht indessen noch am Anfang. IV. Kriminalpolitische Schlussfolgerungen Welche Schlussfolgerungen können aus den empirisch-kriminologischen Befunden zur Täterpersönlichkeit und den soziobiografischen Hintergründen der Tat gezogen werden? Bezieht man die Frage nicht auf „den Täter“ schlechthin, sondern auf die kleine Teilgruppe der Mehrfachauffälligen, stellt sie sich vor allem mit Blick auf die kriminalpolitischen Konsequenzen, die zur Eingrenzung der von dieser Tätergruppe ausgehenden massiven Kriminalität gezogen werden können. Eine mögliche Konsequenz kann darin bestehen, für die kleine Gruppe der Intensivtäter Sanktionsstrategien zu entwickeln, die ihnen physisch jede Form der Fortsetzung ihrer kriminellen Karrieren nimmt. In der Literatur wird diese Konsequenz häufig in Anlehnung an die in den 1980er Jahren einsetzende Wende in der US-amerikanische Kriminalpolitik als „selective incapacitation“ bezeichnet, worunter in erster Linie die nach der Gefährlichkeit (i. S. von Rückfallwahrscheinlichkeit) differenzierende Inhaftierung von Mehrfachauffälligen zu verstehen ist.62 In der deutschen Kriminalpolitik verbindet sich dieser Ansatz mit den Schlagworten der „Sicherheit“ und des „präventiven Opferschutzes“. Wenn man diejenigen Personen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Straftaten begehen 190 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 62 Blumstein/Cohen/Farrington Criminology 26 (1988), 24 ff.; Spelman Crime and Justice 27 (2000), 419 ff. 72 73 werden, inhaftiert – so die dahinterstehende Überlegung –, dann können auf diese Weise eine Vielzahl von Straftaten einschließlich des damit verbundenen menschlichen Leids vermieden werden. Das Problem dieser kriminalpolitischen Strategie besteht indes in der Prämisse, dass man die Täter, die mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Straftaten begehen werden, schon in einem möglichst frühen Stadium ihrer kriminellen Karriere (ex-ante) identifizieren kann.63 Das Problem liegt also in der Prognose der künftigen Straffälligkeit, die nicht nur durch individuell unterschiedlich verlaufende Kriminalitätskarrieren und den immer wieder zu beobachtenden Spontanabbruch krimineller Karrieren, sondern auch durch das bislang noch weitgehend ungeklärte Verhältnis von Risiko- und Schutzfaktoren erheblich erschwert wird. Eine befriedigende, die Gefahr von Fehleinschätzungen gering haltende Lösung dieses Problems ist derzeit nicht in Sicht (dazu ausführlich " § 7). Die zweite mögliche Konsequenz kann darin bestehen, an die empirisch ermittelten Gründe für die Entstehung und Verfestigung krimineller Karrieren anzuknüpfen und nach solchen Maßnahmen zu fragen, die auf die Beseitigung oder doch Neutralisierung dieser Gründe abzielen. Dieser zweite Weg nimmt den großen Bereich der entwicklungsbezogenen Prävention in den Blick und bemüht sich um „Gegensteuerung“. Im Mittelpunkt stehen insoweit Maßnahmen der universellen (primären) und selektiven (sekundären) Prävention, also Maßnahmen der Familien-, Schul-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, die darauf abzielen, durch die Einflussnahme auf Erziehung und Sozialisation, schulische und berufliche Ausbildung sowie durch die Schaffung von spezifischen Hilfs- und Beratungsangeboten die kriminalitätsfördernde Bedeutung der genannten Belastungsfaktoren zu reduzieren (ausführlich " § 10). Wenn es zu einer Straftat gekommen ist, sind Maßnahmen der indizierten (tertiären) Prävention gefragt. Die Befunde zur indirekt kriminalitätsfördernden Bedeutung der staatlichen Strafe legen es dabei nahe, mit der Strafe im Zweifel eher zurückhaltend zu reagieren und die Spielräume, die auch die schuldangemessene Sanktionierung eröffnet, zur Verwirklichung des Strafzwecks der positiven Spezialprävention möglichst weitgehend zu nutzen. Ambulante Sanktionsformen sind stationären vorzuziehen; soweit Freiheitsentzug unvermeidlich ist, ist er möglichst als Behandlungsvollzug, nicht als Verwahrvollzug auszugestalten. Maßnahmen IV. Kriminalpolitische Schlussfolgerungen 191 63 Vgl. zur Kritik ausführlich Kunz/Singelnstein 2016, § 21 Rn. 23 ff. 74 wie soziales Training, Unterstützung beim Erwerb von berufsqualifizierenden Abschlüssen oder Therapieangebote können auch in einer intramuralen (dh auf die Gefängniswelt beschränkten) Lebenssituation geeignet sein, bei der Bewältigung von biografischen Belastungen zu helfen und Perspektiven für ein Leben ohne Straftaten zu eröffnen. Dabei setzt die erfolgreiche, an den individuellen Besonderheiten des einzelnen Täters ansetzende Behandlung im Vollzug voraus, dass über die Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöhen, empirisch begründete Klarheit besteht (zum RNR-Ansatz bei der Straftäterbehandlung " § 9 Rn. 80). Es ist die Aufgabe der praktischen Kriminalpolitik darüber zu entscheiden, welchem dieser beiden völlig gegensätzlichen Konzepte der Vorzug zu geben ist. Anders als noch in den 1970er Jahren, die durch die Verabschiedung des allein am Resozialisierungsgedanken und damit am zweiten Weg orientierten StVollzG gekennzeichnet waren, scheint die gegenwärtige Situation vor allem durch den Wunsch nach mehr „Sicherheit durch Inhaftierung“ geprägt zu sein. Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Boers/Herlth, Delinquenzabbruch. Hauptaspekte des gegenwärtigen Forschungsstands, MschrKrim 99 (2016), 101–122; Boers, Delinquenz im Altersverlauf, MschrKrim 201 (2019), 3–42; Farrington/Coid/West, The Development of Offending from Age 8 to Age 50: Recent Results from the Cambridge Study in Delinquent Development, MschrKrim 92 (2009), 160–173; Stelly/Thomas/Kerner/Weitekamp, Kontinuität und Diskontinuität sozialer Auffälligkeiten im Lebenslauf, MschrKrim 81 (1998), 104–122; Stemmler/Wallner/Link, Risikofaktoren für die Entwicklung dissozialen Verhaltens in der Kinheit und Jugend, in: Hermann/Pöge 2018, 247–261. 192 § 6. Täterpersönlichkeit und soziobiografischer Hintergrund 75

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht